Schulaufsätze eines Linkshänders

Die ersten 25 Schulaufsätze von Eduard Eisenpflicht

1. Ein unvergeßlicher Wettkampf

Wer so unsportlich ist wie ich, schaut gern einmal in die Arena der Sporthelden und -heldinnen, um sich an Leistungen zu berauschen, die ihm selbst mehr oder weniger versagt sind. Als ich laufen lernte, war das Essen schlecht. Mit Mühe ergatterte meine Mutter eine Extraration Milch. Ich kam aus dem Krankenhaus, war übers Laufen schon hinaus, die schwachen Füße knickten und sanken ein, der Kalkmangel tat das seinige, und so bin ich ein einlagenbehafteter Attestinhaber geworden, ein vielleicht nur Verzärtelter, aber de facto von all den schönen Schweißdingen Ausgeschlossener. Einmal aber, das ist mir klar, werde ich aus meiner Häßlichkeit und Unsportlichkeit glänzend heraustreten und die versammelte Welt durch einen enormen Hochsprung verdutzen. Meine Beine sind lang, ein bißchen Training und eine verblüffende Technik werden genügen, um es den Sportassen zu zeigen: Hohe Sprünge können auch aus dem Kopf kommen! Vorläufig ist das nur Träumerei, und ich kehre zur Wirklichkeit zurück, in der vor kurzem die olympischen Spiele stattfanden, und zwar in Helsinki, der Hauptstadt des tapferen Finnenvolkes, das aus den Weiten Asiens herbeigelaufen kam und im Lande der Seen und Stechmücken heimisch geworden ist. Dort nun trat zum Fünftausendmeterlauf ein Tscheche an, der seinen Namen der olympischen Ehrentafel auf immer eingemeißelt hat: Emil Zatopek. Dieser gewaltige Läufer hat nicht nur meine Bewunderung, sondern förmlich meine Liebe erobert. Er läuft so, wie ich laufen würde, wenn ich den Willen fände, meinem schwächlichen Körper diese Leistung abzutrotzen. Er verzieht scheinbar vor Schmerzen das Gesicht zu einer furchtbaren Grimasse, die Haut am Hals strafft sich zu häßlichen Falten wie bei einer alten Dame, die deshalb ein Samtband trägt, sein Atem soll, so sagen die Reporter, stoßweise gehen – er keucht, hechelt, röchelt – und läuft schneller als alle anderen – über die langen Strecken, versteht sich, nicht über die kurzen, auf denen die amerikanischen Farbigen dominieren mit ihrer explosiven Kraft. Die Lokomotive hat man Zatopek wegen seines ungewöhnlichen Laufstils getauft, der eigentlich das genaue Gegenteil eines Stils ist, nämlich nützliche und erholsame Stillosigkeit. Warum, so fragt dieser Philosoph von einem Läufer sich, soll ich zur Anstrengung des Laufens noch die der Beherrschung meines Mienenspiels hinzufügen? Bekomme ich die Medaille für mein stoisches Gesicht oder für mein Tempo? So hat er in wunderbarer Zweckmäßigkeit die Schönheit auf dem Altar der Leistung hingeopfert, wo es doch letztlich weder um Schönheit noch um Leistung geht. Was da läuft, sich abschindet und ächzt, ist keines von beidem, es ist die unerfreuliche, aber zugleich freiwillige und starke, zu Tränen rührende Wahrheit. Nur drei Läufer konnten Zatopek, wie man sagt, über fünftausend Meter gefährlich werden: der Deutsche Schade, der Engländer Chataway und ein zierlicher, dunkler Mann namens Mimoun, von den Zeitungen als Kolonialfranzose apostrophiert, also ein Bruder des Oraners Camus, ein nerviges kleines Kerlchen, dem ich den goldenen Lorbeer gut gegönnt hätte – aber gegen die Wahrheit kam er nicht auf. Wie bei Langstreckenläufen üblich, kristallisierte sich schon früh eine sog. Führungsgruppe heraus, der die vier genannten Läufer bei jeweils wechselnder Führung angehörten. Zur Taktik des Langstreckenlaufes, den zu sehen für jeden Fan ein hohes intellektuelles Vergnügen ist, gehört es, den Gegner durch raffiniert ausgeklügelte Zwischenspurts zu zermürben und in der letzten Runde noch die berühmten und oftmals wie ein herrlicher Lichtschein aufgehenden Energiereserven, auch zweite Luft genannt, zu besitzen. In diesem Lauf nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Chataway führte souverän – o diese Sportjournalistenworte! – und lief einem unangefochtenen Sieg entgegen – da stürzte er über die Aschenbahneinfassung, lag jämmerlich am Boden, wo er sich vor Schmerz krümmte, während die anderen drei, das noch immer nicht ganz nahe Ziel in Blick und Kopf, gleichmütig an ihm vorbeizogen. Es war etwas Schneidendes, was in diesem Augenblick vor sich ging – das Unglück des einen, der Gleichmut der anderen… Was mag Zatopek gedacht, empfunden haben? Verzog sich nicht sein Gesicht zu einem noch tieferen, gramvolleren Entsetzen? Hätte er, der Zarte, Freundliche, dem gestürzten Laufkameraden nicht am liebsten wieder auf die Beine geholfen, sah sich aber dem unerbittlichen Gesetz des Wettkampfs: siegen oder untergehen – verpflichtet und nahm es schnaufend und ächzend weiter auf sich? Schades Brille beschlug, selbst der ausdruckslos spurtende Mimoun zog schmerzlich die Brauen empor – ich glaube, in diesem Augenblick haben die drei Giganten der Langstrecke Liebe gefühlt, Liebe zu einander, zum Sport, zum gefallenen Kameraden, zum Publikum, das die Hand vor den Mund schlug.

2 Was ich von meinen Vorfahren weiß

Indiskrete Frage. Könnte man sagen! Aber ich habe nichts zu verbergen, denn ich habe weder Kriminelle, noch Homosexuelle, noch Erbkranke unter meinen Vorfahren. Man verzeihe mir die Taktlosigkeit dieser Zusammenstellung. Aber es ist noch nicht lange her, da wurde Ahnenforschung vor allem unter negativem Aspekt betrieben. Wehe, wenn da ein Cohn oder Levy unter den Altvorderen auftauchte, dann war es aus mit der Beamtenkarriere, allenfalls brachte man es noch zum Emigranten. Aber ich schweife ab. Thema! schreibt der Herr Pädagoge an den hierfür zu lassenden Rand. Ränder sollte man abschaffen. Diese Tummelplätze eines ungebetenen Rotstifts! Lehrer bin ich stolz nicht unter meinen Vorfahren aufweisen zu können. Ebenso keine Pastoren. Halt! Da ist eine Einschränkung am Platze. Es gibt eine Zuckerzange in unserer Familie aus der Zeit, wo der Zucker noch weggeschlossen wurde, weil er so wertvoll war. Diese Zuckerzange ist mit zwei pausbackigen Engeln geschmückt, die um den Hals Wagenradkragen tragen, wie man sie an den Pastoren einer gewissen freien Hansestadt kennt. Es geht das Gerücht, es handle sich um ein Erbstück aus geistlichem Haushalt. Das will ich gern glauben. Wie aber erkläre ich mir die Buchstaben G.H., die in die Zange eingraviert sind? Es gibt keinen G.H. unter meinen mütterlichen Vorfahren, und nur diese kommen in Frage. Deshalb würde ich mich nicht wundern, wenn mein Banknachbar, der aus der wohlbeleumundeten Pastorenfamilie H. stammt, in seinem Aufsatz einen Vorfahr erwähnte, dem auf rätselhafte Weise eine besonders schöne Zuckerzange mit zwei pausbackigen Engeln abhanden kam. Wer wäre auch darauf gekommen, meine kreuzbrave Ururgroßmutter, die in seinem Haushalt Hilfsmädchen war, zu verdächtigen? Vielleicht aber wagte man es auch nicht, weil sie den Herrn Kanzelredner mit so lala Geschichten in der Hand hatte. Falls ich hier eine ehrbare Vorfahrin beleidigt haben sollte, bitte ich sie herzlich, sich beim Deutschlehrer ihres Ururenkels zu beschweren, dem kein besseres Aufsatzthema eingefallen ist. Was ich gewiß weiß, ist, daß diese Ahnin dann einen Schiffskapitän geehelicht hat, wozu ich ihr nachträglich noch herzlich gratuliere. Auf die Weise blieb unserer Familie die Verflechtung mit der Theologie erspart. Ein redlicher Seebär war’s, der auf „Kleiner Fahrt“, d.h. auf der Nordsee nach England hinüberfuhr, was mit der großen, der Atlantikfahrt, nicht zu vergleichen, aber letztlich, ausgenommen Kap Hoorn, nicht weniger gefahrvoll war. Besonders die Doggerbank soll es in sich gehabt haben, wenn ich der fernher raunenden Familienmär glauben darf. Da kam er einmal in Seenot und band Frau und Tochter, die er mitgenommen hatte, an den Mast, damit Sturm und See sie nicht über Bord spülten. Er hatte Basaltsteine geladen für den Neubau des Bahnhofs von York, die Ladung verrutschte, und das Schiff drohte zu kentern. Da konnten Mutter und Tochter, während sie kräftig Salzwasser schluckten, mitansehen, wie ihr Mann und Erzeuger, im Landleben ein jähzorniger Trinker und Tunichtgut, mit der Kraft eines rasenden Zwergs die Steine Stück um Stück in die kochende See warf. Ist das nicht eine hübsche Geschichte? Sie allein ist den ganzen Aufsatz wert, und mit besseren kann ich nicht aufwarten. Einen anderen Seemann habe ich unter meinen Vorfahren, der war Maschinist. Das Dampfschiffzeitalter war angebrochen und mit ihm eine Ära, in der man als Maschinist nichts anderes als einen schnalzenden, stampfenden, schmatzenden und zischenden Maschinenraum zu sehen bekam, aus dem man den Kopf bisweilen an die Luft streckte, die dann abwechselnd eine äquatoriale oder polare war. Einmal bin ich auf einem alten Dampfschiff gefahren und habe gesehen, wie die Ölgefäße vom Gestänge in Riesenkreisen durch die Luft gewirbelt wurden. Das leise, fettige Gleiten des vielen Stahls machte mich ganz krank, ich konnte die Augen nicht abwenden. Ich bin sicher, daß dieser Vorfahr, als er sich entschied, an Land zu bleiben, den Beruf des Feuerwehrmanns wählte, weil er sich nach der Hölle seines Maschinenraums sehnte. Wenn es brannte, hechteten er und seine Leute an die dicke Messingstange und rutschen durch die Stockwerke hinab in die Garagen, wo feurige Pferde sich an Hafer mästeten, um für den Einsatz stark und mutig zu sein. Vierspännig, mit Ledereimern und Pumpe ausgerüstet, raste der Wagen zur Brandstelle, die mangels elektrischen Lichts der hellste Fleck der Stadt war, wenigtens nachts, und ich stelle mir Brände immer nachts vor, weil sie dann effektvoller sind. Behaart wie ein Affe soll dieser Großvater meiner Mutter gewesen sein, was mich darauf bringt, den Zoo aufzusuchen, der von ferne mit dem gestellten Thema zu tun hat. Mit Erschrecken sehe ich die Finger des Schimpansen ganz genauso gegliedert und gefältelt wie meine Finger, und die Melancholie, mit der er eine zerfaserte Bananenschale mützenartig auf den Kopf stülpt, erscheint mir nur allzu begreiflich. „Alter Freund und Kupferstecher!“ möchte ich ihn anreden, aber ich lasse es und kehre zum ersten Familienmitglied zurück, das sich in die Luft erhob. Der Sage nach war es einer meiner Großväter, welcher, werde ich aus Diskretionsgründen verschweigen dürfen. Er erfreute sich gelinder Wohlhabenheit auf Grund eines Berufes, der zu Unrecht in geringem Ansehen steht. Was gibt es Schöneres, als Gäste zu haben, ihnen die Wünsche von der Nase abzulesen und sie mit Promptheit und Gewandtheit zu erfüllen? Wer jetzt auf Kellner tippt, liegt nicht ganz falsch, aber welcher Kellner wird schon reich? Dieser besagte Großvater war Hotelier. Das beste Alpaka-Silber aus seinem Hotel ziert heute noch unseren Tisch, wodurch wir bisweilen Verdacht erregen, fleißige Andenkensammler zu sein. Dieser Großvater, der übrigens wie der elegante Maler schöner Frauen Egon Schiele an der Spanischen Grippe 1919 starb, bestieg eines Tages die Gondel eines Ballons, Anlaß für ein Gedicht mit dem Kehrreim „Hoch in den Lüften, rassassa.“ Dieser Kehrreim ist ein bißchen naiv, was sich unschwer aus der Tatsache erklärt, daß das Gedicht von der Kalten Mamsell des Hotels verfaßt worden war, die den kühnen Ballonfahrer, falls er von seinem Flug inzwischen zurückgekehrt ist, geheiratet haben dürfte. Von dieser Sorte Anekdötchen könnte ich noch mehr aus mir herauslassen und -leiern. Ich will aber auf den Schandfleck meines Stammbaums zu sprechen kommen. Er wurde enthüllt, als mein Vater zum Zweck des Nachweises reinen Ariertums ein bißchen Ahnenforschung betrieb, und betrifft eine gewisse junge Dame, die sich nicht des Vorzugs erfreute, einen Vater zu besitzen, zumindest keinen amtlichen. Sie wurde 1813 im Schwerter Wald geboren, neun Monate nach dem Durchzug napoleonischer Truppen. Welche Frage also, daß ich von einem der tapferen Soldaten des kleinen Korsen abstamme – wenn nicht von Murat, seinem tollkühnen und prachtliebenden General – oder gar von ihm selbst. Mein Vater hat ganz die pyknische, etwas zur Dicklichkeit und Weißhäutigkeit neigende Statur Bonapartes. Aber mit diesen Betrachtungen, das ist mir klar, stehe ich mit einem Bein in der Psychiatrie.

3 Weihnachten eines Fernfahrers

Fernfahrer sind komische Leute. Tag und Nacht verbringen sie auf der Straße, mal fahrend, mal schlafend in der Koje hinterm Fahrersitz. Ich weiß das, weil ich mal mit einem Fernfahrer nach Köln gefahren bin. Er fuhr allein, und ich konnte mich hinten schlafen legen. Habe ich geschlafen? Es war mehr eine Betäubung, in die das Rütteln mich versetzte. Einmal hielt er nachts plötzlich an. Wir stiegen aus und sahen einen schweren Lastzug am Brückenpfeiler kleben. In der Fahrerkabine regte sich nichts mehr. „Eingeschlafen!“ Das war alles, was mein Fahrer sagte, bevor er weiterfuhr und an der nächsten Raststelle die Polizei alarmierte. Habe ich „mein Fahrer“ gesagt? Tatsache! Ich spiele hier wohl das Herrensöhnchen. Bei uns in der Klasse gibt es einen, den der Chauffeur des Vaters gelegentlich in die Schule bringt. Damit er nicht ausgespottet wird, läßt er sich schon am Schuhladen absetzen. Aber Schluß jetzt mit dem einleitenden Gefasel. Hier ist gefragt, wie ich mir das Weihnachtsfest in einer Fernfahrerfamilie vorstellen kann. Gemütlich! Der Alte ist ausnahmsweise zu Hause, säuft und spielt Karten mit seiner Frau, die weiß, was ihm Spaß macht. Was gibt’s darüber mehr zu erzählen? Damit ein Aufsatz draus wird, muß ich mir noch etwas einfallen lassen. Zu dem Zweck horche ich das Thema noch einmal ab. Da steht nämlich nichts von Fernfahrerfamilie, sondern von Fernfahrer. Klarer Fall, der Lehrer möchte, daß wir uns vorstellen, wie der Fernfahrer Weihnachten n i c h t zu Hause ist. Gut, er ist also unterwegs. Aber weshalb? Weil er eine lebenswichtige Fracht hat, z.B. Blutkonserven. Das Blut wird sauer, wenn es alt wird, deshalb muß es unverzüglich an Ort und Stelle gebracht werden, und das heißt, wohin? In ein Unfallkrankenhaus natürlich, wo ein gutes Dutzend weihnachtlicher Unfallopfer am Verbluten ist und darauf wartet, daß das Christkind ihnen ein bißchen Blut bringt. In den Treppenhäusern und Fluren säuselt und flötet der Schwesternchor ein Weihnachtslied nach dem andern, während die Spannung steigt: Wird der Blutlaster rechtzeitig eintreffen? Das Leben der Patienten hängt am seidenen Faden, und man kann nicht verlangen, daß die Schwestern mit Singen aufhören und Blut spenden. Sie zerreißen sich schon den ganzen Tag für die Kranken und wollen jetzt einmal in Seelenruhe singen dürfen. Dumpfes Donnern auf der Krankenhausauffahrt: die Motorbremse unseres Weihnachtsmanns. Fast fährt er in die Glastüre, so wuchtig fährt er vor, steigt aus und wedelt mit dem Lieferschein. Sofort kommt ein Trupp Pfleger herbeigestürzt, reißt die Blutkonserven aus dem Anhänger und bringt sie zur Anwendung. Neues Leben durchpulst die Adern manches schon reichlich bleichen Opfers, die anwesenden Angehörigen atmen auf, und die abwesenden bekommen ein rätselhaftes gutes Gefühl. Die Schwestern stimmen „Geh aus, mein Herz und suche Freud!“ an, der Fernfahrer aber steht immer noch bescheiden und unbedankt am Eingang, wo niemand sich bereitfindet, den Lieferschein abzuzeichnen, da alle Unterschriftsberechtigten bei der Bescherung ihrer Lieben weilen. Ein Patient freilich ist da, dem offenbar nicht zu helfen ist. Er hat die ausgesprochen seltene Blutgruppe Rhesus-Gorilla Alpha et Omega, die außer ihm höchstens noch drei Leute auf der Welt haben. Verzweifelt wird in der Gegend herumtelefoniert, ein Assistenzarzt läuft „Rhesus-Gorilla Alpha et Omega!“ rufend am Fernfahrer vorbei, der ihm kraftvoll den Weg vertritt und fragt: „Warum, o weißbekittelter Jüngling, sprichst du im Tone der Verzweiflung meine Blutgruppe aus?“ Der Assistenzarzt ist vor Glück und Überraschung völlig unsinnig. Er küßt unseren Fernfahrer ab und hätte ihn ins Krankenzimmer des Rettungslosen und nun Geretteten getragen, wäre ihm der bierbauch- und muskelstrotzende Ritter der Landstraße nicht etwas zu schwer gewesen. Er wurde angezapft, und obgleich der Blutdurst des armen Opfers kaum zu stillen war, ging dem Dicken der Saft nicht aus. Hinterher wurden ihm zur Stärkung ein Margarinebrot mit Kunsthonig und eine Tasse Ersatzkaffee verabreicht, außerdem faßte sich der Assistenzarzt ein Herz und unterschrieb den Lieferschein. Der Oberarzt persönlich rief ihm ein herzhaftes „Weiter so und frohes Fest!“ zu, er durfte gehen, und wenn ich recht unterrichtet bin, hat er es noch geschafft, zur Bescherung seiner Kinder zu kommen, die ihn mit dem Entsetzensruf empfingen: „Papa, wie siehst du käsig aus!?“ Denn diese Geschichte hatte ihn offenbar nicht weniger mitgenommen als mich, der ich sie schleunigst und bevor die nächste Katastrophe hereinbricht, beende, nicht ohne dem Herrn Studienrat für das angenehme Thema herzlich zu danken.

4 Brauchen wir die Atombombe?

Die Atombombe ist ein sog. Phänomen, d.h. man kann über sie eine Meinung haben, ohne zu wissen, wie sie funktioniert. Mein Bruder hat mir was von zwei „kritischen“ Massen erzählt, die „zusammengeschossen“ werden, woraufhin eine „Kettenreaktion“ in Gang kommt, die dann die bekannten, zum Teil scheußlichen Wirkungen hat. All diese Begriffe, die ich genannt habe, sagen mir wenig. Ich glaube, wenn ich das Funktionieren einer Atombombe richtig begriffe, ich würde erstarren vor Ehrfurcht. Wie hat Menschengeist etwas derartig Geniales schaffen können? War es nicht ein Mann namens Hahn, der zum ersten Mal eine Kernspaltung durchgeführt, ausgelöst oder was immer hat? Ich glaube, die meisten, die gegen die Atombombe sind, wissen gar nicht, was für ein Wunder an Wissenschaft, an Präzision und Ausgeklügeltheit sie einfach so verdammen. Es ist wahr: Dieses Wunder kann nicht vorgeführt werden, ohne daß Pflanzen, Tiere und Menschen in Gefahr geraten oder gar umkommen. Aber in der Wüste oder auf dem Meer, geschützt durch einige Meter Beton und Stahl, möchte ich eine Atombombe schrecklich gern einmal explodieren sehen. Ob Explodieren der richtige Ausdruck ist? Sollte man hier nicht vielleicht von Zerfallen oder Zersetzen reden? Nach Wochenschauaufnahmen zu schließen, handelt es sich um ein majestätisches Schauspiel. Besonders bemerkenswert ist die edle Langsamkeit, mit der der Atompilz empor-, durch die Wolken hindurch und ins All hinauswächst wie ein gigantischer Geist aus der Flasche. Wahrscheinlich wird man eine schwarze Brille tragen müssen, um seinen Anblick auszuhalten und nicht zu verbrennen wie weiland Semele, eine schöne Frau des alten Griechenland, die ihren Liebhaber Zeus leibhaftig sehen wollte. Ja, ich wage frech die Behauptung, daß die Menschheit dem alten Traum, ein Bild Gottes zu besitzen, mit dem Atompilz einen Schritt näher gekommen ist. Ähnlich furchtbar dürfte er sich ausnehmen, natürlich noch wiederum ganz anders. Wenn man mich nun fragt: Brauchen wir die Atombombe? so antworte ich schon deshalb bedenkenlos mit Ja! weil ich davon ausgehe, daß der Mensch alles braucht, was ihm zu schaffen möglich ist. Sollen wir auf das Bild und Kunstwerk des herrlich sich entfaltenden Pilzes verzichten, nur weil in Hiroshima und Nagasaki schmählicher Mißbrauch damit getrieben wurde? Ist das nützliche Dynamit abgeschafft worden, nur weil es auch gegen Menschen eingesetzt werden kann? Alfred Nobel, der das Dynamit bekanntlich erfunden hat, stiftete, um den Gefahren seines Vorhandenseins entgegenzuwirken, den Friedensnobelpreis, der freilich, das muß zugegeben werden, wahrscheinlich noch keinen Krieg verhindern konnte, während das Dynamit nicht untätig geblieben ist. Eine andere Frage: Warum schaffen wir die Autos nicht ab? Sie kosten uns einen jährlichen Blutzoll von über zehntausend Toten und fast hunderttausend Verletzten und Verstümmelten allein in der Bundesrepublik, ein alljährliches Cannae, das von den Zeitungen nur den Zahlen nach erörtert wird. Glücklich, wer tot ist, wenn die Blechlawine über ihm zusammenschlägt. Neulich besuchte ich Berta im Krankenhaus. Sie ist fröhlich und guter Dinge, obgleich ein in der Parktasche zurücksetzendes Auto ihr gerade beide Füße abgequetscht hat. Eine Kleinigkeit! Aber keiner redet davon, keiner redet auch von den Wunderwerken der Chirurgie. Einer der beiden Füße hing noch an einem Faden. Das genügte dem Oberschnipsler und Chefannäher unseres Krankenhauses, um ihn in stundenlanger Arbeit wieder dranzubasteln. Der Schrecken ist längst ein Bestandteil unseres Alltags, wir brauchen die Atombombe nicht, um das Fürchten zu lernen. Könnte nicht ein deftiger Atomschlag vielmehr die Erlösung von all den anderen Schrecken darstellen? Wäre nicht mancher Rentner in seiner einsamen Dachkammer entzückt, plötzlich und in Sekundenschnelle zerstrahlt zu werden, statt elend an Krebs dahinzusiechen? Ich weiß nicht, ob man es sich mit der Atombombe so leicht machen sollte, wie ihre Gegner es tun. Ich müßte jetzt auf die Sicherheits- und Kriegsfrage eingehen, aber davon verstehe ich noch zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu können. Ich war drei Jahre alt, als ringsum die Städte zerbombt wurden und verbrannten; der Nachthimmel war rot, und stündlich dachten wir: Jetzt sind wir dran! War das nicht schlimm? Ist Krieg verhindert, wenn Atombomben fehlen? Und entwickeln nicht auch die konventionellen Sprengmittel sich in immer scheußlichere Dimensionen? Wenn aber die gewagte Rechnung aufgeht und allseitige Angst vor der Atombombe uns den Krieg erspart, dann hat sie ihre Göttlichkeit auf überraschende Art und Weise unter Beweis gestellt und die Wahrheit des Römerwortes bestätigt: „Si vis pacem, para bellum.“

5 Soll man Schwerkranken die Wahrheit sagen?

Hier sind zwei Fälle zu unterscheiden: Ich bin der Schwerkranke, und der Schwerkranke ist jemand anderes. Wäre ich schwerkrank, ich glaube, ich würde es wissen wollen. Vielleicht gibt es Dinge, die ich, wenn ich weiß, daß ich bald sterben muß, erledigt haben möchte – z.B. Vernichtung meiner Taggebücher u.ä. Verschleierte man mir meine wirkliche Lage, so würde man mich unmerkbar daran hindern, aus ihr die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Lügen heißt immer behindern, darin liegt überhaupt das Infame der Lüge. Ein Geschäftsmann, der seiner Frau den Verfall seiner Finanzen vorenthält, läßt sie in einer Scheinwelt umhertappen, entmündigt sie teilweise und verdient dafür den Strang. Das ist mein Ernst. Die Lüge ist eine so furchtbare Erfindung des Menschengeschlechts, mit ihm aber so untrennbar verknüpft, daß man sein Ende wünschen möchte, um der Lüge den Garaus zu machen. Kein Tier kann lügen, es kann höchstens täuschen, z.B. ein Tiger kann mit seinem gestreiften Fell im Bambuswald das ängstliche Reh täuschen, das sofort Reißaus nehmen würde, wenn es wüßte, daß das atmende Stückchen Bambuswald da hinten in Wirklichkeit ein Tiger ist. Die Lüge kommt aus dem Mund, sie ist ein Werk des Verstandes, und sie ist allgegenwärtig. Warum sollte sie den Tod respektieren und nicht noch den Sterbenden in ihre Watten und Gazeschleier hüllen? Man vergegenwärtige sich einen Mann, der das Steuer seines Lebens immer mit der nötigen Sicherheit in der Hand hatte, der eine Selbstachtung besaß, die auf seiner Selbstverantwortung beruhte, und man stelle sich vor, diesen Mann liebte man aus irgendeinem Grund, man liebte diese seine störrische und eigenbrötlerische, aber doch letztlich liebenswürdige Selbstverantwortlichkeit. Mit welchen Gefühlen muß man es beobachten, wie seine Verwandten, kaum daß er auf dem Sterbelager liegt, die Gelegenheit nutzen, ihm, dem Selbständigen und Freien, einen blauen Dunst vorzumachen, der sein Bewußtsein in unmerkbaren Nebel hüllt und das bittere, dunkle Loch Tod, in das er hineinfährt, mit einer gleichgültigen Kulisse verstellt? Seine Augen, in deren Hintergrund die große und ernste Frage nach der Wahrheit steht, schweifen unsicher von einem zum anderen, man merkt, wie er auf die Untertöne der Auskünfte lauscht, die er erhält, und sieht den leisen, ironischen Trotz des Belogenen in diesen Augen keimen, der aus Takt nicht mehr fragt, weil es ihm wehtut, seine Liebsten bei ihrer Unehrlichkeit zu ertappen. Als Beobachter befindet man sich ihm gegenüber in derselben Position wie gegenüber dem Helden auf der Bühne, der auch meist weniger zu wissen scheint als der Zuschauer, weshalb wir ihn unendlich und bis zur Erschütterung bemitleiden. So einen Mann von den Angehörigen aufs kindlich Hoffnungsvolle und Verpäppelte reduziert zu sehen, das ist schrecklich. Aber nach einiger Zeit entdeckt der Beobachter noch mehr. Er entdeckt, daß der scheinbar Entmündigte alles weiß. Seine Krankheit selbst hat sich ihm in den langen Leidensnächsten offenbart, hat zu ihm gesprochen und gesagt: „Ich bin Krebs. Mach dir keine Hoffnung mehr, aber verschweige mich deiner Frau und deinen Kindern. Sie wissen es nicht, raube ihnen nicht die letzte Hoffnung!“ Mannhaft hält er sich an diese Mahnung seiner Krankheit und deutet die hoffnungsvoll päppelnden Worte seiner Frau um in den Ausdruck wirklicher Hoffnung, die nun ihrerseits von ihm gepäppelt wird. Pyramus und Thisbe haben einander durch einen Spalt in der Mauer entdeckt und geliebt, jetzt aber, wo Pyramus stirbt, schließt sich dieser Spalt, und die beiden Liebenden verständigen sich nur noch durch Zuruf. Oder gibt es Momente, in denen das angstvoll offene Auge der einen ins ebenso angstvoll offene des anderen die stumme und immer entsetzlicher werdende Wahrheit hinübersagt? Wenn sie einander wahrhaft lieben, so meine ich, gibt es diesen Moment, aber weil es zu kompliziert ist, das Gespinst aus Hoffnung und Lüge abzutragen, in das der Sterbende wie in einen Kokon verwickelt ist, lassen sie es. Da gibt es dann diese müden Handbewegungen, die „na ja“ oder „laß doch“ bedeuten und in denen ein ganzes Leben niedersinkt. Wie hat der Arzt sich zu verhalten in der Sterbesituation? Zunächst einmal möchte ich hervorheben, daß man ihm keinerlei Vorschriften zu machen das Recht hat. Der Tod umschreibt das traurige Reich der Freiheit, auf dessen Verwaltung das Ansehen des Ärztestandes ruht. Ein guter Sterbearzt, und ich kenne einen solchen, dem diese Zeilen gewidmet sind, wird zunächst einmal vor dem Anblick des aus der Kulisse tretenden Todes nicht erschrecken, weil der Tod etwas Natürliches ist, und er wird diese Ruhe und Festigkeit gegen das ebenso natürliche Erschrecken des Patienten setzen. Erst wenn dieser sich gefaßt hat, gefaßt von der Wahrheit, die der Arzt ihm liebreich, ohne Hochmut, aber sorglich und als guter Freund mitgeteilt hat, wird man an die Frage herantreten, inwieweit die Anverwandten eingeweiht werden sollten. Erfahrungsgemäß erschrecken diejenigen, die zum Überleben verurteilt sind, meist viel mehr über den Tod als derjenige, der ihn erleiden muß und im voraus schon fühlt. Oft heißt es, der schnelle Tod, das sei der schönste, er wird so obenhin als „Tod erster Klasse“ bezeichnet, und dabei ist er doch ein grausiges Einbrechen mitten in den Lebenszusammenhang. Nein, wenn ich einmal sterbe, so möchte ich, daß es langsam geht und daß ich die Leiden, die die gütige Natur dem Tod vorausschickt, damit wir uns nach ihm sehnen lernen, in vollem Umfang zu kosten bekomme, denn wie traurig wäre ich, wenn dieser herrliche Becher an mir vorbeiginge oder versüßt würde durch die Morphiumgaben eines pseudohumanen Weißkittels. Alle Medizin kann uns das Leiden nicht ersparen, sondern nur aufschieben, und solange der Tod nicht besiegt ist, bleibt das Leid die notwendige Wohltat, die ihm vorausgeht. Sehend und leidend soll man in den Tod gehen, vielleicht auch seufzend und weinend, aber man soll sein Haus wohlbestellt haben, und kein zerknirschter Angehöriger soll sich hinterher sagen müssen: „Ach, hätten wir ihm doch die Wahrheit gesagt!“

6 Mein Berufswunsch

Kann man mit vierzehn schon wissen, was man werden will? Diese Frage meldet Kritik an der Themenstellung an, für die ich um Verzeihung bitte. Wünsche habe ich viele, aber ob sie in Erfüllung gehen, weiß der Geier. Redet man so in einem Schulaufsatz? Sicherlich nicht, aber ich kann meine Lustlosigkeit einfach nicht verheimlichen. Ewig wird man nach dem Berufswunsch gefragt, als ob es auf den überhaupt ankäme. Mein Vater hat einen Kollegen, einen feinen Mann. Der wollte Forscher werden und studierte zu diesem Zweck Geographie. Aber er wollte nicht allein forschen, und so war er froh, als er einen Freund fand, den er zum Forschen zu bekehren hoffte. Aber der Freund bekehrte ihn – zum Jurastudium. Daran möge man denken, wenn ich hier die felsenfeste Absicht äußere, Tiefseeforscher zu werden. Mein Vorbild ist Hans Hass, der freilich nur ein Flachseeforscher ist. Neulich kam er zu einem Vortrag in die Stadt. Vielleicht sollte man jemanden, den man aus Büchern kennt, in der Wirklichkeit nicht kennenlernen wollen. Es gibt eine Enttäuschung, und das Buch verliert seinen Zauber. Zum Geburtstag habe ich Flossen gekriegt, grüne Froschfußflossen, die mir den großen Zeh fast abbrechen. Ich habe sie schon beiseite geworfen. Man muß nicht mit dem Flösseln anfangen, wenn man Tiefseeforscher werden will. Dafür besteigt man eine Tauchkugel, in der es sich gemütlich sitzen und lesen läßt wie daheim auf dem grünen Sessel, falls den jemand kennt. Natürlich kann man hinausschauen und glotzende Kraken betrachten. Interessieren mich die? Ich weiß es nicht. Vielleicht geht es mir mehr um die Tiefe und Abgeschiedenheit dort unten. Zehn Kilometer Wasser über dem Kopf zu haben, verleiht ein Gefühl von Sicherheit. Mit Tonnenschwere lastet diese Sicherheit auf der Tauchkugel, und hat sie auch nur eine schwache Stelle, so wird sie auf Nadelkopfgröße zusammengestaucht. Oder etwa nicht? Natürlich nicht. Mit der Kraft eines Schusses würde das Wasser durch das winzige Leck spritzen und Kugel und Insassen anfüllen, bis Innen- und Außendruck ausgeglichen sind. Forschertod! Ich sehne mich nicht danach und nehme von diesem Berufswunsch dankend Abschied. Soll doch die Tiefsee für immer unerforscht bleiben! Da gibt es Schiffsfriedhöfe, die nicht gestört werden wollen. Putzige Leuchtfische umkreisen die Gerippe der ertrunkenen und verschollenen Seeleute, Algen wachsen aus ihren Augenhöhlen, und der junge Tintenfisch spielt mit spanischen Dublonen. Ach, was ich suche, wird es nur geben, solange es keiner sieht! Wie ich mich sehne nach einem Ort, den niemand betreten darf, auch ich nicht! Aber ich als einziger würde wissen, wie schön er ist, ich würde an seinem Eingang weilen und warten, mir die Gefilde, die mir verboten sind, in allen Farben ausmalend. Ich sollte Bittsteller werden. Bittsteller ist ein Beruf für Leute wie mich, die die Sehnsucht mehr lieben als das Ziel. Als Bittsteller wird man mit hübscher Regelmäßigkeit abgewiesen, hat Grund, sich zu empören und sich zu sehnen. Worum aber kann man heutzutage mit garantiertem Mißerfolg bitten? Wird uns nicht alles erfüllt, ja, nachgeworfen? Es verdrießt mich, wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit ich gute Zensuren schreibe, besonders im Aufsatz. Mit diesem freilich hoffe ich die verdiente Fünf herausgeschunden zu haben, und wenn dafür noch etwas fehlt, soll es der folgende Satz sein: Haben Sie, lieber Herr Studienrat, etwa in meinem Alter schon irgendeinen ernstzunehmenden Berufswunsch gehabt? Ermessen Sie an der Antwort den Schwachsinn der Themenstellung. Warum vergessen die Erwachsenen, was jung sein heißt? Wäre ich ein Mädchen, hätte ich es leichter in der Berufsfrage. Ich könnte mich auf die Natur, die mir das Kinderkriegen vorschreibt, berufen und wäre fein aus dem Schneider. Bestimmt tun das auch viele der werten Damen, die ich über ihren Heften ganz unfein schwitzen sehe, oder aber sie setzen etwas Krankenschwester- oder Kindergärtnerinnenhaftes in die Welt. Das sind Berufe, die zu ergreifen eine Ehre sein mag, die sich aber kein vernünftiges Mädchen wünscht. Wäre ich Mädchen, ich würde mir wünschen, ein Mann zu sein, denn nur als Mann hat man eine anständige Berufschance. Mädchen können höchstens Schauspielerinnen werden, und ob ihnen das bekommt, ist die Frage. Der erste Liebhaber betet sie an, der zweite verachtet sie schon ein wenig, der dritte stößt sie mit dem Fuß beiseite und überläßt sie dem Alkohol. Frau und Mutter, das ist es, was man als Mädchen anpeilen muß, und das ist noch nicht einmal das Schlechteste. Als Junge aber muß man zusehen, daß man immer stark ist, und es kann Ausdruck von Stärke sein, nicht zur Unzeit mit einem Berufswunsch zu prunken.

7 Freundschaft und Liebe

Heikel, sage ich, heikel. Wer will diesen Unterschied so genau schon kennen? Sicher ist er vorhanden, aber ich bin nicht in der Stimmung, ihn wichtig zu finden. Kann man nicht gelegentlich in aller Freundschaft auch ein wenig lieben? Und gibt es nicht den Liebhaber, der zugleich guter Freund seiner Geliebten ist? Jedes Mädchen wünscht sich einen solchen, und ich bin bemüht, diesem Wunsch zu entsprechen. Den Frauen zu gefallen, muß jedem Mann hoch und heilig angelegen sein. Deshalb darf er zwischen Liebe und Freundschaft nicht unterscheiden und muß sich gegen eine Erziehung, die ihm diesen Unterschied einreden will, nach Kräften wehren. Ich möchte mich deshalb darauf beschränken, den Unterschied nur in folgendem zu sehen: Für Jungen empfinde ich Freundschaft, für ein Mädchen aber kann ich Liebe und Freundschaft empfinden, und wenn beides auch gelegentlich traurig auseinanderfällt, so ist es doch am schönsten, wenn man dem Mädchen nicht nur in tierischer Brunst nachläuft, sondern ihm zugleich auch alles Gute nicht nur wünscht, sondern mit Tatkraft verschafft. Welches Glück, die Augen der Beschenkten und Geförderten strahlen zu sehen! Wieviel feuchter und langwieriger ist ein Kuß, der aus dem Danke quillt, als der kurze und trockne der heißen, unaufrichtigen Verführung! Aber was weiß ich davon? Ich lese zu viel. Ich will mich auf eigene Erfahrung beschränken und muß Zweifel an meiner These anmelden. Es ist noch gar nicht so lange her, daß ich einen Jungen liebte. Ich wußte es damals nicht, aber ich weiß es, seit ich ein Mädchen liebe. Dieselben Träume, dieselben Wünsche. Errettung aus Brandgefahr! Fäustewirbelnder Schutz vor Feinden und Nachstellern! Seufzendes und heldisches Sterben vor seinen/ihren Augen! Wie schön das ist: Im Bett liegen und in Gedanken an den Geliebten zerschmelzen! Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn aus mir eine Frau geworden wäre. Manchmal frage ich mich, wie dieselbe Substanz, aus der ich bestehe, in weiblicher Façon sich ausnehmen würde. Ich würde meine Liebe nur an Männer verschwenden, die ihrer würdig wären. Ja, ich würde mir meiner großen Aufgabe, Männer durch Liebe zu Menschen zu machen, viel früher bewußt werden als die dummen Gänse, die man auf dem Schulhof schnattern und mit den Flügeln schlagen sieht. Da hat man oft den Eindruck, sie wären froh, wenn sie überhaupt einen abbekommen. Wie erniedrigend, geheuchelte Desinteresse! Dieses Fallenstellen! Das ist nicht das Waidwerk, dem ich nachgehen würde. Ich wäre prinzipiell einmal unnahbar und würde im Verkehr mit meinesgleichen mein Glück suchen. Wie herrlich muß es für ein Mädchen sein, alle die hübschen, zarten, gerade erst erwachenden Geschlechtsgenossinnen täglich und ohne jede Komplikation in den Arm nehmen und abküssen zu können! O ja, schon wegen der Freundinnen, die ich hätte, möchte ich Frau sein. Da könnte man in trautem Gespräch die herzhaften und schmerzhaften Naturalien erörtern, mit denen das Weib sich einrichten muß. Unter Männern gibt es keinerlei Beistand; sie sind, was Frauen betrifft, die geborenen Feinde, bis aufs Blut müssen sie bereit sein, einander abzuschlachten wegen irgendeines Rockes. Lachhaft das. Hätte ich doch nur einen Freund! Jede Frau wollte ich mit ihm teilen! Frage nur, ob sie das wollen würde. Oder ist das eine Frage der Hygiene? Bin ich noch beim Thema? Verdammtes Aufsatzschreiben! Ich sollte mir eine Gliederung machen, dann wüßte ich jetzt, wie es weitergeht. Bin ich nun Mann oder Frau? Eigentlich ist es egal. Lieben können die einen so wenig wie die anderen, es läuft mehr auf Kampf hinaus. Haben Sie schon beobachtet, mit wieviel Unaufrichtigkeit sogenannte Liebende einander zu übertölpeln suchen? Da hat man dann das Resultat, wenn die Freundschaft aus der Liebe verschwindet. Was aber ist Freundschaft ohne Liebe? Papiergeraschel. Oder Biergesaufe. Das eine fesselt mich so wenig wie das andere. Es gibt Männerfreundschaft, aber die kracht und knallt und stinkt nach Tabak. Sie schließt die Liebe aus, und so schmeckt sie dann auch. Man pflegt sich bewußt nicht, man gibt sich lässig bis nachlässig, man meint sich pausenlos danebenbenehmen zu dürfen und findet es kernig, einander nach Kräften zu beleidigen. Kameradschaft! Typisch, daß der Turnlehrer gern davon spricht, der Antrete- und Richtübungen mit uns veranstaltet wie auf dem Kasernenhof. Diese Furz-, Arsch- und Pinselwelt soll mir gestohlen bleiben. Da fehlen Frauenhände und Frauenmünder, die alles geschickt machen. Wie ich es gern habe, eine Frau rückhaltlos zu verehren! Oft verdient sie es nicht, aber danach darf der rückhaltlos Liebende nicht fragen. Was verdient denn er? Jede Erniedrigung! Neulich verliebte ich mich in eine herrliche blonde Schwedin. Ich sagte nichts, aber meine Augen müssen Bände gesprochen haben, denn sie kam auf mich zu und sagte: „Na, Kleiner, ich gefall dir, was?“ Mir zitterten die Knie. Was gab es da zu antworten? „Hier,“ sagte sie und gab mir ein kleines hellblaues Brieflein, „bring das dem langen Schönling mit der Tolle!“ Ein Liebesbrief! Und ich war der Bote! Solche Gelegenheiten ergeben sich nicht oft. Ich machte meine Sache gut, die beiden sind jetzt ein schulbekanntes Paar. Für mich aber empfindet die Schwedin Freundschaft, und weil sie eine Frau ist, ist auch ein wenig Liebe dabei.

8 pursuit of happiness

Nicht nur die amerikanische Verfassung sagt ihren Bürgern zu, daß sie ihr Glück verfolgen dürfen. Auch dem deutschen Verfassungswerk ist das Glück nicht fremd, wenn denn die Nationalhymne als Bestandteil jenes angesehen werden darf; dort aber ist expressis verbis davon die Rede, daß Einigkeit und Recht und Freiheit des Glückes Unterpfand seien. Also soll – und darf – auch der Deutsche nach dem Glück streben. Was aber ist nun das Glück? Für einen Amerikaner: Einen doppelstöckigen Hamburger sich zwischen die Kiemen zu schieben. Für einen Deutschen: Auf dem Oktoberfest Bier bis zur Kotzgrenze zu trinken. Oder sind das Klischees? Glück kann ja nichts anderes sein als das Erreichen eines sowohl äußerlich vorgegebenen als auch innerlich tiefempfundenen Lebenszieles. Was ist mein Lebensziel? Wonach strebe ich? Ach, wenn ich das in einem Wort zusammenfassen könnte! Ein ganz klein wenig, ich gebe es zu, strebe ich nach Ruhm. Aber womit soll ich in unserer heldenlosen Zeit berühmt werden? Mit Höchstleistungen in der Wissenschaft? Für die Wissenschaft fehlt es mir an Disziplin. Ich denke gern sprunghaft und um die Ecke, die Wissenschaft aber verlangt sorgsames, schrittweises Vorgehen. Wie wäre es andererseits mit einer Höchstleistung in der Kunst? Ich könnte z.B. das längste je geschriebene Gedicht verfassen und käme damit ins Guinness-Buch der Rekorde. Oder das größte je gemalte Bild… Oder das lauteste je komponierte Orchesterstück! Wiederum ermangele ich des erforderlichen Ernstes. Berühmt werden nicht Luftikusse wie ich, sondern ernsthaft strebende Menschen von faustischem Charakter. Ich bin allenfalls dazu berufen, unterhaltsam zu sein. Schuster bleib bei deinem Leisten! Was aber wird dabei aus dem Glück? Liegt Glück nicht vielmehr darin, sich zu bescheiden und in Ehren alt zu werden? Genau: Ich will das Leben eines ganz normalen Menschen führen, heiraten, Kinder haben, ein Häuschen bauen und unter einem geschmacklosen Grabstein, der sich vergeblich gegen meine Bedeutungslosigkeit aufbäumt, ins Nichts modern. Glück liegt eben im Verzicht, im standhaften Erreichen des Kleinen. Alles andere ist Aufgeblasenheit, ist Größenwahn und Anmaßung. Natürlich gibt es gelegentlich Genies – aber wie furchtbar müssen sie bezahlen für das bißchen an Ruhm, das ihnen nachweht und das doch zu spät kommt, um sie aus ihrer armseligen Existenz zu erlösen. Mozart – jung im Armengrab verscharrt. Ist das Glück? Hölderlin – verrückt. Coleridge, der uns den unglaublichen ancient mariner schenkte – rheumasiech und opiumsüchtig. Van Gogh – ruhm- und erfolglos dahingegangen, und kein Himmel da, aus dem er sich an seinem Nachruhm freuen könnte. Walser – in der Irrenanstalt verholzt. Kafka – an Tuberkulose und im Glauben gestorben, daß seine Werke nur das Feuer verdienten. Benn – durch sein Verkennen des Nazismus für immer stigmatisiert. Celan – in die Seine gesprungen. Wo ist da Glück? Ist nicht jeder spießige Staudenzüchter in seiner Eigenheimidylle glücklicher? Oder gehört zum Glück etwa auch die Erkenntnis des Wahren? Dann freilich verschöbe sich alles. Die Werke dieser Künstler waren ja nicht nur schön, sondern auch wahr. Anders ausgedrückt: Sie haben Gott gesehen. Oder waren ihm in ihrer Schöpferkraft zeitweise gleich oder zumindest nah. Welch größeres Glück kann es geben? Lohnt es sich nicht, dafür krank und arm zu sein und jung und verkannt zu sterben? Pursuit of happiness – ein Wort, ebenso schillernd und rätselhaft wie der Mensch, der es erfand. Der eine findet sein Glück im Gebet; der andere im Aufruhr; der dritte im Bordell; der vierte in sportlicher Leistung; der fünfte in einer rein erbrachten wissenschaftlichen Arbeit; der sechste in einsamer Lektüre eines ihm schön erscheinenden Buchs; der siebte im Sprung vom Kirchturm. Auf all dies sollen wir ein Recht haben. Vielen Dank, Gesetzgeber!

9 Zur Judenfrage

Gibt es sie noch – ich meine: Für uns Deutsche? Ich fürchte, nicht. Leider. Denn solange es sie gab, war sie ein nützlicher Gegenstand des Nachdenkens. Oder war schon, daß man sie stellte, der Anfang ihrer schrecklichen Endlösung? Hätte man sie gar nie stellen dürfen, damit man auf diese Art der Beantwortung nie verfallen wäre? Ich gestatte mir gelinde Verwunderung, daß man sie schulischerseits aufzuwärmen geruht. Vor kurzem wurde hier ein Hotel abgerissen. An der Brandmauer des Nachbarhauses trat eine Inschrift hervor: Siegfried Silberstein, Öle, Fette. Ein Menetekel, steht es noch immer da. Zieh deinen Hut, Pädagoge, wenn du vorübergehst. Denn Siegfried Silberstein und die anderen Krogstedter Juden sind vom Erdboden vertilgt. Niemand macht sich die Mühe, ihnen nachzuforschen, den Anteil der Juden am früheren Krogstedter Leben zu ermitteln. Krogstedt gehörte in dänischer Zeit zu den nicht von, sondern für Juden freien Städten der Region. Im Ersten Weltkrieg übertrafen sie alle anderen Bürger an nationaler Begeisterung und Spendenfreudigkeit. Einer soll Schuster gewesen sein und sein gesamtes Erspartes, rund zehntausend Goldmark, in Kriegsanleihen gezeichnet haben. Er besaß, so erfuhr ich auf Nachfrage, drei wunderschöne Töchter. Wo sind sie? Man zittert, es zu fragen. Jude sein, heißt, mit dem Entsetzlichen leben – ob es nun Gott heißt oder Auschwitz. Denn der Gott, der Auschwitz zuließ, ist ein entsetzlicher Gott. Hoch rechne ich der Gymnasialleitung an, daß sie die Vorführung des Dokumentarfilms „Bei Nacht und Nebel“ nicht verhinderte. Es ist dies ein historisches Datum unseres Daseins. Seit diesem Tag rumort und gärt es unter uns und in den bürgerlichen Häusern hinter ihren storebewehrten Fenstern. Wie konntet ihr das zulassen? „Wir haben nichts gewußt.“ „Ich war in Rußland an der Front, da wurde nur gemunkelt.“ Das Schreckliche ist: Dieser Massenmord ist ekelhaft. Der Magen drehte sich mir um, ich empfand kein Mitleid, sondern blankes Entsetzen. Die Benutzung eines Insektenvertilgungsmittels läßt noch heute den ruchlosen Mord als Vertilgungs- bzw. Ausmerzungsmaßnahme erscheinen. Diese Massen von Brillen, von Prothesen, von Haar! In unserer Waschküche gibt es ein Regenwassersammelbecken, über dem sich im Herbst Tausende von Mücken zum Winterschlaf niederlassen. Wir schließen die Fenster, die Stahltür, und lassen ein brennendes Insektengift-Stäbchen zurück. Drinnen erhebt sich ein greuliches Gesumse, und hinterher können wir die Mückenleichen zusammenkehren. Wie kann man Menschen zu Mücken machen! Ich gestehe, daß ich es nicht fasse und daß ich mir wünsche, wenn ich daran denke, ein feuriger Schlund möchte sich auftun unter Deutschland und uns alle verschlingen. Sind wir noch wert zu leben? Ich bezweifle es. Ein Volk das Derartiges tut, zuläßt, oder andere anstiftet, es zu tun, hat keinerlei Existenzberechtigung. Freilich ist der Antisemitismus uralt und auch in anderen Ländern zuhause. Aber wir haben handelnd weit übertroffen, was die anderen gelegentlich nur wünschten. Unser erster Bürgermeister nach dem Krieg war ein Jude. Da frage ich mich dann, wie er es über sich brachte, dieses Amt anzunehmen. Denkmäler gibt es bei uns für den chauvinistischen Turnvater Jahn, für den Kartätschenprinzen und späteren Kaiser Wilhelm I., in Bronze „der Große“ genannt, für Hans Hinrich Kröger, der das Kasino gründete, und für die Weltkrieg-eins-und-zwo-Gefallenen auf großen Tafeln in der Kirche. Aus der früheren Synagoge am Schietgraben schämte man sich nicht einen Lagerschuppen zu machen, den abzureißen dann nur noch Entsorgung war. Auch die Krogstedter haben die Judenfrage gründlich gelöst und lösen sie immer noch, indem sie einfach so tun, als gebe es sie nicht. Insofern darf ich meine Meinung ändern und die Themenstellung für verdienstlich halten. Ich will jetzt nicht damit anfangen, was für tolle Juden es doch gab – Freud, Einstein, Marx und Mendelssohn-Bartholdy, um nur die bekanntesten zu nennen. Selbst wenn die Juden ein einziges Volk von Gaunern, Strichern, Tagedieben, Beutelschneidern, Wucherern und Parasiten gewesen wären und keinen einzigen Jesus, Heine oder Kafka hervorgebracht hätten, müßten sie gestern, heute und auf alle Zeit unter uns leben, gaunern, strichen und wuchern dürfen – soweit die Gesetze es zulassen. Die guten Juden sind nicht das Argument gegen den Antisemitismus, sondern die schlechten. Ich kenne einen Krogstedter, der die Judenvernichtung gut fand, weil sein Vater, ein Metzger, von einem jüdischen Viehhändler ruiniert wurde. Aber wieviele Bauern haben die Kredite desselben Viehhändlers gut gebrauchen können und dank ihrer überlebt? In Krogstedt ist nach dem Krieg kein einziger nichteinheimischer Kaufmann was geworden. Den Flüchtlingen, die es mit Fleiß, mit Preisbrechen und Spekulation versuchten, hat die einheimische Clique samt und sonders bewiesen, daß für sie hier kein Platz ist – und hat sie kaputtgemacht, wenn sie emporkommen wollten. Sollen die einheimischen Kaufleute deshalb vergast werden? Manchmal bin ich in Gefahr, vor lauter Selbsthaß in Vergeltungsorgien zu schwelgen. Es ist die größte und perverseste Abscheulichkeit der Geschichte (an der die Kirchen samt Luther und Papst ein paar hübsche Maschen mitgestrickt haben), ein ganzes Volk zuerst ins Ghetto zu zwängen, und es dann, wenn es dort leben muß wie die Kellerasseln, in Massen zu erschießen oder mit Zyklon B zu vergasen. Aber was nützt es, sich aufzuregen? Lieber will ich mich der Frage zuwenden, was mir die Juden bedeuten. Auf der Volksschule hatten wir einen in der Klasse, den haben wir manchmal gequält. Er hatte immer das leckerste Schulbrot dabei, das haben wir ihm abgenommen, und vor seinen Augen aufgegessen. Sobald einer rief: „Wer hat Kleingeld da?“ verdrückte er sich in eine Ecke, denn er wußte: Jetzt geht es gleich wieder los! Er hieß Rolf Kleingeld. Wir warteten immer darauf, daß er sich mal wehrte. Aber er wehrte sich nie. Warum hast du uns das angetan, Rolf? Wolltest du uns denn auch zu Mördern machen?

10 Ein Spiel, das ich liebe (Schach)

Am meisten liebe ich das Schach. Was sage ich darüber? Wer es nicht kennt, wird diesen Aufsatz nicht lesen wollen, und wer es kennt, der hat ihn nicht nötig. Aber Thema ist Thema! Das Schach ist ein so ernstes Spiel, daß viele es als Sport ansehen, und in der Tat haben wir einen Schachclub in Krogstedt, wo es wettkampfartig betrieben wird. Aber was ist das für ein Sport, bei dem man beliebig saufen und rauchen kann? Beim Laufen weitet sich die Lunge, das Herz kommt auf Touren, man schwitzt und fühlt sich prima. Anders beim edlen Schachsport. Nach so einem nikotingeschwängerten Schachabend sinke ich völlig behämmert in die Kissen und träume fieberhaft und angstvoll den Zug, der mir während der Partie nicht einfiel. Das ist das Elende am Schach: Allzu vieles ist möglich. Die Kombinationen verwirren sich im Kopf, und wenn man dann noch Bier trinkt… Meine Lieblingsfigur ist der Turm. Leider steht er in der Ecke und kommt deshalb erst spät ins Spiel. Er ist einer Kanone vergleichbar, die schreckenerregend die Stellungen des Feindes bestreicht. Von seiner Grundlinie aus donnert er übers ganze Brett hinweg ins Lager des Gegners hinein, droht, fesselt und deckt. Leider jedoch wird seine Wirkungskraft durch einen im Weg stehenden eigenen Stein gehemmt oder begrenzt. Das gilt ebenso für den Läufer oder die Dame, während der Springer über Figuren hinwegsetzen kann. Mit Springern kann man mich am meisten in Verlegenheit bringen. Wie und wo die plötzlich überall auftauchen können, und dann beherrschen sie die entlegensten und scheinbar sichersten Felder! Der Höhepunkt in der Laufbahn eines Springers ist die sog. Springergabel. Sie entsteht, wenn er gleichzeitig dem König Schach bietet und die Dame angreift. Da erblaßt der gewiegteste Gegner, denn es kommt einer Deklassierung gleich, in diese Falle zu laufen. Wieviele Springergabeln mag ich schon übersehen haben! Ich kann mit den Biestern nicht umgehen und bin froh, wenn sie abgetauscht sind. Am Anfang der Partie kommt es nämlich oft zu Abtauschorgien. Der Anfänger meint, er müsse seine Figuren hüten wie seinen Augapfel, doch der Kenner tauscht Massen von Material für den kleinsten Stellungsvorteil ab. Dadurch verflacht sehr oft die Partie, vor allem, wenn auch die Damen verschwinden, die die mächtigsten Figuren sind. Warum mag man sie Damen genannt haben? Und warum sind sie so viel mächtiger als die Figur, von der alles abhängt, der König? Hierüber habe ich eine Theorie gehört, von der ich nicht weiß, ob sie stimmt, aber ich will sie hier mitteilen. Bekanntlich soll das Schachspiel aus dem Orient zu uns gekommen sein. Bei den Arabern aber gab es eine Staatsform, in der der Kalif zwar das Staatsoberhaupt war, am mächtigsten jedoch war der Wesir. Bei uns ist es heute ähnlich: Unser Bundespräsident ist im Vergleich zum Kanzler eine Nullität, und dennoch ist er der erste Mann im Staat. Nun, die Araber brachten das Schachspiel nach Spanien, und von dort übernahmen es die Franzosen, und sie mißverstanden das Wort „Wesir“ als „vierge“. „Vierge“ aber heißt Jungfrau, und so wurde die Dame geboren. Ihr Name ist also nicht etwa ein Kompliment an den Einfluß der holden Weiblichkeit. Ja, man darf sagen, das Zarte und Hübsche hat im Schachspiel keinen Platz. Es ist hart und erbarmungslos, ein Spiel für Männer, dem nur wenige Frauen Geschmack abgewinnen. Der Triumph im Schachspiel heißt „Matt“. Nur selten wird ein Matt richtig herausgespielt, meist gibt der Spieler, der es für sich voraussieht, vorher auf, um so zu demonstrieren, daß er nicht völlig blöd ist. Das Matt ist die vollständige Zerschmetterung des Gegners durch Erledigen des Königs. Elegant nennt man ein Matt, wenn es unter Opferung einer oder mehrerer Figuren zustande gekommen ist. Solche Opferkombinationen sind, wenn sie zum Siege führen, das Schönste im Schachspiel. An ihnen erkennt man den edlen Kombinationsspieler, den man sich gern adlernasig wie Schiller vorstellen darf, während der mickrige Positionsspieler ein stumpfnasiger Miesling ist. Wie ich Positionsspieler hasse! Sie kommen mit winzigen Bauernzügen unwiderstehlich daher, riskieren nichts, haben immer ein Remis in der Tasche und gewinnen sehr oft vor lauter automatenhafter Korrektheit. Wie schreckliche Eisberge vor der das Blaue Band heraussegelnden Kombination wachsen sie aus dem windstillen Wasser der Partie! Nichts aber ist herrlicher als der Sieg eines Kombinatorikers über einen solchen Eisberg! Dieser Sieg ist immer zugleich ein moralischer, weil er mit unglaublichen Risiken erkauft ist und die ekelhafte Buchhalterwelt des Positionisten zunichte macht. In den Partiekommentaren kann man dann etwa lesen: „Ein Donnerschlag! Dieser Zug enthüllt die verborgene Schwäche der weißen Königsstellung.“ Und vom Gegner heißt es: „Weiß greift allzu hastig zu.“ Denn der Positionsspieler, gierig auf den kleinen Vorteil fixiert, verliert angesichts des glänzenden Opfers die Fassung, reißt es an sich und stürzt so in sein Verderben. Ich liebe die Opferkombinationen so sehr, daß ihre bloße Schönheit mich oft in den Abgrund lockt. Lieber schön und elegant verlieren als buchhalterisch gewinnen! Sobald es keinen Angriff mehr gibt für mich in der Partie, ist sie für mich gestorben. Seit etwa hundert Jahren werden Partien aufgezeichnet, so daß uns eine Partie des deutschen Meisters Anderssen erhalten ist, die mit Recht als „unsterbliche“ bezeichnet wird. In ihr leitet ein unscheinbarer Turmzug eine Opferkombination von solcher Schönheit ein, daß man perplex, geblendet und hingerissen ist. Heute hingegen dominieren die Buchhalter und verwandeln das edle Schachspiel in eine risikofeindliche Sicherheitseinöde.

11 Der Wasserfall

Sie sind, Fräulein Quandt, eine ausgezeichnete Frau. Das darf ich Ihnen versichern, bevor ich mit der Beschreibung eines Bildes beginne, das ich mir selber aussuchen durfte, und wie nicht anders zu erwarten, verfiel ich auf die Abkonterfeiung eines Naturschauspiels, das ich noch nie sah. Der höchste Berg hierzulande erhebt sich knapp über hundert Meter, und das genügt nicht, um erstens die Schneemassen einzufangen, deren Tauwasser unerschöpflich strömt, und zweitens fehlt es an den Felszinnen, an den Rinnen und Klüften, durch die herab es rieseln, prasseln und zutal fallen könnte wie auf meiner Vorlage, die allerdings kein Film ist, weshalb das Wasser, trotz frühlingshaftester Landschaft, in der Luft gefroren erscheint. Man darf Kritik anmelden an einem Maler, der einen so stark bewegten Gegenstand in ein stehendes Bild zu bannen versucht, aber man muss ihm zugute halten, dass er es zu einer Zeit tat, als es die Filmkamera noch nicht gab. Hätte er an dem bezaubernden Gerinnsel achtlos vorüber gehen sollen, nur weil es sich in seiner Lebhaftigkeit der erstarrenden Ölfarbe verweigert? Auch ein Mensch, den er porträtiert hätte, wäre unterdessen gealtert, und er hätte sein Bild gewissermaßen jenseits der Zeit anlegen müssen. Nehmen wir es also hin, dass das Wasser in der Luft zu stehen scheint, statt zu fallen, und richten wir die Aufmerksamkeit auf den duftigen Nebel, der vom Grund aufsteigt und das Licht einer vorhandenen, aber im Rücken des Betrachters scheinenden Sonne zu einem matten Regenbogen bricht. War das alles so? Oder darf man annehmen, dass der Maler an einem trüben Tag hier gestanden hat und trotzig das viele Hübsche, das die Natur ihm verweigerte, auf der Leinwand versammelte? Die Felsen trieb er in pittoresker Wuchtigkeit, wie von Riesen gemauert, aus dem Berg hervor, Grasbüschel siedelte er an, wo er nackten Stein vorfand, und an den Fuß des Berges, aus dem das Wasser fällt, setzte er einen rastenden Hirten, der auf seiner Schalmei den Schafen ruft, auf dass sie sich nicht verirren, und damit der Hirt nicht etwa durste, ließ er ein Mädchen mit auf den Kopf gesetzter Zwischenmahlzeit aus der rechten Ecke grazil sich nähern. Sicherlich ist sie die Liebste des Hirten, und während er gleich die Schalmei absetzt und herzhaft in den Käse beißt, den sie ihm brachte, werden ihre Äuglein mit glänzendem Funkeln einander suchen, meiden und fast versehentlich finden zu einer vom Wasserfall überrauschten zarten Verabredung, betreffend das Melken der Schafe, das kraftvolle Kirnen der Butter im Butterfäßchen und was der süßen bukolischen Pflichten mehr sind. Ähneln nicht die Grasbüschel Kissen und die Bäume praktischen Sonnenschirmen? Die Vermutung sei gestattet, dass ein Städter dieses Bild gemalt hat. Die Felsen seiner Landschaft haben keinerlei Schwere, weil sie schwer wirken sollen – wie eine Pappkulisse bewirken sie nur, dass man das hinter ihnen Liegende nicht sieht. Der Wasserfall ist eine hellblau herabhängende Gardine, und Schäfer und Schäferin werden von hochdotierten Schauspielern mit Gusto gespielt. Dies aber wiederum ist tröstlich. Denn im Hintergrund links ist ein Landsitz zu sehen, dessen Türme von Macht und Reichtum zeugen. Dort wohnt der Herr, und Daphnis und Chloë sind seine Leibeigenen. Das ius primae noctis berechtigt ihn, Chloë zu entjungfern, wenn Daphnis je auf die Idee kommen sollte, sie heiraten zu wollen. Wie furchtbar, sich eine solche Rechtlosigkeit, solche verabscheuungswürdige Willkür in ihrer ganzen barbarischen Brutalität vorzustellen! Wie angenehm aber, die sich daraus ergebenden Konflikte als Szenen eines galanten Theaterstücks zu imaginieren! So bleibt in dem Bild alles in der Schwebe zwischen Sein und Schein, wie das Wasser schwebt zwischen Stürzen und Stehen, die Wirklichkeit löst sich auf, und ich selbst bin der Herr, der das Bild betreten und Chloë eine frivole Kusshand zuwerfen darf.

12 Koedukation – ja oder nein?

Diesem Thema gegenüber bin ich nicht unbefangen; denn ich kenne nichts anderes als die Koedukation, d.h. die Erziehung von Jungen und Mädchen in gemischten Klassen. Ich bin nicht unzufrieden damit, was aber nicht heißt, daß dieses Verfahren das einzig richtige ist. Jahrhundertelang wäre es undenkbar gewesen, daß Jungen und Mädchen die gleiche Schulbank drücken, und bei Einführung der Schulpflicht traf dieses Schicksal auch nur Kinder aus dem einfachen Volk. Jede bessere Erziehung trennte Knaben und Mädchen säuberlich von einander, um sie auf ihre unterschiedlichen Aufgaben in Familie und Gesellschaft auch unterschiedlich vorzubereiten. Das Mädchen sollte eine gute Frau und Mutter werden. Warum es also mit Latein und Griechisch quälen? Wichtiger war, daß es nähen, sticken und stricken konnte, daß es sich auf Musik verstand und bei Geselligkeiten keinen ganz ungebildeten Eindruck machte. Hierfür aber genügte eine solide Halbbildung, ein bißchen Französisch und die obligate Klavierstunde, vielleicht auch noch Unterricht im Aquarellieren. Der Mann, der die Frau schön finden möchte, hält es für das Sinnvollste, wenn sie sich mit Schönem befaßt. Da das Schöne aber letztlich das Überflüssige ist, läuft diese Art von Erziehung darauf hinaus, die Frauen zu einem Geschlecht zu erziehen, das, von seiner Existenzberechtigung nicht überzeugt, migränegeplagt seine Pflichten absolviert und sich was darauf zugute hält, die Mitwelt nach Strich und Faden mit seinen Launen zu drangsalieren. So etwa darf man sich das weibliche Geschlecht um die Jahrhundertwende vorstellen zumindest in der Schicht des Bürgertums. In der Volksschule ging es auch damals schon bunt durcheinander wie ja übrigens auch in der Fabrik, wo Männlein und Weiblein brav nebeneinander schafften, was mitnichten die sittlichen Ausschweifungen zur Folge hatte, die eine unbeschäftigte bürgerliche Phantasie sich ausmalte, sondern eine solide Kameradschaft der beiden Geschlechter, eine solidere, als sie ohne gemeinsame Arbeit je zu erreichen ist. Darum wohl auch traten fortschrittliche Pädagogen damals auf und forderten die Koedukation für alle, auch an den Gymnasien, deren weibliches Pendant damals Lyzeum hieß. Das bedeutete die Öffnung der Gymnasien und der Universitäten für Mädchen – eine Sensation! Die ersten Abiturientinnen und Studentinnen wurden wie Weltwunder bestaunt – aber auch als Blaustrümpfe herabgesetzt – und es gab Professoren, die sie standhaft ignorierten und ihre Vorlesung unbeirrt mit „Meine Herren!“ eröffneten. Unsere Deutschlehrerin hier an der Lornsenschule, Fräulein Quandt, war die erste Holsteinerin, die Germanistik studiert hat! Es waren hartgesottene Emanzen, diese Pionierinnen des Frauenstudiums, und vielleicht habe ich die Lust am Aufsatzschreiben nur Fräulein Quandt zu verdanken; denn sie brachte uns bei, eine Frage von allen Seiten zu beleuchten, sie hin und her zu wenden wie ein Werkstück, bis sie uns alle ihre Aspekte und Möglichkeiten enthüllt hatte. Nach diesem Plädoyer für die Koedukation muß ich nun auch für ihr Gegenteil noch eine Lanze brechen. Mein Vater z.B. ist auf ein reines Jungen-Gymnasium gegangen, und das muß einen bemerkenswerten Sonderreiz gehabt haben, von dem man hier auf unserer toleranten, weltläufigen Provinzschule wenig spürt. Dieses Zusammenpferchen nur von heranwachsender Männlichkeit hüllt die vorenthaltene und abgesonderte Weiblichkeit in den romantischen Zauber der Ferne und Unbekanntheit, des Abenteuers und der Eroberung. Zechgelage ohne Frauen sind fraglos nicht zu vergleichen mit solchen, an denen Mädchen teilnehmen. Im letzteren Fall werden Orgien daraus, oder aber die Stimmung bleibt müde und angespannt. Eine reine Männerschwelgerei, weil sie sich selbst genügen muß, treibt die Wonnen der Trunkenheit bis zum äußersten und bringt seltsame Blüten hervor: Brunnen und Laternen werden bestiegen, unglaubliche Wettrennen veranstaltet, Gesänge von orgelnder Fürchterlichkeit angestimmt. Selbst die Koedukation kann uns ja nicht daran hindern, gelegentlich unter uns bleiben zu wollen und kräftig einen drauf zu machen. Vielleicht ist auch die Freundschaft ein Gewächs, das unter den Bedingungen der Koedukation nicht recht gedeiht. Wie sehr habe ich einst einen Primaner geliebt – nur um festzustellen, daß er sein Herz an eine Mitschülerin verloren hatte! Die Leichtigkeit der Anknüpfung mit Mädchen läßt Männerfreundschaften gar nicht erst aufkommen; immer sind es die Mädchen, die überall ihre reizenden und ohne Frage schlankeren und eleganteren Finger im Spiel haben. Nichts also gegen Frauen, aber das Untersichsein hat weder Männern noch Frauen je geschadet. Untersichsein und Vermischtsein, beides ist wichtig, hat seinen Sinn und seine Schönheit. Und in der Tat bedeutet ja auch Koedukation gar nicht absolute Gleichbehandlung der Geschlechter. Wenn die Jungen werken gehen, haben die Mädchen Handarbeitsstunde, im Turnen werden Böcke und Schafe sorgsam von einander gesondert: Die einen verrenken sich musisch und keulenschwingend, die anderen rackern sich auf dem frisch gepflügten Sportplatz mit dem Fußball ab, und in der Klasse sitzen die einen rechts, die anderen links, und nur in belächelten und erzwungenen Ausnahmefällen sitzt einmal ein Mädchen neben einem Jungen. Und ist es etwa egal, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin uns unterrichtet? Einem Lehrer können die Mädchen schöne Augen machen, was sie bei einer Lehrerin tunlichst vermeiden. Wie mancher Lehrer läßt seine Frauen-, wie manche Lehrerin ihre Männerverachtung an den bedauernswerten Eleven und Elevinnen aus! Ach, da fliegt so vieles Unberechenbare und gelegentlich auch Ungerechte durch die Luft, daß ich schon sagen möchte: Auch die Koedukation kann überstanden werden!

13 Wer die Macht hat, hat das Recht

Ein schlimmer Satz, fast zu schlimm für Schülerohren. Eine gefährliche Halbwahrheit! Wer die Macht hat, hat das Recht – wenn das wahr wäre, was wäre dann noch das Recht? Es wäre nichts weiter als sein eigener Anschein, als Wachs in den Händen der Mächtigen. Wer an diesen Satz glaubt, wird sicherlich nach ihm leben und ihm dadurch zu einer häßlichen Scheingeltung verhelfen. Aber stimmt er denn nicht vielleicht doch? Haben die Nazis nicht gezeigt, daß sie das Recht hatten, weil sie die Macht hatten? Konnten sie nicht vor ihrem Volksgerichtshof völlig unschuldige Männer zu Verbrechern machen, die in jeder Hinsicht als Verbrecher erschienen und sich, grauenhafte Vorstellung, zeitweise vielleicht sogar als solche fühlten, zumindest für die Dauer des Verfahrens und der es tragenden Machtverhältnisse? Nach dem Krieg hatten die Alliierten die Macht, und daß sie damit auch das Recht hatten, bewiesen sie in Nürnberg, wo sie die erwischten Nazigrößen als Kriegsverbrecher hinrichteten. Wer die Macht hat, hat das Recht – in der Tat, dieser Satz wäre weniger furchtbar, wenn er leichter widerlegbar wäre! Das Recht haben, was meint das? Es meint Verfügung über das Recht haben, und in diesem, nur in diesem Sinne stimmt der Satz. Recht ist nämlich mit Macht insofern verwandt, als es auch etwas Tatsächliches ist oder vielmehr ins Tatsächliche drängt. Recht ist wenig wert ohne seine faktische Durchsetzung, und diese Durchsetzung hat für sich gepachtet, wer die Macht hat. Aber Recht ist nicht allein das, was als Recht durchgesetzt wird. Wäre es so, würde Recht jede Verbindlichkeit verlieren und nur noch vom Willen des jeweils Herrschenden abhängen. Der totalen Willkür wären Tür und Tor geöffnet, wie sie es unter Regimen, die sich dem nackten Machtrecht verschreiben, in der Tat sind. Recht ohne Macht, d.h. ohne Durchsetzungsgewißtheit ist traurig, ja schrecklich. Durchsetzungsgewißheit ohne Recht aber ist noch viel schlimmer, ist Tyrannei reinsten Wassers. Man kehre den Satz um, um seine Barbarei zu spüren: Wer keine Macht hat, ist im Unrecht. Jedermann sieht ein, daß das Recht, das den Schwachen vor dem Starken schützen soll (und das ist seine vornehmste Aufgabe), völlig verdorben wird, wenn man es allein an die Stärke knüpft. Kurzfristig mag der Mächtige seine Unmenschlichkeit in Rechtsform gießen und das Volk mit Schauprozessen betrügen. Am Ende wird man ihm selber den Prozeß machen, wenn er sich dem nicht gewaltsam entzieht. Hitler z.B. hat seinem Leben durch feigen Selbstmord ein Ende gesetzt. Er hatte Angst, unmännliche, ekelhafte Angst vor dem Tribunal, das die Sieger über seine Untaten errichten würden. Und noch viel größere Angst mußte er vor der Verachtung haben, mit der seine eigenen Anhänger ihn strafen würden, wenn sie dahinter kamen, welche Verbrechen er in ihrem Namen begangen und angeordnet hatte, Verbrechen, die durch die Macht, die ihre Ausführenden im Augenblick der Ausführung hatten, niemals zu Recht werden, ja, die das Antlitz des deutschen Volkes für immer gräßlich entstellt und besudelt haben. „Wer die Macht hat, hat das Recht.“ Dieser Satz sollte auf allen Marktplätzen der Welt an den Pranger gestellt und öffentlich ausgepeitscht werden. Er ist das Böse schlechthin. Nur weil ich stärker bin als mein Nachbar, soll ich ihn zwingen dürfen, mein Unrecht als Recht anzuerkennen? Warum haben wir den verwickelten Instanzenzug der Justiz, die Unabhängigkeit der Richter? Weil in Fragen des Rechts höchste Gewissenhaftigkeit am Platze ist und nicht polterndes Stiefelgestampfe. Die höhere Instanz soll das Urteil der unteren überprüfen dürfen, weil bei der unteren zu besorgen ist, daß sie, dem Sachverhalt zu nahe und möglicherweise mit ihm verquickt, ihn nicht recht beurteilt hat. Je ferner die Richter dem zu beurteilenden Sachverhalt sind, desto weiser und abgeklärter ist möglicher- und zu hoffender Weise ihr Blick. Freilich rücken sie mit der Ferne zum Tatbestand jenen politischen Gremien immer näher, die hierzulande bestimmen, was Sache ist. Daraus ergeben sich Unzuträglichkeiten, deren Tragweite ich hier nicht erschöpfend darstellen kann. Die Gewaltenteilung nämlich, jener geniale Einfall des Monsieur de Montesquieu, wird durch die den Volkswillen mitgestaltenden Parteien vielfach und hintergründig unterlaufen. Immerhin möchte ich auf die Tatsache verweisen, daß die Bundesverfassungsrichter vom Parlament und nicht von der Regierung bestimmt werden. In allen Fragen der Verknüpfung des Rechts mit den wirklichen Institutionen eines Staates muß der Gesetzgeber ein Höchstmaß von Fingerspitzengefühl und Vorsicht walten lassen wie bei sonst keiner anderen Materie; denn wenn das Recht in einem Staat verwest, weil es der Tatsächlichkeit der Macht verfällt, sei es auf dem Wege der Rechtsetzung von Unrecht, der Rechtsbeugung durch beeinflußte und bestochene Richter, der allgemeinen Korruption und juristischen Verwahrlosung – dann sind die Stunden dieses Gemeinwesens gezählt, und es ginge besser heute als morgen zugrunde.

14 Nacherzählung

Scrooge tappt also durch das nächtliche London. Er ist ein Geizkragen, und wie es sich für einen solchen gehört, hat er Angst, von Räubern überfallen und beraubt zu werden. Aber wird er nun von Räubern überfallen oder nicht? Das ist eine Frage, für deren Beantwortung ich die Geschichte, die ich nacherzählen soll, gelesen haben müßte. Leider war mir das in der allzu kurzen Pause nicht möglich, und zu Hause war ich durch verschiedene, hier nicht zur Debatte stehende familiäre Zwischenfälle von regulärer Pflichterfüllung abgehalten. Woran ich mich erinnere, das ist der Nebel, der in Dickens‘ London gerade zu dem Zeitpunkt herrschte, in dem Scrooge durch die nächtlichen Gassen wankte. Komisch, daß die Kombination aus London, Nebel und Weihnachtsnacht auch bei Leuten wie mir, die noch nie in England waren, wohliges Schaudern auslöst. An keinem Ort der Welt kann Kerzen- und Stubenlicht aus einer Wohnung so heimeligkeitverheißend ins rauhe, düstere Außen fallen wie in London. Bestimmte Whisky-Reklamen machen regen Gebrauch von diesem Effekt, und ich gestehe, daß ich trotz meiner Jugend der Versuchung schon nachgab, im Geschmack der betreffenden Sorte die Lockungen und Verheißungen englischen Wohllebens zu erforschen. Sicherlich werde ich eines Tages nach London fahren und dort in unglaubliche Abenteuer verwickelt werden. Wie Gevatter Scrooge durch die weihnachtlich munkelnden und raunenden Winkel pirschend, werde ich über das Bein eines Liegenden stolpern, dem ich aufhelfe. Er ist völlig beschmutzt, aber trotz seines Schmutzes ist er als feiner, vornehmer Mann erkennbar, den vielleicht nur die Einsamkeit zum schändlichen Weihnachtstrunk getrieben hat. Ich stütze ihn, er gibt mir seine Adresse an, die wir mit Hilfe eines Bobbys, uns im Nebel mehrfach verirrend und noch manchen guten Schluck nehmend, finden. Inzwischen weiß ich die ganze Geschichte des Herrn. Er ist ein reicher Londoner Kaufmann mit Namen Macaulay. Was für ein entzückend nach Whisky duftender Name, vor allem aus diesem Mund! Sein Sohn sollte sein Vermögen erben, erwies sich aber als unwürdiger Verschwender, Macaulay enterbte ihn, und Fredric dampfte nach Amerika ab, um in den Fußspuren eines gewissen Poe zum Dichter zu reifen. Da starb Macaulay auch noch die Frau, und nun war er hoffnungslos vereinsamt. Seine Versuche, in politischen Clubs, beim Altenkaffee oder sonstwo Anschluß zu finden, schlugen fehl. Dann las er in einem Comic-Heft, wie Onkel Dagobert, alias Scrooge, aus der berühmten Familie der Ducks, seinen Neffen Donald im Freundefinden dadurch überflügelt, daß er mit einem Schubkarren voller Geld durch die Straßen geht. Die Leute drehen sich um und sagen: „Reizender alter Herr!“ und „Köstliches Original!“ Das probierte auch Herr Macaulay aus, aber wahrscheinlich zum falschen Zeitpunkt. Ein paar stämmige Kerle nahmen ihm seinen Schubkarren mit den Worten ab: „Na, Alter, wir schieben das Ding schon nach Hause! Plag dich nicht weiter und geh einen saufen!“ Das tat er dann, aber Freunde hatte er nicht gefunden. Wir gingen die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. „Nanu,“ sagte er, „habe ich das Licht angelassen? Das tue ich doch sonst nie!“ „Vielleicht sind die Schubkarrenschieber auf Besuch gekommen, um Ihnen fröhliche Weihnachten zu wünschen!“ Das war ich, der da, etwas beklommen, im nebelklammen Londoner Treppenhaus redete. Die Tür war offen, Kerzen waren angezündet, es duftete wunderbar nach dem saftigsten Napfkuchen und dem krossesten Flachgebäck, und eine junge Dame in einem Kostüm, wie man es vielleicht vor hundert oder hundertfünfzig Jahren trug, flog und flatterte uns entgegen. Aus dem lieblichen Gezwitscher, mit dem sie uns umgab, war zu entnehmen, daß sie Fredrics Frau gewesen und daß dieser verblichen war, ohne eine einzige Zeile zu veröffentlichen. „Geh und besuche meinen armen alten Vater!“ hatte er auf dem Totenbett geseufzt und ihr den Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt. Sie sei gekommen, um den Vater ihres über alles geliebten Fredric für immer zu versorgen, zu bekochen und zu verwöhnen, und für mich, als seinen Wohltäter, habe sie eine ganz besondere Aufgabe: Die Kiste mit den Manuskripten von Fredric Macaulay junior zu sichten, zu ordnen und herauszubringen. O, was für ein seliges Weihnachten war das! Unsere Augen und Münder flossen über von Liebe und Anis und Kardamom, alles war Bienenwachs, Ilexblatt und natürlich der unvermeidliche Plumpudding, gekocht im Wasserbad und genießerisch im Kerzenlicht unter Liedern und Küssen verschmatzt und verdrückt. Der Alte entpuppte sich als leidlicher Schachspieler, und während Virginia, so hieß das entzückende Wesen, in der Küche kochte und plätscherte, machten unsere Figuren auf dem elfenbeinernen Brett leise klick und klack, während das Feuer im Kamin knisterte und die ganze Welt draußen in Nacht und Nebel versank.

15 Weg im Nebel I

Ich trete aus der Stadtbücherei. Dicker Nebel! Die Tasche mit den Büchern ist schwer. Ich habe mir Leseproviant für die Ferien besorgt. Zwar erwarte ich zu Weihnachten ein paar Bücher – aber wer weiß, ob sie halten, was sie versprechen. Zum Glück ist die Stadt klein, der Weg wohl weit, aber leicht zu finden. Hier würde ich auch blind zurechtkommen, deshalb ängstigt der Nebel mich nicht. An die Stelle der Lampen sind verschwommene neonfarben strahlende Ballons getreten. Aha, Geknatter. Dann ist der Marktplatz nicht mehr weit, wo die Motorradhelden sich auf ihren Maschinen lümmeln. Die Armen! In der dicken Suppe werden sie ihr Publikum nicht finden. Deshalb machen sie sich mit Lärm bemerkbar. Der wird durch den Nebel nicht gedämpft, sondern noch weiter getragen und platzt unmittelbar aufs betäubte Ohr. Da gibt es ein Lokal mit plattdeutschem Namen, das wir nicht betreten dürfen. „Kiek in!“ fordert es mich auf. Ich brauche mich nicht besonders zusammenzunehmen, es nicht zu tun. Man würde mich dort nur von oben bis unten mustern mit meiner schweren Büchertasche und mich mit: „Na, Schliemann?!“ willkommen heißen. Ich habe einen Klassenkameraden, der dort regelmäßig verkehrt. Das schreibe ich hier in der Hoffnung, daß man nicht so taktlos sein wird, es für eine Meldung zu nehmen und Nachforschungen anzustellen. Selbst auf der Folter würde ich seinen Namen nicht preisgeben; denn obgleich er reichlich früh anfängt mit Rauchen und Trinken, ist er doch ein guter Kamerad. Der „Gute Kamerad“ war zur Kinderzeit meiner Mutter eine Abenteuerbuchreihe für Jungen. Bisweilen erwischt man aus der Reihe noch ein Exemplar, z.B. „Hans Starck, der Elefantenjäger“. Damals ging es in Afrika noch hart und herrlich zu. Löwen und Gorillas waren noch Bestien, denen man zwischen die Augen zielte, statt sie zu fangen und elend in Zoos auszustellen. Auch in Afrika gibt es gelegentlich Nebel, aber von einer anderen Sorte. Dann trägt der Sturm den Wüstensand empor, bis die Sonne sich rötlich verdunkelt und noch durch den geschlossenen Mundspalt Sandkörner dringen – so scharf ist der Wind und so fein sind sie. Beduine mit einem Kamel müßte man sein statt Leihbüchereibücher nach Hause tragender Beamtensohn. Aber es stimmt nicht, mein Vater ist kein Beamter, sondern Richter. Darauf pflegt er voll Stolz hinzuweisen, wenn man ihn mit den Beamten in einen Topf wirft. Richter sind unversetzbar, während ein normaler Beamter sozusagen die Koffer immer gepackt lassen muß. Diplomaten können ein Lied davon singen. Heute müssen sie marokkanisch sprechen und Hammelaugen essen, morgen schon dürfen sie dem Heiligen Vater den Fuß küssen. Enorm, was es an Lebensmöglichkeiten alles gibt. Für welche soll ich mich einmal entscheiden? Diplomat wäre nicht die übelste Laufbahn. Da könnte ich, von ferne geführt und in herrlichster Verantwortungslosigkeit in immer neue Rollen schlüpfen. Bloß nie sich festlegen! Ersticken müßte ich, würde ich fürchten müssen, in einem Nest wie Krogstedt den Rest meiner Tage zu verbringen. Hier ist es schön, Kind zu sein, weil alles klein ist, und Kinder lieben das Kleine. Aber wenn ich groß bin, will ich ins Große ziehen, wo niemand mich kennt. Heiße ich etwa Rumpelstilzchen? Mitnichten. Der Nebel wird lästig. Ich gehe zum Stiefelsee hinunter, da sehe ich ihn nicht, weil es dunkel ist. Nacht und Nebel ist eine komische Wortverbindung, denn Nebel sieht man normalerweise doch nur bei Licht. Hier ist es still und naß. Bäume und Büsche scheinen zu schmelzen, alles ist ein Geriesel und Getropfe. Rabrab! Das war ein Bläßhuhn. Von der Sorte gibt es hier Hunderte auf dem See, sie machen die billige Masse der Vögel aus. Auch Möwen verdienen aufgrund ihrer Häufigkeit kein besonderes Interesse, während gewisse Leute beim Auftauchen eines Eistauchers aus dem Häuschen geraten. Um ein Tier wertvoll zu machen, muß man es dezimieren. Den Spatzen und den Tauben wird erst Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie kurz vor dem Aussterben stehen. Bis dahin wird man sie weiter verachten dürfen. Hoppla! Ich habe übertrieben, als ich sagte, ich käme hier blind zurecht. Dieser Holzbalken war mir entfallen. Oder ist er neu? Himmel, was laufe ich auch bei Nacht im Nebel am Stiefelsee herum? Nichts wie nach Hause und unter warmer Lampe ein Buch aufgeklappt!

16 Sollten alle Geheimnisse enthüllt werden?

Hierauf antworte ich schlicht und einfach: Enthüllbare Geheimnisse werden enthüllt werden, egal, ob das gut ist oder nicht. Nicht enthüllbare Geheimnisse aber werden nicht enthüllt werden, selbst wenn es wünschenswert wäre, das zu tun. Wer sich dafür einsetzt, daß enthüllbare Geheimnisse verschleiert bleiben, der macht sich der Behinderung der Wissenschaft schuldig. Und wer sich für die Entschleierung unenthüllbarer Geheimnisse einsetzt, ist ein Phantast. Hiermit wäre das Thema für mich erschöpft. Aber was tun in den folgenden zwei Stunden? Also sauge ich mir ein paar Beispiele aus den Fingern. Die Funktionsweise unseres Sonnensystems war ein Geheimnis. Es wurde von vielen als solches nicht erkannt, weil sie sich mit den ptolemäischen Fehlerklärungen zufrieden gaben. Aber nachdenkliche Menschen wußten: Hier gibt es Widersprüche und Unerklärliches! Kopernikus schließlich kam drauf – er entschleierte das enthüllbare Geheimnis zumindest teilweise. Noch meinte er, die Planeten bewegten sich in Kreisbahnen. Aber diesen Irrtum behob dann Kepler. Und Newton schließlich fand das alles durchwaltende Prinzip, die Kraft heraus, die das System zusammenhielt und steuerte: die Gravitation. Alle Versuche der Kirche, die Wissenschaft von diesen Entschleierungen abzubringen, sind gescheitert. Bekanntlich hat man dafür sogar Menschen auf den Scheiterhaufen gebracht (Giordano Bruno). Es war alles umsonst. Ein anderes Beispiel ist die Struktur der Materie, die Spaltbarkeit des Atomkerns und die entsetzliche Energiefülle, die dabei frei wird. Vielleicht wäre es gut gewesen, die Menschen von diesen Entschleierungen abzuhalten. Ja, vielleicht hätten die Wissenschaftler selbst ihre Erkenntnisse herunterschlucken, vernichten müssen. Aber die Wahrheit bricht sich mit der ihr eigenen Brutalität Bahn. Die Nazis haben in ihrem rassistischen Dünkel gemeint, die Relativitätstheorie Einsteins als „jüdische Physik“ abtun zu können – und haben sich damit nur lächerlich gemacht. In der Religion wird manches behauptet, was einer Überprüfung nicht standhält. So kann es nach heutigem Erkenntnisstand weder einen Himmel noch eine Hölle als Aufenthaltsort der Seelen geben, ja, eine Existenz der Seele unabhängig vom Körper ist außerordentlich unwahrscheinlich. Diese Lehren werden mit dem Schleier angeblicher Geheimnisse umgeben, weil man glaubt, so gewönnen sie den Anschein von Wahrheit. Auch die Seelenwanderung, das Leben in einer früheren und einer nachfolgenden Existenz, gehört zu diesen Scheingeheimnissen, von denen, wenn man genauer hinschaut, nichts übrig bleibt. Mein Ich ist leider durch Zeugung und Tod begrenzt, zumindest ist das für mich eine Tatsache, von der ich mich durch die Flötentöne der Sektierer nicht abbringen lasse. Gerade in dieser Begrenztheit findet das Ich seine Individualität, auch seine Tragik. Wer bei der Verwirklichung eines großen Plans scheitert, ist eine tragische Figur nur, wenn er nicht anschließend als Kuh weiterlebt. Geheimnisse enthüllbarer Art gibt es jedoch noch in Hülle und Fülle. Wie z.B. kam Kopernikus auf die Idee, die Sonne in den Mittelpunkt zu verlegen? Ich habe gefunden, daß der alte Leonardo sich intensiv mit dem Strudel auseinandergesetzt hat, jener Bewegung, die in der Luft den Hurrikan, im Wasser den Katarakt, im Weltraum den Sternnebel hervorbringt: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Kopernikus, auf welchem Weg auch immer, von diesen Überlegungen des genialen Greises erfuhr und sie umsetzte. Damit will ich seine Genialität nicht in Frage stellen. Aber unendlich viele Zusammenhänge sind möglich, sind aufklärbar, und das Fragen und Suchen des Menschen hat nie ein Ende.

17 Was mir das Theater bedeutet

Meine erste Begegnung mit dem Theater war ein schulisches Krippenspiel. Ich kämpfte mühsam gegen das Einschlafen, weil ja nichts fraglich war. Es war klar, daß Maria und Joseph in einem Stall würden übernachten müssen, es war klar, daß dort Jesus zur Welt kam, es war klar, daß die Engel, daß die Hirten, daß die Könige aus dem Morgenland kommen würden. Eine längst bekannte Geschichte wurde auf der Bühne nachgestellt – Einschlaftheater ist man bei allem Respekt vorm Evangelium diese Art von Bühnenereignis zu nennen berechtigt. Erst als ich einmal „Hamlet“ sah, wurde mir klar, was Theater sein kann. In den Monologen schauen wir Hamlet dabei zu, wie er um eine Entscheidungsfindung ringt. D.h. wir befinden uns mit ihm in absoluter, offener Gegenwart, und selbst, wenn wir den Inhalt des Stückes schon kennen, die Kraft des Darstellers vermag uns in den Moment des Ringens mit hereinzuziehen, wir ringen innerlich mit ihm. Dieses: mit angehaltenem Atem einem Menschen zuzuschauen, wie er handelt – oder um Handeln sich bemüht – diese Lust am offenen Tun ist es, die ich im Theater suche und manchmal auch finde. Dabei ist dann die Angst, nicht alles richtig bedacht zu haben, sehr groß – und in der Tat führt auf der Bühne – wie im Leben – das Handeln oft zu Ergebnissen, die nie beabsichtigt wurden. Der Grund liegt meist im Gegenhandeln anderer, manchmal aber auch im Widerstand der Wirklichkeit, in der Unvollkommenheit des Plans, in einem unfassbaren „Es hat nicht sollen sein“. Dieses Scheitern erleben wir als Tragik, sie löst in der Wirklichkeit Entsetzen und Schmerz, auf der Bühne einen wohligen Schauer, wenn nicht gar Schauder aus. Andere Effekte, die ich am Theater liebe, sind die Erkennungsszenen: Menschen haben einander lange nicht gesehen und erkennen einander nun unter völlig veränderten Bedingungen wieder, z.B. Orestes seine Schwester Iphigenie und diese ihn in dem Moment, in dem sie ihn auf Tauris als Priesterin opfern soll. In alten Zeiten mit ihren Kriegen und Wirren und fehlenden Personalausweisen hat es solche Szenen in der Wirklichkeit sicherlich oft gegeben; heute sind sie seltener geworden – doch vor der Haustür wie vieler frischverheirateter Kriegerwitwen hat nicht ein zerlumpter, halb verhungerter Mann gestanden! Die Tragödie ist für mich auf dem Theater das Größte; die Komödie ist gleichsam ihre niedliche kleine Schwester. An ihr schätze ich vor allem, wenn sie mit gesalzener Kritik aufwartet. Meine liebste Komödie ist „Der Revisor“ von Gogol. In ihr hat mein Bruder einmal den Polizeimeister gegeben – eine runde und schöne Leistung, auf die ich, glaube ich, stolzer war als er. In dieser Komödie enthüllt Gogol den Opportunismus einer kleinen Stadt und ihrer Amtsträger mittels eines kapitalen Mißverständnisses: Ein argloser junger Mann, der im Gasthof des Städtchens nächtigt, wird für den richtigen Revisor gehalten, und da ihm daraus massive Vorteile erwachsen – die Bürger des Städtchens bieten ihm schließlich sogar ihre Töchter an – spielt er fröhlich mit. Der Zuschauer durchschaut, was die anderen Handelnden scheinbar nicht durchschauen, und aus diesem Mehrwissen ergibt sich die Fülle der Komik. Bei Dürrenmatt heißt die kleine Stadt „Güllen“, was soviel ist wie Jauche, und ein Mädchen kehrt in sie zurück, das hier einmal mittels einer bemeineideten Mehrverkehrseinrede zur Hure gestempelt wurde. Aus ihr ist eine Milliardärin geworden, und nun erzwingt sie mittels eines gigantischen Geldköders Gerechtigkeit. Aus diesem „Besuch der alten Dame“ kamen meine Eltern einmal völlig verstört nach Hause zurück. Mein Vater ist Richter, und ihm war, als sei ihm das Fundament seines Handelns weggesprengt worden; meine Mutter hingegen hatte sich mit dem antikischen Zorn der alten Dame identifiziert, und so gab es auch noch Streit zwischen beiden. Hieraus erhellt, wie unmittelbar das Theater in unser Leben hineinwirken kann, und ich hätte die allergrößte Lust, unser Örtchen Krogstedt ebenfalls einmal in den Mittelpunkt einer Komödie zu stellen, aber nicht eine alte Dame kehrte hierher zurück – sondern der Abkömmling eines Krogstedter Juden, dem man hier Haus, Besitz, Amt, Würde und Leben geraubt hat. Aber würde man es wagen, in diesem schrecklichen Zusammenhang zu lachen? Gelacht werden sollte ja über das würdelose Kriechen der Täter und ihrer Kinder. Aber vielleicht ist die Zeit dafür erst in hundert Jahren reif.

18 Interpretieren Sie Ihr liebstes Gedicht!

Mein liebstes Gedicht ist das folgende:

Geboren im Park,
springt der beschattete
Quell fröhlich hinaus,
wo Wiese und Weite glänzt,
schwillt zum Strom,
ernährt Länder und Städte
und geht schließlich
im Vater, im Ozean, auf.

Von wem es stammt, weiß ich nicht genau. Ich glaube, es ist von Hölderlin, konnte es aber bisher in keiner Werkausgabe finden. Es ist ein ganz simples, normales Gedicht, wie ich meine, mit Ausnahme der Reime, die es nicht besitzt, was mir sehr gefällt. Reime haben was Künstliches, es gibt Reimlexika, an denen reimende Dichter sich inspirieren, und das erscheint mir, Verzeihung, primitiv. Auch bei ihm, dem unbekannten Dichter, singt und klingt die Sprache. In Wiese und Weite stabreimt das alte Germanentum, das wir trotz seines Mißbrauchs in der Nazizeit nicht völlig verdrängen wollen. Park und beschattet, Vater und Ozean, da ist es, das schöne, das staunende A, das er ja sagen und klagen läßt. Später dann herrscht das demokratische Ä vor: Es glänzt und ernährt in Länder und Städte und setzt sich gemächlich vom klaren und uralten A ab, dem feudale Züge anhaften wie z.B. der Park, aus dem der Strom kommt. Im Strom orgelt das große O wie in Sohn, und in der Tat ist ja der Strom ein Sohn, nämlich des Ozeans, in dem sich das liebe O mit dem adligen A hochzeitlich verbindet, Sohn und Vater werden eins. Ist das nicht hübsch interpretiert? Das war sozusagen der formale Teil, oder sind noch ein paar Silbenzählereien gefällig? Jamben und Trochäen lassen sich im Deutschen schwer auseinanderhalten, weil man nie weiß, was Auftakt und was Versmaß ist. Wer das Gedicht ein bißchen mit Gefühl und drive – Verzeihung, das ist aus der Jazzsprache und bedeutet rhythmische Spannung – liest, merkt schon, worum es geht und braucht keine Anapäste und apoplektischen Verse, wenn ich letzteren Witz mir erlauben darf, lieber Herr Lehrer, und Ihrem Herzen die beste Gesundheit wünschen. Wir kommen zum Inhaltlichen. Inhaltlich, könnte man meinen, der Dichter hätte gerade die Moldau von Smetana gehört, als er das Werklein schrieb. Das kann jedoch nicht angehen, weil Hölderlin, wenn er denn der Verfasser war, als Smetana die Moldau schrieb, meines Wissens schon tot, zumindest aber schon verrückt war. Oder war er gar nicht verrückt? Eine Frage, mit der man mutmaßlich Bände füllen und Kongresse beschäftigen könnte, weshalb ich ihr ausweiche und frage: Warum wird der Quell im Park und nicht im Wald geboren? Mir scheint das die Kernfrage des Gedichts zu sein. Einen Park stelle ich mir gepflegt vor mit weißen Statuen zwischen dunkelgrünen Taxus-Hecken, mit Lauben, Grotten und lauschigen Winkeln, vielleicht sogar einem Labyrinth, in dem man herumirrt und dem aufreizenden Gekicher irgendwelcher Hofdamen nachläuft. Hier soll ein Strom entspringen? Möglicherweise als kunstvoll rieselnder römischer Brunnen? Man merkt daran, daß von einem Fluß gar nicht die Rede sein kann, sondern von etwas anderem, das in das Bild des Stromes kunstvoll eingegossen und mit ihm verschmolzen ist. Vielleicht das Leben des Dichters, das in behüteter, beschatteter Kindheit, zum Teil möglicherweise in fürstlicher oder großbürgerlicher Behaglichkeit beginnt, um dann ins Offene, Unbehütete, Demokratische, in den Lebenskampf der Länder und Städte hinauszufließen wie z.B. das Leben Edgar Poes, der von seinem steinreichen Ziehvater aus dem Hause gewiesen wurde. Wahrscheinlich träumt der Autor davon, einmal ein großer Dichter zu sein, dessen Worte von den Volksmassen wie Manna aufgesammelt und verzehrt werden; anders ist das Ernähren nicht zu erklären – o, jetzt fließt mir schon ein Reim herein wie Honigseim. Ein Wort, das mir stärkstens mißfällt, ist „schließlich“. Hier ist dem Verfasser offenbar nichts Besseres eingefallen, und die einzige Entschuldigung finde ich in der Tatsache, daß „schließlich“ an Fließen anklingt, ein Wort, das im Gedicht eigentlich vorkommen müßte, aber nicht vorkommt. Eigenartig ist nun, daß das Dichterleben, das im Park oder Fürstengarten begonnen haben soll, im Ozean, den der Verfasser „Vater“ nennt, endet und aufgeht. Betrachtet man die Geschichte, so vollzieht sich in ihr doch eigentlich die umgekehrte Bewegung: Von der Natur in die Kultur, und auch ein Menschenleben beginnt mit dem namenlosen kleinen Freßschlauch Baby und führt dann in die unendlichen Bildungsbemühungen von Eltern, Schule und Gesellschaft. Daß also die Natur das Ende und Ziel der Bewegung und nicht ihr Anfang ist, erfüllt mich mit maßloser Bewunderung dieses im übrigen allenfalls durchschnittlichen Gedichts; denn auf einmal spürt man die Sehnsucht des „Zurück zur Natur!“ als in die Zukunft gerichtet, die Möglichkeit eines „Jenseits“ der verunglückten menschlichen Zivilisation dämmert herauf und wird zum Bild des Vaters Ozean, in den alles Wasser, vorwärtseilend, zurückkehrt.

19 Freithema

Nichts kann einen Schüler so verlegen machen wie die Nötigung, sich selbst ein Thema zu stellen. Denn unter dem immerhin hübschen Deckmantel der Freiheit wird ihm hier eine Falle gestellt, in die nur der Unbesonnene schnurstracks hineinläuft und zum Beispiel über das edle Fußballspiel schreibt, obgleich er doch weiß, daß der liebe Herr Deutschlehrer nichts so sehr verachtet wie diesen Proletensport. Und muß er sich dann bei der Lektüre eines solchen Aufsatzes mit Feinheiten wie Doppelpaß und Abseitsfalle abplagen, so ist selbst bei ordentlichster Anfertigung der Arbeit kaum damit zu rechnen, daß er seinem Rotstift ein Gut oder auch nur ein Befriedigend abringt. Vielmehr wird er ein mattes Ausreichend ins Tor des Fußballfreundes schlenzen, während derjenige, der etwas von hoher Dichtkunst und zartduftender Poesie herunterschmiert, von vornherein einen Pluspunkt hat, und wenn das Unternehmen auch kläglich mißlingt, so wird der Korrektor zwar „Schade!“ seufzen, aber er wird doch, angesichts der Schwierigkeit der Themenstellung und des Mutes, sich ihr zu unterwerfen, ein erfrischendes Befriedigend, vielleicht sogar ein munteres Gut daruntersetzen. Herzlichen Dank! Mit diesen Überlegungen habe ich mir selbst den Rückzug verbaut. Fußball geht nicht aus den erwähnten Gründen, und Poesie, ich bitte doch sehr, Herr Studienrat, würden Sie es wagen, jetzt noch darauf hereinzufallen? Ich beschreite deshalb den allseits empfohlenen goldenen Mittelweg und spreche über die Poesie des Sports. Da habe ich Sie gefangen! Jetzt müssen Sie aufmerken, ob Sie wollen oder nicht, und ich werde Ihnen beweisen, daß Ihre Verachtung des Ballspiels eines geistigen Menschen nicht würdig ist. Zu allen Zeiten und in allen Völkern wurde Sport getrieben. Ich will nicht von den alten Griechen anfangen, sonst wird ein Olympia-Aufsatz daraus mit Fackeln und Fahnenschwingen. Aber haben nicht die besten Dichter Griechenlands auf die Sieger im sportlichen Wettkampf ihre Lieder gesungen? Ich finde das zumindest bemerkenswert. Der Name Pindar fällt mir ein, über den Sie Näheres im literarischen Lexikon nachschlagen können. Was nun das Ballspiel betrifft, so hat es vor den Wettkämpfen voraus, daß Kraft und Geschicklichkeit zueinander in einem besonders guten Verhältnis stehen müssen, das im Idealfall Eleganz erzeugt. Am wenigsten ist das noch im Handball der Fall, einer Sportart, für die ich mich nicht begeistern kann, besonders dann nicht, wenn sie auf dem Feld stattfindet. Mal drängen sich alle vorm einen, mal vorm andern Tor, in der Mitte grasen die Kühe. Das war ein Zitat unseres Sportlehrers, der in diesem Punkt genauso denkt wie ich. Seit alter Zeit hat man darüber nachgedacht, wie man den Zufall im Ballspiel dadurch vergrößern kann, daß man dem Ball die Hand bzw. der Hand den Ball verbietet. Man hat Schläger eingeführt wie im Tennis, Schlagstöcke wie im Schlagball, Baseball, Kricket und Hockey. Die genialste Idee von allen, weil die einfachste und zugleich riskanteste, war die, die Hand völlig auszuschalten und den Ball nur noch mit dem Fuß spielen zu lassen. Nur Kopf und Brust wurden noch zugelassen, weil mit ihnen gezielt den Ball zu regieren eher noch schwerer ist. Der ganz auf die Hand gezüchtete und eingerichtete Mensch muß durch diese Regel sein ungeschicktestes Körperteil kultivieren und geschickt machen. Unberechenbar prallt der Ball vom Schuh bald hier-, bald dorthin, pausenlos wechselt er die Seite oder Partei, so daß im Spiel ein oft atemberaubendes Hin-und-Her der Chancen herrscht, welches das Publikum wie beim Anblick des leibhaftigen Schicksals von den Bänken reißt und ihm beim Beinahetor des Lattenschusses jenen unnachahmlichen und unvergeßlichen Massenseufzer entringt, den jeder, der ihn je gehört hat, im Ohr behält, so daß er ein „arbeitendes“ Stadion aus Kilometern Entfernung am bloßen Aufseufzen erkennt. Zufall und Notwendigkeit, diese beiden scheinbaren Feinde, die sich hinter der Kulisse immer in den Armen liegen, beherrschen sowohl den Fußball wie die Poesie (z.B. wenn sie sich den Reimzwang verordnet), und wie die Poesie hat der Fußball seine Regeln und Gesetze, ja, er hat sie wie ein verfaßtes Gemeinwesen, weshalb ich den Fußball für ein staatspädagogisches Mittelchen ersten Ranges halte. Was hat nicht der Herr Schiedsrichter für eine Macht! Demokratisch wäre es, die Spieler jeweils abstimmen zu lassen, ob ein Elfmeter erfolgen soll oder nicht, aber da sicherlich der Fraktionszwang eingeführt würde, stünde es immer elf gegen elf, so daß ein Zünglein an der Waage geschaffen werden mußte, und das eben ist der Unparteiische, der auf die Abstimmungen aus Gründen der Zeitersparnis gleich verzichtet. Sollte man dasselbe nicht auch in unserem gelobten Staatswesen tun? Aber ich vermesse mich, unser Grundgesetz in Frage zu stellen, ein Vorgang, für den ich die Poesie des grünen Rasens keinesfalls verantwortlich machen möchte. Doch möchte ich nicht versäumen, noch eine Lesefrucht anzubringen, die auf den kultischen Ursprung des Ballspiels verweist. Die ersten Bälle sollen die ausgestopften Häute geopferter Tiere gewesen sein – las ich und würde ich gern glauben, weil der Mensch, als er aus dem sicheren Instinktgewahrsam der vormenschlichen Natur entlassen wurde, sogleich in die Obhut der Religion geflüchtet zu sein und so gut wie alles aus ihr abgeleitet, mit ihr legitimiert zu haben scheint. Im amerikanischen Fußball und im Rugby wird in der Tat noch mit einem eiförmigen Ball gespielt, der an ein totes Tier erinnert, so daß Charlie Chaplins Idee, mit der gebratenen Ente, auf die ein Gast wartet, ein Ballspiel zu entfesseln, gar nicht so weit hergeholt ist (in „Modern Times“).

20 Gott ist tot

Dieser Satz Nietzsches hat eine unverdiente Berühmtheit erlangt; denn seine Aussage ist unsinnig. Gott kann nicht tot sein, denn er ist unsterblich. Ist er aber tot, so war er nie Gott. Warum also die Berühmtheit, die diesem Satz zuteil wurde? Weil er etwas anderes markiert als den Tod Gottes: Er markiert das Ende des universellen religiösen Einflusses. Nicht Gott, sondern die Religion ist tot. In dieser Formulierung wäre der Satz aussagehaltiger; in ihr aber wäre er mit Sicherheit nicht so berühmt geworden. Ein sterbender Gott – nun, das ist durchaus vorstellbar. Aber dann ist es kein Gott der jüdisch-christlichen Vorstellungswelt, sondern ein antiker. Die antiken, die heidnischen Götter waren verletzbar. Sie mußten ihre Unsterblichkeit durch den Verzehr gewisser Speisen immer wieder auffrischen: Bei den Griechen waren das Nektar und Ambrosia. Bei den Germanen die Äpfel der Freya, deren Derivate wir in den Sagen und Märchen vom Baum des Lebens finden, der ja sogar in der Schöpfungsgeschichte steht und seine verbotenen Äpfel anbietet. Unsterblichkeit als ein erhaltensbedürftiger Zustand – Göttern, die darin leben, mag das Sterben begegnen. Mit seinem Satz hat Nietzsche also, nimmt man ihn wörtlich, den Gott des Christentums in einen antiken Gott verwandelt. Stirbt er, so bleiben andere übrig. Und so läßt sich sagen: „Wo Gott auszieht, ziehen Götter ein.“ Von wem stammt dieser Satz? Auch von Nietzsche? Ich weiß es nicht. Aber Tatsache ist, daß mit dem Absterben der großen Staatsreligionen das religiöse Bedürfnis nicht erstirbt. Selbst im Sozialismus, der nun vierzig Jahre Zeit hatte, die Menschen atheistisch zu indoktrinieren, soll es noch immer unbelehrbare Frömmler geben. Bei uns aber macht sich anderes breit: Aberglaube und Sektierertum. Ich selbst glaube zum Glück an Nichts. Darin folge ich meinem Vater, der ebenfalls an Nichts glaubt. Deshalb ist er kein Nihilist, sondern nur ein Stoiker. Er ist der Meinung, daß man seine moralische Pflicht zu tun habe, ohne daß es einen anderen Lohn dafür gibt als das beruhigende Gefühl, seine Pflicht getan zu haben. Weder gibt es ein Jenseits, in dem wir für unsere guten Werke belohnt werden, noch gibt es einen lebendigen Gott, der uns seiner Gnade teilhaftig werden läßt, noch haben wir andere als irdische Strafe zu erwarten, wenn wir uns ungehörig verhalten. Dennoch aber sollen wir, auch wenn es schwerer fällt, das Gute tun. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Das moralische Handeln hat gleichsam seinen Lohn in sich. Das gefiel mir immer sehr gut. Aber jetzt habe ich meinen Vater in einem familiären Zusammenhang zu meiner Mutter sagen hören: „Da kann man nur noch beten.“ Also betet er manchmal! Zu welchem Gott? Es fällt mir schwer, ihn mir mit gefalteten Händen vorzustellen. Was murmelt er? Sagt er „Lieber Gott“? Beendet er sein Gebet mit „Amen“? Vielleicht sollte ich hier nachtragen, daß meine Eltern nie kirchlich geheiratet haben und schon vor Beginn der Nazizeit aus der Kirche ausgetreten sind. „Es bedurfte der Nazis nicht, um mich zur Heidin zu machen, das hat die Kirche ganz allein geschafft,“ pflegt meine Mutter zu sagen, wenn man die Vermutung äußert, ihre Nichtkirchlichkeit sei ein Überrest der Nazizeit. Ihr Heiliger ist Goethe, der seinerseits auf Baruch Spinoza fußt, dem genialen Optiker, den die Amsterdamer jüdische Gemeinde aus ihren Reihen ausschloß, weil er Natur und Gott ineins zu setzen sich vermaß. Naturfrömmigkeit ist es, die meine Mutter empfindet, und wenn andere Menschen in die Kirche gehen und zu Gott beten, geht sie in den Wald und umarmt einen Baum.

21 Mauer, Brücke, Turm – assoziieren Sie!

Was fällt mir zu diesen Begriffen ein? Eine mittelalterliche Burg! Sie ist von einer Mauer umgeben, und vor der Mauer fließt der Graben, d.h. er steht, Entenflott treibt friedlich darauf, ein Schwan segelt gemächlich herbei und will gefüttert werden. Wir aber wenden unser Augenmerk der Brücke zu, die über den Wassergraben führt. Heute ist es eine feste Steinbrücke; vor Jahrhunderten aber war es eine Ziehbrücke; wenn Gäste kamen, die nicht eingeladen waren, zog man ihnen die Brücke vor der erstaunten Nase empor, und dann konnten sie sehen, wo sie Hunger und Durst stillten, jedenfalls nicht in der Burg, die in ihrem Mauerpanzer uneinnehmbar dastand, und vielleicht lachte ihr Inhaber und Besitzer höhnisch aus einer Schießscharte und spottete die unwillkommenen Ankömmlinge weidlich aus, wofür man ihm vielleicht einen spitzen Pfeil hinaufsandte, der am Stein aber wirkungslos abprallte. Eine Mauer schützt! Sie trotzt! Sie ist ein Bollwerk gegen das Unerwünschte, und als solches dem einen eine Freude, dem anderen ein Gegenstand des Hasses. Also wird man die Burg ein wenig belagern müssen. Ringsum qualmen die Lagerfeuer des bösen Feinds, weder bei Tag noch bei Nacht wird jemand hinaus- noch hereingelassen, still, schwarz und trotzig steht weiterhin die Ummauerte, aber in ihrem Innern rumort es wie in einem Leib, der Hunger hat. Aus dem finsteren Trotz wird Scheinheiligkeit; die vorher nur schützenden Mauern sind jetzt auch einsperrende Mauern geworden, und während die Bewohner sie vordem priesen, schauen sie sie jetzt haßerfüllt an und verfluchen sie wie die Mauern eines Gefängnisses. „Sollen wir sterben in deinem Innern, verdammte Burg?“ murren sie, und verzweifelt halten sie Ausschau vom Turm. Da haben wir auch den dritten im Bunde unseres Aufsatzthemas; er überragt die Mauern fast um deren Höhe. Sein Dach ist rund und spitz, und unter dem Dach hervor lugt es sich herrlich ins weite Land hinaus, das da ausgebreitet liegt mit Weinbergen, in denen gearbeitet wird, mit einem herrlichen Strom, auf dem die Schiffe zuberg gezogen werden von stämmigen Treidelpferden. Aber für all diese vom Dunst des Sommers und der Vergangenheit umwobene Schönheit haben die Belagerten kein Auge, sie suchen nur nach Anzeichen des sich nähernden Entsatzes, nach blauweißen Fahnen, die zwischen Rebbergen auftauchen sollen und Tag um Tag nicht auftauchen wollen, während in der Burgküche schon die Lederkoller der Ritter in Sauer gekocht werden, weil nichts anderes zu essen mehr da ist. So ein Turm ist das Bild eines wilden und unbesieglichen, weil nie schlummernden Recken, der auf dem Felsen steht und mit seiner raubvogelartigen Wachsamkeit jedes Aufbegehren der umwohnenden Bauern schon im Keim erstickt. Ach, das waren noch Zeiten, als die Mächtigen auf den Bergspitzen saßen, so daß man nur den Blick zu erheben brauchte, um sie zu sehen. Eine hübsche und märchenhafte Klarheit war in den Verhältnissen, die Herrschenden saßen oben und schauten hinab, und wir Armen plackten uns in der Ebene und konnten bisweilen angstvoll und träumerisch hinaufblicken, wo der weiße Schleier eines Burgfräuleins verheißungsvoll aus dem Fenster wehte. Heute hingegen haben Mauer, Brücke und Turm ihre alte Sinnbildhaftigkeit verloren. Sie sind nur noch Äußerungsformen einer aufs Praktische, Klimatische und Alltägliche gerichteten Architektur, und wer etwa glauben wollte, eine Mauer schütze, der braucht nur in eine der umliegenden Großstädte zu fahren und kann sich anschauen, wie da an den Ruinen des Bombenkriegs noch so manche hübsche Blumentapete in grausig entblößter Höhe im Winde flattert. Wie Kartenhäuser brechen heute auch die festesten Häuser unter dem Ansturm von Dynamit, TNT und Phosphor zusammen, ganz zu schweigen von der Atombombe, die ein einziges höhnisches Grinsen auf alle Arten von Architektur ist. Und die Mächtigen unserer Zeit, wo hocken sie? Finden wir sie auf den Bergspitzen oder nicht vielmehr in entlegenen Waldwinkeln, an den Ufern versteckter Seen, wo sie ihre zugleich unscheinbaren und innerlich prächtigen Häuser bauen? An die Stelle der herrscherlichen Blickverbindung ist die unsichtbare Verdrahtung durchs Telephon getreten; Herrschaft wird nicht mehr sichtbar, sondern unsichtbar oder nur mittelbar sichtbar – im Fernsehen – ausgeübt, und so tappt der junge Mensch durch eine Welt, in der scheinbar alles durcheinander liegt, in der unter dem Anschein bunter Vielfalt heimliche Macht sich verbirgt und selbst den noch steuert, der seine Freiheit zu genießen meint. Türme kennen wir noch als Fernsehtürme; für die Aussendung des Fernsehbildes ist absurderweise wieder Blickverbindung erforderlich, deshalb werden die Betonkolosse gern auf Bergen oder anderen höchsten Punkten errichtet, um einen möglichst großen Bereich mit ihrer geballten Ladung an Langeweile zu bestreichen. Und Brücken? Oft merkt man es gar nicht, wenn man auf der Autobahn in schwindelnder Höhe ein Tal überwindet. Nicht die Brücke ist das Besondere, sondern sie verkörpert das Vernünftige und Normale, die Landschaft hingegen hat an dieser Stelle eine vielleicht natürliche, aber unpraktische und störende Vertiefung, Knickung oder Senkung, die durch die Brückenführung quasi operativ behoben wird. Ach, wie gern möchte ich einmal an einer Brücke aus Hanfseilen einen schäumenden Urwaldfluß überqueren, um zu erfahren, was eine Brücke zu sein vermag: Verbindung zweier Ufer! Bei uns verbindet sie nicht mehr, sondern erklärt den unten fließenden Fluß zur unsinnigen Störung; am besten würde er gleich noch kanalisiert oder ganz abgeschafft, denn unsere Brücken überwinden nicht mehr, sie vernichten. Ist das zu pessimistisch gesehen? Für einen Schulaufsatz vielleicht, in dem es zum guten Benehmen gehört, eine aufmerkende Heiterkeit zur Schau zu stellen. Ich möchte deshalb abschließen mit der Bemerkung, daß es mir Spaß gemacht hat, über die drei Wörter ein wenig nachzusinnen.

22 Strafarbeit

Wer mich bestrafen will, sollte mir keinen Aufsatz aufgeben; denn Aufsätze schreibe ich für mein Leben gern! Sie haben mir also, geschätztester Pädagoge, einen Gefallen getan, als Sie mich verdonnerten, über mein Verhalten im Unterricht schriftlich nachzudenken. Das tue ich hiermit und stelle sogleich einen Gegensatz fest, ja, eine Aporie, falls ich Ihre sicherlich umfangreichen Fremdwortkenntnisse mit diesem Ausdruck nicht überfordere. Auf der einen Seite das Recht des Lehrers, die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Schüler zu genießen, auf der anderen Seite das Recht der Schüler auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeiten (Art. 2 des Grundgesetzes) auch im Unterricht. Beide Rechte lassen sich nicht immer miteinander zur Deckung bringen. Insbesondere sollte ein Pädagoge, dessen Schüler zur Disziplinlosigkeit neigen, sich einmal zu fragen geruhen, ob es nicht an der Qualität seines Unterrichts – oder deren Fehlen – liegt, wenn niemand sich für das interessiert, was er vorbringt. Die meisten Lehrer huldigen immer noch dem längst überholten Modell des Frontalunterrichts: „Wenn alles schläft und einer spricht,/ so heißt das Arbeitsunterricht,“ reimte man vorzeiten. Warum kommen Sie nicht mal auf die Idee, uns den Unterricht über ein Thema selbst organisieren zu lassen? Wir wissen schon genug, um die Beschaffung von mehr Wissen methodisch anzugehen. Verlassen Sie sich drauf: Es funktioniert! Stattdessen dröhnen Sie uns Stunde für Stunde mit Wissen und Fakten voll, bis wir schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb oder um nicht einzuschlafen mit unterhaltsamen Gesprächen beginnen. Diese Gespräche sind ja nun keineswegs überflüssig und dumm, oder zumindest sind sie es nicht immer! Dies aber unterstellen Ihro Gnaden, wenn Sie sie ohne jede Nachfrage zu unterbinden suchen. So stritten mein Banknachbar und ich heute über die Frage, ob ein Künstler denselben moralischen Maßstäben unterliege wie ein Normalbürger. Er meinte ja, ich meinte nein, und Sie können sich vielleicht vorstellen, daß dieses Thema uns weitaus mehr interessierte als das Perfekt der Modalverben. Oder sind Sie nicht mit mir der Meinung, daß ein Künstler, getrieben von seiner irrationalen Genialität, das Recht haben müsse, auch über Leichen zu gehen? Caravaggio z.B., der gewaltige Maler des Helldunkel, war ein Mörder; hätte man ihn deshalb hinrichten und der Menschheit eine Reihe von Bildern entziehen dürfen, die seine zwar blutbefleckte, aber eben geniale Malerhand noch zu schaffen imstande war? Ja, erwiderte mein Banknachbar, dann wolle ich wohl auch Adolf Hitler rechtfertigen, der ja ebenfalls Maler gewesen und über Millionen von Leichen ungerührt hinweggeschritten sei? An dieser Stelle, Herr Belehrer, unterbrachen Sie unser Wortgefecht, so daß ich nicht dazu kam, zu replizieren, was ich hiermit nachhole: Hitler ist eben genau der Fall dessen, der sich über moralische Grundsätze erhaben dünkt ohne jede Genialität. Ebenso leidenschaftlich wie verschwommen hat er sich in wagnerische Gesamtkunstwerkphantastereien hineingebläht, ohne doch je etwas anderes zustande zu bringen als den Furz eines aufgeplusterten, mit dem Storchschnabel vergrößerten Klassizismus. Nun sagen Sie noch, unsere Gespräche ermangelten der Substanz! Das Perfekt der Modalverben aber habe ich mit dem anderen Ohr durchaus noch mitbekommen können, wie Sie aus diesem Satz unschwer zu ersehen vermögen. Ich bitte Sie deshalb, sich in Zukunft bei der Unterbrechung und Störung meiner Gespräche mit dem Banknachbarn etwas größerer Zurückzuhaltung zu befleißigen.

23 Soll man seine Heimat lieben?

Auf den ersten Blick antworte ich: Ja! Auf den zweiten aber wird alles fraglich. Kann man eine so elementare Liebe wie die Heimatliebe moralisch befehlen? Ist es nicht mit ihr so, daß man sie hat – oder man hat sie nicht, und im letzteren Fall wird man sie nie haben und sich für ein anderslautendes „du sollst“ einfach nicht interessieren? Und was ist Heimat? Heimat ist wie Eltern: Man sucht sie sich nicht aus. Schon deshalb wäre es furchtbar, sie lieben zu müssen. Lieben kann man doch nur dasjenige, wofür man sich frei entschieden hat! Eltern aber hat man. Man wächst unter ihren Händen und Gesichtern auf, saugt sich voll mit ihren Blicken, Gedanken, Worten, Ängsten, Empfindungen und hat dann eines Tages so viel von ihnen, daß man auch die kleinste Regung in ihren Mienen sofort richtig deuten kann. Liebt man sie deshalb schon? Man kennt sie! Und dieses bloße Kennen verbindet auf so starke Art und Weise, daß Liebe eine Abschwächung wäre. Wenn man sie liebte, um einem moralischen Befehl zu gehorchen, so wäre das schrecklich. Wer seine Eltern nicht liebt, ja, vielleicht haßt, ist das nicht ein furchtbar gestrafter Mensch? Wird er nicht Gründe für seine Ablehnung haben? Darf man sein Unglück durch die schneidende Pflicht zu gegenteiligem Empfinden noch erhöhen? Genauso ist es mit der Heimat. Vieles an ihr mißfällt. Aber gerade dieses verknüpft vielleicht stärker mit ihr als die Vorzüge, weil am Mißfallenden das junge Urteilsvermögen sich früh hat schulen und seine Schärfe erproben können. Wie liebenswürdig sind viele Fehler, wenn man sie recht besieht! Gibt es nicht dumme und anmaßende Beamte überall auf der Welt? Und zerreißt sich die Bigotterie nicht an den hübschesten Orten das Maul? Überall tarnt sich Geschäftemacherei als Fortschritt, und auf kaum einer Schule wird das Vorurteil nicht zum Ideal vergoldet. Man kann gehen, wohin man will, überall herrscht der Schein. In straffen Falten hängen die Gardinen, aber was sich dahinter verbirgt, sind Suff und Sucht, Anmaßung und häusliche Vergewaltigung, Kindesmißbrauch und Sadismus. Wie lieb man das haben muß, wenn man einmal durchschaut hat, daß es nirgends, außer vielleicht in der Antarktis, anders ist! Ach ja, Heimat, ich habe dich lieb, weil ich dich so von Herzen verachte, und wäre ich je gezwungen, dich für immer aufzugeben, ich würde es bedauern, nicht zurückkehren und den alten Zorn auffrischen zu können, der mich auf immer mit dir verbindet. Aber damit ist das Thema nicht etwa erschöpft. Es stellt sich die schwerwiegende und von Leid nur so triefende Flüchtlingsfrage. Auch sie lieben ihre Heimat, wurden aus ihr vertrieben, und wenn sie von Heimatliebe sprechen, steckt der Anspruch dahinter: Wir wollen unsere Heimat wiederhaben! Ist das ein aussichtsreicher Wunsch? Was soll man ihnen, den Flüchtlingen, raten? Ich rate ihnen, ihre Heimat schleunigst zu vergessen. Auch das Vergessen kann ein Ausdruck der Liebe sein. Ich glaube nicht, daß es irgendeinem Politiker gelingt, das alte Deutschland wiederherzustellen, jedenfalls nicht in der Frist, die dafür sinnvollerweise bleibt, nämlich bevor die neuen Bewohner der alten Heimat unserer Flüchtlinge dort ihrerseits Heimatgefühl entwickelt haben, und das geht, leider, verflixt schnell. Die Kinder der Polen, die jetzt in Schlesien/ Pommern/ Preußen wohnen, werden Schlesien/ Pommern/ Preußen als ihre Heimat lieben. Bleibt dann noch Platz für eine Rückkehr der entsprechenden Landsmannschaften? Nein, es wäre zu wünschen, daß die Unruhe im Osten endlich ein Ende fände und vor allem das geplagte und mit deutscher Hilfe jahrhundertelang geschundene polnische Volk sich von deutscher Bevormundung, Unterdrückung und Mißachtung erholte. Das klingt, als ob es das nötig hätte. In Wirklichkeit hat es aber nie so intensiv existiert wie in der Teilung und scheinbaren Vernichtung. Mickiewicz! Ein Name, bei dem jedes Polenherz höher schlägt, der in unseren Lesebüchern aber nicht vorkommt. Warum verschweigt man uns so viel? Wasserpolacken! Das sind die Ausdrücke, mit denen wir unter der Hand versorgt werden, eine polnische Wirtschaft ist eine schlechte, ein polnischer Abschied ein unziemlicher. Ich möchte einmal Polnisch lernen und Mickiewicz ins Deutsche übertragen, falls das nicht schon passiert ist. Die Polen sind ein edles und stolzes Volk, und die Flüchtlingsvereine sollten, statt auf geflammte Trommeln zu schlagen, revisionistische Fahnen zu schwenken und dümmliche Sprüche wie den vom „Volk ohne Raum“ aufzuwärmen, deutsch-polnische Freundschaftsverbände gründen! Dann würden sie den Weg in die Zukunft weisen, statt aus bornierter Heimatliebe die genug geplagte Welt mit neuer Unruhe zu bedrohen.

24 Würde ich jemals auswandern?

Auswandern – was für ein Donnerwort! Wer auswandert, gehört zu denen, die in aller Armut die Hoffnung nicht verloren haben. „Irgendwo auf Erden muß es doch einen Platz geben, wo wir von unsrer Hände Arbeit leben können!“ So oder ähnlich spricht der verzweifelte und von Hunger und Armut niedergebrochene Mann zu seiner Frau, Mutter schon viel zu vieler Kinder. Mit Sack und Pack ziehen sie zum Hafen, wo ein Auswandererschiff ihrer wartet. Ja, es wartet – auf sie! Zum ersten Mal in ihrem Leben werden sie erwartet, und frohgemut besteigen sie das enge Holzgehäuse, durchleiden tapfer die lange Überfahrt – und kommen an in der Neuen Welt! Denn Amerika ist es, das am Ende einer Auswanderung steht, und zwar Nordamerika mit seinem dem unseren nahekommenden Klima. Welch ein bewegender Moment, wenn die Freiheitsstatue mit ihrer Dornenkrone am Horizont auftaucht! Die Zurückgebliebenen erhalten den ersten Brief: „Wir sitzen auf Ellis Island und lassen die Einwanderungsprozeduren über uns ergehen. Wir sind guten Mutes, für die Kinder wird gesorgt, sie haben satt zu essen und können den ganzen Tag mit anderen Einwandererkindern spielen.“ Aus den Auswanderern sind Einwanderer geworden. Die großen, vornehmen Vereinigten Staaten prüfen genau, wen sie hereinlassen. Es müssen zuversichtliche, arbeitswillige Menschen von gesunder Lebensauffassung sein. Zottelhaarige Landstreicher, geschlechtskranke Tagediebe, kurz: arbeitsscheues Gesindel wird zurückgewiesen. Soll es doch im alten Europa bleiben und dort zur weiteren Verluderung der Sitten beitragen! Eines Tages dann stehen unsere Einwanderer in New York. Haben sie eine Adresse, an die sie sich wenden können? Ja, in einem Hochhaus im siebzehnten Stock wohnt eine gütige alte Frau, die hilft ihnen. Sie hat Verwandte draußen im Mittelwesten, wo meilenweit der fetteste Weizen wächst, dorthin schickt sie unsere Familie, die auf der Farm eines gewissen Mr. Kellogg zuerst nur arbeitet, sie nach seinem Tod aber übernimmt. Werde ich auf diese Art und Weise jemals auswandern? Nie! Denn ich bin kein Bauer oder Bauernkind, und selbst als Bauernkind würde ich einen Beruf ergreifen wollen, der mit Lesen und Schreiben mehr zu tun hat als der moderne Bauernberuf, in dem es freilich auch schon recht wissenschaftlich hergeht. Gesetzt den Fall, ich werde auch nur Lehrer – welche Chancen habe ich dann in den USA? Ich werde in New York bleiben müssen, weil ich dort noch am ehesten Gelegenheit finde, einen privaten Deutschkurs oder etwas Änliches zu geben. Was für ein Hungerleiderleben käme auf mich zu! Meine Familie, falls ich eine hätte, würde bald nichts mehr zu beißen haben. Aus großen Augen würde der Hunger mich anschauen, wenn ich nach Hause käme, und um das nicht sehen zu müssen, würde ich zur Flasche greifen. Ganz New York ist voll von Elendstrinkern. Da wir nur noch ein billiges Loch statt einer Wohnung uns würden leisten können, würde ich in einem Armenviertel unter Huren und Negern leben. Die eigene Frau müßte ich auf den Strich schicken, und meine heißgeliebte Tochter würde dem Vorbild ihrer Mutter schon mit vierzehn Jahren folgen. Wo hätte das ein Ende? In einer chinesischen Opiumhöhle? Nein, ich fürchte, meine Endstation wäre noch niedriger, noch schlimmer. Ihr Name wäre Sekte. Geheilt von unseren Lastern, würden wir dort in ekstatischen Gebeten unsere Verzweiflung betäuben und einem Tod in Lüge und Heuchelei entgegenvegetieren. Ist nicht die Sekte oft die letzte Ausrede der Hoffnungslosen? O, vielleicht würde ich als Lehrer dort sogar glänzende Beredsamkeit entwickeln und als hochbezahlter Erwecker durchs Land reisen! Karrieren aller Art und Güte sind in Amerika ebenso möglich wie wahrscheinlich. Deshalb, wenn ich es in Restdeutschland mit seinem gespaltenen Hirn eines Tages nicht mehr aushalte, o ja, dann werde ich auswandern ins Vaterland Poes, Whitmans, Emersons und Thoreaus. Aber ich werde New York so schnell wie möglich hinter mir zurücklassen und die Westküste des Landes aufsuchen. Dort, wo die Golden-Gate-Bridge sich elegant und wehmütig durchs Abendrot schwingt, blüht mein Glück. Ich werde als begabtester Hauslehrer aller Zeiten in einer vornehmen Zeitung inserieren: „Nur ernstgemeinte Angebote bei bester Dotierung unter Chiffre soundso…“ Während ich auf die Angebote warte, trinke ich in einer herrlich blitzenden und glänzenden Bar ein paar Hahnenschwänze. Das ist die deutsche Übersetzung von cocktails. Der Barkeeper zwinkert mir zu, während er routiniert den shaker schüttelt – da bewegt sich der rote Vorhang hinter ihm, sein Gesicht verzerrt sich, der shaker entfällt seiner Hand und zerschellt, der keeper aber sinkt zu Boden und reißt den ganzen Vorhang mit sich herab, der nämlich mit einem Messer an seinen Rücken geheftet ist. Ich bin Zeuge, und auf Grund meiner Beschreibung des Täters, den ich im Spiegel gesehen habe, wird er gefaßt. Auf meinen Wunsch stellt mir die Polizei ein Zeugnis aus: „Mr. Ironplight ist zur privatdetektivlichen Betätigung bestens geeignet.“ Unter den Angeboten befindet sich das eines Pressezaren namens Kane. Er will mir für monatlich zehntausend Dollar seine Kinder anvertrauen, darunter das reizende Töchterchen. Heißt das den Bock zum Gärtner machen? Bin ich ein Abälard? Ist sie eine Héloise? Wir wollen es nicht hoffen. Bei der Vorstellung gefällt besonders mein unüberbietbar hochmütiges Auftreten, das die sofortige Verdoppelung des Salärs bewirkt. „Ach, Mr. Ironplight, Sie gefallen mir ausgezeichnet!“ seufzt der gramgebeugte Vater, „aber, aber, aber…“ „Ich gehe.“ „Aber nein doch, ich will Sie ja nehmen, aber…“ „Was kann ich noch für Sie tun?“ „Sehen Sie, in unserem Lande steht nichts so sehr in Blüte wie das Verbrechen! Wußten Sie das schon? Nein, Sie wußten es noch nicht, ich sehe es Ihnen an, Sie sind ein Mensch, der ans Gute im Menschen glaubt, wie es sich für einen ordentlichen Pädagogen gehört. Bei uns aber kommt aus Gründen, die man unter dem Begriff American Way of Life zusammenfaßt, das Böse im Menschen mit besonderer Wirksamkeit zur Geltung mit der Folge, daß ein reicher Mann wie ich schlaflose Nächte verbringt aus Angst, eins seiner Kinder könne gekidnappt und zum Hebel bösartigster Erpressung werden. Ich brauche deshalb einen Hauslehrer, der nicht nur ein glänzender Erzieher, sondern zugleich ein begabter Privatdetektiv ist.“ Man kann sich denken, daß ich auf diese Einlassung wie zufällig die Tasche meiner in Pfeffer und Salz gehaltenen Weste greife, ein Papier hervorziehe, es zerstreut, als wüßte ich nicht mehr, was es enthält, durchfliege und dem zitternden Vater reiche. Resultat: Mr. Ironplight wird von einem der reichsten Männer Amerikas umarmt, sein Salär in schwindelnde Höhe hinaufgeschraubt, kurz, sein Glück ist gemacht, und er ist heute, wenn ich recht informiert bin, mit der Zeitungszarentochter vermählt und wohnt in der Burg Neuschwanstein, die gerade von Bayern auf einen Hügel bei Santa Monica verpflanzt wurde.

25 Lieber rot als tot!

Propagandageschwätz unserer lieben Linken! Am besten, man hört gar nicht hin. Sie wollen uns weismachen, daß wir nur als Kommunisten eine Überlebenschance hätten. Ich gestatte mir, anderer Meinung zu sein und wage es, in aller Dezenz an einen wunderbaren Kommunisten zu erinnern, dem sein Kommunismus nicht viel genützt hat. Sein Name war Trotzki. Stalins langer Arm ereilte ihn im Exil. Ein anderer Kommunist, den ich zu schätzen mir erlaube, mögen mir auch die Genossen mit entblößtem Achtersteven ins Gesicht springen, ist der Erzpropagandist Münzenberg. Das Schlimmste, was man über ihn sagen kann, ist, daß er unabsichtlich zum Lehrmeister des diabolischen Goebbels wurde. Ansonsten war er ein Kommunist von Geblüt und reinsten Wassers. Was haben sie mit ihm gemacht? In einem französischen Lager, vor den Nazis fliehend, ist er von Schergen Stalins ermordet worden. Welchen Grund habe ich also, mich als Kommunist vor Kommunisten in Sicherheit zu fühlen? Der Satz homo homini lupus darf sinngemäß auf Kommunisten angewandt werden: Jeder Kommunist ist dem anderen ein Wolf. Mit Sicherheit würde es mir nicht gelingen, dem Verdikt des Abweichlers, des Renegaten, des Revisionisten, des Reformisten, des Spalters, Trotzkisten, Refraktärs oder einfach Verräters zu entgehen – dafür habe ich eine viel zu vorlaute Klappe. Irgendwann einmal würde mir bei aller Vorsicht ein Wort herausrutschen, das ich dann für immer als Kainszeichen auf meiner Stirn trüge. Irgendein depperter Führungsgenosse würde mich dafür zur Verantwortung ziehen, man würde mir einen heiteren Schauprozeß angedeihen lassen und mich dann schwuppdiwupp in den Steinbruch, nach Workuta oder in den Eisenbahn- oder Kanalbau stecken, wo ich bei Mangelernährung und fehlender Gesundheitsfürsorge alsbald eines ungemütlichen Todes entschliefe. Töten durch Arbeit! Das ist ein Rezept, das Hitler Stalin oder Stalin Hitler abgeguckt hat, beide geben einander in diesem Punkt nichts nach. Was man zu Stalins Gunsten sagen kann, ist zweierlei: Erstens war er kein Rassist, sondern ermurkste ohne Ansehen der Person, was Hitler auch besser getan hätte, wir stünden dann heute weniger besudelt da, zweitens hat er zur Niederwerfung des Faschismus beigetragen – freilich erst, nachdem er mit ihm ein hübsches Verträglein geschlossen hatte, den Ribbentrop-Molotow-Pakt, mit dem die beiden Chefgangster Osteuropa aufteilten, als ob es Chikago wäre. Ich bin den Russen von Herzen dankbar für den Beitrag, den sie zur Erledigung Hitlers geleistet haben; für den Kommunismus können sie nicht, er wurde ihnen aufgezwungen von anmaßenden Intellektuellen, und in Abwandlung eines Wortes von Stalin darf ich sagen: „Die Lenins kommen und gehen, das russische Volk bleibt bestehen!“ Warum nun ist der Kommunismus eine so viel mächtigere Ideologie als der Faschismus, obgleich beide einander hinsichtlich meuchlerischer Gelüste durchaus das Wasser reichen können? Der Grund ist ganz einfach der, daß der Rassenkampf eine schnell durchschaubare vulgärdarwinistische Idiotie ist, wohingegen für den Klassenkampf so einiges spricht. Ist es nicht wirklich so, daß die Betuchten sich in ihren Bratenvierteln gegen uns Ärmere abschotten, uns den Zutritt zu ihren Kreisen verwehren und nur an einem interessiert sind: Ihre Privilegien mittels Erbrecht über die Generationen zu retten? Freilich hat sich zwischen das von Marx konstituierte Proletariat und seinen bürgerlichen Antagonisten längst eine dritte Klasse geschoben: Die der gesichts- und gesinnungslosen Angestellten, die sich mit ihrem Chef identifizieren, obgleich er ihnen pausenlos fröhliche Arschtritte versetzt. Politischer Arm dieser neuen Klasse, die von Marx nicht vorausgesehen wurde und die sein gesamtes imposantes Gedankengebäude zum Einsturz bringt, ist die Sozialdemokratie – auch sie zwischen Kritik am Kapitalismus und hündischer Liebedienerei hin und hergerissen. Trotz ihrer Zwiespältigkeit, vielleicht aber auch gerade ihretwegen ist die Sozialdemokratie das Rückgrat einer Politik, die sagt: Weder rot noch tot! Hierauf setze ich und wäre völlig unpathetisch bereit, sogar mein Leben als Soldat dafür einzusetzen.

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