Seestücke

Seestücke

Der alte Wal

Ich ahne die Verrohung in den Heimen,
ich gehe fröstelnd durch die alte Stadt.
Auf ihre Brunnen will sich gar nichts reimen,
und vor dem Deiche knistert graues Watt.

In weißen Villen schwelgen fremde Gäste,
Servietten sind ein Teil des Rituals,
Und schliffe man sie auch, die rote Feste,
besiegelt wär’s Geschick des alten Wals.

Lasst uns Beschlüsse fassen, die nichts wirken,
und rhythmisch stehen zum getanzten Tee,
verzeihend fächeln umgestürzte Birken,
und mönchisch rollt an Land verdorbne See.

Erkältung droht dem nassgeschwitzten Nacken,
die Stille scheint mir nahezu fatal,
die Jäger lassen los die braunen Bracken,
das Saxophon verstummt im goldnen Saal.

Sahst du den Buick? Rochst das feine Juchten?
Und den Virginia-Duft? Wir gehen heim.
Im Schlick versickern Spuren, Farben, Fluchten,
es bleiben Schlamm, Verwahrlosung und Schleim.

Korallen

Wo sie sich heben, diese schlanken Hallen,
mit den Gewölben, nicht geschaffen, um
zu überdachen Handel mit Korallen,
zermahlen zum Aphrodisiakum;

wo über Stufen rote Decken fallen,
vor denen Käufer stehn vor Staunen stumm,
in Säulen schlagen ihre klammen Krallen
die Taucher in der Tief‘ Delirium;

wo Wolken sich vergebens wollen ballen,
und Schiffe voller Hanf und Opium
stark seitwärts krängend fast aufs Wasser fallen,
erhofften Sinkens Anfangsstadium;

dort residiert der Einsamste von allen,
der Wächter, der der Macht Palladium
langsam entkleidet seiner Gurte, Schnallen,
beinahe taub bereits und alterskrumm;

dort siehst du es durch hohe Loggien wallen,
der Schmeichler wisperndes Kollegium,
verstohlen hört den Dogen lüstern lallen
der Ärzte harnberiechendes Konsilium;

von ferne hell die Schlachtkanonen knallen,
man wendet sich zu den Korallen um,
erwägt, ob sie der Liebsten wohl gefallen,
gewunden um den Nacken, weiß und stolz.

Märzmorgen am Züri-See

Ein schwarzer Ruderer, so klein und schwach,
sinkt er da draußen mir auch bald zusammen?
Zerfließt ins Wasser, hinfällig, und – ach!
ich bin es selbst mit Händen, kalten, klammen.

Wie war ich froh, als ich im Hotel Sternen
vorm Spiegel mir in beide Backen kniff!
Wie gierig war ich, alles zu erlernen,
bis mich Erfolg, mich Eitelkeit zerschliff.

Der Dunst verbirgt der Alpen coole Kette,
der Trainer ruft, die Knaben würden matt,
sie legen sich ins Zeug, und um die Wette
tunkt in den Spiegel Ruderblatt um –blatt.

Die Schweizer Rück seh ich von ferne ragen,
die Renti auch, wo einstmals ich geschafft.
Zwei Schwäne nahn, als wollten sie mir sagen,
dass zwischen Wunsch und Werden Abgrund klafft.

Im Roten Schloss verfaulen teure Sünden
der hohen Herrn, die über Gut und Geld
mit zarter Bürokratenhand befinden.
Sie ist es, die, was sie zerstört, erhält.

Vermählung
An einer See hab unlängst ich geweilt,
ich mochte wohl an ihrer Küste liegen.
In rollend schweren Wogenatemzügen
hab ich für Stunden, Tage mit ihr’s Bett geteilt.
Wie sie in meine Arme ist geeilt,
als gäbe es kein Lügen und Betrügen,
als gäb’s Verschmelzen nur und Wellenwiegen,
dann Brechen, Stieben auch an Felsen, aufgesteilt.
Ich hab mich schwindelwund hinabgeseilt,
denn ich war schwer, vermochte nicht zu fliegen.
„Ich will dich,“ rauschte sie, „will dich bekriegen,“
hat rund und blank wie einen Kiesel mich gefeilt.
Ein Zwischenfall riss mich aus diesem Traum,
denn dass es mehr gewesen, glaub ich kaum.

Abschied

Was Ferne sei, und was ein guter Hafen,
das sieht man hier an Afrikas Gestad‘,
wo Dido und Äneas einst sich trafen,
schnell aber drehte sich des Glückes Rad.

Vor Reede liegen frisch kalfatert Schiffe,
im Namen des Geschicks bricht Venus‘ Sohn
auf in die Ferne voller Felsenriffe,
verzichtet auf Karthagos Eisenkron‘.

Berichtet wird, dass sie ins Schwert sich stürzte,
weil mit Effekt von Frauentod und –qual
noch jeder Dichter gern sein Werklein würzte,
in Wahrheit war der Abschied nicht letal.

Frau Dido hängte ihrer Lieb‘ Gewandung
alsbald an jüngerm Haken auf und hat
nur selten noch gedacht an dessen Landung,
den ihr zu Füßen warf verbrannte Stadt.

Wie oft versucht Cupido zu verknüpfen,
was unverknüpfbar rollt verschiedne Bahn,
dann hilft nur eines: Schleunigst rauszuhüpfen,
bevor das Fahrzeug sinkt in Wut und Wahn.

Pottloch
Wo grau die See an graue Strände schwappt,
wo grau sich ferner Landstrich länglich streckt,
wo grau der Himmel drüber ist geklappt,
wo nur der Feuerqualle Farbe schreckt,
wo manchen Schritt ich über Sand getan,
wo manchen Herzschlag ich der Jodluft ließ,
wo mancher Seufzer stützte Wut und Wahn,
wo hungrig ich geknirscht auf kühlem Kies,
dort ist verortet meines Wortes Bord,
dort ist verankert meiner Angst Gerank,
dort ist verzeichnet meiner Mühe Mord,
dort lockt der Algen und des Tangs Gestank.
Ich will hinab in grüne Gründe tauchen,
in nassen Armen meinen Zorn aushauchen.

Saaltochter
Dass auch der Trost ein solcher niemals sei,
nur Vorwand, Blendwerk und Beschwichtigung,
dass alles sinnlos, grundlos, einerlei,
und nur Bedeutungsloses lall‘ die Zung‘,
dass jede Schönheit sei verseucht vom Zweck,
berechnend eitlen Vorteils Schandgewerk,
dass hinter weißem Marmelstein sich Dreck,
in süßer Tugend dumpfes Laster berg‘,
dass selbst die Wahrheit, immerdar missbraucht,
zu ihrem Gegenteil verkommen sei,
dass gar nicht weit des Glaubens Flamme raucht,
und in ihr Knattern mischt sich Mordgeschrei:
Das ist bekannt. Man mag es kaum erwähnen.
Ich seh dich dienen. Und es quellen Tränen.

Heimkunft
Wo eine Mühle steht in fernem Land,
ist dort mir wohl ein Hafen noch bereitet,
in den das Lebensschifflein unverwandt
zu kommen strebt, von müder Hand geleitet?
Der Mast brach weg, die Segel sind zerrissen,
und einen Motor hat es nie gehabt.
Das Ruder morsch, die Taue längst verschlissen –
das Kind bereits hat Meeresduft gelabt.
Ja, dorthin will ich und ich traue
noch einmal meinem Glück und innern Sinn.
Ich rieche Frühlingswind und spür die laue
vertraute Luft, es tönt Watvogelmoll,
am Abendhimmel glänzt die Venus, in
den Gärten blüht’s, und Chorgesang erscholl.

(Februar-Oktober 2004)

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