Ich wusste genau, dass ich bei Tante Olga war, als ich aufwachte, das verriet mir das satte Ticken der Standuhr mit den Messinggewichten, die ich natürlich nicht sah in der Finsternis, aber manchmal, wenn draußen ein Auto vorbeifuhr, war mir, als sähe ich eins von ihnen kurz aufblitzen. Was mir aber partout nicht mehr einfallen wollte, war, warum ich bei Tante Olga war. War denn Tante Olga nicht schon seit Jahren tot? Natürlich war sie tot, und zwar an Magenkrebs verstorben, vorzeitig, wie der Versicherungsvertreter damals bedauernd sagte, weil dadurch die Summe fällig wurde, bevor sie sie zuende bezahlt hatte.
Gut, ich war also bei Tante Olga in Bremen, und es roch immer noch genauso bei ihr, wie es bei Tante Olga eben roch: Nach der Wolle ihrer dicken Berberteppiche, nach Staub, nach den Lavendelkissen, die sie in die Taschen ihrer Mäntel steckte, und ein wenig nach Alpenveilchen, die sie immer auf der Fenstbank hatte, oder riechen Alpenveilchen nach nichts und ich bildete mir den Geruch nur ein? Wenn ich bei Tante Olga war (ich beschloss, weiterhin davon auszugehen), dann war ich vielleicht auch entsprechend jünger – und sie lebte noch? Wäre das eine Freude, sie wieder in die Arme zu schließen, ihre kompakte mütterliche Körperlichkeit zu spüren, aber auch eine getrübte Freude, da ich ihr dann verschweigen musste, dass sie womöglich bald an Magenkrebs sterben, dass es in ihrem Zimmer nach Verdauungssäften und scheiterndem Leben riechen würde, Himmel, nein, wie grässlich war sie zusammengeschrumpft! Ich wünschte mir plötzlich sehr, dass ich mich irrte, dass ich nicht bei Tante Olga und vor allem auch nicht in der Zeit verrutscht war, denn auch mein eigenes Scheitern würde ich dann schon vorauswissen, und das würde mich so bedrücken, dass es noch schlimmer ausfallen musste, als es ohnehin schon war – warum mussten sie mich im Examen auch nach der Petersburger Lagerscheinverordnung von 1883 fragen?
„Könntest du mal Ruhe geben?“ sagte eine Frau aus dem Dunklen – der Alptraum fiel von mir ab – es war Norma, natürlich! Auch in dem Hotel in Fiesole hatte es doch eine Standuhr mit Messinggewichten und sattem Ticken gegeben, nein, es gab sie, und ich war in Fiesole im Hotel San Gimignano, Norma und ich waren seit einem Jahr glücklich verheiratet, und seit ich für den Tages-Anzeiger arbeitete, lag eine paradiesische Zukunft als Journalist vor mir!
Nicht Autos fuhren vorbei, sondern junge Männer auf ihren Motorrädern, „große Kälber“, wie Fellini sie in „Vitelloni“, seinem tollen Erstlingsfilm bezeichnet hatte, sie ließen die Motoguzzis röhren, und ich lege Norma die Hand auf den Hintern, jetzt war alles klar, es gab keinen Irrtum mehr, ich klammerte mich an die wiedergefundene Phase und merkte, wie Leben und Lebensmut in mich zurückkehrten, ach, was für ein Genuss, wenn wir Tags darauf in die Stadt hinabfahren und von einer ultima cena zur anderen wandern würden, den roten Führer in der beflissenen Hand, und durchseucht würden wir uns fühlen, ja, regelrecht durchseucht, es gab kein besseres Wort, von all dieser Schönheit, die hier zuhauf getürmt war, und in irgendeiner nach Leder, Kanal und Muschelsuppe riechenden Einfahrt würden wir uns schnell mal eben lieben, was war das schon im Vergleich zu der unglaublichen Dauer, die hier Stein geworden war, obgleich der Arno, als er über die Ufer trat, vieles zerstört hatte.
Natürlich würde auch das Eheglück mit Norma nicht ewig währen – aber woher wusste ich das? Warum gelang es mir nicht, in der Zeit vor Anker zu gehen und nichts im Voraus zu wissen, wie es sich für eine ordentliche Existenz gehörte? Warum wusste ich, von den gegenseitigen Zerfleischungen, in die unsere Ehe münden würde, von dem trostlosen Moment, als ich ihr den Ring zurückgab in dem Café am Eigelstein, und unsere Wege trennten sich für immer, obgleich ich mit keiner Frau schönere Reisen gemacht hatte als mit ihr? Ja, mit keiner je schönere Reisen machen würde? „Nein,“ rief ich, „nein!“ und wollte sie an mich ziehen und umarmen, aber…
„Rodrigo!“ schrie sie mich an. Sie? Das war nicht Norma, es war eine andere, spanisch sprechende Frau, die mich mit Worten überschüttete, die nur Beschimpfungen sein konnten. „Bitte, bitte,“ murmelte ich einmal ums andere und erhob im Dunkeln abwehrend die Hände, was mir aber nichts nützte, die Unbekannte, die der Teufel mir ins Bett gelegt hatte, hörte nicht auf, mich mit unverständlichen Worten zu überschütten, und nun gab es für mich nur noch eins: Ich musste einen Lichtschalter finden, ich musste heraus aus dieser Flucht von Bildern, Gerüchen, Orten und Zeiten, ich musste ich werden. „Gospodin!“ entrang es sich meiner Kehle, und plötzlich wurde mir eiskalt, als ich bedachte, dass ich womöglich wirklich Rodrigo war, ich wollte ich sein, bitte, Rettung! Rettung!
Eine Nachttischlampe flammte auf und ihre Birne zerbarst mit einem Plopp. Aber der Lichtblitz hatte genügt, um mir zu zeigen, dass mein Unterarm mit dichtem Vlies bewachsen war – Zeit meines Lebens hatte ich immer nur ein paar verstreute Fusseln dort gehabt, aber nie einen solchen Südländervlies, ich war ein anderer! Ich ließ mich vorsichtig vom Bett herab – eine Glühbirnenscherbe schnitt mir in die Hand, verflucht! Dann stieß ich vor ein Tischbein, auch Tischbeine scheint es auf der Welt überall und viel zu viele zu geben, ich ertastete einen Türrahmen, und Lichtschalter finden sich in aller Welt neben Türrahmen.
Meine Hand kroch hinauf und -flash! flammte ein Kronleuchter auf.
Ich richtete mich auf. Eine Blutspur führte vom Bett zu mir. Ich sah an mir herunter. Mein mächtig gewölbter Brustkasten war ebenfalls mit dichter Wolle bedeckt. Ich atmete tief, dass er sich hob und senkte. Die Decke des zweischläfrigen Bettes war zurückgeworfen. Der Platz neben dem meinen war leer. Aber ich hörte Wasser rauschen in der Toilette. Eine Zeitung mit vielen Bildern und unleserlicher Schrift lag auf den Tisch geworfen. Neben meinem Schlafplatz ein Konsölchen, darauf die Lampe mit der geplatzten Birne, darunter eine Brieftasche.
Ich zog den Ausweis hervor. „Aleksandr Bjelousow.“
Ich war ein Russe.
Und plötzlich fiel er mir ein: Tante Olgas Samowar. Wie er geblubbert und gedampft hatte. Und immer war frischer Tee da!
Alles fügte sich zusammen. Natürlich!
Schritte näherten sich.
Das war sie – Natascha, meine zweite Frau!
Langsam senkte sich der Türdrücker.