Leptokaria
Schweißüberströmt
nackt
in der Absteige
liegend auf hartem Bett
ruft sie den Toten an
lässt ihn das Sirren der Grillen hören
vor dem verhängten Fenster
sagt ihm dass sie
schweißüberströmt
nackt
liege in der Absteige
auf hartem Bett
und versteinre
Treue der Dinge
Die er malte
damals in Fuhlsbüttel
zusammen mit dem blutroten
Schönfelder
kurz bevor er
alles hinwarf
im Haus des Einäugigen
die schwarze Leselampe
staubt er ab dass sie
glänze lackschwarz
Erhellerin
auch dieser Nacht
über den Versen
Irinis
Souvenirs
Der fleischfarbene Stein
der versteinerte Zweig
auf der Fensterbank
Leptokaria
wie auf den Olymp sie
wanderten Honigbrote
im Rucksack
der Bruder dann
in die Psychiatrie
kam
wo er dumpf klatschend
mit der Faust
trommelte
auf dem Brustkasten
Kiesel
Wieviel schöner du bist
angefeuchtet, wieviel
leuchtender
das Geäder
hab ich es
wachgeleckt
oft kühl ich
die Lippen an dir
den vielleicht schon
der Fuß Alexanders
berührt und
missmutig
fortgeschossen
Lispeln
Die Espe
ergrünt
bald
zittert sie wieder
für mich
und schenkt mir
Ruhe
Nacht
Der verlederte Tod
dürftig bedeckt
hundertfach
murmelt die Erde
der abgestoßne Emailtopf
halbverschattet
gießt Magermilch drüber
die Diele
knarrt
unter den Füßen der Mörder
Ostersonntag
Über den Draht werf ich
zum Trocknen
die Laufmasche an Irinis Fessel
mit Schnellkleber gestoppt
die Hundeleine
die gerautete Fahne
des Piraten
die blaue Sue
von Jasper Johns
und alle ungegebenen Küsse
Das Morgengezwitscher des Spötters
häng ich wie
goldnes Lametta daneben
die brokatne Stimme
des Geflohenen
und einen Rest Verheißung
von Honig und Milch
Mutter Biene
dir danken wir’s Wachs
draus die Kerze
gezogen im Zugwind
der leeren Halle
blakte orangen
während die Lämmer
schrien
Kur
Von den hölzernen Zäunen
auf denen wir balancierten
blättert die Ölfarbe
gedankenschwer
niedergedrückt von Verantwortung
für einen Staat
an den wir den Glauben längst verloren
tragen wir Krüge
mineralischer Sole
in die Kindheit o
gib uns zurück
das Licht in Großmutters Leuchter
leg die Hand
auf den Kopf mir Frau
mit dem verkohlten Gesicht
Bessere Welt
Als ich ihn sprechen hörte
eines stillen Sommerabends
[die Absätze unbekannter Passantinnen
klickten auf dem Bürgersteig
die Stores flatterten ins Zimmer]
von der besseren Welt die
aufscheine in dieser Musik
wurde mir klar dass ich
dieser Welt immer verfallen sein würde
zugleich aber auch
dass es eine Bürgerwelt war
geborgen im Staat
gesichert als Stand
ereignisarm
ohne Herausforderung
eine Einbahnstraße
ins Nichts
Das Weinen der Statuen
Ich weiß nicht wer auf die Idee gekommen war
den Rächer die Partei und die Wehrmacht
zwei Menschen den Wächter und den Wäger
Mutterschaft die Harrende und Brunnenfiguren von Klimsch
in das Lager zu bringen und nicht nur das
sie in die Baracken zu verteilen
und auf die Pritschen zu legen wo sie sich
alsbald vor Kälte zu schütteln
und erbärmlich zu seufzen begannen
den sternlosen Augen
seien Tränen entronnen
heißt es aber
das ist Legende
Väter
Auch in meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
und Emil hat dem Irrtum sehr viel länger angehangen
als der Doktor aus Berlin
aber der Krebs hat auch ihn
restlos am Boden zerstört
in Schlangenbad
lag ich in seinem Bett
bis zuletzt habe er mit den Schwestern geschäkert
war froh dass der Schwellkörper noch schwoll
doch als eine Pflegerin ihn auf den Mond aufmerksam machte
wie schön er über dem Wald stünde
aus dem die Käuzchen johlten
„Ich will den Mond nicht sehen“
wandte sich ab und starb
bald nach der Heimkehr
in die Frontstadt
Zweifel
Dieser furchtbare Sturm
der über sie hinwegging
jedesmal wieder
sie Gott anrufen ließ
in fragwürdigstem Zusammenhang
ihre Stimme brechen
dies erbärmliche Schreien
er ertrug es kaum und
verwarf eine Natur
der Würde so abhold
und entmündigend
ihre Töchter
Kinder
Zeugen der Liebe sind sie
Folgen der Liebe
Beweise der Liebe
Beruhiger weil in ihnen
etwas fortlebt von jenem Flüchtigsten
in dem wir uns selbst
so fern sind
dass wir es oft vergessen
verdrängen
nicht mehr wahrhaben wollen
Bestätiger sind sie
lebende Lösungen einer Aufgabe
Fortstrebende
Fremde
Feinde
Darwinismus
Lebte dein Stamm
seit Jahrtausenden in Gehölzen
als Raubtier und wär
angewiesen auf Tarnung
du wärst gestreift
oder gesprenkelt
auf die Welt gekommen
so wie du aussahst
im Waldgeviert liegend
diagonal
als ich dich fand
die Sonnenkringel
spielend
auf Rücken und Schenkeln
verwoben und eins
Lust Licht und Laub
Wir alle tragen
Wir alle tragen
dünnsohlige Schuh
wenn wir den Draht betreten
den gedrehten
Der eine spannt ihn höher
der andre niedriger
und wie oft fluchen
wir wenn wir suchen
vergeblich das
Gleichgewicht
verdammte Tat
elender Draht
Je höher hinauf
wir uns wagen
je mehr wir riskieren
desto mehr haben wir zu verlieren
Und keiner ist unter uns
der nicht wüsste dass auf Mut
Blut sich reimt und auf Knochen
gebrochen
Hätte
Auf diese Reise
von der sie mir
den schwarzen Stein mitbrachten
hätte ich mitgehen sollen
auf diese Reise
nach Kokino Nero
hätte ich mitgehen sollen
Steine sammeln mit ihnen
da sein
hätte mitgehen sollen
vielleicht
hätte sich was ergeben
und ich
stünde jetzt nicht
vor Trümmern
Robbenfrau
Ich war nicht da
als sie zur Wand
sich kehrte
ihre Freundin
massierte ihr den
bronzenen Rücken
das war ihr letzter Wunsch
Den Arm auf die Stirn
der sich reckenden Robbe gestützt
die Augen verascht
von Feuersturmnächten
liegt sie noch immer
grün überflossen
die rosigen Zehen
blankgefingert
am Mönckebergbrunnen
Ich war nicht da
als sie zur Wand
sich drehte
Golde schob ihr
Karamell in den kalten
metallischen Mund
das war ihr letzter Genuss
Das erzene Dröhnen
der Glocken von St. Petri
ließ der aus gleichem
Erz Gegossenen
eine Brust abfallen
den Bubikopf lässig
ins Händchen gelegt
lauscht sie dem Krachen
der Einschläge nach
Ich war nicht da
als sie zur Wand
sich wandte
noch einmal
ihre Zehen kitzeln
ihr Lachen hören
ihr letztes Lachen