„I have no name;
I am but two days old.“
William Blake – Infant Joy
Namenlos
Ich hab noch keinen Namen,
bin erst zwei Tage alt,
aus Mutters Ei und Samen
Papas zusammengeballt.
Ich bin das Es, das Würmchen,
bin noch ein junges Haus.
O wirf mich nicht vom Türmchen,
und lösche mich nicht aus!
Gib Zeit mir, daß ich wachse
zu einem Mörder wild,
werde ein wüster Sachse,
der schändet des Menschen Bild.
Gebiert dann einst ein Weibchen
ein dummes, dickes Kind,
pack ichs bei seinem Leibchen,
und werfs vom Turm geschwind.
Beschwerde
Ich bin ein kleines Kindchen,
und in mir nagt ein Wurm.
In meinem Darm ein Windchen,
in meinem Hirn ein Sturm.
Ich lalle und ich greine
wohl schon die ganze Nacht.
Die Kacke wird zum Steine,
bis sie in die Windel kracht.
Da stillt, erschöpft vom Ritte
auf Vaters starkem Schaft,
mich Mutter mit der Titte
und ihrem fetten Saft.
Die Titte schmeckt abscheulich
nach Zwiebel und nach Lauch,
doch besser noch als neulich,
da schmeckte sie nach Rauch.
Mädchen
Ich habe wohl kein Schwänzchen,
ich hab nur einen Schlitz,
drum nenne mich nicht Fränzchen
und bitte auch nicht Fritz.
Ich wurde ausgestoßen
aus meiner Mutter Schoß,
geschaffen von dem großen,
von Papas Liebesstoß.
Auch meinen Schoß wird pfählen
dereinst ein Mannesschaft,
mag Liebesgier ihn stählen,
Wut ihm verleihen Kraft,
damit aus meinem Schoße
hervorquillt Babyglatz,
aus Kleinem wird das Große
beim Menschen wie beim Ratz.
Die Nacht
Wie gern ich meinen Bruder
auf seinen Hintern schlüg!
Ich hab ertappt das Luder
auf einer fetten Lüg!
Ich hätt, sagt er, die Krem
geschmiert ihm aufs Geschlecht,
doch leider ist an dem
nichts richtig und nichts recht.
Er selbst hat sich geschmiert
wie Paps mit Kreme ein,
als er ins Bett marschiert‘
und Mam schrie: „Hilfe! Nein!“
Was haben sie gemacht?
Voll Rätsel ist die Welt,
vor allem, wenn die Nacht
in festem Griff uns hält.
Sehnsucht
Ich bin so schrecklich traurig,
daß ich geboren bin.
Ich find das Leben schaurig,
hab Rückkehr nur im Sinn.
Rückkehr in jenes Becken,
darin sichs schwamm so fein,
dort möchte ich mich strecken,
und sanft geschaukelt sein.
Ich möchte, daß mir wüchse
der Kiemen zartes Paar
wie in des Bauches Büchse,
als noch ein Fisch ich war.
Ach, könnte ich auf Erden
sein dumm und stumpf und rund,
könnt ich Amöbe werden
und zurück durch den Muttermund!
Todesangst
Ich bin doch kaum geboren,
schon greift nach mir der Tod,
in Dunkelheit verloren,
in Fäulnis und in Not.
Ich möchte schier verzweifeln,
doch dann beschließ ich schnell:
bei allen dummen Teufeln –
ich bad im Pipiquell!
Das rieselt und das sprudelt,
es ist die reine Pracht,
und in mir drin, da dudelt
Verdauungsorgel sacht.
So zacker ich und wracke
die ganze Nacht mich ab,
lieg morgens in der Kacke
wie in nem nassen Grab.
Träume
Wenn Träume nach mir greifen,
dann sind sie schlimm und wüst.
Ich träum von riesigen Schweifen,
von bösem, kannibal’schem Gelüst.
Ich träume von kochender Wärme,
und Vater äß mich auf,
ich schwömme durch seine Gedärme
und hörte der Liebe Geschnauf.
Dann würd ich hinabgeschissen
wohl in den tiefen Kanal,
wo Ratten sich schreiend küssen
und schleifen die Schwänze kahl.
Wach ich dann auf im Bettchen
und seh Mamas liebes Gesicht,
dann stinke ich wie ein Frettchen,
doch schämen tu ich mich nicht.
An die Mutter
Ich träume wohl von Brüsten
wie Kissen schwer und dick,
von unstillbaren Trinkgelüsten,
vom Versinken in Fleisches Schlick.
Wenn du mir doch verdröschest
den Hintern, stinkverschlammt,
auf daß du einmal löschest
die Gier, die mich durchflammt.
O laß mich dich auslaugen,
solang die Milch noch quillt,
o laß mich lutschen, saugen
an allem, was da schwillt!
Will mich an dir berauschen,
an deinem Atem mild,
will auf dein Singen lauschen,
das ich doch hasse wild.
Ans Breichen
Breichen, Breichen stille,
quell aus gequollnem Grieß,
aus üppiger Vanille,
gesüßt mit Zucker fies:
Heut will ich in dir baden,
in deiner sanften Milch,
träumen von fetten Maden,
und von nem groben Knilch.
In seiner Milch zu schwimmen,
welch wüster, dummer Traum,
und trinken von dem schlimmen,
gemüsefaden Schaum.
Ach, Fruchtbarkeit, verschlinge
doch mich und meinen Leib,
damit ich nicht mehr singe
zu meinem Zeitvertreib!
Goldammer
Mein Magen sondert, o Jammer,
ab nicht genügend Lab,
weshalb mir die goldene Ammer
nicht Milch, sondern Buttermilch gab.
Ich nenne sie goldene Ammer,
weil sie mir klopft’ das Motiv
auf den Hintern: „O du strammer!“
höre ich noch, wie sie rief.
Rieb mich dann ein wie nen Braten
mit dickem, weißlichem Fett.
Ich glaub, ‘s war die Krem der Penaten,
dann brachte sie mich zu Bett.
Mein Bruder sei sanft und beflissen
gewesen, wenn an ihr er trank.
Ich aber hätt sie gebissen
mit meinen Gäumchen blank.
Sonnenbad
O trag mich dicke Made
hinaus ans Sonnenlicht,
daß ich in Wärme bade
den Trommelbauch, das Gesicht.
Ich will mich endlos wälzen
in deinem Licht, o Sonn!
Du sollst mit Kraft mich schmälzen,
mich kleine, runde Tonn.
Mein dickes Runzelschätzchen,
das biete ich dir dar,
am Hinterkopf das Glätzchen,
wo weggeschabt das Haar.
Ich bin mit Wonne häßlich,
werd häßlicher jeden Tag
und wundere mich gräßlich,
daß Mama mich noch mag.
Zwieback
Wenn das erste Zähnchen keimt,
kommt der Zwieback in die Hand,
bald hab ich ihn vollgeschleimt,
abgelutscht von Rand zu Rand.
Zwieback, Zwieback, goldnes Teil,
meine Gaumen fiedel,
mit den Fingern, feucht und geil,
reib ich dann den Schniedel.
Zwieback, Zwieback, fades Glück,
deine Krümel pieken,
hört nur, hört mich schlimmes Stück
wie ein Schweinchen quieken.
Zwieback, Zwieback, deiner bin
ich so überdrüssig.
Spucke dich den Tauben hin,
die grad so überflüssig.