Es ist nicht so, daß ich Paul nicht geliebt hätte. Mir kam nur plötzlich die Erkenntnis, daß mein dauerndes Nachgeben ihn nicht weniger gefährdete als mich. Er konnte sich auf meine Kosten unnatürlich aufblähen und wirkte in seiner übersteigerten männlichen Omnipotenz ebenso krank wie ich in meiner Bedeutungslosigkeit.
Freilich hatte ich allein nicht die Kraft, auszubrechen. Ich mußte zuerst Esther wiedersehen. Wir kannten uns von der Schule, waren einander dort aber aus dem Weg gegangen. Esther umgab sich mit Freundinnen, die ihre Brillanz bewunderten, und ich bildete mir ein, für diesen Fanclub mit seinen Rivalitäten und Eifersüchteleien zu gut zu sein. In Wirklichkeit hatte auch ich das Bedürfnis, zu jemandem aufzublicken. Das zeigte sich, als ich an der Uni Paul kennenlernte. Er war Assistent und stellte, was Beredsamkeit, Ausstrahlung und Fülle des Wissens betraf, alle anderen Lehrer in den Schatten. Seine Spezialität waren die ebenso kindlichen wie tiefsinnigen Tiergeschlinge der Romanik, die er zu phantastischem Leben zu erwecken wußte. Ich muß ihn wohl ziemlich angehimmelt haben; denn als wir beim Uniball miteinander tanzten, machte er mir sofort einen Heiratsantrag. Von Esther wußte ich nur, daß sie Ethnologie studierte und in Mexiko Feldforschung trieb.
Viele Tage habe ich äußerlich ruhig mit den Kindern verbracht, während mich von innen die unbestimmte Angst auffraß, ich könnte lebend zu nichts werden. Kinder haben eine so forsche Art, die Welt zu erobern, daß sich die Frage: Was hast du dir erobert, ganz von selbst aufdrängt. Ich war Professor Kornblums Frau geworden, und alle Versuche, aus dieser Falle zu entkommen, schlugen fehl, weil ich an den Erfolg letztlich nicht glaubte. Ich machte einen Anlauf, meine liegengebliebene Dissertation fertigzustellen. Und ich begann, Berichte über Ausstellungen neuer Kunst zu schreiben.
Paul hielt von lebenden Künstlern gar nichts. „Die wirkliche Bedeutung eines Künstlers,“ sagte er, „schält sich frühestens bei seinem Tod, oft aber erst nach Jahrhunderten heraus. Diejenigen meiner Kollegen, die Kunstgeschichte zu machen statt zu erforschen suchen, indem sie Chancen verteilen und Trends herbeireden, bringen die ganze Zunft in Verruf. Für diesen Job sind die Händler da.“
Einmal aber war er bereit, mitzukommen. Der britische Maler Leslie Jones hatte sich als moderner Klassiker etabliert, und dies Etikett erweckte Pauls Neugier. Seinen Einwand, die Kinder könnten nicht allein bleiben, hatte ich durch ein Aupairmädchen entkräftet, das lange genug da war, um einmal auf die Probe gestellt zu werden.
Leslie begann damals gerade, plastisch zu arbeiten. Einige seiner Bronzeakte waren ausgestellt. Scheinbar wütend aufgetürmt und zerfetzt, hielt in ihnen das gestaltende dem zerstörerischen Prinzip gerade noch die Waage. Ich stand davor und fühlte mich eigenartig berührt. Der ätzende Schmerz der vertanen Zeit, hier war er Gestalt geworden.
„Grauenvoll, nicht wahr?“ sprach mich eine Stimme von hinten an. Es war Jones, der sich wortreich bei mir entschuldigte, daß er die ursprünglich in Ton ausgeführten Figuren auf das Drängen seines Händlers hin hatte in Bronze gießen lassen. „Sie glauben ja nicht, zu was für Schwachsinn man sich des lieben Geldes wegen verleiten läßt. Die Herren Sammler wollen ihre Orangerien, Wintergärten oder Parks mit Bronzen schmücken. Also ließ ich meine Arbeiten gießen – aber es sind Tonskulpturen.“
„Mir gefallen sie auch so sehr gut.“ Das war ehrlich, und ich gebe zu: Wenn ich eine Eigenschaft an Künstlern hasse, dann ist es die, ihre eigenen Arbeiten herunterzumachen. Weil ich aber keine Lust hatte, mich mit ihm zu streiten, fragte ich ihn, wo er arbeite.
„Ich habe mein Atelier in London aufgegeben, um hier bei euch zu leben, wo man mich sehr viel mehr schätzt. Außerdem ist Esther hier zu Hause…“ Wie fast alle Künstler setzte er voraus, daß jeder seine persönlichen Verhältnisse kennt. „Ich habe bereits einen wunderbaren Raum gefunden, eine alte Feuerwache mit hinreißenden Grotesken über den Toren… Wann immer mich die Lust ankommt, zu arbeiten, kann ich von oben, wo meine Matratze liegt, an einer Messingstange ins Atelier hinabrutschen. Willst du mich und Esther nicht einmal besuchen?“
„Ich bin sicher, daß ich nur stören würde.“
„Aber du schreibst doch!“ sagte er mit Blick auf meinen Notizblock. „Da hast du ein Anrecht auf einen Atelierbesuch!“
Ich blickte mich hilfesuchend nach Paul um. Eine hagere, braun gebrannte Frau trat zu Leslie, legte ihm die Hand in die Ellenbeuge und sagte: „Ich fände es toll, wenn du kämst. Du siehst doch, die anderen sind nur mit sich selbst beschäftigt.“
Ich brauchte einen Moment, um sie zu erkennen. Besonders ihr kurz geschnittenes Haar, offenbar eine Perücke, irritierte mich. „Esther, ich bins, Estelle!“ Mit diesen Worten fiel ich ihr um den Hals.
Sie war ebenso gerührt wie ich. Sie stellte mich Leslie vor. Dann erinnerte sie an einen Wettkampf, der mir völlig entfallen war. Wir hatten uns eines Tages im Abgrenzen nah beieinander liegender Begriffe gemessen. Drei davon fielen uns wieder ein: Eschatologie, Apokalypse und Utopie. Wir mußten über diese Kinderei so lachen, daß Paul herbeikam und sich nach dem Grund unserer Heiterkeit erkundigte. Augenblicklich verflog sie. Paul hat eine Art, Menschen und Dinge anzuschauen, die lähmend wirkt. Es ist dann, als sei er selbst so alt wie die Kunst, die er erforscht.
„Was hältst du von Jones?“ fragte ich Paul auf dem Heimweg.
„Nichts. Eine Kunst, die ihre eigene Zerstörung betreibt, kann ich nicht hinnehmen.“
„Aber drückt sie damit nicht nur aus, daß wir uns selbst zerstören?“
„Auch früher waren die Zeiten schlimm, haben Krieg, Hunger und Pest geherrscht, und das Böse triumphierte über das Gute. Der Satz homo homini lupus stammt schließlich nicht aus unseren Tagen. Dennoch fanden die Künstler die Kraft, der Formlosigkeit und dem Chaos ihr geordnetes und gebildetes Werk als ein Panier des Glaubens und der Hoffnung entgegenzuhalten. Sind nicht viele Künstler von heute in den Dienst der allgemeinen Zerstörungswut und Mordlust getreten und machen in ihrem Werk Propaganda für die Entmenschung des Menschen? Was sind denn z.B. diese Bronzeakte anderes als ausgebrannte Ruinen von Menschen?“
Ich hätte ihm gern gesagt, daß ich mich als genau so eine Ruine fühlte. Aber ich schaffte es mal wieder nicht. Stattdessen fragte ich nur: „Warum hast du es abgelehnt, mit ihnen essen zu gehen? Ich bin sicher, daß Leslie sich gern mit dir auseinandergesetzt hätte.“
Bevor er antworten konnte, hörten wir das Geschrei der Kinder. Sie saßen im Fenster und malten sich die Schrecken des Waisenhauses aus. Cathleen war verzweifelt und wollte die Koffer packen. Wir beruhigten die Kinder, die eine merkwürdige Scheu vor Cathleens englischen Schlafliedern hatten. Paul ging an die Arbeit. Ich blieb mit Schuldgefühlen zurück.
Ich besprach die Ausstellung sehr persönlich und gab nicht vor, über allgemeinverbindliche Maßstäbe zu verfügen. Ich hatte Paul meine Berichte bisher immer vorgelegt. Diesmal hielt eine innere Stimme mich davon ab. Zwei Wochen vergingen nach dem Erscheinen des Artikels. Ich glaubte bereits, Paul hätte ihn übersehen. Da brach sich Michael das Bein beim Herabrutschen an der Stange in Leslies Atelier. Als ich Paul den Hergang beschrieb, wurde er ausfällig.
„Was hast du, was haben erst die Kinder bei diesem – Scharlatan zu suchen? Du hast mich mit deiner Besprechung gerade genug kompromittiert.“
„Inwiefern kann dich etwas kompromittieren, was ich schreibe?“
„Jeder weiß, daß du meine Frau bist. Ich hatte mich im Kollegenkreis abfällig über Jones geäußert. Und dann erscheint das. Jetzt weiß doch jeder, wie es zwischen uns steht.“
Ich war erstaunt. Aber es war, als hätte ein kräftiger Windstoß die Fenster aufgerissen. Ich atmete tief durch: „Das konnte ich nicht ahnen!“
Er nickte unwirsch. Ich wußte: Es würde nie wieder werden wie zuvor.
Leslie Jones gefiel es zunächst sehr gut in der neuen Umgebung. Tagelang trieb er sich in den Büros herum, in denen Devisen und Warentermingeschäfte abgewickelt werden. Er sagte:
„Wenn ich dieser Stadt ein Denkmal setzen sollte, ich würde Tausende von Telefonen in wüstem Knäuel zu einem Berg auftürmen.“
Dann wurde er stiller. Er malte eine Serie von Feuerwehrmännern mit Brandfackeln und fing an, verzagt durch die Stadt zu streichen und zu trinken. Eines Tages forderte er Esther und mich auf, mit ihm zu kommen. Er zeigte uns eine romanische Kirche, die völlig bilderleer war.
„Ich habe hier einem Gottesdienst beigewohnt,“ sagte er kopfschüttelnd, „und hatte den Eindruck, in eine Versammlung von Toten geraten zu sein. In England entschädigt eine gewisse Prachtentfaltung für die Abgestorbenheit der Inhalte. Aber hier! Jetzt weiß ich, daß ich in eine zutiefst prosaische und bilderfeindliche Stadt gekommen bin, die nur einen einzigen Maßstab kennt…“ Er machte die Geste des Geldzählens. „Was hat man mit den Bildern gemacht? Diese Kirche muß doch einmal voll davon gewesen sein! Hat man sie zerschlagen? Zerschnitten? Verbrannt?“ Wir nickten. „Da waren ja selbst die Nazis gnädiger. Immerhin hat ihr fanatisches Banausentum sie nicht davon abgehalten, die für entartet gehaltene Kunst gegen klingende Münze zu verkaufen.“ Er schüttelte sich. „Warum hat mir das niemand gesagt?“
„Ich nahm an, du wüßtest es,“ antwortete Esther. „Außerdem, was tut es? Deine Bilder lieben sie.“
„Gerade das macht mir Angst!“ Ab jetzt war er von dem Plan besessen, ein Bild der Bilderfeindlichkeit zu schaffen.
Leslies Krise lenkte mich zunächst von Esther ab. Ich wußte, daß sie eine größere Operation hinter sich hatte und noch regelmäßig zur Nachuntersuchung mußte. Da sie nicht weiter darüber sprach, forschte ich sie nicht aus, doch fuhr ich sie gelegentlich in die Klinik und holte sie wieder ab. Auf einer dieser Fahrten überholte uns eine Formation motorradfahrender Frauen. Zottiges, schweifartiges Haar und paillettenbesetzte Fetzen flogen im Fahrtwind. Esther erschrak. Sie fuhr an den Straßenrand und legte die Stirn auf die am Lenkrad verkrampften Hände.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Hast du sie nicht gesehen?“
„Doch! Aber was war mit ihnen?“
„Hast du sie von vorn gesehen?“
„Nein, wie konnte ich… Plötzlich fuhren sie vorbei.“
„Ich sah sie im Rückspiegel kommen.“
„Ja – und? Was hast du gesehen?“
Esther schwieg. Sie sah elend aus. Und mir wurde zum ersten Mal klar, wie krank sie war. Doch eine Mischung aus Zartgefühl und Angst hielt mich davon ab, sie nach ihrem Leiden zu fragen. So habe auch ich sie alleingelassen, als alle sie alleinließen.
Ich fuhr mit den Kindern in Ferien. Paul blieb zu Hause. Er hatte mit dem Fund am Hirschgraben zu tun, der später so viel Aufsehen erregte. Bei Ausschachtungen für ein Parkhaus war man auf eine Trümmerschicht gestoßen, und Paul hatte als Gutachter erkannt, daß es sich um Bruchstücke mittelalterlicher Steinplastik handelte, mit deren Rekonstruktion er sofort begann. Esther hatte uns die Cote Sauvage am Atlantik als Ferienparadies empfohlen. Als wir, gegerbt von Sonne und Salz, zurückkehrten, trafen wir Paul völlig verändert an. Er war aufgedunsen und blaß, von mimosenhafter Reizbarkeit, ein wandelndes Messer. Es war ihm unerträglich, auf den Hirschgraben angesprochen zu werden. Offenbar hatte man ihm die Ausgrabung weggenommen und sie jemand anderem anvertraut. Oder hatte man sie eingestellt? Es war nichts Genaues aus ihm herauszubekommen.
Die Kinder waren froh, als ich mit ihnen das Haus verließ und zur alten Feuerwache ging. Sie freuten sich darauf, wieder nach Herzenslust malen und kneten zu dürfen. Leslie war nicht da. In der Mitte des Ateliers stand ein riesiges Bild, das sich in einem rechtwinklig mit ihm verbundenen Spiegel verdoppelte. Es zeigte ein gefiedertes Ungetüm mit Schlangenschwanz, das in sinnloser Wut Spiegel zerpickte, um sich selbst nicht mehr sehen zu müssen. Der große Spiegel aber hielt sein Beginnen gnadenlos fest.
Ich hatte die Telefonnummer von Esthers Bruder Ted, der Devisenmakler ist. Es dauerte lange, bis ich ihn am Apparat hatte.
„Tut mir leid, Estelle, aber der Dollar spielt heute verrückt. Was ist denn los?“
„Ich bin hier bei Leslie, aber weder er noch Esther ist da.“
„Weißt du das denn nicht? Esther ist wieder im Krankenhaus. Es geht ihr gar nicht gut.“
Ich überließ Cathleen die Kinder, kaufte Blumen und fuhr hin. Esthers Bett stand ganz allein in dem großen Zimmer. Ihr kahler Kopf lag zurückgesunken in den Kissen. Aus dem Gesicht, noch schmaler, noch brauner, ragte einsam die Nase empor, die Hände fuhren wie Geierklauen über die Decke und wischten unsichtbare Krümel weg. Ich überwand meine Scheu und streichelte ihren Arm. Sie wollte etwas sagen, ich näherte das Ohr ihrem papiertrocknen Mund.
„War es schön am Atlantik?“ Ich nickte.
„Wir hatten herrliches Wetter und haben uns gut erholt. Vielen Dank für den guten Tip! Die Cote Sauvage ist wirklich ein Paradies, und an den Stränden so viel Platz! Die Kinder lassen dich herzlich grüßen und wünschen dir gute Besserung.“
„Danke!“ Sie lächelte schwach. „Hast du Leslies Bild gesehen? Es ist großartig, nicht wahr? Er schenkt es dir. Er ist zurück nach London. Bitte…“ Sie wollte sich aufrichten, fiel aber kraftlos zurück. „Bitte kümmere dich um Pilar. Das ist meine Tochter. Sie ist hier im Internat. Du findest ihre Adresse in meinem Schreibtisch. Aber sag ihr nicht, daß ich sterbe. Sie soll nicht kommen, soll mich so nicht sehen. Schlimm genug, daß du mich gefunden hast. Ist dir aufgefallen, was Michael immer malt? Und auch Eva? Sie malen immer sich selbst – und Paul. Du kommst auf ihren Bildern nicht vor. Bitte geh jetzt. Nimm die Blumen wieder mit. Ich mag sie nicht sehen. Denk an Pilar. Ich danke dir.“ Tief erschöpft, schloß sie die Augen. Auch ihr Antlitz verschloß sich. Es glich jetzt einer bronzenen Maske, unter der ein Feuer wütet.
Die Familie richtete Esther eines jener nüchternen Begräbnisse aus, bei denen Tränen unpassend erscheinen. Die Gegenwart des kirchlichen Amtswalters verbürgt, daß es auch jenseits des Todes ruhig und sachlich zugeht. Der Sarg sollte auf einen Karren geladen und zum Grab gerollt werden. Da traten plötzlich sechs Frauen hervor, die vorher keiner wahrgenommen hatte, hoben ihn auf die Schultern und trugen ihn an Ort und Stelle. Es waren die Motorradfahrerinnen, deren Anblick Esther so sehr erschüttert hatte, und auch hier verbreiteten sie mit ihren gramvollen Mienen, den in Fetzen hängenden Kleidern und dem zottigen Haar blankes Entsetzen. Die Trauergemeinde blieb tuschelnd zurück, der Pfarrer beruhigte sie.
„Es sind die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe, der Mrs. Jones zuletzt noch angehört hat.“
Nur ein junges Mädchen und ich folgten dem Sarg bis ans Grab. Die Frauen ließen ihn routiniert an Seilen hinab und bedeckten ihn mit Erde. Das junge Mädchen bedankte sich bei ihnen und zögerte nicht, sich von ihnen umarmen und küssen zu lassen. Es war Pilar.
„Hast du Zeit? Oder gibt die Familie noch ein Essen?“
„Das tut sie – aber ich komme lieber mit dir. Die haben sie doch alle im Stich gelassen!“
Auf der Fahrt zur Feuerwache wurden wir von der Selbsthilfegruppe eskortiert. Als wir ausstiegen, waren sie verschwunden.
Ich hatte mich mit Cathleen und den Kindern in Leslies Atelier eingenistet. Pilar wollte wissen, warum ich ihr nicht zeitiger Bescheid gegeben hatte.
„War Mamas Ende wirklich so furchtbar? Ist sie lebenden Leibes verfault? Ich hätte durch einen Paravent mit ihr sprechen können. Oder mit verbundenen Augen!“
„Deine Mutter schämte sich vor allen, die sie liebte. Deshalb hat sie auch Leslie nach England geschickt.“
„Mein Vater hätte sich nicht geschämt. Aber er war auch nicht von hier. Er war Indio, wie du mir ansiehst. Als Leslie nach Mexiko kam, war er schon tot. Er ist verhungert.“ Sie weinte. Ich reichte ihr ein Taschentuch. „Hier bekommt man ein Taschentuch, wenn man weint. Tränen sind ein Sekret wie Nasenschleim und müssen beseitigt werden. Bei uns küßt man sie fort. Nein, bitte, ich habe mich an eure Weise schon zu sehr gewöhnt. Du bist die Frau von Professor Kornblum, nicht wahr? Warum tritt er nicht die Flucht nach vorn an und veröffentlicht, was er gefunden hat?“
Ich war überrascht. Was wußte dieses Mädchen von Paul? Und von der Grabung am Hirschgraben?
„Es scheint, du hast noch nie von unserem Internat gehört,“ sagte Pilar, als sie mein Erstaunen sah. Im Poncho, mit Hut und einen Zigarillo rauchend, sah sie aus wie eine erwachsene Frau. „Es ist wahr, Internate stehen in dem Ruf, ihre Zöglinge in einem Glashaus seichten Halbwissens und banaler Torheiten zu verzärteln. Bei uns ist das völlig anders. Der Idee unseres Stifters, eines Exilrussen namens Fersen, folgend, trägt man an uns ausschließlich das heran, wovor man andere abschirmt. Die scheußlichsten Auswüchse des wissenschaftlichen Fortschritts, die schreiendsten Ungerechtigkeiten, die perversesten Verbrechen, die bestgehüteten Geheimnisse der Militärs sind unser täglich Brot. Auf diese Weise werden wir abgehärtet und auf die Mitarbeit in Stäben vorbereitet, die Entscheidungen von so großer Tragweite treffen, daß ein normaler Mensch unter der Verantwortung zusammenbrechen würde. Muß nicht zum Beispiel in den Währungsfonds das Verhungern ganzer Völker nüchtern in Rechnung gestellt werden? Und geht nicht die Diomedes-Kommission davon aus, daß, um den OstWestKonflikt zur Stabilisierung der Weltordnung wiederherzustellen, ein Teil der Menschheit geopfert werden muß? Die Jahresarbeit meines Kaders im vorigen Jahr trug den Titel: Wie wäre der bedeutendste Bankenplatz Westeuropas in den Grundfesten zu erschüttern? Wir fanden heraus, daß seine bewundernswerte Funktionstüchtigkeit auf der vollständigen Vernachlässigung des Substantiellen beruht. Drücke ich mich verständlich aus? Es geht euch hier nur noch um das Wie und grundsätzlich nicht um das Was. Eine solche Einseitigkeit ist labil und immer durch Kräfte des Irrationalen bedroht. Sollte es sich aus seinen jahrhundertealten Gräbern einmal befreien, so könnte dies das Ende sein… Ein halbes Jahr, nachdem wir diese Antwort gefunden hatten, hörten wir von den Funden am Hirschgraben. Hatten wir sie vorausgeahnt? Oder folgten sie unserer Prognose? Jedenfalls beweisen sie erneut die unverwelkliche Kraft der fersenschen Konzeption.“
„Was können ein paar Heiligenfiguren dem Beton anhaben?“ fragte ich. Pilar stand auf.
„Komm mit,“ sagte sie nur.
Mit katzenhafter Behendigkeit schwang sie sich an den Granitblöcken empor, hinter denen die Werkstatt des Stadtkonservators liegt. Sie drückte eines der Fenster auf und schlüpfte zwischen Gitter und Mauer hinein. Wenig später öffnete sie mir von innen die Tür.
„Sei still, es sind Wachen da!“
Wir tappten durch mehrere Ateliers, warfen Stühle und Staffeleien um, bis wir in eine Halle gelangten. Ich konnte im Halbdunkel dort, wohin Pilar zeigte, nur ein Knäuel von Wulsten und Leibern wahrnehmen, die in Bögen angeordnet waren. Es gelang uns, den Lichtknopf zu finden.
Was ich sah, war eine Symphonie der Zwitter. In einem Tympanon durchmischten sich Mensch, Adler, Löwe, Stier und Schlange in immer neuen Variationen. Hühnerfüßige Fische lieferten Affen mit Fledermausflügeln ein Gefecht, bocksfüßige Zentauren schäkerten mit menschengesichtigen Vogelechsen, Seejungfrauen ritten auf Elefanten mit Flügeln und Menschenohren, Sirenen umgurrten Harpyen, Greife schlugen die Krallen in gehörnte Löwen, Einhörner kämpften mit Graien, Schimären gebaren Sphinxe… Ich sank auf die Knie und faltete die Hände. Die Fingernägel stachen mir ins Fleisch. Mir wuchsen Krallen.
Pilar machte mich auf die beiden Wächter aufmerksam, die, das Gewehr in Händen, zu Boden gesunken waren und schliefen.
Von jetzt an verschwimmt die Reihenfolge der Ereignisse. Ich kann Ursache und Wirkung nicht mehr mit Sicherheit unterscheiden, sie durchdrangen einander zu einem Prozeß, der eigenen Gesetzen folgte.
Ich erinnere mich an die Glut des Sternenhimmels, unter dem wir heimgingen, an das Kreischen der ersten Straßenbahn in den Schienen, an die Wortlosigkeit, mit der wir den Frühstückskaffee zu uns nahmen, an mein Frösteln, als ich auf dem Bahnhof stand und ihr nachwinkte, das Gesicht noch naß von ihren Tränen.
Ich erinnere mich, daß ich eine Zeitung kaufte, sie aufschlug und einen Artikel über den Fund am Hirschgraben fand, der mit meinem Namen gezeichnet war. Er enthielt die Beschreibung eines Kapitells, auf dem Adam sich mit Lilith, seiner ersten Frau, paart. Ich habe dieses Kapitell nie gesehen.
Die Feuerwache fand ich verwüstet, die Kinder und Cathleen verschwunden. Das Bild des wütenden Puters hing zerschlitzt im Rahmen, der Spiegel war eingeschlagen.
Ich suchte die Kinder bei Paul, fand aber weder sie noch ihn. Da das Auto vor der Tür stand, mußte er im Haus sein. Ich suchte ihn überall und fand ihn schließlich reglos auf der Dachstiege sitzend.
„Paul, du mußt mir glauben, ich habe das nicht geschrieben! Ich bitte dich, glaub mir! Warum sagst du nichts? Was weißt du? Was hat dich dermaßen erstarren lassen? Die Kinder – was ist mit den Kindern? Waren sie bei dir? Wo sind sie hin? So rede doch! Rede doch!“ Ich packte ihn bei den Schultern, rüttelte ihn, beachtete nicht, wie kalt und hart er war – da kippte er langsam um, durchschlug krachend das Treppengeländer und grub sich unten tief in den Terrazzoboden.
Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, beim Fund am Hirschgraben handle es sich um eine Fälschung. Autor des Beitrags: Paul Kornblum.
Ob Fälschung oder nicht, die Stadt war aufgewühlt. Ich konnte die Feuerwache nicht wiederfinden und übernachtete mal hier, mal dort. Einmal wäre ich fast unters Auto gekommen, weil ich beim Überqueren der Straße zuerst nach rechts schaute.
Ich betrete einen Platz, auf dem großes Getümmel herrscht. Gruppen von Berittenen, von Böcken mit Fledermausflügeln, von Fischmenschen, gehörnten Löwen, Harpyen, Sirenen, Greifen sammeln sich und bilden einen Zug. Alle tragen sie Spiegel in Händen, Taschenspiegel, Rasierspiegel, Wandspiegel. Einer, der zwei hat, wirft mir einen zu… In einer Staubwolke ziehen wir die Straße hinauf, ich weiß nicht, wohin… Plötzlich erfüllt ein tosendes Kollern und mißtönendes Schreien die Luft.
„Was ist das?“ frage ich meinen Nebenmann, einen Lurch.
„Das ist er,“ sagt er und schaut stur zu Boden.
„Wer?“
„Der Basilisk! Dort oben hinter den Häusern hat er sein Nest.“
„Und was ist mit ihm? Warum gehen wir hin?“
„Weil er die Stadt verpestet mit seinem Gifthauch. Weil sein Blick versteinert und tötet. Aber auch ihn selbst – wenn er sich in einem Spiegel erblickt.“
„Dann nützt uns der Spiegel also gar nichts.“
„O doch. Uns schützt er.“
Erst jetzt sehe ich, daß alle ihre Spiegel erhoben haben und hineinschauen. Ich mache es ebenso.
Über den Häusern schießt ein von blauroten Lappen umflatterter, hautiger Kopf mit Pfauenkrönchen empor, schaut echsenhaft ruckend um sich, kollert und bläht sich widerlich auf. Ein paar Vorwitzige, die es gewagt haben, ihn ungeschützt anzuschauen, rollen versteinert zu Boden.
„Los, in den Schatten der Häuser!“ ruft jemand.
Wir rasen, so schnell wir können, über den Platz. Während ich mich verschnaufe, höre ich ein Knattern. Die Selbsthilfegruppe kommt herangeprescht und formiert sich zum Angriff durch die Gasse.
Sie tragen Elsterfedern auf den zottigen Köpfen, die Gesichter sind schwarzweiß gestreift, die brüstelosen Oberkörper, auf denen nur blutrot die Narben prangen, schrecklich enthüllt. Auf ein Zeichen ihrer Anführerin starten sie in die Gasse, aus der wenig später ein Gluthauch quillt.
Eine Gruppe will einen schweren Kristallspiegel durch die Gasse vortragen. Ich geselle mich dazu. Ich stehe im dritten Glied, bin also erst an der Reihe mit Tragen, wenn die zwei vor mir gefallen sind.
Wir steigen über verkohlte Körper hinweg und gelangen sehr weit. Zuletzt, wir tragen den Spiegel nur noch zu zweit, zerschmettert ihn ein ungeheurer Schnabelhieb und begräbt mich unter seinen Scherben.
Ich lag in einem breiten, weichen Bett, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees durchzog die Luft, Leslie beugte sich über mich und rief:
„Sie kommt zu sich! Kommt, schaut!“ Cathleen brachte die Kinder, die sich verlegen lächelnd neben dem Bett aufstellten und mich erwartungsvoll ansahen.
„O – seid ihr zurück? Seid ihr alle zurück? Und Paul – geht es ihm auch besser?“ Leslie lächelte nachsichtig.
„Sie fragt nach Paul, nach einem Paul. Wen kann sie meinen?“ Sie schauten einander ratlos an. „Nicht wir, du bist zurück, Liebes. Wir freuen uns so, dich wieder bei uns zu haben!“
„Wo war ich denn?“ fragte ich benommen und schaute mich um. Das Bild des wütenden Gockels stand unbeschädigt da und verdoppelte sich im Spiegel. Leslie sah meinen Blick.
„Gefällt es dir?“ Ich stand auf und trat ans Fenster. Dichter Verkehr flutete vorbei. Linksspurig. Ein roter zweistöckiger Bus hielt nicht weit vom Haus. Ich zitterte, setzte mich, betastete meinen Körper, der heil war bis auf ein paar Schnittwunden und Blutergüsse.
„Du hattest einen Unfall. Aber er war harmlos. Du brauchtest nicht einmal in die Klinik. Willst du einen Kaffee? Cathleen, bring Esther einen Kaffee!“ Cathleen verschwand. Ich faßte, scheinbar in ordnender Absicht, nach meinen Haaren. Sie waren da.
„Bitte, Leslie,“ sagte ich verzweifelt, „ich bin nicht Esther. Ich bin Estelle. Esther ist in Frankfurt gestorben. Und begraben.“ Der Kaffee kam. Leslie goß ihn ein.
„Bitte schön,“ sagte er etwas gequält, „wenn du willst, nenne ich dich Estelle. Aber warum? Du bist Esther. Mike und Eve sind unsere Kinder.
„Wenn ich Esther bin, habe ich nur ein Kind: Pilar. Was ist mit ihr? Warum ist sie nicht hier?“
„Aber du warst sie doch besuchen! Auf der Rückreise hattest du den Unfall. Ich weiß nicht, warum. Eine Gruppe von Motorradfahrern hat dich erschreckt. Du bist an den Rand gefahren – aber nach rechts! Und Pilar… Sie ist für uns wie eine Tochter, das ist klar. Aber unsere Tochter ist sie nicht. Wir haben sie aus Mexiko mitgebracht, weißt du das denn nicht mehr? Das arme, halbverhungerte Wurm, das am Straßenrand saß und Kot aß… Wie geht es ihr? Macht sie gute Fortschritte? Mrs. Elliot sagte, sie habe über die fersensche Pädagogik nicht nur Gutes gehört.“
Ich wollte wütend erwidern, eine Mrs. Elliot sei mir völlig unbekannt, zog es dann aber vor, den Kaffee zu schlürfen. Und plötzlich durchdrang mich eine ungeheure Freude. Ich lebte! Die Kinder lebten! Sie waren da! Und Leslie – war er nicht ein entzückender Mann? Ich umarmte und küßte die Kinder, die aus ihrer Erstarrung erwachten. Mike brachte mir ein Bild, das er gemalt hatte. Es zeigte ihn und seine Schwester bei Tisch, rechts und links saßen Leslie – und ich! War es nicht ganz gleichgültig, wie ich hieß? Wer ich war? Wenn ich nur überhaupt lebte! Nicht tot, nicht Stein, nicht Harpye war! Zögernd wandte ich mich Leslie zu, einen Augenblick noch schauderte ich zurück vor dem Abgrund, der uns trennte, dann warf ich mich ihm in die Arme. Wir umschlangen einander, und nur die Gegenwart der Kinder hinderte uns, völlig ineinander zu versinken. Aber die Nacht! Und die folgenden Nächte! Von einem Taumel stürzten wir in den anderen.
„Du bist völlig verändert, seit du fort warst,“ sagte Leslie beim Frühstück zu mir. „Früher durfte man vieles nicht von dir verlangen, manches dir nicht zumuten. Deine Fingernägel sind lang wie bei einer Gestorbenen. Was hast du erlebt?“
Ich überließ ihn seinen Mutmaßungen. Von Tag zu Tag wurde mir klarer, daß ich immer Esther war. Ich sah mich im Mittelpunkt meiner rivalisierenden Freundinnen auf dem Schulhof… Riveras Wandbilder in der Universität von Mexiko fielen mir ein, und ich erinnerte mich an die Party, bei der ich Leslie kennengelernt hatte. Ich muß ihn, den erfolgreichen, glänzenden Maler, wohl ziemlich angehimmelt haben; denn als wir miteinander tanzten, machte er mir sofort einen Heiratsantrag.
„Und weiß du auch noch, wie ich dich zum ersten Mal malte? Wie du nicht zu bewegen warst, den Mantel auszuziehen, weil du glaubtest, dann gebe es kein Halten mehr?“ Wir lachten gemeinsam. Und als Ted anrief und sagte, Pilar habe ein Verfahren entwickelt, den Dollarkurs bis zu einem halben Jahr vorauszuberechnen, entlarvten wir das als geschickten Versuch, ihn anzupumpen, und schickten ihr Geld.
Eines Nachts, vor dem Spiegel im Bad, entdeckte ich in der linken Brust einen rosinengroßen Knoten. Ich verschwieg es Leslie, der auf Wunsch seines Galeristen plastisch zu arbeiten begann und jene Bronzeakte schuf, die von innen wie ausgebrannt erscheinen. In einem Brief, der heute morgen eintraf, teilt das Städel ihm mit, es beabsichtige, eine erste Retrospektive seines Gesamtwerks zusammenzustellen.
Was immer die Gewebsproben ergeben, ich werde in die Stadt, in der ich zweimal starb, nicht zurückkehren.