Begegnungen mit Büchern

Vorbemerkung

Andrej Kurkow: Graue Bienen

Diogenes, Zürich 2019

Inhalt: Ein Imker fährt mit seinen Bienen auf die bereits von Russland annektierte Krim, aber sein tatarischer Imkerfreund ist verschleppt und tot, enttäuscht kehrt er in sein nur noch von ihm und seinem Schulfeind bewohntes Heimatdorf im Donbass zurück.

Rezension:

Dieser Alltagsroman aus Kriegsgebiet ist die originelle Verbindung eines ausgefeilten Plots mit einfachster Sprache. Kurkow ist ein erfahrener Drehbuchautor, der weiß, wie man Spannung erzeugt. Ein liebenswürdiger Roman, von dem nicht loskommt, wer sich auf ihn einlässt, ausgezeichnet übersetzt von Johanna Marx und Sabine Grebing – man könnte meinen, er sei auf Deutsch und nicht auf Russisch geschrieben worden.

Ein Roman über den imkernden Sergej, der im Donbass in der „Grauen Zone“ zwischen ukrainischen Kämpfern und Separatisten mit seinen sechs Bienenvölkern lebt und sich an die über ihn hinwegfliegenden Geschosse schon so gewöhnt hat, dass er sie gar nicht mehr beachtet. Zu einem im Schnee liegenden Toten kriecht er hin und häuft Schnee über ihn, findet in seinem Rucksack viel Zuckerzeug für Kinder. Als er später von Kindern hört, dass der Weihnachtsmann dies Jahr ausgeblieben sei, erkennt er, dass der Tote wohl auf dem Weg zu den Kindern erschossen wurde. Sergej wohnt in der Leninstraße, sein Schulfeind Paschka in der Schewtschenko-Straße. Eines Nachts tauscht Sergej die Straßenschilder aus, und nun wohnt er in der Schewtschenko-Straße, Paschka in der Leninstraße, weil das passender ist – und Paschka findet das auch. „Die Furcht war ein unsichtbares, schwer zu fassendes Ding. Wie ein Virus oder eine Bakterie. Man konnte sie mit der Luft einatmen, zufällig mit Wasser oder mit Wodka verschlucken oder durch die Ohren einfangen, auf jeden Fall konnte man sie mit den Augen sehen, und das so eindrücklich, dass ihr Spiegelbild sogar dann noch blieb, wenn die Furcht selbst schon verschwunden war.“ Sergej sucht die bereits von Russland annektierte Krim auf, aber der tatarische Imkerfreund, den er besuchen will, ist verschleppt und verschwunden, und bei der Ladnerin Galja will er auch nicht bleiben: „Ja, sie ist eine gute Frau, dachte er. Sie kocht großartig. Und es ist nicht gerecht, dass sie allein in diesem Haus leben soll. Ohne Mann, also sinnlos! Aber sie ist schon sehr einfach. Auch ihr Name ist einfach – Galja. Und das Leben mit ihr wäre wohl auch zu einfach.“ So kehrt er in sein Dorf in der „Grauen Zone“ zu seinem Schulfeind Paschka zurück, mit dem er sich inzwischen angefreundet hat, weiter wird über ihn hinweggeschossen, aber wenn es ihm schlechtgeht, legt er sich auf seine Bienenvölker schlafen  – ihr Summen tut ihm gut und heilt ihn.

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Rowohlt, Hamburg 2021

Inhalt: Jugenderinnerungen des 1948 geborenen Schauspielers Edgar Selge, eine Gratwanderung zwischen Hass auf die immer noch in Nazi-Kategorien denkenden Eltern und der Liebe zu ihnen, eine Gratwanderung auch zwischen der Liebe zur klassischen Musik und der Verachtung für ihre Interpreten, wenn sie sich haben missbrauchen lassen. Der 10-12jährige Edgar flüchtet in seine phantastischen Bearbeitungen des Entsetzlichen und in die Welt des Kinos.

Rezension:

Als Johnny Cash 1968 vor den Insassen von Folsom Prison seinen Blues anstimmte und den frenetischen Jubel des mit MPs in Schach gehaltenen Publikums erntete, war das ein Meilenstein im Verhältnis von Strafvollzug und Musik. Kein Meilenstein war es, als rund 10 Jahre vorher der Direktor des Jugendgefängnisses Herford 80 Insassen seiner Einrichtung immer wieder in seine bürgerliche Wohnung einlud und mit Violinsonaten von Bach und Mozart bis Schumann musikalisch bildete und sie hinterher mit Leberwurstschnittchen und Apfelsaft beköstigen ließ. Sein Ziel war es, diesen Entgleisten und Gescheiterten einmal ein heiles Familienleben und seine Musikkultur vorzuführen im Glauben, sie dadurch zu bessern. Aber sein Sohn, der 10jährig in der ersten Reihe sitzt, würde die Gefangenen gern fragen: „Was denkt ihr, wenn ihr die seht? Und diese Musik hört, die euer Chef da mit dem fremden fiedelnden Mann spielt? Was denkt ihr, wenn ihr mich seht? Du hast es gut? Oder denkt ihr: Wir sind zwar im Knast, aber du bist in der Irrenanstalt.“

Rund 60 Jahre später nutzt dieser Junge, aus dem ein Schauspieler geworden ist (der für seine Darstellung von Houellebecqs „Unterwerfung“ am Hamburger Schauspielhaus berühmt wurde), den coronabedingten Lockdown, um seine Kindheitserinnerungen zu Papier zu bringen. Sie sollten ursprünglich unter dem Titel „Hauskonzert“ erscheinen, aber den Titel hatte sich Igor Levit für seine (auch im Lockdown entstandenen) Erinnerungen gesichert, und da schlug die Lektorin Selge diesen Satz aus dem Traum von der Mutter vor: „Hast du uns endlich gefunden“ – nicht als Frage, sondern als Feststellung. Und tatsächlich ist dies ein Buch über Eltern geworden, die von der Naziideologie, die sie geprägt hat, noch immer durchtränkt sind – und von ihren Kindern gesucht und gefunden werden müssen – und das gelingt Edgar trotz aller Schläge mit dem Rohrstock, trotz aller Ohrfeigen, die er vom Vater bezieht, die Mutter bevorzugt einen Teppichklopfer für die Tracht, die sie ihm verabreicht. Aber tatsächlich ist dieser Edgar Selge ein unartiger Junge: Er ist süchtig nach Kino, hat aber nie Geld, bestiehlt deshalb seinen Bruder, veruntreut die Klassenkasse, eignet sich trickreich Wechselgeld von Einkäufen an. Er kippt Kakao über den Kopf seiner ersten Angebeteten, nur um von ihr beachtet zu werden, spielt dem schwergewichtigen Gefängnisverwalter Linnenbrügger einen Streich, indem er bei ihm klingelt und wegläuft, löst bei dessen Begräbnis beim Vater einen Lachkrampf aus und muss das Sterben, die Versehrtheit um ihn her (der Gefängnispfarrer, der ihn als nächtlichen Kinogänger verpfeift, hat ein Holzbein) spielerisch auffangen, indem er, auf dem Birnbaum sitzend, den Generalfeldmarschall Kesselring spielt, der zerstört, indem er die Lieblingsbirnen des Vaters als Bomben abwirft, mal auf Rotterdam, mal auf London oder Warschau, Menschen tötet und dann hinabsteigt und an den Leichen betet … Der Wahnsinn des Krieges wird in diesem Nachspielen des Entsetzlichen fassbarer als in direkter Schilderung, zumal wenn man weiß, dass der Vater, der sich nicht entblödet, den eigenen Sohn sexuell zu bedrängen, den erwähnten Marschall und seine Gesinnungsgenossen im Gefängnis Werl so gut behandelt, mit ihnen fraternisiert hat, dass er von ihnen ein Buch mit Widmung geschenkt bekam, das jetzt noch in seiner Bibliothek steht.

Selge gelingt ein Drahtseilakt zwischen Elternliebe und Elternhass, der einmalig ist und dieses Buch zu einem „must read“ aller macht, die in den 40er Jahren geboren wurden – und vielleicht auch ihrer Kinder, damit sie besser verstehen, aus was für einer beschädigten Welt ihre Eltern stammen. Und ein besonderes Lob gebührt dem älteren Bruder Werner, der den Eltern die Leviten liest, wenn sie ihren Antisemitismus begründen: „Regt euch doch nicht auf. Ihr habt ja gründlich aufgeräumt. Jetzt könnt ihr zufrieden in eurem arischen Mief sitzen und euch an der eigenen Tiefe berauschen. Seele im Überfluss.“ Ein Drahtseilakt ist es auch zwischen Liebe zur klassischen Musik – und Wut darüber, wie ihre Interpreten, „Knattercharge“ Karajan z.B., sich haben benutzen und missbrauchen lassen. Heute macht Anna Netrebko vor, wie man sich dem notfalls entziehen kann.

Dieses Buch, in dem ein 74Jähriger seine Jugenderinnerungen perfekt inszeniert und aufschreibt, verliert kein Wort über den Werdegang Selges als Schauspieler, aber man begreift jetzt, warum es ihm Spaß gemacht haben muss, in 17 Folgen von „Polizeiruf 110“ den einarmigen Kommissar Jürgen Tauber zu spielen. Und an vielen Stellen erkennt man: So genau beobachtet und merkt sich menschliches Verhalten nur ein professioneller Schauspieler, verleibt die Verhaltensweisen seinem mimetischen Fundus ein. „Ich weiß noch,“ erzählt der Vater vom Tod seines Bruders 1918, der auch Werner hieß, „wie mein Vater durchs Wohnzimmer ging, in der einen Hand das Telegramm mit Werners Todesnachricht, mit der andern bedeckte er seine Augen, damit niemand seine Tränen sah.“ „Das muss ich mir merken,“ fährt Selge fort. „Diesen Gang deines Vaters (seines Großvaters) durchs Wohnzimmer möchte ich nie vergessen.“ Ob er ihn nachgespielt hat – in einem der zahllosen Stücke und Filme, an denen er mitwirkte?

Marion Feldhausen: Der Himmel so rot

Roman

Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2020

Rezension

Im ständig witzelnden, ironisch bis zynisch sich gebenden Alltag eines Duisburger Kriminalkommissariats taucht wie ein schrecklicher Hai deutsche Nazi-Vergangenheit auf. Es fängt ganz harmlos an: Mit dem zufälligen Frauenleichenfund eines Sondengängers auf dem Duisburger Kaiserberg. Dann weiten sich die Kreise in Rockerchapter und den „deep state“ hinein: Altnazis und ihre Gehilfen, die sich gegenseitig decken, bis schließlich herauskommt: Hier geht es um die in Italien verurteilten, in Deutschland unbestraften Verantwortlichen für das Massaker in Sant‘Anna (di Stazzema) am 12. August 1944. Die Hauptkommissarin Sofia ist Halbitalienerin und kommuniziert deshalb problemlos mit dem italienischen Ermittler, sie und ihr Kollege Paul Scholten sind einschließlich vieler menschlicher Schwächen lebensnah und sympathisch geschildert, einzig Sofias Lebensgefährte, der Staatsanwalt Hecht, bleibt blass und im Hintergrund. Die Autorin hat den Balanceakt zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion gemeistert u.a. dadurch, dass sie den am Massaker Beteiligten andere Namen zulegte. Ein ungewöhnlicher, spannender und düsterer Krimi wie seine Vorgänger „Himmelskinder“ und „Friedensengel“.

Kate Atkinson: Die Unvollendete

Droemer/Knaur, München 2013

Inhalt: Ursula Todd muss, um durch das Jahrhundert der zwei Weltkriege zu kommen, immer wieder neu geboren werden. Köstliche Charaktere, herrliche Fiktion, ein Buch, um sich selbst zu begegnen und den vielen Zufällen, denen wir und unsere Eltern und Großeltern das Überleben verdanken.

Rezension
Sollte der Krieg nicht aus allen Frauen Pazifistinnen machen?“ Diese Frage stellt sich Sylvie, Mutter von Ursula Todd, der Heldin dieses 2013 erschienenen Romans, als sie die Begeisterung beim Kriegsbeginn 1914 auf einem Londoner Bahnhof erlebt. Soviel ich sehe, hat ihn nur die Frankfurter Rundschau von den überregionalen Blättern (als „meisterhaft“) rezensiert, dafür aber überschlagen sich regionale Zeitungen und auch die Rezensionen bei amazon (kann man ihnen trauen?) vor Begeisterung. Ursula Todd, einer gutbürgerlichen Bankangestelltenfamilie entstammend, muss immer wieder geboren werden, um den Risiken des furchtbaren 20. Jahrhunderts zu entgehen: der Spanischen Grippe und den Bombardements des zweiten Weltkriegs (sowohl auf deutscher wie auf englischer Seite), aber auch dem Ertrinken beim Baden im Meer, einer brutalen Abtreibung, einer Kohlenmonoxid-Vergiftung in der Nachkriegszeit. Aber sie lernt aus Fehlverhalten, zieht Schlüsse, hat „déjà-vu“, wird von Dr. Kellet belehrt, dass es ein Wiedergeborenwerden gibt, oder wird ganz einfach durch eine zufällig hinzukommende Person gerettet. Kate Atkinson beschreibt in „Life after Life“ (deutscher Titel: „Die Unvollendete“ – ein durchschaubares Marketingmanöver, um die berühmte Sinfonie Schuberts zu nutzen) die vor allem England, aber auch Deutschland betreffenden Katastrophen konsequent aus der Sicht der Frauen, die zuhause bleiben, für die Helden im Felde stricken, um sie dann als Ruinen oder gar nicht wieder zurückzuerhalten, die als zivile Hilfskräfte tätig werden im so brutal in der deutschen Literatur m.W. nirgends geschilderten Bombenkrieg, und in einer Lebensvariante Ursulas gerät sie 1930 als Freundin Eva Brauns in den engeren Kreis Hitlers und schießt auf ihn – eine andere und fürs britische Bewusstsein weniger beschämende Unity Valkyrie Mitford …

Warum ist dieses Buch in der überregionalen Presse so wenig beachtet worden? Weil es von einer erfolgreichen Krimiautorin stammt? Vielleicht. Weil es so vermessen ist, mit einem furchtbaren halben Jahrhundert abrechnen zu wollen? Keine Ahnung. Vielleicht aber auch, weil es mit Sterben und Tod ein unterhaltsames Spiel treibt, das der epischen Erzählweise zu widerstreben scheint – und tatsächlich ist es ein Buch aus dramatischem Geist, Computerspielen verwandt, in denen man, wenn man scheitert und stirbt, noch einmal vor vorn beginnen kann, aber auch dem Drama ganz allgemein ähnlich, in dem die Toten sich zum Schluss vorm Publikum verneigen. Und von ferne grüßt Harold Ramis‘ „Groundhog Day“ mit seinen Zeitschleifen …

Wie es Kate Atkinson gelingt, ein zugleich unterhaltsames und tiefes Buch zu schreiben, voller literarischer Anspielungen, skurriler Charaktere und amüsanter Dialoge, das lässt sich nur durch Selberlesen erkunden. Eins ihrer Stilmittel ist die Parenthese, durch die alles an Doppelbödigkeit gewinnt, Beispiel: „Es war wieder nicht Liebe, sondern sie empfand für Ralph die gleichen Gefühle, die sie für ihren Lieblingshund empfinden würde (und, nein, das hätte sie ihm nie gesagt. Manche Leute, viele Leute waren nicht in der Lage zu verstehen, wie sehr man einen Hund ins Herz schließen konnte).“ Gut übersetzt von Anette Grube. 585 Seiten aus dem Land und der Denkschule des Bard of Avon: Die Tiefe an der Oberfläche verstecken, Geschichte und Fiktion auf klärende Weise amalgamieren. Es ist ein Buch der Begegnungen mit uns selbst – und mit unseren (Groß)Eltern, die die unfassbare Zeit von 1910 bis 1967 durchlebten.

Daniel Speck: Jaffa Road

Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Mai 2022

Inhalt: Der deutsche Soldat Moritz wird Ende des Zweiten Weltkriegs in Norafrika fahnenflüchtig, rettet sich mit seiner jüdischen Geliebten Yasmina nach Palästina, wird dort in den Konflikt zwischen jüdischen Neubürgern und Palästinensern verwickelt. Als er tot in seiner Garage gefunden wird, stellt sich die Frage: War es Mord oder Selbstmord? Seine Berliner Enkelin Nina versucht das aufzuklären, was nicht einfach ist, weil er dreimal eine Familie gegründet hat: in Berlin, in Haifa und in Palermo.
Der Roman ist dritter Band einer Trilogie, kann aber völlig unabhängig von den beiden vorausgehenden Bänden gelesen werden.

Rezensiom

Kürzlich gab es um einen Plan des Goethe-Instituts und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv große Aufregung: Unter dem Titel „Holocaust, Nakba und deutsche Erinnerungskultur“ sollte ausgerechnet am 9. November eine öffentliche Diskussion stattfinden, in der durch den Titel die von den Palästinensern „Nakba“ (Katastrophe) genannte Vertreibung aus ihren Wohnsitzen 1948 neben die Judenvernichtung durch die Nazis gestellt wird. „Holocaustverharmlosung!“ war das Kernwort der Kritik, die Veranstaltung wurde m.W. auf ein anderes Datum verschoben.

Dass die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern durch die Soldaten des blutjungen Staates Israel etwas Schreckliches war, kann man in dem Roman „Jaffa Road“ von Daniel Speck an Hand einer konkreten fiktiven, aber sehr einfühlsam geschilderten Familiengeschichte nachvollziehen. Aber nicht minder einfühlsam beschreibt Speck, Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers, auch die Verzweiflung der jüdischen Ansiedlungswilligen, die von den Engländern zuerst mal in einem Lager auf Zypern untergebracht werden und es nicht fassen können, den Lagern glücklich entflohen zu sein, nur um wieder in Lagern zu landen – und dann in Haifa in einen jüdisch-palästinensischen Bürgerkrieg zu geraten. Achse dieses Wechselspiels zwischen Juden und Arabern ist am Ende des Zweiten Weltkriegs ein fahnenflüchtiger deutscher Soldat (Moritz Reincke) in Nordafrika, der einem Juden (Victor) das Leben rettet, sich in dessen jüdische Adoptivschwester (Yasmina) verliebt und mit ihr und ihrer Tochter (Joelle) als scheinbarer Jude mit falschem Pass (Maurice Sarfati) nach Israel einwandert. Man merkt, dass der Autor ein erfahrener Drehbuchautor ist, der es versteht, unterhaltsam und spannend zu erzählen.

„Der Schlüssel zum Leben eines Mannes sind seine Frauen,“ heißt es einmal im Buch. Im Leben von Moritz sind es drei: Fanny Zimmermann in Berlin, deren Enkelin Nina zur Erzählerin des Buchs wird, Yasmina Sarfati in Tunis und Haifa, die die Tochter Joelle in die Ehe mitbringt, und Amal Bishara, die von einem PLO-Kämpfer den Sohn Elias hat, sich in Moritz verliebt, der inzwischen für den Mossad arbeitet, und als sie 1985 in Tunis bei der „Operation Wooden Leg“ umkommt, adoptiert Moritz den etwa 9jährigen Jungen und zieht mit ihm nach Palermo. Als Moritz tot aufgefunden wird, wird der inzwischen erwachsene Elias verdächtigt, seinen Ziehvater erschossen zu haben, weil dieser ihm seine Tätigkeit für den Mossad und damit seine Mitschuld am Tod Amals gestanden hat.

Ich habe die Palästinenser immer bedauert, zweitweise auch ein Arafattuch um den Hals getragen – aber zur Empörung über ihre Leiden hat es angesichts dessen, was die Nazis (mein Vater war einer) den Juden angetan haben, nie gereicht. Dies Buch hat mich näher an die Empörung herangebracht, zugleich muss ich aber auch dem Kollegen Recht geben, der bei uns schreibt: „Liebes Publikum, sehen Sie auf der Weltbühne den Kampf der GUTEN gegen die GUTEN“(https://keinverlag.de/461736.text). Ich finde eine Veranstaltung wie die in Tel Aviv geplante durchaus gerechtfertigt und hätte sie gerne besucht: https://www.tagesspiegel.de/politik/emporung-in-israel-uber-goethe-stiftung-inakzeptabel-und-respektlos-8859721.html

„Jaffa Road“ hat meine Einstellung zu einem zentralen weltpolitischen Konflikt verändert – und ist zudem noch spannend und wartet mit zahlreichen überraschenden Wendungen auf. Eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Lektüre, absolut lesenswert!

Nadia Owusu/Lisa Kögeböhn: Aftershocks

Über Erschütterungen und Identitätssuche

Orlanda, Berlin 2023

Version 1.0.0

Inhalt: Die literarisch gestaltete Autobiographie der Diplomatentochter Nadia Owusu, geboren 1981. Ihr Vater ist Ghanaer in Diensten der UN, ihre Mutter, die sie verließ, als sie zwei war, ist Armenierin. Tansania, Äthiopien, Ghana, Italien, Uganda, England, USA, sind die Stationen ihres Vaters und deshalb auch ihre, immer neue Menschen, Schulen, der einzige Halt ist ihr Vater, aber der stirbt, als sie dreizehn ist. Wer ist sie? Wohin gehört sie?

Rezension

Nadia Owusu ist Tochter einer Armenierin und eines Ghanaers. Die zwei in ihr vereinten Identitäten sind extrem weit voneinander entfernt. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf meinen Beitrag Der Mulatte (im Buch woke verfremdet zu M*latte). Ihre Mutter verließ sie, als sie zwei Jahre alt war. Das war der erste Schock. Sie wuchs bei ihrem Vater an ständig wechselnden Orten, in ständig wechselnden Schulen auf, denn ihr Vater arbeitete für die UN. Als sie 13 war, verlor sie ihn und damit ihren einzigen Halt. Das war der zweite Schock. Dann teilte ihre Tante ihr mit, dass ihr Vater nicht an einem Hirngeschwür, sondern an AIDS gestorben war; sie hatte geglaubt, ihn zu kennen, und merkt jetzt, dass das nicht stimmt. Das ist der dritte Schock. In ihrer Autobiografie „Aftershocks“ (Nachbeben) zieht sie sich in einen blauen Sessel vom Trödel zurück, den sie in ihre Wohnung wuchtet, um, in ihn gekuschelt, herauszufinden, wer sie ist, wohin sie gehört. Ich konnte dies Buch nicht lesen, ohne selbst in eine Identitätskrise zu verfallen. Ich las im Netz, dass der Ötzi nicht, wie man bisher angenommen hat, weiß war, sondern braun. Auch ich fühle mich braun, seit ich „Aftershocks“ gelesen habe. Ähnlich wie Christmas, der Protagonist in Faulkners Roman „Licht im August“ weiß ich nicht mehr, wohin ich gehöre. Nadia Owusu schreibt:

„Ich habe in Katastrophen gelebt und Katastrophen haben in mir gelebt. Mein Anteil an Naturkatastrophen war nebensächlich, mein Anteil am Krieg abstrakt. Während der Terroranschläge in Manhattan war ich wie betäubt, trotzdem trugen mich meine Beine. Fast immer fand ich eine Hand, die ich halten konnte.

Wenn ich mir ein Erdbeben vorstelle, sehe ich ein Erdbeben vor mir. Und ich sehe den Rücken meiner Mutter vor mir, als sie geht. Ich sehe den Tumor meines Vaters vor mir und Flugzeuge, die in Wolkenkratzer fliegen. Wenn ich mir ein Erdbeben vorstelle, sehe ich Waisen in Armenien und Kindersoldat*innen vor mir. Ich sehe mich selbst, sicher hinter bewachten Mauern. Ich sehe eine Abwesenheit. Ich höre Donner und Stille. Ein Erdbeben birgt Trauma und Verletzbarkeit: für die Erde, für mich und dich.

Ein Erdbeben ist Erde, die bricht, und ein Herz, das bricht. Es ist Reibungskraft und literarisches Werkzeug. Eine Verwerfung ist ein Schwachstelle. Der Körper einer Frau ist eine Schwachstelle. Eine Wunde ist eine Schwachstelle, die ich einfach nicht in Ruhe lassen kann. Manche Wunden heilen nie.“ (S. 297)

Nadia Owusu vermittelt auf fast jeder Seite Erkenntnis und Verständnis. Wie sie in Addis-Abeba ein behütetes Diplomatenkind-Dasein führt, während hinter den Mauern der Bürgerkrieg tobt. Wie sie bestätigt, dass ihre schwarze Schulkameradin Agatha stinkt, nur um als höherstehend in der Farbhierarchie anerkannt zu werden. Wie sie lernt, dass sie aus einer ghanaischen Familie stammt, die sich am Sklavenhandel bereichert hat. Wie sie sich rennend und flüchtend aus dem Staub der zusammenbrechenden Twin Towers rettet …

Warnung: In der sehr guten Übersetzung von Lisa Kögeböhn wird konsequent gegendert. Vielleicht verständlich, wenn man weiß, dass der Verlag Orlanda sich als Frauenverlag versteht …

Daniela Krien: Der Brand

Roman

Diogenes, Zürich 2023

Inhalt: Das Ehepaar Wunderlich, er Professor für Literatur, sie Psychologin, müssen wegen des überraschenden Abbrennens ihres gebuchten Ferienhauses mit einem Bauernhof in der Uckermark vorliebnehmen, auf dem sie ihre Idnetität suchen und die durch unterschiedliche Überzeugungen in der Genderfrage aus dem Gleichgewicht geratene Ehe reparieren und wieder zueinander finden.

Rezension

Das Coverbild von Brasilier, das zwei ferne Berittene mit vier Pferden vor rötlich brennendem Himmel zeigt, ließ mich an einen Text wie „Budjonnys Reiterarmee“ von Isaac Babel denken. Aber es kommt nur ein einziges Pferd in dem Buch vor, die 23jährige Stute Baila, und die wird von Peter Wunderlich, einem depressiven 55jährigen Literaturprofessor, am Halfter geführt, der in ihr seinen ganzen Trost findet, nachdem er den Liebeshalt an seiner Frau, der Psychologin Rahel, verloren hat. Aber warum? Sie ist ihm in einer Sache „in den Rücken gefallen“, die ihn zutiefst aufgewühlt hat. Er lehrt deutsche Literaturgeschichte an der TH Dresden, und bei der Ankündigung eines Seminars über „Geschlechterrollen in der Literatur des 19. Jahrhunderts“ kam es zum Aufstand einiger Student:innen: Das sei eine Fragestellung, die auf die üblichen binären Klischees hinauslaufe, und als er sich damit rechtfertigt, auch in Klischees stecke oft was Wahres, z.B. sei reines Machtstreben Frauen im Gegensatz zu Männern oft zuwider, wird er als Chauvinist beschimpft, weil er Frauen für fehlenden Machthunger lobe, statt sie darin zu bestärken, nach mehr Macht zu streben. Besonders hervor tut sich dabei Olivia P., die Wunderlich weiter als Frau anredet, weil sie als Frau in seiner Liste steht, sie/er aber besteht darauf, nicht binär zu sein und will sich als Frau nicht anreden lassen. Als Wunderlich das seiner Frau erzählt, hätte sie ihn fast einen Krümelkacker genannt, sagt dann aber: „Wer weiß, was die arme Person für eine Leidensgeschichte hinter sich hat. Nenn sie doch einfach so, wie sie will.“ Das war der Moment, in dem sie ihm in den Rücken fiel. Er sah sie mit „fremden“ Augen an, ging hinaus. Von da an „wurde es still zwischen ihnen.“

Der Presse entnimmt Rahel, dass Olivia P. einen wahren Shitstorm in den sozialen Medien gegen ihren Mann ausgelöst hat. Die Presse benutzt den Streit für eine Abrechnung mit dem Osten: „Die ehemals Indoktrinierten hätten das offene und freie Denken immer noch nicht gelernt … Der ganze entsetzliche Mist, den sie alle nicht mehr hören konnten.“ Und in diesem Konflikt fällt seine Frau ihm in den Rücken; er schläft nicht mehr mit ihr, und als sich nun die Möglichkeit anbietet, auf einem verlassenen Bauernhof in der Uckermark Ferien zu machen (das gebuchte Ferienhaus in Oberbayern ist abgebrannt), übernehmen sie es, den Hof und seine Tiere zu hüten, solange Ruth, eine alte Freundin Rahels, ihren Mann Victor, der einen Schlaganfall erlitten hat, in der Reha betreut.

Ohne den auslösenden Konflikt zwischen Genderism und Konvention weiter zu verfolgen, beschreibt die Autorin die langsame und zögernde Wiederannäherung zwischen den Ehepartnern über gemeinsame Essensplanung, Zusammenarbeit in der Küche, gemeinsames Schwimmengehen. Rahel erinnert sich daran, was sie an Peter einst geliebt hat: Seine Klugheit, seine Attraktivität, seine Verlässlichkeit, seinen Humor. „Nichts davon hat er verloren. Und darum will sie ihn nicht verlieren.“ Außer mit der Stute Baila freundet er sich mit einem fluglahmen Weißstorch an, mit einer einohrigen Katze und den Hühnern. Die Pandemie wittert im Hintergrund, sie hat Peter weitgehend von seinen Lehrpflichten befreit. Rahel würde sich des Gedankens gern erwehren, alles werde immer schlimmer: „Doch es ist nicht wegzudiskutieren – die Wälder sterben, das Eis schmilzt, die Menschen werden nicht klüger. Und weil es so viele Menschen gibt, mehr als je zuvor gegeben hat und sie immer noch mehr werden, wächst der Schaden, den sie anrichten, ins Unermessliche. Die Idee, dass die Seuche nichts anderes sei als ein längst fälliges Korrektiv, ist ihnen schon im Frühjahr gekommen.“ Offenbar setzt gemeinsames Nachdenken und Miteinanderreden wieder ein, ein paar Flaschen Rotwein helfen nach – und Nähe wird wieder möglich, befördert auch durch das Miterleben von Scheidungsabsichten in der nächsten Generation.

Neben der Wiederbelebung ihrer Ehe wird Rahel Wunderlich durch häufige Besuche im Atelier des Bildhauers Victor auch zur Suche nach ihrer Identität angeregt, denn dort findet sie viele Zeichnungen Victors, die ihre Mutter Edith und sie selbst als Kind darstellen. Rahel weiß nicht, wer ihr Vater ist, Edith behauptet, dass alles Suchen nach dem attraktiven Studenten, der eine Nacht mit ihr verbrachte und dann verschwand, vergeblich gewesen sei. Für Rahel wird es immer wahrscheinlicher, dass Victor ihr Vater ist, und als Victor beim Baden in der Ostsee ertrinkt, teilt Ruth ihr mit, sie habe diesen Gedanken auch gehabt, habe Victor einmal direkt gefragt, aber er habe es bestritten, doch er habe immer gewollt, dass Rahel den Hof Dorotheenfelde in der Uckermark bekommt.

Und noch auf einer anderen, ideologischen Ebene geht es Rahel – und Peter – um ihre Identität: Sie haben die „Beutemacher“ aus dem Westen erlebt, die Eltern des Schwiegersohns waren „Wendeverlierer“ („Das Übliche: Betrieb geschlossen, Job weg, Anschluss verpasst, Krankheit, Depression usw.“), und nicht nur nach dem Shitstorm gegen Peter erleben sie eine Presse, die nicht von Tatsachen berichtet, sondern ihnen „Konstrukte“ aufschwatzt, mit denen sie nichts anfangen können. Für viele von uns im Westen bedeutet „Nie wieder!“: „Nie wieder Faschismus!“, für Peter ist das zentrale Trauma die Bombardierung Dresdens, was an der Empörung deutlich wird, mit der er den Spruch „Bomber Harris do it again!“ auf einem Studenten-T-Shirt wahrnimmt. Peter wundert sich, dass sein Sohn als Bundeswehrsoldat seinen Kopf hinhalten soll „für diesen Staat! Mit seinen Verboten, Geboten und Verordnungen bis in die tausendste Verästelung, der von echter Freiheit überhaupt nichts hält.“ Passend dazu hat Peter sich den Essay „Der Waldgang“ von Ernst Jünger mit in die Ferien genommen, in dem Jünger, noch geprägt durch die Erfahrung der von ihm selbst mit herbeigeführten Nazizeit, alle Staatlichkeit, auch die der jungen Bundesrepublik, verdächtigt, die individuelle Freiheit zu vernichten, und dass man sich dem nur durch das In-den-Wald-Gehen, durch intensivste Besinnung auf sich selbst, also durch eine Art innerer Emigration entziehen kann. Ist das uckermärkische Idyll, in dem Rahel und Peter ihre Ferien verbringen, nicht ein solcher Rückzugsort? Ein anderes Ferienbuch Peters sind Pasolinis Freibeuterschriften. „Pasolini nennt den Konsum den neuen Faschismus,“ sagt er, und Rahel bewundert ihn für seine „Leidenschaft des Denkens.“ Rahel und Peter sind keine Wendeverlierer, er hat eine Professur, sie hat eine offenbar gutgehende psychotherapeutische Praxis – aber sie fremdeln noch mit dem ihnen übergestülpten System, das ihre Eltern in Verkennung seiner Brutalität so naiv waren herbei zu demonstrieren.

Nicht völlig bruchlos hat die Autorin die beiden Motive Identitätssuche und Wiederbelebung einer in die Jahre gekommenen Ehe miteinander verschmolzen und auch noch den Besuch der Tochter Selma mit ihren beiden ungezogenen Söhnen wie ein Scherzo eingearbeitet. Ein lesenswerter Roman, gedankenreich, erfahrungsgesättigt – und spannend ohne Verbrechen!

Martin Kordic: Jahre mit Martha

Roman

S. Fischer, Frankfurt am Main 1922

Inhalt: Der Sohn kroatischer Arbeitsmigranten verliebt sich in eine deutsche Professorin und schafft es mit ihrer Hilfe zum Universitätsabschluss – stürzt dann aber wieder ab.

Rezension

1974 hat Rainer Werner Fassbinder in seinem Film „Angst essen Seele auf“ das Porträt der Liebe einer älteren Frau zu einem Migranten gezeichnet – aus vorwiegend ihrer Perspektive. Jetzt zeichnet Martin Kordić in seinem Roman „Leben mit Martha“ das Porträt der Liebe eines Migrantensohnes zu einer älteren Frau aus dessen Perspektive, und das mit einer ähnlich zupackenden Drastik und Treffsicherheit – und in der Amalgamierung des Erotischen mit dem Sozialen Fassbinder nicht gleich, aber nahe verwandt. Macht es Sinn, einen Roman mit einem Film zu vergleichen? Bei diesem Roman: ja. Am Anfang des zweiten Kapitels nimmt der Ich-Erzähler sich vor: „Mir selbst will ich meine Geschichte erzählen, weil ich die Irrwege meines jungen Erwachsenenlebens in eine Dramaturgie sortieren will, die auf ein versöhnliches Ende zusteuern soll.“ Hier wird bereits das filmische Melodram mit Happy End geplant, das aus diesem Roman hoffentlich und sicherlich einmal werden wird.

Dem Ich-Erzähler Željko Draženko Kovačević wurde im Englischunterricht in Ludwigshafen der Name Jimmy zugelegt, und den behält er bei, weil sein kroatischer Name schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben ist. Mit 15 Jahren verliebt er sich in die Frau, bei der seine Mutter putzt, die Heidelberger Professorin Martha Gruber. Er führt Listen schwieriger deutscher Wörter, bildet sich durch Zeitschriften, die er aus Papiermüllcontainern fischt, strengt sich in der Schule an, um einmal nicht wie sein Vater von Baustelle zu Baustelle herumgeschoben zu werden, beginnt ein Studium in München. Martha ermöglicht ihm durch eine Bürgschaft eine Studentenbude im olympischen Dorf, sie treffen sich auf Juist, nehmen eine Beziehung auf, in der sie per sms und auf Distanz miteinander masturbieren, Martha stellt ihm eine American-Express-Karte zur Verfügung, die immer gedeckt ist und die er benutzen kann, soviel er will. Ein schwuler Dozent fördert ihn – und lässt ihn im Examen im Stich. Trotzdem schafft er es – aber er kann nicht Fuß fassen. Selbstzweifel quälen ihn, eine Werbefirma verlässt er, weil ihn abstößt, wofür er da werben muss, er beginnt zu containern und dann übernimmt er illegale Autoüberführungen nach Kroatien, wird Jugendleiter eines kroatischen Fußballvereins in Ludwigshafen, verliert aber auch diesen Job, weil er seiner Wut über Ausgenutztwerden und Anpassungsdruck in einem Artikel in der Vereinszeitschrift allzu deutlich Luft macht. Zum Schluss wird er das, was ihm ein Arbeitsberater schon zu Beginn vorgeschlagen hat: Gärtner, und als solcher trifft er auch Martha noch einmal, die bereits Palliativpflege bekommt, weil sie schwer krank ist. Wie Douglas Sirks Melodram „Was der Himmel erlaubt“, wie Fassbinders „Angst essen Seele auf“ endet auch der Roman von Martin Kordić am Bett eines, einer Kranken – nein, das stimmt nicht: er endet mit einem Epilog im Ludwigshafener Garten der Familie bei Bier und Gegrilltem, während die BASF überflüssige Gase aus einem hohen Schlot tosend abfackelt.

Die schönste Passage des Romans aber ist für mich der Bericht vom Besuch der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Dedo (Großvater) in Bosnien-Herzegowina. Die friedensverwöhnte Martha erlebt sich zum ersten Mal in einer Welt, in der man sich vor Minen fürchten muss – und kotzt. Als „chefika“ von Željkos Mutter wird sie sofort akzeptiert. Der Großvater mit seinem Hitlerbärtchen (er war ein Ustascha) wird zu Grabe getragen, und die analphabetische Großmutter sagt zu ihrem Enkel: „Dein Mädchen (Martha) ist süß wie ein Bonbon.“ Hier wird auch klar, dass Martha die Beziehung zu Schelko, wie sie ihn ab jetzt nennt, nie der deutschen Öffentlichkeit und der Bewertung durch ihre Heidelberger Kollegen ausgesetzt hat. Ist es eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe – oder gönnt und kauft sie sich mit ihrer finanziellen Überlegenheit nur einen Gigolo mit Migrationshintergrund? Und symbolisiert sie nicht vielleicht nur die herablassende Multi-Kulti-Freundlichkeit vieler Deutscher?

Das Motto des Buchs „Jedes Seelenbild ist auch ein Weltbild“ stammt von Hertha Kräftner, einer in den 50er Jahren jung verstorbenen österreichischen Lyrikerin. Durch Zufall stößt der Ich-Erzähler in den Auslagen einer kleinen Buchhandlung auf eine Sammlung ihrer Texte, und ist sofort gebannt durch diese Verse:

Aus deinen Zeilen steigt Melancholie,
dein abgegriffener Einband sagt Verzicht,
und dein Papier wird gelb vom Sonnenlicht.
In deinen Blättern rauscht die Einsamkeit.

Er zitiert mehrfach daraus. Und ist es Zufall, dass einer, dem er im nächtlichen München manchmal begegnet, Rainer Langhans ist, Regieassistent Fassbinders in „Angst fressen Seele auf“? Ist es Zufall, dass der Vermieter in diesem Film Gruber heißt? Und schließlich: Ist es Zufall, dass Fassbinder einen Film mit dem Titel „Martha“ (in dem es freilich um einen Mann geht, der eine Frau von sich abhängig macht) gedreht hat?

Der Roman „Jahre mit Martha“ von Martin Kovać ist unbedingt lesenswert.

Thomas Hettche: Herzfaden

Roman der Augsburger Puppenkiste

Kiepenheuer&Witsch, Köln 2020

Inhalt: Es geht um mehr als die Augsburger Puppenkiste, es geht um die Generation ihrer Mitgründerin Hannelore Oehmichen, die als BDM Mädchen begann und in der Kunst des Marionettenschnitzens und -spielens Halt und Lebenssinn fand, als die Nazizeit vorbei war.

Rezension

Die Augsburger Puppenkiste gehöre zur DNA dieses Landes, preist btb „Herzfaden“ von Thomas Hettche an, den „Roman der Augsburger“ Puppenkiste“. Leider ist Jim Knopf ebenso an mir vorbeigegangen wie Urmel aus dem Eis, und deshalb nahm ich das Buch nicht ohne inneres Widerstreben zur Hand. Und dies Widerstreben steigerte sich noch, als ich die ersten 100 Seiten über die Zeit des Zweiten Weltkriegs las. Ich fragte mich: Was wollte der Autor? Wollte er einen Bucherfolg mit Hilfe der sehr bekannten Augsburger Puppenkiste erzielen? Ich fand ein Interview mit Thomas Hettche in der Berliner Zeitung, und da sagt er:

„Mein Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass nicht die Vatergeneration, also der Gründer Walter Oehmichen, wesentlich für die Puppenkiste war, wie wir sie alle kennen, sondern die Generation seiner Töchter. Das ist die Generation meiner Eltern, und ich weiß aus Erzählungen, dass diese Menschen, die ihre Kindheit im Faschismus erlebt haben, sich nach 1945 belogen und verraten fühlten, weil sie ihre kindliche Begeisterung an etwas verschwendet hatten, das sich als grundfalsch herausstellte. Durch diese Erfahrung, scheint mir, ist jene Generation ihr Leben lang davor zurückgewichen, sich noch einmal für etwas zu begeistern. Ich glaube, dass das prägend für dieses Land war.“

Mit Jahrgang 1941 gehöre ich dieser Generation kaum noch an, aber es genügte, um mein Interesse zu wecken. Wie geht Hettche mit dieser Desillusionierung um? Wie stellt er sie dar? Fand sie überhaupt bei allen oder wenigstens bei vielen der in den20er und 30er Jahren Geborenen statt? Mein 20jähriges Kindermädchen war 1946 mit mir durch die Wohnung getanzt und hatte mich durch ihre Fröhlichkeit, Musikalität und Sangesfreude entzückt. Sie war Leiterin eines Chors von BDM-Mädchen gewesen. Jetzt ist sie 97 und immer noch völlig klar. Ich habe sie gefragt, wie sie 1945 erlebt hat – als Niederlage? Als Befreiung? Als Zusammenbruch all ihrer Ideale? Nichts von alledem. Sie war verliebt und wollte eine Familie gründen. Das hat sie mit Erfolg getan. Von einem Bruch – keine Spur. Ich wollte wissen, was für ein Lied sie mit ihrem Chor meiner Mutter als Ständchen gebracht hat, als sie mich geboren hatte. War es „Siehe, es leuchtet die Schwelle, die uns vom Dunkel befreit“ – von Baldur von Schirach? Oder das schöne alte Volkslied „Grüß Gott, du schöner Maien, da bist du wiedrum hier!“ (BDM-Liederbuch „Wir Mädel singen“, 2. Auflage, Wolfenbüttel und Berlin 1939, S. 46)? Sie konnte sich nicht erinnern.

Hettche hat seinen Roman auf zweierlei einander abwechselnde Texte verteilt:

Einen märchenartigen, der in der Gegenwart spielt, von einem Mädchen, das wie Alice in Wonderland in eine andere Welt eindringt oder sich verirrt, und das ist der mit Marionetten vollgestopfte Dachboden des Puppentheaters, wo sie der bereits längst verstorbenen Hannelore Oehmichen, genannt Hatü, begegnet, die ihr die Geschichte der Augsburger Puppenkiste erzählt, und Handlung ergibt sich hier daraus, dass ein böser Kasperl dem Mädchen sein iPhone wegnimmt. Dieser Teil des Buches, geschätzt etwa ein Drittel des Volumens, ist rot gedruckt.

Und einen dunkelblau gedruckten, der im Stil eines Dokumentarspiels referiert, woran Hatü, Jahrgang 1931, sich erinnert haben mag. Beide Teile, der rot gedruckte (wie alle Märchen im Imperfekt erzählt) und der im Präsens erzählte dunkelblau gedruckte, sind nicht zwingend miteinander verknüpft insbesondere dadurch, dass beide in der dritten Person erzählt werden – Hatü ist sowohl im Märchen als auch im „Dokumentarspiel“ Hatü, letzteres wird nicht von Hatü in der Ichform erzählt, was ich bedaure, aber auch verstehen kann, denn der 2003 verstorbenen Mitgründerin und genialen Puppenkopfschnitzerin Hannelore Oehmichen rund zwei Drittel des Romans in den Mund zu legen, hätte den Autor von seinem eigenen Beitrag allzu sehr freigesprochen.

Wie stellt Hettche die Desillusionierung der im Faschismus Aufgewachsenen nun dar? Als guter Autor verrätselt er sie mehrfach:

In dem Lied „Flamme empor“, das, wie der Autor hervorhebt, aus den Befreiungskriegen stammt, aber durch die intensive Ingebrauchnahme durch die Nazis gleichsam kontaminiert wurde: „Als ich so alt war wie du,“ sagte Hatü zu dem Mädchen im Märchenteil, „habe ich dieses Lied sehr gemocht. Aber nach dem Kriege war alles, was wir gemocht hatten, plötzlich verschwunden. Und doch war es immer noch da. Und wir fühlten uns schuldig deshalb.“ (S. 107) Der böse Kasperl singt dieses Lied mit krächzender Stimme …

In dem Lied Baldur von Schirachs „Siehe, es leuchtet die Schwelle, die uns vom Dunkel befreit“, das Ulla, Hatüs ältere Schwester, bei einer rituellen Sonnwend-Weihnachtsfeier 1944 vorsingt und dabei den Blick nicht vom Oberscharführer Menkes lässt … Dieses Lied ist sicherlich mitgemeint, wenn Ernst Wiechert in seiner offenbar auch in Augsburg gehaltenen Rede (November 1945) „An die deutsche Jugend“, von den neuen Fahnen und neuen Liedern spricht, mit denen die deutsche Jugend verführt wurde. Hatü muss Ulla ansehen, als sie das hört, und ihre Schwester tut ihr leid. Das Lied taucht noch einmal auf, als Hatü mit ihrem Vater über die Nazizeit spricht: „Du warst doch kein Nazi!“ Trotzdem, es ist vorbei. Vielleicht ist es nicht vorbei? denkt Hatü und erinnert sich: … Hinter ihr strahlet die Helle/Herrlicher, kommender Zeit.

In der Gestalt des bösen und bösartigen Kasperl, in dem ich zunächst nur eine Widerspiegelung des Horrorclowns Pennywise aus Steven Kings Roman „Es“ erkennen konnte – aber dann gibt Hatü selbst im Rotgedruckten S. 261 die Auflösung: „Mir war peinlich, dass ich als Kind einen Kopf geschnitzt hatte, der genauso aussah wie die furchtbaren Bilder der Juden, die die Nazis überall zeigten. Und dass ich vor einem solchen Zerrbild Angst hatte. Denn das bedeutet, ich bin überhaupt nicht besser gewesen als sie.“

Mit Hettches Schilderung der Kriegs- und Nazizeit hadere ich, weil sie mir zu deutlich zeigt, dass die Oehmichens überwiegend nur widerwillig der Nazipropaganda auf den Leim gingen. Die Omama benennt die schrecklichen Verluste im Osten, macht Witze über die Nazis, in Gesellschaft wird über den großmäuligen Göring gelästert, die beiden BDM-Schwestern Hatü und Ulla nehmen zur jüdischen Familie Friedmann Kontakt auf, die dann deportiert wird, der fanatisch linientreue Biologie- und Rassismuslehrer wird als „Urwaldheini“ verspottet,  Walter Oehmichen inszeniert nicht völlig systemkonforme Stücke, in der BBC wird gerade eine der Reden Thomas Manns übertragen … Es wird für mich nicht deutlich, wie in dieser Umgebung die „kindliche Begeisterung“, von der Hettche im Interview spricht, entstanden sein soll, und dadurch fehlt die nötige Fallhöhe zur Nachkriegszeit. Aber er erwähnt, er habe 100 Manuskriptseiten vernichtet; ich könnte mir denken, dass sie genau das enthielten, was ich vermisse: Die Beschreibung der Verführung durch die Nazis. Und es war vielleicht gut, sie zu vernichten, weil der Autor sich sonst dem Verdacht ausgesetzt hätte, für ihre Ideologie zu werben, oder dem, die Betroffenen mit der Sogkraft des Faschismus entschuldigen zu wollen. Ernst Wiecherts Rede „An die deutsche Jugend“ ist vielleicht der Schlüssel, ich habe sie mir gleich bestellt, um sie vollständig zu lesen.

Auch für Nichtfans der Augsburger Puppenkiste ist Hettches Roman „Herzfaden“ sehr lesenswert.

Nell Leyshon: Ich, Ellyn

Roman, aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Eisele, München 2022

Inhalt: Ein Landmädchen im elisabethanischen England arbeitet sich dank ihrer großen Stimme aus Enge, Unterdrückung, Armut, Hunger und Schmutz empor, muss aber, um auf die königliche Singschule zu kommen, ein Junge werden, weil nur Knaben in Chören singen dürfen. Unter dramatischen Umständen wirft sie die Maske ab und ist entschlossen, ihrer kleinen Schwester einen ähnlichen Weg zu eröffnen.

Rezension

Ein fesselndes Buch, in dem mit Hilfe der immer besser werdenden Sprache der Ich-Erzählerin Ellyn gezeigt wird, wie ein Bauernmädchen sich aus Schlamm, Scheiße, Gewalt und Sklaverei durch ihre tolle Gesangsstimme herausarbeitet, zugleich ein Hohelied auf Weiblichkeit. Freilich muss sie sich dafür in einen Jungen verwandeln, denn nur Knaben vor dem Stimmbruch werden in Chöre aufgenommen. Sie lernt Lesen und Schreiben, lernt gut genug Latein, um die Gesangstexte aussprechen zu können, lernt Noten lesen und singt mit in einem 40stimmigen Chorwerk zum 40. Geburtstag von Königin Elizabeth I. Ihr innerer Halt dabei ist ihre kleine, noch in der Wiege liegende Schwester Agnes, der sie diesen Weg eines Tages auch ermöglichen will.

Bei dem Chorwerk handelt es sich, wie ich herausgefunden habe, um die Komposition „Spem in alium“ von Thomas Tallis, tatsächlich 1573 zum 40. Geburtstag der Königin uraufgeführt und auch heute noch in neueren Produktionen wunderschön anzuhören.

Da die englische Originalausgabe „The Singing School“ des Romans im Netz nicht greifbar ist, habe ich die Vermutung, dass die Autorin sie zurückgezogen haben könnte, und ich habe auch gefunden, was sich als Grund dafür anbietet. Dies ist nur eine Vermutung, wie ich betonen möchte.

Als Ellyn, die jetzt John heißt, zu den ausgesuchten Sängern des Chores für die Königin gehört, bekommt sie den bereits erwachsenen früheren Chorknaben Philip (jetzt Tenor oder Bass) als Betreuer. Er erweist sich als sehr fürsorglich, aber zum Schluss lotst er Ellyn/John mit der Behauptung, jemand wolle ihn sprechen (Ellyn glaubt: vielleicht die Königin, die ihre Stimme sehr gelobt hat) in die Kapelle und versucht, sich dem vermeintlichen Knaben erotisch aufzudrängen. Seiner Gewaltsamkeit nicht gewachsen, greift Ellyn zum letzten Mittel: Sie zieht ihre Sachen aus und enthüllt sich als Mädchen. Er reagiert sofort mit den Worten: „Du bist widerlich.“ Und dann verbietet er ihr, wieder ins Bett im Schlafsaal zu gehen, er schubst sie hinaus , schlägt und tritt sie und sagt: „Hau ab, du Drecksfotze“. Dann verschwindet er.

Dieser Schluss des Buches ist für mich eine Enttäuschung. Ich glaube, unter Homosexuellen ist Frauenfeindlichkeit geringer als unter Heterosexuellen u.a. deshalb, weil Frauen sie sexuell nicht unter Druck setzen können. Homosexuelle ahmen Frauen nach, machen sich über sie lustig, verehren sie (vor allem wenn sie eine Stimme haben wie Maria Callas) – oder lassen sie links liegen. Insofern ist dieser Schluss homophob, er verunglimpft einen Homosexuellen. Ich könnte mir denken, dass die Autorin das umschreiben will. Der homosexuelle Philip könnte ja gemerkt haben, dass mit John etwas nicht stimmt – spätestens als Ellyn tagelang unter heftigen Schmerzen ihre Regelblutung bekommt und das nur mühsam verbirgt. Er könnte zum Teilhaber ihres Geheimnisses werden, sein Begehren könnte in Bewunderung umschlagen und er könnte ihre Karriere als Sängerin solidarisch unterstützen …

Wie Ellyns zu Beginn bildungsfern-simplifizierte Kindersprache sich im Englischen liest, hätte ich gern gelesen – aber die englische Originalausgabe ist nirgends zu finden. Für die Übersetzerin Wibke Kuhn war der Text sicherlich eine Herausforderung (vielleicht aber auch eine willkommene Abwechslung), die sie durchaus lesbar und verständlich gemeistert hat. Ein Buch nicht nur für Frauen!

31.05.2023

Auf meine Nachfrage erhielt ich von einer Mitarbeiterin des Verlags diese Antwort:

vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Lob für Wibke Kuhns Übersetzung, über das sie sich sicherlich sehr freuen wird. Da Sie die fehlende englischsprachige Ausgabe erwähnen: Das Buch hat keinen Verlag für die Originalausgabe, es gibt also keine. Nell Leyshon wird den Roman aber nicht, wie sie vermutet haben, umschreiben. Ich dachte, das interessiert Sie vielleicht, sodass sie nicht weiter nach der Originalausgabe suchen müssen.

Rätselhaft! Romane werden oft auf der Grundlage des Manuskripts übersetzt, bevor es in der Originalsprache in Druck geht. Dies Manuskript aber wurde in der Originalsprache nicht gedruckt. Hat sich kein englischer Verleger an den ausgefallenen und sehr artifiziellen Text herangetraut?

Fanny Lewald: Jenny

Roman

Reclam, Ditzingen 2023

Inhalt: Eine junge Jüdin aus reichem Hause verliebt sich 1832 in einen angehenden Pastor und tritt trotz vieler Zweifel zum Christentum über, um ihn heiraten zu können. Aber kurz vorm ersten gemeinsamen Abendmahl werden die Zweifel immer stärker, sie teilt sie ihrem Zukünftigen mit, der sich zurückzieht. Parallel entsagt ihr Bruder, ein angesehener Arzt, seiner Liebe zu einer Christin, um seinem Volk treu zu bleiben und für seine Emanzipation zu kämpfen.

Rezension

Eduard Meier, ein jüdischer Arzt im Jahr 1832, hat sich in ein christliches Mädchen verliebt und denkt darüber nach, ob er Christ werden sollte, um es heiraten zu können: „Warum sollte er nicht, wie tausend andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der übrigen Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft als bei den Lehren Jesu. Warum nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen …?“ Nur weil er sich dem jüdischen Volk unauflöslich verbunden fühlt, verwirft er diesen Gedanken anders als seine Schwester Jenny, die sich taufen lässt, um den geliebten protestantischen Theologen Reinhard zu heiraten. Aber zur Trauung kommt es nicht, weil sie kurz vor dem ersten gemeinsamen Abendmahl Glaubenszweifel befallen, die der künftige Pfarrer nicht akzeptieren kann.

Dieser 1843 erschienene Roman der Jüdin Fanny Lewald wurde bei Reclams Klassikerinnen neu herausgebracht – ein erstaunliches Buch – dramatisch, zwischen Zweifel und Glauben fein nuancierend, versucht es zwei Herausforderungen zugleich zu meistern: Die Emanzipation der Juden und die Emanzipation der Frau. Dies freilich unter materiell gesicherten bis teilweise luxuriösen Bedingungen: Eduards und Jennys Vater ist ein erfolgreicher Bankier, eins der Hauptprobleme Jennys ihrem künftigen Ehemann gegenüber ist es, sich ein Leben in der „humble abode“ (Jane Austen) eines evangelischen Pastors vorzustellen: Ohne Dienerschaft, ohne Equipage. Bedenkt man, dass Moses Mendelssohn sich noch außerstande sah, am aufgeklärten Montagsclub in Berlin teilzunehmen, weil bei ihren obligatorischen Essen die jüdischen Speiseregeln nicht eingehalten wurden, verwundert es nicht, dass Fanny Lewald dieses und andere praktische Probleme aus ihrem Buch völlig ausklammert, nur einmal macht sie deutlich, dass im Lebensumkreis der Familie Meier die Sabbatvorschriften zwar ein- aber nicht für zwingend verbindlich gehalten werden. Die Aufklärung hat tiefe Spuren im geschilderten Milieu hinterlassen, der Wechsel ins Christentum wird kaum in Frage gestellt, wenn Gefühle und materieller Vorteil dafür sprechen. Als Jenny ihre Religiosität einmal darstellt, warnt sie der künftige Pfarrer, der dann doch nicht ihr Ehemann wird, vor einem Abgleiten in den Pantheismus.

Die tiefgründige theologische und philosophische Erörterung von Glauben und Zweifel auf ethischer und ästhetischer Ebene mag ein Grund dafür sein, dass dieses zugleich sehr spannende und in Teilen hochemotional geschriebene Buch, das Fanny Lewald den Durchbruch als Autorin brachte, bis heute nicht verfilmt wurde – im Gegensatz etwa zu „Daniel Deronda“ von George Eliot, zweimal verfilmt, einmal als BBC-Serie – das sich ebenfalls sympathisierend mit der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert befasst. Einer der Gründe mag der geistige Tiefgang von „Jenny“ sein, ein anderer der, dass Erich Pommer, in den 20er und 30er Jahren Deutschlands bedeutendster Filmproduzent, jüdisch war und sich gerade deshalb scheute, in einer antisemitisch aufgeladenen Atmosphäre dieses klar projüdische Buch zu verfilmen – obgleich es mit seinem tragischen Duellschluss eine ebenso gute Vorlage wäre wie die ebenfalls mehrfach verfilmte „Effi Briest“ Theodor Fontanes – der Fanny Lewald in seinen „Wanderungen“ mehrfach respektvoll erwähnt.

Als Eduard von der geliebten Clara erfährt, dass sie ihm entsagen muss, weil er sich nicht taufen lassen will, drängt sich ihm unwillkürlich die Frage auf, „ob in der Frauen-Natur wirklich eine höhere Leidensfähigkeit liege als in der des Mannes … Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt …“ Das ist Feminismus at its best: Zwischen Selbstgerechtigkeit und berechtigter Empörung.

Die Nazis stellten 1933 nur wieder her, was vor 100 Jahren die Regel war, fügten Darwinismus und Rassismus hinzu – obgleich der Begriff Rasse auch bei Fanny Lewald schon auftaucht.

Hätten die Deutschen und Österreicher ihrem Antisemitismus schon damals abgeschworen, es hätte keinen Zionismus, keinen Holocaust, wahrscheinlich kein Israel und auch die heutigen unsäglichen Spannungen im Nahen Osten nicht gegeben.

Gut, dieses Buch aus der Versenkung hervorzuholen. Absolut lesenswert.

Anmerkung: Es gibt das Buch in billigeren antiquarischen Ausgaben, dann allerdings ohne das Nachwort von Mirna Funk.

Rutger Bregman: Im Grunde gut

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2021

Inhalt: Rutger Bregmann stellt eine Prognose an den Anfang seines Buches, die sich auf bezeichnende Weise als falsch erwies: Bombardiert Hitlers Luftwaffe London, würde totales Chaos ausbrechen, Plünderungen, Aufstände, Kampf aller gegen alle. Das Gegenteil war der Fall: Alles blieb ruhig, alle halfen allen, die Londoner erwiesen sich als grundsozial, und die Vorstellung von der dünnen zivilisatorischen Schicht, die nur beschädigt werden müsse, um das menschliche Raubtier hervorbrechen zu lassen, erwies sich als Irrtum. Gegen dieses tief in unserer Kultur verwurzelte Vorurteil wendet Bregman sich anhand zahlreicher Analysen sozialpsychologischer Experiment wie der Schockmaschine von Stanley Milgram und klammert auch Auschwitz nicht aus.

Rezension

Als sich um 1900 Darwins Lehre von der Evolution nicht nur bei Gelehrten, sondern auch bei einfachen Menschen  durchsetzte und sogleich in sozialdarwinistischer Weise gedeutet und missbraucht wurde, erschien das Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt.“ Sein Autor: Ein gefeierter russischer Geograf, Fürst Pjotr Kropotkin, der nichts für überflüssiger hielt als den Staat und deshalb als Anarchist bezeichnet werden darf, obgleich er einer der sanftesten Menschen war. Der Anthropologe Ashley Montagu nennt Kropotkins Schrift „eines der Welt größten Bücher“, Gustav Landauer hat es ins Deutsche übersetzt und Henning Ritter 1976 neu herausgegeben. Dieses leidenschaftlich für die sozialen und guten Eigenschaften des Menschen eintretende Buch hat einen nicht weniger leidenschaftlichen Nachfolger gefunden: „Im Grunde gut“ lautet der deutsche Titel der Schrift des Niederländers Rutger Bregman (ins Deutsche übersetzt von Ulrich Faure und Gerd Busse), und hat den Untertitel „Eine neue Geschichte der Menschheit“ in Anspielung auf Yuval Noah Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ – und eben dieser Harari hat gesagt: „‘Im Grunde gut‘ hat mich dazu bewegt,  die Menschheit aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ich kann es nur empfehlen.“

In Kapitel 10 denkt Bregman über Empathie nach und kommt zu dem Schluss: „Der Mechanismus ist immer derselbe: Wir setzen unsere Lieben ins rechte Licht und werden blind für die Perspektive unserer Gegner, die außerhalb unseres Blickfeldes stehen“. Dieser Mechanismus hat uns „in die netteste und grausamste Spezies auf dem Planeten verwandelt. Es ist eine unbequeme Wahrheit: Empathie und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille.“ Ist es wirklich eine unbequeme oder nur eine banale Wahrheit? Empathie gegenüber Kindern und Tieren zu zeigen, ist geradezu ein Klischee im Verhalten von Autoritären, man denke nur an Hitlers Hunde und Geert Wilders‘ Katzen. Ist es auch eine unbequeme Wahrheit, dass Soldaten nicht gern das Bajonett benutzen und sogar das Schießen mit dem Gewehr vermeiden, weshalb die Kriegsführung die Distanz und Anonymität des Tötens immer weiter vergrößert? Steckt dahinter eine angeborene Scheu vorm Töten, die nur in Hollywoodfilmen ständig ignoriert wird, als gäbe es sie nicht? Ist das berühmte und vielfach im Unterricht verwendete Buch „Der Herr der Fliegen“ von William Golding eine realistische Fiktion oder beruht sie auf dem Vorurteil, der Mensch sei von Natur aus schlecht und die Zivilisation sei nur eine dünne Schicht, die das zudecke, aber im Moment der Katastrophe bräche das Böse im Menschen mit Urgewalt hervor? So hat Hobbes es dargestellt in seinem „Leviathan“, der nur allzu gut in das christliche Weltbild von der Erbsünde passte – und erst Jean Jacques Rousseau hat die Kühnheit besessen, zu behaupten, der Mensch sei von Natur aus gut, nur die Zivilisation habe ihn verdorben.

Ein aufregendes und sogar unterhaltsam zu lesendes Buch ist Rutger Bregman gelungen, ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, als ich einmal damit angefangen hatte, eine wirklich gute und notwendige Ergänzung zu Yuval Noah Hararis „Kurzer Geschichte der Menschheit“. Freilich muss ich den  optimistischen Schluss mit den Worten in Frage stellen, mit denen Henning Ritter Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“ kritisiert: Ist es ein „Optimismus, der sich selbst die Gründe vorgibt?“

Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch eine Veranstaltung über Kenia in der Zukunftsstiftung Entwicklung bei der GLS-Bank in Bochum, dort wurde es mehrfach zitiert. Absolut lesenswert in einer Zeit, in der „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort geworden ist.

Szczepan Twardoch: Drach

Roman, übersetzt von Olaf Kühn

Rowohlt, Hamburg 2016

Inhalt: Der Roman schildert rund hundert Jahre und vier Generationen der Familien Magnor und Gemander im deutsch-polnischen Bergbaugebiet von Oberschlesien, und nicht die Ereignisse von Liebe und Tod, Verbrechen und Sühne, Weltkriegen und Nachkriegszeiten, Liebe und Hass sind das Besondere dieses Buches, sondern die vom Autor gewählte Erzählerin, die Erde, vor deren Ewigkeitsauge alles bedeutend und unbedeutend zugleich ist und Vergangenheit und Zukunft in eine einzige, machtvolle Gegenwart jenseits aller Chronologie verschmelzen.

Rezension

Pindur schweigt. Pindur ist mir nah. Er packt Josef am Handgelenk, fest, als wollte er ihm etwas Wichtiges sagen, etwas von großer Bedeutung, sagt aber nichts, denn nichts hat Bedeutung.

Ich müsste erläutern, wer Pindur ist. Wer oder was da „mir“ sagt. Aber ich erläutere nur, dass Josef Magnor der Protagonist eines polnischen Romans ist mit dem Titel „Drach“, der wie ein Unwetter über den Leser hereinbricht. Der im Präsens erzählt ist, egal, ob es um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geht. Es gibt nur Gegenwart, über der ein Hauch von Ewigkeit liegt, in diesem Buch, obgleich über den einzelnen Kapiteln jeweils bis zu 29 Jahreszahlen stehen, in denen die Erzählerin sich bewegt. Eine Frau? Ist der Autor Szczepan Twardoch denn nicht ein Mann? Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Aber er wählt sich eine fiktive Erzählerin: die Erde. Und zwar weniger den Planeten (obgleich ein wenig auch den), mehr aber die Erdkruste, in der wir unsere Toten begraben, in der wir Schutz suchen in Schützengräben und in die der Bergbau seine Schächte und Stollen treibt, in denen „Menschenwürmer die schwarze Sonne aus meinem Leib kratzen“, d.h. Steinkohle schürfen. Und alle Männer in diesem Buch (bis auf wenige Ausnahmen) sind Bergleute. Und das seit Generationen. Bergleute im Bergbaugebiet von Oberschlesien, in dem die einen Deutsch, die anderen Polnisch sprechen, aber manche Polnisch Sprechende sind Deutsche und manche Deutsch Sprechende Polen. Und manche sprechen ein Pidgin-Deutsch oder Pidgin-Polnisch, und das wird Släsch oder Slaski oder Wasserpolnisch genannt (der Übersetzer Olaf Kühn hat Kostproben davon dankenswerter Weise ins besser verständliche Niederschlesisch übertragen). Und nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Josef Magnor im Schützengraben vor Verdun teilnimmt, sollen Teile von Oberschlesien laut Versailler Vertrag an Polen abgetreten werden. Es kommt zu Erhebungen der Polen, die nicht benachteiligt werden wollen, zu Morden und Gewalttaten.

Ich will nicht versuchen, den Inhalt von „Drach“ (vier Generationen der Familien Magnor und Gemander) wiederzugeben, und den Roman zu bewerten. Seit sieben Jahren ist seine deutsche Ausgabe auf dem Markt, er wurde als meisterlich gelobt und auch viel über den Inhalt gesagt. Ich wollte herausbekommen, wie es dem Autor gelungen ist, seine Setzung, dass nicht er, sondern die Erde erzählt, glaubwürdig zu machen, und habe dafür die Suchfunktion meines E-Readers zur Hilfe genommen. Mit ihrer Hilfe habe ich festgestellt, dass die oben zitierte Figur, etwas sei von Bedeutung, zugleich aber ohne jede Bedeutung, sich an die 30mal in dem Buch findet. Eine andere Erdformel: sie sagt: „Zur gleichen Zeit“, fährt aber dann fort: „nur dreiundneunzig Jahre früher“ oder „fünfunddreißig Jahre später“. Diese Formel verwendet die Erde 50 mal und erzeugt so ein Gefühl von Zeit jenseits der Chronologie, berechtigt, wenn man bedenkt, wie winzig die Zeitabschnitte sind, in denen wir verkehren, vergleicht man sie mit dem Alter des Planeten. Und das auf dem Hintergrund der Botschaft des alten Pindur, dass Baum und Mensch und Stein und Tier dasselbige sind und dass die verwesenden Leichen als Saft in den Bäumen wieder aufsteigen, deren Blätter und Rinde die Rehe fressen, die dann ihrerseits sterben, wenn sie nicht geschossen und verzehrt und zu Ausscheidung werden, die wiederum der Erde zugutekommt, in Verbindung mit diesem ewigen Stoffwechsel von Werden und Vergehen, dessen Vermittlerin die erzählende Erde ist, verliert alles Bedeutsame wirklich jede Bedeutung, aller Tod ist nur ein Übergang wie auch alles Leben, und den Generationen von Bergleuten stehen Generationen von Rehen und Bäumen gegenüber. Es gelingt diesem Roman, ein Gefühl von tiefer, staunender Naturhörigkeit zu erzeugen. Nicht ohne Grund wird die Botschaft Pindurs als Evangelium bezeichnet, aber zugleich hervorgehoben, dass dieses Evangelium aus einer Zeit stammt, als noch keine Christen im Land waren, und das Kriegskapitel wird eingeleitet von der Schilderung des ungeheuerlichen Behemoth im Buch Hiob. Es ist ein ebenso beunruhigendes wie tröstliches Buch, eine aufwühlende Summe des 20. Jahrhunderts im Spiegel der polnisch-deutschen Welt Oberschlesiens, in der ein Ort bald Gliwice  heißt, bald Gleiwitz – ein bedeutsamer Unterschied – und dennoch ohne jede Bedeutung.

Susanne Abel: Stay away from Gretchen

Eine unmögliche Liebe

DTV, München 2022

Inhalt: Grete Monderath in Köln wird dement, und in der Demenz dämmert eine Vergangenheit herauf, die sie eisern verdrängt hatte: Als Mädchen aus Ostpreußen nach Heidelberg geflohen, verliebt sie sich dort in den schwarzen GI Bob und bekommt von ihm ein Kind, das das Jugendamt ihr wegnimmt und in die USA gelangen lässt. Gretas Sohn Tom, Anchorman der Nachrichtensendung bei einem großen Kölner Sender, macht sich mit Hilfe seiner findigen Kollegin Jenny auf die Suche …

Rezension

Auf meiner Schule gab es keine zu Schülern herangewachsenen „brown babies“, obgleich die ältesten von ihnen nur vier Jahre jünger waren als ich. Das liegt u.a. daran, dass meine Schule in der britischen Besatzungszone lag und nicht in der amerikanischen, wo es viele afroamerikanische Besatzungssoldaten gab, die es genossen, in einem Land zu sein, in dem sie – scheinbar – gleichberechtigt und -geachtet waren, in Lokalen, Bars und Läden wie normale Kunden bedient wurden und sogar mal mit einem weißen Mädchen anbandeln konnten. Die Miniserie „Ein Hauch von Amerika“ (kann gestreamt werden) hat uns vor zwei Jahren diese Welt näher zu bringen versucht. Etwa gleichzeitig erschien der Roman von Susanne Abel, der den Wortlaut zu seinem Titel machte, mit dem amerikanische Soldaten, sowohl weiße wie schwarze, vor deutschen Frauen gewarnt wurden: „Stay away from Gretchen“. Und dessen fiktive Hauptperson heißt dann auch Grete, und sie bekommt von dem hilfreichen Robert (Bob) Cooper in Heidelberg, wohin sie aus Ostpreußen geflohen ist, ein kleines Mädchen, das sie Marie oder Mariele nennt. Dieses Kind wird ihr vom Jugendamt weggenommen und verschwindet spurlos. Wer auch verschwindet, ist der Vater, weil er nach seiner Rückkehr in die USA im Korea-Krieg eingesetzt wird.

Die Suche nach diesem verschwundenen Kind ist der Inhalt des Buchs – und sie ist ähnlich spannend wie die Suche nach Miss Froy in „A Lady Vanishes“ von Hitchcock – und es würde mich nicht wundern, wenn aus dem Bestseller von Susanne Abel ein Film würde. An die Stelle der Erkennungsmelodie bei Hitchcock würde dann das Voodoo-Püppchen treten, an dem Marie sich lebenslang festklammert. Freilich müssten die Rollen von Grete (als junges Mädchen und junge Mutter – und als 85jährige demente Greisin) und von Bob Cooper (als 21jähriger GI und als 87jähriger Veteran) sowie auch die von Marie (kleines Kind – und 67jährige Mutter und Großmutter) doppelt besetzt werden, denn die zwei Zeitebenen des Romans liegen gut 65 Jahre auseinander – Nachkriegszeit und die Zeit der Flüchtlingskrise 2015. 

Die Suche wird ausgelöst durch die Demenz der alten Grete, die ihre Vergangenheit als Mutter eines brown baby quasi unter Beton versteckt hat, dieser Beton beginnt in der Demenz zu bröckeln, und ihr Sohn aus der späteren Ehe mit einem Arzt ist Anchorman der Nachrichtensendung des FFD geworden (leicht zu erkennen: Gemeint ist der WDR in Köln, denn auch Anne Will ist dort beschäftigt). Tom Monderath ist ein vitaler, lebenslustiger Journalist geworden, dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt, dessen Leidenschaft das Recherchieren ist, und dabei wird er unterstützt von der reizlosen und mittels Samenbank schwangeren Jenny, in die und deren Baby er sich aber verliebt, weil sie so findig ist und nicht nur den Aufenthaltsort von Bob herausbekommt, sondern auch … Nun, ich will hier nicht zu viel erzählen, gebe aber zu, dass ich am Schluss des Buches geheult habe.

Susanne Abel ist vielleicht keine große Schriftstellerin, aber eine Superjournalistin und -dramaturgin. Sie hat Doku-Soaps produziert, und eine Doku-Soap ist auch ihr Roman: Rund um die fiktive und sehr glaubwürdig gebaute und berührende Handlung vermittelt sie eine Fülle von Wissen (z.B. dass eine schwarze Panzereinheit nicht eingesetzt wurde, weil es keine schwarzen Helden geben durfte) und sehr drastische Kölner Kneipen- und Karnevalsszenen, die ich aber als absolut authentisch empfinde (ich habe acht Jahre in Köln gelebt und mit den Bläck Fööss in der Ringschenke Karneval gefeiert). Ein Roman, der unterhaltsam und spannend ist und zugleich eine Fundgrube des Wissens – wer kann das schon? 

Für mich das berührendste Zitat: Bob wurde in den USA von weißen Jugendlichen zusammengeschlagen und wird gefragt, wie lange er im Krankenhaus gelegen habe: „Ganze acht Wochen. Ich heulte und hab mir jeden Tag gewünscht, Adolf Hitler hätte die Amerikaner besiegt.“

Leseempfehlung? „Sischer dat!“

Susanne Abel hat einen zweiten Band geschrieben: „Was ich nie gesagt habe: Gretchens Schicksalsfamilie“. Beginnt ebenfalls sehr amüsant: Tom Monderath empfängt seinen per DNA entdeckten holländischen Halbbruder in Köln – er sieht ihm sehr ähnlich – ist aber nicht ohne Grund gerade am Christopher-Street-Day nach Köln gekommen …

Hermann Broch: Die Schlafwandler

Romantrilogie

Suhrkamp, Frankfurt 1978

Inhalt: Die Trilogie schildert am Beispiel ihrer jeweiligen Helden drei fragwürdige, letztlich scheiternde Karrieren in den Jahren 1888, 1903 und 1918. Sie sind nur lose mit einander verbunden und können unabhängig von einander gelesen werden.

Rezension

Als ich mit 12 Jahren ins Schaufenster unseres Buchhändlers guckte, faszinierte mich ein ausgestellter Titel: „Verlust der Mitte“ von dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr. Als ich das Buch dieses Titels später las, war ich enttäuscht. Ich hatte in Pariser Galerien den Tachismus (Wols) kennen und schätzen gelernt, und fand es ungerecht und voreilig, wenn nicht gar leichtsinnig und reaktionär, der modernen Kunst die Legitimation so abzusprechen, wie Sedlmayr es tat. War die Mitte, also der christliche Glauben als Zentrum und Bezugspunkt aller europäischen Kunst wirklich verloren? War er nicht bewusst aufgegeben und abgestreift worden wie eine lästige Fessel? Hermann Brochs Romantrilogie „Die Schlafwandler“, 1930 erschienen, stellt nun ebenfalls einen „Zerfall der Werte“ fest und analysiert ihn in mehreren glänzenden Essays im 3. Teil: „Huguenau oder die Sachlichkeit“. Aber im Gegensatz zu Sedlmayr beklagt Broch dies nicht als Verlust, sondern beobachtet es nur und sieht, wie die moderne Kunst daraus z.B. im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ ihre Lehren zieht, ja, er zieht sie selbst, indem er in „Huguenau oder die Sachlichkeit“ mit konventioneller Erzähltradition bricht und ein so komplexes Romangebilde verfasst, dass nur der Basler Rhein Verlag, der auch die Übersetzung von James Joyces „Ulysses“ veröffentlichte, sich an das Manuskript herantraut. Und sogleich muss ich mich der Frage stellen, ob ich diesem Monster von einem Roman als Rezensent gewachsen bin. Nein, bin ich nicht, und deshalb beschränke ich mich auf den zweiten Teil: „Esch oder die Anarchie“, der im Jahr 1903 spielt und nur locker mit dem ersten Teil („Pasenow oder die Romantik“ 1888) verknüpft ist, so dass man ihn als selbständigen Roman lesen kann.

Aber bevor ich verrate, warum ich dieses Buch mag, möchte ich warnen. Wer zusammenzuckt, wenn eine schwarze Frau Negerin genannt wird, wer den Ausdruck „warmer Bruder“ für einen Schwulen unerträglich findet, wer eine Liebesszene, in der der Held die Heldin so massiv bedrängt, dass sie später „me too!“ ausrufen könnte, der nehme dieses Buch nicht zur Hand. Ich erinnere mich an meinen 1909 geborenen schwulen Onkel, der mir, als ich ihn auf seine Eleganz ansprach, mal kichernd gestand: „Ich bin eben ein warmer Bruder!“ Er schien diesen Begriff für einen Ehrentitel zu halten.

„Esch oder die Anarchie“ spielt in der Zeit Ravachols und Bakunins, berühmter Anarchisten und zahlreicher Attentate auf führende Politiker; und sein Held kann sich in der Tat über nichts so sehr empören, wie über eine Polizei im Dienst des Kapitals und des Staates, die einen tüchtigen und alles andere als staatsfeindlichen Gewerkschafter wie Martin Geyring verhaftet und einbuchtet.

Zentral ist die Liebesgeschichte zwischen dem gefeuerten Buchhalter August Esch und der verwitweten Wirtin einer Kölner Rheinschifferkneipe, Gertrud Hentjen, die von ihren Stammgästen nur liebevoll „Mutter Hentjen“ genannt wird, obgleich sie keine Kinder hat. „Wenn dann Mutter Hentjen abends ihren Platz am Büfett eingenommen hatte, pflegte sie sich manchmal umzuwenden und die blonde Frisur, die wie ein kleiner steifer Zuckerhut auf dem runden, schweren Schädel saß, vor dem Spiegel abzutasten.“ Vormittags wird sie so geschildert: „Sie war noch in morgendlicher Arbeitskleidung, hatte eine große blaue Kattunschürze dem Rock vorgebunden und auch das abendliche Mieder hatte sie noch nicht angelegt, so dass ihre Brüste wie zwei Säcke in der breitkarierten Barchentbluse lagen.“ Sie wird als banaler Alltagsmensch mit Alltagssorgen geschildert, und auch Esch, der sich um sie bemüht, ist alles andere als ein Beau, achtmal (Suchfunktion kindle) ist im Gesamtroman von seinem „Pferdegebiss“ die Rede, das er lachend, im Zorn oder aus Ekel entblößt oder „in die fleischige Achsel“ seiner Geliebten schlägt. Mit dem Scharfblick, aber auch der Grausamkeit des akademisch gebildeten Exunternehmers schildert Broch hier den Alltag der unteren Mittel- oder oberen Unterschicht.

Der Gewerkschafter Geyring gibt Esch den Tipp sich in Mannheim bei der Mittelrheinischen Reederei zu bewerben. Das klappt, Esch wird in Mannheim das, was man im Hamburger Hafen Tallyman nennt, Kontrolleur der Schiffsbe- und Entladung, macht Bekanntschaft mit dem Jongleur und Messerwerfer Teltscher, Künstlername Teltini, und seiner ungarischen Assistentin Ilona, die kaum Deutsch spricht. Als Geyring bei einem Streik wegen aufrührerischer Reden eines anderen, die er nicht unterbunden hat, verhaftet und eingebuchtet wird, ist Esch so sauer auf die mittelrheinische Reederei und ihren schwulen Chef Eduard von Bertrand, dass er hinschmeißt und mit dem Plan, eine Variéténummer mit Ringerinnen, zu denen auch eine Negerin gehören soll, aufzubauen, nach Köln und zu Mutter Hentjen zurückkehrt. „In jener außerordentlichen Bedrängnis, die jedem Menschen auferlegt ist, wenn er, der Kindheit entwachsen, zu ahnen beginnt, dass er einsam und brückenlos seinem einstigen Tode entgegenzugehen hat, in dieser außerordentlichen Bedrängnis, die eigentlich schon eine göttliche Furcht zu nennen ist, sucht der Mensch nach einem Genossen, damit er mit ihm Hand in Hand dem dunklen Tore zuschreite, und wenn er die Erfahrung gemacht hat, wie lustvoll es unleugbar ist, mit einem anderen Wesen im Bette zu liegen, so meint er, dass diese sehr innige Vereinigung der Haut hindauern könne bis zum Sarge.“ Esch überredet Mutter Hentjen, mit ihm zu einer Weinauktion nach St. Goar zu fahren, und wie auf dieser Reise mit Bahn und Schiff die Männerverachtung der Witwe im Konflikt mit ihrer Liebessehnsucht zur Lähmung ihres Ich führt, das ist ein Lesebuchbeispiel für den Kampf zwischen Es und Überich, ich könnte es seitenweise zitieren: „Dem Versuch, sie an sich zu ziehen, leistete ihr breiter Körper in dem Fischbeingehäuse steifen Widerstand und die Hutnadeln auf ihrem wackelnden Kopf bedrohten sein Gesicht. Kurz entschlossen schob er ihren Hut zurück, der mitsamt der Frisur nach hinten rutschend ihr das Aussehen einer Betrunkenen verlieh. (…) Dann küsste er die Wange, die an seinem Mund vorbeiglitt, und schließlich nahm er den runden schweren Kopf in die Hand und drehte ihn zu sich. Sie erwiderte den Kuss mit trockenen dicken Lippen, etwa wie ein Tier, das seine Rüsselschnauze gegen eine Glasscheibe drückt.“

Des Weiteren ist Esch von dem Plan besessen, mit seinen Ringerinnen per Ozeandampfer in die USA zu reisen, angeregt von Arthur Holitschers Sachbuch: „Amerika heute und morgen“, aus dem auch Franz Kafka, als er seinen Roman „Amerika“ schrieb, Anregungen bezog. Unheimlich die Passagen, in denen sich der homophobe Esch ins Milieu der Homosexuellen begibt und nach Badenweiler reist, um den verhassten Großkapitalisten Bertrand, diesen „feinen warmen Bruder“, erpresserisch zu zwingen, sich für die Freilassung des inhaftierten Freundes Geyring einzusetzen. Dem entzieht sich Bertrand durch Suizid, die Amerikapläne von Esch und Mutter Hentjen lösen sich in Luft auf, Mutter Hentjen renoviert ihre Kneipe, sie heiraten und Esch findet wieder eine Stelle als Buchhalter – ein Schluss, lustig, traurig und resigniert wie der von Voltaires „Candide“.

Und sind nicht auch wir Schlafwandler? Wir gießen neuen Wein in alte Schläuche, wälzen uns in romantischen Naturgefühlen, wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Natur von uns längst so heruntergewirtschaftet wurde, dass sie unsere Dichtung hohnlachend zurückweist? Oder wir sind zu Zynikern geworden und amüsieren uns nach dem Motto „Jetzt gerade“ über eine zugrunde gehende Welt, indem wir im Kokon unserer Träume verharren …

Jenny Erpenbeck: KAIROS

Penguin, München 2021

Inhalt: Die 19jährige Katharina verliebt sich 1986 Knall auf Fall in den über 30 Jahre älteren und verheirateten DDR-Schriftsteller Hans W., der sich das naive Mädchen auf anmaßende und machohafte Weise hörig macht. Das allmähliche Scheitern dieser zukunftslosen Beziehung wird von der Autorin auf eindrucksvolle Weise mit dem Untergang der DDR verknüpft, an der aber nach ihrer Darstellung nicht alles schlecht war.

Rezension

KAIROS von Jenny Erpenbeck ist ein Roman, der mir eher wie der Entwurf eines düsteren Comics vorkommt, in dem die untergegangene Welt der DDR-Intelligenzija in all ihrem Bildungshochmut und ihrer Brutalität noch einmal heraufbeschworen wird rings um eine zwanzigjährige Naive mit Namen Katharina, die sich 1986 in den über dreißig Jahre älteren verheirateten Roman- und Rundfunkschriftsteller Hans W. verliebt und ihm auf durchaus pittoreske Art hörig wird: Er geilt sich daran auf, ihr mit einer Reitgerte, bis es wehtut, den nackten Hintern zu versohlen. Wenn sie sich, weißhäutig wie sie ist und mit einem Gesicht aus Biscuit-Porzellan, mit ihm im Wäldchen verabredet, trägt sie natürlich nichts unter ihrem kurzen Rock, und als sie ihm mit einem netten und zärtlichen Kollegen einmal untreu wird, muss sie dafür büßen, indem sie sich fünf oder sechs von ihm mit strafenden und vorwurfsvollen Worten überladene Kassetten nacheinander anhört und der Fülle von Herabsetzungen, ja, Beschimpfungen schriftlich erwehren muss. Das in der DDR übliche Ritual der Selbstkritik nach begangener Verfehlung lebt darin in seiner ganzen Doppelmoral fort, denn der anklagende Hans ist ja selbst ein Ehebrecher.

Und am deprimierendsten ist es, dass Katharina das alles aus Liebe mitmacht. Ist es nicht unumstritten, dass die Frauen in der DDR selbstbewusster und trennungs- bzw. scheidungsbereiter waren als in Westdeutschland? Davon keine Spur in Erpenbecks Roman, der ein unterwerfungssüchtiges Naivchen ohne jede Selbstachtung zu seiner Heldin macht. Gegen Ende findet sie in der Liebe einer Rosa ein vorübergehend Entspannung und holt sich das Kind, das Hans zu zeugen offenbar nicht imstande ist, bei einem Studenten. Sie sagt Hans, das Kind sei nicht von ihm, er will es nicht wahrhaben, aber sie verliert es vorzeitig, und dann, endlich, kommt es zur Trennung.

Und im Epilog der Autorin erfahren wir, was vorher schon ahnbar war aus seinem Verhalten: Er war zweitweise unter dem Namen Galilei IM der Stasi, um die vielen ihm bekannten Kulturschaffenden „abzuschöpfen“ und zur „Bearbeitung weiblicher Personen“ eingesetzt zu werden. Als er Katharina kennenlernte, hatte die Stasi seine Akte wegen Unergiebigkeit bereits geschlossen. Und mir persönlich fällt es schwer, ihn dafür zu bedauern, dass er arbeitslos wird, weil der im Volk verhasste und verachtete Rundfunk abgewickelt wird.

Dass es sich um eine Schattenbeschwörung handelt, wird zum Schluss deutlich, wenn Katharina sich vorstellt, zwischen den Tatzen der Sphinx zu liegen und von dem zerstückelten Osiris zu träumen, dessen Stücke Isis, seine Schwester, zusammensetzt – wie sie in diesem Roman versucht hat, die ihr bekannten, von ihr durchlebten Stücke der DDR zu einem düster-nostalgischen Panorama zu verleimen. Schon Uwe Tellkamp hat in seinem Roman „Der Turm“ dem Bildungsbürgertum der DDR ein Denkmal gesetzt, einem Schlüsselroman, in dem Hermann Kant, Stefan Heym u.a. deutlich zu erkennen sind. Jenny Erpenbeck ist anders vorgegangen. In Hans W., dem anmaßenden Liebhaber Katharinas, fließen verschiedene Autoren zusammen: Heiner Müller (der ebenfalls IM war) und Peter Hacks (der wie Hans W. aus der Bundesrepublik in die DDR gezogen ist).

Hacks‘ Freund André Müller sen. habe ich in Köln kennengelernt und seine exquisiten Kochkünste bewundert und genossen. Kam er von einem Besuch bei Peter Hacks aus der DDR zurück, hatte er den Kofferraum voller Fasane, und es gab Fasanenpastete, dazu natürlich den besten Côtes du Rhône … „Wir Sozialisten müssen die Welt vor der McDonaldisierung retten!“, war sein Slogan. Aber als die Kölner Linken sich für Wolf Biermann stark machen wollten, war er es, der ihnen den Geldhahn abzudrehen drohte, und schon waren sie wieder auf Linie. Die „Resolution der Dreizehn“ gegen Biermanns Ausbürgerung hätte Hans W., Katharinas Liebhaber, damals „beinahe“ unterschrieben. Von einer DDR, wie sie in dem Beitrag „Subkultur“ unserer Autorin Diestelzie geschildert wird: bei Erpenbeck keine Spur. Ihr ist es wichtiger, den ersten Liebesakt ihres Protagonistenpaares mit Texten aus Mozarts Requiem anzureichern, das gleichzeitig im Hintergrund auf dem Plattenspieler abgespielt wird. Wird da nicht Effekt auf Effekt gehäuft und nähert sich einer Art von dialektischem Bildungskitsch?

Auch in Christoph Heins Roman „Frau Paula Trousseau“ (2008) kämpft sich eine DDR-Künstlerin mühselig genug im Kunstpatriarchat empor. Auch dieser Roman spielt in der Intelligenzija der DDR, aber er verliert sich nicht ins Klagen um das Verlorene und es geht in ihm um Menschen und nicht nur um Konstrukte einer Träumenden zwischen den Tatzen der Sphinx.

Ernst Wiechert: Das einfache Leben

Anaconda, Köln 2024

Inhalt: Ernst Wiechert wurde als Autor – wie übrigens auch Paul Celan – von der Gruppe47 verlacht. In diesem 1939 trotz Nazizensur erschienenen Roman zieht sich ein von Krieg und Kriegselend Erschütterter auf eine Insel in einem der vielen masurischen Seen zurück und findet als Fischer und Holzfäller und durch intensives Studium der eindrucksvoll beschriebenen Natur zu einem Lebenssinn zurück.

Rezension

Wie kann man trotz massiver äußerer Beschränkung und Verfolgung kreativ bleiben und sich anderen mitteilen oder für sie sogar zu einem Trost werden? In einer solchen Situation sind wir m.E. momentan (noch) nicht, aber für viele ist sie gefühlt bereits da, und gerade in deren Namen könnte sie für alle auf uns zu kommen. Darüber nachdenkend, habe ich mich an meinen Deutschlehrer erinnert, der einen Roman über alles liebte, der ihm in den Jahren, als er gegen Ende des zweiten Weltkriegs zum zweiten Mal Soldat werden musste, Halt und Hilfe gegeben hat: „Das einfache Leben“ von Ernst Wiechert. Er wurde gerade neu aufgelegt, ich erwarb ihn – und bereue nicht, ihn gelesen zu haben. „Er ist das stärkste Buch, das die innere Emigration hervorgebracht hat,“ sagte mein Deutschlehrer, der der Bekennenden Kirche angehört hatte. Und Wiechert hatte durch die Nazis gleichsam den Ritterschlag erhalten, indem sie ihn für zwei Monate in Buchenwald einbuchteten. Er hielt 1945 die berühmte Rede an die deutsche Jugend (von Thomas Hettche in „Herzfaden“ eindrucksvoll zitiert), in der er gnadenlos mit den Nazis abrechnete – aber das war wohl etwas zu deutlich. So absolut wollten die Deutschen ihre Vergangenheit nicht verdammt sehen. Die Intellektuellen und Autoren fanden in Sartre, Hemingway und Faulkner neue Idole, wandten sich von Wiechert ab, der in die Schweiz zog und dort verstarb.

Der Protagonist des Romans, ein ehemaliger Marineoffizier, ist durch das Erleben des massenhaften Sterbens im Ersten Weltkrieg so ver- und zerstört, dass er seine gesellschaftlich ambitionierte Frau und seinen Sohn verlässt, nach Masuren fährt, und dort auf einem Inselchen in einem der zahlreichen Seen sich mit einer Blockhütte ein neues Zuhause aufbaut (wie David Henry Thoreau in „Walden“) und dort zusammen mit seinem ehemaligen Burschen Bildermann vom Fischen und Holzmachen lebt. Das Inselchen gehört einem altgedienten knorrigen General, mit dem Thomas von Orla in dessen naheliegendem Herrensitz Kontakt aufnimmt. In der zweiten Hälfte des Buchs, nachdem seine Frau gestorben ist, wird er zum Erzieher und Vorbild der Enkelin des Alten; zwischen ihr und ihm wird aus Zuneigung Liebe, aber es wächst auch die Kraft zum Verzicht allein auf Grund des großen Altersunterschieds. In einer Nebenhandlung nimmt Thomas Anteil am Leben eines anderen Einsiedlers, des Grafen Pernein, der auf seinem Gut lebt und experimentiert als einsamer Alchimist. Als er stirbt und Thomas zum Erben einsetzt, beginnt dieser im Labor des Verstorbenen mit dem Mikroskop und in Büchern zu forschen. Georg Lukács hat Wiecherts „altpreußischen Pietismus“ bemängelt. Ich kann den in dem folgenden Absatz nicht finden, sondern eher einen Panentheismus, wie ihn Hartmut Rosenau in seinem Buch „Die Theodizee“ umreißt:

„Langsam, von der Peripherie aus, begann er das Wunder der Schöpfung zu erkennen. Er nannte es mit diesem Namen, und der Name gewann einen immer höheren Klang für ihn. Aber er vermischte ihn nicht mit den Namen, die der Mensch dem Wunder gegeben hatte. Keine Dämonen und keine Götter drangen in den hellen Kreis, über dem die Linse stand. Er deutete das Unbegreifliche nicht, er benannte es nicht einmal, er verehrte es nur. Er lernte langsam, was ihm das Größte erschien: die Natur, ja, den Makrokosmos als etwas Zweckloses zu betrachten. Zwecke trübten das Licht und verwirrten die Linien. Auch so stand hinter allem noch immer das letzte Gesicht, aber es trug weder menschliche noch göttliche Züge. Es besaß weder Raum noch Zeit, noch gar eine sittliche Verklärung. Es war anders als der Erdgeist, und es ließ sich auch nicht beschwören. Das Beschworene würde wahrscheinlich mit Vernichtung strafen. Ein tiefes und ganz ruhiges Glück begann ihn langsam zu erfüllen …“

Ganz am Anfang berichtet ein Gefängnispfarrer dem Protagonisten, der Rat bei ihm sucht, wie ein zum Tode Verurteilter ihm die Worte entgegenschleuderte: „Ein Segen, dass es drüben keine Pfarrer geben wird.“

Und gegen Ende zieht Thomas das Fazit: „Ein Größeres stand über allem, ein Unerkennbares, eben `Das Ganze‘. Sein Anblick machte fromm, aber es gab weder Kirche noch Altar für die Frömmigkeit. Kein Bildnis, kein Gleichnis, nicht einmal einen Namen. Denn nicht einmal die Sterne waren das Letzte, nicht einmal die Nebel sich gebärender Sterne, wieviel weniger also der Mensch oder Gott, um dessen Bild er haderte und den er benannte, wie er selbst gern gewesen wäre: wissend, mächtig und gut.“

Der verstorbene Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat im Gespräch mit Günter Gaus 1966 bekannt: „Unsere Idealvorstellung war – damals gab es ein Buch von Ernst Wiechert, ‚Das einfache Leben‘; ich weiß, dass viele Leute damals ähnlich empfunden haben wie wir auch; dies wäre unser Ideal gewesen, ganz zurückgezogen zu leben von dem Getriebe der Welt.“

„Das einfache Leben“ ist ein belletristischer Text, seine Begrifflichkeit ist nicht abgeklopft und erprobt. Mir erscheint es als Versuch, den Schöpfungsglauben (das letzte Gesicht) angesichts einer zweckfreien, also zufälligen, evolutionären Natur und einer katastrophalen Weltlage zu behaupten. Und ich könnte mir denken, dass Wiechert in Kriegs- und Katastrophenzeiten eine Chance hat, wieder an Ansehen zu gewinnen. Ist nicht sogar der Klimawandel nur ein berechtigtes Zurückschlagen der vom Menschen ausgebeuteten und missachteten Natur?

Han Kang: Griechischstunden

Aufbau, Berlin 2024

Inhalt: Ein traumatisierter Altgriechischlehrer, der sein Augenlicht verliert, und seine ebenfalls traumatisierte Schülerin, die unter Aphasie leidet, finden durch einen Zufall zueinander.

Rezension

Lange nicht ein so schwer einzuordnendes Buch gelesen: Ein Roman? Ein dramatisches Werk? Ein lyrisches Gedicht? Von allem etwas! Auf ganz filmische Weise beginnt es mit zwei Personen, die einander nicht kennen oder fernstehen: Einer Mutter, die das Sorgerecht für ihren neunjährigen Sohn verloren und darunter sowie unter dem ebenfalls schon zurückliegenden Tod ihre Mutter so sehr leidet, dass sie in Aphasie verfallen ist, in eine Unfähigkeit zu sprechen. Und einem Lehrer für Altgriechisch, der eine sehr starke Brille trägt und sein Augenlicht verliert. Auch er hat ein Trauma erlitten durch den Selbstmord seines besten Freundes Joachim Grundel, an dem er sich mitschuldig fühlt. Denn dieser Freund hat sich in ihn, den Platonkenner und Altgriechischlehrer, verliebt und erotisch die Initiative ergriffen, aber das hat er nicht nur abgewiesen, er ist aus Deutschland geflohen, wo sich das zutrug, und Deutschland war einmal seine zweite Heimat, er ist in Mainz aufgewachsen.

In seine Kurse geht nun diese in ihren Gefühlen so verletzte Mutter in der Hoffnung, durch das Altgriechische ihr Sprechfähigkeit zurückzugewinnen. Ausdrücklich heißt es, es hätte auch eine andere Sprache sein können. Von der Frau und Mutter erzählt Han Kang in der dritten Person, abwechselnd mit Kapiteln, in denen der Altgriechischlehrer sein Erleben in der Ichform preisgibt. Hat man das erst einmal begriffen (ich erlag zunächst dem Irrtum, Han Kang berichte über dieselbe Person mal in der dritten, mal in der ersten Person), ergibt sich eine recht durchsichtige und vertraute Struktur: Zwei von einander getrennte Personen verschiedenen Geschlechts müssen und werden einander begegnen und lieben. Die Hindernisse sind groß, doch sie sind nur dazu da, um überwunden zu werden.

Auf etwas triviale Weise ist es eine Meise, die sich ins Schulgebäude verflogen hat und die zuerst sie, dann er nach draußen zu scheuchen versucht, dabei verliert er seine Brille, zertritt sie versehentlich und kann nun gar nichts mehr sehen. Aber zum Glück kommt sie zurück, rettet ihn aus seiner Not, bringt ihn zu einem Optiker für eine neue Brille … Die beiden erinnern ein wenig an das Gedicht von Gellert: Der Lahme und der Blinde … Das Schlusskapitel „Der Wald des abgrundtiefen Meeres“ ist eine lyrisch-poetische Überhöhung ihres Zusammenfindens, in der dem Mund der Frau zum ersten Mal wieder ein Laut entschlüpft … Das schönste erotische Gedicht, das ich kenne. Han Kang, Nobelpreisträgerin des vorigen Jahres, hat als Lyrikerin begonnen.

„Blank lag das Schwert zwischen uns.“ An dieses Wort des alten, erblindenden Borges erinnert sich der Altgriechischlehrer im ersten Kapitel. Borges ist wie er ein Entwurzelter zwischen den Kulturen. Und entsprechend deutet er das Schwert als das Trennende.

Wussten Sie schon, dass Sokrates bei Platon andeutet, dass Leiden (pathein) und Erkennen (mathein) miteinander zu tun haben? Paul Tillich drückt das so aus: Die Tiefe des Leidens ist die einzige Tür zur Tiefe der Wahrheit. Auch ein wenig Philosophie und das Höhlengleichnis spielen eine Rolle. Was für ein reiches, tiefes und schönes Buch!


Charlotte Link: Sechs Jahre

Blanvalet, München 2014

Inhalt: Die berühmte Krimi-Autorin beschreibt Krankheisverlauf und Tod ihrer über alles geliebten Schwester an Krebs . Das Buch wäre deprimierend, wäre es nicht zugleich ein Hohelied auf Geschwisterliebe und Tapferkeit in größter Not.

Rezension

„Ich habe dir, als du noch hier warst, viel zu selten gesagt, wie sehr ich dich bewundere. Vor allem für die Tapferkeit, mit der du deinen Weg gegangen bist. Selbst als es niemanden mehr gab, der dir noch Hoffnung machte, als dir ein Tod bevorstand, der Ersticken hieß, bist du aufrecht geblieben. Du hast so selten geklagt oder geweint. Du hast dein Schicksal mit größter Würde und unglaublicher innerer Stärke angenommen.“

Mit diesen Worten verabschiedet sich Charlotte Link in ihrem Buch „Sechs Jahre“ von ihrer an Krebs und Lungenfibrose 2012 verstorbenen Schwester Franziska. Ich kann ihn wortgleich auch auf meine Tochter Julia beziehen, die an einem Sarkom mit Lungenmetastasen 2024 starb. Der Leidensweg Franziskas zog sich über sechs Jahre hin; der meiner Tochter über sechs Monate; ich frage mich, was grausamer war. Furchtbar das Erleiden der grässlichen Nebenwirkungen von Chemotherapien, die sich dann als wirkungslos erweisen. Furchtbar die (zum Glück seltene) Begegnung mit Ärzten und Pflegepersonal ohne jede Empathie, furchtbar die Angst, in die Erinnerungsfähigkeit der erst zweijährigen Tochter nicht mehr vorzudringen.

Erstaunlich aber das Zusammenwachsen der Angehörigen zu einer Kampfgemeinschaft – wie auch Charlotte Link es beschreibt. Sie ist eine gewiefte Krimiautorin, und ihr handwerkliches Geschick schimmert auch in diesem ihrem einzigen autobiografischen Werk durch. Obgleich man als Leser von Anfang an weiß, dass es auf den Tod der über alles geliebten Schwester hinausläuft, ist es spannend von Anfang bis Ende – wie eine Tragödie von Shakespeare, der wir auch gebannt folgen, obgleich wir das Ende voraussehen.

Wie oft haben wir uns gefragt: Sollten wir es nicht mit einer alternativen Therapie versuchen, versucht haben? Hätte ihr das nicht die allzu nebenwirkungsreichen Qualen der Schulmedizin erspart? Auch darauf gibt Charlotte Link eine Antwort: Sie und ihre Familie haben es nämlich versucht und sind an einen (namentlich nicht genannten) Mediziner geraten, der Hyperthermie und Misteltherapie im Verbund praktizierte – und nur hinter dem Geld her war. Diese zynische Bereitschaft, aus der Angst und Sorge von Kranken und ihren Angehörigen ordentlich Geld herauszuschlagen, dürfte im Bereich der alternativen Therapien besonders häufig anzutreffen sein. Und Gutes bewirkt hat auch dieser Ausflug in die Alternativmedizin offenbar nichts. Ja, die Frage stellt sich: Darf Lebensverlängerung, wenn sie nur Leidensverlängerung ist, das oberste Ziel sein?

Wir haben, zwölf Jahre nach Franziskas Tod, große Hoffnungen auf Neuerungen der Krebstherapie gesetzt, insbesondere auf Immun- und Antikörpertherapie, wir glaubten der Krebs ließe sich „bändigen“ und dauerhaft in Schach halten. Solche Fälle gibt es – aber Julias Krebs triumphierte. Ein Loblied singen müssen wir auf die ambulante Palliativ-Versorgung am Schluss – Julia konnte bis kurz vor ihrem Tod zu Hause bei Mann und Töchterchen sein und starb dann, umgeben von ihren Liebsten im Mildred-Scheel-Haus der UKK.

Ich kann dieses Buch Angehörigen und Hinterbliebenen von Schwerkranken nur empfehlen. Charlotte-Link-Fans, die sich blutrünstige Verwicklungen in englischen Hochmooren erhoffen, rate ich ab. Dies Buch beruht nicht auf Fiktion, sondern auf der erbarmungslosen Wirklichkeit selbst.

Donna Tartt: Der Distelfink

Roman, übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze

Goldmann, München 2013

Inhalt: Theodore Decker verliert durch eine Katastrophe seine Mutter, bekommt aber auch das Gemälde „Der Distelfink“ in die Hände, das nun gleichsam mit magnetischer Kraft sein Leben als Möbelrestaurator und Mitglied der New Yorker upper class bestimmt.

Rezension

Bevor ich diesen recht umfangreichen Roman (1022 Seiten) las, kannte ich nur einen einzigen Möbeltischler bei Namen: Michael Thonet – der mit dem gebogenen Holz und den Wiener Caféhausstühlen. Jetzt weiß ich auch, dass es in der englischsprachigen Welt die „großen Drei“ gibt: George Hepplewhite, Thomas Chippendale und Thomas Sheraton. Möbel dieser Ebenisten werden auf Auktionen, in Antiquitätenläden teuer versteigert und verkauft, und Meister der Kunst, diese Möbel zu restaurieren, können ihren Stil auch so perfekt nachahmen, dass Fälschung und Original kaum zu unterscheiden sind. Davon profitiert der Erzähler dieses Buchs, Theodore Decker, und rettet die Firma seines Ziehvaters und Meisters Hobart, gen. Hobie, vor dem Konkurs, indem er dessen perfekte Nachahmungen als echt verkauft – und so Millionen scheffelt. Als es herauskommt, bedrückt ihn das – und er reist herum, um die getäuschten Kunden zu entschädigen, indem er die Fälschungen zurückkauft. Aber woher hat er das Geld? Wenn ich das erzähle, erzähle ich die ganze Geschichte – betätige mich also als „spoiler“, und das könnte mir übelgenommen werden – obgleich das Buch schon vor zehn Jahren erschien und auch schon verfilmt wurde, der Film kann gestreamt werden.

Ich verrate nur so viel: Es geht um ein altes holländisches Gemälde, eben den „Distelfink“ von Carel Fabritius (17. Jahrhundert), das im Zusammenhang mit einem fiktiven Terrorangriff auf das Metropolitan-Museum in New York in Deckers Besitz gerät, und Dank der Geschicklichkeit seines ukrainischen Freundes Boris bezieht er die für die Wiederbeschaffung des Bildes ausgelobte Belohnung. Was ich auch vorher nicht wusste: Fälschungen alter Möbel erkennt man u.a. daran, dass sie symmetrisch abgenutzt sind – echte sind asymmetrisch abgenutzt. Aber ist es der Zweck eines Romans, zu belehren? Nein, er soll unterhalten und spannend zu lesen sein. Ist dieser das? Ich fürchte, nicht für jeden. Ich persönlich liebe Bücher und Filme nicht, die ausschließlich in wohlhabenden Kreisen spielen. Und alte Möbel und alte Bilder werden nun einmal nur in diesen Kreisen geschätzt. Der ganze Roman spielt weitgehend in der New Yorker upper class. Gut, es gibt ein paar Latinos, die als Pförtner arbeiten. Und es gibt diesen Boris, Sohn eines ukrainischen Bergbauingenieurs, der Jahre auf der Straße gelebt hat. Und damit komme ich zu einem zentralen Baustein dieses Buches: Der Erzähler lernt Boris in Las Vegas kennen, und es wird eine Freundschaft daraus, die das ganze Buch trägt, und es ist eine Jungensfreundschaft, wie Walt Whitman sie in den euphorischen Zeilen beschrieben hat:


Wir, zwei Jungen, fest umschlungen,
Einer nie vom andern lassend
Straßen auf- und niederschweifend, Nord- und Südland frei durchstreifend,
Kraft genießend, Arme streckend, Finger schließend,
Wehrhaft, furchtlos, essend, trinkend, schlafend, liebend,
Nur uns selber untertänig, segelnd, abenteuernd, diebend, drohlich neckend,
Knicker, Knechte, Pfaffen schreckend, Aether atmend, Wasser trinkend, auf der Küste Rasen tanzend,
Städte sprengend. 
(Übersetzung: Max Hayek)

Zum Abschied küsst Boris seinen Freund auf den Mund. Der Erzähler verlobt sich mit seiner Ziehschwester, mit der er Händchen hält und Spaß hat – aber er .findet sich schnell damit ab, dass sie einen Liebhaber hat und genießt die Freundschaft mit ihrer Mutter, weil er die eigene in dem Terrorangriff auf das Museum verloren hat. Schwärmerisch verehrt er Pippa, die schwer verletzt dieser Katastrophe entronnen ist – aber er muss erkennen, dass er auch in ihr nur einen Ersatz für die ebenso angebetete Mutter gesucht hat. Donna Tartt erzählt in der Ichform von einem Jungen/jungen Mann, der gefühlsmäßig am stärksten aufblüht in der Beziehung zu einem anderen Jungen/jungen Mann. Nur mit der Mutter seiner Braut kann er gefühlsmäßig etwas anfangen, wie bei Whitman bleiben Frauen Mutterersatz oder bloße Alibis in seinem Leben bzw. Werk. Und sogar Whitmans berüchtigte Kataloge feiern bei Donna Tartt Wiederauferstehung. Was zählt sie nicht alles auf! Z.B. was es in Hobies Werkstatt alles gibt:

Blondes Holz wie Honig, dunkles Holz wie vergossene Melasse, der Glanz von Messing, Blattgold und Silber im matten Licht. Wie auf der Arche Noah war jede Art mit ihresgleichen gepaart: Stühle mit Stühlen, Sofas mit Sofas, Uhren mit Uhren, und Tische, Schränke und Anrichten standen einander steif aufgereiht gegenüber. In der Mitte bildeten Esstische schmale, irrgartenähnliche Pfade, auf denen man sich um sie herumschieben konnte. An der hinteren Wand hingen schwarz angelaufene Spiegel Rahmen an Rahmen, leuchtend im Silberlicht alter Ballsäle und kerzenbeschienener Salons.

Dickens, Dostojewski, Henry James und als modernster Proust werden bemüht – und natürlich auch Walt Whitman, der Pate dieses Wälzers, mit den Versen:

Jupiter wird wieder auftauchen, habe Geduld, schau wieder nach in einer anderen Nacht, die Plejaden werden wieder auftauchen.
Sie sind unsterblich, all diese Sterne silbern und golden werden wieder scheinen.
Und liebstes Kind, trauerst du nur um Jupiter?
Denkst du nur an das Grab der Sterne?
(Übersetzung: Hans Reisiger)

Donna Tartt versucht unsere Zeit im 19. und 17. Jahrhundert zu spiegeln – oder jene Jahrhunderte in unsere Zeit gleichsam zu retten. Ein zutiefst konservativer, rückwärts orientierter Roman, in dem der Beginn unseres Jahrhunderts vor allem als Katastrophe erlebbar wird.


Julius Langbehn: Rembrandt als Erzieher

Hansebooks, Norderstedt 2017

Rezension

Heranwachsenden Jungen (warum eigentlich nur denen?) wurde früher, wenn sie 14 oder konfirmiert wurden, ein Buch geschenkt, das ihnen Orientierung für den späteren Lebensweg geben sollte.

Mein Großvater z.B. (geboren 1880) bekam den Konfirmationsklassiker „Hinter Pflug und Schraubstock“ von Max Eyth, einem fröhlich fortschrittsgläubigen Ingenieur des 19. Jahrhunderts, der sich für den Einsatz wuchtiger dampfgetriebener Lokomobile in der Landwirtschaft eingesetzt hatte. Er starb zu früh, um noch den Triumph des „Dieselrosses“ zu erleben, Lokomobile gibt es heute nur noch in Museen. Meinem Großvater sollte wohl der Glaube an den technischen Fortschritt eingeimpft werden; er wurde Hotelier und starb zum Ende des Ersten Weltkriegs an der Spanischen Grippe.

Ich bekam noch in den 50er Jahren ein bereits 100 Jahre altes Werk geschenkt: „Soll und Haben“ von Gustav Freytag. Ich finde es auch heute noch lesenswert, Freytag ist ein guter Stilist, baut schöne Handlungsbögen, und charakterisiert markant, Fassbinder hat den Roman verfilmen wollen, ist aber an den Bedenken des WDR gescheitert. Denn in dem Buch werden Juden mit einer Unbefangenheit geschildert, die wir uns nach den Verbrechen der Nazis nicht mehr leisten können. Freytag war ein bekennender Gegner des Antisemitismus, aber allein seine Namensgebungen – Veitel Itzig und Hirsch Ehrental – wirken heute rassistisch karikierend. „Üb immer Treu und Redlichkeit!“ Dafür sollte mich dieses im Milieu der Kauf- und Geschäftsleute spielende Buch wohl motivieren.

Der Mann mit dem Goldhelm (Rembrandt heute nicht mehr zugeschrieben)

Ein Verschenkbuch von außerordentlicher Beliebtheit war bis in die Nazizeit hinein „Rembrandt als Erzieher“, ein Buch, auf das ich indirekt stieß, als ich mich mit Edgar Selges Erinnerungen „Hast Du uns endlich gefunden“ befasste. Der 10jährige Edgar beobachtet um 1960 seinen Vater durchs Schlüsselloch: „Er geht zu seinem Lieblingsgemälde, Rembrandts Mann mit dem Goldhelm. Sieht fast so aus, als ob er mit dem Bild redet.“ Ich erinnerte mich, dass auch bei uns etwas von Rembrandt an der Wand hing: Die Skizze eines schlafenden Löwen, und dass meine Mutter „Rembrandt als Erzieher“ erwähnte und sich wunderte, dass ich das Buch nicht kannte. Den Autor konnte sie nicht benennen – ich habe ihn erst aus dem Internet erfahren: Julius Langbehn aus Kiel, ein Verehrer Nietzsches, zum Katholizismus übergetreten, massiver Einfluss auf die Jugendbewegung. Man kann es sich fast kostenlos auf den Kindle laden – und es ist eine hochinteressante und gruselige Lektüre, ein Hybrid aus „Also sprach Zarathustra“ und „Mein Kampf“, eine Lektüre, die einerseits abstoßend ist auf Grund des anmaßenden Bescheidwissens und Wegweiser-Seinwollens des Autors, andererseits aufklärend, weil man versteht, wie unsere Vorfahren sich dem Rassismus und Nationalismus über differenzierende Vorstufen allmählich und unmerklich annähern konnten.

Es sind wohl Passagen wie diese, die das Buch als Geschenkbuch für heranwachsende Jungen geeignet sein ließen:

„Wehrhaftigkeit und Wahrhaftigkeit sind sich sachlich wie sprachlich verwandt; die eine ist die oberste Pflicht des Kriegers wie die andere die oberste Pflicht des Künstlers. Beide gehören zu den obersten Pflichten des Menschen, weil sie seiner tiefsten Charakteranlage entsprechen. Deutsche Menschen sind ehrliche Menschen; deutsche Menschen sind tapfere Menschen.“

„Im innersten Winkel von Niederdeutschland, zwischen Weser und Elbe findet man nicht selten Leute, denen dieser Gedanke aufs und ins Gesicht geschrieben ist: rötlich strahlende Wangen, in denen das Blut feurig kreist, werden von einem hoch- und goldblonden Barte umrahmt. Es ist der apollinische Typ ins Niederdeutsche übersetzt; und also ein Typus der der deutschen Jugend, und also ein Typus der deutschen Zukunft. Zugleich aber ist es auch der Typus der deutschen Vergangenheit in ihrer größten und schönsten Form; es ist der geistige Typus Shakespeares und Rembrandts; in jenem überwiegte der helle Schein des Goldes, in diesem die dunkle Kraft des Blutes. Aus Blut und Gold endlich ist die Morgenröte in ihrer verheißungsvollen Schönheit gemischt; auch eine Morgenröte des deutschen Geistes, wenn sie wieder bevorsteht, kann nur aus diesen Elementen gemischt sein. Aurora musis amica.“

Die Vereinnahmung Shakespeares und Rembrandts in ein niederdeutsches Volkstum ist aus heutiger Sicht eine Frechheit. Aber die Nazis dachten ähnlich und wollten die Heimatländer dieser Genies ihrer Herrschaft unterwerfen. Und das folgende Zitat bringt es auf den Punkt: „Wie in der Politik, so muss auch in der Kunst die Gesundheit sich mit der Fäulnis auseinandersetzen. Der schlecht jüdische Charakter, welcher so gern mit Zola sympathisiert, ist wie dieser dem rein deutschen Wesen eines Walther v.d. Vogelweide, Dürer, Mozart völlig entgegengesetzt.“ Es gibt freilich auch gute Juden: „Um jedes Volk streiten sich Gott und der Teufel; so auch um das Volk der Juden. Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmes an sich; er gehört zu jener uralten, sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Juden abgewichen sind.“ Und hier noch deutlicher: „Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesajas, dem Psalmisten bis zu den heutigen Börsenjobbern, so weit wie der vom Edlen bis zum Gemeinen.“

Ich möchte für dieses für sein Pathos schon bei seinem Erscheinen 1890 verspottete Buch hier in keiner Weise Reklame machen, aber wer sich an die Archäologie der Wertwelt unserer (Groß)Eltern herantraut, wird darin Manches, vielleicht sogar Vieles oder allzu Vieles finden, das ihm bekannt vorkommt.

Was könnte man heute einer/einem Vierzehnjährigen auf den Lebensweg mitgeben? Mir fällt im Augenblick nur eins ein: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Es ist ein Hohelied auf die Evolutionslehre Darwins, sehr süffig geschrieben – aber wie alle Populärwissenschaft nicht unumstritten.

Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No. 49

Roman, aus dem Englischen von Wulf Teichmann

Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015

Inhalt: Oedipa Maas wird zur Testamentsvollstreckerin ihres steinreichen ehemaligen Liebhabers Pierce Inverarity eingesetzt und entdeckt, dass Pierce sie damit in den Wahnsinn treiben wollte. Oder nicht?

Rezension

Erinnert sich noch jemand an die Begeisterung in den 60er Jahren, als mit dem Strukturalismus ein ganz neues Denken sich ausbreitete, das in den Strukturen der Sprache, des Sprechens, des Zusammenlebens, der Kommunikation den eigentlichen Sinn suchte, in der Synchronie, im Gleichzeitigen, und die Diachronie, das Geschichtliche, beiseite schob und damit auch das Politische (weshalb die Marxisten vom Strukturalismus auch nichts wissen wollten)?

Ich begegnete dem Strukturalismus erstmals in Claude Lévi-Strauss‘ „Traurigen Tropen“, in denen er die Verwandtschaftsverhältnisse sog. „kalter“ Völker, z.B. der Aborigines Australiens, untersuchte und eine Komplexität von Matri- und Patrilinearität, von Heiratsregeln und Totems feststellte, die an höhere Mathematik grenzte. Hieran fühlte ich mich erinnert, als ich jetzt Thomas Pynchons „Die Versteigerung von No. 49“ wiederlas, das ich bei meiner ersten Lektüre in den 70er Jahren nur als wirr und absurd wahrgenommen hatte. Warum sollte ich mich für eine Verschwörung namens Tristero interessieren, die sich seit dem 17. Jahrhundert gegen das Postmonopol derer von Thurn und Taxis richtete und die angeblich auf die USA übergegriffen hatte, so dass die Heldin des Buches, Oedipa Maas, noch heute an Toilettenwänden und Briefkästen auf das gestopfte Posthorn, Symbol dieser Bewegung, stößt, die sich W.A.S.T.E. nennt?

Jetzt aber lese ich, wie im Kopf Oedipas zweierlei mit einander verschmilzt: Die Erinnerung an den Schaltplan eines Transistorradios und der Anblick der (fiktiven) Stadt San Narciso in Südkalifornien: „Von ihrem erhöhten Beobachtungspunkt aus sprang ihr jetzt dieser wohlgeordnete, von Straßen durchzogene Häuserhaufen mit derselben und unerwarteten  und erstaunlichen Klarheit in die Augen wie damals der Schaltplan … In beiden Fällen war in den Mustern, die nach außen hin sichtbar wurden, ein hieroglyphisch verschlüsselter, aber unzweifelhaft vorhandener Sinn zu erkennen, eine feste Entschlossenheit zur Kommunikation … Und so kam es, dass sie gleich in ihrer ersten Minute in San Narciso wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Erkenntnis traf.“ Pynchon benennt dies als „religiösen Augenblick“, später spricht er von einer „Hierophanie“ – und genau das empfand ich auch, als ich Claude Lévy-Strauss las: Der Sinn liegt nicht in den Dingen, den Ideen, den Inhalten, sondern ausschließlich in ihren Zusammenhängen, in ihrer totalen Interdependenz.

Pynchons Roman verdanke ich außerdem die Bekanntschaft mit einer Malerin, die ich für beunruhigend halte, obgleich ich noch nie ein Original von ihr gesehen habe. Ihre surrealistischen Bilder ziehen mich in Bann – ganz anders als die Bilder Dalis, denen das Effekthascherische immer an die Stirn geschrieben steht. Die Gemälde dieser Künstlerin – ich betone, dass es sich um eine Frau handelt –  hängen in vielen mexikanischen Museen (wenn es da viele gibt), und auf eines stößt die Heldin von Pynchons Buch, Oedipa Maas, in Begleitung ihres Liebhabers Pierce Inverarity, und Pynchon beschreibt das so: „In Mexiko City gerieten sie irgendwie in eine Ausstellung von Gemälden des schönen Exilspaniers (korrekt, sehr geehrter Herr Teichmann, wäre gewesen: der schönen Exilspanierin) Remedios Varo: Auf dem Mittelstück eines Triptychons mit dem Titel Bordando el Manto Terrestre  (Den Mantel der Erde stickend) sah man eine Anzahl zerbrechlicher Mädchen mit herzförmigen Gesichtern, riesigen Augen, Haaren aus gesponnenem Gold, die im obersten Raum eines runden Turms offenbar gefangen gehalten wurden, wo sie an einer Art Tapisserie stickten, die sich breiten Bändern durch die schlitzschmalen Fenster in eine Leere ergoss, die so ungeheuerlich war, dass jeder Versuch, sie zu füllen, hoffnungslos scheitern musste; denn alle anderen Bauwerke und Geschöpfe, alle Wellen und Schiffe und Wälder der Welt waren in dieser Tapisserie enthalten, und umgekehrt, die Tapisserie war die Welt. Oedipa hatte in perversem Staunen vor dem Bild gestanden und geweint.“ 

Remedios Varo: Bordando el manto terrestre

Und eine Tapisserie dieser Art macht sich nun Pynchon daran, nicht zu sticken, sondern schriftlich zusammen zu weben, indem er seine Heldin Oedipa Maas in Kalifornien auf die Reise schickt, weil sie von ihrem verstorbenen Liebhaber zur Testamentsvollstreckerin ernannt wurde. Doch ihr Auftrag wird ihr, je länger der Roman voranschreitet, immer gleichgültiger, durch die fiktive Rachetragödie The Courier’s Tragedy von dem ebenfalls fiktiven Richard Wharfinger kommt sie auf die Spur von Tristero, dem Rätselhaften, der dem Post- und Kommunikationsmonopol von Thurn und Taxis und schließlich auch dem us-amerikanischen Postsystem ein Netzwerk entgegenstellt, dessen Symbol, das gestopfte Posthorn, Oedipa auf Toiletten und an Briefkästen antrifft, dem Symbol des Netzwerks W.A.S.T.E.: We Await Silent Tristero’s Empire. „Dein Reich komme“ klingt da an. 

Der Schaltplan des Transistorradios, die ihm verwandte Stadtstruktur, der Mantel der Erde – lauter Symbole einer inhalts- und dogmenfreien Religiosität des bloßen Zusammenhangs, der Leere. Gegen Ende erscheint es Oedipa immer noch am erträglichsten, „geisteskrank zu sein und Schluss. An diesem Abend saß sie stundenlang da, sogar zum Trinken zu benommen, und übte sich darin, in einem Vakuum zu atmen. Denn dies, o Gott, dies war die Leere. Es gab keinen, der ihr helfen konnte. Keinen Menschen auf der Welt. Die waren alle auf irgendeinem anderen Trip, wahnsinnig, feindselig oder tot.“ Ein in seiner Konsequenz furchtbares Buch über Amerika – bei dessen Lektüre man auf die Unterstützung von Thomas Pynchon Wiki | The Crying of Lot 49 nicht verzichten sollte.

Eine sehr viel gründlichere und sehr fundierte neue Rezension dieses Romans von Pynchon findet sich hier auf der Seite „Lost in Facts and Fiction“ von Gavin Armour.

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen

Ullstein, Berlin 1998

Inhalt: Zwei etwa 50jährige Männer, der Icherzähler und sein Bruder Otho, leben botanisierend auf den Marmorklippen an der Marina, bemerken die immer übergriffiger werdenden Maßnahmen des Oberförsters und fliehen nach Alta Plana.

Rezension

„Die Dorfstraße (des Dorfes Puisieux) war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.“ Das schreibt Ernst Jünger in der Zusammenfassung seiner Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg („In Stahlgewittern“).

Als der (Zweite Welt)Krieg, in den ihr Mann gezogen war, erst in Polen, dann in Frankreich, dann in Russland, andauerte, hängte meine Mutter Reproduktionen von Dürerbildern an die Wand: Erst die Eichhörnchen und den Hasen, dann auch das Rasenstück … Daran musste ich denken, als ich jetzt „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger wieder las, das 1939 in Deutschland erschienen, durch die Netze der Zensur schlüpfte, obgleich es mit der Schilderung einer „Schinderhütte“ nahe an das gekommen war, was sich in Deutschland abspielte und, sich verschlimmernd, noch abspielen sollte: „Das sind die Keller, auf denen die stolzen Schlösser der Tyrannis sich erheben und über denen man die Wohlgerüche ihrer Feste sich kräuseln sieht: Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt.“ Und womit befassen sich die beiden im Mittelpunkt des Roman stehenden Brüder? Sie kehren botanisierend zurück auf die Lichtung mit der Schinderhütte, um eine seltene  kleine Blume, das Waldvögelein (Cephalantera rubra), auszugraben und zu vermessen … 

Cephalanthera rubra – Rotes Waldvoegelein Foto: Thomas Huntke

Die Wissenschaft habe sie angesichts des Entsetzlichen oft bestärkt, schreibt Jünger: „Es liegt im Blick des Auges, der sich erkennend und ohne niedere Blendung auf die Dinge richtet, eine große Kraft. Er nährt sich von der Schöpfung auf besondere Weise, und hierin liegt allein die Macht der Wissenschaft. So fühlten wir, wie selbst das schwache Blümlein in seiner Form und Bildung, die unverwelklich sind, uns stärkte, dem  Hauche der Verwesung zu widerstehen.“ Als Jünger 1982 der Goethepreis der Stadt Frankfurt verliehen wurde, gab es viel Protest. Aber hatte nicht Goethe seine berühmte „Metamorphose der Pflanze“ 1790 angesichts des Ausbruchs der Französischen Revolution geschrieben? Ja, er war frisch verliebt in Christiane Vulpius, aber er flüchtete nicht nur in ihre, sondern auch in die Arme der Wissenschaft, wenn auch nicht in die Linnés, sondern in die seiner eigenen ganzheitlichen Betrachtungsweise.

Sicherlich gehörte Jünger in den zwanziger Jahren zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus in der „konservativen Revolution“, und eben dies mag ihm auch zur Duldung durch die Zensur verholfen haben, aber den Krieg verherrlicht hat er nicht, sondern hat ihn mit einer Drastik geschildert, die für mich über Barbusses „Le feu“ und „Im Westen nichts Neues“ von Remarque hinausgeht. Und ist es uns zu verdenken, wenn wir angesichts stattfindender Kriegsgräuel auf philosophische, historische, astronomische oder esoterische Betrachtungsweisen zurückgreifen und z.B. wie Graeculus darüber nachdenken, ob nicht bereits der homerische Krieg um Helena  uns viel über den Zusammenhang zwischen Krieg und menschlicher Natur gelehrt hat? Gibt es eine ewige Dialektik zwischen Krieg und Frieden – oder kann sie durchbrochen werden? Und ist die bloße Abwesenheit von Krieg schon Frieden? Ist ein Friede, in dem die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, nicht eine glühende Waffenschmiede? Ein Blick auf die Phasen der Venus, auf die Ringe des Saturn und die Monde des Jupiter ist für mich und meinen Bruder unglaublich beruhigend. Und in diesem Sinne hat Herrenmensch Jünger uns m.E. mit seiner Bügelfaltenliteratur noch was zu sagen in seinem Roman, der unübersehbare Parallelen zu „Der Herr der Ringe“ von einem anderen Veteranen des Ersten Weltkriegs aufweist: J.R.R. Tolkien – ist  Jüngers Oberförster nicht Tolkiens Sauron und entspricht das Waldgelichter des Oberförsters nicht Saurons Orks?

Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme

Roman, aus dem Schwedischen von Verena Reichel

Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2011

Inhalt: Ein aus Västmanland in Schweden stammender etwa 70jähriger Fellow am Magdalen College in Oxford erinnert sich an seine ersten Lieben: zu der verheirateten Frau Sorgedahl, die fast doppelt so alt ist wie er – und zu Ingela, der ältesten Tochter eines Gießers in der Metallgießerei, aber diese beiden Liebesgeschichten finden statt in seiner an Seen, Flüssen und Sperrwerken reichen Heimat, und die pfingstlerisch fromme Mutter erzählt von einem Propst, der seinen Glauben verliert, und wie er ihn über die Reparatur seiner Orgel, also die Musik wiederfindet, während der 70jährige Erzähler sich wundert, wie überzeugte Atheisten das Abendmahl nehmen …

Rezension

Ist es Eitelkeit oder die Sehnsucht nach einem besonders würdevollen Lebensabschluss, die Lars Gustafsson, den angesehenen schwedischen  Autor, veranlasste, sich, als er wieder in Schweden lebte, in die Identität eines in Oxford lebenden Fellows am Magdalen College zu hüllen? Er hat u.a. auch in Oxford studiert, kennt sich da aus, aber Professor war er zwei Jahrzehnte lang an der Universität von Austin, Texas (wie der fabelhafte Peter Rühmkorf zehn Jahre vorher). Kurz zuvor ist er zum jüdischen Glauben übergetreten – aus Respekt vor Martin Buber, aber auch ein bisschen, weil er in zweiter Ehe eine Jüdin geheiratet hat. Und dieses Wechselspiel zwischen Sinnsuche im Glauben, in Philosophie, Natur und Naturwissenschaft, und der Hingerissenheit durch das Weibliche bestimmt die Grundstruktur dieses ungewöhnlichen Liebesromans. Und wie ein Brahmskonzert die Erfüllung der Liebe zu Frau Sorgedahl vorbereitet, ist es das Choralvorspiel zu Michael Praetorius‘ Hymne „Komm heiliger Geist mit Deinem Trost“ auf der von einem unbekannten Mädchen aus Mecklenburg reparierten Orgel, die dem von ketzerischen Gedanken heimgesuchten Propst Tim von Haraker die Rückkehr in den Glauben erlaubt. Die Musik als Klammer und als Ausweg aus (enttäuschter) Liebe und (vergeblicher) Sinnsuche – überzeugt das?

Gustafsson ist in dem für ihn typischen scheinbar absichtslosen Plauderton eine Liebesgeschichte gelungen, die die Liebe nicht isoliert betrachtet, sondern sie einbettet in Natur, Philosophie, Luther- und Sektierertum – für mich einer der schönsten Liebesromane, in dem der (fiktive) weißhaarig Fellow sich erinnert: Sie „setzte sich neben mich, nahm meine Hand und platzierte sie ruhig und entschlossen auf ihrem Venushügel, auf dem leicht erhabenen Dreieck, wo alle Kräfte des Universums sich begegnen und wo alles beginnt und endet. Sie tat das ganz ruhig und sehr entschlossen … Was erwartete sie, dass meine Hand dort anfangen sollte? Sicherheitshalber beschloss ich, sie einstweilen nur da liegen zu lassen, wo sie lag, in der Welle von Wärme, die ihr jetzt entgegenstieg und drohte, sie in Asche zu verwandeln, wenn sie nur noch eine Minute länger dort liegen bleiben würde.“ Aber expliziter wird es eben auch nicht, und deshalb führt amazon das Buch auch erst an Stelle 60.826 im Bereich Erotik, obgleich es an die zehnte (mindestens!) gehört hätte!

Schön ist der Anfang, in dem der Erzähler begeistert feststellt, dass er nie existiert hat. Und damit hat er ja Recht! Den von Lars Gustafsson fingierten Fellow am Magdalen College in Oxford, der in der Ichform erzählt, hat es ja nie gegeben! Ein Paradox wie das vom Kreter, der sagt: Alle Kreter sind Lügner … Schön auch die Betrachtungen zur mehrfach in sich gefalteten Zeit … Schön und lesenswert die Betrachtungen zur fragwürdigen Textgeschichte der biblischen Schriften, die an die Satanischen Verse von Salman Rushdie erinnern … Schön auch die Betrachtung, dass der Polytheismus den Teufel überflüssig mache … Dies Buch ist kein Pageturner – aber es deckt eine reiche Tafel, von der ich gut gesättigt aufstehe.

Gustav Freytag: Soll und Haben

Zenodot Verlagsgesellschaft, o.O. 2016

Inhalt: Anton Wohlfahrt, aus bescheidenen Verhältnissen in einer schlesischen Kleinstadt stammend, macht um 1830 Karriere beim Breslauer Großkaufmann Traugott Schröter und dessen Schwester Sabine. Durch seine Liebe zu Lenore, der Tochter des über seine Verhältnisse lebenden Freiherrn von Rothsattel, wird er beinahe aus der Bahn geworfen, als er Schröter verlässt, um das polnische Gut Rosmin, die letzte Zuflucht des von Wucherern zugrunde gerichteten Freiherrn, vor der Wut aufständischer Polen zu retten. Doch als sein Freund Fritz von Finck schwerreich aus Amerika zurückkehrt und ihm Lenore abspenstig macht, kehrt er zu Schröter und der ihn liebenden Sabine in Breslau zurück und wird dessen Compagnon und Schwager.

Rezension

Wer von Haus aus den Anspruch an das Leben macht, zu genießen und seiner Vorfahren wegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr häufig nicht die volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen. Sehr viele unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen, und es wird kein Unglück für den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre Familienerinnerungen machen sie hochmütig ohne Berechtigung, beschränken ihren Gesichtskreis, verwirren ihr Urteil.“

Mit diesen – und noch härteren – Worten lehnt der Großkaufmann  Schröter das Ansinnen seines Korrespondenten Anton Wohlfahrt ab, dem in Schulden geratenen Freiherrn von Rothsattel zu helfen. Er übt vernichtende Kritik an einem Adel, der, wenn er aus wirtschaftlichen Gründen zugrunde geht, mit Recht zugrunde geht, weil er nicht bereit oder unfähig ist, sich an Goethes Wort zu halten: „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“  Arbeit ist dem Adel fremd, und dass der Roman „Soll und Haben“ rund 100 Jahre lang ein bevorzugtes Geschenk  an 14Jährige war, liegt sicher auch daran, dass dieses Buch ein Hohelied auf Fleiß und Arbeit ist.

Seit Fontanes Kritik ist viel geredet worden über den Antisemitismus in Freytags Roman „Soll und Haben“ von 1855, insbesondere im Zusammenhang mit Rainer Werner Fassbinders Plan, aus dem Roman eine mehrteilige Fernsehserie zu machen. Dieser Plan ist bekanntlich gescheitert, und das sicherlich auch, weil Fassbinder in seinem Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ gezeigt hatte, dass er sich nicht scheute, mit antisemitischen Klischees zu hantieren. Nachdem das „Nie wieder!“ zum Holocaust zur Staatsraison der Bundesrepublik geworden war, konnte der WDR es sich 1977  nicht leisten, auch nur einen Hauch von Antisemitismus aus einem Werk der Vergangenheit zu übernehmen.

Ein zweites Problem des Romans ist die Selbstverständlichkeit, mit der er die preußisch-österreichische Vorherrschaft über das geteilte Polen aus kulturell zivilisatorischer Überlegenheit rechtfertigt und die deutsche Kolonisation Richtung Osten verherrlicht. Auch die Slawen waren von den Nazis als „Untermenschen“ behandelt worden, auch hier fürchtete der WDR mit Recht, sich auf vermintes Gelände zu begeben.

Aber der Roman hat eine dritte Stoßrichtung, die so gut wie unbeachtet blieb: Die oben angetönte vernichtende Kritik an der vielfach regelrecht parasitären Lebensform des Adels. Das blieb unbeachtet, weil seit dem ersten Weltkrieg der Adel seine Privilegien  weitestgehend verloren hatte, das Problem schien erledigt zu sein. Aber der Adel litt und leidet sehr unter dieser Zurücksetzung und war und ist dankbar dafür, dass es Freiherrn und Grafen nicht nur im Offiziersstand der Wehrmacht, sondern auch im Widerstand gegen Hitler gegeben hatte. Da konnte die Verfilmung eines Romans, in dem der Freiherr von Rothsattel, ein im Versuch wirtschaftlichen Denkens sich hoffnungslos verheddernder Lebemann, eine wichtige Rolle spielt, nicht besonders hilfreich sein. Auch das mag bei der Ablehnung von Fassbinders Projekt nicht unwirksam gewesen sein; denn der, der es verwarf, der damalige Intendant des WDR, war Friedrich Wilhelm Freiherr von Sell, und Rat mag er sich bei seinem Vorgänger als WDR-Intendant geholt haben, Klaus von Bismarck, Erbherr auf Jarchlin und Kniephof in Pommern, Urgroßneffe von Otto von Bismarck, dem „Eisernen Kanzler“, den der erzliberale Freytag als „dämonischen, unberechenbaren Gewaltmenschen“ publizistisch bekämpft hatte.

Fassbinder und sein Dramaturg Peter Märthesheimer hatten ein Ideologiepapier zur Umgestaltung von Hirsch Ehrental und Veitel Itzig, der Shylocks in Freytags Roman, verfasst, sie wollten sie ihrerseits auch als Opfer gesellschaftlicher Zwänge darstellen, und  sicherlich hätten sie auch hervorgehoben, dass der Lehrmeister des kriminellen Itzig der deutsche Winkeladvokat Hippus ist. Ein Drehbuchentwurf lag bereits vor. Aber Freiherr von Sell lehnte das Projekt ab, ohne Ideologiepapier und Drehbuchentwurf auch nur gelesen zu haben … Er rechtfertigte das so: „Der Roman von Gustav Freytag ist in weiten Bereichen Inkarnation und Ausformung antisemitischer und antislawischer Ressentiments und Unmenschlichkeiten.“ Auf diese Weise ist Fassbinders wohl ehrgeizigster Plan gescheitert, und es ist durchaus möglich, dass daraus eine der wichtigsten Fernsehserien der noch jungen Bundesrepublik geworden wäre, die bis heute zwischen Anti-Antisemitismus und Zweifeln an israelischer Machtpolitik mühselig ihren Weg sucht.  In dem Aufsatz „Gehabtes Sollen – gesolltes Haben“ hat Fassbinder sich bitterlich über die Grenzen beklagt, die das Fernsehen der Kunstfreiheit setzt.

“Soll und Haben“ ist auch heute noch, 170 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, ein spannend und unterhaltsam zu lesender Roman voller nostalgischer Details aus dem Kaufmannswesen, denen wieder zu begegnen mir großen Spaß macht – zugleich aber auch ist es bedrückend, Überzeugungen darin eindrucksvoll, fast mitreißend geschildert zu finden, die den Werdegang Deutschlands nur allzu fatal mitbestimmt haben.

Florence Knapp/Lisa Kögeböhn: Die Namen

Roman, deutsch von Lisa Kögeböhn

Eichborn, Köln 2026

Inhalt: Cora hat den Auftrag, ihren kleinen Sohn beim Standesamt unter dem Namen seines Vaters, Gordon, anzumelden. Aber ihre Tochter würde „Bear“ für den Kleinen vorziehen. Sie selbst findet „Julian“ schön. Florence Knapp erforscht und gestaltet, was geschieht, wenn sie den einen, den anderen oder den Vaternamen wählt … Ein literarisches Experiment von ebenso unterhaltsamer wie düsterer Tiefe.

Rezension

Seit Kate Atkinsons genialem „Life After Life“ (Die Unvollendete) habe ich kein so gegen den Strich der Spannungsliteratur gebürstetes, besser: gebautes Werk gelesen, das dennoch spannend bleibt. Es wird nicht eine Geschichte erzählt, sondern gleich drei nebeneinander, alle mir dem gleichen Grundpersonal: Cora, der Mutter, ihrer Tochter Maia, deren 8 Jahre jüngerem Bruder und dem Vater Gordon, einem Erzmacho unter der Maske eines charmanten Allgemeinmediziners. Und wie kommt es zu den drei Geschichten? Die Mutter will ihren kleinen neugeborenen Sohn beim Standesamt anmelden und schwankt zwischen drei Namen: Gordon wie sein Vater (auf diesem Namen besteht er), Julian (findet Cora schön) und Bear (so möchte seine Schwester ihn nennen).

Im ersten Strang des Romans hat Cora Bear als Namen eintragen lassen.

Im zweiten Strang hat sie dafür gesorgt, dass er Julian heißt.

Und im dritten hat sie sich dem Willen ihres Mannes gebeugt und ihn Gordon genannt.

Alles beginnt 1987, und dann heißt es fünfmal „Sieben Jahre später“, der Roman endet im Jahr 2022, und in jedem dieser Kapitel gibt es ein Unterkapitel Bear, eines mit dem Namen Julian und eines mit dem Namen Gordon. Es gibt also einen Bear-Strang, einen Julian-Strang und einen Gordon-Strang. Aber nicht die unterschiedlichen Namen des Jungen, der später ein junger Mann ist, bewirken die Unterschiedlichkeit der geschilderten Schicksale, sondern das unterschiedliche Verhalten Coras: Mit Bear lehnt sie sich eindeutig gegen den anmaßenden Ehemann auf, mit Julian versucht sie zu lavieren, mit Gordon unterwirft sie sich. Ich habe lange kein so fulminantes Werk gegen das Patriarchat gelesen wie dieses; mit Gordon Atkin sen., dem tüchtigen, alle bezaubernden Arzt, hat Florence Knapp einen echten Schurken gestaltet, und wie es leider so ist mit den Schurken, ist er der Motor dieses wunderbaren dreisträngigen Werks. Als ich den Überblick über die drei unterschiedlichen Stränge zu verlieren drohte, habe ich auch versucht, jeden für sich zu lesen, gab das aber auf, weil der sehr filmische Wechselschnitt zwischen den drei Versionen doch auch zu einem Ganzen mit etlichen inneren Querverbindungen führt, das ich nicht aus dem Auge verlieren wollte.

In Kate Atkinsons „Life After Life” (keinVerlag.de – eine Besprechung von Quoth zu „Die Unvollendete“ von Kate Atkinson) muss die Heldin nach vergeblichen Lebensanläufen immer wieder geboren werden, um endlich leben und alle Gefahren überstehen zu können. Atkinson wie Knapp unterwerfen sich nicht den Zwängen einer scheinbar notwendigen, linearen Handlungsführung, sondern erforschen das Mögliche … Wer sich darauf einlässt, erlebt einen tiefgründigen literarischen Spaß mit freilich düsteren Schattenseiten – manche Leser:innen fühlten sich durch die Darstellung häuslicher Gewalt überfordert, die gerade deshalb so intensiv ist, weil man ihr Ausmaß oft nur an den Folgen, z.B. Coras Tod, erkennen kann. Das entnehme ich den Rezensionen auf der Seite von „Lovely Books“. „The Names“, von Lisa Kögeböhn einfühlsam aus dem Englischen übersetzt, ist ein lesenswertes literarisches Ereignis.

John Irving: Königin Esther

Roman, deutsch von Peter Torberg, Eva Regul

Diogenes, Zürich 2025

Inhalt: Der Enkel eines Professors für Literaturwissenschaft, der vorwiegend über Dickens Vorlesung hält, will Schriftsteller werden und geht studienhalber nach Wien, wo er unbedingt eine Frau schwängern muss, um nicht Soldat im Vietnamkrieg zu werden. Esther ist seine ihm unbekannte leibliche Mutter, der er in Israel begegnet, wo sie wahrscheinlich für den Mossad gearbeitet und einen Arm verloren hat …

Rezension

1978 begegnete ich in Düsseldorf bei einer Podiumsdiskussion im dortigen kommunalen Kino einer israelischen Künstlerin, die mit ihrem eigenen Blut malte, und da sie hübsch, klug und Jüdin war, war ich nahe daran, mich in sie zu verlieben. Aber sie war eine fanatische Anhängerin Begins, des damaligen Ministerpräsidenten von Israel, so dass sie, als ich die Besiedlung des Jordanlandes (wie damals auch Helmut Schmidt) verurteilte, über mich herfiel mit der Beschimpfung, ich sei ein Nazi, ich konterte mit dem Vorwurf, sie schaffe Blut-und-Boden-Kunst, worüber sie völlig außer sich geriet, mich schlagen wollte und vor mir ausspuckte … Daran erinnert mich die Endphase des großartigen Romans „Königin Esther“ von John Irving u.a. über die 60er Jahre in Wien, als James/Jimmy, der Held, der Schriftsteller geworden ist, seine Bücher in Jerusalem signiert …

Ich will gar nicht erst versuchen, den Inhalt des 542seitigen Romans zusammenzufassen, der ist so komplex und kompliziert, wie nur ein Romanmeister ihn bauen kann, ohne Chaos zu stiften. Ich fühlte mich so gut unterhalten wie lange nicht, u.a. durch eine Mutter, die verzweifelt darüber nachdenkt, wie sie ihren halbwüchsigen Sohn vorm Vietnamkrieg bewahren kann: Durch beim Ringen erlittene Verletzungen, oder, wenn sie ausbleiben, etwa durch einen Schuss ins Knie? Aber dann bestimmt John F. Kennedy, dass Männer, die ein Kind haben, nicht eingezogen werden sollen – James/Jimmy geht studienhalber nach Wien – und es geht über hunderte Seiten vor allem um die Frage, wie findet er eine Frau, die er schwängern kann? Diese Verknüpfung von Kriegsfurcht mit dem Wunsch, Vater zu werden, ist genial, und der Akt der Zeugung der kleinen Vienna ist denn auch der amüsanteste Austausch von Körperflüssigkeiten, von dem ich je gelesen habe, vor allem auch deshalb, weil er unter der Regie von Jolanda mit Mieke stattfindet, beide Holländerinnen, beide Lesben, aber Mieke wollte ein Kind …

Es gibt angeblich Irving-Fans, die jeden seiner Romane kennen, zu denen gehöre ich nicht, dies ist mein erster gewesen, vorher kannte ich von ihm nur den Film „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (für den er das Drehbuch nach dem eigenen Roman geschrieben und dafür einen Oscar bekommen hat), erinnerte mich aber nur noch an die Pflückarbeit auf der Apfelplantage. Aber als ich in „Königin Esther“ einem äthersüchtigen Dr. Larch begegnete, erinnerte ich mich: Den gab es in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ auch schon, denn auch hier spielen Waisen aus seinem Waisenhaus eine große Rolle, eine davon ist Esther, die James/Jimmy auf die Welt bringt, aber nur um ihn sogleich seiner Ziehmutter zu übergeben, mit der sie eng befreundet ist … 

Viele Kritiken des Buches bemängeln, dass Irving sich wiederholt – da ich kein Irving-Fan bin, der alle seine Romane kennt, stört mich das nicht, angeblich soll es Amputationen, Ringen und Abtreibungen immer wieder bei ihm geben (ein Romanautor schöpft eben immer wieder aus demselben autobiografischen Material)– aber allein für die engen Studenten-WG-Wohnverhältnisse im Wien der 60er Jahre mit einer missmutigen Wirtin, ihrer sich prostituierenden Tochter, deren Sohn, der seine Zinnsoldaten mit der Knoblauchpresse köpft, und den deutschen Schäferhund Hard Rain bin ich Irving sehr dankbar, denn ich habe sie in derselben Zeit in Hamburg zugleich anders und ähnlich erlebt.

Wer drastischen Humor nicht mag, sollte das Buch nicht zur Hand nehmen.

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