Sonnets zu Kupferstichen von Cornelis Drebbel nach Hendrik Goltzius
1. Grammatik

Wie schmucklos sie, von Tüchern nur umwunden,
dem Kleinen beibiegt Richtigkeit und Form,
beflissen hat er D und F gefunden,
und neigt das Köpfchen der grammat’schen Norm.
O, das ist Quoth, der frohe, kleine Quoth,
dem man die Linke, als er schreiben lernte,
mit einer Kette an den Stuhl festschloss,
ihm so verweigernd seines Linksseins Ernte.
„Gebrannte Asche“ nannte sie den Zweig,
den Rücken ihm damit nach gusto gerbend,
ihn knetend und gestaltend wie Brotteig,
ihm Fülle von Struktur zugleich vererbend.
Ich hasse sie, die meisterlichen Zwänge,
und bin doch sicher: Uns gebrichts an Strenge.
A me principia, et magnarum exordia rerum
Sumuntur, doctas hinc fit progressus ad artes.
Ich bestimme Grundsätze und Struktur großer Dinge,
Von mir aus schreitet man fort zu den gelehrten Künsten.
2. Mathematik

Quadratische Ergänzung – weißt du noch,
wie wir uns dieses Zaubertricks bedienten,
zu füllen der quadrat’schen Gleichung Loch,
die so zu lösen wir uns schlicht erkühnten?
Was sind wir anderes als Unbekannte
in einer Gleichung, aufgestellt von wem?
als Ungenannte und als Hartgebrannte,
gemischt aus Gottesodem und aus Lehm?
Demütig nahe ich mich deinen Tafeln,
trag auf dem Kopfe erster Sünde Frucht,
Politiker und Dichter sollen schwafeln –
ich tret sie an, an deine Brust, die Flucht.
Denn mathematisch war das Urgenie,
das ohne Schuld uns schuf in Menschheitsfrüh‘.
Praecipuas partes tribuit, primasque mathesis
Furo mihi, numeros certa ratione docenti.
Die wichtigsten Sätze liefert die Logik
Mir, die ich sicheren Sinns die Zahlen lehre.
3. Dialektik

Dass aus dem Nichts das Sein hervorgetreten,
mit ihm zum Werden sich vereinigt habe,
mit welchen fast ekstatischen Gebeten
empfingen wir des großen Hegel Gabe!
Wie schlagend schien, unwiderleglich
das Folgern dieser ungeheuren Kunst,
wir folgten ihr, gelenkig und beweglich,
erfüllt von scharfer Argumente Brunst.
Bemerkten nicht, wie man uns sanft verführte,
erkannten nicht Luzifers Hörnerhaupt,
begriffen erst, dass Wahrheit pervertierte,
als wir entwurzelt waren und beraubt.
Ich werf den Kinderglauben über Bord:
Gesetz der Wahrheit mündete in Mord.
Discerno a falso conto discrimine verum,
Res dubiae per me docta ratione probantur.
Ich scheide erkennend vom Falschen das Wahre,
Beweise Zweifelhaftes mit kluger Begründung.
4. Rhetorik

In deiner Schule, o Beredsamkeit,
trug ich polit’scher Rede Hermelin,
verteilte kunstvoll dank Belesenheit
bald Hoffnung und bald Furcht auf sie und ihn.
Auch was ich dichtete, es war geschuldet
geformtem Sang des feuchten Lippenpaars,
das wohl das Böse und das Dunkle duldet,
Medusen nicht im Schmuck des Schlangenhaars.
Geopfert hab ich strenger Wissenschaft
in deinem Zeichen, o rhetor’sche Kunst,
geschlossen sie, die Kluft, die lockend klafft,
zwischen verhasster Pflicht und heitrer Brunst.
Noch einmal möcht‘ ich (Brüste, gebt den Segen)
die Zunge in des Zwiespalts Wunde legen!
Per me formatur facundae gratia linguae,
Etherei qua Dii, regesque ducesque moventur.
Ich gestalte die Anmut kundiger Rede,
Die himmlische Götter, Könige und Führer bewegt.
5. Musik

Die Schönheit, die, für Ohren nur geboren,
befriedigt unsern seelentiefsten Sinn,
taut auf den Lebensmut, der eingefroren,
verschafft dem Geiste höchsten Lustgewinn:
So sinnenfroh, ist sie der Math’matik
geheimnisvoll verwandt in Brüchen, Zahlen,
und malt uns aus die himmlische Musik
des Paradieses und der Hölle Qualen.
Gekrümmt die Finger für das Tastenspiel –
gewann nicht unsre Lizzy so das Herz
von Mr. Darcy, der in Lieb‘ verfiel,
als Lust und Pein sie einschmolz Terz auf Terz?
Oft lächerlich beim reinen Tonerzeugen,
vor dieser Kunst bleibt nur, das Knie zu beugen.
Iucundo tristes oblecto carmine mentes
Depelloque graves curas relevoque labores.
Ich ergötze mit frohem Gesang traurige Gemüter,
Vertreibe schwere Sorgen und erleichtre die Mühen
6. Geometrie

Das Spiel der Winkel, der Geraden, Kreise,
das später inspirierte Klein-Pascal,
es ist die sinnlich-rationale Weise,
in der wir messen Kleinstes – und das All.
Was bin ich anderes, du Lichte, als
die dir von fern bestimmte Parallele,
Jerusalembekrönte, dreh den Hals –
du weißt, dass ich in Ewigkeit dir fehle.
O still mich, Amme, mit der Logik Milch,
entknittre meines Alters dürre Hülle,
weck auf den nörgelnden, verschlaf’nen Bilch
und schenk mir deines Daseins reife Fülle.
Wie keine andre sollst du mich belohnen,
doch kann ich nur im Geiste bei dir wohnen.
Terrarum tractus, et latas metior oras,
Ingenio gaudens subtili et acumine mentis.
Ich vermesse die Reihe der Länder, die weiten Küsten,
Erfreue mich feinen Geistes und Scharfsinns.
7. Astronomie

Geborgenheit in kosmischen Gesetzen
mag dieser Alte wohl gefunden haben,
kontemplativen Geistes Stillergötzen
die Seele ihm und seiner Freundin laben.
Geruhsam hält in Händen sie’s Modell
der Ätherkugel, drin die Erde schwimmt,
und ihren Busen schmückt das Antlitz hell
des Gottes, der das Leben schenkt und nimmt.
O Wonnetraum gelungener Synthese
von Geist und Sinnlichkeit, von Jung und Alt,
von Mann und Weib, Erfüllung und Askese,
von Leibgedanke und von Traumgestalt!
Wie gern ich dieses offene Gemach
mit dir bewohnte, das uns Goltzius stach!
Ardua stelliferi perlustro sydera coeli,
Et ruteli scrutor sublimes (a)etheris orbes.
Hohe Sterne betrachtend am reich gestirnten Himmel,
Prüfe ich die erhabnen Kreise des purpurnen Aethers nach.