Erinnerungen eines Unberühmten

Wie ich wurde, der ich bin

Es gibt das Foto der Frau, die Mutter zu nennen ich liebreich verpflichtet bin, auf dem sie vergnügt vor einer Sandburg sitzt, auf die deren Erbauer und Bewohner mit Muscheln geschrieben hat: HITLER. Da diese Beschriftung am linken Rand des Fotos beginnt, ist nicht auszuschließen, dass davor noch etwas stand, wie z.B. „WÄHLT“ oder „HEIL“ oder auch der Vorname des Mannes, der dem Jahrhundert wie kein anderer sein Brandzeichen aufdrücken sollte, obgleich er dazu in keiner Weise durch Bildung und Werdegang berufen war, ja, vielleicht aber gerade deshalb. Die fröhlich in die Kamera lachende junge Frau – im Badeanzug, mit Zwickel versteht sich! – bereits gut gebräunt und, wie ich mir zu bemerken erlaube, durchaus gut aussehend, flott gleichsam, schlank, aber nicht dünn, und im Lachen auch nicht nur dummeitel Zähne zeigend, sondern verständnisinnig ein wenig verlegen sich selbst belächelnd – ist zu diesem Zeitpunkt noch gut zehn Jahre von jenem Tag entfernt, an dem meine Wenigkeit, gelbsüchtig und mit einem Matschauge geschmückt, das bereits von Krieg umqualmte Licht einer Welt erblicken sollte, die im Begriff war, unterzugehen. Dieses Foto, betrachte ich es nun im reifen Alter des Rentiers, der (nicht etwa: das! ) ich bin, erschüttert mich ob der Naivität, die mich aus ihm anspringt, und zwar in doppelter, ja, dreifacher Hinsicht: der Naivität Wilmas, die sich vor diesem Hintergrund hat ablichten lassen, der Naivität dessen, der den Film knipsend belichtete, und der Naivität wiederum meiner Hervorbringerin (inter faeces et urinam nascimur), die dieses Bild in ein handtellergroßes, blauknotig gebundenes Albümchen klebte, in dem sie die liebsten Erinnerungsfotos ihrer Mädchenzeit versammelte. „Es war doch nichts dabei! Was bedeutete uns dieser Name damals schon? Ein paar Brüllaffen und Schlagetote machten die Straßen unsicher in seinem Namen – nun ja, und andere in anderer Namen …“ So etwa möchte die nun schon seit Jahren Verewigte geantwortet haben, wenn ich ihr, als sie noch im Probsteialtenheim meiner Geburtsstadt langsam vertrocknete, das Foto samt Erklärung heischender Fragen vorgelegt hätte.

Sie also würde eines Tages mich als greinendes Bündel in den Armen halten, draußen würde es regnen, eine Amsel würde ihr Lied erschallen lassen und sie würde denken: „Ja, sing du nur, Schwarzrock! Das Kind hässlich und unansehnlich, der Vater im Feld, und mir fallen die Zähne aus, weil du, Edu, für deine Knochen allen Kalk benötigtest, den du bekommen konntest!“ Wer aber war der Vater, der im Felde stand (und das heißt – für die, die’s nicht mehr wissen – nicht in irgendeinem, sondern im Schlachtfelde)? Kannte er Wilma schon, als sie sich am Strande von Grömitz ihres 25-jährigen Lebens freute? Mag sein oder auch nicht. Fakt ist, dass ich meine Existenz der Sorge Wilmas verdanke, man könnte sie in die Rüstungsindustrie zum Granatendrehen zwangsverpflichten, wenn sie nicht ein zweites Kind, mich, bekäme. „Aber das eine reicht mir!“, mag Emil im Blick auf den einjährigen Edmund gesagt haben, als er im Herbst zuvor auf Fronturlaub kam, „lass uns Mittel und Wege finden, um der erneuten Zeugung eines Sprösslings aus dem Wege zu gehen!“ Und damit entnahm er seiner Uniformjackentasche eine violettes Pappschächtelchen, das er aus Frankreich mitgebracht. Es enthielt vulkanisierte Zeugungsverhinderer, die über das Glied zu streifen waren, von den Soldaten Pariser genannt, weil Derartiges ihnen, so behaupteten sie, in der Welthauptstadt der Liebe erstmals bekannt geworden, dabei war es der Deutsche Fromm, der zehn Jahre zuvor ein opulentes Glasbetonbauwerk eingeweiht hatte, in dem ebendieses Werkzeug erfolgreicher Familienplanung in Millionenzahlen produziert wurde. Widerwillig ließ Wilma eine Liebe über sich ergehen, die sie, als der Zeugung abgeneigt, nicht für vollwertig anzuerkennen vermochte. Und als sie Abschied nahm vom scheidenden Emil, mischte sich in den Schmerz und die Sorge der Soldatenfrau auch Zorn, dass er so egoistisch gewesen war und sie ungesegneten Leibes zurückließ.

Wenig später, so geht das Gerücht, habe ihr Schwager, ebenfalls von der Front kommend, in Krogstedt Station gemacht, der witzige und gescheite, freilich nur kaufmännisch gebildete Eduard, mein Onkel, Emils jüngerer Bruder, der Verzug seiner damals in der noch unbombardierten Hansestadt lebenden Mutter Mimsgung. „Verzeih mir, Schwägerin, dass ich hereinschaue,“ näselte er im anmaßenden Kasinoton, den er sich, die Offizierskaste, der er ebenso wenig wie sein Bruder angehörte, verspottend, angewöhnt hatte. „Aber bei Mimsgung ist das Bett noch nicht frei, da Emil noch ein paar Tage im Hotel Mama verbringt, um sich von deinen Kochkünsten bei den ihren zu erholen.“ „Warum sagt er mir immer, es schmecke ihm, was ich für ihn koche, und dann hört man das!“ „Es ist schwer, einem Menschen gegenüber aufrichtig zu sein, den man liebt.“ „Du meinst, er liebt mich? Woraus schließt du das?“ „Nun, habt ihr nicht Edmund zusammen, seid seit sechs Jahren verheiratet, und von Trennung ist keine Rede?“ „Von einem Mann, der im Felde steht, trennt eine deutsche Frau sich nicht – auch wenn es ihr noch sehr danach zumute ist. In seiner Brusttasche habe ich dies gefunden!“ Sie zeigte Eduard eine Postkarte, auf der Paula Wessely nicht nur abgebildet war, sondern auch einen handschriftlichen Gruß und Dank an die tapferen Vaterlandsverteidiger Emil, Frieder, Fritz und Franz aus Wien nach Frankreich schickte. „Sagt das nicht alles?“ Fragend schaute Eduard sie an mit seinen wasserblauen schwulen Glubschaugen; nur unter Einsatz ihres ganzen Charmes hatte Mimsgung ihn, einen ihr bekannten Obersten mit Netzhut und Zobelstola betörend, davor bewahrt, im KZ den rosa Winkel tragen zu müssen, und ihm die Zuflucht in die Wehrmacht eröffnet. Es blieb nicht aus, dass Wilma ihrem Zorn auf Emils Liebespraxis Luft machte und besonders ihren Widerwillen äußerte, die glitschige Fortpflanzungsbremse anschließend zwecks Wiederverwendung zu entleeren und auszuwaschen. Eduard grinste. „Solchen Nöten sind wir Hundertfünfundsiebziger glücklicherweise enthoben, denn der Zeugung haben wir endgültig abgesagt. Und ich sage dir: Ich bin glücklich darüber, denn denselben Widerwillen würde auch ich bei dieser Prozedur empfinden!“ Wilma fühlte sich verstanden und getröstet und nutzte die Gelegenheit, um dem Schwager ein paar Fragen zu stellen, die schon lange in ihr glommen, und Eduard sah keinen Grund, der seit bald zehn Jahren vertrauten Freundin, dann Braut und Gattin seines Bruders irgendetwas zu verheimlichen. Dabei genehmigten sie sich eine Flasche aus der Kiste Kröver Nacktarsch, die Eduard seinem Bruder zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. „Und schlagt ihr einander auch so wie hier der Mönch den Jungen auf dem Etikett?“ Eduard lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, nie,“ sagte er. „Das sind Späße, die wir nicht nötig haben. Die haben sich die Normalen ausgedacht, um ihre in der Ehe ermattende Lust auf das andere Geschlecht anzustacheln.“ Wilma ging an den Kleiderschrank und holte eine Kleiderpeitsche mit neun Schwänzen hervor. Lachend fand Eduard sich bereit, sie an ihr einmal auszuprobieren, sie leerten noch eine zweite Flasche des besagten Mosel, und am nächsten Vormittag, Eduard war schon wieder abgefahren, erkundigte sich Frau Swientek, die Vermieterin, mit sauertöpfischer Miene, warum Wilma nachts mehrfach laut geschrien habe, eine Frage, auf die Wilma nur zu antworten wusste, dass sie davon nichts wisse.

Diese Frau also, die Mutter zu nennen mich weniger kostet, als Emil Vater zu titulieren, gebar mich gleichsam schwuppdiwupp! Auf dem Weg, den Edmund, in die Nabelschnur sich verheddernd und für ein Weilchen im Geburtskanal feststeckend, zwei Jahre zuvor geebnet und geweitet hatte, flutschte ich in munterem Rutsch hinaus, die Hebamme tat, was ihres Amtes ist, und hob mich empor, ich tat einen zaghaften ersten Krächzer, und da war ich nun, noch unbenamst, nichts gleichsam als ein Stück wilden Naturfleischs, dem schleunigst ein Bändsel ums Handgelenk gewunden ward, damit es ein Etikett bekam und in die bestehende ungute Ordnung eingefügt werden konnte. Ich sei die Hässlichkeit in Person gewesen, versicherte mir Wilma immer wieder, zitronengelb und ein Auge zugeschwollen vom Zusammenstoß mit dem mütterlichen Schambein, aber durstig! Fast, klagte sie, hätte ich ihr die Brustwarzen abgebissen vor Gier nach dem nahrhaften Labsal.

Emil unterdessen fuhr in dem Opel Admiral, in dessen Handschuhfach sie die Papiere von Paula Wessely gefunden hatten, das Château Montperrier an, wo er sich alsbald mit den Kameraden Frieder, Fritz und Franz auf den Ledersesseln der Bibliothek lümmelte und rief, ein Glas rotfunkelnden Pécharmants in die Höhe hebend: „Hoch lebe Paula! Hoch leben alle schönen Frauen!“

Eine Kindheit

Gern denke ich an meine Kindheit zurück, obgleich sie unter einem Unstern stand. Aber was weiß das Kind von Zeitläuften und äußerer Geschichte? Es findet sich ab mit der Welt, in die es hineingeboren, wenn nicht -geworfen wird, ja es liebt sie, sofern man die Neugier, mit der es alles um sich her aufsaugt, als Liebe bezeichnen kann. Seine Möglichkeiten, Einfluss auszuüben sind so begrenzt, dass es seine Umwelt als notwendig und poetisch erlebt. Arm das Kind, dessen zärtlicher Optimismus brutal und blutvergießend in frühesten Jahren zerstört wird. So erging es mir nicht – glücklicherweise, kann ich sagen.

Friede und Sonnenschein lagen über der Stadt, in der ich meine ersten stolpernden Gehversuche machte an der Hand Emmis, der herzensguten Kinderfrau. Mit ihr spazierte ich die breite Allee vom Park zur Stadt hinauf, über der die ganze Woche tiefe Sonntagsstille lag. Doch fasste man an die Tür eines Geschäfts, so öffnete sie sich, die Schelle erklang, und eine freundliche alte Frau verkaufte frischen Fisch. An der roten Mauer des Gaswerks begegnete uns Herr Reimer, ein alter Herr von papierener Blässe und Zartheit, der immer einen schwarzen Zylinder trug. Welchen Kummer, welche Einsamkeit mochte er an der Sonne spazieren tragen? Höflich lüftete er den Zylinder, wenn wir ihn grüßten. Heute kommt es mir vor, als hätte ich in ihm den letzten Vertreter eines dahingegangenen und entschlafenen Jahrhunderts gekannt.

Emmi war in den Küchen und Kellern der Altstadt zu Hause, dort, wo die Waschlauge weißblau wie Magermilch durch die Kopfsteingosse floss. Aus den schwarzen Ärmeln von Emmis Mutter, einer kleinen dicken Frau, lugten rote und weiche Hände hervor, von denen ich mich gern herumstupsen, zergen und halten ließ. Emmis große Brüder waren „im Felde“, das konnte nicht weit sein. Ein bisschen weiter die Straße hinauf begannen die Felder und Wiesen schon, und auch ein anderes Rätsel war leicht gelöst: Emmis Vater nämlich wurde „vermisst“, und da es im Garten einen Mist-, Kompost- oder Kommisshaufen gab, auf dem eine Kürbisranke wuchs, in deren trompetenförmigen Blüten die Bienen auf- und abstiegen, wusste ich, dass man ihn da finden würde (die Stiefel ragten noch aus der Erde), und vielleicht, wenn man ihn bat oder einen Stiefel auszog und an der Fußsohle kitzelte, würde er  lachen und aufstehen.

Unsere Wohnung hatte einen großen halbkreisförmigen Balkon auf den Garten hinaus, den wir nicht betreten durften, weil er der geizigen Witwe gehörte, in deren Haus wir wohnten. Fern am Garten vorbei verlief die erwähnte Allee, deren Linden, so schien mir, genauso herzförmige Kronen wie Blätter hatten. Durch die Allee, die den Namen eines deutschen Kolonialsoldaten führte, kamen allwöchentlich mit Trommeln und Fanfaren die „Jungs“ gezogen, schneidige Burschen mit schneidigen Fahnen und Tönen ausstaffiert, denen ich in besinnungsloser Erregung vom Balkon herunter zum Kohlenplatz folgte.

Einer war unter ihnen, dessen Namen ich von Emmi gelernt hatte: Er hieß Kalli und war ein Lieber und Feiner, obgleich er dem Hosenmatz, der sich allzu fest an seine Fersen zu heften begann, eines Tages mit der blitzenden Fanfare ins Ohr blies, dass ihm Hören und sehen verging. Seitdem war ich vorsichtiger, hielt Abstand oder zog es vor, mit anderen gleichaltrigen Jungen zu   s p i e l e n  , was ich bewunderte. Zwar waren unsere Blechdosen keine Trommeln, unsere Papiertrichter keine Fanfaren; aber die Fähnchen, die wir schwenkten, waren von denen der „Jungs“ nur durch die Größe unterschieden. „Da liegen die, die an allem Schuld sind!“, erklärte Kalli mir, als die „Jungs“ einmal an einem gusseisernen Tor vorbeimarschierten, hinter dem viele flache, rechteckige, grün bemooste Steine aufrecht standen, auf denen Kiesel lagen. „Was bedeuten diese Steine?“, hatte ich Kalli gefragt. „Die werfen wir demnächst mal um. Warum soll man sich an böse Menschen erinnern?“

In den verbotenen Garten aber durften wir eines Tages doch. Da wurde nämlich eine Grube ausgehoben, die vorher mit Pflanzen, Pflaster oder Pfützen bedeckte Erde gab plötzlich ihr Inneres preis, aus dem Mutterboden wanden sich fleischfarbene Regenwürmer und weiße, strampelnde Engerlinge hervor, von denen es hieß, dass Käfer aus ihnen werden könnten, und tief darunter trat goldgelber Kies zutage. Still standen wir um die Grube herum, die wir zu unserem Schutz beziehen sollten, damit nicht das Haus unser lebendiges Grab wurde. Dabei waren doch die Mauern des Hauses aus festem roten Backstein, während die Wände der Grube morsch und weich waren, ständig fiel etwas heraus.

Weiße, aus Bettlaken genähte Rucksäcke auf dem Rücken, kauerten wir in der Wendel der Haustreppe, wenn die Sirene geheult hatte, bereit, uns notfalls schnellstens ins Erdloch zurückzuziehen. Der Nachrichtensprecher saß, ein Plaid auf den Knien, beim dürftigen Licht einer Glühbirne in seinem braunen Rundfunkverschlag. „Ich wiederhole!“, sagte er, und ich warf meinen wie ein Marienkäfer gepunkteten Ball die Treppe hinunter und holte ihn wieder. In das Oberlicht der Haustür waren zwei geschnitzte Narrenkappen eingefügt. Die Decke der Eingangshalle war gewölbt und zartgrün gestrichen. Schaute ich empor, sah ich das zarte Grün, das auch ein Blau sein mochte, und den Umriss der beiden Narrenkappen. Dieses Bild hieß „Montag“, wie das Bild der goldrot von der Sonne durchschienenen Lider „Freitag“ hieß. Doch Herrn Reimer sagte ich nur „Guten Tag!“, und nicht „Guten Freitag!“ An der Haustür war der Briefkasten befestigt, durch dessen Messingklappe eines Tages der Brief fiel, der meine Mutter auf die Fensterbank neben der Treppe warf. Dort saß sie und schluchzte, den geöffneten Brief in der Hand, während die Sonne hereinlachte und die Staubschicht auf den Scheiben in einen duftigen weißen Vorhang verwandelte.

Glitzernde Punkte zogen durch den blauen Kinderhimmel, das waren sie, die uns Keller und Erdloch zu zweiten Wohnungen machten, die Flieger (Männchen) und die Flugzeuge (Weibchen). Wie gering war der Unterschied zwischen dem Getöse des Gewitters, das uns aus den Betten scheuchte und uns zwang, die Stecker aus der Wand zu ziehen, und dem fernen Rollen des Angriffs! Ein roter Schimmer breitete sich am Nachthimmel aus wie ein unheimlicher Stopf- oder Fliegenpilz, und während es hieß: „Hamburg brennt!“, durfte ich mich an meine Mutter schmiegen und eine Geborgenheit genießen, die ich den feindlichen Vögeln nicht vergessen will.

Eines Tages blieb Emmi aus, und als sie kam, erkannte ich sie nicht wieder, weil ihr Gesicht entstellt und verkohlt war wie das des Lehrers Lämpel in „Max und Moritz“. Da ich sie mied, begann sie zu stricken, stumm und fast reglos saß sie Tage, Wochen und Monate auf einem Stuhl an der Wand, wollte mir manchmal einen Kuss aufdrücken, vor dem ich mich gruselte. Sie strickte und strickte, und als sie uns verließ, um einer anderen, rosiggesichtigen Platz zu machen, Hella, die mich auf den Arm nahm und herumtanzte mit mir, bis ich in ihre stürmischen Liebkosungen hoffnungslos kinderverliebt war, da ließ sie, Emmi, viele Paar Wollsocken zurück, in denen meine Füße noch manchen Winter lang die weiche und sorgende Liebe der versengten Frau genossen.

Die Erwachsenen führten indessen ihr geheimes, eigenes Leben, aus dem bisweilen ein Wort – „Lazarett“ – oder ein Ortsname – „Burgsteinfurt“ – vielsagend und zitternd herabsank. Wer war der laute und schwitzende Mann, der sich plötzlich, als gehöre er dazu, in der Wohnung breit machte und sogar den Balkon, auf dem ich spielte und die „Jungs“ erwartete, in Beschlag nahm? Freilich hatte er etwas mitgebracht, was mich mit ihm versöhnte, ein prächtiges Spielzeug: Krücken! Es waren Unterarmkrücken, deren Handgriffe ich mir unter die Achseln klemmte, und dann, mit hochgezogenem Fuß, „nahm“ ich die Treppe, aufwärts und abwärts und war stolz, es dem ehemals so schwungvoll-schlanken Käppiträger, der uns bisweilen besucht hatte und jetzt offenbar finster entschlossen war, bei uns zu bleiben, gleich zu tun.

Durch die Allee, wo das Kolonialwarengeschäft war, weil sie nach einem Kolonialsoldaten hieß, zogen keine „Jungs“, sondern fernher gereiste alte Männer und Frauen mit Kindern auf Bauernwagen, vor die Kühe gespannt waren. „Trecks“ hießen diese neuen Umzüge, sie waren weniger begeisternd als die „Jungs“, , man durfte ihnen nicht folgen, und es gab ja auch nichts zu sehen außer bleichen, starren Frauengesichtern unter wollenen Kopftüchern. Wenn sie anhielten, gingen wir hin uns brachten ihnen eine Milchkanne mit Erbsen- oder Kartoffelsuppe. „Elbing“, sagten die Leute von den Trecks, wenn man sie fragte, woher sie kämen, oder „Danzig“, „Liblau“, „Thorn“.

Noch viele sonntagsstille Tage gingen dahin. Herr Reimer spazierte unverdrossen die Allee hinauf und an der roten Mauer des Gaswerks vorbei hinunter zum See, wo das Denkmal Wilhelms des Großen (gab es wohl auch einen kleinen?) vom Gebüsch verschlungen wurde. Den Mann, der bei uns wohnte, lernte ich „Vati“ nennen, und er lehrte mich „Wurrrm“ zu sagen statt „Woam“. Fast jeden Tag verbrachte er auf dem Amt, einem großen düsteren Haus, über dessen Tür ein schwarzer Adler mit goldener Krone prangte. So waren wir auch allein an dem Tag, als Tanks und Panzerspähwagen die Allee heraufrollten. Meine Mutter kniete am Balkonfenster zwischen ihren beiden kleinen Söhnen, während khakifarbene Besatzer marschierten, wo früher die „Jungs“, dann die Trecks gezogen waren. War jetzt alles zu Ende? Worauf mussten wir uns gefasst machen? So winzig klein erschienen die Fremden, dass man die Finger, wollte man ihre Größe angeben, vor dem Auge fast zusammenpressen musste. Als meine Mutter gar zu sehr weinte, legte mein Bruder die Hand auf ihre Schulter und sagte: „Aber du hast doch uns!“ Das Argument verschlug. Als sie Pistole und Fotoapparat an den Soldaten herausgab, der an die Tür geklopft hatte, war sie ruhig und gefasst. Das Radio hatte der Mann, den ich „Vati“ nannte, schon am Tag zuvor mit der Axt zerspalten, gerade als wolle er die alte ausgediente Seele dem Feind nicht in die Hände fallen lassen.

Wir Kinder aber liefen schon am nächsten Tag den abenteuerlich nach Sprit und Leder duftenden Fahrzeugen nach, aus denen es Schokolade und Rosinen hagelte. In riesigen Wülsten lagen Netze auf den Panzern, deren Rohre mit Schonern wie wunde Finger verhüllt waren. Was gab es süßeres als britische Panzer? Und was gab es Wilderes als die näselnde, schnarrende und jubelnde Kapelle wild berockter, -bestrumpfter und -bemützter Kriegsweiber? Golden zogen Leuchtkugeln über die plötzlich von Menschen wimmelnden Straßen dahin. Wo waren sie alle gewesen? Wo kamen sie alle her? Eines Tages brach unter der Allee ein Rohr, der unterspülte Boden öffnete sich und ein Bauernpferd, ein schwerer Kaltblüter, versank. Hunderte von Menschen beobachteten, wie ein englischer Kran den hilflos glotzenden Gaul herauszog, während ich durch die Beine strich, Kippen sammelte und hin und wieder einen Blick auf die Bergung erhaschte. Zitternd, mit flatternden Nüstern kam das Pferd auf mich zu und stolperte an mir vorbei. Wahrscheinlich bilde ich mir heute ein, dass ich in diesem Augenblick ahnte, einem Grab, in das ich hineingeboren worden war, entronnen zu sein, einem sonnenüberglänzten lebendigen Grab.

Emil

Emil war als Krüppel aus dem Krieg zurückgekehrt, als Träger einer Unterschenkelprothese rechts. Bizarr war der Anblick der Regale des Prothesenmachers, dessen Weizen blühte durch den Krieg. Eduard hatte den Vater dorthin begleitet und hatte die Augen kaum zu erheben gewagt zu den Bataillonen von stählernen Füssen, den Regimentern hölzerner Arme, und in einer Glasvitrine gab es auch eine Gruppe saffianlederner Zungen zu bewundern. „Für Männer mit Munddurchschuss,“ erklärte Emil. Er war untersetzt, um nicht zu sagen pyknisch, hatte eine Stirnglatze mit einer Delle in der Mitte, die an die Zange erinnerte, die ihn einst „geholt“ hatte; diese Stirnglatze verstand er eindrucksvoll zu runzeln, was wohl mit seinem Beruf zusammenhing: Er war Richter, und in diesem Beruf gibt es oft Anlass, nachdenklich oder – nach Bedarf – dräuend die Stirn zu runzeln.

Emil besteigt Trainpferd Lotte

Emils Prothese bestand aus einem Lederteil, das an den Oberschenkel geschnallt wurde, und einem hohlen hölzernen Unterschenkel, in dessen Schienbein ein kreisrundes, etwa fünfmarkstückgrosses Loch gebohrt war. Ein Metallscharnier verband das Lederteil mit dem Unterschenkel, an ihm war der mit einem schwarzen Lederschuh bekleidete Fuss befestigt, der bei Belastung nachgab, bei Entlastung sich wieder streckte. Emil salbte den Stumpf, insbesondere den funktionslos und deshalb schlaff gewordenen Wadenmuskel umständlich mit leise klatschenden Geräuschen, zog ihm einen beutelförmigen dicken Woll-, im Sommer Baumwollstrumpf über, der an seinem Ende eine wurstförmige Verlängerung hatte, versenkte dann den bestrumpften Stumpf im hölzernen Teil, fingerte das Strumpfende durch das Loch heraus und zog fest daran. Nun stak der Stumpf richtig fest, das Oberteil konnte festgeschnallt werden. Die Prothese erlaubte es ihm, auf den Gebrauch von Krücken zu verzichten, freilich bedurfte er eines Gehstocks, mit dem er den rechten Fuss, wenn er belastet wurde, geringfügig entlastete, um so die Gefahr des Wundwerdens zu verringern.

An Tagen, an denen der Stumpf wundgelaufen war, musste er, wollte er nicht zu Hause bleiben, auf die Unterarmkrücken zurückgreifen, mit denen er aus dem Lazarett entlassen worden war. Vilma schlug dann das leer flatternde Hosenbein hoch und steckte es mit zwei Sicherheitsnadeln fest. Nachdem sich Emil am Beginn seiner Behinderung zu Jähzornausbrüchen und Schreianfällen hatte hinreissen lassen, lernte er sie im Laufe der Jahre akzeptieren u.a. dadurch, dass sie mit seinem Alltag verschmolz, die Erinnerung an unbehinderte Beweglichkeit verblasste und andere Kriegsheimkehrer noch erheblicher beeinträchtigt waren, so der Tischler, der das altmodisch hohe Ehebett niedriger setzte: Er hatte beide Beine überm Knie verloren und war trotz seiner Oberschenkelprothesen ein beliebter Tänzer. Ein Trost freilich blieb diesen Männern vorenthalten: Sie konnten sich nicht wie die Veteranen der Siegerstaaten an einem Tag des Jahres stolz mit ihren Verstümmelungen und Orden in der Öffentlichkeit präsentieren. „Das liegt nicht daran, dass wir den Krieg verloren haben,“ pflegte Emil zu sagen. „Kaiser Franz von Österreich hat fünf Kriege verloren und blieb doch ein Ehrenmann. Wir haben nicht nur den Krieg, wir haben die Ehre verloren.“ Warum die Ehre verloren gegangen war, erläuterte er nicht.

Ist mein Vater mein Vorbild?

What was good for my father’s father will be good for my father’s son. Das ist ein Sprichwort, das mir als erstes einfällt, wenn ich über meinen Vater schreiben soll. Ich muss jedoch einschränkend hinzufügen, dass mein Vater den seinen so recht nie kennengelernt hat. Mein Vater war sechs, als sein Vater in den Krieg, den Weltkrieg musste, der erst zum Ersten wurde, als der Zweite ausbrach. Aus diesem Krieg kehrte mein Großvater lebend zurück – aber die Spanische Grippe raffte ihn dahin. Ich bin sicher, dass mein Vater sich den seinen nicht zum Vorbild genommen hat. Mein Großvater war nämlich ein rechter Bruder Leichtfuß, ein Schürzenjäger und Courschneider, der seiner Frau viel Kummer bereitete. Mein Vater hingegen ist ein ruhig und resigniert hinter Zeitung, Portweinglas und Zigarillo die bürgerliche Behaglichkeit genießender Spießer. Gelegentlich verachte ich ihn so recht aus Herzensgrund. So trägt er zu Hause immer die sog. Sesselhose, damit die andere, in der er aufs Gericht geht, schön ihre Bügelfalte behält. Seine Schuhe sind immer blank, seine Fingernägel spitz zulaufend geschnitten. Mein Vater hat etwas Weibisches, und meine Mutter sagt: „Er ist erst durch den Krieg zum Mann geworden.“

Aus Gründen, die ich nicht verstehe oder nicht verstehen will, ist er eifersüchtig auf meinen Bruder und mich. Er gibt uns nie zu essen ab, schmiert uns nie ein Brot und bringt uns nie etwas mit. Wenn meine Mutter ihm nicht zu essen vorsetzte, würde er bei voller Speisekammer verhungern. Er ist aus der Hand seiner Mutter nahtlos in die Hand meiner Mutter hinübergewandert. So möchte ich nie werden. Ich kann schon jetzt recht gut kochen, insbesondere habe ich mir die Grundsaucen aus dem Kochbuch der Mutter meines Vaters beigebracht, die Kalte Mamsell im Hotel meines Großvaters war. Sein Vater imponiert mir, obgleich er im Ruf eines Schürzenjägers steht. Ich möchte auch einmal in den Genuss mehrerer Frauen kommen. Mein Vater hingegen ist ein treuer Schluffen, den meine Mutter, fürchte ich, im tiefsten Grunde ihres ziemlich unergründlichen Herzens ein wenig verachtet. In der bürgerlichen Behaglichkeit, in der er aufwuchs, hat er sich die in der Politik freiwerdenden Energien nie so recht vorstellen können. Er interessierte sich für Geschichte, versagte aber, als es um ihre Mitgestaltung ging. Er fiel auf die Flötentöne der Nazis herein und trat 1933 ihrer Partei bei. Von mir deshalb befragt, sagte er, er habe sie in erster Linie gemocht, weil sie den demütigenden Friedensvertrag von Versailles zu Makulatur machen wollten und gemacht haben. Ihr Antisemitismus sei für ihn ein Schönheitsfehler gewesen. Dieses Wort nehme ich ihm übel. Wie kann ein Mensch so ahnungslos sein? Nun gut: Wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer klüger.

Zusammenfassend sagt mein Vater, er habe sich von den Nazis täuschen lassen. Das ist immerhin mehr als gar nichts. Als Richter, dessen Aufgabe es sei, alle Lügengespinste zu durchdringen, die vor Gericht gesponnen würden, hätte ihm das nicht passieren dürfen. Deshalb habe er nie eine Berufung an ein höheres Gericht angenommen. Nun, auch hierzu kann ich nur sagen: Besser das als gar nichts. Immerhin eine Tendenz zum Karriereverzicht erkennbar. Was mir an ihm gefällt, sind seine Bücher. Da ist das Beste beieinander, und er sammelt es nicht nur, er liest darin und lebt damit. Sein Lieblingsbuch ist der „Tristram Shandy“, ein merkwürdiger Roman, in dem Laurence Sterne, der Autor, vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, weshalb sein Held am Ende des Buches gerade erst ein Jahr alt ist.

Mein Vater versucht, seine Kriegsversehrtheit mit Würde zu tragen, aber sobald er mal wieder einen wunden Stumpf hat, flucht er gottserbärmlich. Sobald er erkältet ist, liegt er mit einer Miene, als ob er sich anschickte, zu sterben, im Bett, und sagt mit melodramatischer Bescheidenheit zu uns: „Geht nur! Kümmert euch nicht um mich! Auf mich kommt es sowieso nicht an!“ Er mag keine Hortensien, weshalb ihm seine Kollegen mit konstanter Bosheit Hortensien zum Geburtstag schenken. Seine Lieblingsmusik sind die Opern von Verdi. Dieser Name, verriet er mir mit Verschwörermiene, war zugleich eine Parole, nämlich die Abkürzung von Vittorio Emmanuele Re d’Italia. Letztlich ist mein Vater politisch über die bürgerliche Revolution des vorigen Jahrhunderts nicht hinausgekommen und würde sie gern immer noch mal wieder gewinnen. Er bedauert, dass es bei uns keine glaubwürdige liberale Partei gibt. Seine Lieblingszeitung ist Die Gegenwart, ein Wochenblättchen aus Frankfurt, mit sehr anspruchsvollen, langen und tiefschürfenden Artikeln. Wenn er mir etwas in der Zeitung zeigt, weist er mit dem kleinen Finger darauf. Er ekelt sich vor Papier, berührt es nicht gerne. Seine Schrift ist so krakelig und unleserlich, dass nur engste Mitarbeiter sie zu entziffern vermögen. Da er leicht schwitzt, trägt er im Sommer Netzhemden. Seine beginnende Glatze bekämpft er wirkungslos mit Birken-Haarwasser der Marke Trilysin. Birke spricht er Bierke aus. Darin verrät sich seine Herkunft aus dem Ruhrpott. Eine zu lange, inhaltsarme Rede nennt er eine Remmeltorte. Leute, denen er nur gezwungenermaßen zuhört, nennt er Torfköppe. Wenn mein Bruder und ich uns in die Wolle kriegen, befiehlt er uns, mit dem Frasseln aufzuhören.

Fragebögen füllt er grundsätzlich nicht aus, nicht einmal im Zusammenhang mit Volkszählungen. Der Fragebogen, der ihm wegen seiner Nazi-Mitgliedschaft vorgelegt wurde, hat ihm einfürallemal gereicht. Wahrscheinlich werde ich einen so schweren politischen Fehler, wie er ihn beging, nicht machen. Aber ich habe wenig Grund, mir was darauf einzubilden. Ich glaube nicht, dass ich, unter den gleichen Bedingungen wie er aufgewachsen, damals klüger gewesen wäre. Ich fürchte, ich wäre schon aus Opportunismus auf die Nazis hereingefallen. Mein Vorbild ist er keinesfalls, mein Vater, aber ein Maß liefert er schon. Er hat geirrt, sich geschämt, ist amputiert worden, hat weitergelebt. Diese Kraft wünsche ich mir auch: Weiterleben zu können, wenn ich mich geirrt habe, wenn ich Grund habe, mich zu schämen und wenn ich verstümmelt werden sollte. Aber ich hoffe und fürchte, meine Generation wird so schwer wie die seine nicht geprüft werden und deshalb immer stark zur Selbstgerechtigkeit neigen.

Rüdiger Rottfeld

Zum Beginn des Schuljahrs, und das war damals noch nach den Osterferien, wurden wir ins Nebengebäude umquartiert. Es war baufällig, der Putz bröckelte malerisch von den Wänden, Risse in den Decken ließen befürchten, dass es zu fatalen Durchbrüchen mit durch die Luft fliegenden Schülern und Lehrern kommen könnte. Hinzukam, dass in diesem Gebäude Chemie- und Physiksaal untergebracht waren, und besonders vom ersteren gingen nicht nur üble Gerüche, sondern gelegentlich auch Erschütterungen aus – Bahr und Steenbock, die beiden Chemielehrer, überboten einander im Arrangieren effektvoller Versuche, gleichsam naturwissenschaftliche Populisten, wobei sie sich ansonsten gar nicht ähnlich waren: Bahr ein verlottertes Genie mit oft offener Hose voller Flecken, deren Herkunft nach Auffassung der pubertierenden Schüler eindeutig war, Steenbock hingegen ein immer perfekt in grauen Zweireiher gekleideter Gentleman, den ich ein wenig verehrte – sollte ich je Lehrer werden, was ja nicht völlig auszuschließen war, so wollte ich einer wie Steenbock werden, weshalb ich es auch bedauerte, dass nicht dieser, sondern der unappetitliche Bahr mein erster Chemielehrer wurde.

„He, Stempel,“ raunte Rottfeld mir in der Pause zu, „ich bin nicht mehr lange hier.“ „Wieso, was ist los? Machst du die Fliege?“ Rottfeld grinste über sein eiförmiges sommersprossiges Gesicht, das von einem schütteren Wuschel roten Haares gekrönt wurde. „Ah, was,“ sagte er, „Fliedner kann mich doch mal! Nein, mein Alter hat sich festgefahren. Er war bisher auf Tramp unterwegs, und jetzt hat die Karibik ihn eingefangen, weiß nicht warum. Wahrscheinlich wegen der Weiber!“ Rottfeld kniff kennerhaft ein Auge zu. „Er hat sich ein Häuschen auf Tobago gekauft, weißt du, wo das liegt? Natürlich nicht – bei Trinidad, und das heißt Dreieinigkeit auf Deutsch. Natürlich weißt du auch nicht, was die Dreieinigkeit ist, weil du nicht am Religionsunterricht teilnimmst, du armer Heide!“ „Was – und da willst du hinziehen?“ „Ich doch nicht allein – mein Muttertier natürlich mit und auch das Wurm, das angeblich mein Geschwisterchen ist, also mütterlicherseits bestimmt …“ Wieder kniff er ein Auge zu, aber diesmal das andere. Er war ein virtuoser Benutzer solcher Zeichen, die dem Gesprächspartner signalisierten: Nimm’s nicht zu ernst! Cum grano salis!“ Oder auch: „Man weiß ja nie!“ Ich mochte Rottfeld, er war ein wirklich selbständiger Kopf und dabei weder brutal noch selbstherrlich wie Eggert, der Sohn eines Sattelmeisters aus dem Gestüt Rösthoff. Eggert war mein Banknachbar, seine Spezialität war es, von guten Arbeiten abzuschreiben und trotzdem Fünfen nach Hause zu tragen, wo er stilgerecht vom Sattelmeister mit der Pferdepeitsche durchgezogen wurde.  Was für ein hartgesottener Bursche er war, bewies er dann in der Umkleide: Er enthüllte stolz grinsend sein blaurot verfärbtes Gesäß, verbat sich jedes Mitleid. Er war als Sitzenbleiber in die Klasse gekommen, hatte keine Freunde, aber seine Brutalität war gefürchtet genug, um ihn alsbald zum Klassensprecher zu machen. Ich mochte ihn eindeutig nicht, aber Fräulein Holm hatte ihn zu meinem Banknachbarn gemacht, weil sie glaubte, dass von mir eine „veredelnde“ Wirkung auf den Übeltäter ausgehen könnte.

„Der Sklave sieht die Rosen blühen. Rottfeld!“ Fliedner, untersetzt und zäh, fliehende Stirn, fliehendes Kinn, als Parachutist über Kreta abgesprungen, verfügte über einen das Trommelfell zerreißenden Befehlston. Rottfeld stand auf und schwieg mit der ihm eigenen sturköpfigen Verlegenheit. Er sagte nicht: „Das weiß ich nicht,“ machte aber auch keinen fehlerhaften Versuch. „Servus videt rosas florere,“ zischte ich ihm zu. Rottfeld wiederholte es, aber sehr leise. „Noch mal, ich verstehe nichts!“ Fliedner legte eine Hand hinters Ohr, Rottfeld murmelte den Satz etwas lauter. „Verstehe immer noch nichts! Hast du denn keine Stimme im Leib, Bursche?“ Fliedner befahl ihm, nach draußen auf die Wiese hinterm Nebengebäude zu gehen, riss das Fenster auf und ließ ihn aus rund 20 m Entfernung den Satz wiederholen. Rottfeld hatte ihn freilich vergessen und schwieg erneut. Vielleicht fand er ihn auch blöd und weigerte sich, diesen Schwachsinn zu wiederholen, der auch auf Lateinisch Schwachsinn blieb. „Hoffnungslos,“ murmelte Fliedner und machte mit gespitzten Lippen eine vernichtende Notiz in sein Büchlein. Ich begriff, dass Rottfeld nicht ungern nach Tobago auswandern würde. Fliedners gab es da mit Sicherheit nicht – dafür aber Ölfässer, auf denen getrommelt wurde, und Massen üppiger halbnackter Weiber, die dazu mit auf und ab wippenden Brüsten tanzten.

„Nein, verkenne mich nicht,“ antwortete Rottfeld auf meine entsprechende Zettelbotschaft, die unter der Bank weiter gereicht wurde, „ist die Holmsche denn nicht hinreißend?“ Fräulein Holm war platt wie ein Bügelbrett, eine mal giftig fauchende, mal kaltschnäuzig abkanzelnde verblasste Blondine, vollgestopft mit abgestandenen Idealen. Ich betörte sie mit einer Bildbeschreibung von Joseph Anton Kochs „Wasserfall“, für sie ein Meisterwerk, für mich triste Genrekunst, aber ich hatte gelernt, den Schwächen der Lehrkräfte zu schmeicheln, und Fräulein Holm war aus Gründen, die vielleicht in ihrer Herkunft lagen – sie stammte von der weltabgelegenen Insel Amrum – geistig im 19. Jahrhundert stecken geblieben, und als Dorle Asmussen, ein stämmiges, kluges Mädchen aus der dritten Bank, sie mit dem Bild eines Kornfelds konfrontierte, über dem Krähen auffliegen, schnarrte sie, es sei ihr unmöglich, in diesem Geschmiere Kunst zu erkennen, und dabei war auch das noch 19. Jahrhundert, Dorle war wütend, aber nicht verletzt, sie war sich ihrer Sache viel zu sicher, ihre blauen Augen glühten, und sie murmelte in sich hinein: „Vincent van Gogh war ein Genie, und Sie sind nichts als eine elende Narzisse (sic!).“

Zu Rottfelds ausgeprägtem Eigensinn gehörte es, dass er als einziger daran festhielt, mich „Stempel“ zu nennen. Und von ihm konnte ich mir das gefallen lassen, von allen anderen hätte ich es als Spott empfunden, denn nicht der Stempel, mit dem ein Bürokrat etwas beglaubigt, war gemeint, sondern der zentrale Teil einer Blüte. Fräulein Dr. Kohlsaat hatte in der ersten Gymnasialklasse die Struktur einer Blüte darstellen lassen von sechs Mädchen mit roten Jacken für die Blütenblätter, sechs Mädchen mit gelben für die Staubgefäße, und wegen seiner besonderen Größe war ich auserwählt worden, den Stempel zu repräsentieren. Zunächst war mir das egal gewesen, ja, ich fand es schmeichelhaft, von zwölf Mädchen im Ringelreihn umtanzt zu werden, aber dann hatte Fräulein Dr. Kohlsaat auf Nachfragen geäußert, der Stempel sei der weibliche Teil der Blüte – und schon waren Spitzname und Lacherfolg da, während die Mädchen, die die männlichen Staubgefäße gespielt hatten, ungeschoren blieben. Ich gewöhnte mir an, auf Stempel nicht zu hören, weshalb die Benennung außer Gebrauch kam. Nur Rottfeld hielt daran fest, grinste freundlich-hintersinnig dabei, und ich revanchierte mich, indem ich Rottfeld nie bei seinem Vornamen nannte.

„Sehen wir uns heute nachmittag?“, fragte Rottfeld, der auch Präsident des frisch gegründeten Vereins der Stummen Skalden war, als sie sich an der Teichstraße trennten. „Ich will sehen, ob ich mich loseisen kann.“ „Wär gut, wenn du kommst. Wir wollen uns doch eine Verfassung geben.“ „Das könnt ihr auch ohne mich.“ „Dein Alter ist doch so ein Paragrafenfuchs.“ „Meinst du, das vererbt sich?“ „Was wir brauchen, ist eine gute Präampel.“ „Eine Prä-was?“ „Ampel. Oder Ambel, egal. So nennt man das Vorwort einer Verfassung. Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor uns selbst und dem Wort.“ „Ein Wort, ein Satz,“ ich begann leise zu rezitieren, „aus Chiffren steigen/ erkanntes Leben, jäher Sinn,“ Rottfeld neigte seinen roten Wuschel an meinen Kopf, so dass unsere Haare sich mischten, und raunte: „Die Sonne steht, die Sphären schweigen, /und alles ballt sich zu ihm hin.“ Gottfried Benn war eindeutig der König der Skalden.

Das mit dem Loseisen gestaltete sich unschwieriger, als ich erwartet hatte. Emil und Vilma erwogen zu bauen, und da Rottfelds Onkel Bauunternehmer war, war es durchaus sinnvoll, dass ich den Kontakt zum Neffen pflegte. „Ich beneide ihn um seinen Namen. Wenn ich noch einen Sohn bekommen hätte, er hätte unbedingt Rüdiger heißen müssen.“ Vilma liebte die deutschen Sagen, besonders das Nibelungenlied und seine Verarbeitung durch Richard Wagner. Sie konnte sich, das jeweils passende Reclam-Textbuch auf den Knien, durch den gesamten „Ring“ fressen, wenn er aus Bayreuth übertragen wurde – mit der überragenden Martha Mödl als Brunhilde. Emil bevorzugte Verdi. Seine Lieblingsarien waren „Sie hat mich nie geliebt“ aus „Don Carlos“ und „Holde Aida“ aus der gleichnamigen Suezkanaleröffnungsoper. Wenn eine von denen oder auch Bellinis „Casta diva“ erklang, verließ Vilma die Veranda, in der das NordMende Radio mit dem grün zwinkernden magischen Auge stand. „Dein Vater hat Greta Garbo immer mehr geliebt als mich,“ sagte sie mal zu mir. „Und glaub ihm nicht, wenn er behauptet, ich hätte für Italo Balbo geschwärmt. Was für ein Unsinn! Bewundert habe ich ihn, ich wäre selbst gern eine Fliegerin wie Elly Beinhorn geworden, die übrigens genauso alt ist wie ich!“

Der schwarze Schuppen von Herrn Nordmann roch durchdringend nach Karbolineum. Der bejahrte kinderlose Pädagoge schwor auf die Holz konservierende Wirkung des Teerprodukts und tränkte alles damit, was irgend tränkbar war. Die Freundschaft mit den Skalden war entstanden, als Rottfeld bei ihm Birnen geklaut hatte. Er hatte einen Baum, auf dem gedieh eine Sorte von geradezu göttlicher Süße und Zartheit, die man besser nie probierte, denn dann kam man nicht mehr von ihr los: Clapps Liebling. Zu Rottfelds waren welche über den Zaun gefallen, Rottfeld probierte sie – und wurde zum Dieb. Anders als Kirchenvater Augustin bereute er es aber nie; Max Nordmann, der unter Arthritis litt, sah großzügig davon ab, Madeleine, Rottfelds sogar auf dem Hintern sommersprossige Mutter, zu benachrichtigen, und drückte dem Dieb ein Beil in die Hand. Damit durfte er einmal wöchentlich Holz für den Kamin des alten Recken und seiner Martha machen, und bei dieser Gelegenheit erfuhr Nordmann von der Not der Skalden, die nach einem außer Kontrolle geratenen Besäufnis aus dem Keller von Dorle Asmussen herausgeflogen waren. Die Verfassung samt Präambel wurde deshalb in Nordmanns schwarzem, intensiv nach Karbolineum stinkenden Schuppen beschlossen. Ich trat dem Verein bei und konnte den andern sehr bald Luftpostbriefe des früheren Vositzenden aus Trinidad und Tobago mit ihren prächtigen Briefmarken zeigen, in denen von Blechtrommeln und halbnackten Weibern mit wippenden Brüsten die Rede war.

Nezenna

Hatte der Bischof hier einen Edelhof?

Eines Tages entdeckte ich kurz vor den Sommerferien am schwarzen Brett im Treppenhaus des Gymnasiums einen Zettel: „Landesmuseum sucht Grabungshelfer für die beiden letzten Juliwochen.“ Ich hatte mich schon vor den ereignislosen Ferien gegruselt, rief an, wurde mit dem zuständigen Kustos verbunden und erfuhr, dass die Grabung nur rund sieben Kilometer von meinem Zuhause entfernt war – eine gute halbe Stunde mit dem Rad. Ein sehr schüchterner Klassenkamerad, dem ich E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ geliehen hatte, interessierte sich auch für den Job, und so radelten wir zusammen am 19. Juli zum vereinbarten Dorf, wo der Kustos uns schon erwartete. Wir trugen alle Gummistiefel und stapften eine Wiese hinunter, die um so nasser wurde, je weiter wir uns dem Seeufer näherten, und da standen wir vor einer kleinen, mit Erlen bewachsenen Halbinsel, und der Kustos erklärte uns, wonach wir dort graben sollten: Nach Hausfundamenten aus Backstein und/oder Holz, denn hier solle der Bischof vor rund tausend Jahren einen „Edelhof“ unterhalten haben, vielleicht sogar einen Bischofssitz, der historisch bezeugt sei, aber es sei strittig, wo man ihn verorten könne, er habe Grund zu der Annahme, ihn hier zu suchen und nicht bei Schleswig, wo ihn andere vermuteten.

Wir legten also los, zunächst mit Spaten, dann, als erste Balken auftauchten, vorsichtiger mit Schaufeln, aber das zog sich hin, und wir hätten vielleicht hingeschmissen, wenn der Kustos nicht ein so unterhaltsamer Chef gewesen wäre. Er hielt sich ein Ende seines Taschenkamms unter die Nase und röhrte im unverkennbaren Führerton: „Ich werde niemals kapitulieren!“, oder erzählte aus seiner Gefangenschaft in Russland, wo sie ihn als studierten Frühgeschichtler sofort geschnappt und nach Nishni Nowgorod bugsiert hätten, wo er Ausgrabungen frührussischer Besiedlung leiten musste – mit nicht einem, sondern zwei Tellern Kohlsuppe pro Tag! Nach einer Woche stieß noch ein Mitschülerin zu uns, die den Zettel erst jetzt gesehen hatte. Und als seien Frauenhände nötig, um das zu vollbringen, legte sie, sorgsam pinselnd, gleich an ihrem ersten Tag eine gut erhaltene mittelslawische Keramik frei, einen schlichten, gerillten Topf, der Kustos war begeistert, fotografierte ihn „in situ“ – und als wir unter den Hausfundamenten nun noch schön geschliffene Steinbeile fanden, deren jedes uns bei Ablieferung 5 Mark einbrachte, war unser Glück perfekt. Mein schüchterner Klassenkamerad nannte die Co-Grabungshelferin Aurelie (bekanntlich die Hauptfigur der „Elixiere des Teufels“), sie waren fünf Jahre später verheiratet. Das war meine archäologische Sternstunde, und der von Helmold von Bosau in seiner „Slawenchronik“ erwähnte Bischofssitz Nezenna hatte nun endlich seinen richtigen Ort gefunden!



Lass mich deine Alice sein

Drei von den sieben Kameraden, mit denen ich dasselbe Zimmer teilte, sind mir noch gut in Erinnerung. Fritz Müller konnte wunderbar Koffer packen – Jacke und Hose, alles blieb faltenfrei. Von ihm lernte ich, die eine Schulter der Jacke in die andere zu stecken. Er hatte Schneider gelernt bei seinem Vater, war ebenso dünn wie zäh. Birger Rasmussen war ein Großstädter, mit seinen 23 Jahren schon mit allen Wassern gewaschen, Speditionskaufmann seines Zeichens. Er hatte ein üppiges Centerfold in die Spindtür gepinnt und rühmte sich, am Wochenende große Mühe zu haben, seine vier Freundinnen einzeln zu treffen, ohne dass sie einander begegneten. Und dann war da noch Mähdrescher, Landmaschinenvertreter, „Mach mal halblang!“ sagte er immer, wenn Birger mal wieder angab. Er hieß eigentlich Konni Barunke und schleppte beim Schießen die bleischwere Spritze – wie er das MG getauft hatte.

Birger sagte mir, wie leid es ihm täte, dass ich bei der Postausgabe nie was bekäme. Ob ich denn keine Freundin hätte, er könne mir sonst eine abgeben. Ich zeigte ihm die Postkarte von Alice aus Salem, in der sie sich beklagte, dass sie große Mühe mit Stochastik und Geschichte habe. „Ich habe ihr ein paar Tipps geschrieben und ihr das System der marxschen Klassengesellschaft und seine Dialektik erklärt. Keine Antwort!“ Aber schon drei Tage später kam eine Postkarte, auf der sie sich entschuldigte und mir mitteilte, dass sie mit Hilfe meiner Informationen das Abitur bestanden hätte. Von da an schrieb sie mir fast täglich, manchmal auch im Umschlag, und das war gut so, denn ein Satz wie „meine Nippel sehnen sich nach deinen Lippen“ hätte sich auf einer Postkarte nicht so gut gemacht.

Diesen Brief hatte ich auch in der Brusttasche an dem Tag, an dem ich den Gehorsam verweigerte und der Oberfeld uns den Pfingsturlaub strich. „Wen hat er wohl mit den Quertreibern gemeint?“ tönte Flieger Rempe und ging mit seiner Aufforderung, dem einen Riegel vorzuschieben von Zimmer zu Zimmer – nur unseres mied er. „Lass uns die Betten tauschen,“ schlug Mähdrescher vor, „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!“ Ich begriff nicht ganz, warum, aber Mähdrescher duldete keinen Widerspruch, und so zog ich ins obere Bett um. Nachts gegen drei gab es Lärm, Gekeuche, dumpfes Aufprallen von Schlägen, und der Tisch fiel um. „Was ist los?“, ich schreckte empor. „Nichts ist los,“ flüsterte Birger mir ins Ohr, kroch zu mir unter die Decke und flüsterte mir ins Ohr: „Lass mich deine Alice sein!“

Fritz Müller und Konni Barunke hatten blaue Flecken im Gesicht und Blutflecken im Bett. Es wurde nachgeforscht, aber der UvD hatte nichts bemerkt.

Eine Woche später bekam Birger, was in dieser Nacht mir zugedacht war: Ihm wurde der Kopf ins Klo und ein Besenstiel in den Arsch gesteckt. Und durch Vilma erfuhr ich, dass Alice in Salem erkrankt und vom Abitur zurückgestellt worden sei. Später habe ich ihr die Karten und Briefe gezeigt, die angeblich von ihr gekommen waren. „Hast du denn nie auf den Poststempel geguckt?“, fragte sie. „Aber meine Schrift hat er perfekt nachgemacht! Er muss dich wirklich geliebt haben!“

Das Wehr

„Bitte nimm es nicht ernster, als es verdient,“ sagte sie mit einer für ihre 15 Jahre erstaunlichen Abgeklärtheit zu dem jungen Soldaten, der noch völlig durcheinander war. Überraschend war ein Liebeserlebnis über ihn hereingebrochen, und dabei hatte er dem Mädchen doch nur beim Aufpumpen des Fahrrades geholfen. Als der Reifen wieder richtig hart war, hatte sie auf den Platz neben sich auf ihrem Handtuch gedeutet, er hatte sich hingefläzt, sie hatte ihn gefragt, ob er eigentlich wisse, wie nett er sei, hatte ihn mit ihren grünen Augen spöttisch angeschaut und ihm die weiße, sommersprossige Hand auf den Arm gelegt. Ihm waren Schrammen und Blutergüsse aufgefallen, die ihren Körper verunzierten, ja, ihre äußere Erscheinung hatte ihn beinahe ein wenig abgestoßen, gar zu schmächtig und hingehuscht erschien sie ihm, als sei sie in eine Maschine geraten, die sie in sich verdreht und abgeflacht hatte.

Der Lech trug seine glasgrüne Fläche mit stummer Eile an ihnen vorüber, es war ein gigantisches Fließen, ohne dass von Fließen eigentlich die Rede sein konnte, fast hatte man das Gefühl wie in einem anfahrenden Zug: Als werde der Bahnhof vorbeigeschoben. Es war eher die Schwäche, ja, Hinfälligkeit des Mädchens, die ihn angezogen und vermocht hatte, sie zu umarmen und sich auf kindlich-eilige Art unter der Wolldecke mit ihr zu vereinen, was sie beide mit Scham erfüllte, doch er fragte nach ihrer Adresse, und darauf kam dieses „Bitte nimm es nicht ernster, als es verdient.“ Er schob ihr Rad den Berg hinauf, dort oben irgendwo gab sie vor, zu wohnen, aber bevor sie in Blickweite ihres Hauses kamen, übernahm sie das Rad und bat ihn zurückzubleiben, weil ihre Eltern sie nicht in seiner Begleitung sehen dürften, ihr Vater besonders sei streng und würde sie schlagen.

Rüdiger kehrte in die Kaserne zurück, wo der Ausbildungsdienst ihn ablenkte und ein Gemälde in der Kantine ihn verdross; es stellte den Sommer dar. Dieser wurde verkörpert von einer drallen Blondine mit Ährenkranz, die ein Bübchen vor der Brust trug, an der freien Hand hing ein irdener Krug, eindeutig ein Blut-und-Boden-Gemälde aus der Nazizeit, über das Rüdiger sich bei der Standortverwaltung beschwerte, weil es an eine zum Glück endgültig überwundene und abgelehnte Epoche erinnere. Am nächsten Sonntag stellte er sich auf demselben Uferwiesenzipfel wieder ein, und wieder saß die Sommersprossige dort mit ihrem Fahrrad, das diesmal keinen Platten hatte, sie schien ihn erwartet zu haben, war nicht überrascht, aber diesmal sprachen sie lange miteinander, bevor sie unter der Wolldecke zusammenkrochen wie zwei Erfrierende. Sie klagte wieder über ihr Elternhaus, das ihr nur den sonntagnachmittäglichen Badegang an den Lech erlaube, sonst nichts, nicht einmal in die Pfarrgemeindejugend lasse man sie, gar nicht zu reden von Tanzveranstaltungen, und wenn ihr Vater erführe, dass sie einen Soldaten zum Liebsten hätte, er würde sie totschlagen, und sie ertrage es alles nur, weil sie einen Freund habe, dem sie alles anvertraue … Rüdiger horchte auf, aber sie lächelte ihn zärtlich an, hatte ihn absichtlich aufs Glatteis geführt und erläuterte nun, sie spreche von ihrem in Leder gebundenen Tagebuch, das mit einer Schließe verschlossen sei, für die sie den Schlüssel, sie wies auf das Kettchen an ihrem Hals, immer bei sich trage. Sie brauche das, ihrem Tagebuch erzähle sie alles. Ob er Freunde habe, denen er vertrauen könne. Das verneinte er, erwähnte aber den Kameraden mit dem Indiogesicht, der ihm immer half, beim Maskenball, wo alles schnell gehen musste, in die wechselnden Klamotten zu kommen … Der unschöne Körper der Kleinen war so geschmeidig und in all seiner Dürftigkeit so lasziv, dass Rüdiger alles tat, was er von ihm erheischte, und willenlos förmlich in ihn auslief. Anschließend war er erschöpft, traute sich nicht ins Wasser aus Angst, dem ungeheuren Druck nicht standhalten zu können und an das Wehr gedrückt zu werden, über das der Lech fast lautlos hinwegglitt, ihm war das einmal passiert, und er hatte Todesängste ausgestanden. Das Mädchen aber brach auf und bat ihn, diesmal ganz zurückzubleiben, so dass er liegen blieb und dem ungeheuren glasgrünen Vorbeigleiten zusah, bis er rennen musste, um vorm Zapfenstreich  in der Kaserne zu sein.

So ging es den ganzen Sommer, Rüdiger erhielt den Spitznamen Picasso, seit sich herumgesprochen hatte, dass er sich bei der Standortverwaltung über das Gemälde in der Kantine beschwert hatte. „Picasso, vortreten!“, befahl der Leutnant eines Mittags beim Appell, „im Dienstanzug zur Standortverwaltung! Sofort!“ Ein gemütlicher alter Major mit Doppelkinn empfing ihn Pfeife rauchend und Whisky trinkend, bot ihm auch ein Glas an, holte dann einen dicken Band „Kunst der Welt“ aus dem Schrank, schlug Pyramiden und Sphinx auf und fragte ihn: „Mögen Sie das?“ Er nickte und der Major behauptete, diese weltberühmten und immer noch sehr geschätzten Werke seien von tausenden von Sklaven errichtet worden. Dann schlug er den Blue Boy von Gainsborough auf, gegen den Rüdiger auch nichts einzuwenden hatte, der Major goss Whisky nach und erinnerte an das impressment, das Schanghaien zehntausender von Seeleuten für die britische Marine, gar nicht zu reden von dem Reichtum, der England aus den von Hunderttausenden schwarzer Sklaven bewirtschafteten Kolonien zufloss. Kunst sei immer auf einem von Zwang und Grausamkeit gedüngten Boden entstanden, so auch die Blut-und-Boden-Kunst der Nazis … Angetrunken und wütend auf sich selbst, weil ihm darauf nichts eingefallen war, kehrte Rüdiger in die Kaserne zurück und hoffte, am Sonntag erneut Trost in den Armen der Sommersprossigen zu finden. Aber sie blieb aus.

Kurz vor Schluss des Lehrgangs wurde ein Heraustreten zu ungewöhnlicher Zeit befohlen, der Leutnant war nicht allein, sondern ein Mann begleitete ihn mit einem zylindrischen Kopf, den eine brutale Glatze nach oben abschloss, ein glattrasiertes Kinn nach unten, und dazwischen nur Wut. Der Leutnant ließ sie im Stillgestanden stehen, was ungewöhnlich war, und der Fremde schritt die Front ab, schaute sich die Soldatenköpfe im Einzelnen an, und als Rüdiger ein quadratisches, in braunes Leder gebundenes Buch unter seinem Arm sah, wurde ihm mulmig. Hier wurde ein Kindsvater gesucht, und wenn die Kleine ihrem Tagebuch sein Aussehen anvertraut hatte, dann war er geliefert. Sollte er nicht am besten mannhaft den Arm heben und sich bekennen? Verdiente sie es nicht, dass er zu ihr stand? Die Vorstellung, was sie zu leiden gehabt hatte seit der Entdeckung, drehte ihm fast den Magen um. Er redete sich damit heraus, dass ein Melden, also ein Hochheben des Arms, im Stillgestanden nicht erlaubt war, der hasserfüllte Blick des Vaters tastete sein Gesicht ab und ging zum Nächsten über. Sie hatte ihn nicht beschrieben, kluges Ding! dachte er dankbar, aber nun lag die Verantwortung bei ihm: Sollte er sich davonstehlen? Mit dem Für und Wider dieser Frage beschäftigt, sah er den Mann stehen bleiben, das Tagebuch öffnen und auf eine Stelle zeigen. Der Leutnant schaute einen Soldaten namens Schlösser an, der in Kolumbien geboren war, ein hübscher Kerl mit einem Tattoo auf der Stirn, sah in das Tagebuch und nickte, Schlösser musste dem Mann ins Kompaniezimmer folgen, und Rüdiger schwankte zwischen Eifersucht und Erleichterung.

„Wir machen uns hier nicht gerade beliebt am Standort,“ sagte der Leutnant später, „wenn wir die minderjährigen Töchter der Bürger schwängern, die dann in den Lech gehen und man sammelt sie tot und plattgequetscht vom Wehr wie dieses Mädchen, dessen Leiche ich mir als Verantwortlicher habe anschauen müssen: Verdreht und mit Blutergüssen und Schrammen übersät, was für ein Ende für ein hoffnungsvolles junges Leben!“

1970

Ein feuchtfröhlicher Silvesterabend war es gewesen in der großen Villa, die mein Freund Horand von der üppigen Mitgift seiner Frau in der Nähe von Krefeld gekauft hatte. Es waren auch ein paar Nachbarn dabei gewesen, Freunde hatte er dort noch nicht, und freute sich, mit mir in der Küche ein paar Worte über Else wechseln zu können, die wir beide angebetet hatten, aber sie hatte von uns nichts wissen wollen. Horand hatte sich mit ihrer Freundin Sina getröstet, die noch den Vorzug hatte, Tochter eines steinreichen Versicherungsmaklers zu sein. Ich fand sie etwas trocken, doch als sie mir gestand, dass sie an Migräne leide, hatte ich sie in mein Herz geschlossen, für Frauen mit Migräne habe ich immer eine Schwäche gehabt, habe auch mal gelesen, dass sie meist besonders klug seien.

Nun gut, jetzt saß ich im Zug nach Basel. In Düsseldorf war ich umgestiegen und setzte mich in ein leeres Abteil. Freute ich mich darauf, nach Zürich zurückzukehren, wo ich einen Job als Korrespondent in der altehrwürdigen Rentenanstalt (heute Swiss Life) gefunden hatte? Ich verdiente dort das Doppelte von dem, was ich in Düsseldorf bei der Victoria (heute Ergo) verdient hatte – aber das Leben in der Schweiz war auch alles andere als billig, und um der Ausbeutung durch raffgierige Schlummermütter zu entgehen – so nennt man in Zürich Zimmervermieterinnen, meist Witwen mit Hund – war ich im Hotel Sternen am Zürichsee in ein Dachbodenkämmerchen gezogen, das mir die Wirtin für 120 Fränkli im Monat dauerhaft überlassen hatte. Dort hauste ich mehr recht als schlecht, aus einer Psychogruppe, in die ich durch die Adresse geraten war, die ein Kommilitone mir fürsorglich mitgegeben hatte, war ich, nachdem ich für kurze Zeit zum umworbenen Star aufgestiegen war – denn ich konnte Träume deuten, weil ich Freud gelesen hatte – rausgeworfen worden, als sie mitbekamen, dass ich nicht nur Soldat, sondern Reserveoffizier bei der Bundeswehr gewesen war – und diese Psychogruppe huldigte einem besinnungslosen Pazifismus. In Köln wurde die Tür meines Abteils aufgerissen, in dem ich so ruhig und gemütlich meinen Gedanken hatte nachhängen können, und eine Gruppe quietschvergnügter Weiber drängte herein, besetzte mehr als die fünf freien Plätze, indem sie einander auf den Schoß nahmen, Sektflaschen zückten und sich anzuheitern begannen, wobei sie lachten, schrien und mich als das Nichts behandelten, das ich ja war. Als sie dann auch noch zu rauchen begannen – damals gab es noch Raucher- und Nichtraucherabteile – ergriff ich die Flucht und verdanke alles, was sich im Kommenden ereignete und entwickelte, einem Verein juchzender und qualmender Keglerinnen und weiß nicht, ob ich ihnen dafür dankbar oder immerdar gram sein soll.

Bevor ich mich aber daranmache, diesen für den weiteren Verlauf meines Lebens so bedeutsamen Schicksalsknoten aufzudröseln, ein paar Worte zu dem, der Ihnen davon berichtet. Stellen Sie sich ein großes schlichtes weißes Gutshaus im Norden Deutschlands vor, im Englischen würde man es Mansion nennen, dort sitze ich in der linken Einliegerwohnung am Computer und tippe Erinnerungen in die Tastatur meines Computers. Mein Blick geht in einen Park hinaus, der überwiegend aus wuchtigen Eschen und Walnussbäumen besteht und überragt wird von einer riesigen Blutbuche. Wir wohnen hier nicht als Gutsherren, sondern sind deren Mieter in einer geräumigen Einliegerwohnung im Hochparterre, und mit unseren Vermietern verbindet uns ein ausgewogenes freundschaftliches Desinteresse, das es aber auch zuließ, dass ich ihnen die Kassetten der BBC-Serie „Downton Abbey“ auslieh, die sie mit so großem Vergnügen schauten, dass ihre Kinder aufbegehrten, weil sie lieber Fußball oder Seifenoper schauen wollten.

Wir, das bin ich – noch derselbe wie der, der damals nach Zürich zurückfuhr? So ganz löscht oder wechselt das Altern die Identität nicht aus – und meine Frau, die in der Küche gerade aus eingefrorenen Früchten, die wir selbst pflückten, Brombeermarmelade kocht. Ein bedrückender Schatten liegt über meinem Leben, seit bei meiner lieben großen Tochter in Köln im Sommer ein inoperabler, kaum behandelbarer Krebs festgestellt wurde, und der Schmerz, sie zu verlieren, wird noch potenziert dadurch, dass sie ein zweieinhalbjähriges Töchterchen hat, meine Enkelin. Dass mir das in meinem hohen Alter noch beschieden ist, lässt mich mit dem Schicksal hadern, aber Ursula, die als Mitarbeiterin eines ambulanten Hospizdienstes den Umgang mit dem Tod gewohnt ist, hält mich aufrecht. Das drohende Ableben meiner Tochter ist sicherlich auch ein Grund, mich meiner Vergangenheit zuzuwenden, wie sie es getan hat, als sie ein Familienhörbuch für ihr Töchterchen erstellte, denn es besteht die Gefahr, dass sie stirbt, bevor das Erinnerungsvermögen der jetzt Zweieinhalbjährigen einsetzt.

Ich machte mich also auf die Suche nach einem ruhigeren Abteil und fand eines, in dem zwar ein junges Paar mit Baby war, aber das Baby schlief, und außerdem war noch eine Dame etwa meines Alters in dem Abteil, die gerade ihren großen Samsonite Koffer ins Gepäcknetz empor wuchtete, wobei der Vater des Babys sie unterstützte. „Ist hier noch frei?“, fragte ich und erhielt eine nicht nur bejahende Antwort, sondern, wenn ich mich recht erinnere, sagte sie: „Aber selbstverständlich!“ Habe ich ihretwegen die Suche nach einem leereren Abteil aufgegeben? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte ich bald Gelegenheit, meine Wahl zu bereuen, denn das Baby fing an zu schreien, und als alles „Non piangere, tesoro!“ nichts half, legte die Mutter es an und still war‘s. Es entwickelte sich ein Gespräch, an dem ich allerdings nicht beteiligt war, denn ich konnte kein Italienisch, aber die mitreisende Dame sprach es perfekt, wie mir schien, auch sehr schnell, und als ich sie später fragte, ob sie Italienerin oder Deutsche sei, erwiderte sie geschmeichelt, sie sei Deutsche, habe aber für ihre Ausbildung sieben Jahre in Rom gelebt und dort das Italienische notgedrungen lernen müssen. Sie habe am Istituto del Restauro das Handwerk des Restaurierens erlernt, und blitzartig hatte ich die Eingebung zu sagen, dann sei sie ja die ideale Führerin für einen Besuch des Zürcher Kunsthauses. Sie schüttelte lachend den schmalen Kopf mit den schrägstehenden blaugrauen Katzenaugen: „Ich würde Sie nur auf Mängel, auf Craquelés und nachgedunkelte Firnisse aufmerksam machen, sicherlich auch auf schlechte Restaurierungen, und das ist es sicherlich nicht, was Sie im Kunsthaus erleben wollen!“ Ich beteuerte, ganz im Gegenteil würde gerade dieser besondere Aspekt mir sehr gut gefallen, da ich auch schon gelegentlich zum Pinsel gegriffen und mir autodidaktisch die handwerklichen Grundlagen der Malerei angeeignet hätte, so bevorzugte ich Tempera und miede Ölfarben. Das Baby wachte auf, sein Gebrüll war markerschütternd, seine Windel musste gewechselt werden, und auch dabei vermochte die Mitreisende das italienische Paar mit Rat und Tat zu unterstützen, und während mich der Geruch auf den Flur trieb, schien er ihr nichts auszumachen, ich verfluchte das Baby, weil es unser sich gut entwickelndes Gespräch so brutal unterbrochen hatte, aber wir nahmen den Dialog, gemeinsam in Basel umsteigend, wieder auf, und in Zürich verabschiedete sich die Dame, eine Kölnerin, wie ich inzwischen wusste, indem sie mir ihre Karte anbot, um sie für einen Kunsthausbesuch in ihrer Begleitung mal anzurufen. Ich nahm sie mit dem gebotenen Zögern im Empfang. Ach, hätte ich ihre Annahme doch verweigert, wieviel Kummer wäre mir – und ihr! –  erspart geblieben! Aber so ist es nun einmal: Die Frauen werfen die Angel aus – und wir ahnungslosen Männer beißen an!

Ganymed

Hermann Hubacher: Ganymed

Schon wenige Wochen später befand ich mich in einer Umgebung, in der ich meine Zunge hüten musste: Menschen von Einfluss und Reichtum, ein weltberühmter Pianist, eine Gastgeberin, die in ihren Kellerräumen darüber nachdachte, welches Bild sie als piece of conversation an die Wand hängen sollte, wenn Verleger, Autoren und berühmte Denker mit ihren Gattinnen eingeladen waren: Diesen Hodler, jenen Böcklin, oder gar einen Stich von Urs Graf? Und das alles waren keine Reproduktionen, wir sie zu Hause an der Wand hängen hatten, sondern Originale, eine Welt tat sich vor mir auf, für die mir die Begriffe und Maßstäbe fehlten, und ging ich mit meiner Freundin, der Restauratorin Norma, nach Hause in die Titlisstraße, versank ich dort in der im Umbau befindlichen Villa, die sie bewohnte, in eine fast zu bereitwillig, ja, fast gelangweilt zur Verfügung gestellte Sinnlichkeit.

Und warum musste ich meine Zunge hüten? Zwei Jahre zuvor hatte ich zu denen gehört, die in Köln die Auslieferung der verhassten Bildzeitung behinderten, nachdem ein von ihr aufgehetzter Lehrling Rudi Dutschke niedergeschossen hatte. „Besser kein Wort davon,“ hatte Norma mir empfohlen, ich hatte das Gefühl, wie weiland Ganymed von einem Adler in ungeahnte Höhen emporgetragen zu werden, und Zeus sah aus wie Schah Reza Pahlavi und hatte eine Tochter von so umwerfendem Liebreiz und so seidener Klugheit, dass auch Normas fast zu große Bereitwilligkeit, mir Freuden des Bettes zu bereiten, mich nicht davon abhalten konnte, mich hoffnungslos in sie zu verlieben.

Warum hoffnungslos? Zu meinem Geburtstag bekam ich ein ebenso kleines wie bedeutsames Geschenk von der Familie, in die es mich durch Normas Freundschaft mit Meret verschlagen hatte: Eine runde Metalldose, die mit magnetischer Kraft ein halbes Hundert stählerner Büroklammern in sich beherbergte und an sich band. „Hast du begriffen, was diese Gabe bedeutet?“ Ich schlug die Augen nieder, ich hatte es begriffen, mich erinnert, dass Gabe auf englisch gift heißt, und zerriss das Gedicht, das ich auf und für Meret geschrieben hatte, in tausend Stücke.

Waren die neuen Menschen, in deren Kreis ich verkehrte, nicht sogar verwandt mit jenem Alfred Escher, dessen ehernes Standbild vorm Bahnhof sich erhob? Er hatte die moderne Schweiz aufgebaut und auch die Firma gegründet, in der ich ein namenloser Korrespondent war – es gibt keinen Adel mehr in der Schweiz, aber etwas Vergleichbares: Ein altüberliefertes Großbürgertum von fast unumschränkten Privilegien.

Und weil ich, angeregt von der body art, ein Stück schreiben wollte, in dem der Held sich selbst mit der Pest infiziert und ausstellt, griff Merets Freund, der sich anschickte, Regisseur zu werden, nach dieser Idee, aber zunächst einmal wurde ich weitergereicht an den Familienonkel, der am Genfersee residierte, und durchforstete für ihn ein paar Bücher und Quellen über einen Schweizer Kardinal in der Zwinglizeit, der fast Papst geworden wäre, erledigte das zu seiner Zufriedenheit und kam so in den Genuss, eine Hand zu drücken, die auch schon Rilkes, Hofmannsthals, Charlie Chaplins und Hitlers Hand gedrückt hatte.

Im Marriotts

Der Blick geht in den Park hinaus, die Blutbuche und die Eschen sind kahl, meine Tochter wird auf die Palliativstation verlegt, während Romy noch in der KiTa ist, und wird wohl, vollgepumpt mit Morphium und Kortison, noch eine Weile am Abgrund entlang tänzeln. Ich aber klammere mich weiter an meine Erinnerungen, um dem Schwindel zu entgehen, der mich beim Blick hinab befällt.

In einer Duftwolke aus Chanel, Schweiß und Patschuli schwebten herein: Der saure Engel Irm Hermann, die elegante Ingrid Caven, der geschmeidige Boy Gobert und der mit dem Hut, nein, nicht Beuys, sondern Fassbinder und sein ganzer Clan. Sie reagierten mit Schweigen oder verächtlich-erstaunten Blickwechseln auf die Fragen der im rotbestuhlten Saal versammelten Presse, die sich vor allem dafür interessierte, ob die Darsteller und Künstler von dem Skandal nicht wenigstens ein bisschen berührt wären, denn die israelische Delegation war unter Protest abgereist. Ob der Film von Daniel Schmid nicht doch reichlich équivoque, wenn nicht gar explicitement antisémitique gewesen sei … So viel Naivität entlockte Rainer Werner nur ein verächtliches Grinsen, er zog hurtig eine Linie auf – und dann waren sie schon alle wieder weg, wir waren an der Reihe, Tommy, ich und unser Hauptdarsteller, zwar nahmen wir am Wettbewerb nicht teil, sondern waren nur von der semaine de la critique eingeladen, aber eine Pressekonferenz mussten wir geben, auch wenn ein Großteil der Journalisten zusammen mit der Fassbinder-Wolke den Saal verließ.

Norma hatte mich geheiratet, wir waren nach Köln gezogen, wo sie eine Stelle als Restauratorin am Wallraf-Richartz-Museum gefunden hatte. Tommy und ich hatten nach meiner Idee ein Drehbuch geschrieben, das freilich weder beim Fernsehen noch bei der Filmförderung auf Gegenliebe stieß. „Na, das war’s dann wohl!“, sagte ich – aber dann hatte Tommy noch ein paar geerbte Goldbergwerksaktien im Portefeuille, die verkauften sich gut, im Nullkommanichts hatten wir mit François Simon einen perfekten Hauptdarsteller und mit Renato Berta einen hervorragenden Kameramann, der Film wurde in der Schweiz scheel angesehen, aber er lief gut in arthouse-Kinos wie dem Tuschinsky in Amsterdam, der Kritik im Ausland gefiel er und räumte in Mannheim den nur dies eine Mal vergebenen Josef-von-Sternberg-Preis ab, die Aureole von Marlene Dietrich schimmerte von ferne, und die Eidgenossen hatten ein Einsehen und akzeptierten den Film jetzt auch.

Nun war es ein Leichtes, eine Finanzierung aufzubauen, das ZDF stieg mit einem kleinen sechsstelligen Beitrag auf unser Drehbuch nach einem Roman von Robert Walser ein, Tommys Vater bürgte für den Rest, unser zweiter Film kam zustande, und für den waren wir nun im Marriotts in Cannes und kamen uns im Vergleich zur Fassbinder-Kamarilla reichlich hausbacken vor, als Svizzerotti, zumal die Presse kaum Fragen an uns hatte, uns Komplimente machte, aber unser Werk war leider weit davon entfernt, einen Skandal auszulösen.

Jetzt ist Romylein, meine Enkelin in Köln, aus der KiTa zurück und baut aus Duplosteinen eine Stadt, die manchmal aber auch ein Stall ist, in den sie Pferdchen oder Dinos stellt, und vielleicht setzt sie sich auch den spitzen Hut auf, schwingt das Zauberband, verwandelt ihre bekümmerte Großmutter in ein Schaf und ist erst zufrieden, wenn es blökt.

Delilah

Samson wurden von seiner Geliebten die Haare abgeschnitten und er verlor seine Kraft. Dir wurden sie von einem Samson namens Sarkom abgeschnitten, und Dein äußerer Mensch verdarb, aber der innere wurde von Tag zu Tag stärker, bis er riesenhaft über Dir und uns emporwuchs. Mutig und lächelnd gingst, ja, tänzeltest Du Deinem Tod entgegen, tröstetest uns, die wir Dich zu trösten bald aufgaben, weil Du uns von der Kraft abgabst, die Dich das Unerträgliche ertragen ließ. Als die Diagnose aber vollstreckt wurde, denn sie war ein Todesurteil gewesen, rissest Du wie Samson mit Deiner Riesenkraft einen Pfeiler ein, der das Haus unseres Lebens stützte, und nun steht es schief und droht ganz einzustürzen. Denn dieser Pfeiler warst Du selbst – und wir haben es nicht gewusst!

Was zählen eigene Erinnerungen noch vor der ungeheuren Lücke, die Du hinterließest?! Erinnerungen an Dich sind es, die sich mir aufdrängen. Rittest Du nicht 2003 auf dem Turnier von Smithers und gewannst eine Schleife? Halfst mit Deiner Gastschwester, die Dich auch betrauert, auf der Ranch Trakehnerhof bei Hazelton Pferden bei der Geburt ihrer Fohlen? Führtest Touristengruppen zu Pferde um den Teide auf Teneriffa? Standest einer unglücklich in Costa Rica verheirateten Reitlehrerin bei, sich von ihrem Macho von Mann zu trennen, und nun stand sie, die Dich zur Patin ihrer beiden Söhne machte, weinend auf dem Melaten am ausgehobenen Loch, in das Dein fassungsloser Mann Deine Asche versenkte? Halfst Du nicht den Massai in Kenia, durch Grasbanken ihr lebenswichtiges Vieh abzusichern? Bauern in Namanga und Makueni, besseres Saatgut und zähere Ziegenrassen zu nutzen? Entlassene Straffällige zu Seifensiedern und Joghurtmachern auszubilden? Aidswaisen Schulunterricht zu ermöglichen? Schrieben sie Dir nicht einen Nachruf: „She was a light to everyone she met. She was a good listener. May her soul rest in eternal peace, Amen“? Und war nicht die einzige Angst, die Dich ergriff, die um Dein größtes Glück, Deine zweieinhalbjährige Tochter, da sie sich Deiner wohl nie erinnern würde?

Wie erinnere ich mich an die Vierjährige die mit rosa Sonnenhut und in blauem Kleid über den Markt von San Gimignano tanzte! Die so erschrocken und begeistert war, als ihr im Wald bei Volterra ein Kaltblüter entgegenkam, der sich losgerissen hatte! Die einen Molch aus einem der vielen Brunnen so sorgsam und zärtlich in der Hand hielt! Die laufen lernte, indem sie sich einfach vornüberfallen ließ und mit trippelnden Schritten das Hinfallen unterlief!

Die wenigen Lebensjahre, die ich noch zu erwarten habe, wie gern hätte ich sie Dir, die halb so alt war, gespendet! Aber auf einen solchen Handel lässt Frau Tod sich nicht ein. Fast schäme ich mich meiner überflüssigen, wenn auch wackligen Gesundheit! Aber vielleicht kann ich meiner Enkelin noch ein wenig von Dir, der wunderbarsten, geschorenen Delilah erzählen, die noch die Kraft fand, mit Perücke und in weißem Hochzeitskleid in der Rentkammer des alten Rathauses mit seinen Kreuzgewölben zu heiraten und kurz darauf Trauzeugin ihrer geliebten Schwester zu sein, die sie so treu bis zur bitteren Erlösung begleitet hat!

Tratteggio

Natürlich kennen Sie Ennio Morricone. „Spiel mir das Lied vom Tod.“ Nicht jeder kennt Severino Gazzelloni, den virtuosen Flötisten. Und Almidano Artifoni, kennen Sie den? Wenn ja, dann haben Sie Joyce gelesen, denn im „Ulysses“ kommt er vor. Was haben sie gemeinsam? Es sind hinreißend schöne italienische Namen. Und auch dieser gefiel mir: Cesare Brandi. Wer war das? Ich lernte ihn durch Norma kennen. Er war der geistige und praktische Vater des Instituts gewesen, an dem sie ausgebildet wurde, ein wahrer Cäsar der Restaurierkunst.

Brandi entwickelte die Lehre von der doppelten Geschichtlichkeit des Kunstwerks: Es entstammt einer bestimmten Epoche mit ihren ästhetischen, religiösen und handwerklichen Eigenheiten. Die ästhetischen und religiösen Voraussetzungen sind Sache der Kunsthistoriker, die handwerklichen aber müssen vom Restaurator dringend gekannt, beherrscht und angewendet werden. Ein in Tempera gemaltes Bild darf nicht mit Ölfarben restauriert werden. Das ist die eine, die Ursprungsgeschichlichkeit.

Die andere ist die des Überdauerns eines Kunstwerks durch Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende hindurch. In diesen oft großen Zeiträumen verändert es sich, altert, dunkelt nach, nimmt Schaden, wird restauriert oder sogar übermalt. Und ist es Aufgabe des Restaurators, diesen Prozess gleichsam unsichtbar zu machen? Nein, auch diese Geschichtlichkeit soll er respektieren. Er soll Alterung und Schäden unauffällig machen, aber nicht kaschieren. Es ist nicht Aufgabe des Restaurators, ein Kunstwerk wie neu aussehen zu lassen. Das wäre Fälschung. Die Flächen, an denen er die Fehlstelle eines Gemäldes ausgefüllt hat, soll er kenntlich machen, indem er zwar die dahingehörige Farbe verwendet, sie aber so aufträgt, dass es bei näherem Hinsehen erkennbar ist: nämlich schraffierend. Dieses sog. Tratteggio ist das Kenn-, ja, das Markenzeichen der von Cesare Brandi gelehrten Restaurierkunst.

Norma war eine meisterhafte Restauratorin und arbeitete unter Wolfgang Hahn, der ihr die Arbeit weitgehend überließ – denn er hatte sein Interesse an moderner zeitgenössischer Kunst entdeckt, holte die Popkunstsammlung des Aachener Printenbäckers Peter Ludwig und seiner Frau Irene ins Wallraf-Richartz-Museum, während Norma schuftete. Zu ihrer Entlastung nahm sie Schülerinnen an, darunter eine Deutschrussin – der ich im wörtlichsten Sinne des Wortes verfiel. Was sie an mir fand, weiß ich nicht. Ich war doppelt so alt wie sie. Und als Norma an ein anderes Museum ging, folgte ich ihr nicht, sondern folgte Larissa, die nach Bochum zog, um sich zur Puppenspielerin ausbilden zu lassen.

Heimsuchung

Ich komme zu derjenigen Liebe, der Du entsprangst und Deine Geschwister, liebe Verstorbene. Während mein Bruder bei München in der Kapelle eines Gutshofs hauste, ein selbstzufriedenes Leben als Reiter, Pferdezüchter und Siemensianer führte, folgte ich der Frau, die ich durch eine Kontaktanzeige in der Westfälischen kennengelernt hatte, nach Duisburg Marxloh, wo sie im Haus ihres Großvaters, des „gottlosen Malermeisters“, wohnte, spazierte nächtens mit ihr durch den Schwelgernpark und hielt Händchen im rotwabernden Licht der nahen ablöschenden Kokerei und inhalierte tief den Duft nach Schwefelwasserstoff …

Ach, hätte ich gewusst, ein wie plötzlich gekapptes Leben Dir bevorstand, wieviel mehr noch hätte ich Dich geliebt, hätte mich bemüht, die Bücher zu lesen, die Du lasest, und die Musik zu verstehen, die Du hörtest. Aber so habe ich Dich eitel geschätzt als ein selbstverständliches und verdientes Ornament meines Lebens, das plötzlich weggekratzt wurde vom Krebs und nun stehe ich arm da und kann nur versuchen, denselben Fehler bei meiner anderen Tochter und bei meinem Sohn nicht zu wiederholen.

Nach Jahren vergnügten Kellnerns in einem Kölner Café, unterbrochen durch Reisen nach Columbien, Costa Rica und Kuba im Dienst verschiedener NGOs, hast Du endlich eine Stelle gefunden, die Deinem Studium der Lateinamerikanistik entsprach, warst für die Zukunftsstiftung Entwicklung der GLS-Bank in Kenia, Peru und Nepal, und Deine wohlwollende Chefin wollte Dich zu ihrer Nachfolgerin aufbauen. Dann fandest Du den Mann, den Du zum Vater machen wolltest, das Kind kam – und Du warst der glücklichste Mensch, wir alle teilten Dein Glück, vor allem Deine Schwester, die schon ein dreiviertel Jahr vor Dir Mutter geworden war.

Doch es schlug ein Blitz namens Sarkom ein und vernichtete Dich binnen eines halben Jahres. Trauer, Trauer, Trauer, ein Nichtfassenkönnen, das nicht weichen will, hin und wieder Ausflüge ins Labyrinth des Selbstmitleids, die alles nur noch unerträglicher machen – was bleibt, ist, dass wir uns an Dein Töchterchen klammern, in dem Du ja fortlebst, und versuchen, ihrem Vater nach Kräften beizustehen, sein Leben als alleinerziehender Witwer mit seiner Arbeit als Ingenieur unter einen Hut zu bringen.

Ich zitiere aus Kurt Vonneguts „Schlachthaus Nr. 5 oder der Kinderkreuzzug“: „Das Wichtigste, was ich auf Tralfamadore (einem fiktiven fernen Exoplaneten) gelernt habe, war, dass eine Person, wenn sie stirbt, nur zu sterben scheint. Sie ist noch sehr lebendig mit der Vergangenheit verknüpft, es ist daher sehr töricht von den Leuten, wenn sie bei ihrer Beerdigung weinen. Alle Augenblicke – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – waren immer vorhanden, werden immer vorhanden sein. Die Tralfamadorianer vermögen alle verschiedenen Augenblicke ganz so zu betrachten, wie wir z.B. einige Bergzüge der Rocky Mountains betrachten können. Sie können sehen, wie Augenblicke fortdauern, und jeden Augenblick beobachten, der sie interessiert. Es ist nur eben eine Illusion, die wir hier auf der Erde haben, dass ein Augenblick dem anderen folgt wie Perlen auf einer Schnur, und dass, wenn ein Augenblick vorbei ist, er für immer vorbei ist.“ Diese Vorstellung ist gar nicht so weit hergeholt, sie beruht auf Einsteins These, dass die Zeit eine vierte räumliche Dimension sei, dass es im sog. Blockuniversum nur eine einzige Gegenwart gibt.

Als Wahl-Tralfamadorianer betrachte ich Deine Zeit auf Teneriffa mit dem schwarzen Hengst, den nur Du reiten konntest, in British Columbia mit Jorinde, in Costarica, Stockholm, New York und Rom mit Wiebke, die Aufenthalte auf Kuba, in Kolumbien für NGOs, aber auch die Zeit in Köln, als Du so gerne Gäste bedientest, Dein Studium mit Deiner Namensvetterin, die Zeit in der Arnulfstraße, den Ausflug ins gemütliche Bochum, wo wir das Theater besuchten, die Arbeit für die Bochumer Bank und die Reisen nach Kenia, Peru und Nepal, Deine Reisen mit Berti und dem Eiskimo nach Slowenien, Frankreich und Kroatien, Dein Glück in der Speestraße, Mutter von Romy zu werden und Dein Strahlen als Bertis Braut im Remter des alten Rathauses von Köln – nicht zu vergessen Dein Kinderglück mit Anna und Jan in Volterra … All das ist nicht verloren, nur die ist für uns ungreifbar geworden, die davon erzählen konnte, um so wichtiger, dass wir uns erinnern und davon erzählen!

Wiederhole ich mich? Habe ich das alles nicht schon mal gesagt? Während mein Erinnerungsvermögen sich schlafen legt und ich unmerklich in Richtung Demenz schliddere, muss ich Dein schreckliches und so heldisches Sterben verkraften, liebe Tochter, Nacht um Nacht suchst Du mich heim, nicht im Traum, sondern als wandelnder, cortisongetränkter Vorwurf, Dich je gezeugt zu haben. Nein, das ist ungerecht, Du hast gerne, glücklich und abenteuerlich gelebt, hast Dein Töchterchen über alles geliebt und bis zum letzten Moment gestillt – hat es sich bis dahin nicht auch gelohnt?

Paris und Leda

Was für eine fremde, was für eine manchmal bedrohliche Welt! Sie wimmelte von Taranteln, Fledermäusen, Molchen, Schlangen und Salamandern. Saugten die Fledermäuse unser Blut? Würde ein Tarantelbiss töten? Aber diese Welt war zugleich freundlich, zugewandt, nahrhaft, wohlschmeckend und schön! Wenn Paris, der alte Gartenbesorger, mit seiner Frau Leda von den tiefer gelegenen Beeten heraufgestapft kam, stolz die Schlange zeigte, die schlaff in der Astgabel hing, mit der er sie erwürgt hatte – und uns dann die Plastiktasche reichte, angefüllt mit Zucchini, Auberginen, Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch, manchmal waren auch Kirschen und Pfirsiche dabei – dann waren wir verlegen, weil er uns die Rolle von Gutsherren überstülpte – und dabei waren wir nur Feriengäste eines Schweizers, ich dankte ihm vielmals in meinem eingerosteten Italienisch, und Leda lud uns ein, einmal zu ihnen essen zu kommen – bei ihnen würden wir die Küche der Tos-hana kennenlernen … Sie schwangen sich in ihren Ape und bretterten in einer Zweitakter-Staubwolke davon. Das waren Paris und Leda, eigentlich hätten sie Philemon und Baucis heißen müssen, und wir, die zugereisten Gäste aus dem fernen Germanien, waren die Götter, die von ihnen verwöhnt wurden! Julia, Du liebe, blicktest mit leuchtenden Augen zu ihm, dem Schlangentöter, auf und wolltest das gestreifte Untier unbedingt aus der Nähe betrachten, Anna sicherte sich ein paar Kirschen, und Jan speicherte gelassen jedes Detail, auch die Verlegenheit seiner Eltern, in seinem ebenso bewundernswerten wie gefährdeten Gedächtnis, über das manchmal eine schwarze Wolke zog.

Und gingen wir zu ihnen essen? Natürlich! Es wäre nicht bescheiden, sondern unhöflich gewesen, diese Einladung nicht anzunehmen. Aus den Fenstern ihrer im vierten Stock gelegenen Wohnung konnten wir über die schiefergedeckten Häuser der Altstadt blicken, drei grau getigerte Katzen mit buschigen Schweifen gingen dort ein und aus, Paris beteuerte, sie hätten noch nie eine Pfote auf den Erdboden gesetzt, und Leda bewirtete uns mit Panzanella, einem mit ölgetränktem Brot angemischten Salat, es folgten Tintenfischnudeln und dann ein rätselhaftes Gericht, Cacciucco, eine Art tos-hanischer Tomatensuppe, in der Knurrhahn, Muscheln und Garneelen schwammen, zum Abschluss gab es eine Torta della Nonna, einen köstlichen Zitronenkuchen, dazu tranken wir Vernaccia di San Gimignano, den Wein, der schon Dante und Boccaccio inspirierte (warum nicht auch mich?), und mittels Espresso frischten wir Eltern unsere Lebensgeister wieder auf, während die Kinder spremuta d‘arancia mit Strohhalmen schlürften. Wenn ich doch alles verstanden hätte, was die beiden uns erzählten! Sie waren mit halb Volterra verwandt und verschwägert, hatten vierzehn Enkel und bereits vier Urenkel, aber auch viele Krankheits- und Todesfälle zu beklagen, und ihren Schwiegersohn, den alabastraio an der Piazza della Pescheria, müssten wir unbedingt besuchen!

Und so spazierten wir an einem Regentag durch die Werkstatt von Antonio, einem der vielen Schwiegersöhne von Paris und Leda. Alabaster ist weißer kristalliner Gips, ist sehr leicht zu bearbeiten und hat oft bräunliche Einlagerungen, die das Werkstück wie gemasert aussehen lassen. Anna entschied sich für einen Eierbecher, Jan für einen wolkig durchzogenen Teller, Julia für eine wunderschöne Vase oder Urne, noch nicht ahnend in ihrer munteren Kinderanmut, dass ihre Asche 38 Jahre später in einer solchen auf dem Melatenfriedhof in Köln beigesetzt werden würde, und ich wählte eine schneeweiße Étagère, nachdem ich eine Weile um eine ebenso schneeweiße Venus von Milo herumgeschlichen war, die mitzunehmen ich mich aber schämte vor meiner Frau, die ein Herz aus Alabaster erwarb. Und während Hammer und Meißel ihr Kling-klong erzeugten, erscholl aus einem Kofferradio ein Schlager: „Vagabondo!“ sang der wohlklingende Bariton von Nicola di Bari und beklagte, dass er einsam und barfuß durch die Straßen ziehe, weil er seine Schuhe längst habe verkaufen müssen … Die Étagère schenkte ich meiner Mutter, sie liebte sie sehr, sah zu, dass immer Obst darauf lag, und sie begleitete sie bis ins Altersheim und bis zu ihrem Tod.

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