Penisan

„Gib dir keine Mühe – du bekommst es eh nie heraus,“ sagte Genia, während sie sich vor dem Spiegel das Haar hochsteckte, ein Ritual, dem wenigstens aus dem Augenwinkel zuzusehen Edu nicht hatte unterlassen können, kannte er doch nichts Schöneres als ihren schmalen Nacken, wenn ein paar nicht zu bändigende schwarzbraune Locken in ihn hinabrollten. Mit ihrem Satz aber zerschlug sie wie mit einer Keule seine zärtliche Aufmerksamkeit; er hatte sich an diesem Morgen besondere Mühe gegeben, ihr zu gefallen, hatte sich in den grauen Flanellanzug geworfen, von dem sie mal gesagt hatte, dass sie ihn gern an ihm sähe; dazu trug er die olivgrüne seidene Strickkrawatte, die sie ihm zum Hochzeitstag geschenkt hatte – insgesamt nicht unbedingt das Outfit für einen Hausmann morgens gegen sieben, wenn die Göttergattin in die Arbeit entschwebt; aber er wollte bei ihr in guter Erinnerung bleiben, denn wer konnte wissen, welche Versuchungen das Berufsleben ihr heute über den Weg führen würde? Es war eine Äußerung seiner Therapeutin gewesen, die ihn darauf gebracht hatte, mehr an seinem Erscheinungsbild zu feilen. „Frauen,“ hatte Frau Dr. Krick-Semjonov gesagt, „rächen sich dafür, dass sie nach ihrem Äußeren beurteilt werden, indem sie nach dem Äußeren beurteilen. Und nichts hassen sie mehr als die fehlende Bereitschaft vieler Männer zum Wandel. Männer wollen Fels in der Brandung, wollen graniten sein. Aber sie müssen sich nicht wundern, wenn die Frauen ihnen dann stiften gehen.“

Er hatte mit einer modischeren Frisur den Anfang gemacht, die sie drei Tage amüsant fand, dann fragte sie ihn, ob der Friseur ihm einen Kochtopf aufgesetzt habe, als er ihn schnitt. Er hatte sich einen goldenen Ring ins linke Ohrläppchen gesteckt, das er zu diesem Zweck hatte durchbohren lassen. Er war darauf gekommen, weil sie von einem Gitarristen schwärmte, der einen solchen „Kreolen“ trug; aber sie hatte ihn nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Ein Brilli im linken Schneidezahn hatte ihm einige lachende Extraküsse eingebracht, hatte dann aber schnell seine Wirkung eingebüßt. In einem Fitness-Center hatte er sich Muskelpakete antrainiert, die freilich bei Genia vor allem Heiterkeit hervorriefen. Sie nannte ihn einen „Möchtegern-Terminator“ und benutzte sogar das Wort „unästhetisch“. Er nahm Gitarrenunterricht und überraschte Genia zu ihrem Geburtstag mit einer Habanera. Sie war gerührt, zerrte ihn aber nicht ins Bett, sondern feierte lieber mit Freundinnen, und als sie nachts um zwölf angeschickert nach Hause kamen, wurde er mit seiner Habanera vorgeführt wie ein Zirkuspferd. Diese Niederlagen machten ihn skeptisch und führten ihn zeitweise in Versuchung, sich gehen zu lassen, zu trinken und mit Gewalt zu drohen. Das wiederum erschien ihm jedoch stillos und unter seinem Niveau.

In der Gemeinschaftsmännerdusche des Fitness-Centers hatte er dann eine Offenbarung. Er duschte und wusch sich die Haare, als ein schmächtiger Zeitgenosse hereinkam mit einem Flaschenkürbis von Schädel, auf dem ein paar schüttere Haare sprossen, aber einem Wehrgehänge an viriler Ausrüstung, neben dem sein eigenes wie ein Kinderspielzeug aussah. Es war klar: Er genügte Genia in seiner Männlichkeit nicht. Warum hatte Frau Dr. Krick-Semjonov ihm das verschwiegen? Weil sie es sich in professioneller Zurückhaltung nie erlaubt hatte, einen Blick auf seine diesbezügliche Ausstattung zu werfen! Er folgte dem Beneidenswerten in die Umkleide, tat, als habe er seinen Schlüssel verloren und bat ihn um Hilfe. Sie witzelten über verlorene Schlüssel, und Edu lud ihn zum Bier ein. Schnell kam er auf seinen Ehefrust zu sprechen und meinte, mit einer Anatomie, wie er sie bei Herb – so hieß der Flaschenkürbis – im Bad gesehen habe, ginge es ihm wahrscheinlich besser.

„Ich hatte auch dein Problem,“ sagte Herb. „Aber ich habe etwas dagegen getan.“

„Und was kann man dagegen tun?“

„Zunächst habe ich es mit physikalischen Methoden des Längens, Ziehens und Streckens versucht. Der Penis hat ja durchaus auch muskulöse Bestandteile, und ich habe mir gesagt, so wie ich die Muskeln durch Training verstärken kann, muss das dort auch gehen. Ich habe in der Volkshochschule einen Kurs besucht…“

„In der Volkshochschule?“

„Ja, einen Flirtkurs. Es wurden massenhaft Erektionsübungen gemacht, wobei die Kraft durch Gewichte, Beuge-, Streck- und Stemmübungen langsam gesteigert werden sollte.“

„Und das…“

„Nein, eben nicht. Es war komplett erfolglos. Nein, mir hat erst Penisan geholfen.“

„Penisan?“

„Ja, ein rein natürliches Medikament zur Penisvergrößerung. Es wird im Internet angeboten und ist rezeptfrei.“

„Und wie funktioniert das?“

„Du nimmst es ein – und er wächst.“

„Er wächst? Einfach so? Ohne Schmerzen?“

Herb lachte. „Was du dir denkst,“ lachte er. „Meiner hat 1,5 Zentimeter Umfang und 5,8 Zentimeter Länge hinzugewonnen.“

„Und seitdem…“

„Frag meine Frau! Sie kann seither gar nicht mehr oft genug… Aber ich will nicht angeben. Auch mein Durchhaltevermögen hat sich gesteigert. Ich sag dir – es ist einfach – geil!“

Edu hatte genug gehört. Wenige Tage später brachte ihm UPS ein Paket, aus dem er einen zylindrischen Behälter herausschälte. PENISAN stand darauf. Und: „Guaranteed herbal formula, no side-effects.“ Es war ihm feierlich zumute, als er die erste der hellgrünen Kapseln einwarf. „Alea est iacta!“ rief er sich zu.

Die Gewissheit, die Sache nun endlich beim richtigen Hebel angepackt zu haben, erfüllte ihn mit tiefem Behagen. Mitleidig grinsend blicke er auf die dilettantischen Versuche der zurückliegenden Jahre zurück, sich Genias Zuneigung mit veränderter Garderobe, mit weibischen Frisuren, ja, mit unmännlichen Schmuckstücken zu erschleichen. Endlich hatte er begriffen, wo der Barthel den Most holt! Voilà le hic! Was half ihm die größte Attraktivität, wenn an ihrem Ende ein unbefriedigendes Zusammensein stand? Ihm war es dabei immer gutgegangen, aber Genia? Ihre Seufzer hatten echt geklungen, doch oft genug war auch eine Unruhe in ihr zurückgeblieben, die er sich nicht erklären konnte, sie hatte sich über ihn geneigt, seine Nasenspitze geküsst und gemurmelt: „Mein armer Edu!“ Warum hatte sie ihn bedauert? Und warum hatte sie ausgerechnet seine Nasenspitze geküsst? War nicht die Nase in der Tiefenpsychologie ein phallisches Äquivalent? Gespannt untersuchte er das Teil, das man gern als „das edelste“ verhöhnt. Er glaubte Wachstum festzustellen, doch hatte er unterlassen, es vor Beginn der Therapie zu vermessen. Er tat es jetzt, vier Wochen nach ihrem Beginn, und setzte sie weitere acht Wochen fort.

Hier stellte sich nun erstmalig Enttäuschung ein. Die Gebrauchsinformation des amerikanischen Herstellers versprach „one inch enlargement per month“. Es waren nun drei Monate ins Land gegangen, und mit viel gutem Willen war vielleicht ein Wachstum von einem Millimeter zu registrieren. Edu sprach Herb darauf an, als er ihn in der Männerdusche des Fitness-Centers wiedertraf. Herb sah ihn merkwürdig an.

„Vielleicht wirkt es bei dir anders als bei anderen,“ sagte er grinsend. Er habe vorsichtshalber mit der Einnahme des Mittels aufgehört. Sein Gerät habe jetzt eine Länge erreicht, die nicht mehr nur gefalle, sondern Beschwerden bei der Partnerin hervorzurufen geeignet sei. Und er wolle ja nicht als Jahrmarktsattraktion enden.

Traurig betrachtete Edu zu Hause sein Spiegelbild. Brach die Zeit der Strickkrawatten, der Kreolen, Muskelpakete und Habaneras wieder an? Er fand sich hässlich. Sein Kurzhaarschnitt ließ die Ohrmuscheln riesig und rot hervortreten. Warum deckte er sie auch nicht mit den Haaren ab? Und plötzlich stellte er sich die Frage: Waren die schon immer so groß gewesen?

Ihm fiel das spöttische Grinsen ein, mit dem Herb ihn in der Männerdusche gemustert hatte. Er schaute erneut in die Gebrauchsinformation. Aber dort war ausschließlich von „penis enlargement“ die Rede. Er musterte erneut seine Ohren. Dann kramte er sein letztes Passfoto von vor einem Jahr heraus. Es war eindeutig: Seine Ohren waren gewachsen. Panik ergriff ihn, und er setzte Penisan auf der Stelle ab.

Aber das Medikament wirkte längerfristig. Das einmal angeschobene Wachstum schien so schnell nicht aufhören zu wollen. Die Ohrmuscheln vergrößerten sich weiter mit beängstigender Schnelligkeit in alle Richtungen. Eine geräumige wollene Baskenmütze, die Edu sich überstülpte, verbarg die entstehende peinliche Disproportion. Er sagte Genia, er neige in letzter Zeit stark zu Nebenhöhlenbeschwerden, der Arzt habe ihm empfohlen, den Kopf warm zu halten. Frau Dr. Krick-Semjonow, der er seine Not nicht verbarg, beruhigte ihn damit, dass die Ohrmuscheln nicht lebenswichtig seien. Auch bei bestimmten Hunderassen würden sie „kupiert“ – oder zumindest sei das früher üblich gewesen. Es werde kaum ein Problem sein, sie auf ein Normalmaß zurückzustutzen. Aber würde dabei nicht möglicherweise der eingerollte Rand verloren gehen? Edu erinnerte sich an einen Klassenkameraden mit Segelohren und welchen Spott der für diese abstehenden Organe zu ertragen gehabt hatte besonders dann, wenn die Sonne hindurchschien und sie in lächerliche, rot geäderte Teller verwandelte; er wurde „Dumbo“ genannt. Mit Schrecken stellte Edu fest, dass die Selbsttragfähigkeit seiner Ohrlöffel infolge ihres zunehmenden Eigengewichts bereits nachließ; sie begannen umzuklappen.

Eines Abends hatte er nach dem Duschen vergessen, die Mütze aufzusetzen, als er sich an den Abendbrottisch setzte. Genia führte gerade einen Bissen zum Munde, da sah sie ihn an. Sie erstarrte mitten in der Bewegung – und lachte laut los.

„Um Himmels Willen – Edu – was ist mit deinen Ohren los? Hast du dir die angeklebt? Oder sind sie etwa echt?“

Edu errötete, fasste daran und zuckte mit den Schultern. „Die waren doch wohl schon immer ein bißchen groß,“ sagte er mit gespielter Gleichgültigkeit. „Das macht nur der Haarschnitt.“

„Aber sie sind riesig! Was ist passiert?“

Edu wagte ihr die Wahrheit nicht zu sagen und kam auf eine alberne Ausrede. „Möglicherweise esse ich zu viel Salat und Gemüse,“ sagte er. „Vielleicht kriegt man davon Hasenohren.“

„Lass mal schauen!“ Genia kam zu ihm herüber und befühlte und prüfte die Ohrlöffel vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. „Sie sind so kühl!“ sagte sie anerkennend. „Aber sie sind echt, absolut echt! O Edu!“ Sie setzte sich auf seinen Schoß und küsste ihn. „Es sieht irre aus! Ich kenne niemanden, der das hat, außer dir!“

Wieder betastete sie die enormen Fleischlappen und konnte nicht widerstehen, zuerst den einen, dann den anderen auch zu küssen.

„Sie fühlen sich an wie Samt!“ raunte sie zärtlich. „O, wie ist das toll!“ Sie nahm die Spitze seiner rechten Ohrmuschel zwischen die Lippen, presste sie zusammen und sog daran.

„O mein Gott!“ seufzte sie.

Edu hörte das zum ersten Mal von ihr, und er hatte gelesen, dass eine Frau, die beim Schäkern Gott anruft, nicht plötzlich fromm geworden ist, sondern eher das Gegenteil.

Das machte ihn sehr froh.

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