Karrieren

Es war Louisa an diesem Morgen gar nicht recht, dass Tommy sich so schnell verabschiedete und davonfuhr. Warum begriff er nicht, dass sie mehr Unterstützung, ein bisschen Wärme und Gehaltenwerden brauchte? Nicht einmal einen Tee hatte er zu kochen für nötig befunden. Das graue Gesicht des Alltagsentsetzens grinste sie an, sie stellte den Kessel auf die Herdplatte und drückte ihn fest darauf, damit er schneller heiß wurde.

Louisa umgab die Aura der einsamen Frau, wie sie da stand. Alles an ihr war lang: Ihre Beine, ihr Haar, das sie mittels einer Spange aus Schildpatt hochgesteckt trug, aber auch ihr Rücken, der oft schmerzte, und ihr Gesicht, das ihr, als sie noch Schülerin war, gelegentlich Vergleiche mit Pferden und anderem langnasigem Getier eingetragen hatte. Die Lippen bedeckten Zähne von einiger Größe, die Ohren glichen Austernschalen, die Stirn war klar, und die dunkelblonden Haare sprossen so unvermittelt aus ihr hervor, dass man den Blick nicht abwenden konnte. Auch ihre in Turnschuhen steckenden Füße waren lang, auch ihre Hände und deren Finger, alles war lang an ihr, sogar der dicke Wollpullover, den trug, weil sie leicht fror und weil sie es sich leisten zu können glaubte, die Schönheit ihres Körpers zu verbergen. Louisa war 23 Jahre alt, ein Zug von Härte und Ekel spielte um ihre Mundwinkel, als sie jetzt Tee in die Tasse goss, in der der Kandis knisterte, Sahne zugab und nachdenklich umrührte. Was ist das Leben?, dachte sie sehr global, es ist Einsamsein, hinterm Geld herlaufen, kaum noch zur Besinnung kommen und mit einem Mann zusammenleben, der es ebenso macht. Sie überlegte, ob sie sich noch für einen Moment aufs Sofa setzen und in die Blumenpracht hinausblicken sollte, die sie auf der Terrasse angesammelt hatte. In diesem Augenblick klingelte es. Um Himmels Willen! Jetzt niemand mehr, der ihr die Zeit stahl! Sie hasste es, zu spät zu kommen. Dabei hätte sie es sich leisten können, die Stechuhr zu ignorieren. Ihr Produzent wusste, was er an ihr hatte.

Es war ein von der Versicherung bestellter Sachverständiger, so ein Bursche mit Laptop und Krawatte. Es laufen so viele davon herum, dass die Merkmechanik im Kopf gar nicht richtig in Gang kommt, wenn man einen davon sieht. Das einzige besondere Kennzeichen an diesem Vertreter seiner Art war eine aufgeworfene Nase, die an die Steckdose stupsnäsiger Kleinkinder erinnerte. Er wollte den Wasserschaden in der Toilette sehen, den ihnen der Obermieter eingebrockt hatte, Louisa hatte keine Wahl, sie musste ihn hereinlassen. Sie ging ins Wohnzimmer, streckte sich auf dem Sofa aus und blickte in den blühenden Heliotrop. Warum war Tommy nur so kurz angebunden in letzter Zeit? Sie waren seit über fünf Jahren zusammen – war es einfach der Austrockungsprozess, dem jede Beziehung unterliegt? Louisa verabscheute das Wort Beziehung und hätte es gern durch Liebe ersetzt, aber in letzter Zeit war es ihr oft, als drohe die ehemalige Liebe zu einer Beziehung zu verkommen. Tommy wollte sie lieben, daran zweifelte sie nicht, aber sie zweifelte an sich selbst und begann zu überlegen, was sie falsch gemacht haben könnte. Hatte sie sich nicht genug für seine Sorgen interessiert? Wie lange waren sie schon nicht mehr zusammen ausgegangen! Schon seit Ewigkeiten redete er davon, mal wieder richtig guten Jazz hören zu wollen. Sie beschloss, in der Stadt herumzuschauen, ob sie ein Konzert oder einen Keller ausfindig machen konnte, wo er sich diesen Wunsch erfüllen konnte.

Die Steckdose klopfte, wartete aber nicht auf ein Herein, sondern setzte sich gleich an den Tisch und klappte den Laptop auf. Louisa stellte sich abwartend in die Tür. Dass der hier bloß nicht noch Wurzeln schlug! Plötzlich blicke er auf und sagte mit einem breiten, distanzlosen Grinsen: „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Ich bin sicher, Sie schon gesehen zu haben!“

Halt an dich, befahl Louisa sich, bleib ruhig, sag ihm nicht, was du denkst, beherrsch dich! „Es gibt viele Frauen, die aussehen wie ich“, sagte sie kühl.

„O nein, ich erkenne Sie ganz genau, eine Verwechslung ist unmöglich!“, insistierte Steckdose und verdrehte die Augen.

„Können Sie bitte fertig werden? Ich hab keine Zeit mehr!“

„Auch dafür nicht?“ Er stand auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Sie wich zurück.

„Fassen Sie mich nicht an!“, sagte sie drohend. Aber er war schon drauf auf dem Trip, von dem kaum ein Mann nur mit Worten noch herunterzuholen ist. Er packte sie beim Pullover und griff ihr an die Brust.

Brutal fuhr sie ihm mit Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand in die „Steckdose“. Er jaulte auf und wich zurück. Louisa stieß ihn in Richtung Haustür, öffnete sie und herrschte ihn an: „Verschwinden Sie – und seien Sie froh, wenn ich Ihren Chef nicht anrufe, Sie Dreckskerl!“ Sie warf den Laptop hinter ihm her und knallte die Tür zu.

„Da war ein Typ, der sich den Wasserschaden anschauen wollte“, schluchzte sie ins Telefon. „Er wollte mich vergewaltigen.“

„Beruhige dich“, sagte Tommy nur. „Bist du in Sicherheit?“

„Ich denke schon.“

„Muss ich kommen?“

„Nein, nicht nötig.“

„Was ist noch?“

„Das ist alles nur passiert, weil du mich heute Morgen nicht in den Arm genommen hast.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Du beachtest mich kaum noch!“

„Das stimmt nicht. Heute Morgen hab ich dich noch im Bad gesehen, und es fuhr wie ein Stromschlag durch mich hindurch: Wie ist sie schön!“

„Das ist es nicht, was ich meine.“

„Was meinst du denn?“

„Wenn du es nicht verstehst, kann ich es dir nicht erklären. Wollen wir heute Abend weggehen? Ich finde eine Kneipe heraus, wo es Jazz gibt.“

„Abgemacht. Du, da will mich jemand auf der anderen Leitung … Ach, noch was … Hast du den Namen von dem Typ?“

„Vergiss ihn. Ich will ihn nie wieder sehen. Und den Schaden kriegen wir auch aus eigener Tasche repariert. Ciao!“

„Ciao, bis heut Abend!“

*

Auf dem Flur lief Big Bill Louisa über den Weg. „Hey, Baby,“ sagte er und blieb stehen. Louisa mochte ihn. Er war anders als die anderen Kollegen, und das nicht wegen seiner Hautfarbe. Sie hatten ein paar Episoden zusammen gemacht, und sie hatte sich bei ihm immer gut aufgehoben gefühlt. Ihm fehlte jede Aggressivität, seine Bewegungen waren immer sanft, und das, obgleich er ein Riese war wie aus einer Basketballmannschaft. „Kann ich dich mal sprechen?“, fragte Big Bill.

„Ja, schieß los!“

„Nein, nicht hier!“ Big Bill schaute sich um. Louisa öffnete die Tür zu ihrer Garderobe und ließ ihn eintreten. Während sie sich vor den Spiegel setzte, wo Eileen mit der Maske begann, nahm er auf einem der marokkanischen Puffs Platz und steckte sich eine Zigarette an.

„Was ist los, Big Bill? Aber fass dich kurz!”

„Ich bin in Schwierigkeiten“, sagte er. „Meine Vermieterin hat mich vor die Tür gesetzt. Eigenbedarf.“

„Bin ich ein Maklerbüro?“

„Da war ich schon, aber die wollen alle einen Vorschuss. Ich bin ohne einen Penny.“

„Wie viel?“

„Ich will kein Geld. Morgen gibt’s wieder was. Kannst du mir nicht helfen? Ich bin sicher, wenn du mal für mich herumtelefonieren und mit auf Zimmersuche gehen würdest, es würde sofort klappen.“

„Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Verstehst du?“

„Klar versteh ich das. Ich bin ja schon ein paar Jahre hier. Aber ich finde, es ist ein blöder Spruch.“

„Du weißt, dass er was mit Selbstschutz zu tun hat. Unser Beruf ist riskant genug. Gerade heut Morgen hat ein Typ, dem ich irgendwie bekannt vorkam, versucht, sich über mich herzumachen.“

„Das würde dir in meiner Gesellschaft nicht passieren.“

„Wann soll’s losgehen?“

„Ich hab hier ein paar Adressen. Heut Abend nach der Arbeit?“

„Gut. Ich hab um halb vier Schluss.“

„Danke, Baby.“

*

Dieses Gespräch hatte in den Abgründen von Louisas Seele eine geheimnisvolle Weiche gestellt. Da war jemand, der sie brauchte, und das tat ihr gut. Big Bills treuherziges Gesicht ging ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf, und als sie mit ihm arbeitete, schaute sie ihm in die Augen, und ein winziger Strahl von Glück brach durch den Panzer, den sie um ihr Herz gelegt hatte. Sie schalt sich sofort, dass sie bescheuert sei und aufpassen müsse. Aber es nützte nichts. Als er weggegangen war, hatte sie bemerkt, dass sein Rücken weniger schwarz war als der übrige Körper, er changierte ins Gelblichbraune. Sie sprach ihn darauf an, als sie die erste seiner Adressen anfuhren.

„O, Baby!“, rief er amüsiert. „Es ist ganz einfach: Jedes Mal, wenn wir zusammen drehen, werde ich ein Stückchen weißer!“ Lachend enthüllte er sein herrliches Gebiss.

„Da muss ich ja wohl aufpassen, dass ich nicht schwarz werde! Aber mal im Ernst: Wer ist da durch deinen Stammbaum geflitzt?“

„Meine Großmutter mütterlicherseits hieß Lisaweta Sokolowska und war Russin.“

Es berührte Louisa eigenartig, das zu hören. War er ihr dadurch näher gerückt? Sie glaubte sich von jedem Rassismus frei, dennoch freute sie sich über seine Mitteilung. „Was hast du eigentlich gemacht, bevor du zu ZÉRO gekommen bist?“

„Musik. Mach ich immer noch. Heut Abend spielen wir im Felsenkeller.“

„Und was spielt ihr?“

„Jazz. Und ein bisschen Ethno. Aus meiner Heimat!“

„Und wann geht es los?“

„Um zehn oder so was.!

„Ich komm hin, aber ich hab eine Bitte …“ Sie schaute ihn von der Seite an.

„Okay, Baby, schon verstanden. Wir kennen uns nicht!“

Big Bill hatte Recht gehabt. Die Vermieterinnen waren von ausgesuchter Höflichkeit. Louisa konnte sich nicht vorstellen, dass das ohne sie anders gewesen wäre. „Wir können es testen!“, sagte Big Bill lachend. Bei der nächsten Adresse ging er allein an die Tür, Louisa stand lauschend auf der Treppe.

Die Tür hatte einen sogenannten Spion – und ging gar nicht erst auf. „Wir vermieten nicht an Ausländer!“, erschallte es dumpf von drinnen. Louisa kam dazu, klopfte und rief: „Mr. Blythe ist Engländer und ich bin seine Freundin!“ Big Bill schaute Louisa überrascht an. Er hieß weder Blythe, noch war er Engländer, aber dass sie sich offen zu ihm bekannte, erfüllte ihn mit Stolz. Die Tür blieb zu.

„Erzählen Sie das jemand anders!“

„Warum machen Sie nicht wenigstens die Tür auf, wenn wir mit Ihnen reden?“

Keine Antwort.

Die nächste Adresse war ein Neubau. Ein Makler führte zwei junge Leute durch die blütenweiße Wohnung.

„Werden hier auch Zimmer für Studenten vermietet?“

„Ja – nein – äh …!

Die junge Frau wandte sich an Louisa und sagte: „Die Wohnungen sind wahnsinnig teuer und zuerst mal für uns zu groß. Wir würden gern untervermieten.“

„Ich denke nicht, dass das sinnvoll ist,“ mischte der Ehemann sich ein, „wir planen, recht bald ein Kind zu haben, und dann muss der Untermieter natürlich wieder raus.“

„Aber Mr. Blythe wäre auch mit ein paar Wochen gedient!“

Die junge Frau wollte etwas sagen, aber ihr Mann schnitt ihr das Wort ab. „Kommt leider nicht in Frage!“, sagte er abschließend.

Sie stiegen wieder in Louisas Wagen. „Ich habe eine Idee!“, sagte sie.

„Put a heavy story on me!“

“Hör mir gut zu!” Louisas Augen blitzten. Sie fand sich toll und hatte großen Spaß. „Aber zuerst mal muss ich was essen!“

„O, Mensch, Baby, und ich bin sicher, du lädst mich ein!“

Sie lachten einander an, und Louisa bemerkte zu ihrem Schrecken: Der Panzer war wie weggeschmolzen.

Über mehreren Trögen fetten fast-foods entwickelte Louisa ihren Plan. Big Bill sollte von seinem Bandleader am Abend im Felsenkeller bekannt machen lassen, dass einer von ihnen dringend ein Zimmer suche. Dann wollte sie sich melden und das Dachzimmer anbieten, das in ihrem Haus ungenutzt war.

„Und dein Mann? Was wird der dazu sagen?“, fragte Big Bill und vergrub sein Gesicht in einem saftigen Dreistöcker.

„Der macht schon mit,“ erwiderte Louisa siegessicher. „Putz dir mal das Gesicht ab! Du siehst ja grauenvoll aus.“

„Aber er wird doch merken, dass wir in derselben Firma arbeiten. Du hast übrigens auch Mayonnaise unterm Auge.“

Louisa putzte unterm falschen Auge und sah Big Bill fragend an. „Versuch’s mal unter dem anderen,“ sagte er.

„Wir müssen eben ein bisschen aufpassen. Und warum soll ich dir dann nicht den Job bei der ZÉRO besorgen?“

„Das geht nicht gut,“ sagte er. „oder dein Tommy ist so eine Art von Übermensch. Sagt ihr nicht so: Übermensch? Ihr müsst es sagen, denn dass ihr Untermensch sagt, weiß ich aus eigener Erfahrung.“

*

Thomas liebte Louisa wirklich. Aber wenn er sich genau prüfte, war dieses Gefühl mit einigen Gewürzen angemacht, auf die er gern verzichtet hätte. Um herauszufinden, worum es sich dabei handelte, lud er das Spiel „Papageno und Papagena“ und fummelte so lange daran herum, bis er sie an einer Steilküste stehen hatte, wo sich folgender Dialog zwischen beiden entspann:

„Ich liebe dich, aber du bist so unnahbar,“ sagte Papageno. „Irgendetwas umgibt dich, was mich schaudern macht, eine Fremdheit, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.“

„Bitte halte mich, ich falle, wenn du mich nicht hältst. Siehst du denn nicht den Abgrund, der vor meinen Füßen gähnt? Spürst du nicht den Wind, der mich immer näher an ihn herantreibt? Bitte halte mich, o bitte, halt mich fest!“

„Mir ist, als bliese der Wind mir ins Gesicht, nein es ist kein Wind, es ist ein Sturm, ich komme nicht an dich heran, ich strecke die Hand aus (er tat es), aber ich erreiche dich nicht! Es ist, als ob du in einer anderen Welt lebtest als ich, in einer intensiveren, bedeutsameren Welt, verglichen mit ihr ist die meine grau und alltäglich. Mir ist, als ob du mich eigentlich verachten müsstest!“

„Aber ich verachte dich nicht, Liebster, im Gegenteil, ich beneide dich, dass du unangefochten deine solide Arbeit tun kannst, bitte, bitte, schau doch herum, ob es in der ÉGALITÉ für mich nicht auch noch irgendein Plätzchen gibt. Ich bin fleißig, habe viel Disziplin, erledige auch unangenehme Aufträge im Handumdrehen und käme auch mit weniger Geld, als ich jetzt verdiene, gut zurecht.“

„Ach, Papagena, belüg dich doch nicht selbst! Du hast selber gesagt, dass, wer einmal vom Blut des Rampenlichts geleckt hat, nie wieder davon loskommt.“

An dieser Stelle wurde Tommy von Jungheim unterbrochen. Er versteckte das Spiel in den Speicherabgründen seines Computers und ging dem versammelten Vorstand die von ihm entwickelte Methode der vorauseilenden Gutschrift zu erwartender Sterblichkeitsgewinne erläutern. Die ÉGALITÉ wollte mit ihrer Hilfe der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie das beste Pferd in meinem Stall sind, Voigt? Ich bin stolz auf Sie!“, lobte ihn Jungheim über den grünen Klee. „Sie wissen, dass Sie mit jedem Problem zu mir kommen können. Wie geht es Ihrer geschätzten Gattin?“

„Gut. Das heißt, heute Morgen hat irgendein Fuzzy sie belästigt.“

„Es wird immer schlimmer. Grüßen Sie sie sehr herzlich. Hätten Sie nicht Lust, heute Abend bei uns zu essen?“

„Tut mir leid, aber für heute Abend haben wir schon was vor.“

„Ich bin sicher, dass es nicht so wichtig ist wie bei uns zu essen. Gibt es irgendwas, was Sie oder Louisa nicht mögen?“

Thomas fühlte sich überrumpelt. Aber ich wäre ein Idiot, wenn ich jetzt noch widersprechen würde, dachte er.

„Bitte kein Hirn,“ sagte er. „Und keine Drüsen.“ Jungheim ging mit dem Versprechen, seine Frau sofort entsprechend zu unterrichten.

Kaum war er aus der Tür, kam Frau Markowicz zu Tommy und gratulierte ihm. „Eine Abendeinladung bei Jungheims!“ seufzte sie und deutete durch Verdrehen der Augen an, dass sie davon nicht zu träumen wagte. Frau Markowicz war, was man eine patente Frau nennt, eine ausgezeichnete Rechnerin und phantastische Kollegin. „Vergessen Sie nicht, seiner Frau ein paar Blumen mitzubringen, darauf legt sie Wert. Und möglichst nur weiße, sie ist berüchtigt für ihren ausgeprägten Geschmack!“

*

In der Tat war die Einrichtung der Jungheims ganz in Weiß gehalten. Schneeweiße Vorhänge wallten von den Gardinenbrettern hernieder, weiße Schleiflackvitrinen präsentierten ausgesuchtes weißes Porzellan, darunter eine auf einen schneeweißen Stier geräkelte schneeweiße Europa, eine blütenweiße Leinendecke war einladend über den Tisch gebreitet, und Tommys Strauß, der ausschließlich aus Lilien, Chrysanthemen und weißen Freesien bestand, machte gehörigen Eindruck. Frau Jungheim stellte ihn demonstrativ an den besten Platz, nämlich vor das Fenster, durch das der Blick in einen ganz von Efeu überwucherten Garten wanderte, den drei schneeweiße Marmorgrazien auf einem Sockel schmückten, und auch daran wuchs Efeu, begierig, ihre schönen Gestalten zu umfassen, empor.

„Irgendjemand hat Ihnen verraten, dass ich für Weiß schwärme,“ sagte Frau Jungheim. „Oder sollten wir etwa denselben Geschmack haben?“

Tommy zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten, sondern lenkte das Gespräch auf den Garten, den er einen „Traum“ nannte.

„Ach, schmeicheln Sie mir nicht, Sie Loser! Es ist der ungepflegteste Garten weit und breit, ich komme einfach nicht dazu, einmal Unkraut zu jäten. Bitte nehmen Sie doch Platz! Sicherlich kann ich Ihnen jetzt einen Aperitif bringen. Cynar? Martini? Was darf es sein?“ Sie öffnete einladend ein Buffet voller Flaschen.

Tommy setzte sich neben Louisa, die sich schweigsam und missgelaunt in eine Ecke des mit Nessel bezogenen Sofas zurückgezogen und die langen Beine in den zerrissenen Jeans über einander geschlagen hatte. Tommy, der sich auf ihre Körpersprache verstand, dechiffrierte die Frage: „Was soll ich hier?“

„Ich find’s ja auch blöd!“, raunte er ihr zu, als die Hausfrau in der Küche verschwunden war. „Was hältst du von ihr?“

„Typ vergreisender Backfisch.“ Sagte Louisa ungeniert mit ihrer normalen tiefen Stimme. „Die Haare zu lang und zu blond, Hausmütterchen mit Migräne, total überstilisiert, aber was bleibt ihr übrig?“

Herr Jungheim war lautlos hereingekommen und streckte Louisa die Hand hin. „Bitte entschuldigen Sie mich … Ein Telefonat … Tommys toller Einfall bringt die Leitungen zum Glühen … Ich bin entzückt … Wann haben wir uns schon gesehen, gnädige Frau? War es nicht auf der Faschingsfeier? Trugen Sie nicht einen Domino? Sie sehen bezaubernd aus!“

Jungheim hob Louisas lange, edle Hand seinen Lippen entgegen. Tommy kannte das schon. Louisas Schönheit löste in fast allen Männern den Wunsch aus, sich als Herzensbrecher zu versuchen. Aber er wusste auch, dass Louisa das hasste.

„Lassen Sie das“, sagte sie und zog ihre Hand zurück. „Ich bin keine Frau, der man die Hand küsst.“ Sie erhob sich zu voller Größe, krümmte die langen, kühlen Finger an Jungheims auch zu dieser späten Stunde spiegelblank rasierte Wange, tätschelte sie ein wenig und sagte: „Ich bin Louisa. Und wie heißt du?“

Dieser Angriff überraschte Jungheim. Er schaute Louisa streng in die glasgrünen Augen, nahm ihre Hand mit einer sehr dezidierten Bewegung von seiner Wange, wandte sich zum Fenster und schaute hinaus.

„Bitte!“, raunte Tommy flehentlich und legte die Hände wie im Gebet zusammen. „Bitte!“

„Du machst mir einen schönen Abend kaputt, auf den ich mich gefreut hatte, und dann verlangst du auch noch, dass ich lächle und das Schmuckstück spiele. Ich habe keine Lust, hier zu sein! Ich wollte mit dir in den Felsenkeller, und jetzt sitzen wir hier und müssen Smalltalk machen. Haben Sie gehört, Herr Althaus – oder wie war noch gleich Ihr Name? Sie dürfen übrigens gerne wieder Sie zu mir sagen, wenn Sie das beruhigt, aber bitte unterlassen Sie das Handküssen. Ich kann’s auf den Tod nicht leiden.“

Ein silberhelles Glöckchen erklang. „Zu Tisch!“ rief die Hausfrau, der nicht entgangen war, dass sich etwas ereignet hatte, was durch gemeinsames Essen schnell und wirkungsvoll übertüncht werden musste. Deshalb hatte sie sich beeilt, ihren besonderen Stolz, die Fasanenpastete, anzurichten.

„Ich habe schon gegessen“, sagte Louisa, „es tut mir leid, aber ich bin pappsatt. Wenn ihr wollt, schau ich euch gerne zu, aber ich geh auch solange in den Garten und zupf Unkraut.“

„Die Pastete ist außerordentlich mager! Bitte probieren Sie doch wenigstens ein Häppchen! Das Rezept sieht vor, dass man sie mit Speck zubereitet, aber darauf habe ich verzichtet …“

Tommy sah eine Katastrophe herannahen. „ich glaube, es ist besser, wir gehen,“ sagte er mit mutiger Resignation. „Ich fürchte, Louisa ist heute Abend indisponiert.“

„Ganz und gar nicht. Ich bin prima zuwege! Ich hasse es aber, aus irgendwelchen Karrieregründen irgendwohin geschleppt zu werden, nur um mir dann vom Hausherrn die Hand abschlecken zu lassen. Und was die Pastete betrifft, bin ich sicher, dass sie mit Speck sehr viel besser geworden wäre. So hat sie doch weder Geschmack noch inneren Halt!“

Louisas Sarkasmus begann Wirkung zu zeigen. Jungheim nahm einen Bissen, schmatzte ausgiebig darauf herum und sagte: „Louisa hat Recht, Mathilde. Sie ist bröselig und schmeckt reinweg nach nichts. Warum musst du an den Rezepten immer herumverbessern? Es hat schon seinen Grund, wenn da steht: mit Speck!“

Frau Jungheim brach in Tränen aus.

„Und überhaupt,“ fuhr Herr Jungheim fort, der richtig in Fahrt kam, „ich finde deine Haare zu lang und zu blond, du siehst aus wie ein vergreisender Backfisch, und mit deinen Migräneanfällen setzt du mich nur unter Druck, weil du nicht mehr mit mir schlafen willst. Könntest du mir mal verraten, warum du alles in Weiß einrichtest? Es sieht hier aus wie in einer Klinik!“

Louisas Augen funkelten, wieder bekam Tommy Angst vor ihr und fühlte sich hoffnungslos unterlegen. Als Frau Jungheim aufstand, um hinauszuwanken wie eine gekränkte Operndiva, beschloss er, sie chevaleresk zu stützen. So konnte auch er verschwinden. Wenn Louisa in dieser Stimmung war, war es das Beste, sie mit ihrem Opfer allein zu lassen.

„Danke. Danke! Lassen Sie mich! Ich kann schon!“, wehrte Frau Jungheim ihn ab, nahm dann aber doch seinen Arm. Das Letzte, was Tommy im Wohnzimmer noch mitkriegte, war, dass Jungheim Louisa mannhaft die Hand gab und sagte: „Ich heiße Theo und bin verdammt froh, dass du gekommen bist!“

*

Tommy hatte einmal Bühnenbildner werden wollen, doch hatte seine Mutter ihn davon überzeugt, dass das kein diskutabler Brotberuf war. Deshalb hatte er sich zum Programmierer und Mathematiker ausbilden lassen, ohne freilich seinen alten Traum ganz aufzugeben. Für eine Laienspielgruppe, die mit Stücken wie Gogols unsterblichem Revisor hervortrat, betätigte er sich als Kulissenmaler und hatte als solcher einen ganz eigenen Stil entwickelt. Er malte grundsätzlich nur in Schwarz, Weiß und allem, was dazwischen liegt, also in einer, wie die Kenner sie nennen, Grisaille-Technik, wie sie im Barock vielfach zur Vortäuschung unbezahlbaren Säulen- und Figurenschmucks aus Marmor angewandt wurde. Dies war nun das Thema, auf das Tommy, bemüht, die untröstliche Gastgeberin von ihrem Kummer abzulenken, das Gespräch brachte, indem er ihrer geschmacklichen Ausrichtung schmeichelte und sich als Partisan derselben zu erkennen gab. Frau Jungheim riss die noch nassen und von vielen kleinen Fältchen umgebenen kleinen, aber enzianblauen Augen auf, als er ihr von seiner künstlerischen Betätigung erzählte.

„Weiß Theodor davon?“

„Ist Theodor Ihr Gatte?“

„Er wird es nicht mehr lange sein …“

„Nein, er weiß nichts davon. Ich glaube auch nicht, dass es ihn interessieren würde.“

„O, da irren Sie sich gewaltig! Was glauben Sie, warum er Sie eingeladen hat? Er ist ein Machtmensch durch und durch und will immer nur eines: herrschen! Immer, wenn er einen Untergebenen hat, der so tüchtig ist, dass er ihm eines Tages gefährlich werden könnte, zieht er ihn an sich heran, röntgt ihn (das ist sein Ausdruck), ertastet seine Schwachstellen und nutzt sie dann bei Bedarf weidlich aus. Bitte tun Sie mir einen Gefallen, Thomas … So heißen Sie doch, nicht wahr? Und darf ich Sie so nennen? Beim distanzierten Sie wollen wir bleiben, aber einander beim Vornamen zu nennen, ist süß … Ich bin Mathilde … Lassen Sie ihn nie wissen, dass Sie künstlerische Interessen haben! Erstens ist er ein Banause, ein Koofmich, ein Mann, der ausschließlich in kaufmännischen Kategorien denkt … Mein Gott, was für Worte mir auf einmal einfallen! Kategorien – haben Sie das gehört? Ich habe auch einmal studiert, Innenarchitektur natürlich, habe das Studium dann aber abgebrochen, weil unser – Sohn – kam …“ Sie begann wieder zu weinen, so dass Tommy lieber nicht weiter nachfragte. „Soll ich Ihnen etwas verraten? Es ist ein vielfach heilig beschworenes Geheimnis zwischen Theo und mir, und indem ich es Ihnen verrate, breche ich tausend Eide!“

„Bitte,“ sagte Tommy, „es gibt Dinge, die ich besser nicht weiß, verehrte Mathilde. Ich bin von der Natur mit einer Eigenschaft gesegnet, für die ich ihr sehr dankbar bin. Ich bin in gar keiner Weise neugierig. Das erleichtert das Leben ungemein, und ich bin sicher, dass ich durch diese Eigenschaft schon so mancher Gefahr und Leidenschaft, in die Neugier mich gestürzt hätte, entronnen bin.“

„Trotzdem sollen Sie wissen, Tommy, dass die drei Grazien im Garten ein Grabmal sind, und dass unter ihrem Sockel niemand anderes als Felix, mein süßer Junge, liegt, der auf Geheiß von Theo sterben musste, nur weil er taubstumm …“

„Bitte, bitte schweigen Sie!“ Tommy hielt Frau Jungheim den Mund zu. „Was nicht gesagt ist, ist nicht in der Welt. Was sollte ich mit diesem Wissen beginnen? Umgekehrt aber, Mathilde, verspreche ich Ihnen hoch und heilig, Theo nie zu sagen, dass es nicht nur den Mathematiker Thomas Voigt, sondern auch noch einen Bühnenmaler gleichen Namens gibt … Wie übrigens sollte er dieses Wissen je gegen mich gebrauchen?“

Mathilde schwieg und schaute Tommy, die Augen in kindlicher Verletztheit mehrfach zu ihm aufschlagend, vorwurfsvoll an. „Sie interessieren sich nicht für mich, Thomas,“ stellte sie schließlich fest. Sie sind nicht bereit, meine tiefsten Geheimnisse mit mir zu teilen. Warum sollte ich Ihnen dann Einblick in den Charakter des Mannes gewähren, der mein Verhängnis ist? Ich will Ihnen nur so viel sagen. Von kaufmännischer Seite bestehen gegenüber dem, was das eigentlich Künstlerische ist, nämlich Ausprägung und Entwicklung der eigenen Individualität bis zum Äußersten, heftige Aversionen. Sie brauchen sich nur auf dem Flugplatz die reisenden Geschäftsleute anzuschauen, dann wissen Sie, was ich meine. Gleichen sie einander nicht wie ein Ei dem anderen? Nun stellen Sie sich vor, in einer solchen Konferenz der Gesichtslosen ginge es um Ihre Beförderung. Wenn Theo sie verhindern will, wäre es ihm ein Genuss, mit ein paar Bemerkungen darauf einzugehen, dass Sie in Ihrer Freizeit Kulissen malen … Kulissen … Allein das Wort würde genügen, um diesen abgedrechselten Typen einen Schauder über den Rücken zu jagen. – O, mein Gott!“ Mathilde richtete sich erschrocken auf. „Wir plaudern hier, und in der Zeit erzählt Louisa all das, was Theo nie erfahren darf!“

Thomas drückte sie sanft in die Kissen zurück, auf denen sie ihren geplagten Kopf abgelegt hatte. „Es gehört zu der besonderen Form unseres Zusammenlebens,“ sagte er, „dass wir nie zu Dritten über einander reden.“

„O, Thomas – Sie kennen Theo nicht, seine diabolischen Techniken des Ausholens und Vergleichens entferntester Widersprüche. Ich wette, dass er Louisa, die zwar eine freche Klappe hat, aber doch noch sehr jung ist, mühelos zum Sprechen bringt. Kommen Sie!“ Sie setzte sich auf, schlüpfte mit den Füßen in ihre weißen Satinpantoffel und gab ihm das Zeichen, ihr zu folgen.

Sie schlichen durch den Flur, an dessen Wänden Graphiken hingen, die man an ihren silbernen Rahmen erkannte. Vorsichtig um die Laibung der Wohnzimmertür blickend, sahen sie zuerst nur Louisas zerrissene Jeans, ihren dicken Wollpullover und die Leibwäsche achtlos aufs Sofa geworfen. Sie selber aber stand, die Hände im Nacken verschränkt und mit einem Fuß in der Fasanenpastete, auf dem Tisch. Ihr Blick war in irgendeine imaginäre, wahrscheinlich in ihr selbst liegende Ferne gerichtet und nahm keinerlei Notiz von Theo Jungheim, der heftig atmend und ebenfalls nackt vor dem Tisch kniete. Seine randlose Brille lag am Boden, und langsam und feierlich, als handle es sich um ein seit Jahrtausenden erprobtes Ritual, hob er einen ihrer Turnschuhe empor und schlürfte gierig daraus.

*

Big Bill verbrachte die Nacht im VW-Bus seines Freundes Jean-Loup Toussaint, eines Haitianers, dessen angesehene Familie vor der Diktatur der Duvaliers geflohen war und sich in alle Welt zerstreut hatte. Jean-Loup studierte BWL und jobbte in seiner Freizeit in einem Kinderheim, wo es seine Aufgabe war, Bäume zu fällen, Zäune zu ziehen und die Pferde des Heims zu füttern und zu bewegen. Er hatte bis früh am Morgen im Felsenkeller gespielt.

„Habt ihr nicht noch Bedarf für einen Typen wie mich?“, fragte Jean-Loup seinen Freund, während er den Posaunenkasten verstaute.

„Du bist bei den Brass-Nuckles doch fest mit drin!“, wunderte sich Big Bill.

„Nein, ich meine die Filmfirma, bei der du so ein Schweinegeld verdienst …“

„Ich würde dir nicht raten, dahin zu gehen“, sagte Big Bill ruhig. „Es ist ein Job, den ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche.“

„Ach, red keinen Stuss, Bill! Wofür unsereins dickes Geld bezahlen muss, dafür wirst du bezahlt! Du weißt genau, dass du den absoluten Traumjob hast! Ist doch ganz einfach: Auch deine Kräfte sind nicht unerschöpflich. Wenn du nicht mehr magst oder nicht mehr kannst, benennst du mich als deinen Ersatzmann! Das könntest du tun, wir sind gute Freunde seit eh und je, und wenn ich meiner Tante glauben soll, sind wir sogar mit einander verwandt!“

„Du weißt nicht, wovon du sprichst, Mann. Du hast wirklich keine Ahnung! Du weißt nicht, wie leer und ausgepumpt du bist nach diesem Job! Und das Herz stirbt dir ab, es stirbt ab, wie ein Brötchen vertrocknet und klein und hart wird, es ist nur noch Angst in dir und Sehnsucht nach einem Platz, wo dich niemand sieht …“

„Ah was, Bill, dich hat der Blues, aber der hatte dich auch früher schon …“

Big Bill kroch auf die Luftmatratze, machte sich lang und schaute zur Luftklappe empor. „Zum Beispiel ist da ein Mädchen“, sagte er, „die ist wirklich in Ordnung, und verdammt noch mal, ich hab sie gern! Sie hat mir bei der Wohnungssuche geholfen, aber dann hat sie die Verabredung gebrochen – und es war sowieso klar, dass sie mich nicht gekannt hätte … Du glaubst nicht, wie erniedrigend das ist … Ja, du hast recht, wir sollten tauschen. Ich möchte mit Kindern und Tieren arbeiten – wie schön muss das sein! Dabei kannst du deine Seele bewahren, deine kostbare Seele, weißt du, was das heißt? Es stimmt, ich verdiene besser, aber trotzdem hab ich nie Geld, ich muss es ausgeben, weil ich es hasse, es ist kein gutes Geld, es sind die Silberlinge, die ich dafür erhalte, dass ich mich selbst und dass ich das Kostbarste verrate, was es auf der Welt gibt: die Liebe.“

Er drehte sich auf den Bauch und begann laut zu beten: „Vergib mir, süßer Christus, dass ich mich prostituiere, dass ich das Ebenbild Gottes verrate und besudle, das ich bin, aber in der Tiefe meines Herzens ist eine Sehnsucht nach Reinheit, nach Erlösung, nach deiner Gnade, die nicht erlöschen wird, denn wenn du für alle reuigen Sünder gestorben bist, dann bist du auch für mich gestorben. Amen.“

*

Am nächsten Morgen wollte er an Louisa vorbeigehen, als er ihr auf dem Flur begegnete. Aber sie fasste ihn beim Ärmel und sagte nur:

„Tut mir leid. Es ist was dazwischen gekommen. Aber ich hab ein Zimmer für dich. Nein, nicht bei uns. Das wäre, wie du schon sagtest, schwierig geworden. Hier ist die Adresse. Sie werden dich nehmen. Sie haben keine Wahl. Arbeiten wir zusammen heute? Ich freu mich drauf!“

Big Bill machte einen Freudensprung, bevor er in seiner Garderobe verschwand. O Louisa, dachte er, tut mir leid, tut mir so leid! Ich liebe dich, du bist die einzige, die schönste, die süßeste und die beste! Bitte verzeih mir, dass ich schlecht von dir gedacht habe!

*

Er wunderte sich, was das für ein Viertel war, in das die Adresse ihn führte. Behäbige Villen lagen unter hochgewachsenen Platanen, die unteren Stockwerke waren vergittert – da wohnten nicht die Leute, die sich einen Schwarzen ins Haus holten! Aber der Vermieter begrüßte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit, führte ihn durch die geschmackvoll ganz in Weiß eingerichtete Wohnung, und zeigte ihm das Zimmer, in dem er wohnen sollte. „Es ist das Zimmer meines verstorbenen Sohnes“, sagte er. „Wir haben alles so gelassen, wie es war, als er starb. Aber bitte nehmen Sie keinerlei Rücksicht darauf! Wir können nicht in alle Ewigkeit sein Mausoleum pflegen. Warum ich an Sie vermieten möchte? Louisa, die Frau eines meiner tüchtigsten Mitarbeiter, hat Sie sehr warm als ordentlich und verlässlich empfohlen … Da nun meine Frau in ein Sanatorium musste – sie ist nervenleidend – steht das Haus sehr viel leer, und da dachte ich mir, das bloße Ein- und Ausgehen eines Mannes, wie Sie einer sind, könnte gewisse Leute, die Böses im Schilde führen, abschrecken …“

Big Bill kniff die Augen zusammen und schaute Herrn Jungheim abschätzig an. „Ich habe einen ganzen Haufen Freunde“, sagte er. „Wir machen Musik zusammen und einer steht für den anderen ein … Sie würden es nicht verstehen, wenn ich ihnen sagte: Hört mal, Jungs, ich hab ein prima Zimmer in einem hübschen Haus, aber mitbringen darf ich euch nicht dahin.“

„Reden Sie mit Louisa darüber, Big Bill. Mit ihrer Genehmigung ist alles erlaubt. Sie genießt mein absolutes Vertrauen.“

*

Die Begegnung mit Louisa hatte Theo Jungheim mit einer verheerenden Leidenschaft erfüllt. Untersetzt, dicklich, bleich und kugelköpfig, wusste er, dass ihn bei Frauen nur eins attraktiv machte: sein Geld. Und da er davon genug besaß, hatte er von den vielen Frauen, die im Laufe seines Berufslebens an ihm vorbeidefiliert waren, keine ausgelassen. Aber Louisa war etwas völlig anderes, denn sie war von ihm nicht abhängig. Hatte er früher bis in die Nachtstunden niedergeschlagen hinter seinem Schreibtisch gehangen, so stieg er jetzt oft abends gegen zehn oder elf auf das Dach der ÉGALITÉ, lehnte sich an das enzianblau weit über die Stadt leuchtende A und richtete den Blick voll zehrender Sehnsucht auf den leise brausenden Moloch, in dem irgendwo auch Louisa zu Hause war, die jetzt für alle stand, für das Geheimnis der Masse und das Rätsel eines Lebens, das nie ausbuchstabiert ist, sondern sich ständig erneuert.

Seine erste Tat bestand darin, dass er Mathilde in die seit langem ins Auge gefasste Kur zu einem Nervenspezialisten schickte, der sich auf Migräne spezialisiert hatte. Alsdann erfüllte er Louisa einen Herzenswunsch und nahm ihren Freund und Kollegen Big Bill Blythe in sein Haus auf. Zwar war ihm nicht ganz klar, welcher Art die Beziehung zwischen den beiden war, Eifersucht klopfte gespenstisch, aber nur vage an die Pforten seiner Seele. Wenn es mehr war als eine gute Kollegenfreundschaft, würde er das umso eher herausbekommen, je genauer er Big Bill kennenlernte und den Hintergrund ihrer im Dunkeln liegenden Zusammenarbeit aufhellte.

Merkwürdig hatte ihn Louisas Satz berührt: „Ich bin keine Frau, der man die Hand küsst.“ Was mochte sie damit gemeint haben? War nicht eine Frau, der zu Füßen zu liegen ein Genuss war, immer auch eine mit Händen, die geküsst zu werden verdienten? Freilich war sie jung, fast mädchenhaft, und es ging ihr all jene Damenhaftigkeit ab, die im Lande der Handküsse zu Hause ist. Vielleicht hatte sie nur das gemeint, ja, andere Deutungen verboten sich von selbst, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, eine wahrhaft erhabene Frauenschönheit herabzusetzen.

Alsdann hatte Jungheim ein Gespräch mit Thomas geführt, in dem er ihm seine Leidenschaft für Louisa gestand und ihm für die Duldung derselben den Abteilungsleiterposten anbot. Tommy hatte sich Bedenkzeit ausgebeten, Rücksprache mit Louisa gehalten und das Angebot mit ihrer Billigung angenommen. Es war Jungheims Plan, Louisa zu seiner Geliebten und dafür Tommy zu seinem Nachfolger zu machen. In der gründerzeitlichen Appartementanlage, die im Volksmund wegen ihrer Verklinkerung „das blaue Schloss“ hieß, kaufte er eine Wohnung für Louisa, wovon er sie freilich vorerst nicht unterrichtete. Er wusste, dass sie ihn auf die Folter spannen, ihn schmoren lassen würde, aber gerade das war es ja, was ihn reizte. Er tröstete sich mit dem Satz „nulla puella negat“, wenn sie erneut eine Verabredung nicht eingehalten hatte. Meldete er sich dann lange genug nicht, so rief sie ihn an, sie spazierten zwei Stunden durch das einsame Leandertal, verstanden sich glänzend – aber zum Abschied lehnte sie es strikt ab, sich von ihm küssen zu lassen, ja, sie lachte ihn aus wegen dieses Rückfalls in ein, wie sie es nannte, „unreflektiertes Fortpflanzungsverhalten“.

„Willst du mir ein Kind machen?“, fragte sie. „Ich denke, damit solltest du dich an Mathilde wenden. Was hat die Küsserei und das Herumgestochere in einem Frauenleib, das in aller Regel darauf folgt, mit Liebe zu tun? Kannst du mir das verraten?“ Jungheim konnte es nicht, verletzt zog er sich zurück und legte sich die Frage vor, ob er an ein Monstrum, an eine Neurotikerin geraten sei, die gewillt war, ihn weitaus schlimmeren Qualen zu unterziehen, als andere Frauen es je getan hatten. Lag der Grund etwa bei Thomas? Liebte sie ihn? Jungheim konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Thomas und Louisa lebten wie Geschwister zusammen. Das hatten sie zwar nie ausdrücklich gesagt, aber es ergab sich zwingend aus der Art ihres gegenseitigen Umgangs – vor allem aber auch aus der Leichtigkeit, mit der Thomas in seine, Jungheims, Liebesbeziehung zu Louisa eingewilligt hatte.

Zum Glück gab es Big Bill, der sich als ein höchst solider Hausmitbewohner erwies. Gelegentlich holte er seine Freunde auf eine jam-session zusammen, aber da sie ohne Verstärker spielten, war es eine Musik, die in das Haus passte und die Theo wegen ihres ebenso sinnlichen wie intellektuellen Charmes zu lieben begann. Ihm war, als enthalte sie vielleicht des Rätsels Lösung. Aus Big Bill war, was seine Arbeit und Louisa betraf, nicht herauszuholen. Sie drehten Werbefilme für ausländische Auftraggeber, die hierzulande nicht zu sehen seien, aber den Namen der Firma rückte er auch dann nicht heraus, als Jungheim ihn mit der Begründung belagerte, er wolle in die Werbebranche investieren und sei an Firmen interessiert.

*

Schon bei der Fahrt hinaus in die bucklige Welt, in deren eines Tälchen das Sanatorium von Professor Herkenrath, ein früheres Kloster, sich wie ein Hase schmiegte, war Tommy voller banger Vorahnungen. Seit jenem Abend im Hause von Jungheim war nichts mehr, wie es vorher gewesen war. Bis dahin hatte er sich darauf verlassen können, dass er alles, was er war, aus eigener Kraft erreicht hatte. Dieses Bewusstsein hatte ihm ein ruhiges Selbstvertrauen eingeflößt, auf dessen Basis er die Gewürze, die seiner Liebe zu Louisa beigemischt waren, gut ertragen konnte. Jetzt aber war er stellvertretender Abteilungsleiter, und es war ein offenes Geheimnis, er wurde bereits als Jungheims Nachfolger gehandelt für den Fall, dass dieser, und das war abzusehen, in den Vorstand aufrücken sollte. Diese Karriere verdankte Tommy nun nicht mehr seinem versicherungsmathematischen Können und seinen guten Ideen. Ihm war, als habe sein Leben sich auf einmal in eine Art von Seifenblase verwandelt, die jeden Tag platzen konnte. Nach dem langen Gespräch, das er an jenem Abend mit Mathilde geführt hatte, fühlte er sich verpflichtet, sie in der Kur aufzusuchen, zumal ihm klar war, dass sie mit einem Besuch Theos kaum rechnen konnte. War er nicht mitschuldig geworden am Unglück dieser vielleicht etwas beschränkten, aber doch herzensguten Frau?

„Sind Sie angemeldet?“, fragte die Schwester am Eingang.

„Nein, aber ich bin ein guter Freund von Frau Jungheim, sie wird sich sicherlich freuen, mich zu sehen.“

Die Schwester lächelte nachsichtig. „Sind Sie denn über die Art der Therapie nicht informiert, der die Patientinnen hier unterzogen werden?“ Tommy schüttelte bedauernd den Kopf. „Professor Herkenrath hat eine Methode entwickelt, die von krampfartigen Schmerzen heimgesuchten Hirnpartien zeitweise auf medikamentöser Basis stillzulegen. Das führt aber dazu, dass die Kommunikationsfähigkeit der Patientinnen vorübergehend so stark herabgesetzt ist, dass sie Besuche nicht empfangen können. Kommen Sie!“

Die Schwester, die eine gestärkte Diakonissenhaube trug, führte Tommy an ein Milchglasfenster, öffnete es und ließ ihn hinausschauen. Einige Dutzend Gestalten in weißen Gewändern wandelten einzeln oder einander pärchenweise bei der Hand haltend über den gepflegten Rasen. Keine von ihnen sprach, einige von ihnen hielten die Arme ausgestreckt vor sich hin und das Gesicht seitwärts gewandt, als seien sie erblindet und fürchteten, gegen Hindernisse zu stoßen. „Und welche davon ist Mathilde?“

Die Schwester setzte ein Opernglas an die Augen.

„Es ist die dort! Die in dem schneeweißen Umhang und den weißen Satinpantoffeln. Sehen Sie das Eibengehölz? Dort sind ein paar Tische aufgestellt.“

Thomas schaute durch das Glas und wusste sofort, dass es sinnlos war, auch nur ein Wort mit Mathilde wechseln zu wollen. In vollständiger Trance, weiß und starr wie ein Stalagmit, stand sie auf einem der Tische, die Hände in den Nacken gelegt. Ihr Blick war in irgendeine imaginäre, wahrscheinlich in ihr selbst liegende Ferne gerichtet und nahm keinerlei Notiz von der Umgebung.

*

„Heute möchte ich mit Dir nicht wieder durchs Leandertal wandern. Ich möchte mit dir über die Schlieffen-Allee flanieren!“ Theo war von seiner Idee entzückt. Er sah sich in einem Distanzierungsprozess von Mathilde, der durch die spiegelbildliche Annäherung an Louisa ergänzt werden musste. Was er auf der einen Seite verlor, wollte er auf der anderen gewinnen! Louisa war weniger begeistert. Aber Theo bestand auf seinem Plan. „Du sollst nicht auf die Idee kommen, ich schämte mich deiner. Ich möchte dich auch auf den Empfang, den der Wirtschaftsminister der Assekuranz gibt, als meine Begleiterin mitnehmen.“ „Die wievielte Begleiterin wäre ich denn da?“, fragte Louisa wegwerfend. Theo musste zugeben, dass sie nicht die erste wäre. „Warum nimmst du Mathilde nicht mit?“ „Sie hasst öffentliche Auftritte, und wenn ich darauf bestehe, zieht sie sich hinter ihre Migräne zurück.“

Auf der Schlieffen-Allee am Strom herrschte das übliche Treiben eleganter Damen und Herren in teilbezahlten Klamotten. Stirnrunzelnd blieb Louisa vor einem Schaufenster stehen, in dem ein einziges Paar Schuhe auf einem Sockel wie auf einem Altar ausgestellt war. Ein Preis stand nicht dran. „Möchtest du es haben?“ Theo ging hinein und fragte nach dem Preis. „Was schätzt du?“ fragte er, als er herauskam. Sie tippte auf Tausend, aber es war das Fünffache. „Ihr spinnt doch hier!“, rief sie und zeigte sich und damit allen einen Vogel. Plötzlich starrte sie in das Gesicht eines Mannes mit einer winzigen, aufgeworfenen Nase, der sie distanzlos angrinste. „Damit haben Sie völlig recht!“, sagte er, beifällig nickend. Louisa steckte ihre Hand unter Theos hilfreichen Arm, er zog sie weg.

„Kanntest du den?“, fragte er fürsorglich.

„Nein“, erwiderte sie. „Aber das ist der Grund, weshalb ich hier nicht gern herumlaufe. Man trifft immer auf Leute, die lästig werden.“

*

Als Louisa Tage später am Abend in die Garderobe zurückkehrte, wartete Eileen mit der beiläufigen Neuigkeit auf, tagsüber sei ein Investor durch den Betrieb geführt worden und habe auch das mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Studio besichtigt, als sie dort gerade mit Big Bill arbeitete. Louisa erkundigte sich nach dem Aussehen des Mannes. Er sei auffallend glattrasiert gewesen, mittelalt, Kugelkopf, und habe eine randlose Brille getragen. Sie hängte sich sofort ans Telefon, um Big Bill zu benachrichtigen. Aber er war schon gegangen. Nach Lage der Dinge war Gefahr im Verzuge, aber Louisa beruhigte sich damit, dass Big Bill, wenn er in Schwierigkeiten kam, sie sofort anrufen würde.

*

Tommy begriff Louisa nicht. Er hatte ihr angeboten, den damals ausgefallenen Abend im Felsenkeller nachzuholen. Aber sie schien jedes Interesse daran verloren zu haben. Überhaupt war sie schweigsam und in sich zurückgezogen, als beschäftige sie ein Problem, über das mit ihm zu reden sie nicht den Mut fand. Tagtäglich konnte die Seifenblase platzen – aber was würde dann sein? Tommy konnte sich ein Leben ohne Louisa nicht vorstellen. Jeden Abend las er ihr ein Kapitel aus dem chinesischen Abenteuerroman „Die Räuber vom Liang-Schan-Moor“ vor. Meistens schlief sie, völlig erschöpft, schon ein, während er noch vorlas. Einmal rief die Polizei an und wollte Louisa sprechen. Worum es ging, wollte der Beamte Tommy nicht mitteilen. Als er das drückende und drohende Schweigen nicht mehr ertrug, fasste er sich ein Herz und fragte Louisa, was los sei. Sie eröffnete ihm, dass sie die Trennung wolle. Das Zusammenleben sei nur noch eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Sie werde schon kommenden Tags ausziehen. Ihre neue Adresse sei das Blaue Schloss.

Als Tommy das so nicht hinnehmen wollte und darauf pochte, dass das hinter ihnen liegende, rund sieben Jahre währende Zusammenleben nicht mit so dürren Worten zu Ende gehen dürfe, brach Louisa in Tränen aus und sprudelte einen Wirrwarr von Dingen hervor, aus denen sich Tommy keinen Reim machen konnte. Sie sprach von einem Kollegen, in den sie sich verliebt habe, der aber plötzlich unter rätselhaften Umständen verschwunden sei, und da nur Jungheim dieses Rätsel lösen könne, habe sie beschlossen, seinem Drängen nach- und den Job bei der ZÉRO aufzugeben und in die Wohnung zu ziehen, die er ihr angeboten habe. Sie liebe ihn nicht, sie hasse und verachte ihn, der einzige Mann, den sie je geliebt habe und lieben werde, sei ihr Kollege Big Bill. Tommy goss Tee für sie auf, machte ihr ein heißes Fußbad und fügte sich scheinbar in alles, was sie beschlossen hatte.

Er merkte jedoch, dass es an der Zeit war, Entschlüsse zu fassen. Er zog sich in das Hüttchen seines Onkels zurück, der am Bahndamm einen Schrebergarten bewirtschaftete. Louisa hatte dies Hüttchen immer gehasst und es ihm madig zu machen versucht, indem sie daran erinnerte, dass der Erfinder des Schrebergarten auch der Erfinder von Ledergeschirren war, die Jungen daran hindern sollten, sich selbst zu befriedigen … Dort setzte sich Tommy auf die Bank und schaute den Sonnenblumen beim Wachsen, dem Spargel beim Schießen zu. Die einsam und statuenhaft und mit Haloperidol bedröhnt auf einem Gartentisch stehende Mathilde ging ihm nicht aus dem Kopf. Brauchte die ihn nicht viel mehr als Louisa? Was hatte er in Louisas Leben noch verloren? Sie hatte sich, was er immer befürchtet hatte, in einen Arbeitskollegen verliebt. War das ein Wunder? Nein, es war einfach die Herstellung der natürlichen Voraussetzung für das, womit sie dort ihr Geld verdienten. Es fiel ihm nicht leicht, sie ihrem Schicksal zu überlassen. Aber er hätte sich selbst verachtet, wenn er sich an sie geklammert hätte. Sie hatte gewählt, und das musste respektiert werden. Mathilde aber hatte sich in eine Prinzessin verwandelt, die in einem Turm von zwei Drachen bewacht wurde: Der eine trug eine Diakonissenhaube, der andere einen Professorentitel. Er aber wollte der Ritter sein, der sie herausholte.

*

Den Tipp, wo Louisa arbeitete, hatte Theodor Jungheim von einem Mitarbeiter bekommen, an sich einem Fachmann für Wasserschäden, der ihn und Louisa auf der Schlieffen-Allee gesehen hatte.

„Es wäre vielleicht nicht fair, wenn ich Ihnen nichts Näheres über die Dame mitteilen würde, mit der ich Sie neulich sah“, sagte er und rümpfte sein steckdosenartiges Näschen. „Natürlich ist man sich nie hundertprozentig sicher, aber vielleicht wollen Sie sich auch selbst ein Bild machen!“ Er entnahm seiner Aktentasche eine Videokassette, zog den neutralen Umschlag ab und enthüllte den von strotzenden Nuditäten umgebenen Titel If The Sofa Could Tell. „Ihr Künstlername ist Cora.“

Jungheim hatte die Kassette einige Tag im verschließbaren Geheimfach seines Schreibtischs liegen gelassen. Dann hatte er sie mit nach Hause genommen und sich angeschaut. In der Tat gab es da eine Mitwirkende, die Louisa ähnelte, ihr aber keineswegs glich, was auch schwer festzustellen war, weil fast ausschließlich Nahaufnahmen kopulierender Körperteile zu sehen waren; zwar hatten Hände und Füße die elegante Schlankheit der Extremitäten von Louisa, aber das Haar war völlig anders. Der interessanteste Hinweis war der auf den Namen der Produktionsfirma. Theo rief dort an und stellte sich als Investor vor. Meves, der Produktionsleiter, zögerte nicht lange und lud ihn zu einer Besichtigung ein. Danach bedurfte er keiner weiteren Beweise mehr. Er hatte Big Bill erkannt und gesehen, wie seine Partnerin nach dem Ende der Aufnahme ihre kupferrote Perücke abgenommen hatte.

Theos erste Reaktion war Eifersucht gewesen, dann Hass, schließlich maßlose Gier und zum guten Schluss Selbstverachtung. Er erinnerte sich an Louisas schnöde Äußerung: „Was hat die Küsserei und das Herumgestochere in einem Frauenleib mit Liebe zu tun?“ Und plötzlich begriff er es. Wenn das, womit die dort ihr Geld verdienten, wirklich das Höchste war – dann war alles nichts! Reue erfasste ihn, wenn er an Mathilde dachte. Hatte sie in den Jahren, in denen er sie allmonatlich mit einer anderen betrog, nicht unverbrüchlich zu ihm gehalten – und das trotz des Kummers, den er ihr angetan hatte, als er die Rettung des schwer behinderten kranken Felix torpedierte? Sicherlich war sie nicht die intelligenteste – aber sie verfügte über die Herzensklugheit der Treue, und mit der war sie weit über ihn hinausgewachsen, ja, er fühlte sich jammervoll und schäbig vor ihr. Würde sie ihn jemals wieder achten können? Was konnte er tun, um ihre Achtung zurückzugewinnen? Er bestieg seinen grünen Austin und fuhr in die bucklige Welt hinaus, um zum ersten Mal seit dem Antritt ihrer Kur Mathilde im Sanatorium seines Freundes zu besuchen. Vielleicht konnte er mit Herkenrath über seine Lage und Verfassung sprechen, vielleicht würde er zu vermitteln wissen. „Ich habe eine solche Frau – und verliebe mich in ein – professionelles Flittchen.“ Einen härteren Ausdruck mochte er auf Louisa nicht anwenden; er empfand noch immer Zärtlichkeit für sie, ja, ihre Bewegungen in der Episode mit Big Bill, ihre Seufzer und das Brechen ihrer Stimme im Moment echter oder vorgespielter höchster Lust hatten seine Begierde heftig angestachelt, aber die Scham vor Mathilde überwog alles. Ihre Achtung, ihre Liebe wollte er zurückhaben, dann wollte er weitersehen.

*

Die Herminia IV stampfte durch hohe Atlantikwellen auf die Azoren zu, wo sie Diesel nachtanken musste. Sie hatte Waffen geladen, und ein paar Passagiere waren auch an Bord, darunter ein athletischer Schwarzer und eine Frau von so großer Schönheit, dass es unmöglich war, den Blick von ihr loszureißen, hatte er sich einmal auf sie verirrt. Gern standen sie zusammen am Bug und ließen sich vom Wind durchpusten.

„Geht es dir gut, Baby?“, fragte der Athlet.

„So gut wie noch nie!“, antwortete die Schöne. „Ab er werden deine Leute mich mögen?“

„Sie werden dich anbeten wie ich.“

„Wegen meines Geldes?“

„Nein Baby, das wird bald weg sein. Wegen deiner Schönheit.“

„Und wovon leben wir?“

„Wir übernehmen den Kiosk meines Vaters. Er will schon lange Schluss machen.“

„Reicht das für drei?“

„Ja. Baby, das reicht. Der Kiosk ist in einer Altenwohnanlage, die Herrschaften da haben alle mehr Geld, als sie ausgeben können.“

„O, Bill, wie nennen wir ihn?“

„Natürlich Little Bill!“ Big Bill lachte und legte seine Hände auf Louisas Bauch.

*

„Auf diesen Moment habe ich immer gewartet“, sagte Herkenrath zu seinem Freund. „ich wusste, dass du eines Tages zu mir kommen würdest in dem Wunsch, dein Leben grundlegend zu ändern. Mathilde ist wirklich eine Frau, wie du sie nicht verdient hattest. Nun kannst du sie dir verdienen. Du kannst sie aber nicht sofort mitnehmen. Du bekommst eines unserer Gästezimmer, und Mathilde wird langsam herunterdosiert und kann sich an den Gedanken gewöhnen, dass du hier bist und einen neuen Anfang machen möchtest.“

„Kann ich sie nicht wenigstens sehen?“

„Gut, du darfst sie durchs Fernglas sehen. So ersparst du dir auch die Enttäuschung, dass sie dich bei einer Begegnung nicht erkennt.“

Sie stellten sich an das geöffnete Milchglasfenster und hielten Ausschau mit den bereitstehenden Gläsern.

„Das ist befremdlich,“ sagte Herkenrath. „Sie stand sonst immer an derselben Stelle. Schwester Eulalie, ist Mathilde Jungheim schon aufs Zimmer?“

Die Diakonisse blickte erstaunt von der Kladde auf, in die sie verabreichte Medikamente eintrug. „Frau Jungheim? Sie wurde heute Mittag von ihrem Ehemann abgeholt.“

„Von ihrem Ehemann? Aber ihr Ehemann ist der Herr, der hier neben mir steht!“

Die Schwester schlug die Hand vor den Mund. „Aber es war doch alles in Ordnung!“

„Offenbar nicht. Hat er sich ausgewiesen?“

„War das notwendig? Mit den Worten ‚Lieber, lieber Theo, endlich!’ eilte sie auf ihn zu. Woran sollte ich da zweifeln?“

*

Die summende und brausende Stadt rüstete sich für die Nacht, die Leuchtreklamen flammten auf, und wie ein Fanal stand über allen der enzianblaue Name der alteingesessenen ÉGALITÉ. Hervorgegangen aus einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, war sie zu einem Inbegriff lebens- und firmenplanerischer Sicherheit gediehen gegenüber den zahlreichen Unwägbarkeiten und Risiken des Daseins. Winzig klein schien ein Mann an die Schräge des riesigen A sich zu lehnen, die Arme vor der Brust verschränkt blickte er über die Stadt hinweg, über die von ihm versicherten Kirchen, öffentlichen Gebäude, Firmensitze und Bankfilialen. Sah er darin sein Reich? War er stolz auf sein Lebenswerk? Oder wanderten seine Gedanken zu Menschen, die aus seinem Leben ausgetreten waren? Er wusste nichts über sie, wusste nicht, dass Louisa mit dem Vater ihres Kindes auf einem Frachter nach Florida unterwegs war und wusste auch nichts von einem Gartenhäuschen, das von Mathilde soeben weiß gestrichen wurde. Sein Nichtwissen bedrückte ihn, und er empfand eine unaufhebbare Disproportion zwischen dem, was zu sein er vorgab, und dem, was er wirklich war. Er fühlte sich verachtet – und verächtlich. Die Stadt summte und brauste, ihr Nachtleben lärmte und stampfte aus den Lokalen herauf, im Osten, vom Strom abgewandt, stieg ein schief abnehmender Mond empor – und als der Blick zum großen A der ÉGALITÉ zurückkehrte, stand da keiner mehr, der sich an das A lehnte, und er sollte, geküsst von der Schwerkraft des Planeten, auch nie dorthin zurückkehren.

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