Planetenkinder

Sonnets zu Stichen von Saenredam nach Goltzius 1595

1. Saturn

Vergänglichkeit, o, des Verschwindens Wut
im Strome, der erbarmungslos uns treibt,
Evolution, die ihrer Kinder Blut
mit blankem Zahn sich gierig einverleibt.
Verschon mich noch, o Sensenschwingers Frost,
da ich grad warm in weichen Armen lag.
Was heut wir ernten, morgen ist’s Kompost,
und die wir zeugen, frisst der Sarkophag.
Ach, Leben, Fruchtbarkeit, Begattung, Lust –
ja, ich will schreiben, sei es auch für nichts,
will Zartes, Hartes schaffen, das robust
den Urteilsspruch besteht des Endgerichts.
       Mag auch von Krieg und Hass die Erde rauchen,
       in Liebesseufzern will ich untertauchen.

2. Jupiter

„Da steh ich nun, den man den Donn’rer heißt,
und halte meine Blitze in der Linken,
ein Fischverkäufer, der die War‘ anpreist,
besorgt, sie könnte anfangen zu stinken.
Ich bin ein wenig feist, es tut mir leid,
weiß schon, warum ich’s lieb, mich zu verwandeln:
Es könnt‘ verletzen Weibes Eitelkeit,
mit einem Angejahrten anzubandeln.
Und auch mein Adler ist geworden müd‘,
ich fürchte fast, er fällt mir hier vom Sockel.
Bald dank ich ab. Die Macht schlägt auf’s Gemüt,
war lang genug des Hühnerhofes Gockel.
       Nur meine schwarz verschmauchte Rechte zeugt
       von Donnerkraft, die mehr und mehr entfleucht.“

3. Mars

Wenn Fahnen wehen, Spieße wehrhaft starren,
wenn Kriegsglück auf des Schwertes Schneide steht,
dann mag ich friedfertig nicht länger harren,
stürz ins Getümmel mich, und wenn er fleht,
der hingemachte Feind um Gnad‘ und Milde,
so ist’s in meinen Ohren wie Musik,
denn auch in mir ist jenes wütend Wilde,
das sich ergötzt an Schlächterei und Sieg.
Wenn Friedensglucken rechten mit den Kriegern,
zeig ich auf Margret Thatcher und Frau Rice.
Die Weiber halten immer zu den Siegern,
ja, sie sind doch im Grunde nur der Preis.
      Doch seh ich Kinder dann vom Krieg verstümmelt,
      fühl ich verkommen mich, verrucht, verlümmelt.

4. Apollo

„Wie gerne wär ich hässlich wie Nacht,
verkröche mich wie sie in dunklen Winkeln,
ich bin geschlagen mit der Schönheit Macht,
könnt mich, wenn man mich anbetet, bepinkeln.
Es ist mein Fluch, dass noch mein Morden schön
und klangvoll jedes Wort ist, das ich spreche,
wie gerne wär ich scheußlich und obszön –
doch bleib ich immer glatte Oberfläche.
In meinen Augen fehlt der Augenstern,
die Saite, die ertönt, ist Bogensehne,
wo ich erstrahl, ist Todesgraun nicht fern,
dem Gottesaug entrollet keine Träne.
       Wie ich mich hass mit dieser schmalz’gen Tolle,
doch kein Entrinnen gibt’s aus meiner Rolle.“

5. Venus

Der Brüste Lust, sie ist nicht für den Mann,
sie ist fürs Kind bestimmt, das draus entsteht,
ich hasse Liebe, die nicht schwängern kann,
weil in ihr nicht der Wind des Wandels weht.
Und diese Hüften, so verlockend sie
dem Aug des geilen Freiers mögen scheinen,
sie sind die Wiege für die Zukunft, die
alsbald die Welt begrüßt mit lautem Weinen.
Seht ihr die beiden Turtelnden? Recht bald
wird wölben sich der angebumste Bauch,
statt Liebesseufzer Wehenschrei erschallt,
die Liebesgrotte wird Gebärens Schlauch.
       Ich geh, will ich von Herzen mich verwöhnen,
       zum Platz, wo Kinder frohem Ballspiel frönen.

6. Merkur

Dass auch das Schöne möcht verkäuflich sein,
doch sich dabei nicht etwa prostituiere,
dass es vermittle angenehmen Schein,
als Ware tauge und sich doch geniere,
mische Wahrhaftigkeit mit Nonchalance,
verbinde Anmut mit des Aufruhrs Keim
gebe dem Unerhörten eine Chance
und flöße ein recht bittern Honigseim:
Des Diamanten Härte, sie ist weich
verglichen mit Merkurs Auflage, dass
die Kunst nicht nur durch stille Winkel schleich,
im Spiel des Markts erweise sich als As.
      O einmal möcht, Geflügelter, ich borgen
      von dir die Kraft und das Geschäft besorgen.

7. Diana

Du weiblichstes Gestirn von allen, dem
die deutsche Zunge Mannsgeschlecht zuweist,
was bist du anderes denn als Emblem
der Schwangeren, die zunimmt, bis sie kreißt?
O Nacht des Irrens und der Leidenschaft,
von dir erhellt mit bleichem Todeslicht,
wie oft ich stürzte, mich hab aufgerafft,
da es an Hoffnung mir wohl nie gebricht.
Zurück will ich an jenes Meeres Rand,
an dem ich aufwuchs, als Verbrechens Wut
uns Deutsche hat bedeckt mit Scham und Schand‘,
und nimmer-, nimmerdar wird’s wieder gut.
Der Humanismus, der uns sollte halten,
hat bös versagt vor blinden Hasses Walten.

Nachbemerkung

1997 gab es zuerst in Stuttgart, dann in Bochum eine Ausstellung von Stichserien des Manierismus „Der Welt Lauf“. Ich erlebte sie nur von Ferne über die Zeitung und den Katalog, aber diese Folgen von Meisterkupferstichen nach Goltzius beeindruckten mich tief, zwei davon, Planetenkinder und Artes liberales, regten mich zu Sonnets an.

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