Jacutin

Wir hatten noch in guter Erinnerung, mit welcher Penetranz uns Eindringlinge der Art Culicidae die Sommernächte verleidet hatten, und was Vilma noch mehr erbitterte als die nächtlichen Attacken dieser Viecher, das waren die Blutflecken, die ihre Vernichtung mittels Fliegenklatsche, Pantoffel oder Zeitung auf der Tapete allzu häufig zurückließ. Als sie deshalb die schwarze Wolke sah, die sich über der Regenwasserzisterne in der Waschküche angesammelt hatte, wohl weil die aufsteigende Feuchte bei gleichzeitiger Frostsicherheit diesen Überwinterungsplatz ideal machte, gab es gar kein langes Fackeln: Die Drogerie Lagoda wurde aufgesucht, neben der gerade das in den 30ern allzu eilig hochgezogene Hotel Adler abgerissen wurde, und von dort kam Vilma mit grauen Stäbchen heim, die auf einen kleinen mitgelieferten Metallständer gesteckt und angezündet werden mussten. Dieses Mittel sei unfehlbar, hatte Herr Lagoda versichert, denn es enthalte Jacutin, eine für Kaltblüter tödliche Chlorverbindung, und so zögerten wir nicht, die Waschküchenfenster zu verschließen und es zur Anwendung zu bringen. Bläulicher Rauch kräuselte sich empor, wir verschlossen die Tür und gingen im Wohlgefühl, alles Notwendige für eine rationelle Vernichtung des Geziefers getan zu haben, unseren normalen Beschäftigungen nach.

Es war Nachmittag, Emil hatte sich ein paar Akten mitgebracht und saß hinter seinem dunkel gebeizten Soennecken-Schreibtisch, als er einen eintönigen Singsang zu vernehmen meinte, dem er aber weiter keine Bedeutung beimaß, da er auch auf einer Hörstörung, einem Ohrsausen oder Ähnlichem beruhen konnte. Nach einiger Zeit verstärkte sich das Geräusch jedoch, und er suchte Vilma auf, die im Wohnzimmer saß und ein Futter steppte.

Sie hatte während des Ratterns ihrer Pfaff-Nähmaschine, die mit Pedal betrieben wurde, nichts gehört, aber als er sie nun darauf aufmerksam machte, unterbrach sie das Steppen und hörte es auch.

„Es klingt, als ob der Elektromotor der Waschmaschine liefe,“ sagte sie. „Aber das kann nicht sein.“ Die Trommel der Waschmaschine wurde mittels eines Siemens-Motors gedreht, der unter der Decke hing und mit dem großen Schwungrad durch einen schlappen überkreuz laufenden Keilriemen verbunden war. Die Beheizung des Wassers erfolgte von unten mit Kohle.

Besorgten Gesichtes verließen sie das Zimmer, ich folgte ihnen, weniger beunruhigt, als neugierig.

Emil und Vilma standen an der Waschküchentür und pressten die Ohren an das Holz. Der eintönige Singsang hatte sich zu einem hohen, sirrenden Geheul gesteigert, das an den Nerven zerrte.

„Was ist das?“ fragte ich.

Emil gebot mir mit einer Handbewegung Schweigen.

„Wir sollten es abbrechen,“ sagte Vilma entsetzt.

„Das ist jetzt wahrscheinlich schon sinnlos,“ erwiderte Emil. „Ich fürchte, die haben ihr Fett weg.“

„Das habe ich nicht gewollt,“ sagte Vilma verzweifelt. „Davon hat Herr Lagoda nichts gesagt. Er hätte mich darauf vorbereiten müssen.“

„Du hast ihm sicherlich nicht gesagt, dass es Tausende sind,“ sagte Emil. „Komm!“ Er legte Vilma den rechten Arm um die Schulter, nahm mich, der verschüchtert an der Treppe wartete, bei der Hand und stieg mit uns nach oben.

Wir gingen in die Küche, Vilma setzte Wasser auf und Emil schaltete den alten Telefunken ein. Im nachmittäglichen Wunschkonzert des NWDR wurde gerade „Der rauschende Etsch“ von Werner Eisbrenner gespielt.

„Stell es lauter!“ wies Emil Vilma an, sie tat es, aber es nützte nichts. Das Geheul der sterbenden Mücken hatte jetzt ein solches Ausmaß erreicht, dass der Fußboden davon vibrierte. In dem verzweifelt rasenden Requiem, das die verendenden Hautflügler der Art Culicidae mit bis zu tausend Flügelschlägen pro Sekunde surrten, war etwas wie ein unbändig jaulendes Johlen zu vernehmen, das alle inneren Widerstände überrannte und hinwegfegte.

„Wir sind ja auch blöd!“ sagte Emil. „Hier ist doch die Waschküche direkt unter uns!“

Wir zogen uns ins Wohnzimmer zurück. Dieser Rückzug ähnelte einer Flucht. Dort schalteten wir den neuen Nordmende mit dem grünleuchtenden magischen Auge ein, das uns wissend anblinzelte.

Dietrich Fischer-Dieskau sang „Der Lindenbaum,“ Vilmas Lieblingslied aus der „Winterreise“.

Es gelang uns nicht, ihm konzentriert zuzuhören. Vilmas Lippen waren noch immer ganz grau.

Als der letzte Ton verklungen war, stellten wir mit ungläubigem Staunen fest, dass es still geworden war.

Vilma schüttelte langsam den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst,“ sagte sie tonlos und stand auf. Emil nickte bestätigend und gedankenverloren.

„Wo willst du hin?“ fragte er sie dann.

„Es muss doch jetzt jemand lüften. Und die Leichen zusammenfegen. Die armen unschuldigen Dinger!“ Sie schnappte nach Luft.

„Lass nur,“ sagte Emil, stand seinerseits auf und drückte sie zurück auf den Stuhl. „Das erledige ich.“

„Kann ich mitkommen?“ fragte ich.

„Nein, das ist nichts für – Kinder.“

Er schluckte leer herunter.

„Wo ist das Kehrblech?“ fragte er. „Und der Besen?“

Vilma sagte es ihm.

Tags darauf passierten wir die Drogerie Jagoda. Vilma fragte mich: „Soll ich hineingehen und mich beschweren?“

„Es ist ja nun doch nicht mehr zu ändern,“ antwortete ich.

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