Dramatisches

Das Bild zeigt Quoth the Raven (Dietrich Feldhausen)

Inhalt

MA

Personen

Hekabe
Polyxena
Deïphobos
Helena
Menelaos
Neoptolemos
Odysseus
Sinon
ein Wächter
ein Alter
Troerinnen, Troer und Griechen

Die Szene ist vor dem Königspalast in Troja, seitwärts das Bildnis der Ma.

 
Erster Akt

Troerinnen, schwarz verschleiert mit Ausnahme des Gesichts, treten auf.

TROERINNEN: Geht langsam, langsam, haltet Haus mit den Kräften, ich möchte noch leben, wenn der Krieg zuende ist.
Kommt hierher, wo die Strahlen der Sonne uns wärmen, bevor sie versinkt im schimmernden Meer.
Bestimmt hält man uns wieder für Bettlerinnen, beschimpft uns und treibt mit der Peitsche uns fort.
Worum sollten wir betteln? Wir leben wie Pflanzen von Wasser und Licht, ein paar Grassamen, im Vorbeigehen ausgerupft, reichen für den Tag.
Laut zum Palast: Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!
unter sich: Wir gaben den Mann, die Brüder, die Söhne; unsere Töchter, um nicht zu hungern, gingen als Huren zum Feind. Jetzt sind unsere Enkel und Enkelinnen dran.
Derione ist zwölf und sagt: „Ich geh für euch kundschaften. Mir, einem Kind, wird man nichts tun!“ Sie meint es ehrlich und wird doch enden in einem Bordell.
Der kleine Ojax spielt noch mit dem Holzschwert und soll schon das erzene schwingen – eher erwürg ich ihn mit eigener Hand!
Laut zum Palast Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!

Helena kommt heraus, ebenfalls verschleiert, mit einem Korb voller Laken.

TROERINNEN: Seht ihr, da kommt sie! Furchtlos war sie immer, ging uns nie aus dem Weg!
Helena nähert sich, setzt den Korb ab.
Alte Hündinnen sind wir, die dem Fremden schmeicheln und den Freund verbellen. Unsre Augen sind schlecht. Die da herauskommt, ist nicht Hekabe, es ist die andere, das Unglücksweib, Helena, die uns den Krieg auf den Hals zog, die Griechin, die verfluchte. Hätten wir sie nie gesehen!

Helena breitet ein Laken aus.

HELENA: Nun schaut euch an, wie arg es ist befleckt
mit unsres Prinzen königlichem Blut!
Ein Giftpfeil drang ihm heute in den Bauch,
lang wie ein Mann und beinah armesdick,
als hätte ihn ein Riese abgeschnellt.
Vernahmt ihr es noch nicht? Ihr scheint erstaunt!

TROERINNEN: Wir haben niemanden mehr, der uns aus der Schlacht berichtet, unsere Männer, Söhne, Brüder sind tot. Es tut uns leid, dass Paris verwundet ist. Möge er bald wieder aufkommen!
Dir aber gönne ich es, dass du endlich einmal am eigenen Leib erfährst, was Krieg ist.

HELENA: O wartet nur, ich krieg ihn wieder hin
wie damals, als er aus dem Zweikampf kam
mit Menelaos, meinem zweiten Mann,
nachdem, ihr wisst’s, Theseus mein erster war.

Ich hab ihm einen Stein ins Bett gelegt,
den ich erwärmt vom heissen Herde nahm.
Aus Wegerich hab ich ein Werg gestampft,
es hat das Blut, das sprudelnde, gestillt.
Als Gegengift flöss ich ihm schwarzen Saft,
gepresst aus Beeren eines Krautes, ein,
das auf den Lichtungen des Bergwalds wächst.
Noch einmal hab ich ihn für mich allein,
erlausche dankbar jeden Atemzug,
les jeden Wunsch ihm von den Augen ab
und schlaf beseligt ein an seiner Brust,
weil ihn der Krieg mir morgen nimmer raubt.
Jetzt aber ging mir frisches Leinen aus,
drum geh ich waschen am Skamanderquell.
TROERINNEN: Was, du willst den Schutz der Mauer verlassen und am Skamanderquell waschen, wo Achilleus Hektor erschlug und wo die Streifen der Griechen schon so mancher unbedachten Wäscherin übel mitgespielt haben? In Friedenszeiten wuschen wir immer dort, erinnern uns sehnsüchtig des heissen Wassers, aber jetzt ist es nicht ratsam, und die Wachen werden dich nicht hinauslassen.

 HELENA: Ich sage euch, ihr tapfern Frauen, Dank.
Ihr habt Unendliches dafür erduldet,
dass ich bei euch in Freiheit leben darf.
Und was auch immer ihr von mir bald hört:
Ich bleibe dieser Stadt im Herzen treu,
denn alles, was ich will, ist, dass sie lebt.
Und auch den vielen Toten bleib ich treu,
die dafür starben, dass ich nicht wie ein
Stück Vieh mich in den angestammten Stall
von meinem Eigner muss zurückführn lassen.
All euer Leiden legt ihr mir zur Last –
ich liebe euch, bin ich euch auch verhasst.

Sie verneigt sich vor dem hölzernen Bild der Ma und geht ab.

TROERINNEN: So war sie immer schon, hat mit schöner Rede und dem Glanz ihrer Augen alle Zweifelnden beschwichtigt, die Köpfe auch der Klugen vernebelt.
Mir schien sie gereift, um nicht zu sagen: gealtert und von tieferen Gedanken bewegt als sonst.
Das macht die Verwundung von Paris, die aber nicht schlimm sein kann, da sie ihn alleinlässt.
Glaubt ihr, es gibt einen Pfeil so gross, wie sie ihn beschrieb? Mannslang und armdick?
Nur einen weiss ich: Philoktet, den Meliböerfürsten, er verschiesst solche Pfeile, denn es ist der Bogen des Herakles, den er führt. Ihn aber liessen sie auf unwirtlicher Insel, unheilbar krank, zu unserem Segen zurück.
Vielleicht aber haben sie ihn doch noch geholt oder nur seinen Bogen…
Nichts wissen wir, niemand, der uns unterrichtet, halbblind tappen wir durchs dichte Gestrüpp verworrener Nachrichten.
Zum ersten Mal hab ich Helena danken hören. Das nimmt mich für sie ein.
Wie mag es ihr ergangen sein unter uns: Beladen mit der Kriegsschuld, mit Argusaugen beobachtet: Ob sie den Schleier trägt, Männer meidet und Wein, regelmässig teilnimmt an der Einkleidung unserer Beschützerin, der vielbrüstigen Ma…

Sie verneigen sich vor dem Bild.

Hast du Blutflecken gesehen auf dem Laken, das sie uns zeigte? Ich nicht.
Ich habe welche gesehen, genau in der Mitte, hellrot und gross wie auf einem Hochzeitslaken!
Wo wird sie nun waschen? Was hat sie vor? Zweideutig klang ihre Rede, und bei ihrem Dank lief mir ein Schauer über den Rücken.

Laut zum Palast:

Komm heraus, Hekabe, fruchtbare Königin, stell dich unsern Klagen, beende den Krieg!

Hekabe kommt heraus.

HEKABE: Was schreit ihr hier herum? Wisst ihr nicht, dass neues Leid das Königshaus heimsucht? Paris ist schwer verwundet, der Kronprinz, die Hoffnung der Stadt. Nicht nur ihr bringt Opfer! Ihr wisst, wieviele Söhne mir schon fielen, Kassandra ist verstört, seit sie Othryoneus brachten, ihren Bräutigam. Kindisch lachend spielte er mit seinen Eingeweiden… Und Polyxena, fast noch ein Kind und schon eine Griechenhure nicht der Tat, aber der Absicht: Verliebt in Achilleus, den furchtbarsten unserer Feinde, den Mörder Hektors – und er hat ihn geschleift! – und des zarten Troilos – ihrer Brüder! Was wollt ihr also? Was schreit ihr hier herum?

TROERINNEN: Wir haben deinen Stolz nicht nur bewundert, wir haben ihn geteilt. Wir haben mit dir gehofft und zu Ma gebetet, sie möge unseren Männern Sieg schenken. Vergebens! Seit Hektors Tod ging es bergab. Die mutige Penthesilea fiel und Memnon, der prunkvolle Mohr. Ein Aufatmen gab es, als es Paris gelang, Achill in die Ferse zu treffen. Er starb, und nach ihm aus Gründen, die wir nicht kennen, der Grosse Ajax. Da durften wir wieder hoffen, aber der Feind fand sehr schnell Ersatz. Neoptolemos kam, Achilleus‘ Sohn, der seinen Vater an mörderischer Kriegswut noch übertrifft. Sag uns nun: Ist es wahr, dass Paris von einem mannslangen, armdicken Pfeil getroffen wurde?
Hekabe nickt. Dann ist erwiesen, dass Philoktet, der Meliböerfürst, den wir schon tot glaubten, zu den Griechen gestossen ist. Hekabe nickt. Wie sollen wir einer solchen Übermacht noch lange standhalten? Von Hunger geschwächt, zitternd vor Kälte, haben wir Krankheiten kaum noch etwas entgegenzusetzen. Das Alter der Männer, die ihr ins Feld schickt, sinkt und steigt: Knaben und Greise halten dem Ansturm  des Feindes kaum stand, du aber redest noch immer von Sieg. Die Zeit des Stolzes ist vorüber. Es müssen Massnahmen ergriffen werden – jetzt gleich! Der Nacken, der nicht gebrochen werden will, muss sich beugen lernen.

HEKABE: Gern beugte ich mich unter noch so schweres Joch, aber Friedensfühler, die ich über Antenor ausstrecken liess, der das Vertrauen der Griechen besitzt, haben ergeben: Sie nehmen keine Bedingungen an. Trojas Untergang ist beschlossene Sache: Die Stadt wird niedergebrannt, die Mauer geschleift, alle Mannschaft getötet, alle Frauen versklavt und verkauft. Es bleibt uns nichts, als Zeit zu gewinnen und auf ein Wunder zu hoffen, auf Zuzug aus Lykien oder aus Thrakien. Die Könige beider Länder fielen für uns, hinterliessen Söhne, und die werden kommen, Rache für ihre Väter zu nehmen.

TROERINNEN: Wir haben es selbst in der Hand, Wunder zu wirken. Verzeih uns, wenn wir dir nachhelfen und dir sagen, dass nicht nur wir, dass auch die Griechen am Ende ihrer Kräfte sind. Zwar haben sie noch Fisch aus dem Meer, aber ihre Fischer müssen die Netze immer enger knüpfen. Fleisch gibt es nur noch, wenn sie opfern, und gerade dann gibt es oft kein Brennholz, die Männer müssen das Fleisch roh essen und murren dann: „Wir sind hergekommen, um die Barbaren zu züchtigen. Wenn wir heimkehren, werden wir selber Barbaren sein!“ Das weiss ich von meiner Tochter, die als Hure bei den Griechen lebt. Und was die Männer mit besonderer Bitterkeit erfüllt: Dass, um Menelaos die Frau zurückzuholen, die Treue ihrer Frauen auf eine so harte Probe gestellt wird. „Wer hilft uns,“ fragen sie, „wenn wir heimkehren und finden den Platz besetzt von einem andern?“ Odysseus setzt die Menge des Goldes, das angeblich hier zu holen ist, täglich herauf. Mit äusserster Mühe nur halten die Griechenfürsten ihre Männer unter Waffen – lieber heute als morgen würden sie heimkehren.

HEKABE: Und was hilft das uns?

TROERINNEN: Liefere Helena aus! Wenn sie zurückkehrt, wird die Kunde sich wie ein Lauffeuer im Lager der Griechen verbreiten. Der langgestaute Unmut wird zum Sturm anschwellen, und weder die Drohungen Agamemnons, noch die Lügen des Odysseus werden die Männer davon abhalten können, die Schiffe ins Meer zu stossen und unter Siegesjubel in die Heimat zu fahren. Soll doch Odysseus dann von den Schätzen faseln, die angeblich in Priamos‘ Burg aufgehäuft liegen! Das Kriegsvolk wird Helena fragen, und die wird ihnen berichten, dass unsere Hilfstruppen in der Schatzkammer gehaust haben wie Heuschrecken in der Ernte. Mag Agamemnon zetern, die innere Sicherheit Griechenlands sei nicht gewährleistet, solange Troja als Fluchtburg für Frauen bestehe: Helena ist dann der lebendige Beweis, dass Troja, geschwächt und gedemütigt, keine Bedrohung mehr darstellt.

HEKABE: Ich glaube, niemand wagt zu behaupten, dass ich Helena sonderlich liebe, im Gegenteil: Ich misstraue ihr und bin sicher, dass ihre Anpassung an unsere Sitten und Gebräuche nichts ist als die abgefeimte Maskerade einer gerissenen Renegatin. Niemals werde ich dulden, dass sie an Paris‘ Seite den Thron von Troja besteigt. Mitten im erbarmungslosen Abwehrkampf gegen Griechenland eine Griechin an unserer Spitze? Vielleicht wird sie dem Feind nicht gerade die Tore öffnen, aber sie wird in einen Schmachfrieden willigen, der schlimmer ist als die offene Niederlage. Dennoch muss ich euch aufs härteste widersprechen und mich wundern, dass ihr als Frauen und im Angesicht Mas es dermassen an Selbstachtung fehlen lasst, dass ihr mir nahelegt, eine Frau, die sich entschieden hat, in Troja, im Schutze von Ma, der heiligen Mutter der Mütter, als Gattin eines Troers zu wohnen, eine solche Frau zu ergreifen und gegen ihren Willen auszuliefern an ihre Verfolger. Was erwartet sie da? Gewaltsam sperrt man sie wieder in die Einehegruft, aus der sie nicht ohne Grund floh. Wisst ihr denn nicht, wie sie aussah, als sie zu uns kam? Bedeckt mit Hämatomen auf Rücken und Schenkeln, Würgemale am Hals… Lasst euch von den Troerinnen, die drüben im Lager sind, erzählen, welchen verheerenden Einfluss der Weingenuss auf die Griechen hat! Dahin also soll ich sie ausliefern? Es wäre ein Verstoss gegen die heilige Verfassung unserer Stadt, es wäre unser innerer Untergang, das Ende dessen, wofür wir kämpfen und leben, und ich bitte euch, mir nie wieder mit diesem Ansinnen zu kommen!

TROERINNEN: Wer wagt nun noch etwas zu sagen?
Ja, was hat es für einen Wert, wenn die Seele stirbt und der Körper überlebt?
Was aber wird aus flüchtigen, freien Frauen, wenn Troja nicht mehr steht?
Keine Zuflucht auf Erden, kein Ort, der sie schützt, keine Hand, die sich für sie regt!

HEKABE: Unbesudelt durch Verrat und Selbstaufgabe bleibt der Name Troja und seiner Schutzgöttin Ma dann den spätern ein Zeichen, dass griechische Art und griechisches Gesetz nicht von Göttern, sondern von Männern gemacht sind. Das wird genügen, damit im Verborgenen wie ein Pilzgeflecht die alte Frauenfreiheit weiterlebt.

TROERINNEN: Weit hinaus denkst du über uns, verlangst viel von uns, die wir nur leben, uns in der Sonne wärmen wollen wie Eidechsen. Magst du recht haben oder auch nicht, wir sind zu schwach, dir zu widersprechen.

HEKABE: Auch ich bedaure, dass wir Kinder und Greise zu den Waffen rufen müssen. Der Tag ist nicht fern, an dem wir dazu übergehen müssen, auch Frauen an den Waffen auszubilden und, nach dem leuchtenden Vorbild Penthesileas, ins Feld zu schicken.

TROERINNEN: Bitte sorg dafür, dass Phalkes, mein Enkel, zu den Bogenschützen kommt. Er hat es sich immer so sehr gewünscht.

HEKABE: Erinnere mich, wenn es nicht geschieht. O, mein Sohn! Du bringst mir Nachricht, wie es Paris geht!

Deïphobos tritt auf.

TROERINNEN: Das ist Deïphobos, ihr dritter Sohn, seit Hektors Tod nach Paris der zweite.
Staubverkrustet sind Leib und Gesicht, durchfurcht von Rinnsalen ätzenden Schweisses.

DEIPHOBOS: Ich grüsse dich, erhab’ne Königin.

HEKABE: Wie geht es Paris? Sag es mir vorab!

DEIPHOBOS: Paris ist tot. An seine Stell‘ tret ich
als erster Prinz und Prätendent des Throns.

Hekabe und die Troerinnen verhüllen das Gesicht.
Wie du befohlen, gab ich ihm Geleit
hoch ins Gebirg hinauf bis zu der Zeder,
der Volksmund nennt sie wohl den Donnerbaum,
von dort nach rechts hinab, wo sich das Dorf
in eine Mulde wie ein Hase schmiegt.
Dort brachten wir ihn vor Önones Haus,
das ganz wie du es uns beschrieben hast,
mit weissen Rosen überwachsen ist.
Ich klopfte an, Önone tat uns auf,
ein ansehnliches, starkgebautes Weib.
Als sie den Prinzen sah, schrie sie laut auf,
erkannte ihn, obgleich er doch entstellt,
durch Blutverlust fast wie ein Toter war.
„Als Sterbender kommst du zu mir zurück,
wie gerne hätte ich mit dir gelebt!“
So oder anders jammerte sie laut,
bedeckt mit Küssen wächsernes Gesicht,
indes ich in sie dring, all ihre Kunst
zu seiner Heilung schleunigst aufzubieten.
Sie schaut mich an mit dunklem Hexenblick,
verschwindet wie ein Schatten in den Wald
und kommt zurück, die Faust voll schwarzer Beeren.
Doch statt sie ihm in irgendeiner Form –
gequetscht, gekocht, als Aufguss – einzuflössen,
wirft sie erneut sich vor ihm hin und stöhnt:
„Ich hasse dich! Wie ich dich hasse, Mann!
Und alles, was du leidest, gönn ich dir.
Du hast mich, deine angetraute Frau
verstossen und vergessen jahrelang,
jetzt aber, wo es dir ans Leben geht,
bin ich dir, dich zu heilen, gut genug.“
Ich sage ihr: „Önone, heile ihn,
er wird’s dir danken, nimmt dich wieder auf,
führt dich bei Hofe ein mit aller Ehr,
die einer künft’gen Königin gebührt.
Als seiner ersten Frau steht sie dir zu,
die Königskron‘, nicht etwa Helena,
die nur die zweite ist im Rang nach dir.
Sie ist es auch, die dich verstossen liess,
weil sie entgegen troischem Gebrauch
kein andres Weib neben sich dulden will.
Ergreife die Gelegenheit zur Rache,
verweise sie auf ihren zweiten Platz,
lass Paris aber nicht für etwas büssen,
was er nur widerstrebend, gramvoll tat.“
War es so richtig, grosse Königin?
Hekabe nickt müde.
Ich glaub, sie hat mir gar nicht zugehört,
war voll und ganz mit einem nur befasst:
ihn mehr und mehr, die Beeren in der Faust
(der schwarze Saft lief ihr am Arm ins Kleid)
verfallen zu sehen, bis ein Blutsturz
(ja, er ertrank in seinem eignen Blut,
das ihm in Strömen aus dem Innern quoll)
sein Leiden gnädiglich beendet hat.
Verwesung hatte schon den Leib zersetzt,
der einstmal wie aus Erz gegossen schien,
weshalb wir ihm den Holzstoss schichteten.
Kaum brannte er, hat Reue sie gepackt:
„Ich habe ihn gemordet!“ schrie sie laut,
sprang in das Feuer zu dem Brennenden,
und ihrer beider Aschen mischten sich.
Das war das Ende meines Bruders, der
mit seinem Leiden vieles büsste
von dem, was wir ihm vorzuwerfen hatten.

HEKABE: Verflucht der Grieche, der den Pfeil entsandt,
verflucht Önone, die ihn nicht geheilt.

DEIPHOBOS: Verflucht die Mutter, die ihn töten half,
indem sie ihn der Gattin vorenthielt.

HEKABE: Önone war sein erstes Eheweib.
DEIPHOBOS: Das er verstiess und das ihn dafür hasste.

HEKABE: Womit ich nicht gerechnet hab, das stimmt.
DEIPHOBOS: Es war vorauszusehn für jedermann.

HEKABE: Ich hatte grössre Angst vor Helena.

DEIPHOBOS: Sie hätte ihn mit Sicherheit geheilt.

HEKABE: Du traust ihr blind, bist auch von ihr behext.

DEIPHOBOS: Ich weiss nur eins: Sie hätte ihn geheilt.
Machaon, jener wunderbare Arzt,
der Philoktet von seinem Leidden heilte,
war einer ihrer Freier – und ihr Lehrer.

HEKABE: Du sahst Helena nicht in Tränen um Achill.
So heftig hört‘ ich weinen keine Frau:
Sie rang um Atem und erstickte fast,
sog blökend wie ein Schaf die Luft herein…
Der Frau soll ich den Mann, von dem es heisst,
er hab Achill getötet, anvertraun?

DEIPHOBOS: Sie wusste, dass es eine Lüge war.

HEKABE: Darauf hab ich mich nicht verlassen mögen.
Du sahst sie nicht in Tränen um Achill!

DEIPHOBOS: Um ihn hat auch Polyxena geweint.

HEKABE: Sie ist ein Mädchen, das die Welt nicht kennt.

DEIPHOBOS: Dein Hass verfolgt ihn übern Tod hinaus,
ein toter Feind jedoch ist nur noch Mensch.

HEKABE: Du weisst genau wie ich: Seit Hektors Tod
ist Priamos‘ Gesundheit angeschlagen.
Sein Leben hängt an einem seidnen faden,
der täglich reissen kann. Und dann besteigt
an Paris Seite eine Frau den Thron,
die um Achilleus, unsern ärgsten Feind,
nicht aufhörn kann zu trauern. Niemals! Nein!

DEIPHOBOS: Um sie vom Throne auszuschliessen, wär
sogar ein Hirtenweib dir recht gewesen.

HEKABE: Ich suchte einen Ausweg aus der Not,
in die uns Hektors – Ausscheiden gestürzt.
Mit ihm wär Andromache aufgestiegen,
Theban’rin zwar, jedoch ein festes Weib,
zudem auch Mutter, während Helena
in all den Jahr’n nicht einmal schwanger war
und, wie ich weiss, es auch nicht werden will.
Sie speit aus.
DEIPHOBOS: Du hast dein Ziel erreicht: Da Paris starb,
ist ihre Anwartschaft erloschen. Was
bist du nur für ein grauses Muttertier!
Schon als du ihn gebarst sollte er sterben,
nur weil du ihn im Traum als Fackel sahst,
von der das Feuer auf uns übergriff.
Du setztest ihn im rauen Ida aus.
Da starb er nun. Dein Wunsch hat sich erfüllt.

HEKABE: Jedoch zu spät, du aufmüpfiger Zwerg.

DEIPHOBOS: Der Zwerg ist Kronprinz, Prätendent des Throns,
und unverehelicht. Da die Verfassung,
zwar ungeschrieben, doch verbürgt und fest,
für Troja eine Königin verlangt
und ihre Stellung reich mit Rechten schmückt,
gedenke ich, mich zu vereh’lichen.
Und da sich zeigt, dass du, ganz altersstarr,
unfähig bist, in Dialog zu treten
mit einem Feind, wie grausam er auch sei,
ist Helena die Kön’gin meiner Wahl;
denn sie allein kann uns den Frieden schenken,
den Ausgleich suchend mit der Griechenmacht.
Der Zwerg geht jetzt zu Helena hinein
und wird ihr sagen, wie die Dinge steh’n.
Und ist ihr Herz durch Paris‘ Tod auch wund,
ich biete ihr die Hand zum Ehebund.
Er will hineingehen.

TROERINNEN: Helena ging fort mit einem Korb Wäsche, um sie im Skamanderquell zu waschen.

 DEIPHOBOS: Verlässt das Haus an einem solchen Tag?

TROERINNEN: In der Unterstadt gibt es ein Waschhaus, vielleicht ist sie dorthin gegangen.
Sie zeigte uns Laken und sagte, sie seien befleckt von Paris‘ Blut…
Wir glaubten, er sei im Palast in ihrer Obhut, und erstaunen nun sehr, über das, was wir hören.
Aber die Laken, die sie zeigte, waren weiss wie Schnee, und nur, weil wir gewohnt sind, zu sehen, was ihr Königsmenschen seht, zu glauben, was ihr sagt, haben wir geschwiegen und uns Mühe gegeben, etwas zu erkennen, wo nichts war.

HEKABE: Was hat sie noch getan, gesagt?

TROERINNEN: Sie hat sich bei uns bedankt für alles, was wir ihretwegen gelitten haben, und sie hat uns gebeten, nie an ihrer Liebe zu Troja zu zweifeln, was immer wir auch in Bälde von ihr hörten…

DEIPHOBOS: Sie ist imstande, sich was anzutun.
Es war zu viel, was du ihr zugemutet hast!
Ich geh und suche sie. Es war zu viel!
Deïphobos geht ab.

HEKABE: Ihr seht: Mit Männern ist kein Staat zu machen! Das einzige, wozu sie taugen, ist die Feldschlacht, und noch die verrichten sie schlecht! Habt ihr sie je unter den Griechen hausen sehen wie die Amazonen? Die mähten die Männer hin wie Schnitterinnen das Korn, unsere Herren aber, wenn sie am Tag einen erlegt haben, prahlen drei Tage damit! Zwar haben wir einer zehnfachen Übermacht mit der Hilfe von Ma jetzt seit zehn Jahren getrotzt, aber was ausbleibt, ist der Sieg, ist der Tag, an dem die Griechen mit Mann und Maus in das Meer getrieben werden, über das sie herkamen. Auch Deïphobos ist nicht der Mann, der das Ruder noch herum reisst, genau so wenig wie Paris, beide sind Weichlinge, den Weibern verfallen, das Wohlleben liebend – ich habe sie nie gemocht! Soll er Helena haben! Noch sitzt Priamos auf dem Thron. Sein Augenlid schlägt nur einmal am Tag, aber das genügt: Er lebt! Und solange er lebt, bestimme ich, was in Troja geschieht. Geht jetzt heim. Es wird Nacht. Im Dunkeln rutscht ihr auf kotiger Gasse aus, und ihr seht nicht so aus, als ob ihr euch aus eigener Kraft wieder zu erheben vermöchtet.

Ein Wächter tritt auf. Er ist einarmig. Er trägt ein langes aus Laken geknüpftes Seil um den Hals geschlungen.

TROERINNEN: Nein, lasst uns noch hören, was der Wächter bringt!

WÄCHTER: Wenn es noch, Königin, eines Beweises bedurfte, dass auch ein Invalider wie ich, einarmig (beim Sturm auf die Schiffe zerschmetterte ein Stein den guten Arm hier – er hat mir vierzig Jahre treu gedient) noch zuverlässig seinen Dienst versieht, dann schau mich an! Ich gehe also heute Abend gemächlich meinen Wachweg auf der Stadtmauer entlang, schaue nach Osten, wo der Ida im Abendlicht errötet und wo ich auf ferner Höhe einen Scheiterhaufen aufflammen sehe und mir denke: Ma sei der Seele dessen gnädig, der dort verbrannt wird! Dann schaue ich nach Westen hinüber, wo in der Dämmerung einzelne Feuer der Griechen aufleuchten (früher waren es mehr, ich denke, sie müssen mit Holz sparen, ich habe sogar gehört, dass sie Schiffe abwracken und das Holz nach Köpfen auf die Feuerstellen verteilen). Über mir liefern sich unter wildem Gekreisch die Mauersegler wilde Verfolgungsjagden (meine Mutter pflegte zu sagen, sie begatten sich sogar im Flug). Und da sehe ich doch plötzlich, um den Fuss einer Zinne gewunden, dieses Seil hier, aus Leinenlaken zusammengeknüpft. Schlau, wie ich bin, leg ich mich sofort in den Hinterhalt, in der Hoffnung, denjenigen, für den das Seil bestimmt, zu fangen, wenn er heraufgeklettert kommt. Denn für mich stand fest: Dieses Seil hat eine Troerin geknüpft für ihren griechischen Geliebten, damit er sie bei Nacht besuchen kann, oder aber ein Verräter hat es hinabgelassen, damit im Schutz der Dunkelheit Späher in unser heiliges Troja eindringen können, um uns unermesslichen Schaden zu tun. Bei der Vorstellung, es könnte nicht einer, es könnten gleich zehn Mann an dem Seil heraufkommen, wurde mir Angst, und ich beschloss, Hilfe zu holen. Aber wie konnte ich Hilfe holen, ohne das Seil aus den Augen zu lassen? Ich entfernte mich, Hilfe zu holen – und kehrte zurück, um das Seil zu beobachten, ging wieder fort, Hilfe holen, verlor das Seil aus dem Auge, kehrte zurück – hin – her! Bis ich schliesslich darauf kam, es aufzurollen und mitzunehmen. Ich bitte dich nun, Hekabe, bewillige mir zehn Mann Verstärkung! Mit denen kehre ich auf die Stadtmauer zurück und hänge das Seil wieder an den alten Platz! Dann sollen sie kommen, die Späher! Verräter! Wir machen Hackfleisch aus ihnen!

HEKABE: Kehr ohne dieses Seil zum Dienst zurück!
Bei mir ist es am besten aufgehoben.
Kümmer dich nicht um Vögel, nicht um Hirten,
die hoch im Ida Ihrige verbrennen,
allein aufs Griechenlager habe acht!
Fällt dir was auf, dann meld es mir sofort –
ob du Bewegung siehst, mehr als gewöhnlich,
ob Feuer brennen, grössere als sonst,
auch, was du hörst: Nur Totenklag‘ wie üblich
oder Gesang und Jubel oder Flöten gar.
Hast du verstanden?

WÄCHTER: Meine Augen sollen deine Augen sein, Königin! Wie ein hungriger Geier werde ich Ausschau halten, der das Aas über den Berg weg erspäht. Er geht ab.

HEKABE: Auch euch bitt ich: Geht nun in eure Häuser
und starrt das Seil nicht an, als wär es wunders was.
Der brave Mann hat recht gehabt: Ein Weib
hat es zusamm’geknotet für den Liebsten;
denn wie’s da drüben zu wenig Frauen gibt,
gibt’s hier zu wenig Männer. Also gut.
Ein wenig übereifrig war der gute Mann.
Fasst es nicht an! Was habt ihr dran zu zausen?
Was fällt euch ein? Zurück! Ich nehm es mit ins Haus!

TROERINNEN: In jedes dieser Laken ist ein Zeichen eingestickt. Es ist das Zeichen Lambda! Vielleicht verrät es uns den Namen der leichtsinnigen Frau!

HEKABE: Lambda? Ja, in der Tat. Wieviele Namen gibt es, die mit Lambda beginnen: Leukippe, Laodameia – wie viele!

TROERINNEN: Nur eine weiss ich in Troja, in deren Laken das grosse Lambda eingestickt ist: Es ist das Zeichen für Lakedaimon, so nennt sich das Königreich Sparta, und Helena, seine Erbin, brachte das königliche Leinzeug mit, als sie herkam – denn ihre Aussteuer hinterliess sie nicht Menelaos, der schon die Krone an sich riss.

HEKABE: Was redet ihr für einen Unsinn! Warum sollte Helena ein Seil von der Mauer herablassen? Für wen wohl? Sie ist unzuverlässig, aber keine Verräterin.

TROERINNEN: Verzeih mir, Königin, wenn ich dir widerspreche. Helena ist keine Verräterin und hat das Seil nicht herabgelassen, damit jemand daran heraufsteigt, sondern um selber daran hinabzusteigen. Siehst du: Das ist der Knoten, mit dem es an der Zinne befestigt war, und das hier ist das Ende. Schau genau her, Hekabe: Das Ende ist voller Blutspuren! Kein Wunder, denn Helenas Hände sind zart und nicht gewohnt, an rauem Leintuch sich mehrere Klafter tief hinabzulassen. Endlich wird es mir klar: Sie wollte nie waschen gehen! Als sie uns dankte, war sie bereits entschlossen, Troja zu verlassen. Ungeheure Freude bemächtigt sich meiner, ich möchte singen und tanzen! Kommt, lasst uns in die Stadt gehen und es allen erzählen! Helena ist fort! Aus freien Stücken! Einstmals nur schönste der Frauen, verdient sie sich jetzt einen Ruhm, der weit über den andern hinausgeht. Kommt mit in die Stadt! Stimmt lydisches Lied an! Der Friede, wenn er denn da ist, erkannt man sein Angesicht nicht, erstaunt und erschrickt!
Sie wollen fortgehen, aber Hekabe stellt sich ihnen in den Weg.

HEKABE: Auch ich erschrecke, aber über euch, über die Leichtfertigkeit, mit der ihr in Friedensgeschrei ausbrecht. Es sind Helenas Laken. Die Blutspuren sprechen dafür, dass eine Frau daran herabgeklettert ist. Wer es war, wissen wir nicht. Behaltet für euch, was ihr wisst, was ihr hofft, stürzt nicht die Stadt in verfrühten Friedenstaumel, er könnte selbstmörderisch sein! Stellt euch vor, eine andere liesse sich an Helenas Laken herab – oder es war Helena, aber sie käme drüben nicht an – weit ist der Weg, vier Wegstunden weit bei Tag und schwer zu finden bei Nacht, noch nie ist sie den Weg gegangen und hat keinen Führer – oder sie kommt drüben an, aber ihre Ankunft wird verheimlicht, weil die Führer der Griechen den Krieg um keinen Preis abbrechen wollen, bevor Troja erobert ist: Sollen sie dann morgen mit verdreifachter Wut über ein friedenstrunkenes Troja herfallen? Wir werden wie Paris ertrinken im eigenen Blut, ein Gemetzel unvorstellbaren Ausmasses wird das Ende von Troja sein. Behaltet für euch, was ihr wisst, was ihr hofft, stürzt nicht die Stadt in verfrühten Friedenstaumel, er könnte selbstmörderisch sein!

TROERINNEN: Du kannst auch nur immer das Schimmmste befürchten!

HEKABE: Zehn Jahre Krieg haben mich das gelehrt.

TROERINNEN: Man darf das Glück durch Misstrauen nicht vergrämen!

HEKABE: Sobald die Flotte unsern Strand verlässt,
stimm ich in euern Friedensjubel ein.
Bis dahin aber übt Geduld und fleht
zu Ma, das sie das arme Weib beschützt,
wer sie auch sei, die übers Schlachtfeld jetzt,
vorbei an Pferdgerippen, umgestürzten Wagen, hetzt.

TROERINNEN: Ich hörte, dass auch Leichenfleddrer dort
und andres Räubervolk sein Wesen treibt.
Ich weiss sogar von Frauen unsrer Stadt,
die nachts der Hunger vor die Tore treibt,
wo sie an Leichenfleisch sich gütlich tun.
Beschütze sie, o Mutter aller Mütter,
geleite sicher sie zum Lagertor
und schenk uns Frieden – endlich! endlich!

HEKABE: Seht dort – der Mond tritt aus Gewölk hervor –
er wird ihr helfen, heimzufinden.

TROERINNEN: Bange ist mir zumut.
Kommt, lasst uns schlafen gehen, hoffen auf den kommenden Tag.
Auch du, Hekabe, solltest das Bett aufsuchen, damit du kraftvoll und stark erträgst, was auch kommt, Glück oder neues Leid.
Sie gehen ab. Hekabe kauert erschöpft vor dem Seil nieder, versinkt in Grübeln, aus dem sie durch das fast lautlose Kommen ihrer Tochter aufgeschreckt wird.

Polyxena tritt auf im Troerschleier.

POLYXENA: Kalkmond, brennender,
lebende, tote Haut
wird von deiner Milch
heute Nacht betaut.
Lösche meine Glut,
weck den Bräutigam,
strähl sein Aschehaar
mit dem Silberkamm.
Komm wir wollen baden
im Skamanderfluss,
auf die Nebellippen
drücken kalten Kuss.
Wasserrose schmücke
dein und meine Stirn,
Knöchlein bind‘ zusammen
frisch gewachster Zwirn.
Wie ich über die Treppe
mit dir tanzen will!
Reiss entzwei den Schleier,
herzliebster Achill!
Sie zerreisst den Schleier und knickt zusammen.

HEKABE: Komm her, Kindchen, ich frag dich was!
Polyxena erschrickt. Erst jetzt bemerkt sie die Anwesenheit ihrer Mutter.
Komm her und lass dich in den Arm nehmen! Du erkältest dich sonst in der Nachtluft.
Polyxena folgt widerstrebend.
Sag, soll morgen Verlobung sein?
Polyxena heitert sich auf, nickt.
Aber dann brauchst du ein Brautkleid!
Polyxena schaut sich an, nickt langsam.
Oder willst du ihm nicht gefallen?

POLYXENA: O doch, Mutter!

HEKABE: Aber woher nehmen wir eins? Meins wird dir zu steif und mächtig sein.
Polyxena nickt.
Kassandra hat ihres zerrissen.
Polyxena nickt traurig.
Ich weiss: Du leihst dir Helenas aus!

POLYXENA: Das Kleid aus Schwanenfedern? Das gibt sie nicht her?

HEKABE: Wir nehmen es uns einfach!

POLYXENA: Sie wird es nicht zulassen!

HEKABE: Aber sie ist doch fort!

POLYXENA: Fort? Wohin?

HEKABE: Zu Paris‘ Bestattung!

POLYXENA: Er ist tot, nicht wahr? Ich habe es gewusst. Er war schon immer tot. Wir sind alle tot, wissen es nur nicht. Sind Träume eines Toten!

HEKABE: Komm mit, Kindchen, wir holen das Kleid aus der Truhe!

POLYXENA: Aber sie ist grösser (kleiner) als ich!

HEKABE: Ich mach es dir passend!
Hekabe zieht Polyxena mit ins Haus.

Zweiter Akt

Troer treten auf. Auch sie tragen Schwarz, sowie Waffen.

TROER: Undurchdringlich, wie aus  e i n e m  Stein, liegst, du, Haus des von Hesione mit dem Schleier gelösten Priamos im Morgenlicht. Immer noch hast du Geheimes verborgen, nach langer Tragzeit gebierst du, was wird. Fragt sie, die milchende Stute der Ma, was für Troja beschlossen ist…
Schlimmes hab ich erlebt heute Nacht, ging auf den Hof zu pissen hinaus, sah meinen Schatten – zwiefach – verdoppelt! Rannte erschrocken gleich wieder rein, verkroch mich hinter dem breiten Kreuz meiner Dritten und zog mir die Decke über den Kopf.
Hoch in den Bergen starb unser Kronprinz. Weithin sah ich leuchten den brennenden Holzstoss über schlafendes Land. Der Krieg, den er uns auf den Hals zog, verschlang nun auch ihn.
Dunkles Wort hab ich gehört von der Griechin, der Ledatochter: Von einem Seil, geflochten aus Laken, hörte ich reden, dessen Ende befleckt sei mit dem Blut ihrer Hände…
Ja, was hält sie, die Griechin, noch hier, seit ihr Gatte, seit Paris verstarb?
Wenn zutrifft, was ich hörte – man hört ja so manches, die Not ist die Mutter so manchen Gerüchts – dann wär sie gegangen, bevor sie wusste, dass Paris starb.
Treulos verliess sie den wunden Mann?
Schwere Demütigung, ihr zugefügt von Hekabe, könnte der Grund, hör ich, gewesen sein. Um zu verhindern, dass sie je Königin wird, sollte zur Zweitfrau des Prinzen sie werden. Zu dessen Erster, hoch in den Bergen, trugen sie den wunden, schreienden Mann, dass sie ihn heile, ihn sich verpflichte, er sie als Gattin bei Hofe einführ‘. Dabei wär doch Helena die einzig Richtige, um mit den Griechen, mit ihrem Volk, den Ausgleich zu suchen und Frieden zu machen!
Hört auf zu vermuten, zu deuten zu rätseln, undurchdringlich wie aus  e i n e m  Stein bleibt der Palast.
Lasst uns gehen zum Sammelplatz gehen!
Warum so eilig? Noch früh genug ruft uns das Horn!
Ich würde bedauern, wenn sie uns verliess. Verrat wäre es an den Tausenden, die dafür starben, dass sie bleiben darf.
Niemals wird sie Troja verlassen, lieber mit Troja untergehen! Was erwartet sie bei den Griechen? Hass und Verachtung, ja, Steinigung!
Und wenn sie trotzdem gegangen wär?
Ohne sie säh es bös für uns aus. Wie manches Mal hab ich schon in der Gefahr mit strohtrockener Zunge das Gebet gelallt:  (alle)
Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
lass mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Horntuten
Hört ihr das Horn? Es ruft uns hinaus! Kommt, lasst uns ihm folgen!
Nein, lasst uns bleiben! Ich höre den Riegel des Hauptportals gehen. Vielleicht gibt das Haus des von Hesione mit dem Schleier gelösten Königs sein Geheimnis preis.

Hekabe kommt heraus.

HEKABE: Was für ein Schauspiel bot die letzte Nacht:
der Mond stand doppelt am gestirnten Himmel
und starrte grinsend in sein Spiegelbild.
Mir war, als schieden Leib und Seele sich,
als würd‘ der Mensch zerteilt in Mann und Weib,
als sonderten sich ja und nein vom Nichts.
Die Welt verzwiefacht‘ sich und ächzt‘, wie es
der Baumstamm tut, gespalten von der Axt.

TROER: Zwei Sonnen sah ich schon am Himmel stehen, wenn Nebel aufsteigt und den Schiffer narrt. Aber zwei Monde! Deut‘ uns das Zeichen! Es erschreckt auch uns.

HEKABE: Auf der Kippe steht Trojas Zukunft: Sieg oder Niederlage, Sonne oder Mond! Dass aber der Mond sich verdoppelt, kann nur heissen, dass wir nur noch die Wahl unter Niederlagen haben, denn der Mond, der wandelbare, unstet, verlöschend, ist nicht das Gestirn des Siegs. Was fragt ihr mich aus? Lungert hier herum? Längst schon hörte ich das Horn zum Ausmarsch blasen!

TROER: Was uns hält, ist die Hoffnung, Helena zu sehen, ihr unsre Trauer zu sagen um Paris‘ Tod.

HEKABE: Sagt es mir, ich bin seine Mutter!
Sie verneigen sich vor ihr.
Danke, vielen Dank! So, und nun geht! Helena ist von Paris‘ Bestattung noch nicht zurück.

TROER: Warum starb er nicht im Palast?

HEKABE: Einer heilkundigen Hirtin hoch in den Bergen hab ich ihn geschickt, hoffend, sie kenne das Gegengift, das ihn errettet.

TROER: Was aber ist mit dem Seil, das ein Wächter fand, geknüpft aus Laken, gewunden um eine Zinne, stadtauswärts zu Boden hängend, am Ende mit Blut befleckt?

HEKABE: An diesem Seil ist irgendwer geflohen, wahrscheinlich eine Frau, vielleicht sogar eine aus dem Palast.

TROER: Wer sollte das sein? Vielleicht in einem neuerlichen Anfall von Wahnsinn, Kassandra?

HEKABE: Nur ungern und um euch endlich loszuwerden, antworte ich euch. Ich kann Polyxena, meine jüngste Tochter, heute morgen nirgends auftreiben. Deshalb fürchte ich, dass sie in verirrter Liebe zu Achill, dem Mörder ihres Bruders, die Stadt verliess und jetzt weinend auf seinem Grabe liegt und den Boden mit den blutigen Händen schlägt.

TROER: Seid still. Sie weint. Ehrt ihren Schmerz. Am gleichen Tag Sohn und Tochter verlieren, was kommt ihrem Schicksal gleich? Aber ich hörte, die Laken, aus denen das Seil geflochten war, trugen das Lambda, Zeichen Lakedaimons, wie es die Wäsche der Spartanerin Helena trägt!

HEKABE: Muss ich mich von einem Haufen von Drückebergern verhören lassen wie eine, die etwas zu verbergen hat? Immer heiserer und verzweifelter ruft euch das Horn an die blutige Arbeit draussen im Feld! Geht hinaus, bevor die Griechen so nahe sind, dass ihr euch nicht mehr aufstellen könnt!

TROER: Wären sie nah, wir würden sie hören, hören die mykenische Posaune! Vielleicht hat Polyxena in all ihrer Einfalt mit ihrem Gang auf Achilleus‘ Grab Einsicht bewirkt in den Unfug des Krieges, die Friedenssehnsucht, die wir empfinden, angestachelt auch bei ihnen!

HEKABE: Kein Vorkommnis ist euch zu gering, eure Hoffnung daran zu hängen. Geht jetzt hinaus, tut eure Pflicht, wartet nicht länger, sonst hol ich die Peitsche und treib euch vors Tor hinaus!

TROER: Ja, wir gehen, doch vorher wollen wir hören, was der da sagt.

Der einarmige Wächter tritt auf.

HEKABE: Fass dich so kurz wie möglich, lieber Freund!

WÄCHTER: Die ganze Nacht habe ich auf deinen Befehl hin unermüdlich Ausschau gehalten. Ich sah den Mond sich verdoppeln, dachte mir aber: Deswegen störe ich nicht den Schlaf meiner Königin, denn sie ist zwar mächtig, aber Mond und Sterne entziehen sich ihrem Einfluss! Wohl bemerkte ich in den Niederungen mehr Bewegung als sonst – Wasserhühner flogen auf, und einmal war mir, als sähe ich eine schwarze Gestalt im Licht des Doppelmonds über das Schlachtfeld wandern, aber auch das schien mir nicht wert, deshalb deinen kostbaren Schlaf, o Hekabe, zu unterbrechen! Noch kurz vor Sonnenaufgang lag das Lager des Feindes still und tot, dann erwachte es wie üblich zum Leben, aber schneller und zu einem lauteren und geschäftigeren Leben als üblich! Während sonst nur die Posaune von Mykene mit ihrer tiefen Stimme zum Sammeln ruft, riefen heute alle Völker zum Sammeln: Ich erkannte den Diskant der Kreter, das langgezogene Schmettern der lakedaimonischen Fanfaren, die Trommelwirbel der Myrmidonen und die schrillen Pfeifen Arkadiens… Dann sah ich, wie die Schiffe in Windeseile eingerüstet wurden, und auf den Gerüsten tummelten sich Männern wie wenn sie ausbesserten und frisch kalfaterten… Andere stürzten sich auf die Befestigungsanlagen und begannen, sie abzutragen, noch andere sah ich mitten im Lager Bauholz aufhäufen und daraus mit Hammerschlägen, die der Wind bis an mein Ohr trug, eine Art riesigen, vierbeinigen Tischs errichten. Das alles sah ich, so wahr ich beim Sturm auf die Schiffe einen Arm und kein Auge verlor. Ich hätte nicht gewagt, meinen Posten zu verlassen, wäre ich nicht abgelöst worden und hätte nicht die Geschäftigkeit der Griechen Massen von Staub aufgewirbelt, ockergelben Staub, in den die Sonne hineinschien, so dass nichts mehr zu erkennen war.

HEKABE: Sie errichten einen Turm, eine Belagerungsmaschine, wie der Ägypter sie braucht, um befestigte Städte zu brechen! Und sie sind sich ihres Erfolgs, des ihnen heute noch zufallenden Siegs so sicher, dass sie gleichzeitig, um die Ungeduld der Soldaten zu beschwichtigen, die Heimreise vorbereiten! Und um zu beweisen, dass sie es ernst meinen, dass sie den gemeinen Mann nicht erneut mit vagen Versprechungen hintergehen, schleifen sie die Befestigung. Zu den Waffen Troer! Überfallt sie jetzt! Überquert im Gewaltmarsch den Skamander, stosst aus dem Staub, der sie blendet, unwiderstehlich gegen sie vor! Treibt sie zu Paaren, jagt sie ins Meer, macht keine Gefangenen, tötet die Wehrlosen, dass sich der Hellespont röte von Blutschaum!

TROER: Sag uns, Einarm: Wie hoch war der Tisch, als der Staub ihn deinen Blicken entzog?

WÄCHTER: Mannshoch vielleicht.

TROER: Mit einem mannshohen Turm werden sie unserer Mauer niemals gefährlich, selbst wenn er noch um ein Vielfaches wächst! Vielleicht aber wird gar nichts andres daraus, bleibt es ein Tisch, ein Altar der Versöhnung, ein Zeichen des Friedens!

HEKABE: Niemals gibt es Frieden zwischen denen und uns, will das denn in eure Schädel nicht hinein?

TROER: Sie kamen her, um Paris zu strafen. Er starb unter Qualen. Sie kamen her, um Troja zu strafen. Es ist gestraft genug: Nie wieder erhebt es sich zu altem Glanz. Und sie kamen, um Helena zu strafen. Helena ist in ihrer Hand. Vielleicht haben sie sie schon gesteinigt, vielleicht auch nur in den tiefsten Kiel geworfen und ihre Steinigung verschoben bis zur Heimkehr. Sie haben alle ihre Ziele erreicht, also fahren sie ab, und das heisst: Friede! Friede!

HEKABE: Störrisch und unbelehrbar seid ihr wie Waldesel, schreit nach der Peitsche, nach dem Dorn, der euch treibt!
Sie greift in die Tür, holt eine lange Wagenlenkerpeitsche hervor, schwingt sie knallend über den Köpfen der Troer und versucht, die zu treffen. Sie schützen die Gesichter, weichen zurück, jaulen auf, lassen sich aber nicht vertreiben. Der Wächter verdrückt sich.

TROER: Oft genug triebst du uns so hinaus auf die Fleischbank, Erbarmungslose! Durchgesalzen mit Hass bist du wie ein Hering, heuchelst und lügst, um dein Ziel zu erreichen! Wir treiben nicht Männer, die ohnehin abfahren, auch noch ins Meer! Neuer Hass und neuer Krieg wären die Folge! Helena ist hinübergegangen in freier Entscheidung, das war der schönste Dank, den sie Troja für so viel Treue abstatten konnte.
Dank ihr, der schönen, der mutigen Frau, die du zu Unrecht gedemütigt hast. Alles, was griechisch ist, alles, was Mann ist, verfällt deinem Hass. Unfähig bist du für dein hohes Amt, weil du weder Vernunft noch Mässigung kennst! Ja, als Hektor die Stadt noch lenkte, da ging es uns besser! Du aber, besessen vom Wahn weiblicher Vormacht, führst uns in den Abgrund!
Hekabe ist erschöpft. Auch die Troer sind erschöpft auf die Stufen gesunken. Helena-Rufe, lauter Jubel hinter der Szene.

Ein Alter tritt auf.

ALTER: Was sitzt ihr hier herum und wartet noch?
Lasst Zeit verrinnen, kostbarer als Gold!
Habt ihr sie nicht geseh’n? Sie ist zurück!
Am Arm des Prinzen hat sie sich gezeigt!

TROER: Helena zurück? Das glauben wir nicht! Wer bezahlt dich dafür, dass du Lügen mit deinem weissen Haar beglaubigst?

ALTER: Ich hab heute Morgen fest wie ihr geglaubt:
Sie ging zum Griechen – und der Krieg ist aus!
Lief auf den Marktplatz, wo sich Massen von
Soldaten, Frauen, Alten sammelten,
die summend wie ein Bienenvolk, bevor
es sich zum Schwärmen aufmacht, das Gerücht,
sein Für und Wieder emsig austauschten.
In dieses Summen schmetterten die Hörner,
zum Sammeln blasend und zum Ausmarschiern,
doch keiner rührte sich vom Marktplatz weg.
Dann hiess es plötzlich, von der Mauer aus
säh man in einer Wolke gelben Staubs
die Griechen rüsten für die letzte Schlacht.
In Panik und Entsetzen wollten wir
die scheinbar schon verlorne Stadt verlassen,
da trat ein Ausrufer hervor und rief:
Prinz Paris starb. Deïphobos folgt ihm
als Kronprinz nach und übernimmt die Gattin.“
Aus Anlass ihrer Hochzeit würden sich
Deïphobos und Helena dem Volk
auf dem Balkon des Prytaneions zeigen.
Mir läuft es kalt über den Rücken, als
die Tür sich auftut und der Herold mit
erhobner Stimme ruft: „Das Prinzenpaar!“
Wir waren so geblendet von dem Bild,
das Helena am Arm des Prinzen bot –
wir sanken überwältigt auf die Knie
und riefen laut und wie aus einem Mund…

ALTER UND TROER: Helena! Helena! Helena!

ALTER: Da sah man Männer, die noch eben stritten,
sich in den Armen liegen, herzen, küssen,
gerad als hätte sich nach langem Bangen
die Sonn‘ entfinstert und im süssen Licht
jauchzt die Natur in hellem Jubel auf.
Ich will mich nicht vermessen, die Gestalt,
das Antlitz einer Göttin zu beschreiben:
Sie ist die Schönheit selbst, die ewigjunge,
von Leben strahlende und bebende…
Doch darf ich mit Verlaub das Kleid erwähnen,
das sie zu diesem Anlass trug: Es war
das herrliche, gewebt aus Schwanenfedern –
im zarten Lufthauch ihres Atems sah
ich Daunen ihren Busen sanft umzittern…
Er taumelt, Troer halten ihn.

TROER: O fangt ihn auf, den guten alten Mann,
es war zu viel für sein bejahrtes Herz!
In hundert Schlachten blieb es ungerührt,
der Anblick Helenas jedoch zerbricht’s!

ALTER: Ich bin schon wieder gut bei Kräften. Kommt!
Ich selber führe eure Rotte an
und kränz die Stirn mit kriegerischem Ruhm!
Alter und Troer kriegerisch ab.

HEKABE: Endlich habt ihr zu eurer Bestimmung zurückgefunden! Mein sanfter Priamos! Du sollst wissen, wie es um uns steht!
Sie geht hinein.

Polyxena im Schwanenfederkleid tritt auf mit Deïphobos.

DEIPHOBOS: Ich bitte dich, hör auf, mir schönzutun,
genug Komödie haben wir gespielt.
Hier sieht uns keiner. Sei wieder du selbst.
Zur Mutter geh. Zieh aus das Griechenkleid.
Hüll in den Schleier einer Troerin dich.
Du hast um Troja dich verdient gemacht.
Ich aber eile unsern Truppen nach,
will Sieg und Niederlag‘ mit ihnen teilen
an diesem Tag, der die Entscheidung bringt!
Polyxena hält ihn fest.

POLYXENA: Ich bitte dich: Leg die Rüstung ab, auch die Rüstung der Rede! Komm, ich lös dir die Riemen, komm schon, geliebtester Mann! Vor dem ersten floh ich, weil er mich mit Gewalt bedrohte, den zweiten habe ich verlassen, weil er mich misshandelte, den nächsten, den ich liebte, hat mir der Krieg weggefressen, dich aber will ich behalten! Bitte sei ein Feigling, lass dich von mir verstecken, krieche unter mein Bett oder in die Truhe unter meine Kleider!
Deïphobos will gehen, Polyxena lässt ihn nicht.
Bitte bleib, lass dich küssen, lass mich trinken den Duft deiner Locken!
Deïphobos schüttelt sie angewidert ab.
O, ich habe Paris geliebt, das ist wahr, aber in all der Not, wenn Hekabe mich schalt, weil ich dies oder das falsch gemacht hatte, wenn ich in Tränen aufgelöst war und mich kaum noch zu rühren wagte aus Angst, schon wieder einen Fehler zu machen, dann hat er mir nie wirklich beigestanden! Du aber kamst dann, hast mich getröstet, hast mir gesagt, dass ich schön bin und dass nur dies der Grund sei für Hekabes Hass. „Warte nur ab!“ hast du gesagt, „eines Tages wirst du Königin, dann kannst du allen zeigen, wie sehr du Troja liebst und wieviel besser als Hekabe du es zu leiten weisst!“ Ja, darauf habe ich gehofft und war entsetzt, als sie mir jetzt diese Hirtin vor die Nase setzen wollte! Wirklich nicht, weil ich mir Paris nicht mit ihr teilen wollte! Ach, Paris! Er war schön, aber ein Schwächling, ein Muttersöhnchen, eine wohlriechende Memme! Auf Befehl seiner Mutter schlich er sich in Achills Rücken und erschoss ihn feige von hinten, nur weil die Alte mit Misstrauen sah, wie seine Liebe zu Polyxena die Fronten aufzuweichen drohte. Achilleus von hinten erschossen wie ein Tier!
Sie weint, ist Polyxena.

DEIPHOBOS: Ja, trauere um ihn. So kenn ich dich.
Beschimpfe aber Bruder Paris nicht.
Zwar war’s ein Pfeil aus seinem Köcher, der
Achilleus in der Ferse stak, jedoch:
Wie kommt wohl Paris in Achilleus‘ Rücken?
Kein Troer sah Achilleus je von hinten,
und ausgerechnet Paris wär’s geglückt,
dem scheuen Bogenschützen, der schon lief,
wenn er Achilleus nur von ferne sah?
Und auch Mama gab niemals den Befehl,
Achill zu töten, ganz im Gegenteil:
Wir hatten strikte Weisung, ihn zu schonen,
weil Hoffnung war, mit deiner Hilfe ihn
herauszubrechen aus der Feindesfront.
Kein Troer war’s, der ihn ermordete.
Von hinten traf ihn griech’sche Hinterlist.

POLYXENA: Es konnte nicht gelingen, weil er mich nicht liebte, jetzt nicht und damals nicht, als er zum Schein, und weil alle es taten, in die Schar der Fürsten sich einreihte, die um mich warben. Warben sie wirklich um mich? Ich war nur das lästige Anhängsel, das man in Kauf nehmen musste, um die Krone von Sparta zu erringen! Es hat mich nie eines Blickes gewürdigt, zog meinen Empfängen wilde Jagdzüge vor. Mit Patroklos durchstieg er in Mädchenkleidern die Bergwälder des Taygetos, erlegte Löwen… Wie gern wäre ich mitgekommen, habe es ihn wissen lassen – aber er mir auf meine Botschaft nicht einmal geantwortet!
Sie weint wieder.

DEIPHOBOS: Ich flehe dich an, Polyxena, hat denn
das Kleid dir völlig den Verstand geraubt?
Du bist Polyxena, mein Schwesterchen!

POLYXENA: Polyxena liegt weinend auf dem Grab des Geliebten, schlägt die Erde mit blutigen Händen… Helena aber blieb hier, um sich verkennen, beschimpfen zu lassen. Wenn ich dir nicht schön genug, wenn ich dir zu alt bin, dann sag es rundheraus und versteck dich nicht hinter einer so lächerlichen Verwechslung!

DEIPHOBOS: Ich höre blasen. Kommt man schon zurück?
So schnell erringen Troer keinen Sieg.
Ich fürchte, dass sie auf dem Rückzug sind.
Er geht eilig ab.

POLYXENA: Um Himmels Willen, wie komm ich ihm bei? Ich geh auf den Markt zu der Kupplerin, von der es heisst, sie verstehe sich auf uralten Liebeszauber, bewahre in Fläschchen, Töpfchen und Tübchen die bestrickendsten Salben und Öle auf: lockende Düfte rolliger Katzen, rossiger Stuten Liebessaft… Sie wird mir helfen, wird mich erlösen, wird mir erlauben, Helena zu sein!
Sie geht ab.

Hekabe kommt mit einem frischen Gewand für Ma.

Sie lauscht auf fernen Lärm, kniet vor dem Holzbild der Ma nieder und bekleidet es dann.

HEKABE: Liebend Weibliche,
lebendes Holz,
lustvoll Leibliche,
Unvertreibliche,
du unser Stolz!
Mutter, stützende
taumelndes Kind,
Stadt du schützende,
selbstlos Nützende,
wohl uns gesinnt!
Mahnerin, scheltende
Unfolgsamkeit,
alles Vergeltende,
am Himmel Zeltende,
furchtlos im Streit.
Brüste, nährende
Kraft uns tränk.
Hohe Gebärende,
alles Gewährende:
Sieg uns schenk!

Troer tritt auf, wartet respektvoll, bis Hekabe geendet hat und sich ihm zuwendet.

TROER: Ich lief voraus, der erste zu sein, der es dir ansagt: Die Griechen sind fort, das Lager ist geräumt, die Mauern sind geschleift, nur noch die Aschekreise der hundert Feuer zeugen von ihnen. Am Horizont sahen wir ihre Masten versinken!

HEKABE: Und der Belagerungsturm?

TROER: Hat sich gerundet zu riesigem Ross, kunstvoll errichtet mit flatterndem Schweif und auf Rollen gesetzt.

HEKABE: Hengst oder Stute?

TROER: Trächtige Stute, wollte mir scheinen, mächtig gerundet der üppige Leib. Darunter ein Grieche, scheu und verschüchtert, flehend um Gnade – da bringen sie ihn!

Neunter Auftritt Sinon wird auf die Bühne gestossen. Die restlichen Troer folgen ihm.

TROER: Da ist sie, die du sprechen willst!

SINON: Du also bist es, bist die grosse Frau, die uns seit zehn Jahren das Fürchten lehrt! Dafür, dich zu sehen, hat sich’s gelohnt, die Wahrheit herauszuschreien!

HEKABE: Wer bist du? Deinen Namen!

SINON: Ich heisse Sinon, bin Kephallenier und um hundert Ecken verwandt mit Odysseus – aber das ehrt mich hier kaum…

HEKABE: Wie kam es zur Abfahrt?

SINON: In aller Frühe verbreitete sich im Lager die Nachricht: Helena ist zurück! Kurz vor Sonnenaufgang habe man auf Achills Grab eine Troerin mit blutigen Händen verhaftet, die unter Tränen dort eine Locke opferte… Sie habe nur eins verlangt: Sie zu Menelaos zu bringen. Man hielt sie schliesslich für eine Botin Helenas, die die Bedingungen für eine Rückkehr aushandeln sollte. Aber auf der Wache erkannte sie ein alter Spartaner, der, bevor sie Sparta verliess, ihr Leibwächter war. Er trug die Kunde durchs Lager. Ohne Befehle abzuwarten, stürzten die Männer sich auf die Mauern, trugen sie ab, begannen, die Schiffe auszubessern und seetüchtig zu machen, die Fürsten konnten gar nicht anders als nachgeben und sich anschliessen… Das einzige, was sie durchsetzten, war die Errichtung des Pferdes als Versöhnungsgeschenk an eure Schutzherrin, an Ma, die euch die Kraft gab, zehn Jahre lang einer zehnfachen Übermacht zu widerstehen. Sie sagten – oder genauer: Odysseus sagte: „Wenn wir einfach abreisen und kein Zeichen der Versöhnung, der Huldigung für Ma hinterlassen, die sich als unüberwindlich erwiesen hat, wird uns Hekabes Hass bis nach Griechenland verfolgen, werden die Troer zu Schiff uns nachsetzen und den Krieg, der so lange ihr Land verwüstete, in unsere Heimat tragen.

HEKABE: Warum bliebst du zurück?

SINON: Nicht freiwillig, o nein! Gern wär ich mitgefahren, aber sie nahmen mich nicht mit, weil ich meinem losen Mundwerk wieder einmal die Zügel hatte schiessen lassen…

HEKABE: Was hast du gesagt?

SINON: Zuerst einmal möchte ich dir, grosse Königin, meine Bewunderung ausdrücken für die Zähigkeit, Kraft – und nun auch noch List, mit der du dein Ziel erfolgreich über Jahre verfolgt hast. Du hast die Griechen, geschickt ihre Kriegsmüdigkeit nutzend, auf eine Art und Weise hereingelegt, die sie tiefer demütigt als eine militärische Niederlage.

HEKABE: Ich verstehe nicht.

SINON: Die Frau, die ihr entsandtet, die Helena zu spielen, hat ihre Sache gut gemacht, hat ihren Zweck erfüllt, war den Griechen ebenso nützlich wie den Troern – aber Helena war sie nicht! Vielleicht muss man Helena gesehen haben, um zu wissen, wie sie aussieht. Wie sie nicht aussieht, weiss auch, wer sie nie sah. Eine gealterte, dicklich gewordene, von Kummer und Gram gezeichnete Frau – für die sollen wir zehn Jahre lang gedarbt, gelitten, geblutet haben? Niemals! Aber das hätte ich nicht aussprechen dürfen! Diese Wahrheit passte niemandem. Weder die Fürsten wollten sie hören, als sie sich einmal in die Lage geschickt hatten, noch das Kriegsvolk in seinem Heimkehrtaumel. Und als ich dann auch noch rief: „Jahrhunderte werden ihren Spott über euch ausgiessen, weil ihr mit der falschen Helena heimfuhrt!“ da schlugen sie mich, wollten mich töten und liessen erst von mir ab, als ich mich unter das Ma geweihte Pferd flüchtete. Trotz meines Flehens, meines lauten Widerrufens liessen sie mich zurück, schoben die Schiffe ins Meer und überliessen mich eurer Grossmut.

HEKABE: Ihr alter Leibwächter aber hat sie erkannt!

SINON: Ja der, ein alter, fast blinder Mann! An ihrem Weinen will er sie erkannt haben.

HEKABE: Warum weinte sie?

SINON: Man wollte sie Menelaos nicht vorführen, hielt sie für eine gemeine Späherin, fand auch einen Dolch bei ihr und traute ihr alles Mögliche zu… Da weinte sie. Das hörte der Alte, kam herbei und rief: „Gelobt sei Zeus! Ich hörte Helena weinen! So ist sie zurück und der Krieg ist zu Ende!“ Ebenso habe sie geweint mit einem Ziehen des Atems wie ein Kind, das an Schafshusten leidet, als vor bald einem Vierteljahrhundert ihr Vater Tyndar ihr eröffnete, dass seine Wahl unter all den Freiern auf Menelaos entfallen war.

HEKABE: Euch allen, auch dir, Sinon, sei mit Nachdruck gesagt: Der Alte hatte recht! Es war Helena, die uns verliess, die bei euch ankam und mit der deine Landsleute nach Hause fuhren. Kein Hohn wird sich über sie ergiessen, niemand wird sie verspotten: Sie haben ihre Kriegsziele erreicht: Helena zurückerobert, Paris gestraft und Troja so tief gedemütigt, dass es sich vielleicht nie wieder davon erholen wird. Zu einer solchen List, wie du sie mir unterstellst, hätte ich mich nie verstiegen, sie wäre eine Kränkung für Ma, und ausserdem gibt es keine Frau, die Helena an Schönheit gleichkommt. Sie hat es bei uns nicht nur gut gehabt – ich war ihr eine harte Schwiegermutter – sie hat meinetwegen viel geweint. Sie war mir für Paris, den Weichling, zu weich, ich hätte ihm eine härtere Frau gewünscht, die einen Mann aus ihm gemacht hätte. Ausserdem war sie eine Griechin, duldete in Überschätzung des Mannes keine anderen Frauen neben sich – ich habe mir Priamos mit sieben anderen geteilt und kann nur sagen: Mein Anteil war mir oft noch viel zu gross! Hätte sie mir Enkel geschenkt, einen einzigen nur, ich hätte sie höher geachtet! Ihr Weggang flösst mir erstmals Respekt für sie ein. Ich habe ihr manches abzubitten.

Im Hintergrund kommt Polyxena am Arm von Deïphobos.

SINON: Und wer ist das? Ich bitte euch: Erklärt mir nichts! Ich kennen ihn, Deïphobos, des Paris jüngeren Bruder. Oft habe ich ihn in der Schlacht – zum Glück von ferne! – gesehen. Und sie? Nun wer wohl? Helena, die unverweslich junge, königliche Hure! Eben noch Witwe, schon an eines anderen Arm, wälzt sie sich von einem Bett in das andere. Aber was soll’s? Schönheit wie die kennt kein Gesetz, jeder träumt sich in diese Arme, an diese Brust, selbst ein gemeiner Soldat wie ich ist sich nicht zu gering, sie zu begehren. Und wie oft habe ich in der Gefahr gebetet:
Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
lass mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Mach mir nicht weis, Hekabe, dieses Weib wäre imstande, einen einzigen selbständigen Entschluss zu fassen! Sie war nie etwas anderes, wird nie etwas anderes sein als das Spiegelbild männlicher Begierden!

HEKABE: Ein jeder glaube, was er glauben will, vielleicht auch glauben muss. Kommt mit zum Markt, Ratsversammlung zu halten über die Aufhebung des Kriegszustands und wie wir verfahren mit dem Weihgeschenk an Ma. Ich bin der Meinung, sie hat es sich durch uns redlich verdient, wir sollten das Tor öffnen und es hereinholen.
Sie verneigt sich vor dem Bild und geht mit Troern und Sinon ab.

DEIPHOBOS: Was hast du nur mit dir gemacht? Ich erkenne dich kaum noch! Nach Moschus und Patschouli riechst du wie die Frauen im Serail, wenn sie einander ausstechen wollen. Dein Mund ist eine einzige blutende Wunde, deine Augen sind Eulenaugen, und anzufassen bist zu wie eine stechende Qualle!
Er reisst sich los, eilte den anderen nach.

POLYXENA: Komm, wir wollen baden
im Skamanderfluss,
auf die Nebellippen
drücken kalten Kuss.
Wasserrose schmücke
dein und meine Stirn,
Knöchlein bind zusammen
frisch gewachster Zwirn.
Wie ich über die Treppe
mit dir tanzen will!
Reiss entzwei den Schleier,
herzliebster Achill!
Sie geht hinein.

Dritter Akt

Troja brennt, auch der Palast. Invalide Griechen treten auf.

Sie sind unbewaffnet, in Lumpen und Verbände gehüllt. Im Hintergrund, schemenhaft, das hölzerne Pferd.

GRIECHEN: In all dem Brausen, Funkenflug des Feuersturms, finden wir uns kaum zurecht.
Bitte stütz mich!
Bitte leit mich!
Ich rieche Rauch!
Kommen wir auch dem Brand nicht zu nah?
Nein, der Wind treibt ihn von uns fort!
Wo sind wir hier?
Vorm Palast des Königs!
Brennt er auch?
Mir scheint, er ist schon ausgebrannt.
Jahrelang kämpfte ich gegen Troja. Jetzt, wo es niederbrennt, freue ich mich nicht.
Und beinahe war es gerettet!
Wieder hat uns Odysseus, der Ungeheuerliche, hereingelegt! Uns nicht weniger als die Troer, die nun verloren sind – uns bleibt noch Zeit – wer weiss, für wie lange?
Ich habe mich fest darauf verlassen: Dies ist die Heimfahrt! Ihr etwa nicht?
Das einzige, was mir Misstrauen einflösste, war das hölzerne Pferd! Diese Versöhnungsreden aus Mündern, die eben noch die unversöhnlichsten waren!
Und dann hörten wir von den Myrmidonen: Neoptolemos, ihr König, ging nicht mit an Bord!
Auch die Spartaner vermissten ihren Führer, Menelaos war nirgends zu finden.
Aber dann hiess es, die Fürsten hätten sich auf dem Flaggschiff der Flotte in Agamemnons Kajüte versammelt, um dort zu beraten und erst hinter Tenedos auf ihre Schiffe zu gehen.
Helena aber hatten sie in den tiefsten Kiel der spartanischen Flotte geworfen.
Verdiente Strafe für leichtsinnige Frau, doch durch ihre Rückkehr, freiwillig und gefährlich, hatte sie sich bessere Behandlung verdient.
Wie werden wir unsere Frauen vorfinden nach so langem Fortsein? Gealtert, gezeichnet von Kummer und Gram?
Geschminkt und lachend im Arm eines andern!
Und wer hilft mir, sie zurückzugewinnen, wenn sie davonlief?
Wer erobert mir zurück den Platz am Tisch und im Bett, den ein andrer besetzt hält?
Sinnloser Krieg, Sorgen vermehrend, wenn nicht Beute, golden und köstlich, alles Leid, das er brachte, nachträglich bezahlt macht.
Die Jahre, die ich hier verrohte, verdarb –
– die Hand, die kostbare –
– das Augenlicht –
– die Zeugungskraft, die zum Mann mich machte –
gibt uns kein Gold zurück!
Unersetzliche Lebenskraft ging hier verloren, während die Heimat verkommt und verwildert: Sauen und Rinder in Wälder entlaufen, Acker und Weinberg von Dornen überwuchert, das Handwerk der Städte darniederliegend, Räuberbanden auf den Strassen, und in den verwaisten Palästen Treulosigkeit, Unzucht und Korruption!
Das ist die Heimat, die wir vorfinden werden, zurückkehrend als Sieger aus glorreichem Krieg.
Es gibt keine Sieger, es gibt nur Verlierer: Troja ging unter und Griechenland auch.
Ein Feuerschein fällt auf das Standbild der Ma, an dem mit flehend emporgereckten Händen Priamos (eine Puppe) liegt.
Seht dort den Alten, erstarrt vor dem Bildnis, unvertraut beide.
Ihn erkenn ich. Ich sah ihn, als er bittflehend kam mit der Tochter, den Leichnam Hektors, seines Sohns, auszulösen.
Es ist der König, der Goldreif beweist es, der ihm das Haupt, das graue, umschliesst.
Zu wem aber fleht er?
Seltsam: Ein Holzbild! Vergängliches Holz für ein Götterbild? Unverweslicher Stein, niemals rostendes Erz, scheinen mir würdiger, Ewiges abzubilden.
Was stellt es dar? Einen Mann? Eine Frau?
Eine Frau, wie mir scheint. Doch sie trägt einen Helm, dazu noch den Speer und auch einen Schild, ist aber gekleidet in buntes Gewand.
Wär ich in Griechenland, ich wüsste ihren Namen: Pallas Athene, des Zeus wehrhafte, seinem Haupt entsprungene Tochter.
Hier aber kennen wir uns nicht aus, fremdartige Namen tragen die Götter, fremd ist uns alles!

NEOPTOLEMOS (hinter der Szene): Polyxena! He, wo steckt sie? Polyxena!

GRIECHEN: Kennst du die Stimme? Diomedes? Odysseus?
Nein, Neoptolemos, Sohn des Achill, ist es, der schreit. Er sucht das Mädchen, die Tochter des Königs, die ihn begleitete, als er Hektors Leichnam ausbitten kam.

Neoptolemos, rauchgeschwärzt, blutverkrustet, mit goldenen Ketten behangen, tritt auf.

NEOPTOLEMOS: Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!

GRIECHEN: Frag ihn! Er ist ihr Vater und weiss gewiss, wo du sie findest!

NEOPTOLEMOS (hebt Priamos mit einer Hand empor): Du also bist der König dieser Stadt –
was sag ich: Stadt? Dieses Bordells! und König?
Gekrönter Zuhälter wär richtiger.
Hab ich gesagt: Du bist? Du warst es mal!
Den goldnen Reif gib her, denn er
verunziert nur dein kahles Mumienhaupt.
Wo steckt Polyxena, dein Töchterchen?
Mein Vater – ah, du kennst ihn ja! – Achill
erschien im Traum mir, ein Bekümmerter,
sagt‘ unsern Sieg voraus und forderte
an unsrer Beute sein gerechtes Teil.
„Was aber wäre das?“ fleh ich ihn an,
da sagt er nur: „Die schönste Troerin!“
Ich hab mich umgehört: Man rühmt ihn hoch,
den Liebreiz deiner Tochter. Gib sie her!
Sie soll auf seinem Grabe sterben dürfen,
dass er an ihrem Blute satt sich trink!
Rück schon heraus: Wo hast du sie versteckt?
Dort im Palast? In einem Nachbarhaus?
Du willst es mir nicht sagen. Also gut,
ich frag dich etwas andres. Diesmal gilt’s!
Und schweigst du wieder, kostet’s dich den Kopf!
Im selben Traumbild in derselben Nacht
hat Vater sich, er ging schon fort von mir,
noch einmal umgewandt und auf den Fuss
mit kläglicher Gebärde hingezeigt,
in dem der Parispfeil noch immer stak.
Hat Paris ihn verschossen oder nicht?
Halb wünsch ich es, halb wünsch ich’s nicht, denn war
es Paris, wandte Vater ihm den Rücken,
war also feige – war es Paris nicht,
einer der unsern hat ihn dann erlegt.
Aber warum? Das bohrt in meiner Brust,
seit ich die Sammlung des Odysseus sah
genau der Pfeile, die der Prinz verschoss:
Der Schaft aus Zeder, Spitze aus Türkis,
gefiedert mit den Federn einer Eule…

Er hat einen Schwächeanfall, will Priamos, als wäre  e r  sein toter Vater, sanft zu Boden gleiten lassen, findet aber zu sich zurück.
Zu all dem schweigt dein pergamentner Mund.
Hier ist die Quittung dafür, dass
du einer Hur‘ so lange Schutz gewährt!
Er enthauptet Priamos, setzt sich den Königsreif auf den Kopf. Im Palast, in den er dann eindringen will, bricht etwas zusammen, Funken stieben, Rauch quillt heraus.
Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!
Neoptolemos geht seitwärts ab.

GRIECHEN: Völlig verdorben sind die jungen Männer durch den Krieg! Sie verachten auch uns, schieben uns beiseite wie lästiges Pack, überhören unser Wort oder schneiden es uns ab in der Versammlung.
Wieviel schlimmer wird das noch werden, sind wir einmal zurückgekehrt!
Von dem Triumphzug, mit dem man den vermeintlichen Sieg prahlerisch feiern wird, wird man uns ausschliessen!
Und lassen wir uns das nicht gefallen, schreien wir und drängeln wir uns ins Blickfeld, wird man uns den Buckel verbläuen, wenn man uns nicht gleich totschlägt und auf irgendeinen Schindanger wirft.

Hekabe kommt aus dem Palast hervor.

Ihr Kleid ist teilweise verbrannt und mit Asche besudelt. Sie sieht Priamos‘ Leichnam zunächst nicht.
HEKABE: Betrogen, getäuscht, übertölpelt! Misstrauisch war ich – nicht misstrauisch genug! Gerissen war ich – nicht gerissen genug! Böse war ich – nicht böse genug! Tragend war das Pferd, die Stute des Unheils, tragend mit Männern, Mordbrennern, Würgern, die, als wir müde vom Feiern waren, herausstiegen, die Ihren mit Feuerzeichen herbeiriefen und alsbald mit roher Gewalt über uns herfielen! Wie viele im Feuer umkamen, wie viele durchs Schwert, niemand wird es je wissen. Troja ist zum Scheiterhaufen geworden, auf dem wir lebend verbrennen. O die Brandfackel, von der ich träumte, als ich Paris trug, jetzt brennt sie und knattert – doch ich trag die Schuld: Misstrauisch war ich – nicht misstrauisch genug! Gerissen war ich – nicht gerissen genug! Böse war ich – nicht böse genug!
Sie sieht den toten Priamos, geht hin, kniet nieder, fügt Kopf und Rumpf zusammen, streicht mit den Händern, ihn kaum berührend, über ihn hin.
Du von Hesione mit dem Schleier Gelöster, Priamos, alter Freund, Gefährte im Frieden, Kamerad im Krieg, hab Dank für ein Leben in Treue und Liebe. Kraftquell warst du mir immer, geduldiger Zuhörer, zäher Berater, fruchtbarer Frager, mutiges Vorbild tapferer Söhne! Die bittere Neige des Greisenlebens hat dir ein Schwerthieb gnädig erspart. Wo ist der Grieche, der mir den gleichen Freundschaftsdienst tut? Dich dort kenn ich, Humpler, du mit dem verbundenen Fuss! Kamst du nicht einmal an diese Tür betteln, und ich gab dir Gerste, Öl, Milch und Wolle, mehr als du je erhoffen konntest? Hast du ein Herz? Empfindest du Dank? Hier, nimm das Schwert des erschlagenen Königs, erstich mich damit, durchstoss mir den faltigen Krähenhals!
Sie setzt sich die Schwertspitze an die Kehle.

GRIECHEN: Es ist nicht Griechenart, Frauen zu töten.

HEKABE: O, ich vergass, was Griechenart ist! Für euch sind wir ja das schwache Geschlecht, entsprechend höflich behandelt ihr uns. Ist Ajax, der Lokrer, ein Grieche? Ich glaube doch, ja! Er fand Kassandra, die schwer Verstörte, warf sie auf ein Brautbett von Leichen… O, das Flackern ihrer weit offenen Augen – wärst du doch tot, mein Kind! Sie weiss jetzt, was Griechenart ist! Seid ausgehungert, ihr armen Gesellen, wollt euch schmiegen, wollt herzen und küssen – kommt nur näher – ich hab jetzt viel Zeit!
Sie nähert sich den invaliden Griechen, die vor ihr zurückweichen.
GRIECHEN: Was für ein Ungeheuer ist diese Frau, noch in der Niederlage unbeugsam wie Stahl!
Greuliche, fass mich nicht an!
Wendet die Augen ab, dass ihr zu Stein nicht erstarrt!

Deïphobos tritt auf. Er blutet stark, verbirgt sich hinter dem Bildnis der Ma.

DEIPHOBOS: Wir haben, Mutter, keine Hoffnung mehr.
Der Widerstand erlischt. Die letzten fliehn.

HEKABE: Ich setze auf Äneas‘ starken Arm
und hoff‘ auf Zuzug noch aus Lykien!

DEIPHOBOS: Begrab die Hoffnung! Keiner zieht uns zu,
Äneas aber flieht mit seinen Leuten.

HEKABE: Warum verbirgst du dich? Komm her zu mir
und hilf mir, Vater Priamos bestatten!

DEIPHOBOS: Ich bin nicht allein. Darf ich Polydamas mitbringen?

HEKABE: Was für eine Frage? Was ist mit ihm los, dass er nicht kämpft?

DEIPHOBOS: Sie haben ihn recht übel zugerichtet,
die Nase aufgeschlitzt, die Ohren ab,
verschnitten zum Eunuchen…
Deïphobos stöhnt.
HEKABE: War das sein Stöhnen? Bitte lass ihn da.
Ich hab genug des Schrecklichen geseh’n.

DEIPHOBOS: Du hast genug des Schrecklichen geseh’n.
Leb wohl, Mama!
Er stürzt sich in sein Schwert, verröchelt.

HEKABE: So komm doch, komm! Lass dich, mein letzter Sohn
noch einmal in den Arm nehmen!
Sie sucht Deïphobos, findet ihn, heult laut auf, als sie erkennt, dass  e r  der Verstümmelte ist, legt seinen Kopf in ihren Schoss und beginnt, leise zu singen.
Stecks Däumchen ins Mäulchen,
leg’s Köpfchen aufs Kissen,
mach’s Äugelein zu,
schon schläfst du,
schläfst, Bürschelein, du!

MENELAOS (hinter der Szene):
Helena! Helena!

HEKABE: Wer ist es, der da schreit?

GRIECHEN: Es ist die Stimme des Spartanerkönigs,
des Menelaos, Helenas Gemahl.
HEKABE: Wie werden sie die Toten behandeln, wenn sie schon Lebende so zurichten? Kommt mit, ihr beiden, dass das Feuer euch verzehrt, bevor sie euch antun, was sie Hektor antaten.
Sie schleift die Leichen von der Bühne.

GRIECHEN: Gatten und Sohn verloren in der Zeit, die man braucht, einen Apfel zu essen! Wehe uns, weh!
Wie wird mein Kleiner gediehen sein? Zwölf war er, als ich fortzog, jetzt ist er ein Mann…
Während die Throne der Völker verwaist sind, wird so mancher Verwalter die Macht an sich reissen und begehrlich schielen auf benachbartes Land…
Krieg in der Heimat!
Die Städte niedergebrannt, die Frauen vergewaltigt, die Söhne verstümmelt oder gefallen – Saat des Krieges, so gehst du auf!

Menelaos tritt auf, auch er rauchgeschwärzt, mit blutigen Händen und Armen.

MENELAOS: Komm heraus, Helena! Ich weiss, dass du dich dort versteckst! Hab keine Angst vor mir! Ich bin nicht mehr der, der ich war! O ja, ich war jung und dumm und ahnungslos! Ich habe lange gebraucht, um es einzusehen. Ja, ich bin mitschuldig an allem! Hier, sieh mich knien! Verzeih mir! Es wird sich nichts von dem wiederholen, was einmal war! Die Zeit, der Krieg sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen! Und nachdem ich zuerst immer härter wurde, bin ich dann…
Er unterdrückt ein Schluchzen.
Ich habe alle Troerinnen, die zu uns ins Lager kamen, nach dir ausgefragt. Die meisten wussten nicht viel, hatten dich nur von ferne gesehen. Aber eine war dabei, die hatte im Palast Dienst getan. Sie hat mir beschrieben, wie du lebst, und aus allem ging hervor, dass du Paris wirklich liebtest. Das war bitter! Aber ich habe mir Gedanken gemacht und bin zu Entschlüssen gelangt. Ich trinke nicht mehr, Helena! Ich flehe dich an: Komm heraus! So viele Schritte tat ich, um dich zurückzugewinnen – nun tu den einen und letzten du! Zeig mir, dass nicht jedes Gefühl für mich in dir erloschen ist! Mit einer Stirn aus Eisen hast du mir zwanzig Jahre lang getrotzt, mich zwanzig Jahre gestraft, mir zwanzig Jahre die Hölle bereitet und mir mehr Hörner aufgesetzt, als der Argus Augen hat! Hast du die glücklichen Stunden vergessen? Vergessen den Ruf der weissen Amsel: Kapiskoko? Vergessen, dass wir eine Tochter zusammen haben, die die Mutter nicht weniger braucht als den Vater? Komm heraus, Helena! Ich weiss, dass du dich dort versteckst! Hab keine Angst vor mir! Ich bin nicht mehr der, der ich war!

GRIECHEN: Wir können uns nur wundern, wie derselbe Mann, der Befehl gab, Helena in den tiefsten Kiel zu werfen, sie jetzt im ausgebrannten Königshaus von Troja sucht!

MENELAOS: Was faselt ihr da? Wer seid ihr? Wenn ihr Griechen seid – warum kämpft ihr nicht? Oder seid ihr gar Troer, Halme für meine Sense?
Er nähert sich ihnen drohend.

GRIECHEN: Nein, wir sind Griechen! Schau uns doch an, dann begreifst du auch, warum wir nicht kämpfen.
Mich kennst du! Ich bin zwar von Phokis, aber in der Schlachtordnung ist unser Platz neben euch, und eure Wagenlenker sind die ruppigsten im ganzen Heer! Sie schauen nicht rechts, noch links, halten einfach drauf auf unseren Haufen. So hat mir Demoleon, der deinen Wagen lenkt, den Fuss da zu Brei gefahren! Und als ich kam, dich um Schmerzensgeld zu bitten, hast du mich abweisen lassen mit der Begründung, ich hätte besser aufpassen sollen! Das ist die Art, wie ihr grossen Herren mit unseren Sorgen und Kümmernissen umspringt!
Und zur Heimfahrt habt ihr uns auf einem Schiff zusammengepfercht – von aussen sah es nicht übel aus, aber wenn man unter Deck ging, roch man schon den Schwamm und sah, dass die Spanten durchgefault waren. Dass es uns nicht wie ein Stein unter dem Hintern weggesackt ist, ist ein reines Wunder. So geht ihr mit uns um, die sich im Dienst für eure Sache haben verstümmeln lassen!

MENELAOS: Wir werden das alles regln, sobald der Krieg endgültig vorüber ist und wir zurück in der Heimat sind. Jetzt verratet mir, ihr Guten: Habt ihr Helena nicht gesehen? Sinon sagte mir, sie sei hier, und verriet mir auch, wer ihr letzter Galan war: Deïphobos! Ich habe dafür gesorgt, dass kein Weib der Welt sich je wieder für ihn noch er sich für ein Weib erwärmt!

GRIECHEN: Aber Helena ist im Schiff, in deinem Schiff, Menelaos, das das goldene Lambda im schwarzen Segel führt. Du selber gabst Befehl, sie tief unten in den Kiel zu sperren, wo sie nur Ratten zu Gesicht bekommt!

MENELAOS: Ach, die troische Alte! Glaubt ihr noch immer daran? Gewiss, sie machte ihre Sache nicht schlecht, soll ein paar Worte gesagt haben, die sogar mich stutzig machten – aber glaubt ihr wirklich, wenn Helena zu mir zurückwill, besucht sie zuerst das Grab Achills?

GRIECHEN: Du hast sie dir nicht einmal angeschaut!

MENELAOS: Wenn ich mir alle Troerinnen, die von sich behaupteten, sie wären Helena, hätte anschauen wollen, hätte ich viel zu tun gehabt. Ich habe immer eins getan: Ich habe sie einer Probe unterziehen lassen. Ihr wisst doch, dass der Troer keinen Wein trinkt, und wenn er ihn heimlich trinkt, dann ungemischt. Keine dieser Frauen, auch die letzte nicht, verstand es, den Wein zu mischen, wie wir es gewohnt sind. Sie hatten nur eins im Kopf: Verwirrung in unsere Reihen zu tragen, uns zu schwächen und Troja zu nützen, wenn nicht gar zu retten!

GRIECHEN: Aber in den zwanzig Jahren, die Helena in Troja verbrachte, könnte sie verlernt haben, was ihr früher selbstverständlich war!

MENELAOS: Habt ihr denn keine Augen im Kopf? Habt ihr die blutigen Hände nicht bemerkt? Nicht bemerkt die Blutspuren um ihren Mund? Habt ihr nie von den Troerinnen gehört, die der Hunger bei Nacht vors Tor hinaustreibt, wo sie sich an Kadavern – gütlich tun? So eine war das, und nur um sich zu retten, floh sie auf Achills Grab und erfand das Märchen, sie sei Helena. Ihr werdet staunen, wenn ihr die richtige seht, der Atem wird euch stocken, so jung und schön ist sie! Sinon hat geschworen, dass sie hier im Palast ist – ich kann nur hoffen, dass sie in ihrer Verzweiflung, aus Reue und aus Angst vor mir sich nicht etwas angetan hat oder ein Opfer der Flammen geworden ist.
Er will in den Palast eindringen, wird aber von Funken und Rauch zurückgetrieben.
Da drinnen lebt nichts mehr!
Er geht seitwärts ab, ruft mit klagender, jammervoller Stimme:
Helena! Helena!

GRIECHEN: Der Wanderer im nächtlichen Wald, sternlos der Himmel, ist nicht verwirrter, als wir es sind! Wem soll man glauben? Wem noch vertrauen? War die Frau, die heute morgen zu uns ins Lager kam und all unsre Freude auf sich vereinigte, nur ein Wahnbild, ein Irrlicht, ein Phantom? Warum soll in all den Jahren, die sie hier war, nicht troisches Brauchtum, troische Sitte auf sie abgefärbt haben? Wären nicht auch wir in so langer Zeit zu Troern geworden?
Vergesst nicht die Hände, die blutigen Hände, die Blutspuren am Mund! So schrecklich die Erklärung ist, die Menelaos gab, mir leuchtet sie ein, denn auch ich hörte von Troerinnen, die der Hunger zu Kannibalinnen macht!

Polyxena kriecht aus der Palastruine hervor.

GRIECHEN: Schaut, eine Göttin! Unversehrt entsteigt sie dem Feuer.
Fallt auf die Knie! Betet sie an!

POLYXENA: Was für Gestalten lauern dort hinten? Freund oder Feind?

GRIECHEN: Hab keine Angst vor uns, himmlisches Wesen! Wir sind zwar Griechen, aber wir tun dir nichts, zumal du uns keine Troerin scheinst.

POLYXENA: Ich grüss euch, ihr Lieben, und küss‘ eure Wunden, denn ihr empfingt sie, um mich zu befrei’n!

GRIECHEN: Senk über mich das Zelt der goldnen Locken,
lass mich die Alabasterbrüste schaun,
und küsse mir von todesblasser Lippe
den Tod hinweg, du schönste aller Frau’n!
Polyxena küsst sie.
Ich sehe, ich sehe dich, Helena! Mein Augenlicht ist mir wiedergeschenkt!
Und mir die Kraft meiner vertanen Jugend, Feuer durchrieselt mich – wo ist ein Schwert?
Ich bin wieder ein Mann – ein Wunder, ein Wunder – wie allein Helena es vollbringt!
Mir wächst die Hand, die verlorene, wieder, und sie bewegt sich, lebt und fühlt!
Sicher trete ich wieder auf. Weg die Verbände! Der Fuss ist gesund!
Umtanzt sie, die holde, herrliche Frau, schöner als Träume, heller als Licht!
Wahrhaftig, sie ist es, Tochter des Zeus, ledaentsprossene Schwanentochter!

POLYXENA: Habt Dank! Ich danke euch! Und nun seid still! Es ist nicht der Zeitpunkt für stampfenden Freudentanz. Noch brennt die Stadt, die mir lange Heimat war – erzwungenermassen, oft hab ich sie gehasst, aber jetzt, wo sie in Asche sinkt, dauert sie mich! Und noch steht mir das Schwerste bevor: Menelaos mich, dem armen, schwergeprüften Mann, zu Füssen zu werfen und ihn um Verzeihung zu bitten.

GRIECHEN: Verzeihung wofür? Bist du denn Paris freiwillig gefolgt?

POLYXENA: Nein, mit Gewalt hat er mich entführt. Aber vielleicht hätte ich mich stärker als nur mit Leibeskräften wehren müssen. Wie oft bin ich vom Heck des Schiffes verzweiflungsvoll ins Meer gesprungen! Aber sie haben mich immer wieder herausgefischt! Wie oft hab ich mich hier in den First des Hauses geschlichen, mir den Strick um den Hals gelegt und ihn am Dachbalken festgeknotet. Immer hat man mich rechtzeitig entdeckt und gegen meinen Willen gerettet, und als es mir einmal gelang, in die Tiefe zu springen, da riss das Seil! Jetzt aber, als an allen vier Ecken der Stadt Feuer aufflammte und das Verhängnis sichtbar wurde, da wollten sie meinen Tod! „Stirb, Griechin, im Feuer, das die Griechen legten!“ schrie Hekabe und sperrte mich in den Keller …

GRIECHEN: Wer könnte dir etwas verübeln, du halbes Kind! Ist dies das Kleid aus Schwanenfedern, das du getragen hast zur Vermählung mit Menelaos?

POLYXENA: Es war das erste und das einzige Mal, dass ich es gern und freiwillig trug. Die andern Male nur unter Tränen, weil man mich zwang, mit dem Tod mir drohte.

GRIECHEN: Ist es wirklich wahr: Auch Deïphobos freite dich noch?

POLYXENA: Ich musste drei willigen, denn in dieser Stadt sind Witwen Freiwild der Männer, ohne seinen Schutz hätte man mich verwilderter Soldateska preisgegeben.

GRIECHEN: Und warum trägst du es jetzt, das festliche Kleid?

POLYXENA: Um Menelaos milde zu stimmen, um heute erneut die Braut zu sein des Mannes, für den ich mich aufgespart habe.

GRIECHEN: Komm, wir geleiten dich in seine Arme. Seit getrost, er wird dich mit allen Ehren empfangen und selber auf Knien um Verzeihung bitten. Warum erschrickst du und verbirgst dich dort? Die Troerin kommt, die sich als Helena auszugeben die Frechheit hatte. Steinigt sie!
Sie heben Steine auf.

Helena tritt auf, noch immer im Troerschleier.

Polyxena verbirgt sich vor ihr hinter dem Bild der Ma.

HELENA: Betrogen, erniedrigt, verkannt, beschimpft – ich bitte euch: Werft!
Die Griechen lassen die Steine sinken.
Bis Tenedos hab ich für Troja gehofft, um Troja gebangt, und in dem düsteren Loch, in dem es nach Teer und Hanf stank, war ich glücklich! Im Glucksen der Wellen, im Ächzen des Schiffsgebälks fand ich die andere Fahrt wieder, die hoffnungsfrohe an Paris‘ Seite, die mich hierherbrachte. Jetzt ging es heimwärts, nach Sparta, ins Vaterhaus, wo man mich vielleicht töten, aber nicht wie in Troja, von mir verlangen würde, das graue Schattendasein einer Zweitfrau zu führen… Und ich, die den Krieg verschuldet hatte, ich hatte ihn auch beendet: Meinen Krieg, den Krieg, der meinen Namen mit dem Blut Tausender zu besudeln drohte, den hatte ich in einem kurzen Entschluss, zerrissene Hände nicht scheuend…
Sie leckt sich die wunden Handteller.
…besiegt! In das dunkle, von Ratten umhuschte Glück gellten die Schreie: „Troja brennt!“ schrillten die Bootsmannspfeifen, knarrten die Spanten des halsenden Schiffes. Betrogen, erniedrigt, verkannt, beschimpft – nur noch die welke Hülse von Helena… Im Wirrwarr der Landung, im Schutz des Dunkels gelang mir die Flucht. Durchnässt von Salzwasser ist noch mein Schleier, doch dass ich zittre, das kommt von innen… Ich soll nicht Helena sein? Wer aber dann? Eine Troerin, die zu schaurigem Mahl der Hunger vors Tor trieb? O ja, recht hast du, Menelaos! Ich bin eine Kannibalin! Tausende hab ich gefressen, ausgesogen ihr Blut, mich besoffen daran! Recht geschieht mir, nur recht! Warum bin ich nicht früher, als der Krieg noch jung war, als die vielen noch lebten, die allein das letzte Jahr kostete, hinübergegangen, hab Reue geheuchelt und dem griechischen Angriff den Wind aus den Segeln genommen? Stattdessen sass ich am Stickrahmen, stickte in Schlachtenbilder mit gelber Seide zierliche Staubwolken hinein, merkte nicht, wie ich mich mästete, ein Blutegel am Leib der armen Stadt.
Sie beginnt zu schluchzen, erstickt fast, ringt blökend nach Luft.
Nur einen einzigen Wunsch hab ich noch: Die zu sehen, die mir den Namen und den Ruhm der Schönheit gestohlen hat.

GRIECHEN: Wer immer du bist, wir müssen dich achten, denn mutig und stark hast du alles gewagt, um die Heimat zu retten. Die, die du suchst, verbirgt sich furchtsam hinter dem Holzbild.

HELENA: Ich hätte es mir denken können: Ein Mädchen spielt jetzt die Helena. Ich gelte nichts mehr, bin alt und verwelkt. Komm her, du Kleines! Was haben sie aus dir gemacht?! Wie schön warst du – zart, scheu, rein, wie gross in deinem Entwurf, Achilleus zu lieben, ihn, den mächtigen Feind, herüberzuziehen auf die Seite des Friedens! Und jetzt: Nur noch ein Häuflein Elend, bereit, jede Erniedrigung zu ertragen, sich selbst erniedrigend, nur um zu dürfen, was dein Recht sein sollte: leben!

POLYXENA: Lass mich du sein, ich flehe dich an! Als die, die ich bin, kann ich nur sterben und hab doch kaum gelebt!

HELENA: Man wird dich nicht töten! Da kennst du die Griechen schlecht!

POLYXENA: Ein Mann läuft hier herum, ich kenne ihn nicht, er ist gross wie Achill, der schreit mit einer Stimme meinen Namen, die mir nur Tod, nur Blut und Tod verheisst.

HELENA: Wenn es wahr ist, woher nimmst du den Mut, jetzt, wo der Krieg verloren ist, mit mir zu tauschen? Weisst du denn, Kleines, was du bekommst? Du wirfst den reinen, unbefleckten Namen weg, lädst einen schwer beladenen dir auf, setzt dich der Rachsucht eines Menelaos aus, der nach griechischem Recht dein unumschränkter Herr wird, dich schlagen, vergewaltigen und töten darf. Weisst du, was ein Ochsenziemer ist? Was glaubst du, wie er dich meine Kühnheit, fortzugehen, wohin es mir beliebte, mit wem es mir beliebte, ihm zwanzig Jahre zu trotzen, wird büssen lassen?!

POLYXENA: Ich will das alles geduldig ertragen, dazu auch noch heiter sein, lächeln, wenn ich nur eines nicht: sterben! muss.

HELENA: Und wenn er dir trotz deiner Schönheit nicht glaubt?

POLYXENA: Er wird mich gewiss auf die Probe stellen!

HELENA: Dann vergiss nicht, den Wein mit Wasser zu mischen, wie wir Griechen es tun: Im bauchigen Mischkrug.

POLYXENA: O, dafür danke ich dir! Ich bitte dich, sag mir jetzt noch ein Geheimnis, das nur ich, nur Helena wissen kann!

HELENA: Ich muss überlegen… Es gibt nicht viel, was uns verband. Doch Augenblicke des Glücks hat es gegeben mit diesem Mann, der wie ein Erdbeben über mein Leben hereinbrach. Dann sassen wir in der Kammer, er schaute mir zu, wie ich einen Mantel bestickte, reichte mir das Garn, genoss den Besitz einer so schönen Frau, und in die Stille hinauf drang das Flöten einer Amsel, die im Palastgarten nistete, und ihr Gesang endete immer so: Sie pfeift. Kapiskoko!

POLYXENA: Du reichtest mir das Garn, genossest den Besitz einer so schönen Frau, und in die Stille hinauf drang das Flöten einer Amsel, die im Palastgarten nistete, und ihr Gesang endete immer so: Sie pfeift. Kapiskoko!

HELENA: So ist es recht. Und die Amsel war weiss, das musst du noch wissen, damit du bestehst!

POLYXENA: Noch eines sag: War Achill in Sparta auch unter deinen Freiern?

HELENA (lächelnd): Unter meinen? Unter deinen!

POLYXENA: Deinen… Meinen…
Sie küssen einander, den Identitätstausch besiegelnd.

HELENA: Er war dort, weil alle dort waren – erinnerst du dich nicht?

HELENA und POLYXENA (abwechselnd und zusammen): Es hat mich nie eines Blickes gewürdigt, zog meinen Empfängen wilde Jagdzüge vor. Mit Patroklos durchstieg er in Mädchenkleidern die Bergwälder des Taygetos, erlegte Löwen… Wie gern wäre ich mitgekommen, hab es ihn wissen lassen – aber er hat mir auf meine Botschaft nicht einmal geantwortet…
Polyxena weint, Helena auch. Sie umarmen einander zärtlich.

NEOPTOLEMOS (hinter der Szene, erregt): Polyxena, wo bist du? Zeig dich schon!
Du bist für höchste Ehre aufgespart!

HELENA: Der Ton verheisst nichts Gutes, in der Tat.
Geh jetzt, geh schnell, und hab mehr Glück als ich,
der Zauber deiner Jugend helfe dir!
Dort traf ich Menelaos, eil ihm nach,
du kennst ihn an der bulligen Gestalt.
Und eines noch: Er ist mit Kleidern sorglos.
Leg ihm des Morgens frische hin, damit
er nicht wochenlang dieselben anzieht!
Polyxena geht ab.
NEOPTOLEMOS (hinter der Szene, erschöpft):
Polyxena, befürchte nichts von mir,
ich führ dich meinem Vater zu als Braut!

HELENA: Ich weiss, als wär es gestern, wie ich auf
goldner Skamanderwiese Ball gespielt
und Kränze flocht für Hektor und Kassandra
aus Veilchen, Dotterblumen, Knabenkraut…
Da plötzlich kam ein Aufruhr in die Stadt:
Prinz Paris sei mit einer Griechin heimgekehrt,
die sei so schön, so schön, so wunderschön.
Ich bin schnell hin und hab sie angeschaut:
Sie war so schön wie bunter Kieselstein,
die Augen lustig und die Wangen rot,
vergnügt fiel sie uns allen um den Hals
und hat mit Fröhlichkeit des Haus erfüllt,
das vorher eher steif und düster war …

Neoptolemos tritt auf.

NEOPTOLEMOS: Der Pfeil war troisch, der Bogen griechisch, Vater abgeschossen wie ein tollwütiger Hund von irgendeinem gedungenen Schuft! Wie kann ich je wieder einem Griechen ins Auge sehen, ohne in Versuchung zu geraten, ihn zu schlachten, wie sie Vater geschlachtet haben! Wie gern hab ich mich seiner gerühmt, wie oft mich mit seinen Taten gebrüstet – und immer dies Schweigen, Augensenken, Belächeln meiner Ahnungslosigkeit! Niemals hat er eine andere geliebt als Deianira, meine Mutter! Die Alte lügt!

HELENA: Was für eine Alte hat dir das erzählt? Starr mich nicht an! Ja, wir kennen uns! Deine Leute haben mich heute morgen auf dem Grab von Achilleus verhaftet. Ich wollte dort sterben, nichts sonst, aber ihr liesst mich nicht. Sag mir, mein Junge, wer hat dich so durcheinander gebracht?

NEOPTOLEMOS: Ich sah sie vor dem ungeheuren Brand,
wie sie zwei Tote in das Feuer trug,
und wie durch ein Wunder selber nicht verbrannte. Das Feuer machte einen Bogen um sie, als sei sie für noch Schlimmeres aufgespart. Als sie fertig war, kam sie auf mich zu, fragte mich, wer ich bin, und wollte wissen, woher ich den Reif hätte. Das konnte ich ihr sagen, denn ich hatte ihn Priamos eigenhändig abgenommen, bevor ich ihn tötete.
„Hab Dank für diese Tat,“ sagt sie darauf,
„der Alte hat nichts Besseres verdient,
er hat uns in den Untergang geführt.
Dein Vater aber hätte uns gerettet,
wär er nicht meuchlerisch ermordet worden.“
Ich frage nach, und sie bestätigt mir,
ganz Troja habe damals drauf gehofft,
dass es Polyxena gelänge, ihn an Troja zu binden. Er habe nur noch zum Schein auf griechischer Seite mitgekämpft, die Troer hätten strikte Weisung gehabt, ihn zu schonen, Verhandlungen waren im Gange, dass er am Hochzeitstag an der Spitze seiner Myrmidonen unter klingendem Spiel in Troja Einzug halten sollte, und das wäre das Ende des Krieges gewesen, denn vor einem Troja, an dessen Spitze Achilleus kämpft, hätten die Griechen sofort die Flucht ergriffen. Um das zu verhindern, müsse einer der Fürsten – wer wohl, ich frage nur: Wer wohl? – einen griechischen Bogenschützen gedungen und ihm einen Parispfeil in die Hand gedrückt haben…
Das Feuer aus den Augen dieser Alten
es hat mich tief im Innersten versengt.
Sie schulterte dann eine schwere Axt,
als wollte sie Welt in Trümmer hauen
und wankte fort.

HELENA: Beruhige dich, mörderisches Kind!
Dein Vater hat mich wirklich nie geliebt,
den Krieg beenden aber wollte er.
Du hast von ihm ein ganz falsches Bild, weil er im Krieg war, als du heranwuchst, und aus dem, was du über ihn hörtest, hast du dir ein Idol zurechtgemacht, das wenig mit dem wirklichen Achill zu tun hatte … Weisst du, dass er am liebsten Mädchenkleider trug? In Mädchenkleidern versuchte er sich dem Krieg zu entziehen, aber Odysseus liess die Trompete blasen, und er verriet sich, indem er zur Waffe griff. In Mädchenkleidern besuchte er Patroklos, den einzigen Menschen, den er je wirklich geliebt hat… Er war stark und kannte keine Furcht, aber diesen Krieg hat er immer gehasst. „Warum hat man Menelaos Helena aufgezwungen?  D a s  war doch der Anfang allen Übels! Wäre ich sie, ich wäre auch mit dem nächsten Besten auf und davon!“ So redete er, weil nur Männer, die die Frauen nicht lieben, ihnen ein Recht auf ein Leben in Freiheit zugestehen … Ein Mädchen, das Agamemnon ihm wegnahm, war ihm Grund genug, in Waffenstreik zu treten. Ungerührt sah er zu, wie seine Landsleute von Hektor fast ins Meer getrieben wurden, doch dann fiel unseligerweise sein einziger Freund von Hektors Hand…
Helena tupft sich die Augen.
Als er Hektor getötet hatte, ging ich mit Vater zu ihm hin. Wir wollten eigentlich nur den Leichnam auslösen und gleich wieder gehen… Aber er behielt uns da, Papa stellte ihm den Unfug des Krieges lebhaft vor Augen – da begann er zu weinen, wie kein anderer Grieche jemals geweint hätte. Er konnte überhaupt nicht wieder aufhören, liess meine Hand gar nicht wieder los. So fing es an… Er schickte mir einen Korb mit frischem Fisch, ich wirkte ihm ein Kettenhemd … Dann die Verhandlungen, Tage, in denen der Krieg den Atem anzuhalten schien … Mitten in die Stille schwirrte der Parispfeil, und wenn du mich fragst, Odysseus selber, der ein ausgezeichneter Bogenschütze ist, hat ihn abgeschossen – eine so wichtige Aufgabe vertraut er keinem andern an! War er nicht der erste bei der Leiche? Was dein Vater für mich empfunden hat, weiss ich nicht, ich aber habe ihn so sehr geliebt, dass mich der Pfeil noch tiefer traf als ihn. Nur um sein Vermächtnis zu ehren, seinen Willen, den Krieg zu beenden, gab ich mich fälschlich als Helena aus, der ich an Schönheit und Jugend doch niemals gleichkomme!

NEOPTOLEMOS: Du bist schön! Ich wundere mich, dass es mir heute morgen nicht aufgefallen ist. Komm mit! Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen!
Er geht mit Helena ab.

GRIECHEN: Polyxena also war es, die uns heut morgen den vermeintlichen Frieden brachte! Eine würdige Helena wär sie gewesen, ich glaube, wir brauchen uns unseres Irrtums nicht zu schämen.
Ich folge ihnen, will dabei sein, wenn Polyxena stirbt auf Achills Grab.
Sollten wir nicht in erkaltender Asche Nachlese halten, damit wir ein wenig mehr als nur Wunden mit nach Hause bringen?
Ich mache mit, doch ich fürchte, wir werden durchsucht, und man nimmt uns alles, was irgend von Wert ist, wieder ab. Unersättlich ist der Goldhunger der Grossen. Kommt, wir kehren zu den Schiffen zurück, bevor sie ohne uns abfahren. Schliesslich sind wir keine Fürsten, dass unser Fehlen Beachtung fände!
Sie schicken sich an, abzugehen.

Odysseus tritt auf.

ODYSSEUS: Halt bleibt hier! Ich brauche euch noch!
GRIECHEN: Es hat keinen Zweck – wir müssen an uns denken!
Sag uns: Was sollen wir tun? Aber vergiss nicht, dass wir Invalide sind!
Seht ihn, die Seele des Sieges, Odysseus, unbefleckt von Mord und Brand, umschreitet er mit Kennermiene das hölzerne Götzenbild!

ODYSSEUS: Dich also wollte Hekabe spalten mit der Axt, damit du uns nicht in die Hände fielst! Erkennt ihr es nicht? Es ist ein Bildnis der Pallas Athene, die Zeus Haupt entsprang und  u n s  beschützt! Zwar nur aus Holz und kindlich geformt, macht es sein Alter doch ehrwürdig. Wer weiss, welcher Zufall es hierher verschlug, aussetzte verkennendem, barbarischem Kult. Vergeblich hat Troja um Hilfe zu  u n s e r e r  Gottheit gefleht! Ladet das Bild auf die Schultern, Männer, tragt es an den Strand zu den Schiffen!
Die Griechen legen das Bild um und schultern es.
Hekabe aber, meine Gefangene, sperre ich ein und stelle sie aus, den Menschen zur Warnung, was für eine Bestie das Weib ist, das herrscht. Troja ist Asche, der letzte Sprössling aus Priamos‘ Samen vom Turm in den Tod gestürzt. Blühe nun, Griechenland, geniesse den Frieden und gib der Welt das Gesetz!
Er geht ab, die invaliden Griechen folgen ihm langsam.

GRIECHEN: Bedrohlich, unheimlich, fremd scheint mir das Frauengeschlecht. Es gleicht einem Wurzelstock, der Blüten und Blätter in Massen austreibt. Zersticht ihn der Spaten, vermehrt ihn das nur. Sein Wesen ist Wachstum, Verdoppelung, Fruchtbarkeit. Wir sind nur Blätter an diesem Stock, von Frauen geboren, von Frauen erzogen, jagen wir ewig dem Weiblichen nach, fangen es, knechten es, quälen es, töten es, aber es wächst unerschöpflich nach. Wir haben Brüste, aber verdorrte, sind verkrüppelte Frauen, immer begehrend, ruhelos umgetrieben, sie aber ruhn wie die Erde in sich.

Patriotentod

Campus einer deutschen Universität: eine Gruppe Studenten.

Langgelockte Burschen in der durch Caspar-David Friedrich propagierten schwarzen altdeutschen Tracht (keine Farben tragend) betritt mit einem Sarg auf den Schultern die Bühne. Einer der Burschen trägt den abgeschlagenen Kopf des ebenfalls jugendlich gelockten toten Karl Ludwig Sand feierlich auf einem Teller vor sich her. Die Burschen singen Binzers Lied.

BURSCHEN: „Wir hatten gebauet
ein stattliches Haus
und drin auf Gott vertrauet
trotz Wetter, Sturm und Graus.

Die Form ist zerbrochen
von aussen herein,
doch was man drin gerochen,
(sie verziehen die Gesichter)
ist eitel Dunst und Schein.

Das Band ist zerschnitten,
war schwarz, rot und gold,
und Gott hat es gelitten,
wer weiss, was er gewollt.“ (ab)

Pressy; Bank; Marguérite und Penard

Danke, KI!

PENARD: Was nähst du da so sorgsam und fein,
gibts einen Vorhang? Ein Kleid?
Hast du, bevor du wollest frein
und lässt dich auf einen Burschen ein,
zu nähn das geschworen nen Eid?

Ich bitte dich, antworte, Marguérite –
warum sprichst du denn mit mir nicht mehr?
Ist es wohl gar ein Requisit
für den Maskenzug, der morgen zieht
von Aubonne herüber hierher?

MARGUÉRITE: Erlaubt mir, Vater, den Widerspruch:
Marguérite nie nem Mann sich gesellt.
Was ich hier nähe, ist der Versuch,
zu nähen dem Mieter aus Fahnentuch
die Trikolore, die er bestellt.

PENARD: Eine schwarzrotgoldene Trikolore
gibts nicht in europäischen Landen!
Es kommt mir so vor,
als ob dein welsches Ohr
sein Deutsch hätte missverstanden!

Die einzige ähnliche Fahne ist die,
die die Flamen und Wallonen erwarben.
Unter dem Namen Belgien sind sie
seit ein paar Jahren souveräne Monarchie,
vertikal schwarzgoldrot sind die Farben.

MARGUÉRITE: Er hat es mir aufgezeichnet – hier,
am zwanzigsten Januar!
Zuoberst das Schwarz steht auf dem Papier,
dann Rot, dann Gold, ‘s ist nur ein Geschmier
doch zu erkennen klar.

Für die Malerei hat er benutzt
Materialien nass und trocken:
Mit Asche geschmutzt,
Blut vom Arm sich geputzt,
und das Gold, das sind seine Locken.

PENARD: Unser armer Mieter ist ein Phantast,
man muss sich sorgen um ihn.
Er trägt an einer heimlichen Last –
es ist gut, dass du sein Vertrauen hast –
doch bedarf er der Medizin.

Er sagt, er wisse einen Docteur,
den ist er gegangen zu finden.
Er schenk ihm Gehör,
ihn nicht schlimmer verstör –
Medizin vergibt keine Sünden. (ab)

MARGUÉRITE: „Das Band ist zerschnitten,
war schwarz, rot und gold…“
Was hat er gelitten
und mannhaft gestritten
und mehr, als er sollte, gewollt?

„Die Form ist zerbrochen
von aussen herein…“
Ach, vor wenigen Wochen
hatte keinen Grund, so zu pochen,
das arme Herze mein!

Doch seit er gekommen,
der arme, kranke Mann,
bin ich so beklommen,
kann zu mir nicht kommen
und stehe in seinem Bann.

Ich brachte ihm Schinken,
etwas Milch, ein Stück Brot…
Der Kopf tät ihm sinken,
als wär er am Ertrinken –
was hat er für Not?

Oft hör ich ihn stöhnen,
dass Gott erbarm.
Würd gern ihn verwöhnen,
sein Leben verschönen,
fortscheuchen den Harm.

„Wir hatten gebauet
ein stattliches Haus…“
Wenn er mich anschauet,
mein Herz ihm vertrauet
über den Himmel hinaus

Genf; Tisch mit Buch, zwei Stühle; Lornsen mit Rucksack, Péchier.

LORNSEN: Ich komme zu dir, du Homöopath,
ich weiss nicht mehr aus noch ein.
Ich bitt dich um ärztlichen Rat,
hilf mir mit heilender Tat,
denn ich muss vor Seelenangst schrein.

PÉCHIER: Wer bist du, warum kommst du zu mir,
was ist deines Leidens Natur?
Gern stehe ich zur Verfügung dir,
wie deine Lebensuhr rast, ich spür,
will verordnen die rettende Kur!

LORNSEN: Genügt es dir nicht, Péchier,
zu sehen den Menschen und Mann?
Wie oft ich hinaus an den Genfer See
mit all meinen Sorgen und Schmerzen geh,
weil niemand mir helfen kann!

Empfohlen hat deinen Bruder mir,
den Apotheker Péchier,
ein Kieler Freund – doch dein Bruder ist tot,
deshalb komm ich zu dir in meiner Not
und bitte dich: Wende mein Weh!

Es ist ein Schmerz, der mich plötzlich befällt,
lässt rot die Gelenke schwellen,
die Haut pergamenten und wie gepellt,
ein trockenes Hüsteln die Brust durchgellt,
ein Leid, um ne Eiche zu fällen.

PÉCHIER: Im Moment aber, scheint es, gehts Ihnen gut,
die Gelenke sind schlank und kühl.
Die Haut ist geschmeidig – doch dort seh ich Blut,
wie bei einem, der sich etwas antut –
das macht mir ein ungutes Gefühl.

LORNSEN: Ach, achten Sie darauf nicht, Docteur,
ich hab mich aus Versehen geschnitten.
Ich gehe auch gerne, wenn ich hier stör,
ich bin nicht gekommen für ein Verhör,
ich kam, Sie um Heilung zu bitten.

Um Heilung des Übels, das schon so lang
in meinem Leibe gewütet,
das mich wie eine Boa umschlang
mich in furchtbares Elend zwang
und mich erstickt und bebrütet.

PÉCHIER: Sie kennen noch nicht das System,
nach dem ich wirke und heile.
Ich löste damit schon manches Problem
und heilte damit schon manches Ekzem,
doch verträgt es keine Eile.

Entwickelt von Samuel Hahnemann,
genannt „die Sonne von Meissen“,
besonders die Psora man heilen kann
mit dieser Methode, deren Bann
will das Übel bei der Wurzel ausreissen.

Er fand heraus: die Schulmedizin
kuriert nur herum an Symptomen.
Hat einer Fieber, wir geben Chinin –
es verschlimmerts die Krankheit, dann heilt es ihn,
und das mit drei, vier Atomen.

LORNSEN: Wo hat dieser Heiler seinen Verbleib?

PÉCHIER: Doktor Hahnemann lebt in Paris.
Und es lebt nicht allein sein vergreisender Leib,
er hat gefunden ein junges Weib,
ein Unsterblicher im Paradies.

Lange lag er in mühsamem Krieg
mit den dumpfen Doktoren,
hat erfochten stupenden Sieg
zu seinem Geburtstag spielt Klara Wieck,
ganz Europa spitzt die Ohren.

Damit ich zuordne das Simile,
das Ihr Leid erst verstärkt, dann behebt,
muss ich, so verlangt es mein Metier,
Sie fragen dürfen nach Ihrem Weh
und nach allem, was in Ihnen webt.

LORNSEN: Ach, Doktor Péchier, so fragen Sie doch,
ich will mich in alles schicken.
Fragen Sie mir in den Bauch ein Loch,
hoffentlich erleb ich es noch,
wird Ihnen die Zuordnung glücken.

Es ist aber leider, das sage ich gleich,
nicht so sehr das physische Leiden,
das mich getrieben hat her zu Euch
als einen Flüchtling, verachtet und bleich,
dass Ihr Euch an mir könnt weiden.

Es plagt mich eine furchtbare Schuld,
die niemand kann je beheben.
Ich habe verwirkt Gottes Geduld,
er hat mir entzogen seine Huld –
ich fürchte, ich darf nicht mehr leben.

PÉCHIER: Sie machen sich lustig – im Lockenkranz
Ihrer kaum mehr als vierzig Jahre!

LORNSEN: Ich bitte Sie, halten Sie Distanz,
denn ansteckend ist meines Leidens Substanz,
vor dem Sie Gott bewahre!

Eine üble Flechten-Dyskrasie
ist es, die mich beschwert.
Seit Jahren plagt bis zur Agonie
sie mich – und ich gebe sie
jedem weiter, der mit mir verkehrt.

Denn sie ist aufs äusserste kontagiös,
vor allem durch den Husten,
sie macht die Knochen, die Haut porös,
es ist eine Seuche, so skandalös –
Verzeihung, ich muss mich verpusten.

ERZÄHLER: Es schwieg auch der Homöopath Péchier,
sah seinen Patienten da hocken.
Seine Haut war braun wie gebadet in Tee,
seine Augen warn blau wie die offene See
und goldblond warn seine Locken.

Der Reisige auf dem Rücken trug
einen fellbedeckten Affen.
Und abgesehen von dem leidenden Zug,
der zusätzlich in Bann den Doktor schlug,
schien er zu Grossem geschaffen.

Was für ein Bild von einem Mann!
dachte der Mediziner.
Was für ein fürchterlicher Tyrann
hat ihn geknechtet – warum und wann?
und den Herrn erniedrigt zum Diener?

LORNSEN: Es gab einen Menschen in der Ferne dort,
der war mir der liebste von allen.
Das war meine Schwester, die an ihrem Ort
bescheiden lebte, bis dass sie der Mord
durch mich hat angefallen.

Ich habe sie über alles geliebt,
doch Gott kannte kein Erbarmen.
Er wies mich nach Rio, da war sie betrübt,
ich aber habe die Schandtat verübt,
zum Abschied sie zu küssen, zu umarmen.

Da stand sie in ihrer friesischen Tracht,
den Todeskeim auf den Lippen.
Ich habe in Rio wohl jede Nacht
an Erkel in Morsum auf Sylt gedacht,
die vom salzigen Tod musste nippen.

Mein Vater schrieb mir, eisern und stur:
Erkel ist dick wie eine Bouteille!
Da brach auf der Stelle ich ab meine Kur,
nahm das nächste Schiff, das nach Europa fuhr,
und landete in Marseille.

In Genf lag Post auf der Posthalterei –
ich wanderte aufwärts die Rhone.
Mir war, als ob mein Schuhzeug mit Blei
bis obenhin ausgegossen sei –
was war ich für ‘n müder Teutone!

Da lag nun der Brief – und Erkel war tot,
und alles war gewesen vergebens.
Warum das Weggehn, die Einsamkeit, Not?
Warum ihr Sterben im Kindbett rot?
Was ist noch der Sinn dieses Lebens?

PÉCHIER: Wie lange nach Ihrer Abreise ist
Ihre Schwester schwanger geworden?

LORNSEN: Drei Jahre habe ich sie vermisst,
dann hörte ich, dass sie schwanger ist
und brach wieder auf in den Norden.

Auch in Brasilien hab ich gewiss
eine Spur des Todes gezogen.
Ich lebte in einsamer Bitternis
und hab, um zu meiden die Nemesis,
mit kaum jemand Umgang gepflogen.

Doch zu bekämpfen das üble Geschwür,
das ich in mir fühlte wuchern,
besuchte ich Bäder – 80 Grad Réaumur,
ich schwitzte, kasteite mich für und für –
und plauderte mit den Besuchern.

Wie konnte ich nur so ahnungslos sein,
vertraulich mit ihnen zu reden?
Mein Atem, mein Speichel übertrug die Pein,
unsichtbar trag ich das Zeichen des Kain,
bin ausgestossen aus Eden.

Der Zeitung entnehm ich, dass Diphterie
die Bevölkrung von Rio heimsuche.
Diphterie, sagen sie,
doch es ist Dyskrasie
und beruht auf des Friesen Fluche.

PÉCHIER: Ich danke Euch für Euern Bericht,
doch was Ihr habt, ist die Psora.
Die Psora hält schwer über ihr Opfer Gericht,
aber ansteckend, ansteckend ist sie nicht,
diese Plage aus der Büchs der Pandora.

Mal ergreift sie Gelenke, und mal die Haut,
oft schädigt sie Darm oder Nerven.
Sie ist des Teufels hässliche Braut,
sie konserviert, was sie zerkaut,
wer sie hat, muss sich ihr unterwerfen.

Denn wenn sie uns sicher zu haben glaubt,
dann lockert sie ihre Strenge.
Das Simile schraubt
sich dann tief in ihr Haupt,
es verlieren die Kraft ihre Zwänge.

Zwar macht sie die Haut ihrer Opfer fahl,
setzt ihnen Flecken ins Gesicht –
sie ähnelt schon mal
der Syphilis Qual,
doch ansteckend ist sie nicht.

LORNSEN: Ich bitte Euch, Doktor, ich flehe Euch an:
Glaubt mir, sonst helft Ihr verderben!
Ich hab sie ermordet Frau und Mann,
wenn Ihr so klug seid, sagt mir: Woran
musste Erkel im Kindbett sterben?

Und warum halten jetzt alle so still,
was ist das für ein grässliches Schweigen?
Es ist das Schweigen des Todes. Ich will
es nicht mehr hören, es gellt mir so schrill
in den Ohren wie verstimmte Geigen.

Meine Schwester tot! Mein Vater tot!
Und all die Sylter Verwandten!
Die Freunde tot und auf Charons Boot,
ermordet durch meines Übels Gebot,
und Hunderte von Bekannten!

Daraus gibt es doch nur einen Schluss:
ansteckend ist, was mich plagt!
Tödlich wie auch der Judaskuss
ist der morbus dithmarsicus,
was immer Ihr dazu sagt!

Ich war einmal ein berühmter Mann,
viele suchten die Näh meiner Würde,
sie alle nun nichts mehr retten kann,
ich hab sie getötet mit eklem Bann,
und bin mir selbst zur Bürde,

ja, ich muss befürchten, dass zu tief
das Übel schon hat eingewurzelt.
Warum ziehen Sie das Gesicht so schief?
Riechen Sie ihn, den Flechten-Mief?
O wär ich ins Nichts längst gepurzelt!

Und Doktor, rettet, hört, was ich sag,
mein letztes Opfer für Gottes Lohn:
In Genf fand ich Zuflucht in meiner Plag
bei Richard, einem Pfarrer von altem Schlag,
mit einem entzückenden Sohn.

Der war so vertraulich und kam zu mir,
mir war, als säh ich mich selber,
er drängte zu mir wie ein klein Tier,
fragt jeden Morgen: „Wie geht es dir?“
dann hustet er gelb und gelber!

O die Schande! das Elend! der grausame Fluch!
ich bitte Euch, rettet den Jungen!
Schlagt nach in Euerm dicken Buch,
rettet ihn, macht wenigstens den Versuch!
O Gott, gib mir Engelszungen!

ERZÄHLER: Péchier verstummt vor so viel Eloquenz,
er sinnt, es raschelt Papier.

PÉCHIER: Ich verordne Euch in höchster Potenz
Belladonna in geistiger Essenz,
täglich Tropfen viermal vier.

Vertraut der Verordnung und habt Geduld,
aufwärts gehts über Nacht!
Und übertreibt nicht Eure Schuld,
denn begangen habt Ihr kein einz’ges Insult
mit Vorsatz und Vorbedacht.

LORNSEN: Was macht das für einen Unterschied
für ein Werkzeug des Verderbens!
Hinter mir her eine Spur sich zieht,
die jeder Eingeweihte sieht,
eine Spur des Massensterbens.

Gebt her das Fläschchen! Ich nehme das Gift
nach homöopath’scher Methode!
Darauf ist geschrieben mit Tintenstift
für das Einnehmen die Vorschrift,
sei es zum Leben, zum Tode!

Danke, KI!

Wasserkante auf Sylt mit einem angeschwemmten Bündel; Lorensen und Wülfke von links, dann Erkel.

WÜLFKE: Mir war, als sähe ich Erkel hier –
sie ist doch schon Monate tot!
Sie lief auf und ab und schrie wie ein Tier
und rief immer wieder: „Uw, komm zu mir!“
und sah in der Ferne ein Boot.

LORENSEN: Ich schätze Sie, Wülfke, sehr,
als Arzt, als Menschen und Freund.
Mehr als einmal hab ich erlebt, dass das Meer
Menschen verwirrt, ihren Verstand kreuz und quer
durcheinanderwirft wie ein Feind.

Gerade wir Friesen stehen im Ruf
der Neigung zur Spökenkiekerei,
doch Sie als Arzt meines Sohnes Uw,
den Gott mir zu meinem Kreuz erschuf,
sollten davon bleiben frei.

Dass Erkel uns im Kindbett verstarb,
war ein Unglück – nicht mehr als das.
Dass der Verstand ihr vorher verdarb,
das zu vergessen, dafür warb
seit ihrem Tod ich fürbass.

Erkel, hochschwanger, barfuss, in einem grauen Kittel, von rechts.

Ich bitte Sie deshalb – Erkel soll ruhn,
zur Vogelkoje kehr ich zurück.
Es gibt dort eine Menge zu tun,
Krickenten fallen ein wie Taifun,
es sind bestimmt Tausend Stück.

WÜLFKE: Da ist sie wieder – dass Gott erbarm –
hält Ausschau nach ihrem Bruder –
das Antlitz gezeichnet vom tiefen Harm,
hebt sie jetzt winkend einen Arm –
und stolpert über ein Luder…

LORENSEN: Ich sehe nichts als Meer und Sand –
Sie sehen ein Gaukelbild! (ab)

WÜLFKE: Jetzt kniet sie nieder, und ihre Hand
dreht herum, was sie dort fand –
was ist es – was führt sie im Schild?

ERKEL: So hat das Meer dich endlich zurück
mir doch noch geben müssen.
Zwar bist du tot, doch zu deinem Glück
bin ich es auch; o wie gern ich mich bück
und bedeck dein Gesicht mit Küssen!

Wie konntest du deine Erkel so lang
allein in der Heimat lassen?
Ich bin gewesen so schrecklich bang,
hatte nach dir so furchtbaren Drang –
ach, hätt ich dich können hassen!

Und kennst du schon deinen süssen Spross?
Was ist das hier für ein Geschmuse!
Er ist klein und hat weder Bein noch Floss,
bewegt sich und nutzt weder Rad noch Ross –
eine glockenblumenblaue Meduse!

WÜLFKE: Ich bitte dich, Erkel, was sagst du von Uw?
das Kind war von Andres, deinem Gatten.
Du selbst, die Familie gerät in Verruf,
vertauschst du hier einfach Lee und Luv –
zahllos sind die hämischen Ratten!

ERKEL: Wie schön du bist, du lieber Mann,
nichts soll von dir mich trennen!
Ich leg mich an deine Seite, und dann
löst unsre Liebe des Todes Bann –
und gelöscht wird das ewige Brennen!

Zuhause hängt auf der Schneiderfigur
das Burschenkleid mit den Farben.
Ich will dir antun die fesche Montur
und mit dir lachen und tanzen nur –
ein Ende hat all das Darben!

WÜLFKE: Schau ihm doch nur in das schwarze Gesicht! –
Ich bitte dich, komm jetzt mit!
Der Tote ist dein Bruder nicht,
ich muss dich mitnehmen, es ist meine Pflicht,
es sind doch nur ein paar Schritt!

O bitte – was soll denn das Geschrei,
lass ihn los und denk an das Kind!
Ihn setzen wir als Namenlosen bei –
von denen hatten wir dies Jahr schon drei –
er ist nicht Uw! Bist du denn blind?

Erkel löst sich auf.

.Wo ist sie? Erkel! Wo bist du hin?
Warum nur konnte ich sie nicht retten?
Ist es so weit, dass ich durchgedreht bin?
Wo bist du hin, arme Wöchnerin?
Komm zurück! In Daunen wollen wir dich betten!

Nötig ists, dass ich den schwarzen Mann
auf dem Friedhof christliche begrabe.
Doch gerade denk ich daran:
Vielleicht ist er ein Muselman –
von der Grösse nur erst ein Knabe.

Aber wo ist der Leib? Und wo der Kopf?
Es ist nur ein Haufen Textilien!
Die Lumpen in den Kopf ich mir stopf –
was bin ich nur für ein armer Tropf!
Hab Dank, Uw – für den Gruss aus Brasilien!


Genf; Tisch mit Buch, zwei Stühle; Péchier und der Agent

AGENT: Die Genfer sind Republikaner, nicht wahr,
oder ob sie mir so nur erschienen?
Unter Euch sind die Royalisten rar,
doch gross ist der Jacobiner Schar,
und Jean Jacques war einer von ihnen.

PÉCHIER: Ich bin nur ein Arzt, mein Herr, und darf
dran erinnern: Politik liegt mir ferne.
Wenn Schmerzen Euch plagen, heftig und scharf,
bei jedem ärztlichen Beratungsbedarf
steh ich Euch zu Diensten gerne.

AGENT: Ich bin nicht gekommen als Euer Patient,
will Euch die Zeit aber vergüten.
Helft Ihr jedem? Diese Frage brennt
mir auf den Nägeln – auch wenn Ihr ihn nicht kennt?
Auch Verbrechern, abgebrühten?

PÉCHIER: Ich weiss nicht, wie Ihr dazu kommt,
mich indirekt anzuklagen.
ärztliche Hilfe jedem zukommt,
und einem Arzte es nicht frommt,
nach Wer und Woher zu fragen.

Nennt einen Namen! Wem hätte ich wohl,
der ein Verbrecher wäre,
gerettet das böse Leben frivol,
dass er weiterhin missbraucht das Mörderpistol,
und befleckt dadurch meine Ehre?

AGENT: Uwe Jens Lornsen ist Euer Patient,
der scheinliberale Friese.
Er ist der gefährlichste Skribent,
der frei in Europa herumrennt,
nicht nur äusserlich ein Riese.

PÉCHIER: Und Ihr nehmt Euch das Recht heraus,
diesem Manne nachzuspüren?
Verfolgt ihn bis hierher in mein Haus –
seid Ihr die Katze? Er ist die Maus?
Das kann ich nicht tolerieren.

Ich muss bei der Genfer Polizei
Euch leider zur Anzeige bringen.
Die Republik Genf ist rechtlich und frei,
hier dulden wir keine Ausspäherei,
das Wildern und Legen von Schlingen.

ERZÄHLER: Lächelnd der Herr seinen Namen nennt,
nimmt ab den schwarzen Zylinder,
weist sich aus als geheimer Agent
durch kaiserlich-östreichisches Patent
und rückt zurecht seinen Binder.

Auch legt er vor eine permission
der Genfer Staatsanwaltschaft,
nachzugehn in aller discrétion
seinem Auftrag, seiner raison,
in der genevischen Stadtschaft.

AGENT: Im Auftrag des Kanzlers Metternich
muss ich Uwe Jens Lornsen beschatten,
er gibt sich als Bürger,
doch ist er ein Würger,
dem man Freiraum nicht darf gestatten.

Er trägt eine Krankheit mit sich herum,
die Krankheit, sie heisst Gewalt.
Gewalt ist sein Evangelium,
doch verbirgt ers, denn er ist nicht dumm,
in sanfter Mäss’gung Gestalt.

Wir hatten andre wie den wütenden Klügler –
er gehört, gottlob, zu den Toten,
ein Betrüger und Lügner –
er hiess Georg Büchner,
der in seinem Hessischen Landboten

offen aufrief zur Revolution,
verhetzte die armen Bauern,
doch seine Agitation
soff ab im Hohn
auf Mächte, die überdauern.

Lornsen ist ganz das Gegenteil,
und er schreibt keine Verse:
Er zielt ohne Eil
und schiesst seinen Pfeil
Achilleus in die Ferse.

Mit seiner Schrift zum Verfassungswerk
des Landes Schleswigholstein
hat er (ein Rousseau schreibt die Briefe vom Berg)
aller Deutschen und Dänen Augenmerk
gelenkt auf das Doppelland klein.

Zwar liegt es an Deutschlands äusserstem Rand,
doch wieviel man auch unkt,
Der Sohn eines Walfängers hat erkannt:
Wer Schleswigholstein hat, hat Deutschland,
es ist der archimedische Punkt.

Von hier kann er aus den Angeln heben
den ganzen deutschen Bund,
der Monarchie eine Watschn geben,
offen nach Freiheit und Menschenrecht streben
und wuchern mit seinem Pfund.

Die Schrift hat die dänische Monarchie
bis in die Grundfesten erschüttert,
sie bricht alle Rechtsfragen übers Knie,
ist voll schneidender Ironie:
dieselbe Hand tötet und füttert.

Lornsen weiss: Das politische Himmelreich
überlässt man besser den Spatzen.
Um zu brechen den stärksten Deich,
ihn zu machen dem Erdboden gleich,
muss man nur am richt’gen Ort kratzen.

Und deshalb bitte ich Euch, Herr
Doktor, so hochgelahrt:
Bedenkt, Ihr kuriert einen Revolutionär
ohne Glauben und Ehrfurcht, ja, ohne Ehr,
den vor Schlimmerm der Tod nur bewahrt.

PÉCHIER: Ich vermisse in Euerm langen Sermon
einen Hinweis auf ein Verbrechen.
Ich sage Euch noch mal: Es wäre ein Hohn
auf meine ärztliche Profession,
wollte ich mich erfrechen,

ihn zu strafen für etwas, das ich nicht weiss,
wohl gar für politische Meinung.
Ich sage Euch: Ohne klaren Beweis
für ein Verbrechen macht Ihr mich nicht heiss,
hört Ihr von mir nur Verneinung.

AGENT: Die Sache hat einen gewissen Hautgout,
wie gern liess ich es sein Bewenden
haben damit: Des arglosen Kotzebue,
Komödiant, braver Bürger noch dazu,
Blut klebt an Lornsens Händen.

PÉCHIER: Der Mörder war ein gewisser Sand,
das weiss man auch hier in Genf.
Und Kotzebue war nicht nur Komödiant,
er war auch wie Sie ein Defraudant,
und nun sparen Sie sich Ihren Senf.

Ich habe nicht länger Zeit für Sie,
Meine Patienten werden ungeduldig.
Monsieur Lornsen leidet an Melancholie,
ich werde ihn heilen, herausfinden, wie,
und mache mich nicht an ihm schuldig.

Nehmen Sie Ihre Briefschaften mit –
sie sind an Lornsen gerichtet?
Ich hoffe, Sie stellen sie ihm zu,
meinen es ehrlich, lassen ihn in Ruh,
bis konkreter Verdacht sich verdichtet.

Der aus Kiel von einem Hegewisch
der von einer Sylter Adresse –
o bitte, nehmen Sie sie vom Tisch,
Sie Hüter der Ordnung, Sie giftiger Fisch,
bevor ich mich vergesse.

Auf den Judaslohn aber verzichte ich,
Ihr könnt ihn gerne behalten.
Sagt Euerm Fürsten Metternich,
das Rad der Geschichte drehe sich,
er werde es auch nicht aufhalten.

Vandoeuvres; Grabkreuze; Lornsen mit Rucksack, dann der Agent

LORNSEN: Die Orgelklänge aufwärts steigen –
wie lange nicht vernommen!
Ach, könnt ich mich beugen,
Glauben bezeugen,
zusammen mit anderen Frommen!

Der Agent wird sichtbar.

Doch in Jena nach langem Ringen,
war es entschieden und klar:
kein Glaube sollte mich zwingen,
zur Tat wollte ich mich aufschwingen,
mich selber bringen dar.

Die Gedanken des tatfrohen Fichte
nahmen mich ganz in Besitz.
Egal ob ich richte,
versöhne, vernichte –
des absoluten Ich göttlicher Blitz!

Wer sind Sie? Was treten Sie mir so nah?
Ich kenne Sie nicht, habe Sie bei
Gott nie gesehen. Oder sah
ich Sie auf Sylt? In Amerika?
In der Kopenhagner Kanzlei?

Warn Sie’s nicht, der mir auf Sylt empfahl,
zu gehn ins polit’sche Exil?
Mir drohte mit einer Zunge aus Stahl
und sagte, ich hätt keine andere Wahl,
und mir setzte Rio zum Ziel?

AGENT: Ich bin nur ein einfacher deutscher Mann
und Verehrer Ihres Genies.
Bitte sagen Sie mir: Wann endlich, wann
kehrn Sie zurück aus Ferne und Bann –
wann dürfen wir hoffen dies?

LORNSEN: In Deutschland brauchen sie mich nicht,
da sind sie am Erbsenzählen.
Da hat meine Feder kein Gewicht.
Warum verziehen Sie das Gesicht?
Sollte mein Geruch Sie quälen?

Verzeihung, wenn ich Sie anstarr –
ich hab ein kontagiöses Leiden.
Eine wuchernde Flechte, aggressiv und bizarr,
schlägt auf die Membranen und führt zum Katarrh,
Sie wollen es mir nicht ankreiden.

AGENT: Woran Sie leiden, das ist die Glut,
die brodelt in Ihrer Seele.
Vergossnes und unvergossnes Blut,
gestillte und ungestillte Wut –
Sie leiden an diesem Fehle.

Unterwerfen Sie sich Gottes Wort,
schwören Sie ab Ihrem Stolze.
Dort in der Kirche ist der Ort,
der Erlösung heiliger Hort,
doch Sie sind aus zu hartem Holze.

LORNSEN: Sie haben mich wunderbar durchschaut
mit schlichten und einfachen Sinnen.
Ich habe nur auf mich selber gebaut
und lange schon nicht mehr auf Gott vertraut –
von vorne will ich beginnen!

Geht in die Kirche.

AGENT: Er fange nur von vorne an,
nur um so schneller stürzt
in den Abgrund er, dem keiner kann
entrinnen, der einmal Mann gegen Mann
mit Gewalt sein Dasein gewürzt.

Und war er auch nur naher Freund jenes Sand,
der Kotzebue erstochen,
so ist doch besudelt von der Schand
auch seine weisse Juristenhand,
auch er hat Blut gerochen!

Den Sand, den haben wir geköpft –
das war ein schwerer Fehler.
Aus seinem Mörderblute schöpft
der Liberalismus aufgekröpft
die Kraft seiner Krakeeler.

Das ist die kreischende Freiheitspartei –
der Mensch ist zur Freiheit verdorben.
Auch über uns machen sie ein grosses Geschrei,
doch sind sie an der Macht, wird die Geheimpolizei
ganz schnell wieder angeworben.

Herumstehn und warten, ist der Beruf
von einem wie mir, einem Spitzel.
Natürlich geschieht es zu gutem Behuf,
und steht man auch nicht grad im besten Ruf,
man hat doch den Nervenkitzel.

Mein Vetter, der war bei der Polizei,
und kurz bevor er gestorben,
da hat er gesagt mir so allerlei:
Verbitter doch nicht in der Sägerei –
und hat mich angeworben.

Von Haus aus bin ich nämlich nur
einer, der Baumstämme schneidet.
Jetzt aber, als Metternichs Kreatur,
drehe ich mit an der grossen Uhr,
die den Gang der Geschichte entscheidet.

Da kommt er zurück, mein Kandidat –
es ist ihm, scheints, gut bekommen.
Jetzt soll akkurat
doch aufgehn die Saat
zu der Ordnung Nutzen und Frommen.

Sie sind ja lebendig wie ein Fisch –
sagen Sie, was Sie getrieben!

LORNSEN: Ich bin gegangen zu des Herrn Tisch,
das hat mich umgeschaffen frisch –
mir ist nach leben – und lieben!

AGENT: Ich freue mich herzlich mit Ihnen aus
Gründen, politisch geeicht.
Doch denke ich grade daran mit Graus:
Ist dies nicht ein lutherisch Gotteshaus,
wo auch der Kelch wird gereicht?

LORNSEN: Aber ja, das ist selbstverständlich doch,
was wollen Sie damit sagen?

AGENT: Was war es, was vorhin ich roch?
Und sprachen Sie nicht selber noch
von gewissen ansteckenden Plagen?

LORNSEN: Sie meinen… Um Himmels Willen! Ich Tor!
Wir tranken aus einem Kelche!
Da kommen sie aus der Kirche hervor –
die Gesichter verzogen – ein hämischer Chor –
dem Tode geweiht – o welche

Strafe denkst, Himmel, du noch für mich aus?
Machst mich zur wandelnden Seuche!
Ich bitte Sie – gehen Sie nicht nach Haus –
hörn Sie mir zu – zwar rede ich kraus –
seh aus wie ne Vogelscheuche…

Ich hab Sie unwillentlich angesteckt –
ich bitte Sie – hörn Sie mir zu!
Ich habe Sie mit meinem Übel befleckt –
in wenigen Wochen sind Sie verreckt –
ich bitt Sie – ich find keine Ruh,

bevor Sie nicht aufsuchen Doktor Péchier,
dass er Sie schleunigst behandle,
bevor es wuchert, das tückische Weh
und Sie treibt in der Leiden See,
durch die ich seit Jahren wandle!

Die Kirchenbesucher gehen wortlos ab.

Wie oft, wie oft schon hab ich geglaubt,
das Übel wär ausgerottet.
Habe geschwitzt, gehungert, gedarbt,
bin von tausend Qualen genarbt,
hab mich doch nur selbst vergottet.

Ich selber, ich bin das Übel, ich –
es lässt sich nur besiegen,
indem ich selber ausrotte mich,
wegwerf mein Leben kümmerlich
und aufhör, mich selbst zu betrügen!

AGENT: Warum so geknickt? O jemine!
Wünschen der Herr Begleitung?

Lornsen geht ab.

Du wundervoller, berühmter See,
jetzt wäre es Zeit für einen Kaffee,
einen Flirt – und die neueste Zeitung!

Pressy; Hütte mit Fenster; Schnee; Marguérite mit Tablett vor dem Fenster, später Lornsen

MARGUÉRITE: Ich bringe dem Mieter eine baguette
und Milch – er muss trinken und essen.
Ich stelle ihm meistens das Tablett
hier ins Fenster; doch er liegt wohl im Bett,
hat es anzulehnen vergessen.

Nein, da sitzt er – gehüllt in die Trikolore,
die ich ihm heut hab gegeben.
Jetzt nimmt er sich eine Lektüre vor,
wirft sie weg, schaut flehend zum Himmel empor –
ringt die Hände, will sich erheben,

sinkt kraftlos zurück, sinkt in sich zusammen,
was hast du denn nur, du Mann?
Die Arme sind bedeckt mit Schrammen –
nimmt ein Messer, will ins Bein es sich rammen,
tut es – und tritt jetzt heran.

Polternd ist ein Stuhl umgefallen; Lornsen wird sichtbar, stöhnt, schreit, Marguérite drückt sich an die Wand.

LORNSEN (drinnen am Fenster):
Ach, ach! Göttlicher Trost!
Wirst du mir jemals werden?
Wen ihr einmal verdammt und verstosst,
wem ihr den Hauptgewinn auslost,
der wird überflüssig auf Erden.

O sie ist tot, die einzige tot,
die jemals mich konnte retten.
Bei ihr allein endete all meine Not,
sie wars, die mir freundlich die Schulter bot
und mir löste die Ketten.

Ach, wenn sie nur durch das Zimmer ging,
war ich nicht mehr allein.
Meine Krankheit nannte sie hillig ding –
ihre Bildung war leider nur sehr gering,
doch war sie Sockel von meinem Dasein.

Hier habe ich noch das Kaffeebrett
Hut und Schuhe, um die sie gebeten.
Wie gern sie tanzte auf weissem Parkett
und mit mir ausmass das Riesenbett –
nun ist das nicht mehr vonnöten.

Jetzt aber bin ich für immer verdammt,
für jede Gnad unerreichbar.
Ich taumle dahin, vom Wahnsinn durchflammt,
die Kleider zerrissen, die Schuhe verschlammt,
dem Ewigen Juden vergleichbar.

O Gott, wann endlich rufst du mich?
Was soll ich mehr noch tragen?
Warum nur krallt das Leben sich
an diesen Leib so inniglich –
ich muss etwas Stärkeres wagen!

Er verschwindet im Innern der Hütte.

MARGUÉRITE: Es muss sein, bevor noch Schlimmres geschieht,
ich muss an die Hüttentür pochen!

LORNSEN: Bleiben Sie draussen, Marguérite,
ich habe auch gar keinen Appetit!

MARGUÉRITE: Aber Sie sind nur noch Haut und Knochen!


Sie müssen doch etwas essen, parbleu,
Sie fallen sonst völlig vom Fleisch!
Es ist zwar nur Brot, en faute de mieux,
ich bitte Sie, bleiben Sie, Monsieur –
nichts Böses ich doch erheisch!

Lornsen kommt heraus, mit Rucksack, die zerschlissene und besudelte Trikolore hinter sich herschleifend.

LORNSEN: Ich bitt Sie: Kommen Sie mir nicht zu nah!
Es könnte Ihr Ende bedeuten.
Es geht von mir aus ein gift’ges Miasma,
eine Art stiller Cholera,
die Verhängnis war vielen Leuten.

MARGUÉRITE: Als Kranker aber gehörn Sie ins Bett
und nicht in die eisige Nacht.
Seien Sie deshalb so nett,
nehmen Sie das Tablett,
und was ich ihnen hab gebracht.

Und wenn Sie’s nicht Ihretwegen tun,
dann tun Sie’s bitte für mich.
Sie werden genesen, wenn Sie nur ruhn,
bitte kehren Sie um, gehorchen Sie nun,
und seien Sie nicht widersetzlich.

LORNSEN: Zu spät kommt so anmutiger Befehl,
zu spät, um mich noch zu erreichen.
Es ist sinnlos, dass ich weiter mich quäl
und anderen Menschen das Leben stehl –
versuchen Sie nicht, mich zu erweichen.

Ich gehe jetzt feiern ein schönes Land,
das keiner je hat gesehen.
Es schläft wie Atlantis unbekannt
im Reich des Möglichen als ein Elefant,
den umwirft das leiseste Wehen.

Mein Bettzeug aber, ich sag‘s Ihnen frank,
müssen Sie verbrennen, leider.
Denn wer es benutzt, wird unfehlbar krank,
Sie werden bemerken den Flechten-Gestank –
dasselbe gilt für meine Kleider. (ab)

MARGUÉRITE: So bewegen sich Marionetten…
Vater – bist du zu Haus?
Er muss ihn retten –
vom Wahnsinn entketten –
er schwefelt heut Fässer aus!

Pressy; ein Fass, Marguérite und Penard

MARGUÉRITE: Ich bitte dich, Vater, lass das Fass,
geh ihm nach, dem Ärmsten auf Erden.
Was er leidet, geht über alles Mass,
seine Kleider waren von Blut ganz nass –
es kann bald nicht mehr schlimmer werden.

Mit dem Messer hat er die Schenkel geritzt,
vielleicht gab der Arzt ihm den Rat?
Die Arme hat er sich aufgeschlitzt,
sein Geist ist wild und sehr erhitzt,
er braucht deine helfende Tat!

PENARD: Glaubst du, dass man ihm noch helfen kann
bei so heftigen Leiden, so schrillen?
Wenn einmal nicht mehr will ein Mann,
rettet ihn nichts mehr, es ist besser dann,
man lässt ihm seinen Willen.

MARGUÉRITE: Vergiss nicht Vater, ich bin dein Kind,
o bitte, hinaus es nicht schiebe!
Die Dummen immun gegen Leiden sind,
ihn aber beugt auch ein schwacher Wind.
Tus Marguérite zuliebe!

Ich bitte dich, rette den kranken Mann,
ich will ihn lieben und pflegen.
Er taumelt entlang seine Lebensbahn –
noch nie konnt ich einen so völlig bejahn –
ich will ihn zum Leben bewegen.

PENARD: Ich gehe ihn suchen. Ging er zum See?
Welchen Weg hat er genommen?

MARGUÉRITE: Das ist seine Spur im letzten Schnee,
Er begab sich fort in Richtung Labaye,
murmelnd, verwirrt und beklommen.

Und was du dort siehst, das ist die Spur,
der Fahne, die er hinter sich schleifte.
Seine Gedanken kreisen in krauser Mixtur
um diesen einen Mittelpunkt nur –
um einen Staat, der nie reifte.

Die Fahn hat verloren jeglichen Glanz,
ist mit Blut und Asche befleckt.
Er hatte sie um sich geschlungen ganz
und in ihr vollführt einen grausigen Tanz
und das Messer hindurchgesteckt.

Ein Pistol lag auf seines Zimmers Kamin –
vergebens suchts jetzt mein Blick.
Eile dich Vater und rette ihn,
bevor die Schmerzen hinab ihn ziehn,
von dort kehrt keiner zurück! (Penard ab)

Wie kannst du schaffen, du furchtbarer Gott,
klugen, kraftvollen, schönen Mann –
und dann ihn preisgeben Hohn und Spott,
ihn treiben in den innern Bankrott –
was hat er dir angetan?

So sanft war er, so bescheiden, so still,
zufrieden mit Milch und Brot.
Wenn abgemessen ist alle Unbill,
gib mir seinen Anteil, Himmel, ich will
gern hinnehmen all seine Not.

Noch einmal muss er wie ein kleines Kind
Vertrauen trinken aus Brüsten,
die ihm zärtlich zugewandt sind,
mit Liebe ihn tränken, nicht mit Hasses Absinth,
für ein Ja zum Leben ihn rüsten.

Bei Labaye; Steine, Lornsen mit Rucksack und Trikolore, dann Lorensen als dänischer König, Nacht.

LORNSEN: Ehre, Freiheit Vaterland…
Wie schal ist mir all das geworden!
Ausgehöhlt sind sie, sagt mir der Verstand,
von Sturm und Wasser zerrieben zu Sand
wie das Rote Kliff hoch im Norden.

Lorensen kommt mit einer Krone auf dem Kopf.

Mit ner Kugel aus Gold zog ich einmal los,
die Völker der Welt zu befreien.
Vertauschte sie gegen nen irdenen Kloss,
jetzt hab ich grad noch die eigene Hos
und muss bei Freunden leihen.

Wer bist, was willst du? Schaust mich an?
Du bist es – Dänemarks König!
Ich habe dir nie etwas Böses getan,
ich bitt dich, verschwinde, grinsender Wahn,
sei rücksichtsvoll ein wenig!

Jetzt holt er ein blitzendes Messer hervor
und richtet es auf meine Brust!
Ich hab das schleswigholstein’sche Ressort
bearbeitet lange in deinem Kontor –
und du hast von allem gewusst:

Dass ich mitgegründet die Burschenschaft
und war ein deutscher Patriot.
Dafür hab ich dann in Festungshaft
eingebüsst meine letzte Kraft –
die Cholera hat mich bedroht.

Nicht ich das Messer gezogen hab,
du zücktest es auf mich!
Warum wirft er jetzt den Mantel ab,
die Kron fällt zu Boden mit lautem Geklapp –
o, jetzt erkenne ich dich!

Vater, was soll der Mummenschanz?
willst in Wahnsinn mich treiben?
Als ich griff nach dem Lorbeerkranz,
gebeten hab die Dänen zum Tanz,
wollt ich nicht gegen dich schreiben.

LORENSEN: Was hab ich nicht alles schon getan,
um dich zur Vernunft zu bringen!
Das alles fing mit Haiti an,
sie sollten von dir ne Verfassung han,
dann wolltest du dich verdingen,

die Griechen vom türkischen Joch zu befrein –
zum Glück hast du‘s mir enthüllt.
Der Höhepunkt war es vom Trotze dein,
als du gegen mein ausdrückliches Nein
dich liessest machen zum Landvogt von Sylt.

Ungern und gar nicht hast du gehört,
dabei war ich ein guter Berater.
Von eitlen Lehrern geistig betört,
hast du dir selber dein Leben zerstört –
und auch das von Schwester und Vater.

Ich war in Paris, als ungeheuer
der Volkszorn zerbrach die Bastille.
Damit alles neu und neuer
wird, spieltest du mit dem Feuer
und tanztest mit dem Teufel Quadrille.

LORNSEN: Ich tat es doch nur fürs Vaterland,
für Freiheit und Ehr, nicht Gewinn.
Denn das deutsche Volk ist zwar ein Gigant,
zerstückelt jedoch zugleich und entmannt –
zur Nation soll es finden hin.

LORENSEN: Eine Krankheit des Hirns ist deine Nation.
Bin nicht Deutscher, nicht Däne, bin Friese.
Wir haben gelebt als braver Kanton
in Frieden unter der dänischen Kron
– verzeih mir – ich brauche eine Prise!

LORNSEN: Ich bitte dich Vater, schau mich an,
gib mir deinen väterlichen Segen.
Vergib mir, was ich dir angetan,
vergib mir der Schwester Leiden und Wahn,
noch bleibt mir Zeit, mich zu regen.

LORENSEN: Den Segen, Sohn, verweiger ich dir,
du stehst mit dem Ungeist im Bunde.
Niemals vergess ich, was du mir
und, schlimmer noch, angetan hast ihr,
von mir aus gehe zugrunde! (ab)

LORNSEN: Wenn es mir denn am Segen gebricht,
werd ich auch ohne auskommen.
Ich strahle einfach im eigenen Licht,
bin selber mir Sonne, benötige nicht
den dummen Segen der Frommen.

Ich werde ich sein und schaffen das Reich,
und sei es mit Metzgerhänden.
will waten durch blutigen Tränenteich,
prüfen mein Eisen an allem, was weich,
und gewaltsam mein Schicksal wenden.

Mein Wille geb dieser Welt das Gesetz,
sie sei das Wild, ich die Meute.
Und wie die Enten zappeln im Netz,
wenn ich in die Kojenpfeife sie hetz,
fallen sie mir alle zur Beute.

Und wenn das Reich dann zugrunde geht
in uferlosen Schlachten,
soll draus erwachsen, was keiner versteht,
wie ein blutigrot schweifender Komet
ein Mörderstaat, der verachten

und mit Füssen jedes Gesetz treten soll
als Beispiel des absolut Bösen.
Und hat er dann voll
sein Mass, soll der Groll
der Welt ihn vernichtend erlösen!

Erkel, nicht mehr schwanger, kommt aus dem Nebel.

Besudelt mit Blut, verloren die Ehre,
steht er wie ich vor dem nichts.
Wie oft hab am Meere
ich die innere Leere
gespürt als Brand des Gesichts.

ERKEL: Ich bitte dich, kehr endlich heim,
es ist so kalt hier ohne dich.
Ich bringe dir dar des Lebens Keim –
er sei des zerbrochenen Daseins Leim –
nimm in die Arme mich!

Es soll doch unserer Liebe Spross
nicht vaterlos beginnen!
Ich fliege wie ein Albatros
und suche meinen Herzgenoss
mal buten und mal binnen.

LORNSEN: Woher kam diese süsse Stimm –
das war doch Erkel, sagt!
Bin ich denn nicht noch immer im
Kanton von Genf, und in mir schlimm
das Übel wuchert, nagt?

Dort in der Ferne überm See –
im schwarzen Friesenschnitt –
ich komme, Erkel, bring, juchhe!
dir auch das Brett für den Kaffee,
nen Hut und Schuhe mit!

Er holt die Dinge aus dem Rucksack, zeigt sie ihr.

ERKEL: Ich nehme dich auch ohne all das,
bist du nur selbst dabei.
Wie siehst du aus so totenblass,
gibt niemand dir denn mal ein Glas
Rotwein geschlagen mit Ei?

O komm, du Lieber, in mein Haus,
hier kann uns nichts mehr trennen.
Hoch über allem Sturmgebraus
ruhn miteinander wir uns aus
von allem Brennen, Rennen.

Dort liegen wir wie im Riesenbett
wohl in den Sylter Dünen –
die Mutter lädt uns zum Bankett, (Musik)
wir tanzen und walzen auf weissem Parkett,
ein Volk unbeherrschbarer Hünen.

LORNSEN: Wie teuer ihr mir immer seid,
ihr Farben Schwarz-Rot-Gold.
Ist überwunden erst das Leid
und alle Ungerechtigkeit,
dann leuchtet sanft und hold!

Im Schwarz des Vaterlandes Erd,
gedüngt mit tausenden Toten,
auf dass nun endlich Frieden werd,
man lebe besonnen, zum Bessern bekehrt
und ehre der Fremde Boten.

Im Rot das Menschenblut dampf auf,
das sinnlos wir vergossen
in unsres Wahnsinns Amoklauf,
in Hass und schwitzendem Geschnauf
von Freunden und Genossen.

Im Gold des Weizens Farbe strahlt,
die Ehre, zurückerrungen,
es hat sich endlich ausgeprahlt,
genug hast Busse du gezahlt,
sei, liebes Volk, umschlungen,

und lebe friedlich in der Mitt,
hör nachbarlich-freundliche Grüsse.
Wo einer aber Unrecht litt,
für Bestrafung der Täter eintritt,
dem Opfer hilf auf die Füsse!

Ich komme, Erkel, komm zu dir,
will nie dich wieder lassen!
Ich komme hinaus bis auf die Pier –
den Fahrschein hab ich hier bei mir –

Er nimmt das Pistol aus dem Rucksack.

lass deine Hand mich fassen! (Beide ab)

Der Agent von links, Penard von rechts.

PENARD: Haben Sie wohl einen Mann gesehn
mit schwarzrotgoldenem Tuche?
Er ist verwirrt, es kann geschehn,
dass er beschliesst, ins Wasser zu gehn –
seit einer Stund ich ihn suche.

AGENT: Ich glaube, er ging hier entlang,
vom See fort Richtung Vandoeuvres.
Auch ich bin um ihn nicht wenig bang,
ich kenne ihn nämlich schon recht lang,
bin Bewunderer seines Oeuvres.

Hier hätte ich noch ein paar Briefe für ihn,
wenn er ihm die mitnehmen würde!
Ich brauchte nicht weiter ihm nachzuziehn,
er scheint mich, ich weiss nicht, warum, zu fliehn,
Er entledigte mich einer Bürde.

Penard mit Briefen ab.

Nun mach schon, Lornsen, mach endlich Schluss
mit deinem verpfuschten Leben!
Dein Drängen ins Grosse, dein Idealismus
haben bereitet nur Verdruss,
und wahnhaft war all dein Streben.

Schleswig und Holstein werden dänisch bleiben,
dir aber wär besser geraten,
dich flugs zu beweiben,
statt dich zu entleiben
und ins eisige Wasser zu waten.

Deutschland wird bleiben ein matter Kloss,
machtlos, für jeden zu haben.
Dein mutiger Schuss ging nach hinten los,
machte dich heimat- und arbeitslos,
angewiesen auf milde Gaben.

Ein Schuss in der Ferne.

Nun ist es vollbracht, und gefallen ist
der Führer ohne Kolonnen.
Ich war dir ein anständiger Polizist –
du wirst mir fehlen, Idealist –
ich hab dich fast liebgewonnen!

ERZÄHLER: Sprach er und reiste umgehend nach Wien,
Kanzler Metternich Bericht zu erstatten.

Er schlüpft in Metternichs Jacke.

Ihr habt, mein Lieber, unauffällig und kühn
gearbeitet und beseitigt ihn,
die gefährlichste der nagenden Ratten.

Er gehörte zu der Freiheit rasendem Tross
und war mit Gewalt infiziert,
war des Karl August Sand Intimus und Genoss,
des Verrückten, der Kotzebue erschoss,
gefährlich und hochmotiviert.

Dafür verleiht Euch der deutsche Bund
seinen allerhöchsten Orden.
Denn einen guten Hund,
der nie fragt nach dem Grund,
den belohnt man für braves Morden.

Er legt Metternichs Jacke ab.

ERZÄHLER: Es war aber grade vor Fastenzeit,
und herüber von Aubonne
kam ein Trupp Masken in buntem Geschmeid,
jede gehüllt in ein Lumpenkleid,
in schmetternder, trunkener Wonne.

Und unter der nassen Trikolore
des Lands, wo regieren die Narren,
grölten sie in heiserem Chor,
zogen daher mit Lärm und Furor
auf einem Eselskarren.

Masken kommen mit Karren, gefolgt von Marguérite.

MASKEN: Herunter die Köpfe
und an die Laterne,
herunter die Zöpfe,
die Uniformknöpfe,
und in die Taverne!

MARGUÉRITE: Gebt her die Fahne – sie gehört ihm!
Ihr dürft sie ihm nicht entführen!
Ich entreisse sie dem närr’schen Regime,
denn was sie dort treiben, ist nicht legitim –
wie konnte er sie verlieren?

MASKEN: Schwarz, Rot und Gold
sei unser Panier!
Jeder Trunkenbold
entrichte den Sold
auf seine Manier! (alle ab)

Sylt, Dämmerung, Rand einer Vogelkoje; Lorensen, dann Wülfke mit Brief.

WÜLFKE: Wenn ich dran denke – was für ein Mann –
Lord Byron war nichts dagegen!
Kein anderer flammender reden kann –
wie er mit leuchtenden Augen sann –
dann fielen die Worte – wie Regen!

Ich war immer ein Freund von Uwe Jens,
bin lange sein Arzt gewesen.
Wie ein Komet stieg er auf; sein Ruhm war immens,
dann stürzte er ab in steiler Kadenz,
hier ist nun davon zu lesen.

Wie bring ich es bei dem alten Mann,
der unermüdlich dort schafft?
Wie kein anderer er für Nützlichkeit bürgt,
zu Hunderten er die Krickenten würgt,
wie er früher hat Wale gerafft.

Herr Lorensen, hörn Sie! So hören Sie schon!
Ich habe hier Post aus Kiel!
Sie enthält eine wichtige Information
und betrifft den Uw, ihren lieben Sohn –
er ist lange zurück aus Brésil!

LORENSEN: Mag ja sein, Wülfke, ich hab ihn geliebt,
doch hat er mich wohl gehasst.
Sein Eigensinn hat mich tief betrübt,
und wenn‘s etwas, was ich ihm wünsche, gibt,
dann, dass er der Welt sich anpasst.

Warum wird er nicht endlich, was er ist,
ergreift eine Profession?
Schliesslich ist er ein studierter Jurist,
kann Anwalt werden, Richter, Journalist,
statt undefinierter Person.

WÜLFKE: Ich fürchte, lieber Herr Kapitän,
aus ihm wird nun gar nichts mehr.
Verzeihen Sie, wenn ich es erwähn,
nein, nein, das war nur eine Trän,
es bewegt mich das alles sehr.

LORENSEN: Zieh ich seines Lebens Bilanz,
so find ich: Er war ein Tor!
Als guter Kenner der Finanz,
warum ging er nicht zur Assekuranz?
Er stellte doch heute was vor!

WÜLFKE: Erlauben Sie mir, dass ich zitier
aus dem Brief eines Docteur Péchier?
Er war der letzte, scheint es mir,
den er bat um ein rettendes Elixier,
bevor er den Tod suchte im Genfer See.

LORENSEN: Lesen Sie, wenn es nicht anders geht,
Wie hat er den Tod sich gegeben?

WÜLFKE: Wenn es stimmt, was hier steht –
ich bin kein guter Interpret
des Französ’schen, nahm er sich das Leben,

indem er zur Ader sich liess, vor Einsamkeit krank,
dann eine Kugel schoss in das Herz,
sterbend er dann ins Wasser sank,
wo er zur Sicherheit auch noch ertrank,
so endete er seinen Schmerz.

LORENSEN: So war er in seiner letzten Gebärde
ein Meister und einmal gründlich.
Ich wünsch, dass die welsche Erde
leicht ihm werde –
doch war sein Handeln sündlich.

Selbstherrlich warf er ab des Lebens Joch –
was er litt, möcht ich keinem gönnen.
Schade ist es doch –
es hätte immer noch
was Ordentliches aus ihm werden können.

Bei Vandoeuvres; der Erzähler im Talar eines lutherischen Geistlichen sowie Penard, Péchier und vier Kirchgänger

Sie tragen einen Sarg. Über dem Sarg liegt die zerschlissene, beschmutzte schwarzrotgoldene Trikolore. Dem Sarg folgt eine fassungslose Marguérite.

MARGUÉRITE: Ich hab nicht verstanden, was er gedacht,
was in den Tod ihn getrieben.
Doch bin ich sicher: Es war eine Macht,
die verbündet dem Bösen, der Nacht,
sie hat ihm die Rolle geschrieben.

Ihr Deutschen immer schon übertriebt,
es fehlen euch Mass und Mitte.
Was man mir jetzt auch für Namen gibt:
Das eine ist wahr, ich hab ihn geliebt
und pfeife auf Anstand und Sitte.

Auf der Vorbühne irgendwo: die weiterhin nicht farbentragenden Burschen, dem kleinen Trauerzug zugewandt, singen das Lied von Binzer. Alle ab.