Das Wehr

„Bitte nimm es nicht ernster, als es verdient,“ sagte sie mit einer für ihre 15 Jahre erstaunlichen Abgeklärtheit zu dem jungen Soldaten, der noch völlig durcheinander war. Überraschend war ein Liebeserlebnis über ihn hereingebrochen, und dabei hatte er dem Mädchen doch nur beim Aufpumpen des Fahrrades geholfen. Als der Reifen wieder richtig hart war, hatte sie auf den Platz neben sich auf ihrem Handtuch gedeutet, er hatte sich hingefläzt, sie hatte ihn gefragt, ob er eigentlich wisse, wie nett er sei, hatte ihn mit ihren grünen Augen spöttisch angeschaut und ihm die weiße, sommersprossige Hand auf den Arm gelegt. Ihm waren Schrammen und Blutergüsse aufgefallen, die ihren Körper verunzierten, ja, ihre äußere Erscheinung hatte ihn beinahe ein wenig abgestoßen, gar zu schmächtig und hingehuscht erschien sie ihm, als sei sie in eine Maschine geraten, die sie in sich verdreht und abgeflacht hatte.

Der Lech trug seine glasgrüne Fläche mit stummer Eile an ihnen vorüber, es war ein gigantisches Fließen, ohne dass von Fließen eigentlich die Rede sein konnte, fast hatte man das Gefühl wie in einem anfahrenden Zug: Als werde der Bahnhof vorbeigeschoben. Es war eher die Schwäche, ja, Hinfälligkeit des Mädchens, die ihn angezogen und vermocht hatte, sie zu umarmen und sich auf kindlich-eilige Art unter der Wolldecke mit ihr zu vereinen, was sie beide mit Scham erfüllte, doch er fragte nach ihrer Adresse, und darauf kam dieses „Bitte nimm es nicht ernster, als es verdient.“ Er schob ihr Rad den Berg hinauf, dort oben irgendwo gab sie vor, zu wohnen, aber bevor sie in Blickweite ihres Hauses kamen, übernahm sie das Rad und bat ihn zurückzubleiben, weil ihre Eltern sie nicht in seiner Begleitung sehen dürften, ihr Vater besonders sei streng und würde sie schlagen.

copilot f.

Rüdiger kehrte in die Kaserne zurück, wo der Ausbildungsdienst ihn ablenkte und ein Gemälde in der Kantine ihn verdross; es stellte den Sommer dar. Dieser wurde verkörpert von einer drallen Blondine, die ein Bübchen vor der Brust trug, an der freien Hand hing ein irdener Krug, eindeutig ein Blut-und-Boden-Gemälde aus der Nazizeit, über das Rüdiger sich bei der Standortverwaltung beschwerte, weil es an eine zum Glück überwundene und abgelehnte Epoche erinnere. Am nächsten Sonntag stellte er sich auf demselben Uferwiesenzipfel wieder ein, und wieder saß die Sommersprossige dort mit ihrem Fahrrad, das diesmal keinen Platten hatte, sie schien ihn erwartet zu haben, war nicht überrascht, aber diesmal sprachen sie lange miteinander, bevor sie unter der Wolldecke zusammenkrochen wie zwei Erfrierende. Sie klagte wieder über ihr Elternhaus, das ihr nur den sonntagnachmittäglichen Badegang an den Lech erlaube, sonst nichts, nicht einmal in die Pfarrgemeindejugend lasse man sie, gar nicht zu reden von Tanzveranstaltungen, und wenn ihr Vater erführe, dass sie einen Soldaten zum Liebsten hätte, er würde sie totschlagen, und sie ertrage es alles nur, weil sie einen Freund habe, dem sie alles anvertraue … Rüdiger horchte auf, aber sie lächelte ihn zärtlich an, hatte ihn absichtlich aufs Glatteis geführt und erläuterte nun, sie spreche von ihrem in Leder gebundenen Tagebuch, das mit einer Schließe verschlossen sei, für die sie den Schlüssel, sie wies auf das Kettchen an ihrem Hals, immer bei sich trage. Sie brauche das, ihrem Tagebuch erzähle sie alles. Ob er Freunde habe, denen er vertrauen könne. Das verneinte er, erwähnte aber den Kameraden mit dem Indiogesicht, der ihm immer half, beim Maskenball, wo alles schnell gehen musste, in die wechselnden Klamotten zu kommen … Der unschöne Körper der Kleinen war so geschmeidig und in all seiner Dürftigkeit so lasziv, dass Rüdiger alles tat, was er von ihm erheischte, und willenlos förmlich in ihn auslief. Anschließend war er erschöpft, traute sich nicht ins Wasser aus Angst, dem ungeheuren Druck nicht standhalten zu können und an das Wehr gedrückt zu werden, über das der Lech fast lautlos hinwegglitt, ihm war das einmal passiert, und er hatte Todesängste ausgestanden. Das Mädchen aber brach auf und bat ihn, diesmal ganz zurückzubleiben, so dass er liegen blieb und dem ungeheuren glasgrünen Vorbeigleiten zusah, bis er rennen musste, um vorm Zapfenstreich  in der Kaserne zu sein.

So ging es den ganzen Sommer, Rüdiger erhielt den Spitznamen Picasso, seit sich herumgesprochen hatte, dass er sich bei der Standortverwaltung über das Gemälde in der Kantine beschwert hatte. „Picasso, vortreten!“, befahl der Leutnant eines Mittags beim Appell, „im Dienstanzug zur Standortverwaltung! Sofort!“ Ein gemütlicher alter Major mit Doppelkinn empfing ihn Pfeife rauchend und Whisky trinkend, bot ihm auch ein Glas an, holte dann einen dicken Band „Kunst der Welt“ aus dem Schrank, schlug Pyramiden und Sphinx auf und fragte ihn: „Mögen Sie das?“ Er nickte und der Major behauptete, diese weltberühmten und immer noch sehr geschätzten Werke seien von tausenden von Sklaven errichtet worden. Dann schlug er den Blue Boy von Gainsborough auf, gegen den Rüdiger auch nichts einzuwenden hatte, der Major goss Whisky nach und erinnerte an das impressment, das Schanghaien zehntausender von Seeleuten für die britische Marine, gar nicht zu reden von dem Reichtum, der England aus den von Hunderttausenden schwarzer Sklaven bewirtschafteten Kolonien zufloss. Kunst sei immer auf einem von Zwang und Grausamkeit gedüngten Boden entstanden, so auch die Blut-und-Boden-Kunst der Nazis … Angetrunken und wütend auf sich selbst, weil ihm darauf nichts eingefallen war, kehrte Rüdiger in die Kaserne zurück und hoffte, am Sonntag erneut Trost in den Armen der Sommersprossigen zu finden. Aber sie blieb aus.

Kurz vor Schluss des Lehrgangs wurde ein Heraustreten zu ungewöhnlicher Zeit befohlen, der Leutnant war nicht allein, sondern ein Mann begleitete ihn mit einem zylindrischen Kopf, den eine brutale Glatze nach oben abschloss, ein glattrasiertes Kinn nach unten, und dazwischen nur Wut. Der Leutnant ließ sie im Stillgestanden stehen, was ungewöhnlich war, und der Fremde schritt die Front ab, schaute sich die Soldatenköpfe im Einzelnen an, und als Rüdiger ein quadratisches, in braunes Leder gebundenes Buch unter seinem Arm sah, wurde ihm mulmig. Hier wurde ein Kindsvater gesucht, und wenn die Kleine ihrem Tagebuch sein Aussehen anvertraut hatte, dann war er geliefert. Sollte er nicht am besten mannhaft den Arm heben und sich bekennen? Verdiente sie es nicht, dass er zu ihr stand? Die Vorstellung, was sie zu leiden gehabt hatte seit der Entdeckung, drehte ihm fast den Magen um. Er redete sich damit heraus, dass ein Melden, also ein Hochheben des Arms, im Stillgestanden nicht erlaubt war, der hasserfüllte Blick des Vaters tastete sein Gesicht ab und ging zum Nächsten über. Sie hatte ihn nicht beschrieben, kluges Ding! dachte er dankbar, aber nun lag die Verantwortung bei ihm: Sollte er sich davonstehlen? Mit dem Für und Wider dieser Frage beschäftigt, sah er den Mann stehen bleiben, das Tagebuch öffnen und auf eine Stelle zeigen. Der Leutnant schaute einen Soldaten namens Schlösser an, der in Kolumbien geboren war, ein hübscher Kerl mit einem Tattoo auf der Stirn, sah in das Tagebuch und nickte, Schlösser musste dem Mann ins Kompaniezimmer folgen, und Rüdiger schwankte zwischen Eifersucht und Erleichterung.

„Wir machen uns hier nicht gerade beliebt am Standort,“ sagte der Leutnant später, „wenn wir die minderjährigen Töchter der Bürger schwängern, die dann in den Lech gehen und man sammelt sie tot und plattgequetscht vom Wehr wie dieses Mädchen, dessen Leiche ich mir als Verantwortlicher habe anschauen müssen: Verdreht und mit Blutergüssen und Schrammen übersät, was für ein Ende für ein hoffnungsvolles junges Leben!“

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