Was Pyramus sagt

Was Pyramus sagt

Was Pyramus sagt
Wie zwei Gefangene in Nachbarzellen
einander suchen durch der Mauer Wucht,
sich kaltem Stein und Mörtel zugesellen,
verbunden durch des Klopfens süße Sucht:
So waren wir für Monate Gefährten,
schenkten Vertrauen uns und Traulichkeit,
wir teilten Freuden und des Alltags Härten
und trugen eins des andern Einsamkeit.
Wie hab ich mich in deine Stimm‘ verloren,
wenn durch den Mauerspalt sie erdig-stark
und so voll Lebenslust an meine Ohren
bei Nacht gedrungen und mich traf ins Mark!
Ein größres Werk hat dich mir dann entrissen,
mög es gelingen, Thisbe: Küssen, küssen!

Was Thisbe sagt
Gestehen muss ich dir, vermisster Schatten,
was keinem anderen ich je gestünd:
Ihn, den ich heute nenne meinen Gatten,
liebt jene Lieb, die du in mir entzünd’t.
Ist er bei mir, so träum ich, er sei du,
er sei das Instrument nur deiner Triebe,
süß und berauschend wie Tiramisu
verzehr ich diese mittelbare Liebe.
Vernichte mich, o Wahrerin der Ehe,
denn treulos bin ich leider bis ins Mark,
und meine Tugend ist, ja, ich gestehe,
durchwachsen mit Revolte, wüst und stark.
Auch wenn ich nie in Pyrams Armen liege,
er hat mich mehr als der, den ich betrüge.

Was Leontes sagt
Hab ich doch Pyramus die langersehnte Braut,
der er sich sicher war, noch knapp vor Toresschluss
mit ein paar Barren Gold gelassen weggeklaut,
und ihm geschaffen so verdienten Herzverdruss.
Hab sie ihn dreimal lieb! Sie kann an keinem Spalt
vorübergehen ohn‘ voll Sehnsucht dran zu lauschen.
Ich weiß, sein Kummer hat nicht Grenze und nicht Halt
und er würd lieber heut als morgen mit mir tauschen.
Denn was bedeutet schon das Herz von so’nem Weib –
darin ist nichts als Wahn und Wirrsal vagen Sehnens.
Ich hab mit Haut und Haar sie, wenn ich hab den Leib,
ich hör es laut und klar am Eifer ihres Stöhnens.
Doch neulich hat sie, halb erstickt von meinem Kuss,
herausgeschrien den Nam‘ – ich hass ihn – „Pyramus!“

Ovid: Subtraheme (Tiramisu)
Wo einst vor Zeiten die Sabinerinnen
römische Kraft gewaltsam heimgeführt,
da wächst die Milch, aus deren Sanftgerinnen
man weißen Käse schlämmt, der feingerührt
den Grundstock liefert einer Wonnespeise,
die Honig und zerstoßner Mandelkern
auf altem Brot nach altbewährter Weise
Lalage schichtet auf, mein Augenstern.
O zieht mich in der Wollust Gruft hernieder,
ihr weichen Teilchen voller Bitternis,
euch will ich widmen meine schönsten Lieder,
geleitet mich bis nach Nekropolis!
Es ist ein wundersames, holdes Weh
hineingewirkt in den Subtraheme.

Ein in Keilschrift geschriebener Brief:
Von Enlil berufener Hirte, Pfleger von Ekur, Wiederhersteller von Eridu, Erstürmer der 4 Weltgegenden, der den Namen Babels groß machte, Marduks und Ischtars Segen möge mit dir sein!
Euer Sklave Hamredin küsst Euch die herrscherlichen Füße und fleht um Verzeihung. Mit Recht hat der Bericht des Griechen Leontes Euch aufgebracht – gerade als ob Ausländer in Babylon schutzlos jedem Unrecht preisgegeben wären. Nicht mein Verschulden ist es, dass der Dieb seines Hochzeitslakens bisher nicht gefasst werden konnte. Wobei ich der festen Überzeugung bin, dass es sich um eine Diebin handelt! Die Frauen sind es, die, wenn sie kostbares Leinen sehen, begehrlich werden und lange Finger zu machen geneigt sind, weshalb ich angeordnet habe, die Wäschevorräte aller Frauen, auch der Witwen und Alleinlebenden, diesseits des Euphrat zu überprüfen. Da sich die Male des Beilagers so schnell nicht auswaschen, hoffen wir binnen weniger Tage fündig zu werden, tüchtiger König, Aufhäufer von Hülle und Fülle, Wahrer der Gesetze. Es ist mir bewusst, dass unsere Beziehungen zu Kreta und Mykene Schaden nehmen können, wenn wir den tobenden Griechen nicht beruhigen. Aber bestünde nicht die Möglichkeit, dass wir ihm ein anderes, gleichwertiges Laken als Ersatz stellen? Es könnte ja mit Hühnerblut eingefärbt werden. Ich will mich nicht aus der Verantwortung stehlen, empfehle dies in aller Demut nur für den Fall, dass eine bessere Lösung sich nicht anbietet. Möge der schändliche Tod durch Ersäufen mir erspart bleiben!
Eure Füße demütig leckend
Hamredin, Resident

Pyramus spricht:
Rausch mich in Schlaf, du kalter Brunnenstrahl,
hier soll ein Ende sein mit allem Kummer,
hier will ich enden alle meine Qual,
und nimmer wachen auf aus diesem Schlummer.
Ihr Tropfen traut von einem Blute, das
ich war bestimmt in Liebe zu vergießen,
ihr seid die Rosen, die, wenn ich ins Gras
entseelt nun sink, aus meinem Grabe sprießen.
Wie hast du mich, du Mädchenkind, beglückt
mit deiner Stimme durch die Mauerspalten,
ich bin bei dir, schein ich auch weit entrückt,
im Schattenreich werden wir Hochzeit halten.
Noch diesen einen Kuss – ach! eignes Blut!
Nun ist’s getan, ist alles, alles gut.

Was Thisbe ihrer Tochter erzählt

Arete: Warum bringst du mich hier zu dem Brunnen? Was ist hier geschehen?
Thisbe: Du hast mich doch mal gefragt, ob Papa mein erster und einziger Liebhaber war. Ich habe dir gesagt, dass ich dir das sage, wenn du so alt wirst, wie ich war, als ich mich zum ersten Mal verliebte. Heute wirst du nun 15, mein Kind.
Arete: O Mama – aber wenn es dich aufregt und dir wehtut, will ich es nicht wissen. Du weinst ja!
Thisbe: Verzeihung. Ich… Die Erinnerung… Ob du es mir glaubst oder nicht – aber ich habe Pyramus nie bei Licht gesehen.
Arete: Pyramus? So hieß der Onkel von Aula Berengular, mit der ich gespielt habe, bis ich zwölf wurde. Aber sie erzählte von ihm, er habe sich umgebracht, weil seine Geliebte von einer Löwin gefressen wurde.
Thisbe: So? Das hat sie also erzählt?
Arete: Ja. Und? Hat er sich wirklich umgebracht?
Thisbe: Was glaubst du wohl, warum ich weine?
Arete. Und warum hast du ihn nie gesehen?
Thisbe: Das stimmt auch nicht. Ich habe ihn gesehen. Aber da war er bereits tot.
Arete: Wie grauenvoll! Und wie romantisch! Hätt ich dir gar nicht zugetraut, Mama!
Thisbe: Hältst du mich für so kalt?
Arete: Nein, nicht kalt – aber abgeklärt. Was war denn nun mit Pyramus? Wie konntest du ihn lieben, wenn du ihn nie sahst?
Thisbe: Wir waren beide die Gefangenen unserer Eltern, aber sein und mein Elternhaus hatten eine gemeinsame Brandmauer… Und diese Mauer war alt und hatte Risse… Und einmal hörte ich auf der anderen Seite die Stimme eines jungen Mannes… Er sang von Verlieren und Sichwiederfinden, von Selbstzweifel und Selbstvertrauen… Als er aufhörte, raunte ich: „Weiter! Weiter!“ durch den Spalt – er fragte: „Wer bist du?“ „Thisbe.“ „Ich bin Pyramus.“ So fing es an. Nachts, wenn alles schlief, schlichen wir an den Spalt, legten Kissen auf den Boden und versanken in nicht enden wollende Gespräche und Beteuerungen unserer Liebe. Wir hätten nie damit aufhören sollen!
Arete. Und gab es Papa schon?
Thisbe: Ja, der hielt zu der Zeit um meine Hand an. Er bot meinen Eltern einen hohen Kaufpreis… Und das war auch der Grund, weshalb wir uns hier am Brunnen verabredeten.
Arete: Heiliger Marduk – und da kam eine Löwin – und fraß ihn auf?
Thisbe: Jetzt bekommst du alles durcheinander. Als er kam, fand er nur ein blutiges Tuch, und in das waren meine Initialien gestickt… Und da er die Fährte einer Löwin sah, die am Brunnen getrunken hatte, war für ihn klar, dass – ich – ihr Opfer geworden sein musste.
Arete: Und das war gar nicht wahr!
Thisbe: Nein, ich hatte auf ihn gewartet, sah die Löwin sich heranschleichen – und floh – dabei rutschte mir das Tuch von den Schultern…
Arete: Aber wie wurde es blutig?
Thisbe: Die Löwin, die kurz zuvor eine Gazelle geschlagen hatte, spielte damit – wie Katzen eben sind – und dabei blieb etwas von dem Gazellenblut darin hängen…
Arete: Wie grauenvoll! Der arme Pyramus! Wie hat er… Ich meine: Was hat er gemacht, um…
Thisbe: Er hat sich in sein Schwert gestürzt. Hat es bis zum Knauf in der Erde vergraben und sich hineingestürzt.
Arete: Und du? Warum hast du, als du das sahst, dich nicht auch…
Thisbe: Das durfte ich doch nicht… Ich trug dich doch bereits unter meinem Herzen…
Arete: Du mich? Aber…
Thisbe: Frag nicht mehr.
Arete: O, Mama, ich bin ganz verwirrt. Wer bin ich?
Thisbe: Du bist ein Kind der Liebe und nicht des Goldes. Spürst du das nicht?
Arete: Wenn ich ehrlich bin, hab ich es immer gewusst.

Pyramus spricht:
„Aus tiefster Erde sprech ich durch den Riss,
den jüngst ein Beben klüftet‘ ins Gestein,
ich rufe sie, die einzige, o This-
be, komm noch einmal her, o nur ein ein-
zig Mal noch möcht‘ ich lauschen auf das Rau-
nen, Seufzen deines liebestrocknen Munds,
erneuern mit der Unerreichbarn Schau-
er und die Schrecken unsres Liebesbunds.
Es ist so dunkel hier und ewig still,
bin nur noch Seele, freudlos, ohne Müh‘,
du hast vergessen deinen zärtlichwil-
den Schattengatten, deinen alten Py-
ramus, aus dessen Asche eine Blum‘ hervor-
spross, deren Blüte ist sein horchend Ohr.“

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