Zwei Orte

Nun an den point of no return gekommen, die Schiffe verbrannt, wohin mochte die Reise gehen? Nur weg, nur weg? War das ein Ziel? Der legasthenische Schüler kam ihm in den Sinn, der so tiefsinnig über die Kafka-Parabel geschrieben hatte, dass der Lehrer den von roten Strichen wimmelnden Aufsatz mit „sehr gut“ benotet hatte. Was für ein Streben und ächzendes Sichbemühen um ein wenig Weltverständnis! Und dann stellte man hier diese windschnittigen Türme in den Weg, spitzwinklig und schräg, die das Bisschen Geborgenheit, das ein paar Lokale und Geschäfte unten zu verströmen suchten, mit ihrer unmenschlich rohen Höhe erschlugen.

Unterdessen röhrten die Rübenroder über den riesigen Gutsacker, entrissen der Erde ihre Süße und warfen sie zu grauen Bergen an den Rand, wo sie dolomitengleich des Abtransports in die Kessel warteten.

Er fasste Elsa unterm Arm und zog sie zur S-Bahn-Haltestelle, die ein Bauzaun abschirmte. Sie gingen daran entlang, aber der Zaun öffnete sich nirgends, die gesamte Haltestelle war im Bau und existierte nur als Projekt. Ein wenig weiter der Hundertzehner, sie setzten sich oben rein, um ein wenig besser zusehen, aber es gab nur Häuser, Häuser, Institutionen, Vasen und Skulpturen auf Dächern in Wolken ragend, dann hinaus und die Belehrung durch ein rothaariges Kind, dass man für den Ausstieg die hintere Treppe zu nehmen habe.

Der Regen prasselte so dicht, dass Maletzke die Scheinwerfer anwarf, aber er arbeitete um kein Stück langsamer, zermöllerte das schon fast geschmacklos gewordene Doublemint und fluchte, weil der lehmige Boden, der an den Rüben klebte, noch klebriger wurde und auf dem Rüttelrost nicht mehr loslassen wollte.

Die ganze Schinkelei brach über ihn herein wie ein schlagendes Wetter, Baustelle, Baustelle, Café! O ja, das war die Rettung, und ein freier Tisch war bald gefunden, nebenan versuchte ein missratener Sohn erfolgreich, seiner klunkerbehängten Mutter den strebsamen Studiker vorzuspielen, und sie erschlug ihn zum Lohn mit nicht enden wollender Suada über kulturelle Höhepunkte. Elsa nahm Birnentorte, er Apfelstrudel, die Bedienung war unauffällig, schnell, freundlich und fast virtuos, ein Ober brillierte chaplinesk in der Kunst, ein voll besetztes Tablett hoch über dem Kopf zu balancieren, und zwei Habitués posierten als Denker, dem königlichen Spiel ergeben und vor Eitelkeit platzend. „Warum denke ich von anderen so gern Schlechtes?“ fragte Edu sich, fragte es auch Elsa, die aber schwieg und die Torte lobte, dieses Lob war auf eine Weise kompetent, wie es sein Tadeln nie war.

Von Lubnow saß in seinem Clubsessel, schaute in den Billardsaal hinüber, der dringend renoviert werden musste, und murmelte vor sich hin, weil das Sanka beruhigte, die alte Jagdhündin, sie sich an das gleichförmige Wummern der Roder nicht gewöhnen konnte.

Dann das Tor mit der Quadriga, vorm Adlon fuhr eine Limousine vor, die von verharrendem Publikum betuschelt wurde, Edu erkannte niemand, erkannte auch den Stander auf dem rechten Kotflügel nicht, wenn dieses Wort noch angebracht ist, bedauerte das aber auch nicht, was ging ihn z.B. Brunei an, und als er das Tor durchschritt, war es ähnlich wie bei seiner Taufe: Er wusste, dass nichts Besonderes geschehen würde, und doch war er anschließend ein wenig enttäuscht, dass nichts Besonderes geschehen war, einzig, dass die ganze klassizistische Anmaßung ihn mit Hass auf den preußischen Militarismus erfüllte, der von der Berliner Republik verniedlicht wurde.

Der Regen hatte aufgehört, die Lichtkegel der Roder waren gierig auf das nasse Kraut gerichtet, das die Süße produziert hatte, die bald Tortengüsse, Vanillesaucen und Kaugummis schmücken würde, als die Drei plötzlich anhielt, Maletzke sprang herunter und wühlte im Boden, denn er hatte ein metallenes „Klonk“ gehört wie damals, als er den Münzpott gefunden hatte.

Dann das Kontrastprogramm – wieder der Hundertzehner – Alexanderplatz. Irgendwo hier im Keller war Elsas Sohn und organisierte ein Ereignis, bei dem drei international renommierte DJs auflegen würden, rund tausend Besucher wurden erwartet, aber im Keller welchen Hauses? Wo? Im Keller dieses oder jenes Plattenbaus? Ein Kaufhaus vollständig eingerüstet und verschleiert, ein Hotel verkrochen zwischen Baustellen, aus dem eine Horde Chinesen brach, als wolle sie den Weltuntergang nicht verpassen. Zwei Sandwiches im Bahnhof, dann Second-Hand-Fahrkartenhändler – eine Tageskarte, noch acht Stunden gültig, für nur zwei Euro! Ein Junkie kam die Treppe heruntergeschlappt, das Gesicht fast zugewachsen, die losen Sohlen klatschten auf die vernutzten Stufen – der Gedanke, seine Mutter zu sein, kroch wie ein Wurm in Elsas Herz.

Der Baron war eingeschlafen, die Hündin auch, als ein Krachen sie weckte, ein dumpfes Krachen, das Lubnow sofort zuordnen konnte, er hatte es oft genug gehört, wenn sie mit scharfer Munition geübt hatten, und er rief den Notarzt schon an, bevor man Maletzke handlos hereintrug und auf den Küchentisch legte.

Wieder der Hundertzehner, und in Scharouns fast kuscheligem Zweckbau ein später Richard Strauß, ein Schostakowitsch und dann – der Name entfiel ihm sofort, das Stück war konventionell und konnte Schostakowitsch nicht das Wasser reichen. In der U-Bahn Berliner Schnauze: „Ick kenn Sie, claro, ick kenn Sie! Sind Sie nicht die Vakäuferin im Bilka jewesen, Kondome?“ Die alte Frau schüttelte energisch den Kopf. Sie habe in einer Bäckerei gearbeitet. „Klärchen, wusst’ick doch, Vakäuferin, ejal ob Schrippen oder Kondome, allet im selben Mund!“

Und obgleich es pietätlos war, der erste Gedanke Lubnows war es doch, dass nun das Roden wenigstens einen Tag länger dauern und dadurch die gesamte Planung ins Schleudern kommen würde, denn die Transporter waren doch schon auf übermorgen bestellt.

An der Haustür im idyllischen Viertel mit den türkischen Internetbudiken unter Akazien trafen sie mit den beiden Vermietern zusammen. Die hatten sich endlich mal wieder einen schönen Abend gegönnt mit dem Geld für das Zimmer, gebildet, bürgerlich, schwul – geschmackvoll eingerichtet die Wohnung, Toscana, wohin man schaute – aber arbeitslos und auf der Suche nach Nischen, hatten sie sich an einem Film ergötzt, in dem Männer als Frauen auftraten, klar, sowas gefiel ihnen, und Edu versuchte, sich nicht provinziell vorzukommen in all seiner Heterobanalität.

(Berlin 19.-23.10., Angeln 23.-30.10.2004)

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