Tragödien wie auf der Bühne kommen in meinem Leben nicht vor. Eine Tragödie hat einen Anfang und ein Ende, mein Leben aber scheint scheinbar endlos immer weiter zu gehen, und vielleicht einmal, wenn ich sterbe, könnte ein Eindruck von Tragik sich verfestigen, weil dann alles zuende und mit Sicherheit vieles, was ich gewollt habe, unfertig oder misslungen ist. Eine Tragödie hat immer mit Sterben zu tun, mit der Trauer, die es in uns auslöst, weil wir erkennen, wie vergeblich alles ist, wie sinnlos, wie unmittelbar zu Gott, zum Nichts, zum Teufel oder wie immer der Dramaturg heißt, der unser Lebensstück eingerichtet hat.
Erschüttert hat uns in letzter Zeit die Tragödie von zwei Frauen, Mutter und Tochter, die mit meiner Mutter befreundet waren, zwei gebildete, feine, zarte Menschen, die von einer heftigen Sehnsucht nach Sinn, nach Wahrheit, letzter Wahrheit und nach dem Schönen erfüllt waren. Die Mutter hatte lange Jahre in einer unserer Buchhandlungen verkauft, d.h. sie hatte nicht verkauft, sie hatte in Demut der Literatur gedient und oft genug heftig darunter gelitten, dass es nicht das Wahre, Gute und Schöne war, wonach die Kunden lechzten, sondern das Grausame, Wüste und Rohe. Dabei war sie nach Auskunft ihrer Chefin durchaus keine schlechte Verkäuferin; ihr Leiden unter den Seichtheiten und Trivialitäten des alltäglichen Literaturbetriebs wurde und wird ja von vielen Kunden geteilt, die, gleichsam süchtig nach Blut mit Himbeersauce, auch ihrerseits Scham empfinden und zu den Gipfeln der Literatur mit heimlicher Sehnsucht hinüberblicken, da sie ahnen, dass ihnen dort Freiheit, Freude und ein Gefallen winken, das sie in den Schinken, von denen sie doch nicht lassen können, niemals erwartet.
Frau Petri, so will ich sie nennen, weil ihr richtiger Name nichts zur Sache tut und in unserem Krogstedt nur allzu schnell der Klatsch sich auch solcher Menschen bemächtigt, die es verdienen, ihm entzogen zu bleiben, Frau Petri also hatte eine Tochter, die dem edlen Erzieherinnenhandwerk nachging, eine Buntpapierbastlerin von nachgerade magischen Qualitäten, eine so von Farblust und Farbgeistigkeit durchpulste Sylphe, dass es mir bei ihrem bloßen Anblick – sie besuchte uns manchmal in der Adventszeit – wind und weh wurde; ich hielt die Luft an, sprach unnatürlich gedämpft und empfand das sanfte und verhaltene Lächeln, mit dem Fräulein Petri eine ihrer wundervollen Buntpapierkreationen in die Welt entließ, wie einen Schnitt in mein Herz.
Beide erwiesen sich zur Freude meiner Mutter als eifrige Anhängerinnen des auch von ihr über alles geliebten Goethe, dabei freilich vor allem eines Werks, das meine Mutter immer eher gemieden, nein, noch nicht einmal gemieden, sondern draußen vor gelassen hatte: der Farbenlehre. Dieses Werk goetheschen Wissenschaftsverständnisses ist nach allgemeiner Auffassung der letzte Versuch eines universalen Geistes, sich gegen den Giganten der Physik, Sir Isaac Newton, aufzulehnen und ihm paroli zu bieten. Dass in diesem Werk die umstürzenden physikalischen Erkenntnisse, die Goethe geliefert zu haben glaubte, nicht enthalten waren, hat schon der witzige Lichtenberg erkannt, indem er es mit taktvollem Schweigen überging. Ob die Fundamente einer Farbpsychologie und nicht nur willkürlichen Farbsymbolik sich daraus ableiten lassen, sollen andere beurteilen.
Frau und Fräulein Petri jedoch arbeiteten sich nicht nur in die Systematik des goetheschen Ansatzes tief hinein, sie verfielen auch den Auslegungen seines emphatischsten Deuters, des tiefsinnigen Rudolf Steiner. Nun war es nur noch ein Schritt, den Ort zu besuchen, an dem Steiner das Goetheanum begründet hatte, Dornach bei Basel. Hier endlich tat eine Welt des zugleich Schönen und unendlich Bedeutsamen sich vor ihnen auf; und ganz erfüllt davon kehrten sie in unser stilles Krogstedt zurück. Frau Petri aber war es nun nicht länger möglich, Bücher zu verkaufen, die in rohdummer Sinnlichkeit und Gewalttätigkeit verharrten; nur noch das Zarte, das Bedeutungsvolle, in allen Farben des Regenbogens Schimmernde schien ihr die Berechtigung zu haben, über den Ladentisch zu wandern, weshalb ihre Chefin ihr unter Ausdrücken ehrlichsten Bedauerns die Kündigung nicht mehr ersparen zu dürfen glaubte. Fräulein Petri aber konnte den Lärm, der von vitalen Kindern in einem Kindergarten nun einmal ausgeht und ja auch ausgehen darf und soll – ein totenstiller Kindergarten, welch grässliche Vorstellung! – Fräulein Petri aber empfand diesen Lärm in zunehmendem Maße als ein ohrenzerreißendes Gellen, dem sie sich immer häufiger in wirkliche oder angenommende Krankheiten entzog, bis auch hier die arbeitgebende Kirchgemeinde die Geduld verlor und die Kündigung aussprach.
Die beiden in einem gründerzeitlichen Holzhaus am Casinopark lebenden Damen waren über diese Entwicklung jedoch keineswegs unglücklich, hatten sie jetzt doch endlich genügend Zeit, sich ausschließlich mit dem Schönen, dem Sinnhaften und Regenbogenfarbenen zu befassen, ja, sich daran in zunehmendem Maße zu berauschen – statt sich den freilich schweißtreibenden Freuden der Umsetzung in soziale Praxis zuzuwenden, die ebenjener Rudolf Steiner verdienstvollerweise ja ebenfalls angepriesen und gefordert hat. Fräulein Petri hatte in Andeutungen ihres Meisters über den Sinn des Leidens Anlass genug gefunden, um an die wirkliche Existenz der ehemals nur vorgeschützten Krankheit fest zu glauben; sie hielt sich für krebskrank, suchte Arzt um Arzt auf, wanderte von Koryphäe zu Koryphäe – bis die Krankenversicherung dem Schabernack nicht mehr länger zuschauen wollte und dafür sorgte, dass eine große, weithin bekannte und vertrauenswürdige psychiatrische Anstalt, die an der Küste der Ostsee belegen war, sie in ihre Mauern aufnahm.
Aber auch diese Entwicklung war nicht dazu angetan, die beiden Damen von ihrer Verranntheit ins Geistig-Bedeutsame etwa abzubringen. Fräulein Petri spazierte in elfenhafter Zartheit im Park der Anstalt einher und phantasierte sich die Explosion des Krebses in ihrem Inneren wie das Heranwachsen eines regenbogenfarbenen Mistelkindes. So erzählte sie es ihrer Mutter, in der leise Zweifel erwacht waren, ob sie und ihre Tochter sich wohl noch auf festen Wegen befänden. Diese Zweifel wurden von ihrer Tochter jedoch nicht nur nicht geteilt, sie trieb sie ihrer Mutter aus und vermochte sie, ein neues Ziel, nämlich ihn, den Vater, den Ozean, als Retter und Befreier, in den alles Leben zurückkehre, zu verstehen. Und an einem Tag, an dem die Sonne auf das wie Öl daliegende Wasser der Ostsee schien, schritten die beiden Frauen Hand in Hand und einander tapfer anlächelnd hinein in die Flut, die ihre tiefste Sehnsucht stillte.
War das nun eine Tragödie? Die Zeitung bezeichnete sie als solche. Ich will die Frage nicht näher untersuchen; die bloße Darstellung des Vorfalls hat mich schon mehr mitgenommen, als mir lieb ist.