übersetzt von Quoth
„J’ai sous ma fenêtre une très belle fontaine dont le bruit fait une de mes délices. Ces fontaines, qui sont élevées et taillées en colonnes ou en obélisques et coulent par des tuyaux de fer dans de grands bassins sont un des ornemens de la Suisse. Il n’y a de si chétif village qui n’en ait au moins deux ou trois, les maisons écartées ont presque chacune la sienne et l’on en trouve même sur les chemins pour la comodité des passans, hommes et bestiaux.“

Erster Brief an Monsieur le Maréchal de Luxembourg
Môtiers, 20. Januar 1763
Sie wünschen, Monsieur le Maréchal, ich soll Ihnen das Land beschreiben, welches ich bewohne? Aber wie? Ich erkenne nur, was mich bewegt; gleichgültige Gegenstände entziehen sich meinem Blick; meine Aufmerksamkeit ist nicht größer als das Interesse, das sie erregt, und welches Interesse vermag mir einzuflößen, was ich so weit von Ihnen entfernt vorfinde? Bäume, Felsen, Häuser, selbst Menschen sind doch nur isolierte Gegenstände, deren jeder für sich den Betrachter nur wenig fesselt: Und der allgemeine Eindruck, der die Einzelheiten zu einem Gesamtbild vereinigt, hängt von der Verfassung ab, in der wir es anschauen. Ein Bild, obgleich sich selbst immer gleich, hat doch ebenso viele Varianten, wie es unterschiedliche Stimmungen in den Herzen seiner Betrachter gibt; und diese Unterschiede, die unsere unterschiedlichen Urteile begründen, gibt es nicht nur zwischen dem einen und dem anderen Betrachter, sondern auch in ein und demselben zu verschiedenen Zeiten. Das erfahre ich aufs empfindlichste jetzt, wo ich dieses Land wiedersehe, das ich so sehr geliebt habe. Ich hoffte hier wiederzufinden, was mich in meiner Jugend bezauberte; aber alles hat sich verändert; es ist eine andere Landschaft, eine andere Luft, ein anderer Himmel, es sind andere Menschen, und da ich meine Bergbewohner nicht mehr mit den Augen des Zwanzigjährigen anschaue, finde ich sie sehr gealtert. Man sehnt sich nach der schönen Zeit von früher; und ich glaube, wir legen den Dingen all jene Veränderungen bei, die sich in uns selbst vollzogen haben, und da die Lebensfreude uns verläßt, glauben wir, es gebe sie nicht mehr. Andere sehen die Dinge, wie wir sie sahen, und werden sie sehen, wie wir sie heute sehen. Aber Sie verlangen Beschreibungen von mir, nicht Gedanken, und die meinen entführen mich wie ein altes Kind, das seinen früheren Spielen nachtrauert. Die verschiedenen Eindrücke, die dieses Land in verschiedenen Altern auf mich gemacht hat, führen mich zu dem Schluß, daß unsere Wahrnehmungen immer mehr auf uns als auf den Dingen beruhen und daß man, da wir sehr viel mehr beschreiben, was wir empfinden als was ist, wissen müßte, in welcher Stimmung der Autor eines Reiseberichts war, als er ihn niederschrieb, um beurteilen zu können, inwieweit seine Gemälde inner- oder außerhalb des Wahren liegen. Auf diesem Hintergrund wird es Sie nicht erstaunen, ein Land unter meiner Feder verdorren und gefrieren zu sehen, das ehemals für mein Gefühl so blühend, lebendig und lachend war: Sie werden nur zu leicht meinem Brief entnehmen, in welchem Lebensalter und in welcher Jahreszeit ich ihn schrieb.Ich weiß, Monsieur le Maréchal, daß ich Ihnen nicht die ganze Schweiz beschreiben muß, nur um von einem Dorf zu reden, gerade als ob das Winkelchen, das ich bewohne, eines so großen Umfeldes bedürfte. Indessen gibt es einige allgemeine Gesichtspunkte, die sich nicht von selbst verstehen und die man kennen muß, um über die Gegenstände im einzelnen zu urteilen. Um Môtiers zu kennen, muß man eine Vorstellung von der Grafschaft Neuenburg haben, und um die Grafschaft Neuenburg zu kennen, muß man eine von der ganzen Schweiz haben.Sie bietet beinahe überall die gleichen Ansichten – Seen, Wiesen, Wälder, Berge; und die Schweizer haben auch beinahe alle dieselben Sitten, gemischt aus der Nachahmung anderer Völker und ihrer ursprünglichen Einfachheit. Sie haben Lebensformen, die sich nicht ändern, weil sie sozusagen auf dem festen Grund des Klimas beruhen, auf den verschiedenen Bedürfnissen und auf dem, was die Einwohner zu beachten gezwungen sind, weil die Natur ihrer Orte es ihnen vorschreibt. So zum Beispiel die Verteilung ihrer Wohnorte, die sehr viel weniger zu Dörfern und Flecken zusammengefaßt sind als in Frankreich, sondern hier- und dorthin mit viel größerer Gleichmäßigkeit auf der Erdoberfläche ver- und zerstreut. So kommt es, daß die Schweiz, obgleich sie im allgemeinen dichter bevölkert ist als Frankreich, weniger große Städte und weniger große Dörfer hat; dafür findet man überall Häuser, das Dorf bedeckt die gesamte Gemeinde, und die Stadt erstreckt sich über das ganze Land. Die Gesamtschweiz ist wie eine große Stadt, aufgeteilt in dreizehn Quartiere, von denen die einen in Tälern liegen, die anderen an Hängen, und andere auf den Bergen. Genf, St. Gallen und Neuenburg sind ihre Vororte: es gibt mehr und weniger bevölkerte Quartiere, aber alle sind bevölkert genug, daß man merkt, man weilt immer in der Stadt, nur daß die Häuser nicht in Linien stehen, sondern ohne Symmetrie und Ordnung verstreut, wie sie es angeblich auch im alten Rom waren. Eben durchwandelte man noch Einsamkeiten, schon findet man Kirchlein zwischen den Tannen, Herden auf Felsen, Manufakturen auf Abhängen, Werkstätten an Gießbächen. Diese bizarre Mischung hat etwas Belebtes, Lebendiges, das Freiheit und Wohlbefinden atmet und aus dem Land, in der sie sich findet, ein in seiner Art einmaliges Schauspiel macht, geschaffen allerdings nur für Augen, die zu sehen wissen.Diese gleichmäßige Verteilung beruht auf der großen Zahl kleinerer Staaten, in die sich die großen aufteilen, auf dem rauhen Charakter des Landes, der alle Transporte erschwert, und auf der Art der Produktion, die, mehrheitlich Weidewirtschaft, verlangt, daß man an Ort und Stelle verzehrt, und so die Menschen wie die Tiere gleichermaßen verteilt hält. Das also ist der größte Vorzug der Schweiz, ein Vorzug, den viele ihrer Bewohner vielleicht als Unglück ansehen, den sie aber aus sich ganz allein hat, den nichts ihr wegnehmen kann, der den Schweizern zum Trotz den Fortschritt des Luxus und der schlechten Sitten aufhält oder verzögert und der auf die Dauer der Zeit jener erstaunlichen Schwächung der Menschen entgegenwirkt, die in anderen Ländern zu beobachten ist.Soweit das Gute; und jetzt das Schlechte, herbeigeführt von ebendiesem Guten. Vorzeiten genügten die Schweizer, umschlossen von ihren Bergen, sich selbst; dann aber haben sie angefangen, mit anderen Nationen in Verbindung zu treten, haben an ihrer Lebensform Geschmack gefunden und haben sie nachahmen wollen; sie haben gemerkt, was für ein gutes Ding das Geld sei und haben es haben wollen; ohne Produktion und ohne Industrie, um es anzulocken, haben sie sich auf auf den Handel geworfen, haben sich einzeln an die Mächtigen verkauft, und haben dadurch gerade genug Geld verdient, um zu fühlen, daß sie arm waren; und da es in einem Land, das nichts erzeugt und das keinen Anschluß ans Meer hat, so gut wie keine Mittel gibt, das Geld zum Zirkulieren zu bringen, hat es ihnen nur neue Bedürfnisse eingeflößt, ohne aber ihre Ressourcen zu vergrößern. So haben ihre ersten Verdingungen als Truppen sie gezwungen, sich in immer größerem Maßstab zu verdingen. Da das Leben immer mehr verschlang, konnte dasselbe Land die gleiche Zahl von Bewohnern nicht mehr ernähren. Das ist der Grund für die Entvölkerung, die man in der ganzen Schweiz zu spüren beginnt. Sie unterhielt ihre zahlreichen Einwohner, als sie zuhause blieben; seit aber die eine Hälfte von ihnen weggeht, kann sie kaum mehr die andere ernähren.Das Schlimmste aber ist, daß von der Hälfte, die fortgeht, genug Leute zurückkommen, um alle, die geblieben sind, durch die Nachahmung der Sitten anderer Länder zu verderben, vor allem der Sitten Frankreichs, das mehr Schweizer Truppen beschäftigt als irgendeine andere Nation. Ich sage verderben, ohne in die Erörterung einzutreten, ob die französischen Sitten gut oder schlecht in Frankreich sind, weil diese Frage sich zweifelsfrei für die Schweiz beantworten läßt, denn es ist unmöglich, daß die gleichen Gebräuche zu Völkern passen, die immer gezwungen sein werden, unterschiedlich zu leben, weil sie nicht dieselben Ressourcen haben und weder unter demselben Klima, noch auf demselben Boden wohnen.Das Zusammentreffen dieser beiden Ursachen, der einen guten und der anderen schlechten, wird überall spürbar, er ist der Grund für alles, was man an Besonderem in den Sitten der Schweizer feststellt und besonders für den bizarren Kontrast von Gesuchtheit und Einfachheit, den man in all ihren Lebensweisen findet. Sie verkehren alle Sitten, die sie übernehmen, ins Gegenteil – nicht aus Mangel an Geist, sondern vermöge der Sachzwänge. Indem sie die Sitten der großen Städte in ihre Wälder tragen, wenden sie sie auf die komischste Weise an: Sie wissen nicht, was es heißt, auf dem Land zu leben; inmitten ihrer Felsen sind sie geschmückt, als wären sie in Paris; sie tragen unter ihren Tannen all die Quasten des Palais Royal, und ich habe welche vom Heumachen zurückkommen sehen in einem Westchen aus gefälbeltem Musselin. Ihre Feinheit hat immer etwas Plumpes, ihr Luxus wirkt immer irgendwie grob. Sie haben Zwischengerichte, aber sie essen schwarzes Brot, sie servieren ausländische Weine und trinken Fusel, feine Ragouts begleiten ihren ranzigen Speck und ihren Kohl, sie bieten Ihnen zum Frühstück Kaffee und Käse an, zum Vesper Tee mit Schinken; die Frauen tragen Spitze und sehr grobes Leinen, geschmackvolle Kleider und bunte Strümpfe; ihre Diener, seien es Ochsentreiber oder Lakaien, tragen die Livree von Kellnern und mischen den Geruch nach Dung in den der Gerichte.Da man Luxus nur genießt, indem man ihn zeigt, hat er ihre Gesellschaft stärker zusammengeschweißt, hat ihnen jedoch die Freude am einsamen Wohnen nicht genommen. Niemand hier ist überrascht, mich den Winter auf dem Land verbringen zu sehen; tausend andere Weltleute machen es genauso. Man wohnt weit auseinander, aber man begegnet einander bei langen und häufigen Besuchen. Um Garderobe und Mobiliar vorzuzeigen, muß man Nachbarn einladen und sie besuchen, und weil diese Nachbarn oft ziemlich entfernt wohnen, ergeben sich daraus immer wieder Reisen. Niemals habe ich ein so bewegliches Volk wie die Schweizer gesehen; daran kommen die Franzosen nicht heran. Überall treffen Sie nur Wagen an; keinem Haus fehlt der seine, und die Pferde, die die Schweiz im Überfluß besitzt, sind nichts weniger als unnütz auf dem Lande. Aber weil diese Ausflüge oft dem Besuch von Frauen gelten, besteigt man das Pferd – wenn man es besteigt, was immer seltener vorkommt – in hübschen weißen und gut strammgezogenen Strümpfen, und man kleidet sich für die Postzustellung beinahe genauso wie für den Ball. So ist nichts so glanzvoll wie die Straßen der Schweizer; man trifft dort alle Naslang kleine Herren und schöne Damen, man sieht nichts als Blau, Grün und Rosenfarbe – man könnte sich im Jardin de Luxembourg wähnen.Eine Wirkung dieses Verkehrs ist es, daß den Leuten der Geschmack am Wein fast abhanden kommt, und gegenteilig dazu bewirkt dies ambulante Dasein, daß oft und überall gute Wirtshäuser in der Schweiz am Weg liegen. Ich weiß nicht, warum man die französischen so über den grünen Klee lobt; sie kommen den hiesigen in keiner Weise gleich. Es ist wahr, daß man in ihnen sehr teuer lebt; aber das trifft auch für das häusliche Leben zu, und es wäre auch nicht anders in einem Land, das wenig Lebensmittel hervorbringt und wo das Geld zu zirkulieren nicht aufhört.Die drei einzigen Waren, die sie anbieten können, sind bisher Käse, Pferde und Männer; aber seit der Einführung des Luxus genügt ihnen dieser Handel nicht mehr, und sie haben ihm den der Manufakturen hinzugefügt, die sie den französischen Flüchtlingen verdanken; eine Ressource, die indessen wichtiger zu sein scheint, als sie es ist; denn da der Preis der Lebensmittel mit der Zahl der verschiedenen Arten steigt und weil der Ackerbau vernachlässigt wird, wenn man Vorteil aus anderen Arbeiten zieht, sind sie mit mehr Geld dennoch nicht reicher; was sich zeigt beim Vergleich mit den katholischen Schweizern, denen diese Ressource fehlt, weshalb sie zwar ärmer an Geld sind, aber nicht weniger gut leben.Es ist sehr merkwürdig, daß ein so rauhes Land, dessen Bewohner so viel Neigung zeigen, es zu verlassen, ihnen doch eine so zarte Liebe einflößt, daß der Schmerz, es verlassen zu haben, sie am Ende fast alle zurückführt und die, die nicht zurückkehren können, mit einer Krankheit segnet, die manchmal zum Tode führt und die sie, glaube ich, Hemvé nennen. Es gibt in der Schweiz eine berühmte Weise mit dem Namen Kuhreigen; die Hirten spielen sie auf ihren Hörnern und lassen das ganze Land von ihr widerhallen. Diese Weise, die als solche nichts Besonderes ist, die aber in den Schweizern tausend Heimatideen wachruft, läßt sie Ströme von Tränen vergießen, wenn sie sie in fremdem Lande hören. Es sind daran vor Schmerz so viele verstorben, daß durch königlichen Erlaß verboten wurde, den Kuhreigen in den Schweizertruppen zu spielen. Aber, Monsieur le Marechal, Sie wissen all das vielleicht besser als ich, und die Betrachtungen, zu denen diese Dinge Anlaß bieten, liegen auf der Hand. Deshalb möchte ich mich auf die Bemerkung beschränken, daß Frankreich gewiß das beste Land der Welt ist, wo alle Bequem- und Annehmlichkeiten zum Wohl der Bürger zusammenkommen. Indessen hat es doch, soweit ich weiß, nie den Fall gegeben, daß ein Franzose in fremdem Land vom Hemvé oder vom Kuhreigen veranlaßt worden wäre, vor Schmerz zu weinen und zu sterben, und diese Krankheit verringert sich stark bei den Schweizern, seit man in ihrem Lande annehmlicher lebt.Die Schweizer sind im allgemeinen amtlich gerecht, barmherzig, verläßliche Freunde, tapfere Soldaten und gute Bürger, aber intrigant, mißtrauisch, eifersüchtig, neugierig, geizig, und wenn ihr Luxus sich in Grenzen hält, dann mehr wegen ihres Geizes als wegen ihrer Schlichtheit. Sie sind normalerweise gesetzt und phlegmatisch, aber sie sind rasend im Zorn, und ihre Freude ist eine Trunkenheit. Ich habe nichts so Lustiges gesehen wie ihre Vergnügungen. Es ist erstaunlich, wie traurig und matt, mit wie geringer Grazie das französische Volk tanzt und wie springlebendig die Tänze der Schweizer sind. Die Männer zeigen dabei ihre natürliche Kraft und die Mädchen tanzen mit bezaubernder Leichtigkeit: Man könnte glauben, die Erde brenne ihnen unter den Füßen.Die Schweizer sind rechtschaffen und listig in Verhandlungen; die Franzosen, die sie schwerfällig finden, sind sehr viel weniger gewitzt als sie, weil sie über ihren Geist nach ihrem Akzent urteilen. Der französische Hof hat ihnen immer geriebene Leute schicken wollen und hat sich immer geirrt. In dieser Art des Fechtens übertreffen sie im allgemeinen die Franzosen. Aber schicken Sie ihnen rechtschaffene und standfeste Leute, so Sie werden mit ihnen machen, was Sie wollen, denn natürlich lieben sie Sie. Der so geistvolle Marquis de Bonnac, der für gerissen galt, hat nichts bewirkt in der Schweiz, und dabei hat doch einstmals der Mareschal de Bassompierre dort alles erreicht, was er wollte, weil er ehrlich war oder bei ihnen dafür galt. Die Schweizer werden bei Verhandlungen immer im Vorteil sein, solange sie von ihrer Obrigkeit nicht verkauft werden – vorausgesetzt, sie können leichter auf Geld verzichten als ihre Obrigkeit auf Menschen, denn was Ihr Getreide betrifft, so haben sie es, wenn sie nur wollen, nicht nötig. Auch muß man einräumen, daß sie ihre Verträge nicht nur gut abschließen, sondern noch zuverlässiger halten, eine Treue, die ihnen zu erwidern man sich nicht gereizt fühlt.Ich sage Ihnen nichts, Monsieur le Mareschal, von ihrer Regierung und ihrer Politik, weil mich das zu weit führen würde und weil ich zu Ihnen nur von dem sprechen möchte, was ich gesehen habe. Was nun die Grafschaft Neuenburg betrifft, in der ich wohne, so wissen Sie, daß sie dem König von Preußen gehört. Nachdem dieses kleine Fürstentum vom Königreich Burgund abgetrennt worden war, durchlief es in Folge die Häuser Châlons, Hochberg und Longueville und fiel 1707 schließlich durch die Entscheidung der Landstände, der geborenen Richter über die Rechte der Prätendenten, an das Haus Brandenburg. Ich werde nicht in die Prüfung der Gründe eintreten, aus denen der König von Preußen dem Prinzen Conti vorgezogen wurde, noch in die der Einflüsse, die andere Mächte in diesem Handel gehabt haben könnten. Ich begnüge mich mit der Bemerkung, daß im Wettbewerb dieser beiden Fürsten eine Ehre eine Rolle spielte, auf die die Neuenburger nicht verzichten wollten, nämlich die, eines Tages einem großen Feldherrn anzugehören. Im übrigen haben sie unter ihren Herrschern dieselbe Freiheit bewahrt, deren sich die anderen Schweizer erfreuen; aber vielleicht verdanken sie das mehr ihrer Lage als ihrer Fähigkeit; denn ich finde, für weise Leute sind sie ziemlich launisch.All das, was ich gerade über die Schweizer im allgemeinen gesagt habe, charakterisiert das Volk von Neuenburg noch mehr, und der Kontrast zwischen dem Natürlichen und der Nachahmung macht sich hier noch stärker bemerkbar, mit dem Unterschied freilich, daß das Natürliche weniger Substanz hat und daß, anders als bei einer kleinen Münze, die Vergoldung den ganzen Untergrund bedeckt. Das Land, wenn man die Stadt und die Seeufer ausnimmt, ist ebenso rauh wie die übrige Schweiz, das Leben ist ebenso ländlich, und die Bewohner, gewohnt, unter Fürsten zu leben, sind hier den großartigen Allüren noch mehr ergeben; dergestalt, daß man hier in allen Ständen die Redeweise und die Sitten von Schönrednern findet, die auf dem Feld arbeiten, und von Höflingen im Drillich. Man nennt die Neuenburger auch die Gascogner der Schweiz. Sie haben Geist und ein überschäumendes Temperament; sie lesen und profitieren von ihrer Lektüre; selbst die Bauern sind gebildet; fast alle haben eine kleine Sammlung ausgesuchter Bücher, die sie ihre Bibliothek nennen; bezüglich der Neuigkeiten sind sie auf dem Laufenden; all das bringen sie im Gespräch auf eine Weise an, die nichts Linkisches hat; und sie haben beinahe den Ton des Tages drauf, gerade als ob sie in Paris lebten. Vor einiger Zeit ging ich spazieren und blieb vor einem Haus stehen, wo Mädchen klöppelten. Die Mutter wiegte ein kleines Kind, und ich sah ihr dabei zu, als ein beleibter Bauer aus der Hütte trat und mich ungezwungen mit den Worten ansprach: „Sie sehen, daß man Ihre Vorschriften nicht allzu streng befolgt, aber unsere Frauen gehorchen ebenso den alten Vorurteilen, wie sie die neuen Moden lieben.“ Ich fiel aus allen Wolken. Ich habe unter diesen Leuten hundert Bemerkungen der gleichen Art gehört.Viel Geist und noch mehr Anspruch, aber ohne jeden Geschmack – das ist es, was mich bei den Neuenburgern zuerst am meisten befremdet hat. Sie sprechen gut und ungezwungen, aber sie schreiben schlecht und platt, besonders wenn sie leicht schreiben wollen, und das wollen sie immer. Wie sie keine Ahnung davon haben, worin die Anmut und das Salz des leichten Stils besteht, so halten sie sich, kaum haben sie ein paar aufgeweckt-schwerfällige Sätze aneinandergereiht, für ebenso viele Voltaires und Crébillons. Sie haben einen Zeitungsstil, in dem sie sich bemühen, zugleich reizend und geschwätzig zu sein. Sie stopfen sogar noch kleine Verse nach ihrer Art hinein. Madame la Mareschale fände wenn schon kein Amusement, so doch Beschäftigung in diesem Mercure, denn er ist von einem Ende zum anderen ein Buchstabenrätsel, das eines besseren Ödipus bedarf, als ich einer bin.Die Kleidung ist fast dieselbe wie im Kanton Bern, aber mit ein bißchen mehr Kontur. Die Männer kleiden sich ziemlich à la française, und das würden die Frauen auch gern tun. Aber da sie kaum reisen und nicht wie die Männer die Mode aus erster Hand haben, übertreiben und entstellen sie sie, und, überladen mit Bändern und Rüschen, sehen sie aus wie mit Lumpen geschmückt.Über ihren Charakter zu urteilen ist schwer, so sehr ist er von Getue verdunkelt. Sie halten sich für höflich, weil sie Komplimente drechseln, und für fröhlich, weil sie sie wild sind. Ich glaube, daß es auf der Welt nur ein Volk gibt, das sie im Komplimentemachen übertrifft: die Chinesen. Man trifft müde und in Eile ein – egal, zuerst muß man die Flanke ihrer Geschützsalve aussetzen, und wenn die Maschine einmal angelaufen ist, dann spielt sie und läuft bei jedem Neuankömmling wieder an. Die französische Höflichkeit besteht in dem Bemühen darum, daß die Menschen sich wohlfühlen und man es auch selbst tut. Die Neuenburger Höflichkeit ist es, Unbehagen zu verbreiten – bei sich selbst und bei den anderen. Sie fragen sich nie, was Ihnen gefällt, sondern nur, was ihrem angemaßten savoir-vivre entspricht. Ihre übertriebenen Anerbietungen führen nie in Versuchung; sie haben immer etwas Formelhaftes, irgendwas Trockenes und Gekünsteltes, das zum Ablehnen einlädt. Indessen sind sie in der Tat gefällige und verläßliche Gastgeber, besonders für Leute von Rang; man ist immer sicher, gut von ihnen aufgenommen zu werden, wenn man sich als Marquis oder Graf ausgibt, und weil eine so leicht zugängliche Ressource den Abenteurern nie ermangelt, haben sie von denen oft welche in der Stadt und empfangen sie normalerweise sehr festlich, was sie mit einem einfachen Ehrenmann, unglücklich und tugendhaft, nicht machen würden – man kann hier einen großen Namen ohne Verdienst haben, aber kein großes Verdienst ohne Namen. Im übrigen dienen sie denen, denen sie dienen, gut. Sie halten ihre Versprechen und vernachlässigen normalerweise nicht ihre Schützlinge. Es kommt sogar vor, daß sie liebenswürdig und feinfühlig sind, aber nichts ist entfernter vom Ton des Gefühls als der, den sie pflegen, alles, was sie aus Menschlichkeit tun, scheint aus Prahlsucht getan, und ihre Eitelkeit verbirgt ihr gutes Herz.Diese Eitelkeit ist ihr wichtigstes Laster, sie durchdringt alles, und das um so leichter, je tölpelhafter sie ist. Sie halten sich alle für Edelleute, obgleich ihre Herrscher selbst nur Edelleute waren. Sie lieben die Jagd, weniger weil sie ihnen Freude macht, als weil sie ein adliges Vergnügen ist. Schließlich sah man nirgends Bürger, die so eingebildet auf ihre Geburt sind; sie rühmen sich ihrer nicht, aber man sieht, wie sie sie beschäftigt, sie sind nicht stolz auf sie, sie ist ihnen nur zu Kopf gestiegen.In Ermangelung der Würden und Titel des Adels haben sie militärische und Ziviltitel in solchem Überfluß, daß es mehr Menschen mit als ohne Titel gibt. Da gibt es den Herrn Obrist, den Herrn Major, den Herrn Hauptmann, den Herrn Leutnant, den Herrn Rat, den Herrn Kastellan, den Herrn Bürgermeister, den Herrn Richter, den Herrn Professor, den Herrn Doktor, den Herrn Ältesten. Wenn ich hier meinen alten Beruf hätte wiederaufnehmen können, so wäre aus mir ohne Zweifel der Herr Kopist geworden. Die Frauen tragen die Titel ihrer Ehemänner, Frau Rat, Frau Minister; meine Nachbarin ist Frau Major, und da man hier die Menschen nur nach ihren Titeln kennt, ist man in Verlegenheit, wie man Leute anreden soll, die nur ihren Namen haben – gerade als ob sie keinen hätten.Der Menschenschlag hier ist nicht schön; man sagt, er sei degeneriert. Die Mädchen haben viel Freiheit und machen Gebrauch davon. Sie treffen sich oft zu Gesellschaften, wo man spielt, wo man Kaffee trinkt, schwatzt und wohin man nach bestem Vermögen die jungen Männer lockt; aber leider sind sie knapp, und man muß sich um sie reißen. Die Frauen leben recht sittsam; es gibt in Neuenburg sehr gute Haushaltungen und es gäbe noch mehr davon, wenn so etwas wie ein gutes Zusammenleben mit dem Ehegatten möglich wäre. Da im übrigen viele Frauen auf dem Lande leben, weniger und mit geringerem Nutzen lesen als die Männer, haben sie keinen sonderlich reichen Geist, und im Müßiggang ihres Lebens haben sie keine anderen Ressourcen als das Klöppeln, das genaue Ausspähen der Angelegenheiten anderer, den Klatsch und das Spielen. Es gibt indessen sehr Liebenswürdige unter ihnen; aber im allgemeinen findet man in ihrer Unterhaltung nicht diesen Ton, den Dezenz und Ehrbarkeit selber verführerisch machen und den die Französinnen so gut anzunehmen wissen, wenn sie wollen, diesen Ton, der das Fühlen der Seele enthüllt und Romanheldinnen in Aussicht stellt. Die Konversation der Neuenburgerinnen ist trocken oder geschwätzig, sie versiegt, sobald man aufhört zu scherzen. Die beiden Geschlechter ermangeln nicht eines guten Naturells, und ich glaube nicht, daß dieses Volk sittenlos ist, aber es ist ein Volk ohne Prinzipien, und das Wort Tugend klingt hier ebenso fremdartig und lächerlich wie in Italien. Die Religion, deren sie sich rühmen, macht sie eher mürrisch als gut. Geleitet von ihrer Geistlichkeit, kommentieren sie das Dogma, aber was Moral ist, wissen sie nicht, denn obgleich sie viel über Nächstenliebe reden, ist die, die sie haben, doch keine Liebe zum Nächsten, sondern nur die Heuchelei des Almosengebens. Für sie ist christlich ein Mensch, der jeden Sonntag zur Predigt geht, was er in der Zwischenzeit macht, ist nicht wichtig. Ihre Geistlichen hatten beim Volk großes Ansehen erworben, da ja die Fürsten katholisch waren, und sie wollten dieses Ansehen bewahren, indem sie sich in alles mischten, an allem herummäkelten und die Rechtsprechung der Kirche ausdehnten; sie erkannten nicht, daß ihre Zeit vorbei ist. Jedoch haben sie gerade wieder eine Gärung im Staat erregt, die ihren Untergang besiegeln wird. Dabei ging es um die wichtige Frage, ob die Qualen der Verdammten ewig dauern. Man glaubt es kaum, mit welchem Feuer diese Debatte geführt wurde; die über den Jansenismus in Frankreich war nicht annähernd so intensiv. Alle versammelten Körperschaften, die Völker waren im Begriff, zu den Waffen zu greifen, Geistliche wurden abgesetzt, hohe Beamte entlassen, alles wies darauf hin, daß ein Bürgerkrieg im Anzug war. Diese Affäre ist wohl beendet, hinterläßt aber tiefe Erinnerungsspuren. Hätten sich alle damit abgefunden, zur Hölle zu fahren, hätten sie sich nicht länger darum sorgen müssen, was dort passiert.Das sind die wichtigsten Anmerkungen, die ich bislang zu den Bewohnern des Landes, in dem ich lebe, zu machen habe. Sie werden Ihnen vielleicht ein wenig hart klingen dafür, daß sie von einem Mann kommen, der von seinen Gastgebern spricht, weshalb ich Sie nicht im Unklaren darüber lasse, daß ich hier niemandem für seine Gastlichkeit den geringsten Dank schulde. Ich habe mich nicht an die Herren von Neuenburg mit der Bitte um ein Asyl gewandt, das sie mir sicherlich nicht gewährt hätten, sondern an Mylord Mareschal, und ich lebe hier als Gast ausschließlich des Königs von Preußen. Im Gegenteil: bei meiner Ankunft auf dem Gebiet des Fürstentums hat sich der Magistrat der Stadt Neuenburg zu meinem Empfang beeilt, mein Buch zu verteidigen, ohne es zu kennen, die Geistlichkeit jedoch hat es beim Staatsrat angezeigt; noch nie sah man Leute sich so sehr sputen, die Dummheiten ihrer Nachbarn nachzuahmen. Ohne die ausdrückliche Protektion von Mylord Mareschal hätte man mich sicherlich nicht in Frieden gelassen in diesem Dorf. So viele Banditen suchen ihre Zuflucht in diesem Land, daß diejenigen, die es regieren, die unterdrückten Unschuldigen nicht von den verfolgten Bösewichten zu unterscheiden wissen – oder sich wenig Mühe geben, es zu tun. Das Haus, das ich bewohne, gehört der Nichte eines alten Freundes, Monsieur Roguin. So bin ich weit davon entfernt, den Herren von Neuenburg in irgendeiner Weise verpflichtet zu sein, ich habe darüber nicht zu klagen. Im übrigen habe ich keinen Fuß in ihre Stadt gesetzt, sie sind mir in jeder Hinsicht fremd, ich schulde ihnen nur Gerechtigkeit, wenn ich von ihnen rede, und die erweise ich ihnen.Noch leichteren Herzens erweise ich sie denen unter ihnen, die mich mit Freundlichkeiten, Angeboten und Höflichkeiten aller Art überhäuft haben. Geschmeichelt von ihrer Wertschätzung und gerührt von ihrer Güte, werde ich es mir immer zur Pflicht und zum Vergnügen machen, ihnen meine Verbundenheit und Dankbarkeit auszudrücken; aber der Empfang, den sie mir bereiteten, hat nichts zu tun mit der Neuenburger Regierung, die mir einen ganz anderen bereitet hätte, wenn sie darüber hätte entscheiden können. Ich muß noch hinzufügen, daß die Böswilligkeit der Geistlichkeit nicht zweifelhaft ist, daß ich aber insbesondere mit dem Pfarrer, dessen Gemeinde ich bewohne, sehr zufrieden bin. Er kam mich bei meiner Ankunft begrüßen, bot mir tausend Dienste an, was keinesfalls leeres Gerede war, wie sich in einer wichtigen Angelegenheit zeigte, wo er die Mißlaunigkeit von mehr als einem seiner Amtsbrüder riskierte, um sich mir als wahrer Seelenhirte zu erweisen. Ich war um so weniger auf seine Redlichkeit gefaßt, als er in den vorausgehenden Streitereien eine Rolle gespielt hatte, die nicht auf einen toleranten Geistlichen hoffen ließ. Darüberhinaus ist er in Gesellschaft ein sehr fröhlicher Mensch, dem es nicht an Geist fehlt, der manchmal gut predigt und oft sehr gut erzählt.Ich bemerke, daß dieser Brief ein Buch ist, und habe doch noch nicht einmal die Hälfte meines Berichtes abgelegt. Ich lasse Sie, Monsieur le Mareschal, zu Atem kommen und den zweiten Teil ein anderes Mal folgen.
Zweiter Brief an denselben

Môtiers, 28. Januar 1763
Es braucht Kraft, Monsieur le Maréchal, um in dieser Jahreszeit den Ort, an dem ich lebe, zu beschreiben. Wasserfälle, Eis, nackte Felsen, schwarze, schneebedeckte Tannen, das sind die Dinge, von denen ich umgeben bin, und weil das Land zum Bild des Winters den Aspekt der Dürre hinzufügt, verspricht sein Anblick nur eine recht trübselige Beschreibung. Es ist in allen Jahreszeiten kahl, erschreckend kahl aber in dieser. Ich muß es Ihnen darstellen, wie ich es vorfand, als ich ankam, und nicht, wie ich es heute sehe, wobei das Interesse, das Sie an mir nehmen, mich ohnehin zwingen würde, Ihnen davon zu erzählen.Stellen Sie sich also ein kleines Tal vor, eine gute halbe Meile breit und etwa zwei Meilen lang, und in seiner Mitte fließt ein kleiner Fluß, die Areuse, von Nordwesten nach Südosten. Dieses Tälchen wird von zwei Bergketten gebildet, die Ausläufer des Juragebirges sind und zu ihren Ende hin zusammenlaufen, doch bleibt es offen genug, um in der Ferne seine Verlängerungen zu sehen, welche sich zwischen Bergzügen verästeln und mehrere schöne Ausblicke bieten. Das Tal nennt sich Val-de-Travers nach einem Örtchen, das an seinem östlichen Ende liegt, und es ist mit vier oder fünf weiteren Dörfern ausgestattet, die in geringem Abstand voneinander liegen; das Dörfchen Môtiers bildet die Mitte und wird beherrscht von einem alten verlassenen Schloß, dessen Nachbarschaft und einsame, wilde Lage mich auf meinen Vormittagsspaziergängen oft anziehen, und das um so mehr, als ich das Haus nach dieser Seite durch eine Hintertür verlassen kann, ohne durch die Straße oder an irgendeinem Haus vorbeigehen zu müssen. Man sagt, daß der Wald und die Felsen, die das Schloß umgeben, stark mit Vipern bevölkert seien; jedoch, obgleich ich die ganze Umgebung viel durchstreift und mich auf alle Arten von Plätzen gesetzt habe, bisher habe ich keine gesehen.Außerhalb dieser Dörfer sieht man zu den Bergfüßen hin mehrere Häuser verstreut, die Prisen genannt werden, man hält Tiere darin, einige werden von ihren Besitzern bewohnt, meistenteils Bauern. Unter ihnen ist eines fast auf der Nordseite, also nach Süden auf einer natürlichen Terrasse in der herrlichsten Lage liegend, die ich je gesehen habe; seine Schwerzugänglichkeit hätte mir das Bewohnen sehr angenehm gemacht. Ich war so sehr in Versuchung geführt, daß ich mich, seit ich es zum ersten Mal sah, beinahe mit dem Besitzer auf einen Mietvertrag verständigt hätte; aber man hat mir inzwischen so viel Unerfreuliches von diesem Mann erzählt, daß ich mich, weil mir mein Friede und meine Sicherheit wichtiger sind als eine angenehme Wohnung, entschieden habe, zu bleiben, wo ich bin. Das Haus, in dem ich wohne, hat keine so schöne Lage, aber es ist groß und bequem, hat eine Außengalerie, auf der ich mich bei schlechtem Wetter ergehen kann, und was wichtiger ist als alles andere: Es ist ein von der Freundschaft gewährtes Asyl.Die Quelle der Areuse liegt über einem Dorf mit dem Namen St. Sulpice im äußersten Westen des Tals. Von dort fließt sie zum Dorf Travers am anderen Ende, wo sie sich ein Bett zu graben beginnt, das sehr bald abschüssig wird und sie in den Neuenburger See führt. Diese Areuse ist ein sehr hübscher Fluß, klar und glänzend wie Silber, wo die Forellen Mühe haben, sich in Büscheln von Pflanzen zu verbergen. An ihrer Quelle bricht sie auf einen Schlag aus der Erde hervor, nicht als kleiner Quellfluß oder Bach, sondern ganz groß und gleich schon richtiger Fluß wie die Quelle der Vaucluse, und brodelt über die Felsen. Da diese Quelle sehr tief in den steilen Felsen eines Berges liegt, ist man dort immer im Schatten, es ist immer kühl, das Brausen, Schäumen und Strudeln des Wassers haben mich im Sommer oft über die heißen Felsen gelockt und veranlaßt, schwimmend Kühlung in der Nähe dieses Murmelns zu suchen, nein, dieses Brausens, das meinem Ohr mehr schmeichelte als das der Rue St. Martin.Die Berge, die das Tal bilden, erheben sich nicht zu allzu großer Höhe, aber das Tal selbst ist Berg insofern, als es hoch über dem Spiegel des Sees liegt, wie ja auch der Boden der gesamten Schweiz sich hoch über dem der flacheren Länder erhebt und diese ihrerseits über dem Meeresspiegel liegen. Man kann gut über das Gesamtgefälle urteilen nach dem Verlauf und der Strömung der Flüsse, die sich von den Bergen der Schweiz ergießen, die einen ins Mittelmeer und die anderen in den Ozean. Obgleich nun die Areuse beim Durcheilen des Tals häufig über ihre Ufer tritt, wodurch die Ränder ihres Betts sich in eine Art Sumpf verwandeln, riecht es doch nie morastig, die Luft ist nicht feucht und ungesund, die Lebhaftigkeit, die der Fluß aus seinem Gefälle bezieht, hindert ihn, allzu lange zu verweilen und dicke Dämpfe auszubilden, Nebel, recht häufig am Vormittag, verzieht sich normalerweise in dem Maße unter der Sonne, wie sie emporsteigt.Da zwischen Bergen und Tälern der Blick immer wechselseitig ist, ist der, den ich hier am Grund eines Tals genieße, nicht weniger weit als der, den ich auf den Höhen von Montmorency hatte, aber er ist von anderer Art; er schmeichelt nicht, er erstaunt; er ist eher wild als heiter, die Kunst stellt ihre Schönheiten hier nicht zur Schau, aber die Großartigkeit der Natur beeindruckt, und obgleich der Park von Versailles größer ist als dies Tal, erschiene er doch als ein Firlefanz, läge er hier. Auf den ersten Blick erscheint die Szene, so groß sie ist, ein wenig nackt; man sieht nur wenige Bäume im Tal; sie gedeihen hier schlecht und tragen so gut wie keine Frucht. Da die Berge sehr steil ansteigen, zeigt sich an verschiedenen Stellen das Grau der Felsen, das Schwarz der Tannen unterbricht dieses Grau mit einer Nuance, die nichts Heiteres hat, und die Tannen, die so groß und schön sind, wenn man unter ihnen steht, erscheinen aus der Ferne als Sträucher, die weder die Zuflucht noch den Schatten verheißen, die sie doch zu geben vermögen. Der Grund des Tals, beinahe auf der Höhe des Flusses, scheint an seinen beiden Ufern nichts als einen großen Sumpf zu bieten, den man nicht begehen kann; die Rückstrahlung von den Felsen verspricht an einem Ort ohne Bäume keinen sonderlich erfrischenden Spaziergang, wenn die Sonne scheint; sobald sie untergeht, gibt es kaum eine Dämmerung, weil die Höhe der Berge das ganze Licht abfängt und den Tag augenblicklich in Nacht umschlagen läßt.Ist auch der erste Eindruck von all dem nicht sonderlich angenehm, so ändert er sich unmerklich, sobald man eine Prüfung anstellt, die mehr ins Einzelne geht, denn dann findet man zu seiner Überraschung heraus, daß man in einem Land lebt, in dem man mit dem ersten Blick alles gesehen zu haben glaubte und doch jeden Tag von interessanteren Gegenständen umgeben ist. Der Spaziergang durch das Tal ist zwar ein wenig einförmig, aber dafür ist er außerordentlich angenehm. Alles ist vollkommen eben, die Wege sind verbunden wie die Alleen eines Parks, an den Ufern des Flusses breiten sich stellenweise große Wiesen aus, deren Grün schöner ist als das der Rasen des Palais Royal, man promeniert mit Entzücken dieses schöne Gewässer entlang, das seinen friedlichen Lauf durch das Tal nimmt, Steine und Felsen hinter sich zurücklassend, die es am Ausgang des Val-de-Travers wiederfindet. Man hat vorgeschlagen, die Ufer mit Weiden und mit Pappeln zu bepflanzen, die während der Tageshitze dem von Fliegen geplagten Vieh Schatten spenden. Sollte dieser Plan jemals Wirklichkeit werden, dann werden die Ufer der Areuse ebenso bezaubernd sein wie die des Lignon, und sie bedürfen nur noch der Astrées, Silvandres und eines d’Urfé.Da die Ausrichtung des Tals den Lauf der Sonne schräg schneidet, werfen die Berge durch ihre Höhe immer einen Schatten auf eine Seite der Ebene, dergestalt, daß man durch entsprechende Wahl der Stunde und der Richtung des Spaziergangs das ganze Tal vor Sonne geschützt durchmessen kann. Indem dieselben Berge ihre Strahlen aufhalten, bewirken sie, daß die Sonne spät auf- und früh untergeht, so daß sie nicht lange auf einen herunterbrennt. Wir haben hier fast den Schlüssel zum Rätsel des Himmels, der nur drei Ellen mißt, denn es ist sicher, daß die Häuser an der Quelle der Areuse sogar im Sommer keine drei Stunden Sonne haben.Wenn man den Talgrund verläßt, um auf halber Höhe zu wandern, wie wir es einmal von Champeaux hinüber nach Andilly machten, Monsieur le Maréchal, dann geht man nicht ganz so bequem, aber der Verlust an Annehmlichkeit wird mehr als ausgeglichen durch die Vielfalt der Landschaften und der Aussichtspunkte, durch das viele, das man ständig um sich herum entdeckt, durch die hübschen Winkel, die man in den Schluchten der Berge findet, wo der Verlauf der Bäche, die ins Tal hinabstürzen, wo die Buchen, die sie beschatten, wo die Abhänge rundherum grünende und frische Zufluchtsorte anbieten, wenn man Schatten sucht. Diese Winkel und kleinen Täler sind nicht zu erkennen, wenn man die Berge von ferne betrachtet, und das fügt der Annehmlichkeit des Ortes die der Überraschung hinzu, wenn man sie plötzlich auf einen Schlag entdeckt. Wie oft habe ich mir vorgestellt, ich folgte Ihnen auf dem Spaziergang, böge um einen schroffen Felsen und sähe Sie, überrascht und entzückt, Wäldchen und Dryaden zu finden, wo Sie nichts anderes als Höhlen und Bären erwartet hatten.Das ganze Land ist voller natürlicher Sehenswürdigkeiten, die man von Mal zu Mal entdeckt und die durch das Aufeinanderfolgen der Entdeckungen jedem Tag den Reiz des Neuen verleihen. Die Pflanzenwelt öffnet hier dem, der etwas davon versteht, ihre Schatzkammern, und oft, wenn ich um mich her diesen Überfluß seltener Pflanzen sehe, trete ich sie bedauernd mit dem Fuß des Ahnungslosen nieder. Es ist indessen notwendig, eine von ihnen zu kennen, um sich vor ihren schrecklichen Wirkungen zu sichern; das ist der Eisenhut. Sie sehen eine sehr schöne, drei Fuß hohe Pflanze, geschmückt mit hübschen blauen Blüten, die Ihnen den Wunsch eingeben, sie zu pflücken. Aber kaum hat man sie ein paar Minuten in der Hand, überfallen einen Kopfschmerzen, Schwindel und Ohnmachten und man geht zugrunde, wenn man den verderblichen Strauß nicht sofort wegwirft. Diese Pflanze hat oft zu Unfällen mit Kindern und anderen Menschen geführt, die ihre gefährliche Eigenart nicht kannten. Die wilden Tiere nähern sich ihr niemals und fressen nicht einmal das Kraut um sie herum. Die Schnitter merzen sie so gut sie können aus; aber was man auch macht, es bleiben welche übrig, und ich sehe immer noch viele, wenn ich über die Berge wandre, während man sie im Tal fast völlig ausgerottet hat.Eine kleine Meile von Môtiers entfernt in der Herrschaft Travers gibt es eine Asphaltmine, die sich angeblich unter dem ganzen Land erstreckt; die Bewohner schreiben ihr bescheiden die Fröhlichkeit zu, deren sie sich rühmen und die sie angeblich sogar auf ihre Tiere übertragen. Das ist ohne Zweifel ein schöner Vorzug dieses Minerals, aber um seine Wirksamkeit zu spüren, mußte man das Schloß von Montmorency nicht verlassen. Was sie auch über ihren Asphalt an Wunderbarem alles erzählen mögen, ich habe dem Herrn von Travers ein sicheres Mittel angeraten, um eine allwirksame Medizin daraus zu bereiten, nämlich indem man Lorris oder Bordeu eine gute Pension aussetzt.Über eben diesem selben Dorf Travers ging auf in der Welt wohl einmalige Art vor zwei Jahren ein beachtlicher Erdrutsch nieder. Ein Mann, der am Fuße des Berges wohnt, hatte vor seinem Fenster, zwischen seinem Haus und dem Berg, sein Feld. Eines Morgens, der einer Nacht mit Unwetter folgte, war er sehr überrascht, beim Öffnen seines Fensters einen Wald anstelle des Feldes vorzufinden. Das ganze Gelände war in einem Stück abgerutscht und hatte sein Feld mit den Bäumen eines Waldes bedeckt, der zuvor weiter oben stand, und daraus entwickelte sich zwischen den beiden Eigentümern ein Prozeß, der in die Sammlung des Pitaval aufgenommen zu werden verdiente. Die Fläche, die der Erdrutsch freigelegt hat, ist sehr groß und von ferne sichtbar; aber man muß sie von Nahem sehen, um sich ein Bild von der Gewalt der Erschütterung, von der Ausdehnung der Leerstelle und der Größe der mitgerissenen Felsen zu machen. Dieses Ereignis, das sich kürzlich und gewißlich zugetragen hat, macht glaubhaft, was Plinius von einem Weinberg sagt, der auf diese Weise von einer Seite des Wegs auf die andere transportiert wurde. Aber wenden wir uns wieder meiner Behausung zu.Ich habe meinen Fenstern gegenüber einen wunderbaren Wasserfall, der von der Höhe des Berges den schroffen Abhang eines Felsens hinab zutal fällt mit einem Lärm, der sich von ferne besonders dann bemerkbar macht, wenn die Wassermassen groß sind. Diesen Wasserfall kann man sehr gut sehen, aber was weniger gut sichtbar ist, ist eine Grotte an der Seite seines Beckens, zu der der Zugang schwer zu finden ist, aber man findet ihn und gelangt in das recht geräumige Innere, erhellt durch ein natürliches Fenster, spitzbogig gegürtet und nach einer architektonischen Ordnung gestaltet, die weder toskanisch noch dorisch ist, sondern die Ordnung der Natur, die auch auf ihre unregelmäßigsten Werke Proportion und Harmonie verteilt. Belehrt über die Lage dieser Höhle, begab ich mich letzten Sommer dorthin, um sie nach Lust und Laune anzuschauen. Die extreme Trockenheit gab mir Gelegenheit, auf dem Bauch kriechend durch eine sehr tief liegende und niedrige Öffnung einzudringen, denn das Fenster liegt zu hoch, um es ohne Leiter zu durchsteigen. Als ich drinnen war, setzte ich mich auf einen Stein und überließ mich mit Entzücken der Betrachtung der großartigen Halle, deren Schmuck Felsanordnungen in unterschiedlicher Lage sind, die die reichhaltigste Szenerie bilden, die ich je sah – wenn es denn um Szenerien geht, die größte Kraft zeigen, die fesseln und interessieren, die zum Nachdenken anregen und die Seele erheben, die den Menschen zwingen, seine Kleinheit zu vergessen, um nur an die Werke der Natur zu denken. Verschiedene Felsen möblieren diese Kaverne, die einen haben sich gelöst und sind von der Wölbung herabgestürzt, die anderen hängen noch in verschiedenen Lagen, und alle bezeichnen sie in diesem natürlichen Bergwerk die Wirkung irgendeiner furchtbaren Explosion, deren Ursache man sich schwer ausmalen kann; denn selbst ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch würden das nicht zufriedenstellend erklären. Im hinteren Teil der Höhle, der sich ebenfalls zu einem Gewölbe erhebt, gelangt man auf eine Art Estrade und von dort über einen recht steilen Abhang auf einen Felsen, der schräg zu einem sehr dunklen Durchbruch führt, von wo man unter den Berg vordringen kann. Ich bin nicht bis dort gelangt, weil ich vor mir ein großes, tiefes Loch fand, das ich nur mit einer Planke hätte überwinden können. Außerdem befindet sich in der Höhe dieses Durchbruchs und nahe am Eingang der unterirdischen Galerie ein besonders imposant gelagerter Felsen, denn beinahe in der Luft hängend, hält er sich scheinbar durch eine seiner Ecken und lehnt sich dermaßen vornüber, daß er sich zu lösen und zu stürzen scheint, um den Betrachter zu erschlagen. Indessen zweifle ich nicht, daß er in dieser Haltung schon seit Jahrhunderten steht und noch lange so stehen wird. Aber ein derartiges Gleichgewicht, an das die Augen nicht gewöhnt sind, beunruhigt uns doch, und obgleich es vielleicht ungeheurer Kräfte bedürfte, um diesen Felsen, der so nah daran zu sein scheint, zu fallen, aus dem Gleichgewicht zu bringen, würde ich doch fürchten, ihn auch nur mit der Fingerspitze zu berühren und wollte auf der Seite seines Falls ebensowenig verharren wie unter dem Schwert des Damokles.Die unterirdische Galerie, der diese Höhle als Vorraum dient, steigt nicht weiter an, sondern verläuft ein wenig abschüssig und folgt derselben Neigung, soweit man bisher vorgedrungen ist. Neugierige haben sich hier einige Male mit Hilfskräften, mit Fackeln und allem notwendigen Gerät versehen; aber man braucht Mut, um tief in diesen schrecklichen Ort hinein vorzustoßen, und Kraft, um sich dort nicht einen krummen Buckel zu holen. Man ist bis zu einer halben Meile vorgedrungen, hat dafür die Passage, wo sie zu eng war, erweitert, die Abgründe und Löcher, die rechts und links lagen, vorsichtig überbrückt; aber es heißt bei den Leuten, daß man bis zur anderen Seite des Berges mehr als zwei Meilen unter der Erde gehen kann, dort ende die Höhle am Ufer des Sees nicht weit von der Mündung der Areuse.Unter dem Becken desselben Wasserfalls ist eine andere, kleinere Höhle, deren Zugang durch mehrere große Steine und Felsansammlungen versperrt ist, die vom Wasser hierhergeschafft zu sein scheinen. Diese Höhle, weniger zugänglich als die andere, hat nicht in gleichem Maß Neugierige angezogen wie die andere. An dem Tag, an dem ich die Öffnung untersuchte, war es unerträglich heiß; es drang jedoch ein so scharfer, kalter Wind heraus, daß ich nicht länger am Eingang zu verweilen wagte, und sooft ich zurückgekommen bin, immer habe ich denselben Wind gespürt, woraus ich schließe, daß sie eine unmittelbarere und weniger blockierte Verbindung nach draußen hat als die andere.Im Westen teilt ein Berg das Tal in zwei Zweige, in dem einen sehr schmalen liegen das Dorf St. Sulpice, die Quelle der Areuse und der Weg nach Pontarlier. Auf dieser Straße sieht man noch heute am Fels eine schwere versiegelte Kette, die hier von den Schweizern angebracht wurde, um die Burgunder daran zu hindern, von dieser Seite her einzudringen.Der andere, breitere Zweig, zur Linken vom ersteren, führt durch das Dorf Buttes zu einem verlorenen Land, das Hang der Feen genannt wird und das man von ferne sieht, weil es bergauf liegt. Dieser Hang, zu dem kein Weg führt, gilt als sehr wild und in gewisser Weise als das Ende der Welt. Auch behauptet man, daß vorzeiten die Feen sich dort aufhielten, und davon ist ihm der Name geblieben. Man sieht dort noch ihren Versammlungssaal, eine dritte Höhle, die auch ihren Namen trägt und die nicht weniger merkwürdig ist als die vorangehenden. Ich habe diese Feenhöhle nicht gesehen, weil sie ziemlich weit von hier entfernt ist, aber man sagt, sie sei wunderschön, und man sah dort vor noch nicht langer Zeit einen Thron und Sitze, sehr schön in den Stein geschnitten. All das ist verfallen und heute kaum mehr sichtbar. Außerdem ist der Eingang dieser Höhle beinahe vollständig verstopft mit Schutt und Gebüsch, und die Angst vor Schlangen und giftigen Tieren entmutigt Neugierige, die eindringen wollen. Aber wäre sie noch begehbar und hätte noch ihre erste Schönheit und Madame la Mareschale wäre in dieses Land gekommen, dann, ich bin sicher, hätte sie diese einzigartige Höhle sehen wollen, und wäre es nur zugunsten von Fleur-d’Epine und der Facardins gewesen.Je mehr ich Aussehen und Lage dieses Tals im einzelnen untersuche, um so fester bin ich überzeugt, daß es einstmals unter Wasser lag, daß das, was man heute das Val-de-Travers nennt, vorzeiten ein See war, gefüllt aus der Areuse, dem Wasserfall und vielen anderen Bächen und zusammengehalten von den Bergen, die es umgeben, weshalb ich nicht im geringsten daran zweifle, daß ich den früheren Aufenthaltsort von Fischen bewohne. In der Tat ist der Boden des Tals so vollkommen eben, daß es nur die Ablagerung von Wassern gewesen sein kann, die ihn derart geebnet hat. Die Fortsetzung des Tals fällt nicht etwa weiter ab, sondern steigt dem Lauf der Areuse folgend an, so daß dieser Fluß sich vor unermeßlichen Zeiten in Abgründe hat hineingraben müssen und so im entgegengesetzten Sinne verläuft wie das sich anhebende Gelände. Vor dieser Zeit wurde er von dieser Seite her ebenso wie von allen anderen aufgehalten und gezwungen, in sich selbst zurückzufließen, er mußte schließlich das Tal bis zur Höhe der zuerst von mir beschriebenen Höhle füllen, in der er einen Ausfluß fand oder sich öffnete durch die unterirdische Galerie, die ihm als Aquaedukt diente.Der kleine See wird indessen immer diesen Stand behalten, bis daß durch Katastrophen, wie sie zu Füßen der Berge an großen Wassern häufig sind, die Steine oder Sandmassen den Fluß dermaßen behindern, daß die Wasser keinen ausreichenden Platz mehr haben, um zu fließen. Sie steigen außerordentlich stark an, schlagen mit großer Gewalt gegen die Hindernisse, die sie zurückhalten, und öffnen sich schließlich an der schwächsten und niedrigsten Stelle einen Ausgang. Sind erst einmal die ersten Rinnsale hinüber, werden sie nicht aufhören zu graben und sich zu vergrößern, und da sich der Wasserspiegel entsprechend senkt, muß das Tal mit der Zeit trockenfallen. Auf diese Vermutung bin ich gestoßen, als ich die Höhle untersuchte, in der man so viele deutliche Spuren des Wasserverlaufs findet, und sie wurde erstmals bestätigt durch den Bericht derer, die in der unterirdischen Galerie waren und mir sagten, sie hätten stehende Wasser in den Aushöhlungen und Löchern gefunden, von denen ich gesprochen habe; sie hat sich weiter befestigt bei den Wanderungen von etwa vier Meilen, die ich von hier zu Mylord Mareschal gemacht habe, um ihn auf seinem Landsitz am Ufer des Sees zu besuchen. Dabei folgte ich, den Berg hinaufgehend, dem Fluß, der an meiner Seite in schreckliche Tiefen hinabfloß, die er allem Anschein nach nicht fertig vorgefunden und ebensowenig an einem Tag gegraben hatte. Schließlich habe ich gedacht, daß der Asphalt, der nichts als gehärtetes Bitumen ist, vielleicht ein Land anzeigt, das lange von Wasser durchtränkt war. Wenn ich zu glauben wagte, daß diese Narrheiten Sie unterhalten könnten, würde ich eine Art gezeichneten Plans zu Papier bringen, der Ihnen all das klarer machen könnte. Aber ich muß warten, daß eine günstigere Jahreszeit und ein wenig Erleichterung meiner Leiden mich befähigen, das Land zu durchstreifen.Man kann hier leben, weil es Einwohner gibt. Man findet hier auch die wichtigsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenn auch etwas weniger leicht als in Frankreich. Die Lebensmittel sind hier teuer, weil das Land nur wenig davon hervorbringt, dabei aber dicht bevölkert ist, insbesondere seit man hier Manufakturen für gefärbte Leinwand eingerichtet hat und die Uhren- und Spitzenherstellung sich vervielfacht. Um hier eßbares Brot zu haben, muß man es selber backen, und für diese Lösung habe ich mich mithilfe von Madame Levasseur entschieden. Das Fleisch hier ist schlecht, nicht weil das Land kein gutes hervorbringt, sondern weil alles Rindfleisch nach Genf oder Neuenburg gebracht wird, hier draußen schlachtet man nur Kühe. Der Fluß versorgt mit hervorragenden Forellen, aber so delikat, daß man sie frisch aus dem Wasser essen muß. Der Wein kommt aus Neuenburg und ist sehr gut, besonders der rote. Ich halte mich aber an den Weißen, der viel weniger schädlich, billiger und meiner Meinung nach gesünder ist. Kein Geflügel, wenig Wild, keine Früchte, nicht einmal Äpfel, dafür aber aromatische und haltbare Erdbeeren im Überfluß. Die Milchwirtschaft hier ist hervorragend, doch einen Käse wie den, den Mademoiselle Rose in Viry machte, bringt sie nicht hervor. Das Wasser hier ist klar und leicht. Gutes Wasser ist für mich keinesfalls gleichgültig, und ich habe lange an dem Übel gelitten, an das ich durch das Wasser von Montmorency gekommen bin.Ich habe unter meinem Fenster einen sehr schönen Brunnen, dessen Rauschen mich erfreut. Diese Quellen, zu Säulen oder Obelisken erhoben und gefasst, rinnen durch Eisenrohre in große Bassins; sie sind ein Schmuck der Schweiz. Jedes, auch das erbärmlichste Dorf besitzt ihrer wenigstens zwei oder drei, beinahe jedes abseits gelegene Haus hat seine eigene, und man findet sie sogar an den Straßen zur Bequemlichkeit der vorbeikommenden Menschen und Tiere. Ich kann gar nicht sagen, wie angenehm das klar fließende Wasser inmitten von Felsen und Wäldern während der Hitze anzuschauen ist, man ist schon erfrischt durch den bloßen Anblick, und man möchte von ihm trinken, ohne Durst zu haben.Hiermit, Monsieur le Maréchal, habe ich Ihnen eine gewisse Vorstellung von dem Ort gegeben, an dem ich mich aufhalte und an dem Sie ein geneigtes Interesse zu nehmen geruhen. Ich muß ihn lieben als den einzigen Ort auf Erden, wo die Wahrheit kein Verbrechen und die Liebe zum Menschengeschlecht keine Ketzerei ist. Hier finde ich unter dem Schutz von Mylord Mareschal Sicherheit und die Freude seines Umgangs. Die Einwohner des Ortes zeigen mir Wohlwollen und behandeln mich nicht als Geächteten. Wie könnte ich ungerührt bleiben von den Wohltaten, die man mir hier erweist, ich, der ich für Wohltaten all das Böse halten muß, das mir die Menschen nicht antun? Seit langem gewohnt, die schweren Ketten der Notwendigkeit zu tragen, würde ich ohne Bedauern den Rest meines Lebens an diesem Ort verbringen, wenn ich nur manchmal die Menschen hier sehen könnte, die es mich immer noch lieben lassen.

(In dankbarem Andenken an Henning Ritter)