Vorbemerkung

So fing das Lesen für mich an. Nein, natürlich begann es mit einer Fibel und Bilderbüchern wie dem „Struwwelpeter“, den „Wurzelkindern“ und der „Häschenschule“. Dann kam Karl May – und dann „Der Frühling des Lebens“ von Marjorie Kinnan Rawlings, in dem ich zum ersten Mal was von Süßkartoffeln (heute mein Lieblingsgemüse) las … In „Das siebte Kreuz“ lernte ich eine fast unerträgliche Spannung aushalten, Kästner brachte mich zum Lachen und bei der Lektüre von „Taifun“ begriff ich, dass ich meinen Urgroßvater bewundern konnte, der Kapitän eines kleinen Dampfschiffs mit Segeln gewesen war, dass ich aber selbst nicht zum Seemann taugte … Alle vier Romane im Rotationsdruck auf Zeitungspapier gedruckt, daher rororo!
Andrej Kurkow: Graue Bienen
Diogenes, Zürich 2019
Kurz: Ein Imker fährt mit seinen Bienen auf die bereits von Russland annektierte Krim, aber sein tatarischer Imkerfreund ist verschleppt und tot, enttäuscht kehrt er in sein nur noch von ihm und seinem Schulfeind bewohntes Heimatdorf im Donbass zurück.
Rezension:
Ein Roman über den imkernden Sergej, der im Donbass in der „Grauen Zone“ zwischen ukrainischen Kämpfern und Separatisten mit seinen sechs Bienenvölkern lebt und sich an die über ihn hinwegfliegenden Geschosse schon so gewöhnt hat, dass er sie gar nicht mehr beachtet. Zu einem im Schnee liegenden Toten kriecht er hin und häuft Schnee über ihn, findet in seinem Rucksack viel Zuckerzeug für Kinder. Als er später von Kindern hört, dass der Weihnachtsmann dies Jahr ausgeblieben sei, erkennt er, dass der Tote wohl auf dem Weg zu den Kindern erschossen wurde. Sergej wohnt in der Leninstraße, sein Schulfeind Paschka in der Schewtschenko-Straße. Eines Nachts tauscht Sergej die Straßenschilder aus, und nun wohnt er in der Schewtschenko-Straße, Paschka in der Leninstraße, weil das passender ist – und Paschka findet das auch. „Die Furcht war ein unsichtbares, schwer zu fassendes Ding. Wie ein Virus oder eine Bakterie. Man konnte sie mit der Luft einatmen, zufällig mit Wasser oder mit Wodka verschlucken oder durch die Ohren einfangen, auf jeden Fall konnte man sie mit den Augen sehen, und das so eindrücklich, dass ihr Spiegelbild sogar dann noch blieb, wenn die Furcht selbst schon verschwunden war.“ Sergej sucht die bereits von Russland annektierte Krim auf, aber der tatarische Imkerfreund, den er besuchen will, ist verschleppt und verschwunden, und bei der Ladnerin Galja will er auch nicht bleiben: „Ja, sie ist eine gute Frau, dachte er. Sie kocht großartig. Und es ist nicht gerecht, dass sie allein in diesem Haus leben soll. Ohne Mann, also sinnlos! Aber sie ist schon sehr einfach. Auch ihr Name ist einfach – Galja. Und das Leben mit ihr wäre wohl auch zu einfach.“ So kehrt er in sein Dorf in der „Grauen Zone“ zu seinem Schulfeind Paschka zurück, mit dem er sich inzwischen angefreundet hat, weiter wird über ihn hinweggeschossen, aber wenn es ihm schlechtgeht, legt er sich auf seine Bienenvölker schlafen – ihr Summen tut ihm gut und heilt ihn.
Dieser Alltagsroman aus Kriegsgebiet ist die originelle Verbindung eines ausgefeilten Plots mit einfachster Sprache. Kurkow ist ein erfahrener Drehbuchautor, der weiß, wie man Spannung erzeugt. Ein liebenswürdiger Roman, von dem nicht loskommt, wer sich auf ihn einlässt, ausgezeichnet übersetzt von Johanna Marx und Sabine Grebing – man könnte meinen, er sei auf Deutsch und nicht auf Russisch geschrieben worden.
Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden
Rowohlt, Hamburg 2021
Kurz: Jugenderinnerungen des 1948 geborenen Schauspielers Edgar Selge, eine Gratwanderung zwischen Hass auf die immer noch in Nazi-Kategorien denkenden Eltern und der Liebe zu ihnen, eine Gratwanderung auch zwischen der Liebe zur klassischen Musik und der Verachtung für ihre Interpreten, wenn sie sich haben missbrauchen lassen. Der 10-12jährige Edgar flüchtet in seine phantastischen Bearbeitungen des Entsetzlichen und in die Welt des Kinos.
Rezension:
Als Johnny Cash 1968 vor den Insassen von Folsom Prison seinen Blues anstimmte und den frenetischen Jubel des mit MPs in Schach gehaltenen Publikums erntete, war das ein Meilenstein im Verhältnis von Strafvollzug und Musik. Kein Meilenstein war es, als rund 10 Jahre vorher der Direktor des Jugendgefängnisses Herford 80 Insassen seiner Einrichtung immer wieder in seine bürgerliche Wohnung einlud und mit Violinsonaten von Bach und Mozart bis Schumann musikalisch bildete und sie hinterher mit Leberwurstschnittchen und Apfelsaft beköstigen ließ. Sein Ziel war es, diesen Entgleisten und Gescheiterten einmal ein heiles Familienleben und seine Musikkultur vorzuführen im Glauben, sie dadurch zu bessern. Aber sein Sohn, der 10jährig in der ersten Reihe sitzt, würde die Gefangenen gern fragen: „Was denkt ihr, wenn ihr die seht? Und diese Musik hört, die euer Chef da mit dem fremden fiedelnden Mann spielt? Was denkt ihr, wenn ihr mich seht? Du hast es gut? Oder denkt ihr: Wir sind zwar im Knast, aber du bist in der Irrenanstalt.“
Rund 60 Jahre später nutzt dieser Junge, aus dem ein Schauspieler geworden ist (der für seine Darstellung von Houellebecqs „Unterwerfung“ am Hamburger Schauspielhaus berühmt wurde), den coronabedingten Lockdown, um seine Kindheitserinnerungen zu Papier zu bringen. Sie sollten ursprünglich unter dem Titel „Hauskonzert“ erscheinen, aber den Titel hatte sich Igor Levit für seine (auch im Lockdown entstandenen) Erinnerungen gesichert, und da schlug die Lektorin Selge diesen Satz aus dem Traum von der Mutter vor: „Hast du uns endlich gefunden“ – nicht als Frage, sondern als Feststellung. Und tatsächlich ist dies ein Buch über Eltern geworden, die von der Naziideologie, die sie geprägt hat, noch immer durchtränkt sind – und von ihren Kindern gesucht und gefunden werden müssen – und das gelingt Edgar trotz aller Schläge mit dem Rohrstock, trotz aller Ohrfeigen, die er vom Vater bezieht, die Mutter bevorzugt einen Teppichklopfer für die Tracht, die sie ihm verabreicht. Aber tatsächlich ist dieser Edgar Selge ein unartiger Junge: Er ist süchtig nach Kino, hat aber nie Geld, bestiehlt deshalb seinen Bruder, veruntreut die Klassenkasse, eignet sich trickreich Wechselgeld von Einkäufen an. Er kippt Kakao über den Kopf seiner ersten Angebeteten, nur um von ihr beachtet zu werden, spielt dem schwergewichtigen Gefängnisverwalter Linnenbrügger einen Streich, indem er bei ihm klingelt und wegläuft, löst bei dessen Begräbnis beim Vater einen Lachkrampf aus und muss das Sterben, die Versehrtheit um ihn her (der Gefängnispfarrer, der ihn als nächtlichen Kinogänger verpfeift, hat ein Holzbein) spielerisch auffangen, indem er, auf dem Birnbaum sitzend, den Generalfeldmarschall Kesselring spielt, der zerstört, indem er die Lieblingsbirnen des Vaters als Bomben abwirft, mal auf Rotterdam, mal auf London oder Warschau, Menschen tötet und dann hinabsteigt und an den Leichen betet … Der Wahnsinn des Krieges wird in diesem Nachspielen des Entsetzlichen fassbarer als in direkter Schilderung, zumal wenn man weiß, dass der Vater, der sich nicht entblödet, den eigenen Sohn sexuell zu bedrängen, den erwähnten Marschall und seine Gesinnungsgenossen im Gefängnis Werl so gut behandelt, mit ihnen fraternisiert hat, dass er von ihnen ein Buch mit Widmung geschenkt bekam, das jetzt noch in seiner Bibliothek steht.
Selge gelingt ein Drahtseilakt zwischen Elternliebe und Elternhass, der einmalig ist und dieses Buch zu einem „must read“ aller macht, die in den 40er Jahren geboren wurden – und vielleicht auch ihrer Kinder, damit sie besser verstehen, aus was für einer beschädigten Welt ihre Eltern stammen. Und ein besonderes Lob gebührt dem älteren Bruder Werner, der den Eltern die Leviten liest, wenn sie ihren Antisemitismus begründen: „Regt euch doch nicht auf. Ihr habt ja gründlich aufgeräumt. Jetzt könnt ihr zufrieden in eurem arischen Mief sitzen und euch an der eigenen Tiefe berauschen. Seele im Überfluss.“ Ein Drahtseilakt ist es auch zwischen Liebe zur klassischen Musik – und Wut darüber, wie ihre Interpreten, „Knattercharge“ Karajan z.B., sich haben benutzen und missbrauchen lassen. Heute macht Anna Netrebko vor, wie man sich dem notfalls entziehen kann.
Dieses Buch, in dem ein 74Jähriger seine Jugenderinnerungen perfekt inszeniert und aufschreibt, verliert kein Wort über den Werdegang Selges als Schauspieler, aber man begreift jetzt, warum es ihm Spaß gemacht haben muss, in 17 Folgen von „Polizeiruf 110“ den einarmigen Kommissar Jürgen Tauber zu spielen. Und an vielen Stellen erkennt man: So genau beobachtet und merkt sich menschliches Verhalten nur ein professioneller Schauspieler, verleibt die Verhaltensweisen seinem mimetischen Fundus ein. „Ich weiß noch,“ erzählt der Vater vom Tod seines Bruders 1918, der auch Werner hieß, „wie mein Vater durchs Wohnzimmer ging, in der einen Hand das Telegramm mit Werners Todesnachricht, mit der andern bedeckte er seine Augen, damit niemand seine Tränen sah.“ „Das muss ich mir merken,“ fährt Selge fort. „Diesen Gang deines Vaters (seines Großvaters) durchs Wohnzimmer möchte ich nie vergessen.“ Ob er ihn nachgespielt hat – in einem der zahllosen Stücke und Filme, an denen er mitwirkte?
Kate Atkinson: Die Unvollendete
Droemer/Knaur, München 2013
Kurz: Ursula Todd muss, um durch das Jahrhundert der zwei Weltkriege zu kommen, immer wieder neu geboren werden. Köstliche Charaktere, herrliche Fiktion, ein Buch, um sich selbst zu begegnen und den vielen Zufällen, denen wir und unsere Eltern und Großeltern das Überleben verdanken.
Rezension
Sollte der Krieg nicht aus allen Frauen Pazifistinnen machen?“ Diese Frage stellt sich Sylvie, Mutter von Ursula Todd, der Heldin dieses 2013 erschienenen Romans, als sie die Begeisterung beim Kriegsbeginn 1914 auf einem Londoner Bahnhof erlebt. Soviel ich sehe, hat ihn nur die Frankfurter Rundschau von den überregionalen Blättern (als „meisterhaft“) rezensiert, dafür aber überschlagen sich regionale Zeitungen und auch die Rezensionen bei amazon (kann man ihnen trauen?) vor Begeisterung. Ursula Todd, einer gutbürgerlichen Bankangestelltenfamilie entstammend, muss immer wieder geboren werden, um den Risiken des furchtbaren 20. Jahrhunderts zu entgehen: der Spanischen Grippe und den Bombardements des zweiten Weltkriegs (sowohl auf deutscher wie auf englischer Seite), aber auch dem Ertrinken beim Baden im Meer, einer brutalen Abtreibung, einer Kohlenmonoxid-Vergiftung in der Nachkriegszeit. Aber sie lernt aus Fehlverhalten, zieht Schlüsse, hat „déjà-vu“, wird von Dr. Kellet belehrt, dass es ein Wiedergeborenwerden gibt, oder wird ganz einfach durch eine zufällig hinzukommende Person gerettet. Kate Atkinson beschreibt in „Life after Life“ (deutscher Titel: „Die Unvollendete“ – ein durchschaubares Marketingmanöver, um die berühmte Sinfonie Schuberts zu nutzen) die vor allem England, aber auch Deutschland betreffenden Katastrophen konsequent aus der Sicht der Frauen, die zuhause bleiben, für die Helden im Felde stricken, um sie dann als Ruinen oder gar nicht wieder zurückzuerhalten, die als zivile Hilfskräfte tätig werden im so brutal in der deutschen Literatur m.W. nirgends geschilderten Bombenkrieg, und in einer Lebensvariante Ursulas gerät sie 1930 als Freundin Eva Brauns in den engeren Kreis Hitlers und schießt auf ihn – eine andere und fürs britische Bewusstsein weniger beschämende Unity Valkyrie Mitford …
Warum ist dieses Buch in der überregionalen Presse so wenig beachtet worden? Weil es von einer erfolgreichen Krimiautorin stammt? Vielleicht. Weil es so vermessen ist, mit einem furchtbaren halben Jahrhundert abrechnen zu wollen? Keine Ahnung. Vielleicht aber auch, weil es mit Sterben und Tod ein unterhaltsames Spiel treibt, das der epischen Erzählweise zu widerstreben scheint – und tatsächlich ist es ein Buch aus dramatischem Geist, Computerspielen verwandt, in denen man, wenn man scheitert und stirbt, noch einmal vor vorn beginnen kann, aber auch dem Drama ganz allgemein ähnlich, in dem die Toten sich zum Schluss vorm Publikum verneigen. Und von ferne grüßt Harold Ramis‘ „Groundhog Day“ mit seinen Zeitschleifen …
Wie es Kate Atkinson gelingt, ein zugleich unterhaltsames und tiefes Buch zu schreiben, voller literarischer Anspielungen, skurriler Charaktere und amüsanter Dialoge, das lässt sich nur durch Selberlesen erkunden. Eins ihrer Stilmittel ist die Parenthese, durch die alles an Doppelbödigkeit gewinnt, Beispiel: „Es war wieder nicht Liebe, sondern sie empfand für Ralph die gleichen Gefühle, die sie für ihren Lieblingshund empfinden würde (und, nein, das hätte sie ihm nie gesagt. Manche Leute, viele Leute waren nicht in der Lage zu verstehen, wie sehr man einen Hund ins Herz schließen konnte).“ Gut übersetzt von Anette Grube. 585 Seiten aus dem Land und der Denkschule des Bard of Avon: Die Tiefe an der Oberfläche verstecken, Geschichte und Fiktion auf klärende Weise amalgamieren. Es ist ein Buch der Begegnungen mit uns selbst – und mit unseren (Groß)Eltern, die die unfassbare Zeit von 1910 bis 1967 durchlebten.
Daniel Speck: Jaffa Road
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Mai 2022
Kurz: Der deutsche Soldat Moritz wird Ende des Zweiten Weltkriegs in Norafrika fahnenflüchtig, rettet sich mit seiner jüdischen Geliebten Yasmina nach Palästina, wird dort in den Konflikt zwischen jüdischen Neubürgern und Palästinensern verwickelt. Als er tot in seiner Garage gefunden wird, stellt sich die Frage: War es Mord oder Selbstmord? Seine Berliner Enkelin Nina versucht das aufzuklären, was nicht einfach ist, weil er dreimal eine Familie gegründet hat: in Berlin, in Haifa und in Palermo.
Der Roman ist dritter Band einer Trilogie, kann aber völlig unabhängig von den beiden vorausgehenden Bänden gelesen werden.
Rezensiom
Kürzlich gab es um einen Plan des Goethe-Instituts und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv große Aufregung: Unter dem Titel „Holocaust, Nakba und deutsche Erinnerungskultur“ sollte ausgerechnet am 9. November eine öffentliche Diskussion stattfinden, in der durch den Titel die von den Palästinensern „Nakba“ (Katastrophe) genannte Vertreibung aus ihren Wohnsitzen 1948 neben die Judenvernichtung durch die Nazis gestellt wird. „Holocaustverharmlosung!“ war das Kernwort der Kritik, die Veranstaltung wurde m.W. auf ein anderes Datum verschoben.
Dass die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern durch die Soldaten des blutjungen Staates Israel etwas Schreckliches war, kann man in dem Roman „Jaffa Road“ von Daniel Speck an Hand einer konkreten fiktiven, aber sehr einfühlsam geschilderten Familiengeschichte nachvollziehen. Aber nicht minder einfühlsam beschreibt Speck, Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers, auch die Verzweiflung der jüdischen Ansiedlungswilligen, die von den Engländern zuerst mal in einem Lager auf Zypern untergebracht werden und es nicht fassen können, den Lagern glücklich entflohen zu sein, nur um wieder in Lagern zu landen – und dann in Haifa in einen jüdisch-palästinensischen Bürgerkrieg zu geraten. Achse dieses Wechselspiels zwischen Juden und Arabern ist am Ende des Zweiten Weltkriegs ein fahnenflüchtiger deutscher Soldat (Moritz Reincke) in Nordafrika, der einem Juden (Victor) das Leben rettet, sich in dessen jüdische Adoptivschwester (Yasmina) verliebt und mit ihr und ihrer Tochter (Joelle) als scheinbarer Jude mit falschem Pass (Maurice Sarfati) nach Israel einwandert. Man merkt, dass der Autor ein erfahrener Drehbuchautor ist, der es versteht, unterhaltsam und spannend zu erzählen.
„Der Schlüssel zum Leben eines Mannes sind seine Frauen,“ heißt es einmal im Buch. Im Leben von Moritz sind es drei: Fanny Zimmermann in Berlin, deren Enkelin Nina zur Erzählerin des Buchs wird, Yasmina Sarfati in Tunis und Haifa, die die Tochter Joelle in die Ehe mitbringt, und Amal Bishara, die von einem PLO-Kämpfer den Sohn Elias hat, sich in Moritz verliebt, der inzwischen für den Mossad arbeitet, und als sie 1985 in Tunis bei der „Operation Wooden Leg“ umkommt, adoptiert Moritz den etwa 9jährigen Jungen und zieht mit ihm nach Palermo. Als Moritz tot aufgefunden wird, wird der inzwischen erwachsene Elias verdächtigt, seinen Ziehvater erschossen zu haben, weil dieser ihm seine Tätigkeit für den Mossad und damit seine Mitschuld am Tod Amals gestanden hat.
Ich habe die Palästinenser immer bedauert, zweitweise auch ein Arafattuch um den Hals getragen – aber zur Empörung über ihre Leiden hat es angesichts dessen, was die Nazis (mein Vater war einer) den Juden angetan haben, nie gereicht. Dies Buch hat mich näher an die Empörung herangebracht, zugleich muss ich aber auch dem Kollegen Recht geben, der bei uns schreibt: „Liebes Publikum, sehen Sie auf der Weltbühne den Kampf der GUTEN gegen die GUTEN“(https://keinverlag.de/461736.text). Ich finde eine Veranstaltung wie die in Tel Aviv geplante durchaus gerechtfertigt und hätte sie gerne besucht: https://www.tagesspiegel.de/politik/emporung-in-israel-uber-goethe-stiftung-inakzeptabel-und-respektlos-8859721.html
„Jaffa Road“ hat meine Einstellung zu einem zentralen weltpolitischen Konflikt verändert – und ist zudem noch spannend und wartet mit zahlreichen überraschenden Wendungen auf. Eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Lektüre, absolut lesenswert!
Nadia Owusu/Lisa Kögeböhn: Aftershocks
Über Erschütterungen und Identitätssuche
Orlanda, Berlin 2023
Kurz: Die literarisch gestaltete Autobiographie der Diplomatentochter Nadia Owusu, geboren 1981. Ihr Vater ist Ghanaer in Diensten der UN, ihre Mutter, die sie verließ, als sie zwei war, ist Armenierin. Tansania, Äthiopien, Ghana, Italien, Uganda, England, USA, sind die Stationen ihres Vaters und deshalb auch ihre, immer neue Menschen, Schulen, der einzige Halt ist ihr Vater, aber der stirbt, als sie dreizehn ist. Wer ist sie? Wohin gehört sie?
Rezension
Nadia Owusu ist Tochter einer Armenierin und eines Ghanaers. Die zwei in ihr vereinten Identitäten sind extrem weit voneinander entfernt. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf meinen Beitrag Der Mulatte (im Buch woke verfremdet zu M*latte). Ihre Mutter verließ sie, als sie zwei Jahre alt war. Das war der erste Schock. Sie wuchs bei ihrem Vater an ständig wechselnden Orten, in ständig wechselnden Schulen auf, denn ihr Vater arbeitete für die UN. Als sie 13 war, verlor sie ihn und damit ihren einzigen Halt. Das war der zweite Schock. Dann teilte ihre Tante ihr mit, dass ihr Vater nicht an einem Hirngeschwür, sondern an AIDS gestorben war; sie hatte geglaubt, ihn zu kennen, und merkt jetzt, dass das nicht stimmt. Das ist der dritte Schock. In ihrer Autobiografie „Aftershocks“ (Nachbeben) zieht sie sich in einen blauen Sessel vom Trödel zurück, den sie in ihre Wohnung wuchtet, um, in ihn gekuschelt, herauszufinden, wer sie ist, wohin sie gehört. Ich konnte dies Buch nicht lesen, ohne selbst in eine Identitätskrise zu verfallen. Ich las im Netz, dass der Ötzi nicht, wie man bisher angenommen hat, weiß war, sondern braun. Auch ich fühle mich braun, seit ich „Aftershocks“ gelesen habe. Ähnlich wie Christmas, der Protagonist in Faulkners Roman „Licht im August“ weiß ich nicht mehr, wohin ich gehöre. Nadia Owusu schreibt:
„Ich habe in Katastrophen gelebt und Katastrophen haben in mir gelebt. Mein Anteil an Naturkatastrophen war nebensächlich, mein Anteil am Krieg abstrakt. Während der Terroranschläge in Manhattan war ich wie betäubt, trotzdem trugen mich meine Beine. Fast immer fand ich eine Hand, die ich halten konnte.
Wenn ich mir ein Erdbeben vorstelle, sehe ich ein Erdbeben vor mir. Und ich sehe den Rücken meiner Mutter vor mir, als sie geht. Ich sehe den Tumor meines Vaters vor mir und Flugzeuge, die in Wolkenkratzer fliegen. Wenn ich mir ein Erdbeben vorstelle, sehe ich Waisen in Armenien und Kindersoldat*innen vor mir. Ich sehe mich selbst, sicher hinter bewachten Mauern. Ich sehe eine Abwesenheit. Ich höre Donner und Stille. Ein Erdbeben birgt Trauma und Verletzbarkeit: für die Erde, für mich und dich.
Ein Erdbeben ist Erde, die bricht, und ein Herz, das bricht. Es ist Reibungskraft und literarisches Werkzeug. Eine Verwerfung ist ein Schwachstelle. Der Körper einer Frau ist eine Schwachstelle. Eine Wunde ist eine Schwachstelle, die ich einfach nicht in Ruhe lassen kann. Manche Wunden heilen nie.“ (S. 297)
Nadia Owusu vermittelt auf fast jeder Seite Erkenntnis und Verständnis. Wie sie in Addis-Abeba ein behütetes Diplomatenkind-Dasein führt, während hinter den Mauern der Bürgerkrieg tobt. Wie sie bestätigt, dass ihre schwarze Schulkameradin Agatha stinkt, nur um als höherstehend in der Farbhierarchie anerkannt zu werden. Wie sie lernt, dass sie aus einer ghanaischen Familie stammt, die sich am Sklavenhandel bereichert hat. Wie sie sich rennend und flüchtend aus dem Staub der zusammenbrechenden Twin Towers rettet …
Warnung: In der sehr guten Übersetzung von Lisa Kögeböhn wird konsequent gegendert. Vielleicht verständlich, wenn man weiß, dass der Verlag Orlanda sich als Frauenverlag versteht …
Rutger Bregman: Im Grunde gut
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2021
Kurz: Rutger Bregmann stellt eine Prognose an den Anfang seines Buches, die sich auf bezeichnende Weise als falsch erwies: Bombardiert Hitlers Luftwaffe London, würde totales Chaos ausbrechen, Plünderungen, Aufstände, Kampf aller gegen alle. Das Gegenteil war der Fall: Alles blieb ruhig, alle halfen allen, die Londoner erwiesen sich als grundsozial, und die Vorstellung von der dünnen zivilisatorischen Schicht, die nur beschädigt werden müsse, um das menschliche Raubtier hervorbrechen zu lassen, erwies sich als Irrtum. Gegen dieses tief in unserer Kultur verwurzelte Vorurteil wendet Bregman sich anhand zahlreicher Analysen sozialpsychologischer Experiment wie der Schockmaschine von Stanley Milgram und klammert auch Auschwitz nicht aus.
Rezension
Als sich um 1900 Darwins Lehre von der Evolution nicht nur bei Gelehrten, sondern auch bei einfachen Menschen durchsetzte und sogleich in sozialdarwinistischer Weise gedeutet und missbraucht wurde, erschien das Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt.“ Sein Autor: Ein gefeierter russischer Geograf, Fürst Pjotr Kropotkin, der nichts für überflüssiger hielt als den Staat und deshalb als Anarchist bezeichnet werden darf, obgleich er einer der sanftesten Menschen war. Der Anthropologe Ashley Montagu nennt Kropotkins Schrift „eines der Welt größten Bücher“, Gustav Landauer hat es ins Deutsche übersetzt und Henning Ritter 1976 neu herausgegeben. Dieses leidenschaftlich für die sozialen und guten Eigenschaften des Menschen eintretende Buch hat einen nicht weniger leidenschaftlichen Nachfolger gefunden: „Im Grunde gut“ lautet der deutsche Titel der Schrift des Niederländers Rutger Bregman (ins Deutsche übersetzt von Ulrich Faure und Gerd Busse), und hat den Untertitel „Eine neue Geschichte der Menschheit“ in Anspielung auf Yuval Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ – und eben dieser Harari hat gesagt: „‘Im Grunde gut‘ hat mich dazu bewegt, die Menschheit aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ich kann es nur empfehlen.“
In Kapitel 10 denkt Bregman über Empathie nach und kommt zu dem Schluss: „Der Mechanismus ist immer derselbe: Wir setzen unsere Lieben ins rechte Licht und werden blind für die Perspektive unserer Gegner, die außerhalb unseres Blickfeldes stehen“. Dieser Mechanismus hat uns „in die netteste und grausamste Spezies auf dem Planeten verwandelt. Es ist eine unbequeme Wahrheit: Empathie und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille.“ Ist es wirklich eine unbequeme oder nur eine banale Wahrheit? Empathie gegenüber Kindern und Tieren zu zeigen, ist geradezu ein Klischee im Verhalten von Autoritären, man denke nur an Hitlers Hunde und Geert Wilders‘ Katzen. Ist es auch eine unbequeme Wahrheit, dass Soldaten nicht gern das Bajonett benutzen und sogar das Schießen mit dem Gewehr vermeiden, weshalb die Kriegsführung die Distanz und Anonymität des Tötens immer weiter vergrößert? Steckt dahinter eine angeborene Scheu vorm Töten, die nur in Hollywoodfilmen ständig ignoriert wird, als gäbe es sie nicht? Ist das berühmte und vielfach im Unterricht verwendete Buch „Der Herr der Fliegen“ von William Golding eine realistische Fiktion oder beruht sie auf dem Vorurteil, der Mensch sei von Natur aus schlecht und die Zivilisation sei nur eine dünne Schicht, die das zudecke, aber im Moment der Katastrophe bräche das Böse im Menschen mit Urgewalt hervor? So hat Hobbes es dargestellt in seinem „Leviathan“, der nur allzu gut in das christliche Weltbild von der Erbsünde passte – und erst Jean Jacques Rousseau hat die Kühnheit besessen, zu behaupten, der Mensch sei von Natur aus gut, nur die Zivilisation habe ihn verdorben.
Ein aufregendes und sogar unterhaltsam zu lesendes Buch ist Rutger Bregman gelungen, ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, als ich einmal damit angefangen hatte, eine wirklich gute und notwendige Ergänzung zu Yuval Noah Hararis „Kurzer Geschichte der Menschheit“. Freilich muss ich den optimistischen Schluss mit den Worten in Frage stellen, mit denen Henning Ritter Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“ kritisiert: Ist es ein „Optimismus, der sich selbst die Gründe vorgibt?“
Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch eine Veranstaltung über Kenia in der Zukunftsstiftung Entwicklung bei der GLS-Bank in Bochum, dort wurde es mehrfach zitiert. Absolut lesenswert in einer Zeit, in der „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort geworden ist.
Jenny Erpenbeck: KAIROS
Penguin, München 2021
Kurz: Die 19jährige Katharina verliebt sich 1986 Knall auf Fall in den über 30 Jahre älteren und verheirateten DDR-Schriftsteller Hans W., der sich das naive Mädchen auf anmaßende und machohafte Weise hörig macht. Das allmähliche Scheitern dieser zukunftslosen Beziehung wird von der Autorin auf eindrucksvolle Weise mit dem Untergang der DDR verknüpft, an der aber nach ihrer Darstellung nicht alles schlecht war.
Rezension
KAIROS von Jenny Erpenbeck ist ein Roman, der mir eher wie der Entwurf eines düsteren Comics vorkommt, in dem die untergegangene Welt der DDR-Intelligenzija in all ihrem Bildungshochmut und ihrer Brutalität noch einmal heraufbeschworen wird rings um eine zwanzigjährige Naive mit Namen Katharina, die sich 1986 in den über dreißig Jahre älteren verheirateten Roman- und Rundfunkschriftsteller Hans W. verliebt und ihm auf durchaus pittoreske Art hörig wird: Er geilt sich daran auf, ihr mit einer Reitgerte, bis es wehtut, den nackten Hintern zu versohlen. Wenn sie sich, weißhäutig wie sie ist und mit einem Gesicht aus Biscuit-Porzellan, mit ihm im Wäldchen verabredet, trägt sie natürlich nichts unter ihrem kurzen Rock, und als sie ihm mit einem netten und zärtlichen Kollegen einmal untreu wird, muss sie dafür büßen, indem sie sich fünf oder sechs von ihm mit strafenden und vorwurfsvollen Worten überladene Kassetten nacheinander anhört und der Fülle von Herabsetzungen, ja, Beschimpfungen schriftlich erwehren muss. Das in der DDR übliche Ritual der Selbstkritik nach begangener Verfehlung lebt darin in seiner ganzen Doppelmoral fort, denn der anklagende Hans ist ja selbst ein Ehebrecher.
Und am deprimierendsten ist es, dass Katharina das alles aus Liebe mitmacht. Ist es nicht unumstritten, dass die Frauen in der DDR selbstbewusster und trennungs- bzw. scheidungsbereiter waren als in Westdeutschland? Davon keine Spur in Erpenbecks Roman, der ein unterwerfungssüchtiges Naivchen ohne jede Selbstachtung zu seiner Heldin macht. Gegen Ende findet sie in der Liebe einer Rosa ein vorübergehend Entspannung und holt sich das Kind, das Hans zu zeugen offenbar nicht imstande ist, bei einem Studenten. Sie sagt Hans, das Kind sei nicht von ihm, er will es nicht wahrhaben, aber sie verliert es vorzeitig, und dann, endlich, kommt es zur Trennung.
Und im Epilog der Autorin erfahren wir, was vorher schon ahnbar war aus seinem Verhalten: Er war zweitweise unter dem Namen Galilei IM der Stasi, um die vielen ihm bekannten Kulturschaffenden „abzuschöpfen“ und zur „Bearbeitung weiblicher Personen“ eingesetzt zu werden. Als er Katharina kennenlernte, hatte die Stasi seine Akte wegen Unergiebigkeit bereits geschlossen. Und mir persönlich fällt es schwer, ihn dafür zu bedauern, dass er arbeitslos wird, weil der im Volk verhasste und verachtete Rundfunk abgewickelt wird.
Dass es sich um eine Schattenbeschwörung handelt, wird zum Schluss deutlich, wenn Katharina sich vorstellt, zwischen den Tatzen der Sphinx zu liegen und von dem zerstückelten Osiris zu träumen, dessen Stücke Isis, seine Schwester, zusammensetzt – wie sie in diesem Roman versucht hat, die ihr bekannten, von ihr durchlebten Stücke der DDR zu einem düster-nostalgischen Panorama zu verleimen. Schon Uwe Tellkamp hat in seinem Roman „Der Turm“ dem Bildungsbürgertum der DDR ein Denkmal gesetzt, einem Schlüsselroman, in dem Hermann Kant, Stefan Heym u.a. deutlich zu erkennen sind. Jenny Erpenbeck ist anders vorgegangen. In Hans W., dem anmaßenden Liebhaber Katharinas, fließen verschiedene Autoren zusammen: Heiner Müller (der ebenfalls IM war) und Peter Hacks (der wie Hans W. aus der Bundesrepublik in die DDR gezogen ist).
Hacks‘ Freund André Müller sen. habe ich in Köln kennengelernt und seine exquisiten Kochkünste bewundert und genossen. Kam er von einem Besuch bei Peter Hacks aus der DDR zurück, hatte er den Kofferraum voller Fasane, und es gab Fasanenpastete, dazu natürlich den besten Côtes du Rhône … „Wir Sozialisten müssen die Welt vor der McDonaldisierung retten!“, war sein Slogan. Aber als die Kölner Linken sich für Wolf Biermann stark machen wollten, war er es, der ihnen den Geldhahn abzudrehen drohte, und schon waren sie wieder auf Linie. Die „Resolution der Dreizehn“ gegen Biermanns Ausbürgerung hätte Hans W., Katharinas Liebhaber, damals „beinahe“ unterschrieben. Von einer DDR, wie sie in dem Beitrag „Subkultur“ unserer Autorin Diestelzie geschildert wird: bei Erpenbeck keine Spur. Ihr ist es wichtiger, den ersten Liebesakt ihres Protagonistenpaares mit Texten aus Mozarts Requiem anzureichern, das gleichzeitig im Hintergrund auf dem Plattenspieler abgespielt wird. Wird da nicht Effekt auf Effekt gehäuft und nähert sich einer Art von dialektischem Bildungskitsch?
Auch in Christoph Heins Roman „Frau Paula Trousseau“ (2008) kämpft sich eine DDR-Künstlerin mühselig genug im Kunstpatriarchat empor. Auch dieser Roman spielt in der Intelligenzija der DDR, aber er verliert sich nicht ins Klagen um das Verlorene und es geht in ihm um Menschen und nicht nur um Konstrukte einer Träumenden zwischen den Tatzen der Sphinx.
Ernst Wiechert: Das einfache Leben
Anaconda, Köln 2024
Kurz: Ernst Wiechert wurde als Autor – wie übrigens auch Paul Celan – von der Gruppe47 verlacht. In diesem 1939 trotz Nazizensur erschienenen Roman zieht sich ein von Krieg und Kriegselend Erschütterter auf eine Insel in einem der vielen masurischen Seen zurück und findet als Fischer und Holzfäller und durch intensives Studium der eindrucksvoll beschriebenen Natur zu einem Lebenssinn zurück.
Rezension
Wie kann man trotz massiver äußerer Beschränkung und Verfolgung kreativ bleiben und sich anderen mitteilen oder für sie sogar zu einem Trost werden? In einer solchen Situation sind wir m.E. momentan (noch) nicht, aber für viele ist sie gefühlt bereits da, und gerade in deren Namen könnte sie für alle auf uns zu kommen. Darüber nachdenkend, habe ich mich an meinen Deutschlehrer erinnert, der einen Roman über alles liebte, der ihm in den Jahren, als er gegen Ende des zweiten Weltkriegs zum zweiten Mal Soldat werden musste, Halt und Hilfe gegeben hat: „Das einfache Leben“ von Ernst Wiechert. Er wurde gerade neu aufgelegt, ich erwarb ihn – und bereue nicht, ihn gelesen zu haben. „Er ist das stärkste Buch, das die innere Emigration hervorgebracht hat,“ sagte mein Deutschlehrer, der der Bekennenden Kirche angehört hatte. Und Wiechert hatte durch die Nazis gleichsam den Ritterschlag erhalten, indem sie ihn für zwei Monate in Buchenwald einbuchteten. Er hielt 1945 die berühmte Rede an die deutsche Jugend (von Thomas Hettche in „Herzfaden“ eindrucksvoll zitiert), in der er gnadenlos mit den Nazis abrechnete – aber das war wohl etwas zu deutlich. So absolut wollten die Deutschen ihre Vergangenheit nicht verdammt sehen. Die Intellektuellen und Autoren fanden in Sartre, Hemingway und Faulkner neue Idole, wandten sich von Wiechert ab, der in die Schweiz zog und dort verstarb.
Der Protagonist des Romans, ein ehemaliger Marineoffizier, ist durch das Erleben des massenhaften Sterbens im Ersten Weltkrieg so ver- und zerstört, dass er seine gesellschaftlich ambitionierte Frau und seinen Sohn verlässt, nach Masuren fährt, und dort auf einem Inselchen in einem der zahlreichen Seen sich mit einer Blockhütte ein neues Zuhause aufbaut (wie David Henry Thoreau in „Walden“) und dort zusammen mit seinem ehemaligen Burschen Bildermann vom Fischen und Holzmachen lebt. Das Inselchen gehört einem altgedienten knorrigen General, mit dem Thomas von Orla in dessen naheliegendem Herrensitz Kontakt aufnimmt. In der zweiten Hälfte des Buchs, nachdem seine Frau gestorben ist, wird er zum Erzieher und Vorbild der Enkelin des Alten; zwischen ihr und ihm wird aus Zuneigung Liebe, aber es wächst auch die Kraft zum Verzicht allein auf Grund des großen Altersunterschieds. In einer Nebenhandlung nimmt Thomas Anteil am Leben eines anderen Einsiedlers, des Grafen Pernein, der auf seinem Gut lebt und experimentiert als einsamer Alchimist. Als er stirbt und Thomas zum Erben einsetzt, beginnt dieser im Labor des Verstorbenen mit dem Mikroskop und in Büchern zu forschen. Georg Lukács hat Wiecherts „altpreußischen Pietismus“ bemängelt. Ich kann den in dem folgenden Absatz nicht finden, sondern eher einen Panentheismus, wie ihn Hartmut Rosenau in seinem Buch „Die Theodizee“ umreißt:
„Langsam, von der Peripherie aus, begann er das Wunder der Schöpfung zu erkennen. Er nannte es mit diesem Namen, und der Name gewann einen immer höheren Klang für ihn. Aber er vermischte ihn nicht mit den Namen, die der Mensch dem Wunder gegeben hatte. Keine Dämonen und keine Götter drangen in den hellen Kreis, über dem die Linse stand. Er deutete das Unbegreifliche nicht, er benannte es nicht einmal, er verehrte es nur. Er lernte langsam, was ihm das Größte erschien: die Natur, ja, den Makrokosmos als etwas Zweckloses zu betrachten. Zwecke trübten das Licht und verwirrten die Linien. Auch so stand hinter allem noch immer das letzte Gesicht, aber es trug weder menschliche noch göttliche Züge. Es besaß weder Raum noch Zeit, noch gar eine sittliche Verklärung. Es war anders als der Erdgeist, und es ließ sich auch nicht beschwören. Das Beschworene würde wahrscheinlich mit Vernichtung strafen. Ein tiefes und ganz ruhiges Glück begann ihn langsam zu erfüllen …“
Ganz am Anfang berichtet ein Gefängnispfarrer dem Protagonisten, der Rat bei ihm sucht, wie ein zum Tode Verurteilter ihm die Worte entgegenschleuderte: „Ein Segen, dass es drüben keine Pfarrer geben wird.“
Und gegen Ende zieht Thomas das Fazit: „Ein Größeres stand über allem, ein Unerkennbares, eben `Das Ganze‘. Sein Anblick machte fromm, aber es gab weder Kirche noch Altar für die Frömmigkeit. Kein Bildnis, kein Gleichnis, nicht einmal einen Namen. Denn nicht einmal die Sterne waren das Letzte, nicht einmal die Nebel sich gebärender Sterne, wieviel weniger also der Mensch oder Gott, um dessen Bild er haderte und den er benannte, wie er selbst gern gewesen wäre: wissend, mächtig und gut.“
Der verstorbene Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat im Gespräch mit Günter Gaus 1966 bekannt: „Unsere Idealvorstellung war – damals gab es ein Buch von Ernst Wiechert, ‚Das einfache Leben‘; ich weiß, dass viele Leute damals ähnlich empfunden haben wie wir auch; dies wäre unser Ideal gewesen, ganz zurückgezogen zu leben von dem Getriebe der Welt.“
„Das einfache Leben“ ist ein belletristischer Text, seine Begrifflichkeit ist nicht abgeklopft und erprobt. Mir erscheint es als Versuch, den Schöpfungsglauben (das letzte Gesicht) angesichts einer zweckfreien, also zufälligen, evolutionären Natur und einer katastrophalen Weltlage zu behaupten. Und ich könnte mir denken, dass Wiechert in Kriegs- und Katastrophenzeiten eine Chance hat, wieder an Ansehen zu gewinnen. Ist nicht sogar der Klimawandel nur ein berechtigtes Zurückschlagen der vom Menschen ausgebeuteten und missachteten Natur?
Han Kang: Griechischstunden
Aufbau, Berlin 2024
Kurz: Ein traumatisierter Altgriechischlehrer, der sein Augenlicht verliert, und seine ebenfalls traumatisierte Schülerin, die unter Aphasie leidet, finden durch einen Zufall zueinander.
Rezension
Lange nicht ein so schwer einzuordnendes Buch gelesen: Ein Roman? Ein dramatisches Werk? Ein lyrisches Gedicht? Von allem etwas! Auf ganz filmische Weise beginnt es mit zwei Personen, die einander nicht kennen oder fernstehen: Einer Mutter, die das Sorgerecht für ihren neunjährigen Sohn verloren und darunter sowie unter dem ebenfalls schon zurückliegenden Tod ihre Mutter so sehr leidet, dass sie in Aphasie verfallen ist, in eine Unfähigkeit zu sprechen. Und einem Lehrer für Altgriechisch, der eine sehr starke Brille trägt und sein Augenlicht verliert. Auch er hat ein Trauma erlitten durch den Selbstmord seines besten Freundes Joachim Grundel, an dem er sich mitschuldig fühlt. Denn dieser Freund hat sich in ihn, den Platonkenner und Altgriechischlehrer, verliebt und erotisch die Initiative ergriffen, aber das hat er nicht nur abgewiesen, er ist aus Deutschland geflohen, wo sich das zutrug, und Deutschland war einmal seine zweite Heimat, er ist in Mainz aufgewachsen.
In seine Kurse geht nun diese in ihren Gefühlen so verletzte Mutter in der Hoffnung, durch das Altgriechische ihr Sprechfähigkeit zurückzugewinnen. Ausdrücklich heißt es, es hätte auch eine andere Sprache sein können. Von der Frau und Mutter erzählt Han Kang in der dritten Person, abwechselnd mit Kapiteln, in denen der Altgriechischlehrer sein Erleben in der Ichform preisgibt. Hat man das erst einmal begriffen (ich erlag zunächst dem Irrtum, Han Kang berichte über dieselbe Person mal in der dritten, mal in der ersten Person), ergibt sich eine recht durchsichtige und vertraute Struktur: Zwei von einander getrennte Personen verschiedenen Geschlechts müssen und werden einander begegnen und lieben. Die Hindernisse sind groß, doch sie sind nur dazu da, um überwunden zu werden.
Auf etwas triviale Weise ist es eine Meise, die sich ins Schulgebäude verflogen hat und die zuerst sie, dann er nach draußen zu scheuchen versucht, dabei verliert er seine Brille, zertritt sie versehentlich und kann nun gar nichts mehr sehen. Aber zum Glück kommt sie zurück, rettet ihn aus seiner Not, bringt ihn zu einem Optiker für eine neue Brille … Die beiden erinnern ein wenig an das Gedicht von Gellert: Der Lahme und der Blinde … Das Schlusskapitel „Der Wald des abgrundtiefen Meeres“ ist eine lyrisch-poetische Überhöhung ihres Zusammenfindens, in der dem Mund der Frau zum ersten Mal wieder ein Laut entschlüpft … Das schönste erotische Gedicht, das ich kenne. Han Kang, Nobelpreisträgerin des vorigen Jahres, hat als Lyrikerin begonnen.
„Blank lag das Schwert zwischen uns.“ An dieses Wort des alten, erblindenden Borges erinnert sich der Altgriechischlehrer im ersten Kapitel. Borges ist wie er ein Entwurzelter zwischen den Kulturen. Und entsprechend deutet er das Schwert als das Trennende.
Wussten Sie schon, dass Sokrates bei Platon andeutet, dass Leiden (pathein) und Erkennen (mathein) miteinander zu tun haben? Paul Tillich drückt das so aus: Die Tiefe des Leidens ist die einzige Tür zur Tiefe der Wahrheit. Auch ein wenig Philosophie und das Höhlengleichnis spielen eine Rolle. Was für ein reiches, tiefes und schönes Buch!
Charlotte Link: Sechs Jahre
Blanvalet, München 2014
Kurz: Die berühmte Krimi-Autorin beschreibt Krankheisverlauf und Tod ihrer über alles geliebten Schwester an Krebs . Das Buch wäre deprimierend, wäre es nicht zugleich ein Hohelied auf Geschwisterliebe und Tapferkeit in größter Not.
Rezension
„Ich habe dir, als du noch hier warst, viel zu selten gesagt, wie sehr ich dich bewundere. Vor allem für die Tapferkeit, mit der du deinen Weg gegangen bist. Selbst als es niemanden mehr gab, der dir noch Hoffnung machte, als dir ein Tod bevorstand, der Ersticken hieß, bist du aufrecht geblieben. Du hast so selten geklagt oder geweint. Du hast dein Schicksal mit größter Würde und unglaublicher innerer Stärke angenommen.“
Mit diesen Worten verabschiedet sich Charlotte Link in ihrem Buch „Sechs Jahre“ von ihrer an Krebs und Lungenfibrose 2012 verstorbenen Schwester Franziska. Ich kann ihn wortgleich auch auf meine Tochter Julia beziehen, die an einem Sarkom mit Lungenmetastasen 2024 starb. Der Leidensweg Franziskas zog sich über sechs Jahre hin; der meiner Tochter über sechs Monate; ich frage mich, was grausamer war. Furchtbar das Erleiden der grässlichen Nebenwirkungen von Chemotherapien, die sich dann als wirkungslos erweisen. Furchtbar die (zum Glück seltene) Begegnung mit Ärzten und Pflegepersonal ohne jede Empathie, furchtbar die Angst, in die Erinnerungsfähigkeit der erst zweijährigen Tochter nicht mehr vorzudringen.
Erstaunlich aber das Zusammenwachsen der Angehörigen zu einer Kampfgemeinschaft – wie auch Charlotte Link es beschreibt. Sie ist eine gewiefte Krimiautorin, und ihr handwerkliches Geschick schimmert auch in diesem ihrem einzigen autobiografischen Werk durch. Obgleich man als Leser von Anfang an weiß, dass es auf den Tod der über alles geliebten Schwester hinausläuft, ist es spannend von Anfang bis Ende – wie eine Tragödie von Shakespeare, der wir auch gebannt folgen, obgleich wir das Ende voraussehen.
Wie oft haben wir uns gefragt: Sollten wir es nicht mit einer alternativen Therapie versuchen, versucht haben? Hätte ihr das nicht die allzu nebenwirkungsreichen Qualen der Schulmedizin erspart? Auch darauf gibt Charlotte Link eine Antwort: Sie und ihre Familie haben es nämlich versucht und sind an einen (namentlich nicht genannten) Mediziner geraten, der Hyperthermie und Misteltherapie im Verbund praktizierte – und nur hinter dem Geld her war. Diese zynische Bereitschaft, aus der Angst und Sorge von Kranken und ihren Angehörigen ordentlich Geld herauszuschlagen, dürfte im Bereich der alternativen Therapien besonders häufig anzutreffen sein. Und Gutes bewirkt hat auch dieser Ausflug in die Alternativmedizin offenbar nichts. Ja, die Frage stellt sich: Darf Lebensverlängerung, wenn sie nur Leidensverlängerung ist, das oberste Ziel sein?
Wir haben, zwölf Jahre nach Franziskas Tod, große Hoffnungen auf Neuerungen der Krebstherapie gesetzt, insbesondere auf Immun- und Antikörpertherapie, wir glaubten der Krebs ließe sich „bändigen“ und dauerhaft in Schach halten. Solche Fälle gibt es – aber Julias Krebs triumphierte. Ein Loblied singen müssen wir auf die ambulante Palliativ-Versorgung am Schluss – Julia konnte bis kurz vor ihrem Tod zu Hause bei Mann und Töchterchen sein und starb dann, umgeben von ihren Liebsten im Mildred-Scheel-Haus der UKK.
Ich kann dieses Buch Angehörigen und Hinterbliebenen von Schwerkranken nur empfehlen. Charlotte-Link-Fans, die sich blutrünstige Verwicklungen in englischen Hochmooren erhoffen, rate ich ab. Dies Buch beruht nicht auf Fiktion, sondern auf der erbarmungslosen Wirklichkeit selbst.
Donna Tartt: Der Distelfink
Roman, übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Goldmann, München 2013
Kurz: Theodore Decker verliert durch eine Katastrophe seine Mutter, bekommt aber auch das Gemälde „Der Distelfink“ in die Hände, das nun gleichsam mit magnetischer Kraft sein Leben als Möbelrestaurator und Mitglied der New Yorker upper class bestimmt.
Rezension
Bevor ich diesen recht umfangreichen Roman (1022 Seiten) las, kannte ich nur einen einzigen Möbeltischler bei Namen: Michael Thonet – der mit dem gebogenen Holz und den Wiener Caféhausstühlen. Jetzt weiß ich auch, dass es in der englischsprachigen Welt die „großen Drei“ gibt: George Hepplewhite, Thomas Chippendale und Thomas Sheraton. Möbel dieser Ebenisten werden auf Auktionen, in Antiquitätenläden teuer versteigert und verkauft, und Meister der Kunst, diese Möbel zu restaurieren, können ihren Stil auch so perfekt nachahmen, dass Fälschung und Original kaum zu unterscheiden sind. Davon profitiert der Erzähler dieses Buchs, Theodore Decker, und rettet die Firma seines Ziehvaters und Meisters Hobart, gen. Hobie, vor dem Konkurs, indem er dessen perfekte Nachahmungen als echt verkauft – und so Millionen scheffelt. Als es herauskommt, bedrückt ihn das – und er reist herum, um die getäuschten Kunden zu entschädigen, indem er die Fälschungen zurückkauft. Aber woher hat er das Geld? Wenn ich das erzähle, erzähle ich die ganze Geschichte – betätige mich also als „spoiler“, und das könnte mir übelgenommen werden – obgleich das Buch schon vor zehn Jahren erschien und auch schon verfilmt wurde, der Film kann gestreamt werden.
Ich verrate nur so viel: Es geht um ein altes holländisches Gemälde, eben den „Distelfink“ von Carel Fabritius (17. Jahrhundert), das im Zusammenhang mit einem fiktiven Terrorangriff auf das Metropolitan-Museum in New York in Deckers Besitz gerät, und Dank der Geschicklichkeit seines ukrainischen Freundes Boris bezieht er die für die Wiederbeschaffung des Bildes ausgelobte Belohnung. Was ich auch vorher nicht wusste: Fälschungen alter Möbel erkennt man u.a. daran, dass sie symmetrisch abgenutzt sind – echte sind asymmetrisch abgenutzt. Aber ist es der Zweck eines Romans, zu belehren? Nein, er soll unterhalten und spannend zu lesen sein. Ist dieser das? Ich fürchte, nicht für jeden. Ich persönlich liebe Bücher und Filme nicht, die ausschließlich in wohlhabenden Kreisen spielen. Und alte Möbel und alte Bilder werden nun einmal nur in diesen Kreisen geschätzt. Der ganze Roman spielt weitgehend in der New Yorker upper class. Gut, es gibt ein paar Latinos, die als Pförtner arbeiten. Und es gibt diesen Boris, Sohn eines ukrainischen Bergbauingenieurs, der Jahre auf der Straße gelebt hat. Und damit komme ich zu einem zentralen Baustein dieses Buches: Der Erzähler lernt Boris in Las Vegas kennen, und es wird eine Freundschaft daraus, die das ganze Buch trägt, und es ist eine Jungensfreundschaft, wie Walt Whitman sie in den euphorischen Zeilen beschrieben hat:
Wir, zwei Jungen, fest umschlungen,
Einer nie vom andern lassend
Straßen auf- und niederschweifend, Nord- und Südland frei durchstreifend,
Kraft genießend, Arme streckend, Finger schließend,
Wehrhaft, furchtlos, essend, trinkend, schlafend, liebend,
Nur uns selber untertänig, segelnd, abenteuernd, diebend, drohlich neckend,
Knicker, Knechte, Pfaffen schreckend, Aether atmend, Wasser trinkend, auf der Küste Rasen tanzend,
Städte sprengend. (Übersetzung: Max Hayek)
Zum Abschied küsst Boris seinen Freund auf den Mund. Der Erzähler verlobt sich mit seiner Ziehschwester, mit der er Händchen hält und Spaß hat – aber er .findet sich schnell damit ab, dass sie einen Liebhaber hat und genießt die Freundschaft mit ihrer Mutter, weil er die eigene in dem Terrorangriff auf das Museum verloren hat. Schwärmerisch verehrt er Pippa, die schwer verletzt dieser Katastrophe entronnen ist – aber er muss erkennen, dass er auch in ihr nur einen Ersatz für die ebenso angebetete Mutter gesucht hat. Donna Tartt erzählt in der Ichform von einem Jungen/jungen Mann, der gefühlsmäßig am stärksten aufblüht in der Beziehung zu einem anderen Jungen/jungen Mann. Nur mit der Mutter seiner Braut kann er gefühlsmäßig etwas anfangen, wie bei Whitman bleiben Frauen Mutterersatz oder bloße Alibis in seinem Leben bzw. Werk. Und sogar Whitmans berüchtigte Kataloge feiern bei Donna Tartt Wiederauferstehung. Was zählt sie nicht alles auf! Z.B. was es in Hobies Werkstatt alles gibt:
Blondes Holz wie Honig, dunkles Holz wie vergossene Melasse, der Glanz von Messing, Blattgold und Silber im matten Licht. Wie auf der Arche Noah war jede Art mit ihresgleichen gepaart: Stühle mit Stühlen, Sofas mit Sofas, Uhren mit Uhren, und Tische, Schränke und Anrichten standen einander steif aufgereiht gegenüber. In der Mitte bildeten Esstische schmale, irrgartenähnliche Pfade, auf denen man sich um sie herumschieben konnte. An der hinteren Wand hingen schwarz angelaufene Spiegel Rahmen an Rahmen, leuchtend im Silberlicht alter Ballsäle und kerzenbeschienener Salons.
Dickens, Dostojewski, Henry James und als modernster Proust werden bemüht – und natürlich auch Walt Whitman, der Pate dieses Wälzers, mit den Versen:
Jupiter wird wieder auftauchen, habe Geduld, schau wieder nach in einer anderen Nacht, die Plejaden werden wieder auftauchen.
Sie sind unsterblich, all diese Sterne silbern und golden werden wieder scheinen.
Und liebstes Kind, trauerst du nur um Jupiter?
Denkst du nur an das Grab der Sterne? (Übersetzung: Hans Reisiger)
Donna Tartt versucht unsere Zeit im 19. und 17. Jahrhundert zu spiegeln – oder jene Jahrhunderte in unsere Zeit gleichsam zu retten. Ein zutiefst konservativer, rückwärts orientierter Roman, in dem der Beginn unseres Jahrhunderts vor allem als Katastrophe erlebbar wird.
Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher
Hansebooks, Norderstedt 2017
Rezension
Heranwachsenden Jungen (warum eigentlich nur denen?) wurde früher, wenn sie 14 oder konfirmiert wurden, ein Buch geschenkt, das ihnen Orientierung für den späteren Lebensweg geben sollte.
Mein Großvater z.B. (geboren 1880) bekam den Konfirmationsklassiker „Hinter Pflug und Schraubstock“ von Max Eyth, einem fröhlich fortschrittsgläubigen Ingenieur des 19. Jahrhunderts, der sich für den Einsatz wuchtiger dampfgetriebener Lokomobile in der Landwirtschaft eingesetzt hatte. Er starb zu früh, um noch den Triumph des „Dieselrosses“ zu erleben, Lokomobile gibt es heute nur noch in Museen. Meinem Großvater sollte wohl der Glaube an den technischen Fortschritt eingeimpft werden; er wurde Hotelier und starb zum Ende des Ersten Weltkriegs an der Spanischen Grippe.
Ich bekam noch in den 50er Jahren ein bereits 100 Jahre altes Werk geschenkt: „Soll und Haben“ von Gustav Freytag. Ich finde es auch heute noch lesenswert, Freytag ist ein guter Stilist, baut schöne Handlungsbögen, und charakterisiert markant, Fassbinder hat den Roman verfilmen wollen, ist aber an den Bedenken des WDR gescheitert. Denn in dem Buch werden Juden mit einer Unbefangenheit geschildert, die wir uns nach den Verbrechen der Nazis nicht mehr leisten können. Freytag war ein bekennender Gegner des Antisemitismus, aber allein seine Namensgebungen – Veitel Itzig und Hirsch Ehrental – wirken heute rassistisch karikierend. „Üb immer Treu und Redlichkeit!“ Dafür sollte mich dieses im Milieu der Kauf- und Geschäftsleute spielende Buch wohl motivieren.

Ein Verschenkbuch von außerordentlicher Beliebtheit war bis in die Nazizeit hinein „Rembrandt als Erzieher“, ein Buch, auf das ich indirekt stieß, als ich mich mit Edgar Selges Erinnerungen „Hast Du uns endlich gefunden“ befasste. Der 10jährige Edgar beobachtet um 1960 seinen Vater durchs Schlüsselloch: „Er geht zu seinem Lieblingsgemälde, Rembrandts Mann mit dem Goldhelm. Sieht fast so aus, als ob er mit dem Bild redet.“ Ich erinnerte mich, dass auch bei uns etwas von Rembrandt an der Wand hing: Die Skizze eines schlafenden Löwen, und dass meine Mutter „Rembrandt als Erzieher“ erwähnte und sich wunderte, dass ich das Buch nicht kannte. Den Autor konnte sie nicht benennen – ich habe ihn erst aus dem Internet erfahren: Julius Langbehn aus Kiel, ein Verehrer Nietzsches, zum Katholizismus übergetreten, massiver Einfluss auf die Jugendbewegung. Man kann es sich fast kostenlos auf den Kindle laden – und es ist eine hochinteressante und gruselige Lektüre, ein Hybrid aus „Also sprach Zarathustra“ und „Mein Kampf“, eine Lektüre, die einerseits abstoßend ist auf Grund des anmaßenden Bescheidwissens und Wegweiser-Seinwollens des Autors, andererseits aufklärend, weil man versteht, wie unsere Vorfahren sich dem Rassismus und Nationalismus über differenzierende Vorstufen allmählich und unmerklich annähern konnten.
Es sind wohl Passagen wie diese, die das Buch als Geschenkbuch für heranwachsende Jungen geeignet sein ließen:
„Wehrhaftigkeit und Wahrhaftigkeit sind sich sachlich wie sprachlich verwandt; die eine ist die oberste Pflicht des Kriegers wie die andere die oberste Pflicht des Künstlers. Beide gehören zu den obersten Pflichten des Menschen, weil sie seiner tiefsten Charakteranlage entsprechen. Deutsche Menschen sind ehrliche Menschen; deutsche Menschen sind tapfere Menschen.“
„Im innersten Winkel von Niederdeutschland, zwischen Weser und Elbe findet man nicht selten Leute, denen dieser Gedanke aufs und ins Gesicht geschrieben ist: rötlich strahlende Wangen, in denen das Blut feurig kreist, werden von einem hoch- und goldblonden Barte umrahmt. Es ist der apollinische Typ ins Niederdeutsche übersetzt; und also ein Typus der der deutschen Jugend, und also ein Typus der deutschen Zukunft. Zugleich aber ist es auch der Typus der deutschen Vergangenheit in ihrer größten und schönsten Form; es ist der geistige Typus Shakespeares und Rembrandts; in jenem überwiegte der helle Schein des Goldes, in diesem die dunkle Kraft des Blutes. Aus Blut und Gold endlich ist die Morgenröte in ihrer verheißungsvollen Schönheit gemischt; auch eine Morgenröte des deutschen Geistes, wenn sie wieder bevorsteht, kann nur aus diesen Elementen gemischt sein. Aurora musis amica.“
Die Vereinnahmung Shakespeares und Rembrandts in ein niederdeutsches Volkstum ist aus heutiger Sicht eine Frechheit. Aber die Nazis dachten ähnlich und wollten die Heimatländer dieser Genies ihrer Herrschaft unterwerfen. Und das folgende Zitat bringt es auf den Punkt: „Wie in der Politik, so muss auch in der Kunst die Gesundheit sich mit der Fäulnis auseinandersetzen. Der schlecht jüdische Charakter, welcher so gern mit Zola sympathisiert, ist wie dieser dem rein deutschen Wesen eines Walther v.d. Vogelweide, Dürer, Mozart völlig entgegengesetzt.“ Es gibt freilich auch gute Juden: „Um jedes Volk streiten sich Gott und der Teufel; so auch um das Volk der Juden. Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmes an sich; er gehört zu jener uralten, sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Juden abgewichen sind.“ Und hier noch deutlicher: „Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesajas, dem Psalmisten bis zu den heutigen Börsenjobbern, so weit wie der vom Edlen bis zum Gemeinen.“
Ich möchte für dieses für sein Pathos schon bei seinem Erscheinen 1890 verspottete Buch hier in keiner Weise Reklame machen, aber wer sich an die Archäologie der Wertwelt unserer (Groß)Eltern herantraut, wird darin Manches, vielleicht sogar Vieles oder allzu Vieles finden, das ihm bekannt vorkommt.
Was könnte man heute einer/einem Vierzehnjährigen auf den Lebensweg mitgeben? Mir fällt im Augenblick nur eins ein: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Es ist ein Hohelied auf die Evolutionslehre Darwins, sehr süffig geschrieben – aber wie alle Populärwissenschaft nicht unumstritten.
Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No. 49
Roman, aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015
Kurz: Oedipa Maas wird zur Testamentsvollstreckerin ihres steinreichen ehemaligen Liebhabers Pierce Inverarity eingesetzt und entdeckt, dass Pierce sie damit in den Wahnsinn treiben wollte. Oder nicht?
Rezension
Erinnert sich noch jemand an die Begeisterung in den 60er Jahren, als mit dem Strukturalismus ein ganz neues Denken sich ausbreitete, das in den Strukturen der Sprache, des Sprechens, des Zusammenlebens, der Kommunikation den eigentlichen Sinn suchte, in der Synchronie, im Gleichzeitigen, und die Diachronie, das Geschichtliche, beiseite schob und damit auch das Politische (weshalb die Marxisten vom Strukturalismus auch nichts wissen wollten)?
Ich begegnete dem Strukturalismus erstmals in Claude Lévi-Strauss‘ „Traurigen Tropen“, in denen er die Verwandtschaftsverhältnisse sog. „kalter“ Völker, z.B. der Aborigines Australiens, untersuchte und eine Komplexität von Matri- und Patrilinearität, von Heiratsregeln und Totems feststellte, die an höhere Mathematik grenzte. Hieran fühlte ich mich erinnert, als ich jetzt Thomas Pynchons „Die Versteigerung von No. 49“ wiederlas, das ich bei meiner ersten Lektüre in den 70er Jahren nur als wirr und absurd wahrgenommen hatte. Warum sollte ich mich für eine Verschwörung namens Tristero interessieren, die sich seit dem 17. Jahrhundert gegen das Postmonopol derer von Thurn und Taxis richtete und die angeblich auf die USA übergegriffen hatte, so dass die Heldin des Buches, Oedipa Maas, noch heute an Toilettenwänden und Briefkästen auf das gestopfte Posthorn, Symbol dieser Bewegung, stößt, die sich W.A.S.T.E. nennt?
Jetzt aber lese ich, wie im Kopf Oedipas zweierlei mit einander verschmilzt: Die Erinnerung an den Schaltplan eines Transistorradios und der Anblick der (fiktiven) Stadt San Narciso in Südkalifornien: „Von ihrem erhöhten Beobachtungspunkt aus sprang ihr jetzt dieser wohlgeordnete, von Straßen durchzogene Häuserhaufen mit derselben und unerwarteten und erstaunlichen Klarheit in die Augen wie damals der Schaltplan … In beiden Fällen war in den Mustern, die nach außen hin sichtbar wurden, ein hieroglyphisch verschlüsselter, aber unzweifelhaft vorhandener Sinn zu erkennen, eine feste Entschlossenheit zur Kommunikation … Und so kam es, dass sie gleich in ihrer ersten Minute in San Narciso wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Erkenntnis traf.“ Pynchon benennt dies als „religiösen Augenblick“, später spricht er von einer „Hierophanie“ – und genau das empfand ich auch, als ich Claude Lévy-Strauss las: Der Sinn liegt nicht in den Dingen, den Ideen, den Inhalten, sondern ausschließlich in ihren Zusammenhängen, in ihrer totalen Interdependenz.
Pynchons Roman verdanke ich außerdem die Bekanntschaft mit einer Malerin, die ich für beunruhigend halte, obgleich ich noch nie ein Original von ihr gesehen habe. Ihre surrealistischen Bilder ziehen mich in Bann – ganz anders als die Bilder Dalis, denen das Effekthascherische immer an die Stirn geschrieben steht. Die Gemälde dieser Künstlerin – ich betone, dass es sich um eine Frau handelt – hängen in vielen mexikanischen Museen (wenn es da viele gibt), und auf eines stößt die Heldin von Pynchons Buch, Oedipa Maas, in Begleitung ihres Liebhabers Pierce Inverarity, und Pynchon beschreibt das so: „In Mexiko City gerieten sie irgendwie in eine Ausstellung von Gemälden des schönen Exilspaniers (korrekt, sehr geehrter Herr Teichmann, wäre gewesen: der schönen Exilspanierin) Remedios Varo: Auf dem Mittelstück eines Triptychons mit dem Titel Bordando el Manto Terrestre (Den Mantel der Erde stickend) sah man eine Anzahl zerbrechlicher Mädchen mit herzförmigen Gesichtern, riesigen Augen, Haaren aus gesponnenem Gold, die im obersten Raum eines runden Turms offenbar gefangen gehalten wurden, wo sie an einer Art Tapisserie stickten, die sich breiten Bändern durch die schlitzschmalen Fenster in eine Leere ergoss, die so ungeheuerlich war, dass jeder Versuch, sie zu füllen, hoffnungslos scheitern musste; denn alle anderen Bauwerke und Geschöpfe, alle Wellen und Schiffe und Wälder der Welt waren in dieser Tapisserie enthalten, und umgekehrt, die Tapisserie war die Welt. Oedipa hatte in perversem Staunen vor dem Bild gestanden und geweint.“

Und eine Tapisserie dieser Art macht sich nun Pynchon daran, nicht zu sticken, sondern schriftlich zusammen zu weben, indem er seine Heldin Oedipa Maas in Kalifornien auf die Reise schickt, weil sie von ihrem verstorbenen Liebhaber zur Testamentsvollstreckerin ernannt wurde. Doch ihr Auftrag wird ihr, je länger der Roman voranschreitet, immer gleichgültiger, durch die fiktive Rachetragödie The Courier’s Tragedy von dem ebenfalls fiktiven Richard Wharfinger kommt sie auf die Spur von Tristero, dem Rätselhaften, der dem Post- und Kommunikationsmonopol von Thurn und Taxis und schließlich auch dem us-amerikanischen Postsystem ein Netzwerk entgegenstellt, dessen Symbol, das gestopfte Posthorn, Oedipa auf Toiletten und an Briefkästen antrifft, dem Symbol des Netzwerks W.A.S.T.E.: We Await Silent Tristero’s Empire. „Dein Reich komme“ klingt da an.
Der Schaltplan des Transistorradios, die ihm verwandte Stadtstruktur, der Mantel der Erde – lauter Symbole einer inhalts- und dogmenfreien Religiosität des bloßen Zusammenhangs, der Leere. Gegen Ende erscheint es Oedipa immer noch am erträglichsten, „geisteskrank zu sein und Schluss. An diesem Abend saß sie stundenlang da, sogar zum Trinken zu benommen, und übte sich darin, in einem Vakuum zu atmen. Denn dies, o Gott, dies war die Leere. Es gab keinen, der ihr helfen konnte. Keinen Menschen auf der Welt. Die waren alle auf irgendeinem anderen Trip, wahnsinnig, feindselig oder tot.“ Ein in seiner Konsequenz furchtbares Buch über Amerika – bei dessen Lektüre man auf die Unterstützung von Thomas Pynchon Wiki | The Crying of Lot 49 nicht verzichten sollte.
Eine sehr viel gründlichere und sehr fundierte neue Rezension dieses Romans von Pynchon findet sich hier auf der Seite „Lost in Facts and Fiction“ von Gavin Armour.
Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen
Ullstein, Berlin 1998
Kurz: Zwei etwa 50jährige Männer, der Icherzähler und sein Bruder Otho, leben botanisierend auf den Marmorklippen an der Marina, bemerken die immer übergriffiger werdenden Maßnahmen des Oberförsters und fliehen nach Alta Plana.
Rezension
„Die Dorfstraße (des Dorfes Puisieux) war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.“ Das schreibt Ernst Jünger in der Zusammenfassung seiner Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg („In Stahlgewittern“).
Als der (Zweite Welt)Krieg, in den ihr Mann gezogen war, erst in Polen, dann in Frankreich, dann in Russland, andauerte, hängte meine Mutter Reproduktionen von Dürerbildern an die Wand: Erst die Eichhörnchen und den Hasen, dann auch das Rasenstück … Daran musste ich denken, als ich jetzt „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger wieder las, das 1939 in Deutschland erschienen, durch die Netze der Zensur schlüpfte, obgleich es mit der Schilderung einer „Schinderhütte“ nahe an das gekommen war, was sich in Deutschland abspielte und, sich verschlimmernd, noch abspielen sollte: „Das sind die Keller, auf denen die stolzen Schlösser der Tyrannis sich erheben und über denen man die Wohlgerüche ihrer Feste sich kräuseln sieht: Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt.“ Und womit befassen sich die beiden im Mittelpunkt des Roman stehenden Brüder? Sie kehren botanisierend zurück auf die Lichtung mit der Schinderhütte, um eine seltene kleine Blume, das Waldvögelein (Cephalantera rubra), auszugraben und zu vermessen …
Die Wissenschaft habe sie angesichts des Entsetzlichen oft bestärkt, schreibt Jünger: „Es liegt im Blick des Auges, der sich erkennend und ohne niedere Blendung auf die Dinge richtet, eine große Kraft. Er nährt sich von der Schöpfung auf besondere Weise, und hierin liegt allein die Macht der Wissenschaft. So fühlten wir, wie selbst das schwache Blümlein in seiner Form und Bildung, die unverwelklich sind, uns stärkte, dem Hauche der Verwesung zu widerstehen.“ Als Jünger 1982 der Goethepreis der Stadt Frankfurt verliehen wurde, gab es viel Protest. Aber hatte nicht Goethe seine berühmte „Metamorphose der Pflanze“ 1790 angesichts des Ausbruchs der Französischen Revolution geschrieben? Ja, er war frisch verliebt in Christiane Vulpius, aber er flüchtete nicht nur in ihre, sondern auch in die Arme der Wissenschaft, wenn auch nicht in die Linnés, sondern in die seiner eigenen ganzheitlichen Betrachtungsweise.
Sicherlich gehörte Jünger in den zwanziger Jahren zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus in der „konservativen Revolution“, und eben dies mag ihm auch zur Duldung durch die Zensur verholfen haben, aber den Krieg verherrlicht hat er nicht, sondern hat ihn mit einer Drastik geschildert, die für mich über Barbusses „Le feu“ und „Im Westen nichts Neues“ von Remarque hinausgeht. Und ist es uns zu verdenken, wenn wir angesichts stattfindender Kriegsgräuel auf philosophische, historische, astronomische oder esoterische Betrachtungsweisen zurückgreifen und z.B. wie Graeculus darüber nachdenken, ob nicht bereits der homerische Krieg um Helena uns viel über den Zusammenhang zwischen Krieg und menschlicher Natur gelehrt hat? Gibt es eine ewige Dialektik zwischen Krieg und Frieden – oder kann sie durchbrochen werden? Und ist die bloße Abwesenheit von Krieg schon Frieden? Ist ein Friede, in dem die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, nicht eine glühende Waffenschmiede? Ein Blick auf die Phasen der Venus, auf die Ringe des Saturn und die Monde des Jupiter ist für mich und meinen Bruder unglaublich beruhigend. Und in diesem Sinne hat Herrenmensch Jünger uns m.E. mit seiner Bügelfaltenliteratur noch was zu sagen in seinem Roman, der unübersehbare Parallelen zu „Der Herr der Ringe“ von einem anderen Veteranen des Ersten Weltkriegs aufweist: J.R.R. Tolkien – ist Jüngers Oberförster nicht Tolkiens Sauron und entspricht das Waldgelichter des Oberförsters nicht Saurons Orks?
Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme
Roman, aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2011
Kurz: Ein aus Västmanland in Schweden stammender etwa 70jähriger Fellow am Magdalen College in Oxford erinnert sich an seine ersten Lieben: zu der verheirateten Frau Sorgedahl, die fast doppelt so alt ist wie er – und zu Ingela, der ältesten Tochter eines Gießers in der Metallgießerei, aber diese beiden Liebesgeschichten finden statt in seiner an Seen, Flüssen und Sperrwerken reichen Heimat, und die pfingstlerisch fromme Mutter erzählt von einem Propst, der seinen Glauben verliert, und wie er ihn über die Reparatur seiner Orgel, also die Musik wiederfindet, während der 70jährige Erzähler sich wundert, wie überzeugte Atheisten das Abendmahl nehmen …
Rezension
Ist es Eitelkeit oder die Sehnsucht nach einem besonders würdevollen Lebensabschluss, die Lars Gustafsson, den angesehenen schwedischen Autor, veranlasste, sich, als er wieder in Schweden lebte, in die Identität eines in Oxford lebenden Fellows am Magdalen College zu hüllen? Er hat u.a. auch in Oxford studiert, kennt sich da aus, aber Professor war er zwei Jahrzehnte lang an der Universität von Austin, Texas (wie der fabelhafte Peter Rühmkorf zehn Jahre vorher). Kurz zuvor ist er zum jüdischen Glauben übergetreten – aus Respekt vor Martin Buber, aber auch ein bisschen, weil er in zweiter Ehe eine Jüdin geheiratet hat. Und dieses Wechselspiel zwischen Sinnsuche im Glauben, in Philosophie, Natur und Naturwissenschaft, und der Hingerissenheit durch das Weibliche bestimmt die Grundstruktur dieses ungewöhnlichen Liebesromans. Und wie ein Brahmskonzert die Erfüllung der Liebe zu Frau Sorgedahl vorbereitet, ist es das Choralvorspiel zu Michael Praetorius‘ Hymne „Komm heiliger Geist mit Deinem Trost“ auf der von einem unbekannten Mädchen aus Mecklenburg reparierten Orgel, die dem von ketzerischen Gedanken heimgesuchten Propst Tim von Haraker die Rückkehr in den Glauben erlaubt. Die Musik als Klammer und als Ausweg aus (enttäuschter) Liebe und (vergeblicher) Sinnsuche – überzeugt das?
Gustafsson ist in dem für ihn typischen scheinbar absichtslosen Plauderton eine Liebesgeschichte gelungen, die die Liebe nicht isoliert betrachtet, sondern sie einbettet in Natur, Philosophie, Luther- und Sektierertum – für mich einer der schönsten Liebesromane, in dem der (fiktive) weißhaarig Fellow sich erinnert: Sie „setzte sich neben mich, nahm meine Hand und platzierte sie ruhig und entschlossen auf ihrem Venushügel, auf dem leicht erhabenen Dreieck, wo alle Kräfte des Universums sich begegnen und wo alles beginnt und endet. Sie tat das ganz ruhig und sehr entschlossen … Was erwartete sie, dass meine Hand dort anfangen sollte? Sicherheitshalber beschloss ich, sie einstweilen nur da liegen zu lassen, wo sie lag, in der Welle von Wärme, die ihr jetzt entgegenstieg und drohte, sie in Asche zu verwandeln, wenn sie nur noch eine Minute länger dort liegen bleiben würde.“ Aber expliziter wird es eben auch nicht, und deshalb führt amazon das Buch auch erst an Stelle 60.826 im Bereich Erotik, obgleich es an die zehnte (mindestens!) gehört hätte!
Schön ist der Anfang, in dem der Erzähler begeistert feststellt, dass er nie existiert hat. Und damit hat er ja Recht! Den von Lars Gustafsson fingierten Fellow am Magdalen College in Oxford, der in der Ichform erzählt, hat es ja nie gegeben! Ein Paradox wie das vom Kreter, der sagt: Alle Kreter sind Lügner … Schön auch die Betrachtungen zur mehrfach in sich gefalteten Zeit … Schön und lesenswert die Betrachtungen zur fragwürdigen Textgeschichte der biblischen Schriften, die an die Satanischen Verse von Salman Rushdie erinnern … Schön auch die Betrachtung, dass der Polytheismus den Teufel überflüssig mache … Dies Buch ist kein Pageturner – aber es deckt eine reiche Tafel, von der ich gut gesättigt aufstehe.
Gustav Freytag: Soll und Haben
Zenodot Verlagsgesellschaft, o.O. 2016
Kurz: Anton Wohlfahrt, aus bescheidenen Verhältnissen in einer schlesischen Kleinstadt stammend, macht um 1830 Karriere beim Breslauer Großkaufmann Traugott Schröter und dessen Schwester Sabine. Durch seine Liebe zu Lenore, der Tochter des über seine Verhältnisse lebenden Freiherrn von Rothsattel, wird er beinahe aus der Bahn geworfen, als er Schröter verlässt, um das polnische Gut Rosmin, die letzte Zuflucht des von Wucherern zugrunde gerichteten Freiherrn, vor der Wut aufständischer Polen zu retten. Doch als sein Freund Fritz von Finck schwerreich aus Amerika zurückkehrt und ihm Lenore abspenstig macht, kehrt er zu Schröter und der ihn liebenden Sabine in Breslau zurück und wird dessen Compagnon und Schwager.
Rezension
„Wer von Haus aus den Anspruch an das Leben macht, zu genießen und seiner Vorfahren wegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr häufig nicht die volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen. Sehr viele unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen, und es wird kein Unglück für den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre Familienerinnerungen machen sie hochmütig ohne Berechtigung, beschränken ihren Gesichtskreis, verwirren ihr Urteil.“
Mit diesen – und noch härteren – Worten lehnt der Großkaufmann Schröter das Ansinnen seines Korrespondenten Anton Wohlfahrt ab, dem in Schulden geratenen Freiherrn von Rothsattel zu helfen. Er übt vernichtende Kritik an einem Adel, der, wenn er aus wirtschaftlichen Gründen zugrunde geht, mit Recht zugrunde geht, weil er nicht bereit oder unfähig ist, sich an Goethes Wort zu halten: „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Arbeit ist dem Adel fremd, und dass der Roman „Soll und Haben“ rund 100 Jahre lang ein bevorzugtes Geschenk an 14Jährige war, liegt sicher auch daran, dass dieses Buch ein Hohelied auf Fleiß und Arbeit ist.
Seit Fontanes Kritik ist viel geredet worden über den Antisemitismus in Freytags Roman „Soll und Haben“ von 1855, insbesondere im Zusammenhang mit Rainer Werner Fassbinders Plan, aus dem Roman eine mehrteilige Fernsehserie zu machen. Dieser Plan ist bekanntlich gescheitert, und das sicherlich auch, weil Fassbinder in seinem Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ gezeigt hatte, dass er sich nicht scheute, mit antisemitischen Klischees zu hantieren. Nachdem das „Nie wieder!“ zum Holocaust zur Staatsraison der Bundesrepublik geworden war, konnte der WDR es sich 1977 nicht leisten, auch nur einen Hauch von Antisemitismus aus einem Werk der Vergangenheit zu übernehmen.
Ein zweites Problem des Romans ist die Selbstverständlichkeit, mit der er die preußisch-österreichische Vorherrschaft über das geteilte Polen aus kulturell zivilisatorischer Überlegenheit rechtfertigt und die deutsche Kolonisation Richtung Osten verherrlicht. Auch die Slawen waren von den Nazis als „Untermenschen“ behandelt worden, auch hier fürchtete der WDR mit Recht, sich auf vermintes Gelände zu begeben.
Aber der Roman hat eine dritte Stoßrichtung, die so gut wie unbeachtet blieb: Die oben angetönte vernichtende Kritik an der vielfach regelrecht parasitären Lebensform des Adels. Das blieb unbeachtet, weil seit dem ersten Weltkrieg der Adel seine Privilegien weitestgehend verloren hatte, das Problem schien erledigt zu sein. Aber der Adel litt und leidet sehr unter dieser Zurücksetzung und war und ist dankbar dafür, dass es Freiherrn und Grafen nicht nur im Offiziersstand der Wehrmacht, sondern auch im Widerstand gegen Hitler gegeben hatte. Da konnte die Verfilmung eines Romans, in dem der Freiherr von Rothsattel, ein im Versuch wirtschaftlichen Denkens sich hoffnungslos verheddernder Lebemann, eine wichtige Rolle spielt, nicht besonders hilfreich sein. Auch das mag bei der Ablehnung von Fassbinders Projekt nicht unwirksam gewesen sein; denn der, der es verwarf, der damalige Intendant des WDR, war Friedrich Wilhelm Freiherr von Sell, und Rat mag er sich bei seinem Vorgänger als WDR-Intendant geholt haben, Klaus von Bismarck, Erbherr auf Jarchlin und Kniephof in Pommern, Urgroßneffe von Otto von Bismarck, dem „Eisernen Kanzler“, den der erzliberale Freytag als „dämonischen, unberechenbaren Gewaltmenschen“ publizistisch bekämpft hatte.
Fassbinder und sein Dramaturg Peter Märthesheimer hatten ein Ideologiepapier zur Umgestaltung von Hirsch Ehrental und Veitel Itzig, der Shylocks in Freytags Roman, verfasst, sie wollten sie ihrerseits auch als Opfer gesellschaftlicher Zwänge darstellen, und sicherlich hätten sie auch hervorgehoben, dass der Lehrmeister des kriminellen Itzig der deutsche Winkeladvokat Hippus ist. Ein Drehbuchentwurf lag bereits vor. Aber Freiherr von Sell lehnte das Projekt ab, ohne Ideologiepapier und Drehbuchentwurf auch nur gelesen zu haben … Er rechtfertigte das so: „Der Roman von Gustav Freytag ist in weiten Bereichen Inkarnation und Ausformung antisemitischer und antislawischer Ressentiments und Unmenschlichkeiten.“ Auf diese Weise ist Fassbinders wohl ehrgeizigster Plan gescheitert, und es ist durchaus möglich, dass daraus eine der wichtigsten Fernsehserien der noch jungen Bundesrepublik geworden wäre, die bis heute zwischen Anti-Antisemitismus und Zweifeln an israelischer Machtpolitik mühselig ihren Weg sucht. In dem Aufsatz „Gehabtes Sollen – gesolltes Haben“ hat Fassbinder sich bitterlich über die Grenzen beklagt, die das Fernsehen der Kunstfreiheit setzt.
“Soll und Haben“ ist auch heute noch, 170 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, ein spannend und unterhaltsam zu lesender Roman voller nostalgischer Details aus dem Kaufmannswesen, denen wieder zu begegnen mir großen Spaß macht – zugleich aber auch ist es bedrückend, Überzeugungen darin eindrucksvoll, fast mitreißend geschildert zu finden, die den Werdegang Deutschlands nur allzu fatal mitbestimmt haben.
Florence Knapp/Lisa Kögeböhn: Die Namen
Roman, deutsch von Lisa Kögeböhn
Eichborn, Köln 2026
Kurz: Cora hat den Auftrag, ihren kleinen Sohn beim Standesamt unter dem Namen seines Vaters, Gordon, anzumelden. Aber ihre Tochter würde „Bear“ für den Kleinen vorziehen. Sie selbst findet „Julian“ schön. Florence Knapp erforscht und gestaltet, was geschieht, wenn sie den einen, den anderen oder den Vaternamen wählt … Ein literarisches Experiment von ebenso unterhaltsamer wie düsterer Tiefe.
Rezension
Seit Kate Atkinsons genialem „Life After Life“ (Die Unvollendete) habe ich kein so gegen den Strich der Spannungsliteratur gebürstetes, besser: gebautes Werk gelesen, das dennoch spannend bleibt. Es wird nicht eine Geschichte erzählt, sondern gleich drei nebeneinander, alle mir dem gleichen Grundpersonal: Cora, der Mutter, ihrer Tochter Maia, deren 8 Jahre jüngerem Bruder und dem Vater Gordon, einem Erzmacho unter der Maske eines charmanten Allgemeinmediziners. Und wie kommt es zu den drei Geschichten? Die Mutter will ihren kleinen neugeborenen Sohn beim Standesamt anmelden und schwankt zwischen drei Namen: Gordon wie sein Vater (auf diesem Namen besteht er), Julian (findet Cora schön) und Bear (so möchte seine Schwester ihn nennen).
Im ersten Strang des Romans hat Cora Bear als Namen eintragen lassen.
Im zweiten Strang hat sie dafür gesorgt, dass er Julian heißt.
Und im dritten hat sie sich dem Willen ihres Mannes gebeugt und ihn Gordon genannt.
Alles beginnt 1987, und dann heißt es fünfmal „Sieben Jahre später“, der Roman endet im Jahr 2022, und in jedem dieser Kapitel gibt es ein Unterkapitel Bear, eines mit dem Namen Julian und eines mit dem Namen Gordon. Es gibt also einen Bear-Strang, einen Julian-Strang und einen Gordon-Strang. Aber nicht die unterschiedlichen Namen des Jungen, der später ein junger Mann ist, bewirken die Unterschiedlichkeit der geschilderten Schicksale, sondern das unterschiedliche Verhalten Coras: Mit Bear lehnt sie sich eindeutig gegen den anmaßenden Ehemann auf, mit Julian versucht sie zu lavieren, mit Gordon unterwirft sie sich. Ich habe lange kein so fulminantes Werk gegen das Patriarchat gelesen wie dieses; mit Gordon Atkin sen., dem tüchtigen, alle bezaubernden Arzt, hat Florence Knapp einen echten Schurken gestaltet, und wie es leider so ist mit den Schurken, ist er der Motor dieses wunderbaren dreisträngigen Werks. Als ich den Überblick über die drei unterschiedlichen Stränge zu verlieren drohte, habe ich auch versucht, jeden für sich zu lesen, gab das aber auf, weil der sehr filmische Wechselschnitt zwischen den drei Versionen doch auch zu einem Ganzen mit etlichen inneren Querverbindungen führt, das ich nicht aus dem Auge verlieren wollte.
In Kate Atkinsons „Life After Life” (keinVerlag.de – eine Besprechung von Quoth zu „Die Unvollendete“ von Kate Atkinson) muss die Heldin nach vergeblichen Lebensanläufen immer wieder geboren werden, um endlich leben und alle Gefahren überstehen zu können. Atkinson wie Knapp unterwerfen sich nicht den Zwängen einer scheinbar notwendigen, linearen Handlungsführung, sondern erforschen das Mögliche … Wer sich darauf einlässt, erlebt einen tiefgründigen literarischen Spaß mit freilich düsteren Schattenseiten – manche Leser:innen fühlten sich durch die Darstellung häuslicher Gewalt überfordert, die gerade deshalb so intensiv ist, weil man ihr Ausmaß oft nur an den Folgen, z.B. Coras Tod, erkennen kann. Das entnehme ich den Rezensionen auf der Seite von „Lovely Books“. „The Names“, von Lisa Kögeböhn einfühlsam aus dem Englischen übersetzt, ist ein lesenswertes literarisches Ereignis.
John Irving: Königin Esther
Roman, deutsch von Peter Torberg, Eva Regul
Diogenes, Zürich 2025
Kurz: Der Enkel eines Professors für Literaturwissenschaft, der vorwiegend über Dickens Vorlesung hält, will Schriftsteller werden und geht studienhalber nach Wien, wo er unbedingt eine Frau schwängern muss, um nicht Soldat im Vietnamkrieg zu werden. Esther ist seine ihm unbekannte leibliche Mutter, der er in Israel begegnet, wo sie wahrscheinlich für den Mossad gearbeitet und einen Arm verloren hat …
Rezension
1978 begegnete ich in Düsseldorf bei einer Podiumsdiskussion im dortigen kommunalen Kino einer israelischen Künstlerin, die mit ihrem eigenen Blut malte, und da sie hübsch, klug und Jüdin war, war ich nahe daran, mich in sie zu verlieben. Aber sie war eine fanatische Anhängerin Begins, des damaligen Ministerpräsidenten von Israel, so dass sie, als ich die Besiedlung des Jordanlandes (wie damals auch Helmut Schmidt) verurteilte, über mich herfiel mit der Beschimpfung, ich sei ein Nazi, ich konterte mit dem Vorwurf, sie schaffe Blut-und-Boden-Kunst, worüber sie völlig außer sich geriet, mich schlagen wollte und vor mir ausspuckte … Daran erinnert mich die Endphase des großartigen Romans „Königin Esther“ von John Irving u.a. über die 60er Jahre in Wien, als James/Jimmy, der Held, der Schriftsteller geworden ist, seine Bücher in Jerusalem signiert …
Ich will gar nicht erst versuchen, den Inhalt des 542seitigen Romans zusammenzufassen, der ist so komplex und kompliziert, wie nur ein Romanmeister ihn bauen kann, ohne Chaos zu stiften. Ich fühlte mich so gut unterhalten wie lange nicht, u.a. durch eine Mutter, die verzweifelt darüber nachdenkt, wie sie ihren halbwüchsigen Sohn vorm Vietnamkrieg bewahren kann: Durch beim Ringen erlittene Verletzungen, oder, wenn sie ausbleiben, etwa durch einen Schuss ins Knie? Aber dann bestimmt John F. Kennedy, dass Männer, die ein Kind haben, nicht eingezogen werden sollen – James/Jimmy geht studienhalber nach Wien – und es geht über hunderte Seiten vor allem um die Frage, wie findet er eine Frau, die er schwängern kann? Diese Verknüpfung von Kriegsfurcht mit dem Wunsch, Vater zu werden, ist genial, und der Akt der Zeugung der kleinen Vienna ist denn auch der amüsanteste Austausch von Körperflüssigkeiten, von dem ich je gelesen habe, vor allem auch deshalb, weil er unter der Regie von Jolanda mit Mieke stattfindet, beide Holländerinnen, beide Lesben, aber Mieke wollte ein Kind …
Es gibt angeblich Irving-Fans, die jeden seiner Romane kennen, zu denen gehöre ich nicht, dies ist mein erster gewesen, vorher kannte ich von ihm nur den Film „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (für den er das Drehbuch nach dem eigenen Roman geschrieben und dafür einen Oscar bekommen hat), erinnerte mich aber nur noch an die Pflückarbeit auf der Apfelplantage. Aber als ich in „Königin Esther“ einem äthersüchtigen Dr. Larch begegnete, erinnerte ich mich: Den gab es in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ auch schon, denn auch hier spielen Waisen aus seinem Waisenhaus eine große Rolle, eine davon ist Esther, die James/Jimmy auf die Welt bringt, aber nur um ihn sogleich seiner Ziehmutter zu übergeben, mit der sie eng befreundet ist …
Viele Kritiken des Buches bemängeln, dass Irving sich wiederholt – da ich kein Irving-Fan bin, der alle seine Romane kennt, stört mich das nicht, angeblich soll es Amputationen, Ringen und Abtreibungen immer wieder bei ihm geben (ein Romanautor schöpft eben immer wieder aus demselben autobiografischen Material)– aber allein für die engen Studenten-WG-Wohnverhältnisse im Wien der 60er Jahre mit einer missmutigen Wirtin, ihrer sich prostituierenden Tochter, deren Sohn, der seine Zinnsoldaten mit der Knoblauchpresse köpft, und den deutschen Schäferhund Hard Rain bin ich Irving sehr dankbar, denn ich habe sie in derselben Zeit in Hamburg zugleich anders und ähnlich erlebt.
Wer drastischen Humor nicht mag, sollte das Buch nicht zur Hand nehmen.