Trauerspiel in 3 Akten
Vorbemerkung: Dieses Stück schrieb ich, als ich bei einer Freundin meiner damaligen Frau, einer Restauratorin, ein Ölgemälde aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts gesehen hatte, das in caravaggesker Düsterkeit den Brand Trojas zeigte, aus dem viele Menschen fliehen. Bei meiner Beschäftigung mit dem Stoff stieß ich auf die Vermutung, dass das rätselhafte Palladium ein Bild der Muttergöttin Ma gewesen sein könnte, das die Griechen wegen seiner Strenge der Athene (Pallas) zuordneten, und mich begann die Frage zu quälen, warum Helena, als sie Paris verloren hatte und das Kriegselend immer größer wurde, nicht von sich aus durch Seitenwechsel den Krieg beendet hat. Ich sandte es der Schaubühne am Halleschen Ufer, die lasen es „mit Interesse“, nahmen es aber nicht an.
Personen:
Hekabe
Polyxena
Deïphobos
Helena
Menelaos
Neoptolemos
Odysseus
Sinon
ein Wächter
ein Alter
Troerinnen, Troer und Griechen
Die Szene ist vor dem Königspalast in Troja, seitwärts das Heiligtum und Bildnis der Ma.
1. Akt
1.1 Troerinnen, schwarz verschleiert mit Ausnahme des Gesichts, treten auf.
TROERINNEN: Geht langsam, langsam, haltet Haus mit den Kräften, ich möchte noch leben, wenn der Krieg zuende ist.
Kommt hierher, wo die Strahlen der Sonne uns wärmen, bevor sie versinkt im schimmernden Meer.
Bestimmt hält man uns wieder für Bettlerinnen, beschimpft uns und treibt mit der Peitsche uns fort.
Worum sollten wir betteln? Wir leben wie Pflanzen von Wasser und Licht, ein paar Grassamen, im Vorbeigehen ausgerupft, reichen für den Tag.
Laut zum Palast: Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!
unter sich: Wir gaben den Mann, die Brüder, die Söhne; unsere Töchter, um nicht zu hungern, gingen als Huren zum Feind. Jetzt sind unsere Enkel und Enkelinnen dran.
Derione ist zwölf und sagt: „Ich geh für euch kundschaften. Mir, einem Kind, wird man nichts tun!“ Sie meint es ehrlich und wird doch enden in einem Bordell.
Der kleine Ojax spielt noch mit dem Holzschwert und soll schon das erzene schwingen – eher erwürg ich ihn mit eigener Hand!
Laut zum Palast: Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!
1.2 Helena kommt heraus, ebenfalls verschleiert, mit einem Korb voller Leinlaken.
TROERINNEN: Seht ihr, da kommt sie! Furchtlos war sie noch immer, ging uns nie aus dem Weg!
Helena nähert sich, setzt den Korb ab.
Alte Hündinnen sind wir, die dem Fremden schmeicheln und den Freund verbellen. Unsre Augen sind schlecht. Die da herauskommt, ist nicht Hekabe, es ist eine andere, das Unglücksweib, Helena, die uns den Krieg auf den Hals zog, die Griechin, die verfluchte. Hätten wir sie nie gesehen!
Helena breitet ein Laken aus.
HELENA: Nun schaut euch an, wie arg es ist befleckt
mit unsres Prinzen königlichem Blut!
Ein Giftpfeil drang ihm heute in den Bauch,
lang wie ein Mann und beinah armesdick,
als hätte ihn ein Riese abgeschnellt.
Vernahmt ihr es noch nicht? Ihr scheint erstaunt!
TROERINNEN: Wir haben niemanden mehr, der uns aus der Schlacht berichtet, unsere Männer, Söhne, Brüder sind tot. Es tut uns leid, dass Paris verwundet ist. Möge er bald wieder aufkommen!
Dir aber gönne ich, dass du endlich einmal am eigenen Leib erfährst, was Krieg ist.
HELENA: O wartet nur, ich krieg ihn wieder hin
wie damals, als er aus dem Zweikampf kam
mit Menelaos, meinem zweiten Mann,
nachdem, ihr wisst’s, Theseus mein erster war.
Ich hab ihm einen Stein ins Bett gelegt,
den ich erwärmt vom heißen Herde nahm.
Aus Wegerich hab ich ein Werg gestampft,
es hat das Blut, das sprudelnde, gestillt.
Als Gegengift flöß ich ihm schwarzen Saft,
gepreßt aus Beeren eines Krautes, ein,
das auf den Lichtungen des Bergwalds wächst.
Noch einmal hab ich ihn für mich allein,
erlausche dankbar jeden Atemzug,
les jeden Wunsch ihm von den Augen ab
und schlaf beseligt ein an seiner Brust,
weil ihn der Krieg mir morgen nimmer raubt.
Jetzt aber ging mir frisches Leinen aus,
drum geh ich waschen am Skamanderquell.
TROERINNEN: Was, du willst den Schutz der Mauer verlassen und am Skamanderquell waschen, wo Achilleus Hektor erschlug und wo die Streifen der Griechen schon so mancher unbedachten Wäscherin übel mitgespielt haben? In Friedenszeiten wuschen wir immer dort, erinnern uns sehnsüchtig des heißen Wassers, aber jetzt ist es nicht ratsam, und die Wachen werden dich nicht hinauslassen.
HELENA: Ich sage euch, ihr tapfern Frauen, Dank.
Ihr habt Unendliches dafür erduldet,
dass ich bei euch in Freiheit leben darf.
Und was auch immer ihr von mir bald hört:
Ich bleibe dieser Stadt im Herzen treu,
denn alles, was ich will, ist, dass sie lebt.
Und auch den vielen Toten bleib ich treu,
die dafür starben, dass ich nicht wie ein
Stück Vieh mich in den angestammten Stall
von meinem Eigner muss zurückführn lassen.
All euer Leiden legt ihr mir zur Last –
ich liebe euch, bin ich euch auch verhasst.
Sie verneigt sich vor dem hölzernen Bild der Ma und geht ab.
TROERINNEN: So war sie immer schon, hat mit schöner Rede und dem Glanz ihrer Augen alle Zweifelnden beschwichtigt, die Köpfe auch der Klugen vernebelt.
Mir schien sie gereift, um nicht zu sagen: gealtert und von tieferen Gedanken bewegt als sonst.
Das macht die Verwundung von Paris, die aber nicht schlimm sein kann, da sie ihn alleinlässt.
Glaubt ihr, es gibt einen Pfeil so groß, wie sie ihn beschrieb? Mannslang und armdick?
Nur einen weiß ich: Philoktet, den Meliböerfürsten, er verschießt solche Pfeile, denn es ist der Bogen des Herakles, den er führt. Ihn aber ließen sie auf unwirtlicher Insel, unheilbar krank, zu unserem Segen zurück.
Vielleicht aber haben sie ihn doch noch geholt oder nur seinen Bogen…
Nichts wissen wir, niemand, der uns unterrichtet, halbblind tappen wir durchs dichte Gestrüpp verworrener Nachrichten.
Zum ersten Mal hab ich Helena danken hören. Das nimmt mich für sie ein.
Wie mag es ihr ergangen sein unter uns: Beladen mit der Kriegsschuld, mit Argusaugen beobachtet: Ob sie den Schleier trägt, Männer meidet und Wein, regelmäßig teilnimmt an der Einkleidung unserer Beschützerin, der vielbrüstigen Ma…
Sie verneigen sich vor dem Bild.
Hast du Blutflecken gesehen auf dem Laken, das sie uns zeigte? Ich nicht.
Ich habe welche gesehen, genau auf der Mitte, hellrot und groß wie auf einem Hochzeitslaken!
Wo wird sie nun waschen? Was hat sie vor? Zweideutig klang ihre Rede, und bei ihrem Dank lief mir ein Schauer über den Rücken.
Laut zum Palast:
Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!
1.3 Hekabe kommt heraus.
HEKABE: Was schreit ihr hier herum? Wisst ihr nicht, dass neues Leid das Königshaus heimsucht? Paris ist schwer verwundet, der Kronprinz, die Hoffnung der Stadt. Nicht nur ihr bringt Opfer! Ihr wisst, wieviele Söhne mir schon fielen, Kassandra ist verstört, seit sie Othryoneus brachten, ihren Bräutigam. Kindisch lachend spielte er mit seinen Eingeweiden… Und Polyxena, fast noch ein Kind und schon eine Griechenhure nicht der Tat, aber der Absicht: Verliebt in Achilleus, den furchtbarsten unserer Feinde, den Mörder Hektors – und er hat ihn geschleift! – und des zarten Troilos – ihrer Brüder! Was wollt ihr also? Was schreit ihr hier herum?
TROERINNEN: Wir haben deinen Stolz nicht nur bewundert, wir haben ihn geteilt. Wir haben mit dir gehofft und zu Ma gebetet, sie möge unseren Männern Sieg schenken. Vergebens! Seit Hektors Tod ging es bergab. Die mutige Penthesilea fiel und Memnon, der prunkvolle Mohr. Ein Aufatmen gab es, als es Paris gelang, Achill in die Ferse zu treffen. Er starb, und nach ihm aus Gründen, die wir nicht kennen, der Große Ajax. Da durften wir wieder hoffen, aber der Feind fand sehr schnell Ersatz. Neoptolemos kam, Achilleus‘ Sohn, der seinen Vater an mörderischer Kriegswut noch übertrifft. Sag uns nun: Ist es wahr, daß Paris von einem mannslangen, armdicken Pfeil getroffen wurde?
Hekabe nickt. Dann ist erwiesen, daß Philoktet, der Meliböerfürst, den wir schon tot glaubten, zu den Griechen gestoßen ist.
Hekabe nickt. Wie sollen wir einer solchen Übermacht noch lange standhalten? Von Hunger geschwächt, zitternd vor Kälte, haben wir Krankheiten kaum noch etwas entgegenzusetzen. Das Alter der Männer, die ihr ins Feld schickt, sinkt und steigt: Knaben und Greise halten dem Ansturm des Feindes kaum stand, du aber redest noch immer von Sieg. Die Zeit des Stolzes ist vorüber. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden – jetzt gleich! Der Nacken, der nicht gebrochen werden will, muß sich beugen lernen.
HEKABE: Gern beugte ich mich unter noch so schweres Joch, aber Friedensfühler, die ich über Antenor ausstrecken ließ, der das Vertrauen der Griechen besitzt, haben ergeben: Sie nehmen keine Bedingungen an. Trojas Untergang ist beschlossene Sache: Die Stadt wird niedergebrannt, die Mauer geschleift, alle Mannschaft getötet, alle Frauen versklavt und verkauft. Es bleibt uns nichts, als Zeit zu gewinnen und auf ein Wunder zu hoffen, auf Zuzug aus Lykien oder aus Thrakien. Die Könige beider Länder fielen für uns, hinterließen Söhne, und die werden kommen, Rache für ihre Väter zu nehmen.
TROERINNEN: Wir haben es selbst in der Hand, Wunder zu wirken. Verzeih uns, wenn wir dir nachhelfen und dir sagen, daß nicht nur wir, daß auch die Griechen am Ende ihrer Kräfte sind. Zwar haben sie noch Fisch aus dem Meer, aber ihre Fischer müssen die Netze immer enger knüpfen.
Fleisch gibt es nur noch, wenn sie opfern, und gerade dann gibt es oft kein Brennholz, die Männer müssen das Fleisch roh essen und murren dann: „Wir sind hergekommen, um die Barbaren zu züchtigen. Wenn wir heimkehren, werden wir selber Barbaren sein!“ Das weiß ich von meiner Tochter, die als Hure bei den Griechen lebt.
Und was die Männer mit besonderer Bitterkeit erfüllt: Daß, um Menelaos die Frau zurückzuholen, die Treue ihrer Frauen auf eine so harte Probe gestellt wird. „Wer hilft uns,“ fragen sie, „wenn wir heimkehren und finden den Platz besetzt von einem andern?“
Odysseus setzt die Menge des Goldes, das angeblich hier zu holen ist, täglich herauf. Mit äußerster Mühe nur halten die Fürsten die Männer unter Waffen – lieber heute als morgen würden sie heimkehren.
HEKABE: Und was hilft das uns?
TROERINNEN: Liefere Helena aus! Wenn sie zurückkehrt, wird die Kunde sich wie ein Lauffeuer im Lager der Griechen verbreiten. Der langgestaute Unmut wird zum Sturm anschwellen, und weder die Drohungen Agamemnons, noch die Lügen des Odysseus werden die Männer davon abhalten können, die Schiffe ins Meer zu stoßen und unter Siegesjubel in die Heimat zu fahren.
Soll doch Odyssesu dann von den Schätzen faseln, die angeblich in Priamos‘ Burg aufgehäuft liegen! Das Kriegsvolk wird Helena fragen, und die wird ihnen berichten, daß unsere Hilfstruppen in der Schatzkammer gehaust haben wie Heuschrecken in der Ernte.
Mag Agamemnon zetern, die innere Sicherheit Griechenlands sei nicht gewährleistet, solange Troja als Fluchtburg für Frauen bestehe: Helena ist dann der lebendige Beweis, daß Troja, geschwächt und gedemütigt, keine Bedrohung mehr darstellt.
HEKABE: Ich glaube, niemand wagt zu behaupten, daß ich Helena sonderlich liebe, im Gegenteil: Ich mißtraue ihr und bin sicher, daß ihre Anpassung an unsere Sitten und Gebräuche nichts ist als die abgefeimte Maskerade einer gerissenen Renegatin. Niemals werde ich dulden, daß sie an Paris‘ Seite den Thron von Troja besteigt. Mitten im erbarmungslosen Abwehrkampf gegen Griechenland eine Griechin an unserer Spitze? Vielleicht wird sie dem Feind nicht gerade die Tore öffnen, aber sie wird in einen Schmachfrieden willigen, der schlimmer ist als die offene Niederlage. Dennoch muß ich euch aufs härteste widersprechen und mich wundern, daß ihr als Frauen und im Angesicht Mas es dermaßen an Selbstachtung fehlen laßt, daß ihr mir nahelegt, eine Frau, die sich entscheiden hat, in Troja, im Schutze von Ma, der heiligen Mutter der Mütter, als Gattin eines Troers zu wohnen, eine solche Frau zu ergreifen und gegen ihren Willen auszuliefern an ihre Verfolger. Was erwartet sie da? Gewaltsam sperrt man sie wieder in die Einehegruft, aus der sie nicht ohne Grund floh. Wißt ihr denn nicht, wie sie aussah, als sie zu uns kam? Bedeckt mit Hämatomen auf Rücken und Schenkeln, Würgemale am Hals… Laßt euch von den Troerinnen, die drüben im Lager sind, erzählen, welchen verheerenden Einfluß der Weingenuß auf die Griechen hat! Dahin also soll ich sie ausliefern? Es wäre ein Verstoß gegen die heilige Verfassung unserer Stadt, es wäre unser innerer Untergang, das Ende dessen, wofür wir kämpfen und leben, und ich bitte euch, mir nie wieder mit diesem Ansinnen zu kommen!
TROERINNEN: Wer wagt nun noch etwas zu sagen?
Ja, was hat es für einen Wert, wenn die Seele stirbt und der Körper überlebt?
Was aber wird aus flüchtigen, freien Frauen, wenn Troja nicht mehr steht?
Keine Zuflucht auf Erden, kein Ort, der sie schützt, keine Hand, die sich für sie regt!
HEKABE: Unbesudelt durch Verrat und Selbstaufgabe bleibt der Name Troja und seiner Schutzgöttin Ma dann den spätern ein Zeichen, daß griechische Art und griechisches Gesetz nicht von Göttern, sondern von Männern gemacht sind. Das wird genügen, damit im Verborgenen wie ein Pilzgeflecht die alte Frauenfreiheit weiterlebt.
TROERINNEN: Weit hinaus denkst du über uns, verlangst viel von uns, die wir nur leben, uns in der Sonne wärmen wollen wie Eidechsen. Magst du recht haben oder auch nicht, wir sind zu schwach, dir zu widersprechen.
HEKABE: Auch ich bedaure, daß wir Kinder und Greise zu den Waffen rufen müssen. Der Tag ist nicht fern, an dem wir dazu übergehen müssen, auch Frauen an den Waffen auszubilden und, nach dem leuchtenden Vorbild Penthesileas, ins Feld zu schicken.
TROERINNEN: Bitte sorg dafür, daß Phalkes, mein Enkel, zu den Bogenschützen kommt. Er hat es sich immer so sehr gewünscht.
HEKABE: Erinnere mich, wenn es nicht geschieht. O, mein Sohn! Du bringst mir Nachricht, wie es Paris geht!
1.4 Deïphobos tritt auf.
TROERINNEN: Das ist Deïphobos, ihr dritter Sohn, seit Hektors Tod nach Paris der zweite.
Staubverkrustet sind Leib und Gesicht, durchfurcht von Rinnsalen ätzenden Schweißes.
DEIPHOBOS: Ich grüße dich, erhab’ne Königin.
HEKABE: Wie geht es Paris? Sag es mir vorab!
DEIPHOBOS: Paris ist tot. An seine Stell‘ tret ich
als erster Prinz und Prätendent des Throns.
Hekabe und die Troerinnen verhüllen das Gesicht.
Wie du befohlen, gab ich ihm Geleit
hoch ins Gebirg hinauf bis zu der Zeder,
der Volksmund nennt sie wohl den Donnerbaum,
von dort nach rechts hinab, wo sich das Dorf
in eine Mulde wie ein Hase schmiegt.
Dort brachten wir ihn vor Önones Haus,
das ganz wie du es uns beschrieben hast,
mit weißen Rosen überwachsen ist.
Ich klopfte an, Önone tat uns auf,
ein ansehnliches, starkgebautes Weib.
Als sie den Prinzen sah, schrie sie laut auf,
erkannte ihn, obgleich er doch entstellt,
durch Blutverlust fast wie ein Toter war.
„Als STerbender kommst du zu mir zurück,
wie gerne hätte ich mit dir gelebt!“
So oder andersd jammerte sie laut,
bedeckt mit Küssen wächsernes Gesicht,
indes ich in sie dring, all ihre Kunst
zu seiner Heilung schleunigst aufzubieten.
Sie schaut mich an mit dunklem Hexenblick,
verschwindet wie ein Schatten in den Wald
und kommt zurück, die Faust voll schwarzer Beeren.
Doch statt sie ihm in irgendeiner Form –
gequetscht, gekocht, als Aufguß – einzuflößen,
wirft sie erneut sich vor ihm hin und stöhnt:
„Ich asse dich! Wie ich dich hasse, Mann!
Und alles, was du leidest, gönn ich dir.
Du hast mich, deine angetraute Frau
verstoßen und vergessen jahrelang,
jetzt aber, wo es dir ans Leben geht,
bin ich dir, dich zu heilen, gut genug.“
Ich sage ihr: „Önone, heile ihn,
er wird’s dir danken, nimmt dich wieder auf,
führt dich bei Hofe ein mit aller Ehr,
die einer künft’gen Königin gebührt.
Als seiner ersten Frau steht sie dir zu,
die Königskron‘, nicht etwa Helena,
die nur die zweite ist im Rang nach dir.
Sie ist es auch, die dich verstoßen ließ,
weil sie entgegen troischem Gebrauch
kein andres Weib neben sich dulden will.
Ergreife die Gelegenheit zur Rache,
verweise sie auf ihren zweiten Platz,
laß Paris aber nicht für etwas büßen,
was er nur widerstrebend, gramvoll tat.“
War es so richtig, große Königin?
Hekabe nickt müde.
Ich glaub, sie hat mir gar nicht zugehört,
war voll und ganz mit einem nur befaßt:
ihn mehr und mehr, die Beeren in der Faust
(der schwarze Saft lief ihr am Arm ins Kleid)
verfallen zu sehen, bis ein Blutsturz
(ja, er ertrank in seinem eignen Blut,
das ihm in Strömen aus dem Innern quoll)
sein Leiden gnädiglich beendet hat.
Verwesung hatte schon den Leib zersetzt,
der einstmals wie aus Erz gegossen schien,
weshalb wir ihm den Holzstoß schichteten.
Kaum brannte er, hat Reue sie gepackt:
„Ich habe ihn gemordet!“ schrie sie laut,
sprang in das Feuer zu dem Brennenden,
und ihrer beider Aschen mischten sich.
Das war das Ende meines Bruders, der
mit seinem Leiden vielles abbüßte
von dem, was wir ihm vorzuwerfen hatten.
HEKABE: Verflucht der Grieche, der den Pfeil entsandt,
verflucht Önone, die ihn nicht geheilt.
DEIPHOBOS: Verflucht die Mutter, die ihn töten half,
indem sie ihn der Gattin vorenthielt.
HEKABE: Önone war sein erstes Eheweib.
DEIPHOBOS: Das er verstieß und das ihn dafür haßte.
HEKABE: Womit ich nicht gerechnet hab, das stimmt.
DEIPHOBOS: Es war vorauszusehn für jedermann.
HEKABE: Ich hatte größre Angst vor Helena.
DEIPHOBOS: Sie hätte ihn mit Sicherheit geheilt.
HEKABE: Du traust ihr blind, bist auch von ihr behext.
DEIPHOBOS: Ich weiß nur eins: Sie hätte ihn geheilt.
Machaon, jener wunderbare Arzt,
der Philoktet von seinem Leidden heilte,
war einer ihrer Freier – und ihr Lehrer.
HEKABE: Du sahst sie nicht in Tränen um Achill. So heftig hört‘ ich weinen keine Frau:
Sie rang um Atem und erstickte fast,
sog blökend wie ein Schaf die Luft herein…
Der Frau soll ich den Mann, von dem es heißt,
er hab Achill getötet, anvertraun?
DEIPHOBOS: Sie wußte, daß es eine Lüge war.
HEKABE: Darauf hab ich mich nicht verlassen mögen.
Du sahst sie nicht in Tränen um Achill!
DEIPHOBOS: Um ihn hat auch Polyxena geweint.
HEKABE: Sie ist ein Mädchen, das die Welt nicht kennt.
DEIPHOBOS: Dein Haß verfolgt ihn übern Tod hinaus,
ein toter Feind jedoch ist nur noch Mensch.
HEKABE: Du weißt genau wie ich: Seit Hektors Tod
ist Priamos‘ Gesundheit angeschlagen.
Sein Leben hängt an einem Seidenfaden,
der täglich reißen kann. Und dann besteigt
an Paris Seite eine Frau den Thron,
die um Achilleus, unsern ärgsten Feind,
nicht aufhörn kann zu trauern. Niemals! Nein!
DEIPHOBOS: Um sie vom Throne auszuschließen, wär
sogar ein Hirtenweib dir recht gewesen.
HEKABE: Ich suchte einen Ausweg aus der Not,
in die uns Hektors – Ausscheiden gestürzt.
Mit ihm wär Andromache aufgestiegen,
Theban’rin zwar, jedoch ein festes Weib,
zudem auch Mutter, während Helena
in all den Jahr’n nicht einmal schwanger war
und, wie ich weiß, es auch nicht werden will.
Sie speit aus.
DEIPHOBOS: Du hast dein Ziel erreicht: Da Paris starb,
ist ihre Anwartschaft erloschen. Was
bist du nur für ein grauses Muttertier!
Schon als du ihn gebarst sollte er sterben,
nur weil du ihn im Traum als Fackel sahst,
von der das Feuier auf uns übergriff.
Du setztest ihn im rauhen Ida aus.
Da starb er nun. Dein Wunsch hat sich erfüllt.
HEKABE: Jedoch zu spät, du aufmüpfiger Zwerg.
DEIPHOBOS: Der Zwerg ist Kronprinz, Prätendent des Throns,
und unverehelicht. Da die Verfassung,
zwar ungeschrieben, doch verbürgt und fest,
für Troja eine Königin verlangt
und ihre Stellung reich mit Rechten schmückt,
gedenke ich, mich zu vereh’lichen.
Und da sich zeigt, daß du, ganz altersstarr,
unfähig bist, in Dialog zu treten
mit einem Feind, wie grausam er auch sei,
ist Helena die Kön’gin meiner Wahl;
denn sie allein kann uns den Frieden schenken,
den Ausgleich suchend mit der Griechenmacht.
Der Zwerg geht jetzt zu Helena hinein
und wird ihr sagen, wie die Dinge steh’n.
Und ist ihr Herz durch Paris‘ Tod auch wund,
ich biete ihr die Hand zum Ehebund.
Er will hineingehen.
TROERINNEN: Helena ging fort mit einem Korb Wäsche, um sie im Skamanderquell zu waschen.
DEIPHOBOS: Verläßt das Haus an einem solchen Tag?
TROERINNEN: In der Unterstadt gibt es ein Waschhaus, vielleicht ist sie dorthin gegangen.
Sie zeigte uns Laken und sagte, sie seien befleckt von Paris‘ Blut…
Wir glaubten, er sei im Palast in ihrer Obhut, und erstaunen nun sehr, über das, was wir hören.
Aber die Laken, die sie zeigte, waren weiß wie Schnee, und nur, weil wir gewohnt sind, zu sehen, was ihr Königsmenschen seht, zu glauben, was ihr sagt, haben wir geschwiegen und uns Mühe gegeben, etwas zu erkennen, wo nichts war.
HEKABE: Was hat sie noch getan, gesagt?
TROERINNEN: Sie hat sich bei uns bedankt für alles, was wir ihretwegen gelitten haben, und sie hat uns gebeten, nie an ihrer Liebe zu Troja zu zweifeln, was immer wir auch in Bälde von ihr hörten…
DEIPHOBOS: Sie ist imstand und tut sich etwas an.
Es war zu viel, was du ihr zugemutet hast!
Ich geh und such sie, denn sie ist imstand
und tut sich etwas an. Es war zu viel!
Deïphobos geht ab.
HEKABE: Ihr seht: Mit Männern ist kein Staat zu machen! Das einzige, wozu sie taugen, ist die Feldschlacht, und noch die verrichten sie schlecht! Habt ihr sie je unter den Griechen hausen sehen wie die Amazonen? Die mähten die Männer hin wie Schnitterinnen das Korn, unsere aber, wenn sie am Tag einen erlegt haben, prahlen drei Tage damit! Zwar haben wir einer zehnfachen Übermacht mit der Hilfe von Ma jetzt seit zehn Jahren getrotzt, aber was ausbleibt, ist der Sieg, ist der Tag, an dem die Griechen mit Mann und Maus in das Meer getrieben werden, über das sie herkamen. Auch Deïphobos ist nicht der Mann, der das Ruder noch herumreißt, genausowenig wie Paris, beide sind Weichlinge, den Weibern verfallen, das Wohlleben liebend – ich habe sie nie gemocht! Soll er Helena haben! Noch sitzt Priamos auf dem Thron. Sein Augenlid schlägt nur einmal am Tag, aber das genügt: Er lebt! Und solange er lebt, bestimme ich, was in Troja geschieht. Geht jetzt heim. Es wird Nacht. Im Dunkeln rutscht ihr auf kotiger Gasse aus, und ihr seht nicht so aus, als ob ihr euch aus eigener Kraft wieder zu erheben vermöchtet.
1.5 Ein Wächter tritt auf.
Er ist einarmig. Er trägt ein langes aus Laken geknüpftes Seil um den Hals geschlungen.
TROERINNEN: Nein, laßt uns noch hören, was der Wächter bringt!
WÄCHTER: Wenn es noch, Königin, eines Beweises bedurfte, daß auch ein Invalider wie ich, einarmig (beim Sturm auf die Schiffe zerschmetterte ein Stein den guten Arm hier – er hat mir vierzig Jahre treu gedient) noch zuverlässig seinen Dienst versieht, dann schau mich an! Ich gehe also heute abend gemächlich meinen Wachweg auf der Stadtmauer entlang, schaue nach Osten, wo der Ida im Abendlicht errötet und wo ich auf ferner Höhe einen Scheiterhaufen aufflammen sehe und mir denke: Ma sei der Seele dessen gnädig, der dort verbrannt wird! Dann schaue ich nach Westen hinüber, wo in der Dämmerung einzelne Feuer der Griechen aufleuchten (früher waren es mehr, ich denke, sie müssen mit Holz sparen, ich habe sogar gehört, daß sie Schiffe abwracken und das Holz nach Köpfen auf die Feuerstellen verteilen). Über mir liefern sich unter wildem Gekreisch die Mauersegler wilde Verfolgungsjagden (meine Mutter pflegte zu sagen, sie begatten sich sogar im Flug). Und da sehe ich doch plötzlich, um den Fuß einer Zinne gewunden, dieses Seil hier, aus Leinenlaken zusammengeknüpft. Schlau, wie ich bin, leg ich mich sofort in den Hinterhalt, in der Hoffnung, denjenigen, für den das Seil bestimmt, zu fangen, wenn er heraufgeklettert kommt. Denn für mich stand fest: Dieses Seil hat eine Troerin geknüpft für ihren griechischen Geliebten, damit er sie bei Nacht besuchen kann, oder aber ein Verräter hat es hinabgelassen, damit im Schutz der Dunkelheit Späher in unser heiliges Troja eindringen können, um uns unermeßlichen Schaden zu tun. Bei der Vorstellung, es könnte nicht einer, es könnten gleich zehn Mann an dem Seil heraufkommen, wurde mir Angst, und ich beschloß, Hilfe zu holen. Aber wie konnte ich Hilfe holen, ohne das Seil aus den Augen zu lassen? Ich entfernte mich, Hilfe zu holen – und kehrte zurück, um das Seil zu beobachten, ging wieder fort, Hilfe holen, verlor das Seil aus dem Auge, kehrte zurück – hin – her! Bis ich schließlich darauf kam, es aufzurollen und mitzunehmen. Ich bitte dich nun, Hekabe, bewillige mir zehn Mann Verstärkung! Mit denen kehre ich auf die Stadtmauer zurück und hänge das Seil wieder an den alten Platz! Dann sollen sie kommen, die Später! Verräter! Wir machen Hackfleisch aus ihnen!
HEKABE: Kehr ohne dieses Seil zum Dienst zurück!
Bei mir ist es am besten aufgehoben.
Kümmer dich nicht um Vögel, nicht um Hirten,
die hoch im Ida Ihrige verbrennen,
allein aufs Griechenlager habe acht!
Fällt dir was auf, dann meld es mir sofort –
ob du Bewegung siehst, mehr als gewöhnlich,
ob Feuer brennen, größere als sonst,
auch, was du hörst: Nur Totenklag‘ wie üblich
oder Gesang und Jubel oder Flöten gar.
Hast du verstanden?
WÄCHTER: Meine Augen sollen deine Augen sein, Königin! Wie ein hungriger Geier werde ich Ausschau halten, der das Aas über den Berg weg erspäht.
Er geht ab.
HEKABE: Auch euch bitt ich: Geht nun in eure Häuser
und starrt das Seil nicht an, als wär es wunders was.
Der brave Mann hat recht gehabt: Ein Weib
hat es zusamm’geknotet für den Liebsten;
denn wie’s da drüben zu wenig Frauen gibt,
gibt’s hier zu wenig Männer. Also gut.
Ein wenig übereifrig war der gute Mann.
Faßt es nicht an! Was habt ihr dran zu zausen?
Was fällt euch ein? Zurück! Ich nehm es mit ins Haus!
TROERINNEN: In jedes dieser laken ist ein Zeichen eingestickt. Es ist das Zeichen Lambda! Vielleicht verrät es uns den Namen der leichtsinnigen Frau!
HEKABE: Lambda? Ja, in der Tat. Wieviele Namen gibt es, die mit Lambda beginnen: Leukippe, Laodameia – wie viele!
TROERINNEN: Nur eine weiß ich in Troja, in deren Laken das große Lambda eingestickt ist: Es ist das Zeichen für Lakedaimon, so nennt sich das Königreich Sparta, und Helena, seine Erbin, brachte das königliche Leinzeug mit, als sie herkam – denn ihre Aussteuer hinterließ sie nicht Menelaos, der schon die Krone an sich riß.
HEKABE: Was redet ihr für einen Unsinn! Warum sollte Helena ein Seil von der Mauer herablassen? Für wen wohl? Sie ist unzuverlässig, aber keine Verräterin.
TROERINNEN: Verzeih mir, Königin, wenn ich dir widerspreche. Helena ist keine Verräterin und hat das Seil nicht herabgelassen, damit jemand daran heraufsteigt, sondern um selber daran hinabzusteigen. Siehst du: Das ist der Knoten, mit dem es an der Zinne befestigt war, und das hier ist das Ende. Schau genau her, Hekabe: Das Ende ist voller Blutspuren! Kein Wunder, denn Helenas Hände sind zart und nicht gewohnt, an rauhem Leintuch sich mehrere Klafter tief hinabzulassen.
Endlich wird es mir klar: Sie wollte nie waschen gehen! Als sie uns dankte, war sie bereits entschlossen, Troja zu verlassen.
Ungeheure Freude bemächtigt sich meiner, ich möchte singen und tanzen!
Kommt, laßt uns in die Stadt gehen und es allen erzählen! Helena ist fort! Aus freien Stücken!
Einstmals nur schönste der Frauen, verdient sie sich jetzt einen Ruhm, der weit über den andern hinausgeht.
Kommt mit in die Stadt! Stimmt lydisches Lied an! Der Friede, wenn er denn da ist, erkannt man sein Angesicht nicht, erstaunt und erschrickt!
Sie wollen fortgehen, aber Hekabe stellt sich ihnen in den Weg.
HEKABE: Auch ich erschrecke, aber über euch, über die Leichtfertigkeit, mit der ihr in Friedensgeschrei ausbrecht. Es sind Helenas Laken. Die Blutspuren sdprechen dafür, daß eine Frau daran herabgeklettert ist. Wer es war, wissen wir nicht. Behaltet für euch, was ihr wißt, was ihr hofft, stürzt nicht die Stadt in verfühten Friedenstaumel, er könnte selbstmörderisch sein! Stellt euch vor, eine andere ließe sich an Helenas Laken herab – oder es war Helena, aber sie käme drüben nicht an – weit ist der Weg, vier Wegstunden weit bei Tag und schwer zu finden bei Nacht, noch nie ist sie den Weg gegangen und hat keinen Führer – oder sie kommt drüben an, aber ihre Ankunft wird verheimlicht, weil die Führer der Griechen den Krieg um keinen Preis abbrechen wollen, bevor Troja erobert ist: Sollen sie dann morgen mit verdreifachter Wut über ein friedenstrunkenes Troja herfallen? Wir werden wie Paris ertrinken im eigenen Blut, ein Gemetzel unvorstellbaren Ausmaßes wird das Ende von Troja sein. Behaltet für euch, was ihr wißt, was ihr hofft, stürzt nicht die Stadt in verfrühten Friedenstaumel, er könnte selbstmörderisch sein!
TROERINNEN: Du kannst auch nur immer das Schimmmste befürchten!
HEKABE: Zehn Jahre Krieg haben mich das gelehrt.
TROERINNEN: Man darf das Glück durch Mißtrauen nicht vergrämen!
HEKABE: Sobald die Flotte unsern Strand verläßt,
stimm ich in euern Friedensjubel ein.
Bis dahin aber übt Geduld und fleht
zu Ma, das sie das arme Weib beschützt,
wer sie auch sei, die übers Schlachtfeld jetzt,
vorbei an Pferdgerippen, umgestürzten Wagen, eilt.
TROERINNEN: Ich hörte, daß auch Leichenfleddrer dort
und andres Räubervolk sein Wesen treibt.
Ich weiß sogar von Frauen unsrer Stadt,
die nachts der Hunger vor die Tore treibt,
wo sie an Leichenfleisch sich gütlich tun.
Beschütze sie, o Mutter aller Mütter,
geleite sicher sie zum Lagertor
und schenk uns Frieden – endlich! endlich!
HEKABE: Seht dort – der Mond tritt aus Gewölk hervor –
er wird ihr helfen, heimzufinden.
TROERINNEN: Bange ist mir zumut.
Kommt, laßt uns schlafen gehen, hoffen auf den kommenden Tag.
Auch du, Hekabe, solltest das Bett aufsuchen, damit du kraftvoll und stark erträgst, was auch kommt, Glück oder neues Leid.
Sie gehen ab. Hekabe kauert erschöpft vor dem Seil nieder, versinkt in Grübeln, aus dem sie durch das fast lautlose Kommen ihrer Tochter aufgeschreckt wird.
1.6 Polyxena tritt auf im Troerschleier.
POLYXENA: Kalkmond, brennender,
lebende, tote Haut
wird von deiner Milch
heute Nacht betaut.
Lösche meine Glut,
weck den Bräutigam,
strähl sein Aschehaar
mit dem Silberkamm.
Komm wir wollen baden
im Skamanderfluß,
auf die Nebellippen
drücken kalten Kuß.
Wasserrose schmücke
dein und meine Stirn,
Knöchlein bind zusammen
frisch gewachster Zwirn.
Wie ich über die Treppe
mit dir tanzen will!
Reiß entzwei den Schleier,
herzliebster Achill!
Sie zerreißt den Schleier und knickt zusammen.
HEKABE: Komm her, Kindchen, ich frag dich was!
Polyxena erschrickt. Erst jetzt bemerkt sie die Anwesenheit ihrer Mutter.
Komm her und laß dich in den Arm nehmen! Du erkältest dich sonst in der Nachtluft.
Polyxena folgt widerstrebend.
Sag, soll morgen Verlobung sein?
Polyxena heitert sich auf, nickt.
Aber dann brauchst du ein Brautkleid!
Polyxena schaut sich an, nickt langsam.
Oder willst du ihm nicht gefallen?
POLYXENA: O doch, Mutter!
HEKABE: Aber woher nehmen wir eins? Meins wird dir zu steif und mächtig sein.
Polyxena nickt.
Kassandra hat ihres zerrissen.
Polyxena nickt traurig.
Ich weiß: Du leihst dir Helenas aus!
POLYXENA: Das Keid aus Schwanenfedern? Das gibt sie nicht her?
HEKABE: Wir nehmen es uns einfach!
POLYXENA: Sie wird es nicht zulassen!
HEKABE: Aber sie ist doch fort!
POLYXENA:Fort? Wohin?
HEKABE: Zu Paris‘ Bestattung!
POLYXENA: Er ist tot, nicht wahr? Ich habe es gewußt. Er war schon immer tot. Wir sind alle tot, wissen es nur nicht. Sind Träukme eines Toten!
HEKABE: Komm mit, Kindchen, wir holen das Kleid aus der Truhe!
POLYXENA: Aber sie ist größer (kleiner) als ich!
HEKABE: Ich mach es dir passend!
Hekabe zieht Polyxena mit ins Haus.
2. Akt
2.1 Troer treten auf.
Auch sie tragen Schwarz, sowie Waffen.
TROER: Undurchdringlich, wie aus e i n e m Stein, liegst, du, Haus des von Hesione mit dem Schleier gelösten Priamos im Morgenlicht. Immer noch hast du Geheimes verborgen, nach langer Tragzeit gebierst du, was wird. Fragt sie, die milchende Stute der Ma, was für Troja beschlossen ist…
Schlimmes hab ich erlebt heute Nacht, ging auf den Hof zu pissen hinaus, sah meinen Schatten – zwiefach – verdoppelt! Rannte erschrocken gleich wieder rein, verkroch mich hinter dem breiten Kreuz meiner Dritten und zog mir die Decke über den Kopf.
Hoch in den Bergen starb unser Kronprinz. Weithin sah ich leuchten den brennenden Holzstoß übers schlafende Land. Der Krieg, den er uns auf den Hals zog, verschlang nun auch ihn.
Dunkles Wort hab ich gehört von der Griechin, der Ledatochter: Von einem Seil, geflochten aus Laken, hörte ich reden, dessen Ende befleckt sei mit dem Blut ihrer Hände…
Ja, was hält sie, die Griechin, noch hier, seit ihr Gatte, seit Paris verstarb?
Wenn zutrifft, was ich hörte – man hört ja so manches, die Not ist die Mutter so manchen Gerüchts – dann wär sie gegangen, bevor sie wußte, daß Paris starb.
Treulos verließ sie den wunden Mann?
Schwere Demütigung, ihr zugefügt von Hekabe, könnte der Grund, hör ich, gewesen sein. Um zu verhindern, daß sie je Königin wird, sollte zur Zweitfrau des Prinzen sie werden. Zu dessen Erster, hoch in den Bergen, trugen sie den wunden, schreienden Mann, daß sie ihn heile, ihn sich verpflichte, er sie als Gattin bei Hofe einführ‘. Dabei wär doch Helena die einzig Richtige, um mit den Griechen, mit ihrem Volk, den Ausgleich zu suchen und Frieden zu machen!
Hört auf zu vermuten, zu deuten zu rätseln, undurchdringlich wie aus e i n e m Stein bleibt der Palast.
Kommt, laßt uns gehen zum Sammelplatz!
Warum so eilig? Noch früh genug ruft uns das Horn!
Ich würde bedauern, wenn sie uns verließ. Verrat wäre es an all den Tausenden, die dafür starben, daß sie bleiben darf.
Niemals wird sie Troja verlassen, lieber mit Troja untergehen! Was erwartet sie bei den Griechen? Haß und Verachtung, ja, Steinigung!
Und wenn sie trotzdem gegangen wär?
Ohne sie säh es bös für uns aus. Wie manches Mal hab ich schon in der Gefahr mit strohtrockener Zunge das Gebet gelallt: alle
Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
laß mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Horntuten
Hört ihr das Horn? Es ruft uns hinaus! Kommt, laßt uns ihm folgen!
Nein, laßt uns bleiben! Ich höre den Riegel des Hauptportals gehen. Vielleicht gibt das Haus des von Hesione mit dem Schleier gelösten Königs sein Geheimnis preis.
2.2 Hekabe kommt heraus.
HEKABE: Was für ein Schauspiel bot die letzte Nacht:
der Mond stand doppelt am gestirnten Himmel
und starrte grinsend in sein Spiegelbild.
Mir war, als schieden Leib und Seele sich,
als würd‘ der Mensch zerteilt in Mann und Weib,
als sonderten sich ja und nein vom Nichts.
Die Welt verzwiefacht‘ sich und ächzt‘, wie es
der Baumstamm tut, gespalten von der Axt.
TROER: Zwei Sonnen sah ich schon am Himmel stehen, wenn Nebel aufsteigt und den Schiffer narrt. Aber zwei Monde! Deut‘ uns das Zeichen! Es erschreckt auch uns.
HEKABE: Auf der Kippe steht Trojas Zukunft: Sieg oder Niederlage, Sonne oder Mond! Daß aber der Mond sich verdoppelt, kann nur heißen, daß wir nur noch die Wahl unter Niederlagen haben, denn der Mond, der wandelbare, unstet, verlöschend, ist nicht das Gestirn des Siegs. Was fragt ihr mich aus? Lungert hier herum? Längst schon hörte ich das Horn zum Ausmarsch blasen!
TROER: Was uns hält, ist die Hoffnung, Helena zu sehen, ihr unser Beileid zu sagen zu Paris‘ Tod.
HEKABE: Sagt es mir, ich bin seine Mutter!
Sie verneigen sich vor ihr.
Danke, vielen Dank! So, und nun geht! Helena ist von Paris‘ Bestattung noch nicht zurück.
TROER: Warum starb er nicht im Palast?
HEKABE: Einer heilkundigen Hirtin hoch in den Bergen hab ich ihn geschickt, hoffend, sie würde das Gegengift finden, das ihn errettet.
TROER: Was aber ist mit dem Seil, das ein Wächter fand, geknüpft aus Laken, gewunden um eine Zinne, stadtauswärts zu Boden hängend, am Ende mit Blut befleckt?
HEKABE: An diesem Seil ist irgendwer geflohen, wahrscheinlich eine Frau, vielleicht asogar eine aus dem Palast.
TROER: Wer sollte das sein? Vielleicht in einem beuerlichen Anfall von Wahnsinn, Kassandra?
HEKABE: Nur ungern und um euch endlich loszuwerden, antworte ich euch. Ich kann Polyxena, meine jüngste Tochter, heute morgen nirgends auftreiben. Deshalb fürchte ich, daß sie in verirrter Liebe zu Achill, dem Mörder ihres Bruders, die Stadt verließ und jetzt weinend auf seinem Grabe liegt und den Boden mit den blutigen Händen schlägt.
TROER: Seid still. Sie weint. Ehrt ihren Schmerz. Am gleichen Tag Sohn und Tochter verlieren, was kommt ihrem Schicksal gleich? Aber ich hörte, die Laken, aus denen das Seil geflochten war, trugen das Lambda, Zeichen Lakedaimons, wie es die Wäsche Helena trägt!
HEKABE: Muß ich mich denn von einem Haufen von Drückebergern verhören lassen wie eine, die etwas zu verbergen hat? Immer heiserer und verzweifelter ruft euch das Horn an die blutige Arbeit draußen im Feld! Geht hinaus, bevor die Griechen so nahe sind, daß ihr euch nicht mehr aufstellen könnt!
TROER: Wären sie nah, wir würden sie hören, hören das tiefe mykenische Horn! Vielleicht hat Polyxena in all ihrer Einfalt mit ihrem Gang auf Achilleus‘ Grab Einsicht bewirkt in den Unfug des Krieges, die Friedenssehnsucht, die wir empfinden, angestachelt auch bei ihnen!
HEKABE: Kein Vorkommnis ist euch zu gering, eure Hoffnung daran zu hängen. Geht jetzt hinaus, tut eure Pflicht, wartet nicht länger, sonst hol ich die Peitsche und treib euch vors Tor hinaus!
TROER: Ja, wir gehen, doch vorher wollen wir hören, was der da sagt.
2.3 Der einarmige Wächter tritt auf.
HEKABE: Faß dich so kurz wie möglich, lieber Freund!
WÄCHTER: Die ganze Nacht habe ich auf deinen Befehl hin unermüdlich Ausschau gehalten. Ich sah den Mond sich verdoppeln, dachte mir aber: Deswegen störst du nicht ihren Schlaf, denn sie ist zwar mächtig, aber Mond und Sterne entziehen sich ihrem Einfluß! Wohl bemerkte ich in den Niederungen mehr Bewegung als sonst – Wasserhühner flogen auf, und einmal war mir, als sähe ich eine schwarze Gestalt im Licht des Doppelmonds über das Schlachtfeld wandern, aber auch das schien mir nicht wert, deshalb deinen kostbaren Schlaf, o Königin, zu unterbrechen! Noch kurz vor Sonnenaufgang lag das Lager des Feindes still und tot, dann erwachte es wie üblich zum Leben, aber schneller und zu einem lauteren und geschäftigeren Leben als üblich! Während sonst nur das Horn von Mykene mit seiner tiefen Stimme zum Sammeln ruft, riefen heute alle Völker zum Sammeln: Ich erkannte den Diskant der Kreter, das langgezogene Schmettern der lakedaimonischen Fanafaren, die Trommelwirbel der Myrmidonen und die schrillen Pfeifen Arkadiens… Dann sah ich, wie die Schiffe in Windeseile eingerüstet wurden, und auf den Gerüsten tummelten sich Männern wie wenn sie ausbesserten und frisch kalfaterten… Andere stürzten sich auf die Befestigungsanlagen und begannen, sie abzutragen, noch andere sah ich mitten im Lager Bauholz aufhäufen und daraus mit Hammerschlägen, die der Wind bis an mein Ohr trug, eine Art riesigen, vierbeinigen Tischs errichten. Das alles sah ich, so wahr ich beim Sturm auf die Schiffe einen Arm und kein Auge verlor. Ich hätte nicht gewagt, meinen Posten zu verlassen, wäre ich nicht abgelöst worden und hätte nicht die Geschäftigkeit der Griechen Massen von Staub aufgewirbelt, ockergelben Staub, in den die Sonne hineinschien, so daß nichts mehr zu erkennen war.
HEKABE: Sie errichten einen Turm, eine Belagerungsmaschine, wie der Ägypter sie braucht, um befestigte Städte zu brechen! Und sie sind sich ihres Erfolgs, des ihnen heute noch zufallenden Siegs so sicher, daß sie gleichzeitig, um die Ungeduld der Soldaten zu beschwichtigen, die Heimreise vorbereiten! Und um zu beweisen, daß sie es ernst meinen, daß sie den gemeinen Mann nicht erneut mit vagen Versprechungen hintergehen, schleifen sie die Befestigung. Zu den Waffen Troer! Überfallt sie jetzt! Überquert im Gewaltmarsch Skamander und Troas, stoßt aus dem Staub, der sie blendet, unwiderstehlich gegen sie vor! Treibt sie zu Paaren, jagt sie ins Meer, macht keine Gefangenen, tötet die Wehrlosen, daß sich der Hellespont röte von Blutschaum!
TROER: Sag uns, Einarm: Wie hoch war der Tisch, als der Staub ihn deinen Blicken entzog?
WÄCHTER: Mannshoch vielleicht.
TROER: Mit einem mannshohen Turm werden sie unserer Mauer niemals gefährlich, selbst wenn er noch um ein Vielfaches wächst! Vielleicht aber wird gar nichts andres daraus, bleibt es ein Tisch, ein Altar der Versöhnung, ein Zeichen des Friedens!
HEKABE: Niemals gibt es Frieden zwischen denen und uns, will das denn in eure Schädel nicht hinein?
TROER: Sie kamen her, um Paris zu strafen. Er starb unter Qualen. Sie kamen her, um Troja zu strafen. Es ist gestraft genug: Nie wieder erhebt es sich zu altem Glanz. Und sie kamen, um Helena zu strafen. Helena ist in ihrer Hand. Vielleicht haben sie sie schon gesteinigt, vielleicht auch nur in den tiefsten Kiel geworfen und ihre Steinigung verschoben bis zur Heimkehr. Sie haben alle ihre Ziele erreicht, also fahren sie ab, und das heißt: Friede! Friede!
HEKABE: Störrisch und unbelehrbar seid ihr wie Waldesel, schreit nach der Peitsche, nach dem Dorn, der euch treibt!
Sie greift in die Tür, holt eine lange Wagenlenkerpeitsche hervor, schwingt sie knallend über den Köpfen der Troer und versucht, die zu treffen. Sie schützen die Gesichter, weichen zurück, jaulen auf, lassen sich aber nicht vertreiben. Der Wächter verdrückt sich.
TROER: Oft genug triebst du uns so hinaus auf die Fleischbank, Erbarmungslose! Durchgesalzen mit Haß bist du wie ein Hering, heuchelst und lügst, um dein Ziel zu erreichen! Wir treiben nicht Männer, die ohnehin abfahren, auch noch ins Meer! Neuer Haß und neuer Krieg wären die Folge! Helena ist hinübergegangen in freier Entscheidung, das war der schönste Dank, den sie Troja für so viel Treue abstatten konnte.
Dank ihr, der schönen, der mutigen Frau, die du zu unrecht gedemütigt hast. Alles, was griechisch ist, alles, was Mann ist, verfällt deinem Haß. Unfähig bist du für dein hohes Amt, weil du weder Vernunft noch Mäßigung kennst! Ja, als Hektor die Stadt noch lenkte, da ging es uns besser! Du aber, besessen vom Wahn weiblicher Vormacht, führst uns in den Abgrund!
Hekabe ist erschöpft. Auch die Troer sind erschöpft auf die Stufen gesunken. Helena-Rufe, lauter Jubel hinter der Szene.
2.4 Ein Alter tritt auf.
ALTER: Was sitzt ihr hier herum und wartet noch?
Laßt Zeit verrinnen, kostbarer als Gold!
Habt ihr sie nicht geseh’n? Sie ist zurück!
Am Arm des Prinzen hat sie sich gezeigt!
TROER: Helena zurück? Das glauben wir nicht! Wer bezahlt dich dafür, daß du Lügen mit deinem weißen Haar beglaubigst?
ALTER: Ich hab heute morgen fest wie ihr geglaubt:
Sie ging zum Griechen – und der Krieg ist aus!
Lief auf den Marktplatz, wo sich Massen von
Soldaten, Frauen, Alten sammelten,
die summend wie ein Bienenvolk, bevor
es sich zum Schwärmen aufmacht, das Gerücht,
sein Für und Wieder emsig austauschten.
In dieses Summen schmetterten die Hörner,
zum Sammeln blasend und zum Ausmarschiern,
doch keiner rührte sich vom Marktplatz weg.
Dann hieß es plötzlich, von der Mauer aus
säh man in einer Wolke gelben Staubs
die Griechen rüsten für die letzte Schlacht.
In Panik und Entsetzen wollten wir
die scheinbar schon verlorne Stadt verlassen,
da trat ein Ausrifer hervor und rief:
Prinz Paris starb. Deïphobos folgt ihm
als Kronprinz nach und übernimmt die Gattin.“
Aus Anlaß ihrer Hochzeit würden sich
Deïphobos und Helena dem Volk
auf dem Balkon des Prytaneions zeigen.
Mir läuft es kalt über den Rücken, als
die Tür sich auftut und der Herold mit
erhobner Stimme ruft: „Das Prinzenpaar!“
Wir waren so geblendet von dem Bild,
das Helena am Arm des Prinzen bot –
wir sanken überwältigt auf die Knie
und riefen laut und wie aus einem Mund…
ALTER UND TROER: Helena! Helena! Helena!
ALTER: Da sah man Männer, die noch eben stritten,
sich in den Armen liegen, herzen, küssen,
gerad als hätte sich nach langem Bangen
die Sonn‘ entfinstert und im süßen Licht
jauchzt die Natur in hellem Jubel auf.
Ich will mich nicht vermessen, die Gestalt,
das Antlitz einer Göttin zu beschreiben:
Sie ist die Schönheit selbst, die ewigjunge,
von Leben strahlende und bebende…
Doch darf ich mit Verlaub das Kleid erwähnen,
das sie zu diesem Anlaß trug: Es war
das herrliche, gewebt aus Schwanenfedern –
im zarten Lufthauch ihres Atems sah
die Daunen ihren Busen man umzittern…
Er taumelt, Troer halten ihn.
TROER: O fangt ihn auf, den guten alten Mann,
es war zu viel für sein bejahrtes Herz!
In hundert Schlachten blieb es ungerührt,
der Anblick Helenas jedoch zerbricht’s!
ALTER: Ich bin schon wieder gut bei Kräften. Kommt!
Ich selber führe eure Rotte an
und kränz die Stirn mit kriegerischem Ruhm!
Alter und Troer kriegerisch ab.
HEKABE: Endlich habt ihr zu eurer Bestimmung zurückgefunden! Mein sanfter Priamos! Du sollst wissen, wie es um uns steht!
Sie geht hinein.
2.5 Polyxena im Schwanenfederkleid tritt auf mit Deïphobos.
DEIPHOBOS: Ich bitte dich, hör auf, mir schönzutun,
genug Komödie haben wir gespielt.
Hier sieht uns keiner. Sei wieder du selbst.
Zur Mutter geh. Zieh aus das Griechenkleid.
Hüll in den Schleier ein Troerin dich.
Du hast um Troja dich verdient gemacht.
Ich aber eile unsern Truppen nach,
will Sieg und Niederlag‘ mit ihnen teilen
an diesem Tag, der die Entscheidung bringt!
Polyxena hält ihn fest.
POLYXENA: Ich bitte dich: Leg die Rüstung ab, auch die Rüstung der Rede! Komm, ich lös dir die Riemen, komm schon, geliebtester Mann! Vor dem ersten floh ich, weil er mich mit Gewalt bedrohte, den zweiten habe ich verlassen, weil er mich mißhandelte, den nächsten, den ich liebte, hat mir der Krieg weggefressen, dich aber will ich behalten! Bitte sei ein Feigling, laß dich von mir verstecken, krieche unter mein Bett oder in die Truhe unter meine Kleider!
Deïphobos will gehen, Polyxena läßt ihn nicht.
Bitte bleib, laß dich küssen, laß mich trinken den Duft deiner Locken!
Deïphobos schüttelt sie angewidert ab.
O, ich habe Paris geliebt, das ist wahr, aber in all der Not, wenn Hekabe mich schalt, weil ich dies oder das falsch gemacht hatte, wenn ich in Tränen aufgelöst war und mich kaum noch zu rühren wagte aus Angst, schon wieder einen Fehler zu machen, dann hat er mir nie wirklich beigestanden! Du aber kamst dann, hast mich getröstet, hast mir gesagt, daß ich schön bin und daß nur dies der Grund sei für Hekabes Haß. „Warte nur ab!“ hast du gesagt, „eines Tages wirst du Königin, dann kannst du allen zeigen, wie sehr du Troja liebst und wieviel besser als Hekabe du es zu leiten weißt!“ Ja, darauf habe ich gehofft und war entsetzt, als sie mir jetzt diese Hirtin vor die Nase setzen wollte! Wirklich nicht, weil ich mir Paris nicht mit ihr teilen wollte! Ach, Paris! Er war schön, aber ein Schwächling, ein Muttersöhnchen, eine wohlriechende Memme! Auf Befehl seiner Mutter schlich er sich in Achills Rücken und erschoß ihn feige von hinten, nur weil die Alte mit Mißtrauen sah, wie seine Liebe zu Polyxena die Fronten aufzuweichen drohte. Achilleus von hinten erschossen wie ein Tier!
Sie weint, ist Polyxena.
DEIPHOBOS: Ja, trauere um ihn. So kenn ich dich.
Beschimpfe aber Bruder Paris nicht.
Zwar war’s ein Pfeil aus seinem Köcher, der
Achilleus in der Ferse stak, jedoch:
Wie kommt wohl Paris in Achilleus‘ Rücken?
Kein Troer sah Achilleus je von hinten,
und ausgerechnet Paris wär’s geglückt,
dem scheuen Bogenschützen, der schon lief,
wenn er Achilleus nur von ferne sah?
Und auch Mama gab niemals den Befehl,
Achill zu töten, ganz im Gegenteil:
Wir hatten strikte Weisung, ihn zu schonen,
weil Hoffnung war, mit deiner Hilfe ihn
herauszubrechen aus der Feindesfront.
Kein Troer war’s, der ihn ermordete.
Von hinten traf ihn griech’sche Hinterlist.
POLYXENA: Es konnte nicht gelingen, weil er mich nicht liebte, jetzt nicht und damals nicht, als er zum Schein, und weil alle es taten, in die Schar der Fürsten sich einreihte, die um mich warben. Warben sie wirklich um mich? Ich war nur das lästige Anhängsel, das man in Kauf nehmen mußte, um die Krone von Sparta zu kriegen! Es hat mich nie eines Blickes gewürdigt, zog meinen Empfängen wilde Jagdzüge vor. Mit Patroklos durchstieg er in Mädchenkleidern die Bergwälder des Taygetos, erlegte Löwen… Wie gern wäre ich mitgekommen, habe es ihn wissen lassen – aber er mir auf meine Botschaft nicht einmal geantwortet!
Sie weint wieder.
DEIPHOBOS: Ich fleh dich an, Polyxena, hat denn
das Kleid dir völlig den Verstand geraubt?
Du bist Polyxena, mein Schwesterchen!
POLYXENA: Polyxena liegt weinend auf dem Grab des Geliebten, schlägt die Erde mit blutigen Händen… Helena aber blieb hier, um sich verkennen, beschimpfen zu lassen. Wenn ich dir nicht schön genug, wenn ich dir zu alt bin, dann sag es rundheraus und versteck dich nicht hinter einer so lächerlichen Verwechslung!
DEIPHOBOS: Ich höre blasen. Kommt man schon zurück?
So schnell erringen Troer keinen Sieg.
Ich fürchte, daß sie auf dem Rückzug sind.
Er geht eilig ab.
POLYXENA: Um Himmels Willen, wie komm ich ihm bei? Ich geh auf den Markt zu der Kupplerin, von der es heißt, sie verstehe sich auf uralten Liebeszauber, bewahre in Fläschchen, Töpfchen und Tübchen die bestrickendsten Salben und Öle auf: lockende Düfte rolliger Katzen, rossiger Stuten Liebessaft… Sie wird mir helfen, wird mich erlösen, wird mir erlauben, Helena zu sein!
Sie geht ab.
2.6 Hekabe kommt mit einem frischen Gewand für Ma heraus.
Sie lauscht auf fernen Lärm, kniet vor dem Holzbild der Ma nieder und bekleidet es.

HEKABE: Liebend Weibliche,
lebendes Holz,
lustvoll Leibliche,
Unvertreibliche,
du unser Stolz!
Mutter, stützende
taumelndes Kind,
Stadt du schützende,
selbstlos Nützende,
wohl uns gesinnt!
Mahnerin, scheltende
Unfolgsamkeit,
alles Vergeltende,
am Himmel Zeltende,
furchtlos im Streit.
Brüste, nährende
Kraft uns tränk.
Hohe Gebärende,
alles Gewährende:
Sieg uns schenk!
2.7 Troer tritt auf.
wartet respektvoll, bis Hekabe geendet hat und sich ihm zuwendet.
TROER: Ich lief voruas, der erste zu sein, der es dir ansagt: Die Griechen sind fort, das Lager ist geräumt, die Mauern sind geschleift, nur noch die Aschekreise der hundert Feuer zeugen von ihnen. Am Horizont sahen wir ihre Masten versinken!
HEKABE: Und der Belagerungsturm?
TROER: Hat sich gerundet zu riesigem Roß, kunstvoll errichtet mit flatterndem Schweif und auf Rollen gesetzt.
HEKABE: Hengst oder Stute?
TROER: Trächtige Stute, wollte mir scheinen, mächtig gerundet der üppige Leib. Darunter ein Grieche, scheu und verschüchtert, flehend um Gnade – da bringen sie ihn!
2.8 Sinon wird auf die Bühne gestoßen.
Die restlichen Troer folgen ihm.
TROER: Da ist sie, die du sprechen willst!
SINON: Du also bist es, bist die große Frau, die uns seit zehn Jahren das Fürchten lehrt! Dafür, dich zu sehen, hat sich’s gelohnt, die Wahrheit herauszuschreien!
HEKABE: Wer bist du? Deinen Namen!
SINON: Ich heiße Sinon, bin Kephallenier und um hundert Ecken verwandt mit Odysseus – aber das ehrt mich hier kaum…
HEKABE: Wie kam es zur Abfahrt?
SINON: In aller Frühe breitete sich im Lager die Nachricht aus: Helena ist zurück! Kurz vor Aonnenaufgang habe man auf Achills Grab eine Troerin mit blutigen Händen verhaftet, die unter Tränen dort eine Locke opferte… Sie habe nur eins verlangt: Sie zu Menelaos zu bringen. Man hielt sie schließlich für eine Botin Helenas, die die Bedingungen für eine Rückkehr aushandeln sollte. Aber auf der Wache erkannte sie ein alter Spartaner, der, bevor sie Sparta verließ, ihr Leibwächter war. Er trug die Kunde durchs Lager. Ohne Befehle abzuwarten, stürzten die Männer sich auf die Mauern, trugen sie ab, begannen, die Schiffe auszubessern und seetüchtig zu machen, die Fürsten konntne gar nicht anders als nachgeben und sich anschließen… Das einzige, was sie durchsetzten, war die Errichtung des Pferdes als Versöhnungsgeschenk an eure Schutzherrn, an Ma, die euch die Kraft gab, zehn Jahre lang einer zehnfachen Übermacht zu widerstehen. Sie sagten – oder genauer: Odysseus sagte: „Wenn wir einfach abreisen und kein Zeichen der Versöhnung, der Huldigung für Ma hinterlassen, die sich als unüberwindlich erwiesen hat, wird uns Hekabes Haß bis nach Griechenland verfolgen, werden die Troer zu Schiff uns nachsetzen und den Krieg, der so lange ihr Land verwüstete, in unsere Heimat tragen.
HEKABE: Warum bliebst du zurück?
SINON: Nicht freiwillig, o nein! Gern wär ich mitgefahren, aber sie nahmen mich nicht mit, weil ich meinem losen Mundwerk wieder einmal die Zügel hatte schießen lassen…
HEKABE: Was hast du gesagt?
SINON: Zuerst einmal möchte ich dir, große Königin, meine Bewunderung ausdrücken für die Zähigkeit, Kraft – und nun auch noch List, mit der du dein Ziel erfolgreich über Jahre verfolgt hast. Du hast die Griechen, geschickt ihre Kriegsmüdigkeit nutzend, auf eine Art und Weise hereingelegt, die sie tiefer demütigt als eine militärische Niederlage.
HEKABE: Ich verstehe nicht.
SINON: Die Frau, die ihr entsandtet, die Helena zu spielen, hat ihre Sache gut gemacht, hat ihren Zweck erfüllt, war den Griechen ebenso nützlich wie den Troern – aber Helena war sie nicht! Vielleicht muß man Helena gesehen haben, um zu wissen, wie sie aussieht. Wie sie nicht aussieht, weiß auch, wer sie nie sah. Eine gealterte, dicklich gewordene, von Kummer und Gram gezeichnete Frau – für die sollen wir zehn Jahre lang gedarbt, gelitten, geblutet haben? Niemals! Aber das hätte ich nicht aussprechen dürfen! Diese Wahrheit paßte niemandem. Weder die Fürsten wollten sie hören, als sie sich einmal in die Lage geschickt hatten, noch das Kriegsvolk in seinem Heimkehrtaumel. Und als ich dann aucvh noch rief: „Jahrhunderte werden ihren Spott über euch ausgießen, weil ihr mit der falschen Helena heimfuhrt!“ da schlugen sie mich, wollten mich töten und ließen erst von mir ab, als ich mich unter das Ma geweihte Pferd flüchtete. Trotz meines Flehens, meines lauten Widerrufens ließen sie mich zurück, schoben die Schiffe ins Meer und überließen mich eurer Großmut.
HEKABE: Ihr alter Leibwächter aber hat sie erkannt!
SINON: Ja der, ein alter, fast blinder Mann! An ihrem Weinen will er sie erkannt haben.
HEKABE: Warum weinte sie?
SINON: Man wollte sie Menelaos nicht vorführen, hielt sie für eine gemeine Späherin, fand auch einen Dolch bei ihr und traute ihr alles mögliche zu… Da weinte sie. Das hörte der Alte, kam herbei und rief: „Gelobt sei Zeus! Ich hörte Helena weinen! So ist sie zurück und der Krieg ist zuende!“ Ebenso habe sie geweint mit einem Ziehen des Atems wie ein Kind, das an Schafshusten leidet, als vor bald einem Vierteljahrhundert ihr Vater Tyndar ihr eröffnete, daß seine Wahl unter all den Freiern auf Menelaos entfallen war.
HEKABE: Euch allen, auch dir, Sinon, sei mit Nachdruck gesagt: Der Alte hatte recht! Es war Helena, die uns verließ, die bei euch ankam und mit der deine Landsleute nach Hause fuhren. Kein Hohn wird sich über sie ergießen, niemand wird sie verspotten: Sie haben ihre Kriegsziele erreicht: Helena zurückerobert, Paris gestraft und Troja so tief gedemütigt, daß es sich vielleicht nie wieder davon erholt. Zu einer solchen List, wie du sie mir unterstellst, hätte ich mich nie verstiegen, sie wäre eine Kränkung für Ma, und außerdem gibt es keine Frau, die Helena an Schönheit gleichkommt. Sie hat es bei uns nicht nur gut gehabt – ich war ihr eine harte Schwiegermutter – sie hat meinetwegen viel geweint. Sie war mir für Paris, den Weichling, zu weich, ich hätte ihm eine härtere Frau gewünscht, die einen Mann aus ihm gemacht hätte. Außerdem war sie eine Griechin, duldete in Überschätzung des Mannes keine anderen Frauen neben sich – ich habe mir Priamos mit sieben anderen geteilt und kann nur sagen: Mein Anteil war mir oft noch viel zu groß! Hätte sie mir Enkel geschenkt, einen einzigen nur, ich hätte sie höher geachtet! Ihr Weggang flößt mir erstmals Respekt für sie ein. Ich habe ihr manches abzubitten.
2.9 Im Hintergrund kommt Polyxena am Arm von Deïphobos.
SINON: Und wer ist das? Ich bitte euch: Erklärt mir nichts! Ich kennen ihn, Deïphobos, des Paris jüngeren Bruder. Oft habe ich ihn in der Schlacht – zum Glück von ferne! – gesehen. Und sie? Nun wer wohl? Helena, die unverweslich junge, königliche Hure! Eben noch Witwe, schon an eines anderen Arm, wälzt sie sich von einem Bett in das andere. Aber was soll’s? Schönheit wie die kennt kein Gesetz, jeder träumt sich in diese Arme, an diese Brust, selbst ein gemeiner Soldat wie ich ist sich nicht zu gering, sie zu begehren. Und wie oft habe ich in der Gefahr gebetet:
Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
laß mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Mach mir nicht weis, Hekabe, dieses Weib wäre imstande, einen einzigen selbständigen Entschluß zu fassen! Sie war nie etwas anderes, wird nie etwas anderes sein als das Spiegelbild männlicher Begierden!
HEKABE: Ein jeder glaube, was er glauben will, vielleicht auch glauben muß. Kommt mit zum Markt, Ratsversammlung zu halten über die Aufhebung des Kriegszustands und wie wir verfahren mit dem Weihgeschenk an Ma. Ich bin der Meinung, sie hat es sich durch uns redlich verdient, wir sollten das Tor öffnen und es hereinholen.
Sie verneigt sich vor dem Bild und geht mit Troern und Sinon ab.
DEIPHOBOS: Was hast du nur mit dir gemacht? Ich erkenne dich kaum noch! Nach Moschus und Patschouli riechst du wie die Frauen im Serail, wenn sie einander ausstechen wollen. Dein Mund ist eine einzige blutende Wunde, deine Augen sind Eulenaugen, und anzufassen bist zu wie eine stechende Qualle!
Er reißt sich los, eilte den anderen nach.
POLYXENA: Komm, wir wollen baden
im Skamanderfluß,
auf die Nebellippen
drücken kalten Kuß.
Wasserrose schmücke
dein und meine Stirn,
Knöchlein bind zusammen
frisch gewachster Zwirn.
Wie ich über die Treppe
mit dir tanzen will!
Reiß entzwei den Schleier,
herzliebster Achill!
Sie geht hinein.
3. Akt
3.1 Troja brennt, auch der Palast.
Invalide Griechen treten auf. Sie sind unbewaffnet, in Lumpen und Verbände gehüllt. Im Hintergrund, schemenhaft, das hölzerne Pferd.
GRIECHEN: Hierher kommt! In all dem Brausen, Funkenflug des Feuersturms, finden wir uns kaum zurecht.
Bitte stütz mich!
Bitte leit mich!
Ich rieche Rauch!
Kommen wir auch dem Brand nicht zu nah?
Nein, der Wind treibt ihn von uns fort!
Wo sind wir hier?
Vorm Palast des Königs!
Brennt er auch?
Mir scheint, er ist schon ausgebrannt.
Jahrelang kämpfte ich gegen Troja. Jetzt, wo es niederbrennt, freue ich mich nicht.
Und beinahe war es gerettet!
Wieder hat uns Odysseus, der ungeheuerliche Schlaukopf, hereingelegt! Uns nicht weniger als die Troer, die nun verloren sind – uns bleibt noch Zeit – wer weiß, für wie lange?
Ich habe mich fest darauf verlassen: Dies ist die Heimfahrt! Ihr etwa nicht?
Das einzige, was mir Mißtrauen einflößte, war das hölzerne Pferd! Diese Versöhnungsreden aus Mündern, die eben noch die unversöhnlichsten waren!
Und dann hörten wir von den Myrmidonen: Neoptolemos, ihr König, ging nicht mit an Bord!
Auch die Spartaner vermißten ihren Führer, Menelaos war nirgends zu finden.
Aber dann hieß es, die Fürsten hätten sich auf dem Flaggschiff der Flotte in Agamemnons Kajüte versammelt, um dort zu beraten und erst hinter Tenedos auf ihre Schiffe zu gehen.
Helena aber hatten sie in den tiefsten Kiel der spartanischen Flotte geworfen.
Verdiente Strafe für leichtsinnige Frau, doch durch ihre Rückkehr, freiwillig und gefährlich, hatte sie sich bessere Behandlung verdient.
Wie werden wir unsere Frauen vorfinden nach so langem Fortsein? Gealtert, gezeichnet von Kummer und Gram?
Geschminkt und lachend im Arm eines andern!
Und wer hilft mir, sie zurückzugewinnen, wenn sie davonlief?
Wer erobert mir zurück den Platz am Tisch und im Bett, den ein andrer besetzt hält?
Sinnloser Krieg, Sorgen vermehrend, wenn nicht Beute, golden und köstlich, alles Leid, das er brachte, nachträglich bezahlt macht.
Die Jahre, die ich hier verrohte, verdarb –
– die Hand, die kostbare –
– das Augenlicht –
– die Zeugungskraft, die zum Mann mich machte –
gibt uns kein Gold zurück!
Unersetzliche Lebenskraft ging hier verloren, während die Heimat verkommt und verwildert: Sauen und Rinder in Wälder entlaufen, Acker und Weinberg von Dornen überwuchert, das Handwerk der Städte darniederliegend, Räuberbanden auf den Straßen, und in den verwaisten Palästen Treulosigkeit, Unzucht und Korruption!
Das ist die Heimat, die wir vorfinden werden, zurückkehrend als Sieger aus glorreichem Krieg.
Es gibt keine Sieger, es gibt nur Verlieren: Troja ging unter und Griechenland auch.
Ein Feuerschein fällt auf das Standbild der Ma, an dem mit flehend emporgereckten Händen Priamos (eine Puppe) liegt.
Seht dort den Alten, erstarrt vor dem Bildnis, unvertraut beide.
Ihn erkenn ich. Ich sah ihn, als er bittflehend kam mit der Tochter, den Leichnam Hektors, seines Sohns, auszulösen.
Es ist der König, der Goldreif beweist es, der ihm das Haupt, das graue, umschließt.
Zu wem aber fleht er?
Seltsam: Ein Holzbild! Vergängliches Holz für ein Götterbild? Unverweslicher Stein, niemals rostendes Erz, scheinen mir würdiger, Ewiges abzubilden.
Was stellt es dar? Einen Mann? Eine Frau?
Eine Frau, wie mir scheint. Doch sie trägt einen Helm, dazu noch den Speer und auch einen Schild, ist aber gekleidet in buntes Gewand.
Wär ich in Griechenland, ich wüßte ihren Namen: Pallas Athene, des Zeus wehrhafte, seinem Haupt entsprungene Tochter.
Hier aber kennen wir uns nicht aus, fremdartige Namen tragen die Götter, fremd ist uns alles!
NEOPTOLEMOS (hinter der Szene):
Polyxena! He, wo steckt sie? Polyxena!
GRIECHEN: Kennst du die Stimme? Diomedes? Odysseus?
Nein, Neoptolemos, Sohn des Achill, ist es, der schreit. Er sucht das Mädchen, die Tochter des Königs, die ihn begleitete, als er Hektors Leichnam ausbitten kam.
3.2 Neoptolemos, rauchgeschwärzt, blutverkrustet, mit goldenen Ketten behangen, tritt auf.
NEOPTOLEMOS: Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!
GRIECHEN: Frag ihn! Er ist ihr Vater und weiß gewiß, wo du sie findest!
NEOPTOLEMOS (hebt Priamos mit einer Hand empor):
Du also bist der König dieser Stadt –
was sag ich: Stadt? Dieses Bordells! und König?
Gekrönter Zuhälter wär richtiger.
Hab ich gesagt: Du bist? Du warst es mal!
Den goldnen Reif gib her, denn er
verunziert nur dein kahles Mumienhaupt.
Wo steckt Polyxena, dein Töchterchen?
Mein Vater – ah, du kennst ihn ja! – Achill
erschien im Traum mir, ein Bekümmerter,
sagt‘ unsern Sieg voraus und forderte
an unsrer Beute sein gerechtes Teil.
„Was aber wäre das?“ fleh ich ihn an,
da sagt er nur: „Die schönste Troerin!“
Ich hab mich umgehört: Man rühmt ihn hoch,
den Liebreiz deiner Tochter. Gib sie her!
Sie soll auf seinem Grabe sterben dürfen,
daß er na ihrem Blute satt sich trink!
Rück schon heraus: Wo hast du sie versteckt?
Dort im Palast? In einem Nachbarhaus?
Du willst es mir nicht sagen. Also gut,
ich frag dich etwas andres. Diesmal gilt’s!
Und schweigst du wieder, kostet’s dich den Kopf!
Im selben Traumbild in derselben Nacht
hat Vater sich, er ging schon fort von mir,
noch einmal umgewandt und auf den Fuß
mit kläglicher Gebärde hingezeigt,
in dem der Parispfeil noch immer stak.
Hat Paris ihn geschossen oder nicht?
Halb wünsch ich es, halb wünsch ich’s nicht, denn war
es Paris, wandte Vater ihm den Rücken,
war also feige – war es Paris nicht,
einer der unsern hat ihn dann erlegt.
Aber warum? Das bohrt in meiner Brust,
seit ich die Sammlung des Odysseus sah
genau der Pfeile, die der Prinz verschoß:
Der Schaft aus Zeder, Spitze aus Türkis,
gefiedert mit den Federn einer Eule…
Er hat einen Schwächeanfall, will Priamos, als wäre e r sein toter Vater, sanft zu Boden gleiten lassen, findet aber zu sich zurück.
Zu all dem schweigt dein pergamentner Mund.
Hier ist die Quittung dafür, daß
du einer Hur‘ so lange Schutz gewährt!
Er enthauptet Priamos. Im palast, in den er dann eindringen will, bricht etwas zusammen, Funken stieben, Rauch quillt heraus.
Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!
Neoptolemos geht seitwärts ab.
GRIECHEN: War das nun nötig, den alten hilflosen Mann, mag er hundertmal ein Feind sein, so zu schütteln, so zu mißhandeln und zu ermorden? Völlig verdorben sind die jungen Männer durch den Krieg! Sie verachten auch uns, schieben uns beiseite wie lästiges Pack, überhören unser Wort oder schneiden es uns ab in der Versammlung.
Wieviel schlimmer wird das noch werden, sind wir einmal zurückgekehrt!
Von dem Triumphzug, mit dem man den vermeintlichen Sieg prahlerisch feiern wird, wird man uns ausschließen!
Und lassen wir uns das nicht gefallen, schreien wir und drängeln wir uns ins Blickfeld, wird man uns den Buckel verbleuen, wenn man uns nicht gleich totschlägt und auf irgendeinen Schindanger wirft.
3.3 Hekabe kommt aus dem Palast hervor.
Ihr Kleid ist teilweise verbrannt und mit Asche besudelt. Sie sieht Priamos‘ Leichnam zunächst nicht.
HEKABE: Betrogen, getäuscht, übertölpelt! Mißtrauisch war ich – nicht mißtrauisch genug! Gerissen war ich – nicht gerissen genug! Böse war ich – nicht böse genug! Tragend war das Pferd, die Stute des Unheils, tragend mit Männern, Mordbrennern, Würgern, die, als wir müde vom Feiern waren, herausstiegen, die Ihren mit Feuerzeichen herbeiriefen und alsbald mit roher Gewalt über uns herfielen! Wieviele im Feuer umkamen, wieviele durchs Schwert, niemand wird es je wissen. Troja ist zum Scheiterhaufen geworden, auf dem wir lebend verbrennen. O die Brandfackel, von der ich träumte, als ich Paris trug, jetzt brennt sie und knattert – doch ich trag die Schuld: Mißtrauisch war ich – nicht mißtrauisch genug! Gerissen war ich – nicht gerissen genug! Böse war ich – nicht böse genug!
Sie sieht den toten Priamos, geht hin, kniet nieder, fügt Kopf und Rumpf zusammen, streicht mit den Händern, ihn kaum berührend, über ihn hin.
Du von Hesione mit dem Schleier Gelöster, Priamos, alter Freund, Gefährte im Frieden, Kamerad im Krieg, hab Dank für ein Leben in Treue und Liebe. Kraftquell warst du mir immer, geduldiger Zuhörer, zäher Berater, fruchtbarer Frager, mutiges Vorbild tapferer Söhne! Die bittere Neige des Greisenlebens hat dir ein Schwerthieb gnädig erspart. Wo ist der Grieche, der mir den gleichen Freundschaftsdienst tut? Dich dort kenn ich, Humpler, du mit dem verbundenen Fuß! Kamst du nicht einmal an diese Tür betteln, und ich gab dir Gerste, Öl, Milch und Wolle, mehr als du je erhoffen konntest? Hast du ein Herz? Empfindest du Dank? Hier, nimm das Schwert des erschlagenen Königs, erstich mich damit, durchstoß mir den faltigen Krähenhals!
Sie setzt sich die Schwertspitze an die Kehle.
GRIECHEN: Es ist nicht Griechenart, Frauen zu töten.
HEKABE: O, ich vergaß, was Griechenart ist! Für euch sind wir ja das schwache Geschlecht, entsprechend höflich behandelt ihr uns. Ist Ajax, der Lokrer, ein Grieche? Ich glaube doch, ja! Er fand Kassandra, die schwer Verstörte, warf sie auf ein Brautbett von Leichen… O, das Flackern ihrer weit offenen Augen – wärst du doch tot, mein Kind! Sie weiß jetzt, was Griechenart ist! Seid ausgehungert, ihr armen Gesellen, wollt euch schmiegen, wollt herzen und küssen – kommt nur näher – ich hab jetzt viel Zeit!
Sie nähert sich den invaliden Griechen, die vor ihr zurückweichen.
GRIECHEN: Was für ein Ungeheuer ist diese Frau, noch in der Niederlage unbeugsam wie Stahl!
Greuliche, faß mich nicht an!
Wendet die Augen ab, daß ihr zu Stein nicht erstarrt!
3.4 Deïphobos tritt auf.
Er blutet stark, verbirgt sich hinter dem Bildnis der Ma.
DEIPHOBOS: Wir haben, Mutter, keine Hoffnung mehr.
Der Widerstand erlischt. Die letzten fliehn.
HEKABE: Ich setze auf Äneas‘ starken Arm
und hoff‘ auf Zuzug noch aus Lykien!
DEIPHOBOS: Begrab die Hoffnung! Keiner zieht uns zu,
Äneas aber flieht mit seinen Leuten.
HEKABE: Warum verbirgst du dich? Komm her zu mir
und hilf mir, Vater Priamos bestatten!
DEIPHOBOS: Ich bin nicht allein. Darf ich Polydamas mitbringen?
HEKABE: Was für eine Frage? Was ist mit ihm los, daß er nicht kämpft?
DEIPHOBOS: Sie haben ihn recht übel zugerichtet,
die Nase aufgeschlitzt, die Ohren ab,
verschnitten zum Eunuchen…
Deïphobos stöhnt.
HEKABE: War das sein Stöhnen? Bitte laß ihn da.
Ich hab genug des Schrecklichen geseh’n.
DEIPHOBOS: Du hast genug des Schrecklichen geseh’n.
Leb wohl, Mama!
Er stürzt sich in sein Schwert, verröchelt.
HEKABE: So komm doch, komm! Laß dich, mein letzter Sohn
noch einmal küssen!
Sie sucht Deïphobos, findet ihn, heult laut auf, als sie erkennt, daß e r der Verstümmelte ist, legt seinen Kopf in ihren Schoß und beginnt, leise zu singen.
Stecks Däumchen ins Mäulchen,
leg’s Köpfchen aufs Kissen,
mach’s Äugelein zu,
und schläfst du,
schläfst, Bürschelein, du!
MENELAOS (hinter der Szene):
Helena! Helena!
HEKABE: Wer ist es, der da schreit?
GRIECHEN: Es ist die Stimme des Spartanerkönigs,
des Menelaos, Helenas Gemahl.
HEKABE: Wie werden sie die Toten behandeln, wenn sie schon Lebende so zurichten? Kommt mit, ihr beiden, daß das Feuer euch verzehrt, bevor sie euch antun, was sie Hektor antaten.
Sie schleift die beiden Leichen von der Bühne.
GRIECHEN: Gatten und Sohn verloren in der Zeit, die man braucht, einen Apfel zu essen! Wehe uns, weh!
Wie wird mein Kleiner gediehen sein? Zwölf war er, als ich fortzog, jetzt ist er ein Mann…
Während die Throne der Völker verwaist sind, wird so mancher Verwalter die Macht an sich reißen und begehrlich schielen auf benachbartes Land…
Krieg in der Heimat!
Die Städte niedergebrannt, die Frauen vergewaltigt, die Söhne verstümmelt oder gefallen – Saat des Krieges, so gehst du auf!
3.5 Menelaos tritt auf, auch er rauchgeschwärzt, mit blutigen Händen und Armen.
MENELAOS: Komm heraus, Helena! Ich weiß, daß du dich dort versteckst! Hab keine Angst vor mir! Ich bin nicht mehr der, der ich war! O ja, ich war jung und dumm und ahnungslos! Ich habe lange gebraucht, um es einzusehen. Ja, ich bin mitschuldig an allem! Hier, sieh mich knien! Verzeih mir! Es wird sich nichts von dem wiederholen, was einmal war! Die Zeit, der Krieg sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen! Und nachdem ich zuerst immer härter wurde, bin ich dann…
Er unterdrückt ein Schluchzen.
Ich habe alle Troerinnen, die zu uns ins Lager kamen, nach dir ausgefragt. Die meisten wußten nicht viel, hatten dich nur von ferne gesehen. Aber eine war dabei, die hatte im Palast Dienst getan. Sie hat mir beschrieben, wie du lebst, und aus allem ging hervor, daß du Paris wirklich liebtest. Das war eine bittere Pille für mich! Aber ich habe mir Gedanken gemacht und bin zu Entschlüssen gelangt. Ich trinke nicht mehr, Helena! Ich flehe dich an: Komm heraus! So viele Schritte tat ich, um dich zurückzugewinnen – nun tu den einen und letzten du! Zeig mir, daß nicht jedes Gefühl für mich in dir erloschen ist! Mit einer Stirn aus Eisen hast du mir zwanzig Jahre lang getrotzt, mich zwanzig Jahre gestraft, mir zwanzig Jahre die Hölle bereitet und mir mehr Hörner aufgesetzt, als der Argus Augen hat! Hast du die glücklichen Stunden vergessen? Vergessen den Ruf der weißen Amsel: Kapiskoko? Vergessen, daß wir eine Tochter zusammen haben, die die Mutter nicht weniger braucht als den Vater? Komm heraus, Helena! Ich weiß, daß du dich dort versteckst! Hab keine Angst vor mir! Ich bin nicht mehr der, der ich war!
GRIECHEN: Wir können uns nur wundern, wie derselbe Mann, der Befehl gab, Helena in den tiefsten Kiel zu werfen, sie jetzt im ausgebrannten Königshaus von Troja sucht!
MENELAOS: Was faselt ihr da? Wer seid ihr? Wenn ihr Griechen seid – warum kämpft ihr nicht? Oder seid ihr gar Troer, Halme für meine Sense?
Er nähert sich ihnen drohend.
GRIECHEN: Nein, wir sind Griechen! Schau uns doch an, dann begreifst du auch, warum wir nicht kämpfen und nur als Zuschauer dem Untergang Trojas beiwohnen.
Mich kennst du! Ich bin zwar von Phokis, aber in der Schlachtordnung ist unser Platz neben euch, und eure Wagenlenker sind die ruppigsten im ganzen Heer! Sie schauen nicht rechts, noch links, halten einfach drauf auf unseren Haufen. So hat mir Demoleon, der deinen Wagen lenkt, den Fuß da zu Brei gefahren! Und als ich kam, dich um Schmerzensgeld zu bitten, hast du mich abweisen lassen mit der Begründung, ich hä#tte besser aufpassen sollen! Das ist die Art, wie ihr großen Herren mit unseren Sorgen und Kümmernissen umspringt!
Und zur Heimfahrt habt ihr uns auf einem Schiff zusammengepfercht – von außen sah es nicht übel aus, aber wenn man unter Deck ging, roch man schon den Schwamm und sah, daß die Spanten durchgefault waren. Daß es uns nicht wie ein Stein unter dem Hintern weggesackt ist, ist ein reines Wunder. So geht ihr mit uns um, die sich im Dienst für eure Sache haben verstümmeln lassen!
MENELAOS: Wir werden das alles regeln, sobald der Krieg endgültig vorüber ist und wir zurück in der Heimat sind. Jetzt verratet mir, ihr Guten: Habt ihr Helena nicht gesehen? Sinon sagte mir, sie sei hier, und verriet mir auch, wer ihr letzter Galan war: Deïphobos! Ich habe dafür gesorgt, daß kein Weib der Welt sich je wieder für ihn noch er für ein Weib erwärmt!
GRIECHEN: Aber Helena ist im Schiff, in deinem Schiff, Menelaos, das das goldene Lambda im schwarzen Segel führt. Du selber gabst Befehl, sie tief unten in den Kiel zu sperren, wo sie nur Ratten zu Gesicht bekommt!
MENELAOS: Ach, die troische Alte! Glaubt ihr noch immer daran? Gewiß, sie machte ihre Sache nicht schlecht, soll ein paar Worte gesagt haben, die sogar mich stutzig machten – aber glaubt ihr wirklich, wenn Helena zu mir zurückwill, besucht sie zuerst das Grab Achills?
GRIECHEN: Du hast sie dir nicht einmal angeschaut!
MENELAOS: Wenn ich mir alle Troerinnen, die von sich behaupteten, sie wären Helena, hätte anschauen wollen, hätte ich viel zu tun gehabt. Ich habe nur immer eins getan: Ich habe sie einer Probe unterziehen lassen. Ihr wißt doch, daß der Troer keinen Wein trinkt, und wenn er ihn heimlich trinkt, dann ungemischt. Keine dieser Frauen, auch die letzte nicht, verstand es, den Wein zu mischen, wie wir es gewohnt sind. Sie hatten nur eins im Kopf: Verwirrung in unsere Reihen zu tragen, uns zu schwächen und Troja zu nützen, wenn nicht gar zu retten!
GRIECHEN: Aber in den zwanzig Jahren, die Helena in Troja verbrachte, könnte sie verlernt haben, was ihr früher selbstverständlich war!
MENELAOS: Habt ihr denn keine Augen im Kopf? Habt ihr die blutigen Hände nicht bemerkt? Nicht bemerkt die Blutspuren um ihren Mund? Habt ihr nie von den Troerinnen gehört, die der Hunger bei Nacht vors Tor hinaustreibt, wo sie sich an Pferdekadavern – und Schlimmerem – gütlich tun? So eine war das, und nur um sich zu retten, floh sie auf Achills Grab und erfand das Märchen, sie sei Helena. Ihr werdet staunen, wenn ihr die richtige seht, der Atem wird euch stocken, so jung und schön ist sie! Sinon hat geschworen, daß sie hier im Palast ist – ich kann nur hoffen, daß sie in ihrer Verzweiflung, aus Reue und aus Angst vor mir sich nicht etwas angetan hat oder ein Opfer der Flammen geworden ist.
Er will in den Palast eindringen, wird aber von Funken und Rauch zurückgetrieben.
Da drinnen lebt nichts mehr!
Er geht seitwärts ab, ruft mit klagender, jammervoller Stimme:
Helena! Helena!
GRIECHEN: Der Wanderer im nächtlichen Wald, sternlos der Himmel, ist nicht verwirrter, als wir es sind! Wem soll man glauben? Wem noch vertrauen? War die Frau, die heute morgen zu uns ins Lager kam und all unsre Freude auf sich vereinigte, nur ein Wahnbild, ein Irrlicht, ein Phantom? Warum soll in all den Jahren, die sie hier war, nicht troisches Brauchtum, troische Sitte auf sie abgefärbt haben? Wären nicht auch wir in so langer Zeit zu Troern geworden?
Vergeßt nicht die Hände, die blutigen Hände, die Blutspuren am Mund! So schrecklich die Erklärung ist, die Menelaos gab, mir leuchtet sie ein, denn auch ich hörte von Troerinnen, die der Hunger zu Kannibalinnen macht!
3.6 Polyxena kriecht aus der Palastruine hervor.
GRIECHEN: Schaut, eine Göttin! Unversehrt entsteigt sie dem Feuer.
Fallt auf die Knie! Betet sie an!
POLYXENA: Was für Gestalten lauern dort hinten? Freund oder Feind mir? Ich mach es nicht aus!
GRIECHEN: Hab keine Angst vor uns, himmlisches Wesen! Wir sind zwar Griechen, aber wir tun dir nichts, zumal du uns keine Troerin scheinst.
POLYXENA: Ich grüß euch, ihr Lieben, und küss‘ eure Wunden, denn ihr empfingt sie, um mich zu befrei’n!
GRIECHEN: Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
laß mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Polyxena küßt sie.
Ich sehe, ich sehe dich, Helena! Mein Augenlicht ist mir wiedergeschenkt!
Und mir die Kraft meiner vertanen Jugend, Feuer durchrieselt mich – wo ist ein Schwert?
Ich bin wieder ein Mann – ein Wunder, ein Wunder – wie allein Helena es vollbringt!
Mir wächst die Hand, die verlorene, wieder, und sie bewegt sich, lebt und fühlt!
Sicher trete ich wieder auf. Weg die Verbände! Der Fuß ist gesund!
Umtanzt sie, die holde, herrliche Frau, schöner als Träume, heller als Licht!
Wahrhaftig, sie ist es, Tochter des Zeus, ledaentsprossene Schwanentochter!
POLYXENA: Habt Dank! Ich danke euch! Und nun seid still! Es ist nicht der Zeitpunkt für stampfenden Freudentanz. Noch brennt die Stadt, die mir lange Heimat war – erzwungenermaßen, oft hab ich sie gehaßt, aber jetzt, wo sie in Asche sinkt, dauert sie mich! Und noch steht mir das Schwerste bevor: Menelaos mich, dem armen, schwergeprüften Mann, zu Füßen zu werfen und ihn um Verzeihung zu bitten.
GRIECHEN: Verzeihung wofür? Bist du denn Paris freiwillig gefolgt?
POLYXENA: Nein, mit Gewalt hat er mich entführt. Aber vielleicht hätte ich mich stärker als nur mit Leibeskräften wehren müssen. Wie oft bin ich vom Heck des Schiffes verzweiflungsvoll ins Meer gesprungen! Aber sie haben mich immer wieder herausgefischt! Wie oft hab ich mich hier in den First des Hauses geschlichen, mir den Strick um den Hals gelegt und ihn am Dachbalken festgeknotet. Immer hat man mich rechtzeitig entdeckt und gegen meinen Willen gerettet, und als es mir einmal gelang, in die Tiefe zu springen, da riß das Seil! Jetzt aber, als an allen vier Ecken der Stadt Feuer aufflammte und das Verhängnis sichtbar wurde, da wollten sie meinen Tod! „Stirb, Griechin, im Feuer, das die Griechen legten!“ schrie Hekabe und sperrte mich in den Keller, aus dem ich mich jetzt erst befreien konnte.
GRIECHEN: Wer könnte dir etwas verübeln, du halbes Kind! Ist dies das Kleid aus Schwanenfedern, das du getragen hast zur Vermählung mit Menelaos?
POLYXENA: Es war das erste und das einzige Mal, daß ich es gern und freiwillig trug. Die andern Male nur unter Tränen, weil man mich zwang, mit dem Tod mir drohte.
GRIECHEN: Ist es wirklich wahr: Auch Deïphobos freite dich noch?
POLYXENA: Ich mußte drei willigen, denn in dieser Stadt sind Witwen Freiwild der Männer, ohne seinen Schutz hätte man mich verwilderter Soldateska preisgegeben.
GRIECHEN: Und warum trägst du es jetzt, das festliche Kleid?
POLYXENA: Um Menelaos milde zu stimmen, um heute erneut die Braut zu sein des Mannes, für den ich mich aufgespart habe.
GRIECHEN: Komm, wir geleiten dich in seine Arme. Seit getrost, er wird dich mit allen Ehren empfangen und selber auf Knien um Verzeihung bitten. Warum erschrickst du und verbirgst dich dort? Die Troerin kommt, die sich als Helena auszugeben die Frechheit hatte. Steinigt sie!
Sie heben Steine auf.
3.7 Helena tritt auf.
Sie trägt noch immer den Troerschleier. Polyxena verbirgt sich vor ihr hinter dem Bild der Ma.
HELENA: Betrogen, erniedrigt, verkannt, beschimpft – ich bitte euch: Werft!
Die Griechen lassen die Steine sinken.
Bis Tenedos hab ich für Troja gehofft, um Troja gebangt, und in dem düsteren Loch, in dem es nach Teer und Hanf stank, war ich glücklich! Im Glucksen der Wellen, im Ächzen des Schiffsgebälks fand ich die andere Fahrt wieder, die hoffnungsfrohe an Paris‘ Seite, die mich hierherbrachte. Jetzt ging es heimwärts, nach Sparta, ins Vaterhaus, wo man mich vielleicht töten, aber nicht wie in Troja, von mir verlangen würde, das graue Schattendasein einer Zweitfrau zu führen… Und ich, die den Krieg verschuldet hatte, ich hatte ihn auch beendet: Meinen Krieg, den Krieg, der meinen Namen mit dem Blut Tausender zu besudeln drohte, den hatte ich in einem kurzen Entschluß, zerrissene Hände nicht scheuend…
Sie leckt sich die wunden Handteller.
…besiegt! In das dunkle, von Ratten umhuschte Glück gellten die Schreie: „Troja brennt!“ schreillten die Bootsmannspfeifen, knarrten die Spanten des halsenden Schiffes. Betrogen, erniedrigt, verkannt, beschimpft – nur noch die welke Hülse von Helena… Im Wirrwarr der Landung, im Schutz des Dunkels gelang mir die Flucht. Durchnäßt von Salzwasser ist noch mein Schleier, doch daß ich zittre, das kommt von innen… Ich soll nicht Helena sein? Wer aber dann? Eine Troerin, die zu schaurigem Mahl der Hunger vors Tor trieb? O ja, recht hast du, Menelaos! Ich bin eine Kannibalin! Tausende hab ich gefressen, ausgesogen ihr Blut, mich besoffen daran! Recht geschieht mir, nur recht! Warum bin ich nicht früher, als der Krieg noch jung war, als die vielen noch lebten, die allein das letzte Jahr kostete, hinübergegangen, hab Reue geheuchelt und dem griechischen Angriff den Wind aus den Segeln genommen? Stattdessen saß ich am Stickrahmen, stickte in Schlachtenbilder mit gelber Seide zierliche Staubwolken hinein, merkte nicht, wie ich mich mästete, ein Blutegel am Leib der armen Stadt.
Sie beginnt zu schluchzen, erstickt fast, ringt blökend nach Luft.
Nur einen einzigen Wunsch hab ich noch: Die zu sehen, die mir den Namen und den Ruhm der Schönheit gestohlen hat.
GRIECHEN: Wer immer du bist, wir müssen dich achten, denn mutig und stark hast du alles gewagt, um die Heimat zu retten. Die, die du suchst, verbirgt sich furchtsam hinter dem Holzbild.
HELENA: Ich hätte es mir denken können: Ein Mädchen spielt jetzt die Helena. Ich gelte nichts mehr, bin alt und verwelkt. Komm her, du Kleines! Was haben sie aus dir gemacht?! Wie schön warst du – zart, scheu, rein, wie groß in deinem Entwurf, Achilleus zu lieben, ihn, den mächtigen Feind, herüberzuziehen auf die Seite des Friedens! Und jetzt: Nur noch ein Häuflein Elend, bereit, jede Erniedrigung zu ertragen, sich selbst erniedrigend, nur um zu dürfen, was dein Recht sein sollte: leben!
POLYXENA: Laß mich du sein, ich flehe dich an! Als die, die ich bin, kann ich nur sterben und hab doch kaum gelebt!
HELENA: Man wird dich nicht töten! Da kennst du die Griechen schlecht!
POLYXENA: Ein Mann läuft hier herum, ich kenne ihn nicht, er ist groß wie Achill, der schreit mit einer Stimme meinen Namen, die mir nur Tod, nur Blut und Tod verheißt.
HELENA: Wenn es wahr ist, woher nimmst du den Mut, jetzt, wo der Krieg verloren ist, mit mir zu tauschen? Weißt du denn, Kleines, was du bekommst? Du wirfst den reinen, unbefleckten Namen weg, lädst einen schwer beladenen dir auf, setzt dich der Rachsucht eines Menelaos aus, der nach griechischem Recht dein unumschränkter Herr wird, dich schlagen, vergewaltigen und töten darf. Weißt du, was ein Ochsenziemer ist? Was glaubst du, wie er dich meine Kühnheit, fortzugehen, wohin es mir beliebte, mit wem es mir beliebte, ihm zwanzig Jahre zu trotzen, wird büßen lassen?!
POLYXENA: Ich will das alles geduldig ertragen, dazu auch noch heiter sein, lächeln, wenn ich nur eines nicht: sterben! muß.
HELENA: Und wenn er dir trotz deiner Schönheit nicht glaubt?
POLYXENA: Er wird mich gewiß auf die Probe stellen!
HELENA: Dann vergiß nicht, den Wein mit Wasser zu mischen, wie sie es tun: Im bauchigen Mischkrug.
POLYXENA: O, dafür danke ich dir! Ich bitte dich, sag mir jetzt noch ein Geheimnis, das nur ich, nur Helena wissen kann!
HELENA: Ich muß überlegen… Es gibt nicht viel, was uns verband. Doch Augenblicke des Glücks hat es gegeben mit diesem Mann, der wie ein Erdbeben über mein Leben hereinbrach. Dann saßen wir in der Kammer, er schaute mir zu, wie ich einen Mantel bestickte, reichte mir das Garn, genoß den Besitz einer so schönen Frau, und in die Stille hinauf drang das Flöten einer Amsel, die im Palastgarten nistete, und ihr Gesang endete immer so:
Sie pfeift.
Kapiskoko!
POLYXENA: Du reichtest mir das Garn, genossest den Besitz einer so schönen Frau, und in die Stille hinauf drang das Flöten einer Amsel, die im Palastgarten nistete, und ihr Gesang endete immer so:
Sie pfeift.
Kapiskoko!
HELENA: So ist es recht. Und die Amsel war weiß, das mußt du noch wissen, damit du bestehst!
POLYXENA: Noch eines sag: War Achill in Sparta auch unter deinen Freiern?
HELENA (lächelnd): Unter meinen? Unter deinen!
POLYXENA: Deinen… Meinen…
Sie küssen einander, den Identitätstausch besiegelnd.
HELENA: Er war dort, weil alle dort waren – erinnerst du dich nicht?
HELENA und POLYXENA (abwechselnd und zusammen): Es hat mich nie eines Blickes gewürdigt, zog meinen Empfängen wilde Jagdzüge vor. Mit Patroklos durchstieg er in Mädchenkleidern die Bergwälder des Taygetos, erlegte Löwen… Wie gern wäre ich mitgekommen, hab es ihn wissen lassen – aber er mir auf meine Botschaft nicht einmal geantwortet…
Polyxena weint, Helena auch. Sie umarmen einander zärtlich.
NEOPTOLEMOS (hinter der Szene, erregt):
Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!
HELENA: Der Ton verheißt nichts Gute, in der Tat.
Geh jetzt, gehn schnell, und hab mehr Glück als ich,
der Zauber deiner Jugend helfe dir!
Dort traf ich Menelaos, eil ihm nach,
du kennst ihn an der bulligen Gestalt.
Und eines noch: Er ist mit Kleidern sorglos.
Leg ihm des Morgens frische hin, damit
er nicht tagelang dieselben anzieht!
Polyxena geht ab.
NEOPTOLEMOS (hinter der Szene, erschöpft):
Polyxena, befürchte nichts von mir,
ich führ dich meinem Vater zu als Braut!
HELENA: Ich weiß, als wär es gestern, wie ich auf
goldner Skamanderwiese Ball gespielt
und Kränze flocht für Hektor und Kassandra
aus Veilchen, Dotterblumen, Knabenkraut…
Da plötzlich kam ein Aufruhr in die Stadt:
Prinz Paris sei mit einer Griechin heimgekehrt,
die sei so schön, so schön, so wunderschön.
Ich bin schnell hin und hab sie angeschaut:
Sie war so schön wie bunter Kieselstein,
die Augen lustig und die Backen rot,
vergnügt fiel sie uns allen um den Hals
und hat mit Fröhlichkeit des Haus erfüllt,
das vorher eher steif und düster war…
3.8 Neoptolemos tritt auf.
NEOPTOLEMOS: Der Pfeil war troisch, der Bogen griechisch, Vater abgeschossen wie ein tollwütiger Hund von irgendeinem gedungenen Schuft! Wie kann ich je wieder einem Griechen ins Auge sehen, ohne in Versuchung zu geraten, ihn zu schlachten, wie sie Vater geschlachtet haben! Wie gern hab ich mich seiner gerühmt, wie oft mich mit seinen Taten gebrüstet – und immer dies Schweigen, Augensenken, Belächeln meiner Ahnungslosigkeit! Niemals hat er eine andere geliebt als Deianira, meine Mutter! Die Alte lügt!
HELENA: Was für eine Alte hat dir das erzählt? Starr mich nicht an! Ja, wir kennen uns! Deine Leute haben mich heute morgen auf dem Grab von Achilleus verhaftet. Ich wollte dort sterben, nichts sonst, aber ihr ließt mich nicht. Sag mir, mein Junge, wer hat dich so durcheinander gebracht?
NEOPTOLEMOS: Ich sah sie vor dem ungeheuren Brand,
wie sie zwei Tote in das Feuer trug,
und wie durch ein Wunder selber nicht verbrannte. Das Feuer machte einen Bogen um sie, als sei sie für noch Schlimmeres aufgespart. Als sie fertig war, kam sie auf mich zu, fragte mich, wer ich bin, und wollte wissen, woher ich den Reif hätte. Das konnte ich ihr sagen, denn ich hatte ihn Priamos eigenhändig abgenommen, bevor ich ihn tötete.
„Hab Dank für diese Tat,“ sagt sie darauf,
„der Alte hat nichts Besseres verdient,
er hat uns in den Untergang geführt.
Dein Vater aber hätte uns gerettet,
wär er nicht meuchlerisch ermordet worden.“
Ich frage nach, und sie bestätigt mir,
ganz Troja habe damals drauf gehofft,
daß es Polyxena gelänge, ihn an Troja zu binden. Er habe nur noch zum Schein auf griechischer Seite mitgekämpft, die Troer hätten strikte Weisung gehabt, ihn zu schonen, Verhandlungen waren im Gange, daß er am Hochzeitstag an der Spitze seiner Myrmidonen unter klingendem Spiel in Troja Einzug halten sollte, und das wäre das Ende des Krieges gewesen, denn vor einem Troja, an dessen Spitze Achilleus kämpft, hätten die Griechen sofort die Flucht ergriffen. Um das zu verhindern, müsse einer der Fürsten – wer wohl, ich frage nur: Wer wohl? – einen griechischen Bogenschützen gedungen und ihm einen Parispfeil in die Hand gedrückt haben…
Das Feuer aus den Augen dieser Alten
es hat mich tief im Innersten versengt.
Sie schulterte dann eine schwere Axt,
als wollte sie Welt in Trümmer hauen
und wankte fort.
HELENA: Beruhige dich, mörderisches Kind!
Dein Vater hat mich wirklich nie geliebt,
den Krieg beenden aber wollte er.
Du hast von ihm ein ganz falsches Bild, weil er im Krieg war, als du heranwuchsest, und aus dem, was du über ihn hörtest, hast du dir ein Idol zurechtgemacht, das wenig mit dem wirklichen Achill zu tun hatte… Weißt du, daß er am liebsten Mädchenkleider trug? In Mädchenkleidern versuchte er sich dem Krieg zu entziehen, aber Odysseus ließ die Trompete blasen, und er verriet sich, indem er zur Waffe griff. In Mädchenkleidern besuchte er Patroklos, den einzigen Menschen, den er je wirklich geliebt hat… Er war stark und kannte keine Furcht, aber diesen Krieg hat er immer gehaßt. „Warum hat man Menelaos Helena aufgezwungen? D a s war doch der Anfang allen Übels! Wäre ich sie, ich wäre auch mit dem nächsten Besten auf und davon!“ So redete er, weil nur Männer, die die Frauen nicht lieben, ihnen ein Recht auf ein Leben in Freiheit zugestehen… Ein Mädchen, das Agamemnon ihm wegnahm, war ihm Grund genug, in Waffenstreik zu treten. Ungerührt sah er zu, wie seine Landsleute von Hektor fast ins Meer getrieben wurden, doch dann fiel unseligerweise sein einziger Freund von Hektors Hand…
Helena tupft sich die Augen.
Als er Hektor getötet hatte, ging ich mit Vater zu ihm hin. Wir wollten eigentich nur den Leichnam auslösen und gleich wieder gehen… Aber er behielt uns da, Papa stellte ihm den Unfug des Krieges lebhaft vor Augen – da begann er zu weinen, wie kein anderer Grieche jemals geweint hätte. Er konnte überhaupt nicht wieder aufhören, ließ meine Hand gar nicht wieder los. So fing es an… Er schickte mir einen Korb mit frischem Fisch, ich wirkte ihm ein erzenes Kettenhemd… Dann die Verhandlungen, Tage, in denen der Krieg den Atem anzuhalten schien… Mitten in die Stille schwirrte der Parispfeil, und wenn du mich fragst, Odysseus selber, der ein ausgezeichneter Bogenschütze ist, hat ihn abgeschossen – eine so wichtige Aufgabe vertraut er keinem andern an! War er nicht der erste bei der Leiche? Was dein Vater für mich empfunden hat, weiß ich nicht, ich aber habe ihn so sehr geliebt, daß mich der Pfeil noch tiefer traf als ihn. Nur um sein Vermächtnis zu ehren, seinen Willen, den Krieg zu beenden, gab ich mich fälschlich als Helena aus, der ich an Schönheit und Jugend doch niemals gleichkomme!
NEOPTOLEMOS: Du bist schön! Ich wundere mich, daß es mir heute morgen nicht aufgefallen ist. Komm mit! Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen!
Er geht mit Helena ab.
GRIECHEN: Polyxena also war es, die uns heut morgen den vermeintlichen Frieden brachte! Eine würdige Helena wär sie gewesen, ich glaube, wir brauchen uns unseres Irrtums nicht zu schämen.
Ich folge ihnen, will dabei sein, wenn Polyxena stirbt auf Achills Grab.
Sollten wir nicht in erkaltender Asche Nachlese halten, damit wir ein wenig mehr als nur Wunden mit nach Hause bringen?
Ich mache mit, doch ich fürchte, wir werden durchsucht, und man nimmt uns alles, was irgend von Wert ist, wieder ab. Unersättlich ist der Goldhunger der Großen. Kommt, wir kehren zu den Schiffen zurück, bevor sie ohne uns abfahren. Schließlich sind wir keine Fürsten, daß unser Fehlen Beachtung fände!
Sie schicken sich an, abzugehen.
3.9 Odysseus tritt auf.
ODYSSEUS: Halt bleibt hier! Ich brauche euch noch!
GRIECHEN: Es hat keinen Zweck – wir müssen gehorchen!
Sag uns: Was sollen wir tun? Aber vergiß nicht, daß wir nur arme Krüppel sind!
Seht ihn, die Seele des Sieges, Odysseus, unbefleckt von Mord und Brand, umschreitet er mit Kennermiene das hölzerne Götzenbild!
ODYSSEUS: Dich also wollte Hekabe spalten mit der Axt, damit du uns nicht in die Hände fielst! Erkennt ihr es nicht? Es ist ein Bildnis der Pallas Athene, die Zeus Haupt entsprang und u n s beschützt! Zwar nur aus Holz und kindlich geformt, macht es sein Alter doch ehrwürdig. Wer weiß, welcher Zufall es hierher verschlug, aussetzte verkennendem, barbarischem Kult. Vergeblich hat Troja um Hilfe zu
u n s e r e r Gottheit gefleht! Ladet das Bild auf die Schultern, Männer, tragt es an den Strand zu den Schiffen!
Die Griechen legen das Bild um und schultern es.
Hekabe aber, meine Gefangene, sperre ich ein und stelle sie aus, den Menschen zur Warnung, was für eine Bestie das Weib ist, das herrscht. Troja ist Asche, der letzte Sprößling aus Priamos‘ Samen vom Turm in den Tod gestürzt. Blühe nun, Griechenland, genieße den Frieden und gib der Welt das Gesetz!
Er geht ab, die invaliden Griechen folgen ihm langsam.
GRIECHEN: Bedrohlich, unheimlich, fremd scheint mir das Frauengeschlecht. Es gleicht einem Wurzelstock, der Blüten und Blätter in Massen austreibt. Zersticht ihn der Spaten, vermehrt ihn das nur. Sein Wesen ist Wachstum, Verdoppelung, Fruchtbarkeit. Wir sind nur Blätter an diesem Stock, von Frauen geboren, von Frauen erzogen, jagen wir ewig dem Weiblichen nach, fangen es, knechten es, quälen es, töten es, aber es wächst unerschöpflich nach. Wir haben Brüste, aber verdorrte, sind verkrüppelte Frauen, immer begehrend, ruhelos umgetrieben, sie aber ruhn wie die Erde in sich.