Tagebuch 1993 – 2004
von Hartmut E. Feldhausen

Ein Schöpfergott nicht zwingend notwendig
21.02.93
Gibt es einen Widerspruch zwischen der Naturwissenschaft und dem Glauben? Nein, im Gegenteil: Die Naturwissenschaft steckt voller Hinweise auf die Göttlichkeit der Natur; weniger weist sie auf einen Schöpfergott außerhalb der Natur hin (s. auch Einstein):
1. Wir leben in einem Kosmos (nicht in einem Chaos), wie die Naturgesetze zeigen. (Die Chaosforschung widerspricht dem nicht!)
2. Dieser Kosmos ist durch die Fähigkeit zur Evolution gekennzeichnet: Entwicklung von der Strukturlosigkeit kurz nach den Urknall zu immer komplexeren Strukturen (Systemen) bis hin zum Leben.
3. Der Kosmos muss von Anfang an ganz bestimmte physikalische Eigenschaften haben, sonst könnte es uns nicht geben (Anthropisches Prinzip).
4. Wir Menschen sind nicht das Ziel der Evolution, sondern nur ein Durchgangsstadium.
22.02.93
Es gibt ja nicht nur die zwei Möglichkeiten: (christlicher) Schöpfergott oder gar kein Gott, sondern außerdem die dritte Möglichkeit des Pantheismus: Gott und Natur sind eins (Holismus). Diese göttliche Natur ist weder gut noch böse, d. h., die Frage, was sein soll, wird als rein menschliche Anschauungsweise der Dinge erkannt, die prinzipiell mit Gott nichts (oder nur sehr indirekt) zu tun hat. Einstein:
„Das Moralische ist ihm [dem Forscher] keine göttliche, sondern eine rein menschliche Angelegenheit.“
Der Glaube an eine Weltschöpfung wie im Alten Testament ist durch die historische Entwicklung der menschlichen Erkenntnis überholt, die heute wissenschaftliche Vorstellungen, auch wenn sich ihr Wahrheitsgehalt niemals völlig beweisen lässt, höher stellt als mythische Vorstellungen, und zwar u. a. deshalb, weil erstere „technisch erfolgreich“ sind. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass sich Wissenschaft und Glaube nicht ausschließen; im Gegenteil!
Die Quelle meiner Religiosität ist das Staunen über die unendlich große und wunderbar gefügte Natur. Einstein:
„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. Das Erlebnis des Geheimnisvollen . . . hat auch die Religion gezeugt.“
05.03.93
Auch die Ethik ist eine Folge der Evolution (s. die Evolutionäre Erkenntnistheorie von Lorenz): alles Lebenserhaltende ist gut, alles Lebenszerstörende schlecht, böse. Gut und Böse sind rein menschliche Kathegorien, die Natur ist weder gut noch böse, auch das Göttliche nicht – im Gegensatz zur christlichen Vorstellung. (Damit entfällt der Gegensatz Gott-Teufel!)
Der Mensch sollte im eigenen Interesse im allgemeinen lebenserhaltend wirken, wobei sowohl das menschliche als auch das Leben schlechthin gemeint ist. Wenn der Mensch sich jedoch nicht so verhält, so ändert das nichts am Überwiegen des Konstruktiven, Kreativen gegenüber dem Destruktiven im Kosmos; die Erde ist im kosmischen Maßstab räumlich und zeitlich völlig bedeutungslos.
06.03.93
Konstruktives und Destruktives sind natürlich Ausflüsse der Naturgesetzlichkeit. Das Destruktive ist häufig Diener des Konstruktiven: z. B. bläst eine Supernova Elemente höherer Ordnungszahlen in den Raum, aus denen Sterne mit Planeten entstehen, die u. U. zu Geburtsstätten von Leben werden.
09.03.93
Das Verhältnis von Wissenschaft und Religion lässt sich vielleicht so veranschaulichen:

Die Entscheidung zwischen beiden Möglichkeiten ist natürlich jedem überlassen. Sie hängt von Neigungen, subjektiven Maßstäben ab; objektive Maßstäbe gibt es grundsätzlich nicht. (Soll man deshalb zum Agnostiker werden?)
08.05.93
Das „Viele-Welten-Konzept“, das ja daraus resultiert, dass eine Vielzahl von für Leben notwendigen physikalischen Bedingungen zufällig gegeben zu sein scheint, wäre wohl auch akzeptabel, wenn diese „Zufälle“ alle physikalisch erklärbar wären. Die physikalische Gesetzlichkeit als solche wäre hingegen niemals erklärbar (ähnlich wie die Logik). Sie ist das „Göttliche“ oder der „Geist“, der sicher eine Vielzahl von Universen zu schaffen in der Lage ist, derart, dass diese unendliche Vielfalt die Unendlichkeit des Geistes widerspiegelt.
21.08.93
Womöglich ist die Komplementarität der Schlüsselbegriff zur Erklärung der Welt: Ihr Sein und ihr Nichtsein sind vielleicht komplementär zueinander. Als Lebende erfassen wir die Seite der Existenz, als Tote die des Nichts.
12.05.94
Insofern Gott und Natur eins sind, ist die Natur wie Gott unendlich. D. h., es gibt unendlich viele Universen. Unser Universum ist eines von denen, die menschlichen Geist hervorgebracht haben, einen Geist, der zu einer teilweisen Erkenntnis seines Universums in der Lage ist. Was mögen wohl die anderen Universen hervorgebracht haben? Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich!
15.05.94
In der Natur ist häufig zu beobachten, dass die Zerstörung der Ausgang für etwas Neues ist. Insofern wäre ein für immer expandierendes (und immer mehr erkaltendes) Universum weniger wahrscheinlich als eines, dessen Expansion sich irgendwann in Kontraktion verwandelt, weil dann ein neuer schöpferischer Urknall in ferner Zukunft denkbar wäre.
05.07.94
Etwa so, wie die Natur viele Sonnen mit Planetensystemen hat hervorbringen müssen, um auf einzelnen Planeten Leben entstehen zu lassen, hat sie vielleicht auch viele „Menschheiten“ erzeugen müssen, damit eine Menschheit die Höherentwicklung aufweist, die der allgemein wachsenden Differenziertheit in der Natur entspricht. Dass wir diese ausgezeichnete Menschheit sind, ist somit sehr unwahrscheinlich!
05.10.94
Einiges scheint dafür zu sprechen, dass alle positiven Energiearten (einschließlich der Materie) von der negativen Gravitationsenergie aufgehoben werden, so dass das Ergebnis Null wäre, und dass für die von Einstein eingeführte kosmologische Konstante L, die mit der Energie- bzw. Materiedichte des Vakuums zusammenhängt, L = 0 gilt. Das hieße, unsere Welt wäre nur eine Spielart des Nichts, die aus nichts entstanden wäre, womit die metaphysische Frage, wieso aus dem Nichts etwas entstehen kann, in einem neuen Licht erschiene. Vielleicht ist die Welt wirklich nur Schein, „Maja“, wie die Buddhisten meinen.
06.10.94
Der Mensch scheint dazu verdammt zu sein, trotz besserer (wissenschaftlicher) Einsicht seinen Mittelpunktswahn, seine Anthropozentrik nicht aufgeben zu können, zu glauben, alles sei nur dazu gemacht, ihm zu dienen, seinem Verbesserungsdrang unterworfen zu werden, wobei er selbst vor seiner eigenen Natur nicht haltmacht (Eingriffe ins Erbgut!). Doch die Gefahr (s. Goethes „Zauberlehrling“!) ist, dass er sich dabei mehr neue Probleme schafft als alte löst und so irgendwann an den selbstgemachten Schwierigkeiten zugrunde geht. Ich bin überzeugt, dass es den Menschen in erdgeschichtlich kurzer Zeit nicht mehr geben wird; dafür spricht schon seine ungebremste Vermehrung. Aber dann haben andere von ihm unterdrückte Arten vielleicht die Chance zur Höherentwicklung. Sonne und Erde werden ja noch viele Millionen Jahre bestehen.
07.10.94
Nach meiner Überzeugung muss entgegen der Meinung der Kosmologen der Anfang der Welt sehr einfach gewesen sein. Vielleicht ist die Heisenberg-Formel
DE . Dt ³ h/2p
(E Energie, t Zeit, h Wirkungsquantum) der Schlüssel zum Verständnis der Schöpfung, d. h., die Welt entstand aus dem Nichts durch eine „Quantenfluktuation“ ohne Ursache, ebenso die inflationäre Expansion, so dass ein „falsches Vakuum“ zu deren Erklärung unnötig wäre. Die Kausalität kam erst „später“. Die Gesamtenergie, bestehend aus der Energie der Materie, der Photonen und der negativen Feld- (insbesondere der Gravitations-)Energie war am Anfang nahe Null und hat sich bis heute nicht geändert. Wir leben also praktisch im Nichts, das uns nur deshalb als ein „Etwas“ erscheint, weil wir ja nur ein sehr kleiner Teil dieses „Etwas“ sind.
10.10.94
Leider ist es wohl doch nicht so einfach, den Beginn der Welt zu verstehen, da bisher eine die Gravitations- bzw. die Allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie umfassende Theorie fehlt. Das scheint ein praktisch unüberwindliches Problem zu sein. Doch geben die Kosmologen (insbesondere Steven Hawking z. B. in „Eine kurze Geschichte der Zeit“) die Hoffnung nicht auf und versuchen, diese Quantengravitationstheorie zu entwickeln.
19.10.94
Anscheinend gibt es so etwas wie eine Wellenfunktion von Allem, die unendlich viele Welten zulässt (Viele-Welten-Konzept). Diese Welten sind alle verschieden wahrscheinlich und unterscheiden sich durch die in ihnen geltenden Naturgesetze, insbesondere durch die Werte der Naturkonstanten. Unsere Welt, die wohl recht unwahrscheinlich ist, hat gerade eine solche Naturgesetzlichkeit, dass eine Höherentwicklung der Materie bis hin zum Leben möglich ist (Anthropisches Prinzip!). Das bedeutet, dass es uns gibt, ist nicht geplant, sondern purer Zufall. (Ein planender Weltenschöpfer kommt in diesem Konzept nicht vor.) Aber da wir nun einmal (zufällig) in einer das Leben und den damit verbunden Geist fördernden Welt leben, haben wir die Chance, an einer weiteren Höherentwicklung teilzuhaben. Ob wir diese Chance nutzen, hängt ab von uns.
20.10.94
Vielleicht kann man sagen, der Urgrund allen Seins ist eine kosmische Wellenfunktion „K“, die man zwar niemals wird angeben können, von der man aber immerhin weiß, dass sie beschreibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Welt aus einer unendlichen Vielzahl von Welten existiert. Einen Grund für die Existenz der Welten gibt es nicht, da die Kausalität als ein „Teil“ einiger (nicht unbedingt aller!) Welten gedacht werden kann. Naturgesetze und Naturkonstanten sowie die Zahl der Raumdimensionen können in jeder Welt anders sein.
30.10.94
Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist inzwischen sehr ambivalent geworden: Einerseits wird die Natur ausgebeutet und zerstört, andererseits hängen wir mit mehr oder weniger Sentimentalität an ihr (Mitglied eines Trappervereins in den USA im Fernsehen fast weinend: „Ich bin 150 Jahre zu spät geboren!“ – Auch eine Art von Regression.). Wenn der Mensch dazu bestimmt ist, sich von der Unterdrückung durch die Natur zu emanzipieren, indem er das Steinzeitbewusstsein endlich durch ein aufgeklärtes Bewusstsein ersetzt, dann gewinnt er ein vernünftiges Verhältnis zur Natur. Er erkennt: er darf sie nicht zerstören, da er nach wie vor von ihr abhängt, die Natur ist sein Partner, nicht sein Widersacher, beide Partner geben und nehmen wie in jeder guten Partnerschaft, der Mensch bewahrt, erforscht und veredelt die Natur (z. B. künstlerisch), er vergewaltigt sie nicht mehr, sondern lebt bewusst mit ihr in einer Harmonie, die mit der der grauen Vorzeit kaum noch etwas zu tun hat. So lässt der Mensch die Natur an seiner geistigen Entwicklung teilnehmen, indem er etwas Neues Gutes bislang „Übernatürliches“ hervorbringt. Wenn der Mensch jedoch so weiter macht wie bisher – und das ist zu befürchten -, dann wird die Natur ihn ausmerzen.
26.11.94
Gerne stellt man sich vor, dass die Erde (zusammen mit der Sonne) als etwas Besonderes ausgezeichnet ist, nämlich dadurch, dass sie Leben und Geist hervorgebracht hat. Das ist aber nichts als Anthropozentrik, die Leben und Geist, besonders den menschlichen, für etwas Besonderes hält. Weiterhin liegt der Gedanke nahe, dass das ganze Universum als etwas Besonderes gelten kann, da die in ihm gültigen Naturgesetze (und -konstanten) Leben und Geist hervorbringen können. Man meint, ein solches Universum muss durch einen überragenden („göttlichen“) Geist geschaffen worden sein. In Wirklichkeit könnte aber unser Universum nur eines von unendlich vielen möglichen (realisierten?) Universen sein, so wie unsere Erde ja nur einer von sehr vielen Planeten und der Mensch nur eine von sehr vielen biologischen Arten ist. So wie die meisten Planeten ohne Leben sind und die meisten Arten ohne menschlichen Geist, so sind vielleicht auch die meisten Universen leblos. Das heißt, Leben und Geist sind womöglich bei der ungeheuer aufwendigen Weltenschöpfung – bei der Entstehung von unendlich viel Raum, Zeit und Materie – als Zufallsprodukt entstanden, geistlos und planlos. Wäre unsere Menschenwelt nicht entstanden, so wäre dies angesichts der unendlich vielen anderen Welten gar nicht aufgefallen. Einen göttlichen Schöpfer im überkommenen Sinne gibt es somit womöglich gar nicht. Es gibt zwar eine Schöpfung, doch steht bei ihr der Aufwand sozusagen in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Das gilt jedoch nur, wenn wir anthropozentrisch unseren Geist für das Entwicklungsziel der Schöpfung halten. Doch die Schöpfung hat kein Ziel, und damit auch keinen Sinn und Zweck. Ist die letzte Konsequenz also Nihilismus? Nicht, wenn wir daran glauben, dass ein wenn auch noch so kleiner Teil der Welt, nämlich der unsrige, durch geistige Höherentwicklung gekennzeichnet ist.
29.11.94
Bekanntlich wird ja jedes Anwachsen von Ordnung in der Welt, insbesondere jede Differenzierung der Materie, die mit der Entwicklung von Leben verbunden ist, durch ein Anwachsen der Entropie, d. h. der Unordnung der gesamten Welt, erkauft. Das bedeutet, dass die Welt in Gänze nie in einen Zustand höherer Ordnung überführt werden kann; dieser Zustand bleibt auf kleine Bereiche beschränkt.
04.12.94
Da die mittlere Materiedichte im Weltall mit höchstens ca. 10-30 g/cm3 wahrscheinlich für die Umkehrung seiner Expansion in eine Kontraktion nicht ausreicht, wird das Universum bis in alle Ewigkeit expandieren und dabei immer leerer und dunkler werden, bis es am Ende aller Zeiten in den zeitlosen Zustand des Nichts zurückgekehrt ist, aus dem es entstanden ist. Sollte das Nichts also derzeit noch nicht dominieren, so wird es das in Zukunft tun. Die Dominanz des Nichts in unserer Welt: eine bedrückende Vorstellung.
08.12.94
Vielleicht entsprechen ganze Universen, die aus dem Nichts entstehen, den virtuellen Teilchen der Quantenphysik im Vakuum, die grundlos entstehen und vergehen, d. h., das Größte und das Kleinste wären einander analog, zumindest bezüglich Entstehung und Ende. Dies ist natürlich reine Spekulation; aber ich glaube, dass man ungefähr in diese Richtung denken müsste, um das Ganze zu begreifen, falls man das überhaupt jemals kann. Vielleicht sind letzten Endes (s. o.!) das Nichts und das Etwas im quantenphysikalischen Sinne komplementär zueinander . . .
04.01.95
Ich glaube, in einer unendlichen Welt ist alles möglich, u. a. auch menschlicher Geist, der die Welt ansatzweise erkennen, d. h. sich von ihr ein grobes Bild machen kann. Der kleine Teil der Welt, der von uns überblickt werden kann, wird fraglos von einer Naturgesetzlichkeit beherrscht, die „übermenschlich“ geistig ist und unseren Geist als winzigen „Ableger“ hervorgebracht hat. Die übrige unendliche Welt jenseits unseres Horizonts muss ebenfalls von Naturgesetzen beherrscht werden, damit sie überhaupt existieren kann, d. h., Geist gibt es auch dort, wenn auch wahrscheinlich keinen, der Geist wie den unseren hervorgebracht hat. Dieses „über- oder unmenschlich“ Geistige ist irgendwann zusammen mit der Welt spontan entstanden, es war nicht etwa vor ihr da (wie ein Schöpfergott). Ein Vorher gab es nicht.
Geist und Materie bilden letztlich eine Einheit. Wo etwas ist, ist auch Geist; nur das Nichts ist geistlos. Aber vielleicht ist alles ganz anders – wir können wohl das Ganze niemals erfassen.
05.01.95
Zum Verhältnis Geist-Welt lässt sich (im Sinne des Pantheismus) vielleicht sagen:
1. Die Welt als Ganze ist nicht geistlos, sondern als Kosmos von Naturgesetzlichkeit beherrscht und damit durchgeistigt.
2. Welt und Geist bilden eine Einheit, sind unendlich alt und werden ewig bestehen. Einen Geist, der die Welt geplant und geschaffen hat, gibt es nicht.
3. Der menschliche Geist ist von diesem von uns überschaubaren Teil der Welt, unserem Universum mit endlichem Alter, geschaffen worden – durch eine spezielle unwahrscheinliche Naturgesetzlichkeit, die nur hier gilt und für das Weltganze keine Rolle spielt. Damit ist auch der menschliche Geist, vom Ganzen her betrachtet, bedeutungslos – und wegen seiner Beschränktheit unfähig, den Geist des Ganzen zu erfassen. Dessen Unendlichkeit zu erkennen, muss ihm genügen – Bescheidenheit oder gar Demut sollte er in seiner Kleinheit empfinden.
20.03.95
Möglicherweise ist der Streit, ob die Big-Bang- oder die Steady-State-Theorie wahr ist, müßig: es gelten womöglich beide Theorien, erstere für das Universum, in dem wir leben, letztere für die aus unendlich vielen Universen bestehende Welt als Ganzes. In ihr entstehen und vergehen in undenklichen Zeiträumen überall immer wieder Universen – ohne dass die Welt irgendwann einen Anfang gehabt hat oder jemals ein Ende haben wird, womit das Kosmologische Prinzip (kein Ort und keine Zeit unterscheiden sich wesentlich von anderen Orten bzw. Zeiten) seine Gültigkeit im ganz Großen hat – im Gegensatz zu unserem Universum, in dem die Zeit einen Anfang hat. (An eine Expansion der Welt als Ganzes muss man dabei nicht denken.)
22.03.95
Die Welt im ganz Großen ist also durch statische Zeitlosigkeit gekennzeichnet; hingegen ist in den einzelnen Universen eine Evolution denkbar und möglich, insbesondere in unserem Universum, d. h. eine Entwicklung von sehr einfachen zu immer komplexeren Zuständen der Materie – bis hin zu Leben und Bewusstsein.
Die Erhaltung der Natur, insbesondere der Tiere, auf unserer Erde ist unter diesem Aspekt zu sehen: Nur durch Natur– bzw. Tierschutz lässt sich die genetische Vielfalt erhalten, aus der heraus zunächst biologische und dann kulturelle Höherentwicklungen möglich sind. Die diesbezüglichen Möglichkeiten des Menschen scheinen bereits ausgeschöpft zu sein. Seine Kultur ist zu „schwach“, als dass sie den immer wieder geschehenden Rückfall in vorkulturelle Zustände des Übergangsfeldes Tier-Mensch sicher verhindern könnte. Dadurch ist sowohl die Spezies Mensch als leider auch fast jede andere Art heute – im Zeitalter der globalen Übervölkerung, der Umweltverschmutzung und der Superwaffentechnik – aufs Höchste gefährdet. Diesmal leben wir wohl wirklich in einer „Endzeit“. Wir müssen wohl damit rechnen, dass das große Experiment „Gaia“ scheitern wird – doch können wir die Hoffnung haben, dass woanders im Weltall die Evolution erfolgreicher ist.
Kann die Spezies Mensch sich an die von ihr selbst produzierte Umweltveränderung schnell genug anpassen, um zu überleben?
09.05.95
Noch einmal zur Entropie: Als der Urknall das Universum expandieren ließ, wurde sein Zustand hoher Entropie in einen kleinerer Entropie verwandelt; ein Teil der ungeordneten Bewegung wurde in geordnete verwandelt, was paradox ist, da nach dem 2. Hauptsatz in einem geschlossenen System die Entropie nur gleichbleiben oder zunehmen kann. Doch danach und bis jetzt hat sich die Materie infolge der Gravitation zu diversen „Klumpen“ (Sternen, Galaxien) zusammengeballt und dabei Wärme produziert, d. h., jetzt ist der 2. Hauptsatz gültig – am Anfang der Welt war er es nicht!
20.05.95
Dass der 2. Hauptsatz für das Universum als Ganzes jetzt gültig ist, kann man wohl nicht sagen. Die Expansion ist ja nach wie vor im Gange, ihre Wirkung wird jedoch, je größer der Raum wird, immer geringer, und die Welt steuert asymptotisch auf einen Zustand maximaler Verdünnung (d. h. der Dichte 0) zu, in dem der Begriff der Entropie wohl seinen Sinn verliert. – Eine schwierige Thematik!
10.06.95
Nun ist eigentlich klar: Die Entropie des ganzen Universums kann infolge dessen Expansion niemals maximal werden; das wäre nur in einem statischen Universum möglich. Dort würden die vier Naturkräfte für eine erstarrte Welt sorgen, in der nichts geschehen würde. Die expandierende Welt hingegen sorgt dafür, dass es nur zu partiellen Agglomerationen kommen kann, die in Form von Sonnen und Planeten vielleicht sogar Voraussetzungen für eine noch höhere Organisation der Materie bis hin zum Leben bieten. So ist die Expansion des Universums also eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es uns gibt. Wenn man bedenkt, dass die Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie diese Expansion bereits enthalten, sieht man, dass sie mit der Gravitation und letztlich mit der Äquivalenz von träger und schwerer Masse zusammenhängt! So hängt im Grunde alles mit allem zusammen, und immer mehr Zusammenhänge werden aufgedeckt.
21.06.95
Nach der Quantentheorie ist die Vergangenheit bekannt, die Zukunft jedoch nicht; diese ist nicht determiniert, was insofern eigenartig ist, als dann ja der Zeitpunkt der Gegenwart auf der Zeitachse ausgezeichnet wäre. D. h., es gäbe zwar nicht im Raum, aber in der Zeit einen durch unser menschliches Zeiterleben ausgezeichneten Punkt, was eigentlich als „zeitliche Anthropozentrik“ bezeichnet werden kann. So etwas kann es aber doch nicht geben! Vielleicht hatte Einstein doch recht, als er die Gültigkeit des Determinismus für alle Zeiten, vergangene, gegenwärtige und zukünftige, annahm. Dies bedeutete ja nicht, dass die Quantentheorie falsch wäre; sie beschreibt die Natur so gut, wie wir als Menschen sie erkennen können. Doch gäbe es die Einsteinschen verborgenen Parameter, die uns allerdings immer verborgen bleiben würden, womit sich Einstein nicht abfinden konnte, wohingegen wir erkennen, dass wir das tun müssten.
Nach dem Tod seines Freundes Besso schrieb Einstein:
„Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Dies bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“
23.06.95
Neuere Erkenntnisse sprechen dafür, dass die Entwicklung des Lebens wesentlich durch Katastrophen gefördert wurde. Vielleicht muss also die Menschheit erst in eine (selbstgemachte?) ihre Existenz bedrohende Katastrophe geraten, damit ihre weitere Höherentwicklung möglich ist.
09.07.95
Vielleicht ist das Universum nichts als ein gigantisches Spiel, in dem nach bestimmten Regeln (Naturgesetzen) aus Einfachem (Energie, Elementarteilchen) Komplexes (Kräfte, Atome, Moleküle, lebende Substanz) gemacht und zwischendurch immer wieder zerstört wird, damit spielerisch wieder etwas Neues gemacht werden kann. Wir nehmen die Welt vielleicht viel zu ernst; in Wirklichkeit ist alles nur Spiel!
09.07.95
Zwischen dem Jenseitsglauben der christlichen Religion und meinen Vorstellungen besteht eine Analogie: Während der Christ an ein Leben nach dem Tode glaubt, glaube ich an ein geistiges Leben in der Zukunft (nicht an mein geistiges Leben), denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen zumindest nicht dagegen, dass in der langen Zeit von ca. 5 Milliarden Jahren, bis die Erde verglüht, die Evolution noch viele Arten hervorbringen wird, von denen sich einige bis zur geistigen Höhe des Menschen und vielleicht darüber hinaus entwickeln werden.
31.07.95
Die der normalen Vorstellung des Menschen als „Krone der Schöpfung“ entgegengesetzte Vorstellung der Wissenschaft, dass der heutige Mensch nur das Durchgangsstadium einer Millionen Jahre dauernden Entwicklung ist (oder vielleicht das Endstadium eines Entwicklungszweiges), dass wir also allenfalls nur einen vorläufigen – keinen endgültigen – Höhepunkt darstellen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Wissenschaft das Selbstverständnis des Menschen ändern könnte, wenn sie nur allgemein zur Kenntnis genommen würde. Dann wäre wirklich ein – fraglos notwendiger – Paradigmenwechsel möglich. Doch sieht es nicht danach aus; denn diese Vorstellung ist, sofern sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird, auch nur eine von vielen Vorstellungen im Pluralismus der Meinungen. Dass sie von existentieller Bedeutung sein könnte, wird nicht wahrgenommen.
26.08.95
Dass die Gefahr besteht, dass der Mensch in nicht sehr ferner Zeit ausstirbt, liegt ja daran, dass eine Spezies eine schnelle Umweltveränderung, an die sie keine Zeit hat, sich anzupassen, nicht überlebt – ein biologisches Gesetz. Eine solche zu schnelle Umweltveränderung nun bewirkt der Mensch vor allem mit seiner Technik; wir leben in einer zunehmend künstlichen Welt, unsere biologische Entwicklung hat uns nur an die Welt der Steinzeit angepasst. Doch unser Verschwinden als Art würde, wie gesagt, im großen kosmischen Konzert ohne Bedeutung sein.
11.09.95
Indem der Mensch das natürliche System der Biosphäre (zu dem er ja gehört) mittels der Technik mehr und mehr durch ein künstliches dem jeweiligen Stand der Wissenschaft entsprechendes ersetzt, begibt er sich in die große Gefahr zu scheitern, denn etwas Vollkommenes durch etwas der begrenzten menschlichen Verstandeskapazität Entsprechendes, Unvollkommenes zu ersetzen kann nicht gelingen. Die Medizin z. B. kann noch so sehr versuchen, mit ihren Heilmethoden den menschlichen Körper gesund zu machen (oder zu erhalten) – da sie ihn nicht vollständig versteht und niemals verstehen wird, sind und bleiben ihre Methoden immer unvollkommen. Könnte sie den Körper wirklich verstehen, so könnte sie ihm (ein alter Wunschtraum des Menschen) das ewige Leben verschaffen, oder sie könnte ihn künstlich herstellen (ein weiterer Wunschtraum), doch davon ist sie weit, weit entfernt. Was sie kann, ist hier zu heilen und dort zu schaden (Nebenwirkungen der Medikamente!). Dass der Schaden im allgemeinen nicht zu groß ist, liegt offenbar an den im wesentlichen unverstandenen Selbstheilungskräften des Körpers; doch irgendwann versagen diese, und dann tritt der Tod ein.
Dieser Tod bedroht den Menschen sowohl als Individuum wie als Spezies. In (im geologischen Zeitmaßstab) naher Zukunft wird er verschwunden sein – doch das Leben geht immer weiter (s. auch das schöne Buch von Dougal Dixon: „Die Welt nach uns“!), gleichgültig, wie stark der Mensch in die Biosphäre eingegriffen hat, wie katastrophal die Wirkung seiner kurzen Existenz auf der Erde als Art war. Ja, vielleicht bewirkt auch diese Katastrophe, wie andere Katastrophen in der langen Entwicklungsgeschichte des Lebens (die letzte vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier ausstarben und damit die Weiterentwicklung der Säugetiere ermöglichten) einen enormen Evolutionsschub, der etwas ganz Neues weit über den Menschen Hinausgehendes zeitigt. So ist die Natur: Aus Tod und Verwesung erblüht etwas unvorhersehbar Neues, Schönes; Destruktives und Konstruktives bedingen einander – letztlich können wir alles mit Gleichmut betrachten.
14.09.95
Die derzeit in schneller Entwicklung befindliche Gentechnik wird immer wieder kritisiert (auch heute wieder im Fernsehen). Eigentlich ist sie nichts als die logische Fortsetzung dessen, was der Mensch bisher mit der Natur gemacht hat: Ausbeutung nach dem göttlichen Auftrag
„Machet euch die Erde untertan und herrschet über alle Tiere und Pflanzen!“
(sinngemäß). Unter diesem Gesichtspunkt wird sie ja auch von ihren Befürwortern gerechtfertigt. Die Gegner hingegen sprechen von den großen von ihr ausgehenden Gefahren gesundheitlicher und gesellschaftlicher Art, so dass sie unter sittlichen Gesichtspunkten nicht erlaubt werden dürfe. Eigenartig ist dabei, dass die bisherige Tier- und Pflanzenzucht, die z. T. groteske Wesen hervorgebracht hat (man denke nur an die Hundezucht!) kaum oder gar nicht erwähnt wird, dabei ist sie im Prinzip ebenfalls eine (indirekte) Genmanipulation. Wesentlich ist aber, dass sich auch hier zwei Parteien gegenüberstehen: die eine will als Fortschrittspartei etwas Neues machen, die andere will als konservative Partei das Bisherige bewahren (nach christlicher Meinung entsprechend dem göttlichen Auftrag(?)): das typisch abendländische Entweder-Oder-Denken. Wenn man zunächst vom Menschen absieht und sich ansieht, was die Natur macht, so erkennt man, dass sie sowohl konservativ als auch progressiv ist. Sie sorgt einerseits für die Erhaltung des Genotyps aller Lebewesen und andererseits für seine Veränderung (durch Mutationen; nur so ist Evolution möglich). Insofern ist der ganze Streit sinnlos. Selbst eine durch menschlichen Leichtsinn ausgelöste Katastrophe (durch genmanipulierte Mikroben, durch Züchtung von „Monstern“ usw.) würde von der Natur nur als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung des Lebens benutzt werden (s. o.!). Allerdings sollte der Mensch eine solche Katastrophe im eigenen Interesse natürlich vermeiden. Andererseits hat die Gentechnik, vernünftig betrieben, auch unbestreitbare Vorteile. Man sollte sie also nicht abschaffen, sondern mit entsprechender Vorsicht (gesetzlichen Auflagen!) fortsetzen. Dass der Mensch dabei wie bei allen seinen Vorhaben das Risiko eingeht zu scheitern, ist unvermeidlich . . .
15.09.95
Ganz kurz formuliert ist meine Meinung: Da der Mensch Teil der Natur ist, kann er tun, was er will – er handelt immer in ihrem Sinne (und damit auch im Sinne Gottes). Geht es insbesondere jedoch nur um Bewahrung (des Lebens, der menschlichen Art), so ist ein Handeln entsprechend der Sittlichkeit geboten (die mit Gott nichts zu tun hat, sondern nur mit dem Gewissen).
28.09.95
Immer wieder (auch heute wieder im Fernsehen) wird behauptet, dass die psychischen Erfahrungen, die Menschen an der Schwelle des Todes gemacht haben (Verlassen des Körpers, Wiedersehen von verstorbenen Verwandten und Freunden, Erlebnis eines hellen, warmen „unendliche“ Güte ausstrahlenden Lichts, überhaupt das Gefühl unendlicher Harmonie) bereits ein Blick ins uns alle erwartende Jenseits sind. Doch das ist, wie auch der Theologe Prof. Küng zu bedenken gab, schon allein deswegen fraglich, weil die betreffenden Menschen ja gar nicht wirklich (biologisch) tot gewesen sind, denn ihr Gehirn wurde ja weiter durchblutet und war voll funktionsfähig. Ein wirklich toter Mensch ist noch niemals ins Leben zurückgekehrt!
Diese Erfahrungen (die offenbar alle Betroffenen in fast gleicher Weise machen) sind, scheint mir, nichts anderes als ein durch die extreme Situation bewirkter Traum, der Unterbewusstes, vor allem Wunschvorstellungen, bewusst macht. Dass sie etwas mit einem wunderbaren Jenseits zu tun haben, ist wieder nur eine Wunschvorstellung. Eigentlich hat das alles damit zu tun, dass wir uns unser ganzes Leben lang nach dem Guten, nach Harmonie, nach Geborgenheit (im Schoß der Mutter?) sehnen und dies alles, wenn schon nicht in dieser Welt, so doch in der anderen jenseitigen zu erreichen hoffen. Ich habe mich jedoch damit abgefunden, dass das Illusionen sind. Mir scheint es sinnvoll, dass man sich an das hält, was wirklich ist oder zumindest nach entsprechenden Prüfungen als wirklich betrachtet werden kann – und das ist wunderbar genug. Ich könnte mir vorstellen, wenn ich einmal in eine solche Situation der Todesnähe bei funktionstüchtigem Gehirn käme, ich würde von einem schwerelos-glücklichen Flug in den (wirklich!) unendlichen Weltraum träumen, denn das ist für mich das größte Wunder, das es gibt.
18.10.95
Heute wurde im Fernsehen (von den Professoren Gläser, Dürr und Glotz sowie Kultusminister Zehetmair) darüber diskutiert, ob Bayern die „Atom-Ei“-Anlage durch eine neue noch effektivere Neutronenquelle erweitern sollte. Rein wissenschaftlich gesehen sei das wünschenswert, jedoch werde es u. U. auf Kosten anderer Projekte gehen (Prioritäten!), außerdem sei es politisch bedenklich, weil dafür hoch angereichertes Uran (HEU) erforderlich sei, das wegen seiner militärischen Bedeutung weltweit abgeschafft werden sollte (Irak!). Die eigentliche Problematik liegt wohl darin, dass es anscheinend nicht möglich ist, die reine Wissenschaft von ihren technischen Anwendungen mit ihren negativen Folgen zu trennen. Anstatt dass die Wissenschaft sich darauf beschränkt zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, befriedigt sie immer wieder die Gier nach Macht auf Kosten der Menschen und der Umwelt – tragisch! Der Mensch: das missratene Wesen. Was könnte er mit Kunst und Wissenschaft erreichen, wenn er endlich seine niederen Leidenschaften überwände.
31.10.95
Gestern ging es im Fernsehen um die Techno-Fans (Techno: eine neue anscheinend computererzeugte Musik, nach der Jugendliche tanzen). Nach den wortreichen Schilderungen der jungen Leute versetzt Techno sie in einen tranceartigen Glückszustand, nach dem manche süchtig werden. Also scheint diese Musik wie eine Droge zu wirken (viele nehmen zur Steigerung des „Glücks“ außerdem Rauschgift). Mich macht es traurig, dass unsere Jugend durch unsere Gesellschaft von diesem „Glück“ nicht nur nicht abgehalten wird, sondern dass sich inzwischen auch hier eine blühende Geschäftemacherei entwickelt hat. Es ist ja ganz normal, dass der Mensch versucht, glücklich zu werden. Was ist überhaupt das Glück? Vielleicht kann man sagen: es ist das große Gefühl der Harmonie, der Einheit mit Allem, insbesondere mit allen Menschen. Die Techno-Fans (oder auch „Ravers“) sagen ja auch, dass sie im Tanz dieses Gefühl der Vereinigung mit den Mittanzenden erreichen (wobei die körperliche Komponente sehr stark sei). Jedoch auf welche Weise? Mir scheint, ein tranceartiger Zustand ist unserer Kultur nicht angemessen; er beschert eher Betäubung als Glück. Bekanntlich ist auch der Alkohol ein Mittel, sich mit den Mitmenschen am Tisch eins zu fühlen; doch auch das ist nicht das eigentliche Glück. Das Glück im eigentlichen Sinne besteht nach meiner Erfahrung im wohl religiös zu nennenden Erlebnis der Einheit mit dem ganzen Kosmos, wie es auch die Mystiker schildern. (Einige Male hatte ich – annähernd – so ein Erlebnis bei Allein-Ausritten.) Doch lässt sich dieses überwältigende Glücksgefühl nicht erzwingen . . .
29.11.95
In seiner Vorlesung „Galaxien und großräumige Struktur“ sagte Prof. Bender gestern, die Galaxienbildung sei sozusagen sehr ineffizient; aus viel Gas bildeten sich wenig Galaxien.
„Die Gasmasse kann bis zu 5mal größer sein als die Masse der Galaxien. Galaxien und Gas zusammen erreichen aber selten mehr als 20 % der Gesamtmasse.“
D. h., 80 % der Masse sind Dunkle Materie! Damit bestätigt sich auch hier, was ich am 26.11.94 schrieb, dass nämlich der Aufwand der Natur zur Bildung differenzierter Strukturen sehr groß ist, wenn auch wohl nicht allein durch den Zufall bedingt. Aber der Eindruck bleibt, dass diese Strukturen quantitativ nur von ganz untergeordneter Bedeutung sind. Man denke auch an die erdrückende Dominanz des einfachsten Elements Wasserstoff gegenüber den anderen Elementen, an die erdrückende Dominanz des leeren Raumes gegenüber dem mit Materie erfüllten Raum. Bender:
„Das Masse-Leuchtkraft-Verhältnis M/L der Galaxienhaufen ist (100…500)Mo/Lo (o Sonne). Um die kritische Dichte (flaches Universum) zu erreichen, müsste M/L » 2000Mo/Lo sein. Daraus folgt: Wenn Haufen repräsentativ sind, ist das Universum offen.“
In den riesigen Leerräumen zwischen den Galaxienhaufen (den sog. Voids) ist die Materiedichte wahrscheinlich noch viel kleiner als in den Galaxienhaufen (es sei denn, dort gäbe es viel Dunkle Materie), so dass die kritische Dichte bei weitem nicht erreicht wird und das Universum für immer expandieren und sich in Nichts auflösen wird.
05.12.95
Prof. Bender heute über das Kosmologische Prinzip:
„Auf großen Skalen ist das Universum homogen und isotrop. Das ist partiell äquivalent zum kopernikanischen Prinzip, dass unser Ort im Universum nicht ausgezeichnet ist (nur ,partiell’ deshalb, weil das kopernikanische Prinzip auch eine fraktale Struktur zulassen würde (im fraktalen Universum sehen alle Beobachter eine äquivalente Struktur, aber das Universum ist nicht homogen). Eine wichtige, häufig unausgesprochene Nebenbedingung des Kosmologischen Prinzips: Es gilt nur für den ,Fundamental-Beobachter’, d. h. einen Beobachter, der zum Rest des Universums in Ruhe ist. D. h., der ,Fundamental-Beobachter’ definiert in jedem Punkt das Kosmologische Ruhesystem. Aus der Isotropie des Universums für alle Fundamental-Beobachter folgt unmittelbar die Homogenität des Universums. Das Kosmologische Prinzip ist ohne Zweifel eine Idealisierung: Die Existenz von Haufen und Superhaufen von Galaxien sowie Strukturen (,great wall’), die Ausdehnungen von » 1 % des beobachtbaren Universums aufweisen (» 100 Mpc), zeigt, dass selbst auf großen Skalen Homogenität nur annähernd realisiert ist. Aber: Die Zählungen schwacher Galaxien in verschiedene Raumrichtungen und die Isotropie des Mikrowellenhintergrundes schließen eine fraktale Struktur des Universums aus. – Das perfekte Kosmologische Prinzip: Das Universum ist invariant unter räumlichen Verschiebungen und Rotationen sowie unter zeitlicher Translation. Das führt zur Steady State Cosmology (Hoyle, Bondi und Gold 1948), die heute als widerlegt angesehen werden kann.“
11.01.96
Soeben hörte ich im Radio eine Diskussion mit dem deutschen „Astronauten“ Ulf Merboldt über die bemannte Raumfahrt (heute ist übrigens wieder ein Spaceshuttle zu einer mehrtägigen Mission im erdnahen Raum gestartet). Eigentlich hat mich diese Diskussion traurig gemacht, denn die meiste Zeit wurde über die angeblich zu hohen Kosten der bemannten Raumfahrt gesprochen, denen natürlich Herr Merboldt widersprach – einmal mit dem Argument, dass viele Experimente im Raum besser von Wissenschaftlern gemacht werden können als mit computergesteuerten Automaten. Zum anderen sagten er und vor allem ein Hörer aber auch – und das ist für mich das Hauptargument für die bemannte Raumfahrt -, dass der Mensch als Raumfahrer eine Bewusstseinserweiterung erreichen könne, die durch Geld nicht aufzuwiegen sei. D. h., nicht der technologische und wirtschaftliche Aspekt ist der entscheidende, sondern der kulturelle! Doch leider ist zu befürchten, dass der Mensch seinem irdischen Jammertal so verhaftet ist, dass es ihm an der Kraft zur Ausdehnung seines Betätigungsfeldes in den Weltraum hinein als Raumfahrer zu fernen Planeten auf die Dauer gebricht.
19.01.96
Wiederum wird die Frage nach Zufall oder Notwendigkeit in dem Buch, das ich gerade lese („Gott und die Wissenschaft“ von Jean Guitton sowie Grichka und Igor Bogdanov) gestellt: Ist die Welt durch Zufall entstanden oder nach einem Plan? Der christliche Philosoph Guitton meint natürlich: geplant. Vielleicht lautet die Antwort jedoch: Sowohl als auch. Unser Universum ist – als eines von unendlich vielen Universen – zwar ungeplant bzw. zufällig mit seiner besonderen Naturgesetzlichkeit (aus dem Nichts) entstanden, doch sofort darauf hat es sich entsprechend seinen Naturgesetzen wie nach einem Plan entwickelt – bis hin zum Menschen. Andere ebenfalls zufällig entstandene Universen sind vielleicht entsprechend ihrer Naturgesetzlichkeit über die primitivsten Strukturen nicht hinausgekommen – das werden die meisten Universen gewesen sein. Wieder andere – seltenere – Universen haben vielleicht noch wesentlich komplexere Strukturen (einen noch viel höheren Informationsgehalt) entwickelt als unser Universum. Dieses ist vielleicht nur ein sehr durchschnittliches Universum, in dem es zwar Leben gibt, aber mit einer sehr geringen Dichte (so dass wahrscheinlich fast kein belebter Planet von den anderen belebten Planeten weiß) . . .
Die drei Seinsebenen
20.01.96
Ein Grundübel der westlichen Art zu denken ist wohl das Entweder-Oder- bzw. das dualistische Denken. Das östliche Sowohl-Als-Auch-Denken ist, scheint mir, der Wirklichkeit wesentlich angemessener. Also: sowohl Zufall als auch Notwendigkeit, sowohl Chaos als auch Ordnung gibt es in der Welt. Dass in unserem Universum eine gewisse – kreative – Ordnung herrscht, steht außer Frage. Doch hat – philosophisch betrachtet – unser Universum den Schönheitsfehler, dass in ihm das Kosmologische Prinzip in allgemeinster Form, dass die Welt im Großen räumlich und zeitlich überall gleich aussieht, nicht gilt – da es eine Entwicklungsgeschichte hat und nur das eingeschränkte Prinzip räumlicher Gleichförmigkeit gilt. Daher und da die Natur im Sinne eines konsequenten Pantheismus in jeder Hinsicht göttlich unendlich und kreativ sein muss (und von keinem planenden Schöpfer geschaffen wurde), liegt es nahe anzunehmen, dass unser Universum nur eines von unendlich vielen ist, die seit ewigen Zeiten durch Zufall entstehen und vergehen – wie die virtuellen Teilchen im quantentheoretischen Vakuum. In diesem unendlichen Prozess entstehen neben vielen toten Universen hin und wieder auch welche, denen zufällig eine solche naturgesetzliche Ordnung mitgegeben worden ist, dass in ihnen eine Entwicklung bis zum Leben möglich ist – und in so einem Universum leben wir (und glauben, es sei von einem planenden Schöpfer geschaffen worden). Gestützt wird diese Viele-Welten-Hypothese (Andrej Linde, Dennis Sciama u. a.) übrigens wieder von der Quantentheorie durch ihre Aussage, dass es unendlich viele Parallelwelten geben muss (derart, dass z. B. ein Elektron nicht mit Sicherheit, sondern nur mit einer gewissen angebbaren Wahrscheinlichkeit entsprechend seiner Wellenfunktion Y hier ist: erste Welt, aber auch mit einer anderen Wahrscheinlichkeit dort sein kann: zweite Welt oder dort: dritte Welt usw.).
Die alte metaphysische Frage: „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ würde nun wohl so beantwortet werden müssen, dass es das Etwas zusammen mit der Kausalität grundlos – zufällig gibt und damit die Frage in dieser Form (in der das Vorhandensein von Kausalität bereits vorausgesetzt wird) sinnlos ist.
22.01.96
Ist nicht die Vorstellung eines schöpferischen Gottes nur ein Anthropomorphismus, d.h. eine Vermenschlichung des Göttlichen? In Bezug auf das Ganze sind und bleiben wir wohl menschlich naiv! „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, steht in der Bibel – in Wirklichkeit ist es natürlich umgekehrt gewesen: der Mensch schuf sich seinen Gott nach seiner, des Menschen, Vorstellung – entsprechend seiner damaligen Bewusstseinslage. Und auch heute könnten wir eine Vorstellung von Gott entwickeln entsprechend unserem heutigen durch die Wissenschaft geprägten Bewusstsein. Ich versuche es.
29.01.96
Wir können uns nicht vorstellen, dass etwas zu schaffen nicht mit Mühe und Arbeit verbunden sein muss, sondern sozusagen ganz von selber gehen kann wie in der Natur, die beinahe „spielerisch“ – ohne irgendeine Ursache – sogar aus dem Nichts etwas kreieren und dieses Etwas dann (Selbstorganisation der Materie!) zu immer höher organisierten Strukturen entwickeln kann.
06.03.96
Nachdem ich die beiden Professoren Bender und Börner beim Halten ihrer Vorlesungen erlebt habe, frage ich mich, was veranlasst sie und auch mich, Wissenschaft, Physik zu treiben? Ist es nur Eitelkeit, ist es Freude an Gedankenakrobatik? Oder ist etwas Existentielles der Grund? Ich kann nur über mich sprechen. Für mich ist es die Sicht auf große Zusammenhänge, die in der Alltagswelt nicht zu sehen sind und die einen über diese doch oft bedrückende Welt hinwegtrösten – ähnlich, wie bei einem Bergsteiger, der das enge Tal hinter sich lässt, auf dem Gipfel den großen Rundblick hat (einer meiner häufigeren Träume) und sich dem Eigentlichen nahe fühlt. Ist das ein Fluchtverhalten? Nein, denn es folgt ja der Abstieg, die Rückkehr in die Alltagswelt: mit neuen Kräften, sie zu bestehen.
26.03.96
In dem Buch der englischen Physiker P. Davies und J. Gribbin „Auf dem Weg zur Weltformel“, das ich gerade lese, steht auch etwas über die „Viele-Welten-Hypothese“:
„. . . Unsere Sonne ist ein mittelgroßer, orangefarbener Stern, und die Bedingungen, die ein Leben auf der Erde ermöglichen, hängen vom Grundzustand der Sonne ab. Würden diese Kräfte sich jedoch in ihrer relativen Stärke nur ein wenig ändern, wären alle Sterne entweder blaue Riesen oder weiße Zwerge, je nach dem, wohin sich die Waagschale der Kräfte geneigt hätte. Sterne wie unsere Sonne, die offenbar besonders geeignet sind, günstige Bedingungen für das Entstehen von Leben zu schaffen, würden nicht existieren. Diese und viele ähnliche scheinbare ,Zufälle’ haben einige Wissenschaftler zu der Überzeugung kommen lassen, dass der Aufbau des Universums, das wir wahrnehmen, äußerst sensibel selbst gegenüber kleinsten Veränderungen der grundlegenden Parameter der Natur ist. Es ist, als wäre die kunstvolle Ordnung des Kosmos ein Ergebnis einer hochsensiblen Feinabstimmung. Vor allem die Existenz des Lebens und damit die intelligenter Beobachter ist besonders anfällig für die Präzisions-,Anpassung’ unserer physikalischen Bedingungen. Für manche Menschen ist die höchst zufällige Anordnung der physikalischen Welt, die allein die für die Existenz menschlicher Beobachter notwendigen, speziellen Bedingungen bietet, eine Bestätigung ihres Glaubens an einen Schöpfer. Andere verweisen dagegen auf die Theorie der Mehrfachuniversen als eine natürliche Erklärung für die kosmischen Zufälle. Wenn wirklich eine unendliche Vielfalt von Universen besteht, von denen jedes eine etwas andere kosmische Möglichkeit realisiert, muss jedes Universum, wie bemerkenswert oder unwahrscheinlich es sein mag, irgendwo in dieser Vielfalt vorkommen. Es ist dann keine Überraschung, dass das Universum . . ., das wir wahrnehmen, so bemerkenswert ist, denn nur in einem Kosmos, in dem die für das Leben notwendigen Bedingungen entstanden sind, wird es Beobachter geben, die über die Bedeutung all dessen nachdenken. Falls dieser Gedanke richtig ist, bedeutet dies, dass die überwältigende Mehrheit der übrigen Universen unwirtlich ist und nicht beobachtet wird. Nur in einem extrem kleinen Bereich möglicher Welten – wenige Seiten in dem unendlichen kosmischen Buch – treffen die vielen Zufallsereignisse zusammen, die für die Entstehung des Lebens erforderlich sind, und so ist nur ein winziger Bruchteil des gesamten Stapels von Universen wirklich erkennbar. Dieser Argumentationstyp, auch als anthropisches Prinzip bekannt, . . . kann nur einen zufälligen Beweis für die Existenz paralleler Universen liefern, aber viele Wissenschaftler halten sie für die bessere Hypothese gegenüber dem Glauben an eine übernatürliche Schöpfung . . .“
06.04.96
Vorgestern abend gab es eine Sendung mit dem Titel „Das Testament der Mutter Teresa“ im Fernsehen, ein Interview. Die berühmte 85jährige Frau äußerte ihre Ansichten mit großer Selbstsicherheit (oder auch Selbstzufriedenheit), aber da sie die christliche Nächstenliebe so versteht, dass sie den Ärmsten der Armen (in Kalkutta und anderswo) zu nicht viel mehr als einem menschenwürdigen Tod zu verhelfen berufen ist und außerdem bezüglich Geburtenkontrolle voll auf der Linie des derzeitigen Papstes ist, wird ihre Rolle, scheint mir, überschätzt. Denn das eigentliche Problem der Bevölkerungsexplosion lässt sich natürlich so nicht lösen, doch von Politik will sie nichts wissen. In den Entwicklungsländern erhält sich ja (nachdem die Säuglingssterblichkeit durch die aus dem Westen importierte Medizin zurückgegangen ist) das soziale Elend durch Übervermehrung selbst, indem, wie eine Mitarbeiterin von Mutter Teresa berichtete, der arbeitslose Mann seiner Frau (häufig „im Suff“) jedes Jahr ein Kind macht und diese vielen Kinder dann zu weiteren Arbeitslosen heranwachsen. Was es mit christlicher Nächstenliebe zu tun hat, außer der unpraktikablen „natürlichen“ keine Geburtenkontrolle zuzulassen, weil Gott mit jedem ungeborenen Menschenleben „möglicherweise etwas Großes vorhat“ (wie Mutter Teresa sagt), um es dann ins Elend zu gebären, ist mir unverständlich. Auf diese Weise vermehrt sich die Menschheit zu Tode. Doch damit wird die Bühne des Lebens freigemacht für Neues, vielleicht Vollkommeneres.
21.04.96
Der heutige Sonntagabend war besonders schön: Der völlig klare Himmel wurde im Westen vom zunehmenden Mond und der hell strahlenden Venus beherrscht, außerdem konnte ich mit dem Feldstecher dicht über den Bäumen des Horizonts noch den Merkur sehen. Ich war zum östlichen Waldrand (an der Grenze von M.) gegangen, von wo ich den prächtigen Himmel besonders gut sehen konnte. Nachdem ich meine Pferde fertiggemacht hatte, ging ich am Weiher entlang nach Hause, wobei ich mich noch einmal am Anblick von Mond und Venus, diesmal mit ihren Spiegelbildern, erfreute.
04.05.96
Mehr und mehr interessiert und fasziniert mich die Welt der Pflanzen. Ich war inzwischen viel öfter im Münchner Botanischen Garten als im Zoo; und verstärkt worden ist mein Interesse durch die wirklich eindrucksvollen Fernsehfilmserie „Das geheime Leben der Pflanzen“ von D. Attenborough. Die Pflanzen sind ja nicht nur von besonderem ästhetischem Reiz, sondern sie zeichnen sich gegenüber uns „Tieren“ ja dadurch aus, dass sie (mittels der Photosynthese) aus toter anorganischer organische Materie machen und außerdem den für unsere Atmung notwendigen Sauerstoff produzieren, d. h., Vernichtung der Pflanzen würde die Vernichtung des Lebens schlechthin bedeuten (weswegen mir der Vegetarismus als dumm erscheint). Hinzu kommt, dass die Pflanzen ohne Nervensystem und erst recht ohne Gehirn – wie in der Filmserie gezeigt wird – die erstaunlichsten Leistungen vollbringen. Z. B. gibt es eine Akazienart in Südamerika, die eine Symbiose mit Ameisen eingegangen ist derart, dass sie die Ameisen füttert und dafür von diesen gegen ihre Fressfeinde verteidigt wird. Manche Bäume kommunizieren auch miteinander, und zwar durch Duftstoffe. Man denke auch an die Insekten fressenden Pflanzen (die ich gestern z. T. im Botanischen Garten gesehen habe). Übrigens geschehen alle pflanzlichen Aktivitäten völlig lautlos. Man könnte sogar sagen, dass die Pflanzen mit uns Menschen zusammenarbeiten, indem sie uns ihre Schönheit zeigen und von uns dafür gepflanzt und gepflegt werden. So zeigen uns die Pflanzen besonders deutlich, dass der Geist nicht an Gehirne gebunden ist. Wer weiß, was die Evolution in den nächsten Millionen Jahren aus den Pflanzen noch macht!
30.06.96
Nachdem ich das Buch „Der Plan Gottes; die Rätsel unserer Existenz und die Wissenschaft“ des englischen Physikers Paul Daviesgelesen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man über den Urgrund der Welt nur eines sagen kann: er ist völlig irrational (und vielleicht wirklich nur mystischen Erfahrungen zugänglich). Rationalität, Logik, Mathematik, Naturgesetze, Kausalität sind erst mit der Entstehung unseres Universums realisiert worden. Deswegen ist es sinnlos, danach zu fragen, warum es existiert. In anderen Universen ist alles vielleicht ganz anders. Die, wie mir scheint, naheliegende Verbindung zwischen der Viele-Welten-Vorstellung und dem Pantheismus hat Davies nicht hergestellt.
14.07.96
Es gibt ja die drei Seinsebenen leblose Welt (beschrieben durch die Physik), Welt des Lebens (beschrieben durch die Biologie) und Welt des Geistes (gegeben durch Philosophie, Wissenschaft und Kunst). In dieser Reihenfolge nimmt die Komplexität der Gesetzmäßigkeiten zu; damit verbunden nimmt die Ordnung in der Materie zu, die Unordnung in ihr ab. Nun wäre es naheliegend zu denken, dass es unterhalb der ersten (rein physikalischen) Ebene eine weitere gibt, die sich durch völlige Ungeordnetheit auszeichnet, und das wäre das „Urchaos“, aus dem sich unser Universum (vielleicht zusammen mit weiteren Universen) gebildet hat. Dieses Urchaos wäre vielleicht in irgendeiner Weise unendlich, insbesondere unendlich kreativ; aus ihm könnte alles entstehen – also auch ein Universum wie das unsere, in dem es Kausalität und logische mathematisch formulierbare Naturgesetze gibt. Es ergäben sich also zwanglos vier Seinsebenen mit der ersten als dem Urgrund alles Seins. Diese erste Ebene entspräche dem christlichen Schöpfergott.
27.07.96
Über den heutigen Bombenanschlag in der Olympia-Stadt Atlanta bin ich erschüttert und bis zum Weinen traurig. Der eigentliche Kampf ist ja kein sportlicher, sondern es geht um den Wettlauf zwischen konstruktiver Vernunft und destruktiven (archaischen) Leidenschaften. Welche Seite gewinnt, ist noch offen, aber ich fürchte, die Destruktivität wird gewinnen – schrecklich!
20.09.96
Heute habe ich mir den neuen amerikanischen Monsterfilm „Independence Day“ von dem deutschen Regisseur Roland Emmerich angeschaut – wirklich der monströseste Film, den ich je gesehen habe. Es geht in ihm ja um den vernichtenden Angriff von Außerirdischen zunächst auf die Großstädte der Erde und die Vernichtung dieses überdimensionalen Feindes durch menschliche Intelligenz. Der aufregende Film vereinigt auf effektvolle (und oft recht oberflächliche) Weise Gewalt-, Katastrophen-, Liebes-, Trauer-, Grusel- u. a. Szenen, ist außerdem (vielleicht z. T. ungewollt) witzig, hat natürlich ein Happy-End und ist somit zumindest unterhaltsamer Kintopp. Doch ist er mehr? Was ist seine eigentliche Thematik? Zunächst, dass wir nicht allein im Weltall sind, sondern irgendwo weitere technische Zivilisationen existieren. Dann, dass eine dieser Zivilisationen durch fortgeschrittene Technik in der Lage ist, über Lichtjahrentfernungen hinweg zu uns zu kommen. Weiter, dass diese Zivilisation uns gegenüber so aggressiv ist, dass sie uns (ohne vorherige Verhandlungen) völlig vernichten will. Und schließlich, dass es menschlicher Gewitztheit und der vereinten (militärischen) Anstrengung der ganzen Menschheit gelingt, diese Gefahr zu bannen.
Zu diesen Punkten ist zu sagen, dass nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis die Existenz technischer Zivilisationen auf anderen Planeten unserer näheren galaktischen Umgebung zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber immerhin möglich ist, dass ihre Möglichkeit, bis zu uns vorzudringen, nach dem derzeitigen Stand unserer Physik und Technik praktisch gleich Null ist (außer es werden sehr lange zig- bis hunderttausende von Jahren dauernde Flugzeiten angenommen) und dass sie uns wohl genauso gut freundlich gesonnen sein könnten. Wenn der Film überhaupt irgendeine Bedeutung hat, dann wahrscheinlich die, dass er die Zuschauer auffordert, die globalen die Existenz der Menschheit bedrohenden Probleme (Bevölkerungsex-plosion, Umweltzerstörung u. a.) durch eine gemeinsame Anstrengung aller Menschen zu lösen. So empfand ich die zur Bekämpfung des die ganze Menschheit bedrohenden außerirdischen Feindes auffordernde Ansprache des amerikanischen Präsidenten im Film als dessen wichtigste Passage. Zu befürchten ist allerdings, dass es tatsächlich eines außerirdischen Feindes bedarf, um die Menschheit zu gemeinsamem Handeln zu bewegen, was erneut dafür spräche, dass der Mensch seine Steinzeitmentalität bis heute nicht überwunden hat. Vermutlich verdankt der Film seinem Appellieren an diese Mentalität seine große Publikumsresonanz – das wäre traurig.
In einem in der SZ vom 19. 9. 96 wiedergegeben Interview sagt einer der Hauptdarsteller des Films, Jeff Goldblum u. a.
„. . . ich weiß, was mir an diesem Film gefallen hat: Dass Leute aus verschiedensten Schichten, Religionen und Kulturen zusammenkommen können, um etwas Großes zu schaffen – genauso, wie das Team für den Film zusammengekommen ist. Wenn Sie mich fragen, sollten die Menschen das öfter hinkriegen – und nicht nur, um Aliens zu vernichten.“
Manchmal habe ich den seltsamen Gedanken, das Filme wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „E.T.“ oder jetzt dieser Film uns auf die tatsächliche Ankunft der Außerirdischen vorbereiten sollen. Das wäre das einschneidendste Ereignis der menschlichen Geschichte! Doch ist es wohl nur Wunschdenken, entstanden aus dem Gefühl, dass nur eine der unseren überlegene Intelligenz unsere Probleme lösen könnte.
30.09.96
In der Nacht vom 26. zum 27. September fand eine totale Mondfinsternis statt, die ich z. T. beobachtet habe. Kurz vor Beginn der totalen Verfinsterung um 4.19 Uhr MESZ ließ ich den Wecker klingeln, zog mich an und ging hinaus auf die große Wiese im westlichen Teil von M. Der Himmel war völlig klar, kein künstliches Licht störte den Anblick des prachtvollen bereits winterlichen Sternenhimmels (Orion und Sirius!) – es war überwältigend. Der Mond, neben dem der Saturn stand, war, wie ich mit dem Feldstecher noch besser sehen konnte, bis auf einen ganz schmalen Streifen am Westrand bereits im Kernschatten der Erde und entsprechend dunkelrot gefärbt. Nach etwa 10 Minuten ging ich wieder hinein und etwa um 4.54 Uhr, als die Mitte der Finsternis war, noch einmal hinaus. Nun war, da der Mond etwas nördlich vom Zentrum des Kernschattens durch diesen ging, der nördliche Rand der dunkelroten Mondscheibe etwas aufgehellt. Ich machte ein paar Fotos, auch vom Osthimmel mit Mars und Venus, und ging wieder hinein, um weiter zu schlafen – welch ein nächtliches Erlebnis!
10.11.96
Kürzlich wurde im Fernsehen wieder einmal über das Thema „Sterben, Tod“ gesprochen. Es wurde auch hier wieder deutlich, dass die Menschen offensichtlich ihren Tod nur verbunden mit Wunschvorstellungen sehen können, anstatt ihn im großen Zusammenhang mit dem Leben schlechthin, also auch mit dem kreatürlichen Leben zu sehen, wozu ja die Wissenschaft den Weg weist. Wir sollten uns darüber klar werden, dass wir als Menschen gerade bezüglich des Lebensendes nicht eine Sonderbehandlung bekommen, sondern wie jedes Lebewesen behandelt werden, das sterben muss, um der nächsten vielleicht ein wenig weiter entwickelten Generation Platz zu machen und damit zur Evolution des Lebens beizutragen. Als Individuen sind wir nicht ewig, sondern wir haben Teil an dem zwar nicht ewigen, aber weit über unser kurzes Dasein hinausgehenden Lebensprozess. Wir sind (wie Hoimar v. Ditfurth geschrieben hat) Glieder in einer ungeheuer langen Kette, die zusammengehalten wird durch etwas potenziell Unsterbliches in uns: die Keimbahn. Hingegen ist die übliche Vorstellung von Unsterblichkeit, nämlich der Glaube an ein ewiges Leben nach dem Tode im Jenseits (im Himmelsparadies oder in den Qualen der Hölle) eigentlich nicht mehr zeitgemäß und unsinnig.
02.12.96
Heute wurde im Fernsehen ein eindrucksvoller Film über Kannibalismus im Tierreich gezeigt: bei Insekten, Spinnen, Vögeln und Säugetieren, und zwar Mäusen, Löwen und unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen. Als die Biologen den Schimpansen-Kannibalismus zum ersten Mal sahen, sollen sie sehr betroffen gewesen sein. Doch warum eigentlich? Diese Affen sind sozusagen in jeder Hinsicht „auch nur Menschen“. Sie handeln nach einem biologischen Prinzip, das viel älter ist als unsere Sittlichkeit und das, da wir uns ja aus dem Tier zu Menschen entwickelt haben, als tierisches Erbe auch in uns noch wirksam ist. Es scheint das Prinzip zu sein, im Kampf ums Dasein den eigenen Genen eine möglichst große Fortpflanzungschance zu geben. Zuerst wurde gezeigt, wie mehrere Affenmännchen an der Grenze ihres Territoriums auf fast lautlosem Patrouillegang waren, ein fremdes Affenweibchen mit Jungem in ihrem Territorium entdeckten, ihr das Junge unter großem Gekreisch entrissen, es töteten und auffraßen und somit die fremden Gene an ihrer Fortpflanzung hinderten. – Auch hier zeigt sich letztlich wieder die Einheit der Natur.
06.01.97
Am heutigen Tag der Heiligen Drei Könige habe ich (teilweise) die katholische und evangelische Andacht im Radio gehört. Dabei wurde gesagt, diese „Könige“ seien Astrologen und Schriftgelehrte gewesen, die eben den „Stern von Bethlehem“ als Hinweis auf ein besonderes religiöses Ereignis aufgefasst hätten. D. h., sie glaubten an das, was auch heutige Astrologen (zumindest z. T.) glauben, nämlich an eine Verbindung besonderer irdischer Ereignisse mit himmlischen Erscheinungen, eine Vorstellung, die man aus heutiger Sicht natürlich als antiquiert und unsinnig bezeichnen muss. Der Zusammenhang zwischen Irdischem und Außerirdischem, der ja von der modernen Wissenschaft erforscht wird, ist ein ganz anderer (und alles andere als trivial). Ein weiterer Punkt ist die christliche Vorstellung von dem durch Christus in die Welt gebrachten „Heil“ vor 2000 Jahren – nach meiner Überzeugung ebenfalls eine unsinnige Vorstellung, denn an der „unheiligen“ Welt hat sich seit Christi Geburt nichts Wesentliches geändert. Es handelt sich hier eigentlich nur um infantiles Wunschdenken der „Kindlein Gottes“, das mir sehr zuwider ist.
08.01.97
Gestern konnte ich nicht umhin, nachdem ich im Radio einen Beitrag über einen „Mondkalender“ gehört hatte, den Bayerischen Rundfunk anzurufen, da mich dieser Beitrag, in dem geradezu für den Unsinn dieses Kalenders vom Moderator geworben wurde, maßlos ärgerte. Es fing damit an, dass eine Frau zu Wort kam, die von ihrer cleveren Großmutter erzählte, die einen Mondkalender habe, nach dem sie sich immer richte, wodurch ihr alles gelinge. Die Grundlage davon sei die Tatsache, dass der Mond ja das Wasser der Ozeane bewegen könne – also müsse er auch einen Einfluss auf das Wasser des menschlichen Körpers haben(!). Für viele alltägliche Verrichtungen gebe es günstige aus diesem Kalender entnehmbare Zeitpunkte, z. B. auch für das Wäschewaschen sowie für das Haareschneiden, das, wenn es entsprechend dem Mondkalender geschehe, zu weniger Haarausfall führe usw.: ein entsetzlicher Schwachsinn! Ich sagte dem Herrn im Rundfunk, ich protestiere als Naturwissenschaftler entschieden gegen die Verbreitung dieses Unsinns und die Werbung für diesen Kalender. Ich fände es sehr bedauerlich, dass auch der Bayerische Rundfunk sich zum Sprachrohr dieses wissenschaftlich durch nichts belegten Aberglaubens mache. „Es wird wissenschaftlich Bewiesenes (Bewegung des Weltmeeres durch den Mond) mit Unbewiesenem (Einfluss des Mondes auf das Wasser des menschlichen Körpers) naiv in einen Topf geworfen. Sie reden einer völlig sinnlosen Abhängigkeit und Unfreiheit das Wort, wie sie mit jedem Aberglauben (man denke auch an die Astrologie und die Ufologie) verbunden ist – eine total unkritische, unausgewogene Darstellung!“ Der Rundfunkmann pflichtete mir bei und versprach mir, der Redaktion meine Bedenken mitzuteilen.
07.04.97
Gestern gab es im Fernsehen eine Diskussion über die Jahrtausendwende, an der auch der bekannte Münchner Quantenphysiker Prof. Dr. Hans Peter Dürr teilnahm. Es wurde u. a. gesagt, dass wir uns von der Industrie- zur Informationsgesellschaft entwickeln und von Dürr der Unterschied zwischen der uns überflutenden Information, deren Menge wir gar nicht mehr verarbeiten können, und der an sich viel wichtigeren, da menschlicheren, Kommunikation herausgearbeitet, die allein den geistigen Fortschritt ermögliche. Ich pflichte ihm hier völlig bei. Weiter sprach Dürr davon, dass unsere Denkkategorien dem vorigen Jahrhundert verhaftet seien („mecha-nistisches und reduktionistisches Denken“ anstatt Denken in Systemen), während wir Tätigkeiten dieses Jahrhunderts ausüben (Computer!). Die geistigen Erkenntnisse dieses Jahrhunderts (Einheit der Natur, zu der auch wir gehören, Quantentheorie, u. a.) seien von den wenigsten Zeitgenossen begriffen oder gar verinnerlicht worden. Auch hier hat er meiner Meinung nach völlig recht. Insofern sind die Aussichten für das nächste Jahrhundert auch in geistiger Hinsicht nicht gut, müsste man meinen, doch Dürr sprach wohl zu Recht davon, dass im Menschen noch sehr viel Kreativität schlummere, die geweckt werden müsse und dann die Schwierigkeiten zu überwinden gestatte. Nichts sei schlimmer in Bezug auf die Zukunft als Pessimismus.
Heute gab es im Radio eine Diskussion über das sog. Mobbing, von dem ich ja auch in der Schule eine ganze Zeit betroffen war. Von der Psychologin wurde gesagt, dass diese Quälereien auch von dem Unvermögen des Gemobbten herrührten, sich an die betreffende Gruppe anzupassen, dem von zwei Damen (telefonisch) widersprochen wurde, die zu Recht darauf hinwiesen, dass man sich nicht einer Gruppe mit fragwürdigen Prinzipien anzupassen brauche. Eigenartigerweise wurden größere Zusammenhänge nicht gesehen: Das Mobbing ist doch fraglos eine spezielle Form des Minderheitenproblems. Jede Minderheit hat infolge mangelnder Toleranz der Mehrheit mit eben dieser Mehrheit Schwierigkeiten. Das beobachtet man schon im Tierreich, z. B. bei den Löwen, die, wie ich gestern im Fernsehen sah, verletzte Mitglieder ihres Rudels drangsalieren. Doch wird die Bedeutung solcher ethologischen Erkenntnisse für den Menschen nicht gesehen, da – trotz Darwin – so gut wie niemand die Entwicklung des Menschen aus dem Tier und das Tierische im Menschen wahrhaben will und damit eine wichtige Erkenntnisquelle nicht sieht (Dummheit durch Wunschdenken).
Nachdem ich abends meine Pferde fertiggemacht hatte, beobachtete ich zum wiederholten Male (auch mit meinem Teleskop hatte ich ihn zweimal betrachtet) den Kometen„Hale-Bopp“, der am wunderbar klaren mondlosen Himmel im Nordwesten zwischen Algol und Alamak stand und diesen Himmelsteil – als eigentlich unfassbar seltene und fremdartige Erscheinung – beherrschte. Kopf und Schweif waren sehr gut zu sehen (natürlich mit Feldstecher noch besser); der Schweif (von der Sonne weggerichtet) war leicht nach rechts gebogen. Es war wieder ein Erlebnis, das noch gesteigert wurde, als ich auf dem Heimweg den Kometen doppelt, nämlich nebst seinem Spiegelbild im Weiher, sehen konnte.
15.04.97
Die (umgeformten) Friedmann-Lemaître-Gleichungen
,
die sich aus den Einsteinschen Feldgleichungen Gik + Lgik = –kTik und der Robertson-Walker-Metrik ds2 = cdt2 – R2(t)dr2/(1 + kr2/4) ergeben, enthalten die Expansion des Universums (sowohl für die strahlungsdominierte Anfangsphase als auch für die materiedominierte Jetztphase), zudem die inflationäre Phase ganz am Anfang sowie die daraus resultierende Flachheit des Universums, wobei die von Einstein zur Erzielung eines statischen Universums eingeführte und dann nach der Entdeckung der Expansion verworfene kosmologische Konstante heute wieder von Bedeutung ist. Angesichts dieses ihres Gehalts können sie als eine Art Weltformeln betrachtet werden. Dass sie nicht nur unser Universum beschreiben, sondern viele weitere (wenn auch wohl nicht alle möglichen) Universen, scheint mir im Lichte der Viele-Welten-Theorie nicht weiter verwunderlich.
08.05.97
Heute hörte ich in „Bayern2Radio“ die Sendung „Natur und Zeit oder: Der Verlust der Einheit“, in der gesagt wurde, dass die Aufsplitterung der Naturforschung in unserem Jahrhundert in viele Fachdisziplinen zum Verlust des Bewusstseins von der Einheit der Natur geführt habe. Das stimmt wohl; doch gibt es starke Bemühungen, fachübergreifend diese Einheit wieder deutlich zu machen (C. F. v. Weizsäcker, F. Capra, H. Reeves, H. v. Ditfurth u. a.). Gut fand ich den Gedanken v. Weizsäckers, eine Gesellschaft wie die unsere könne auf die Dauer nicht stabil sein, in der die Mittel so viel höher bewertet würden als die Zwecke. Es wurde gesagt, die Frage nach dem Sinn werde in der modernen Wissenschaft nicht mehr gestellt, das sei ein Verlust. Wenn es um den Forschungsgegenstand geht, kann ich dem nicht zustimmen; die Natur ist nicht teleologisch auf ein Ziel hin ausgerichtet; würde die Evolution noch einmal beginnen, so wäre das Ergebnis ein völlig anderes. Geht es dagegen um den Sinn des Forschens, so mag der für viele Wissenschaftler in der Erzielung materiellen Nutzens liegen, manche wollen vielleicht lediglich ihre Neugier befriedigen, und nur wenigen geht es auch um philosophische und religiöse Aspekte. – Was auch in dieser Sendung wieder nicht gesagt wurde, war vor allem, dass wir Menschen in den für die Evolution erforderlichen riesigen Zeiträumen nur eine völlig unbedeutende Rolle spielen. Wir halten uns für so ungeheuer wichtig; insbesondere meinen wir, wir könnten im Zuge der Umweltzerstörung die Erde dauerhaft schädigen. In Wirklichkeit sind wir nur eine winzige Zacke in der Kurve der Evolution, die in der geologisch kurzen Zeit von 1 Million Jahren längst über uns hinweggegangen sein wird.
Schreibe einen Kommentar